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Perlentaucher - Online Kulturmagazin mit Presseschau, Rezensionen, Feuilleton

zuletzt aktualisiert 17.02.2026, 21.37 Uhr
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Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
02.06.2003. ImMerkuruntersuchtR.W.B. McCormackwielülülüdieÖsterreicherheute noch sind. InFolioerklärt der BiochemikerLuca Turin, wieFranzosengerneriechen.Le Pointfragt: War derSurrealismuseinTotalitarismus?Outlook Indiaenthüllt: DerMittelstandgehtvietnamesischessen. DerNouvel Obsstellt ein "Dictionnaire des cultures Gays et Lesbiennes" vor. DieNYT Book Review feiert die Erinnerungen vonGene Kellys Ehefrau Betsy Blair.

Merkur (Deutschland), 01.06.2003

Ein hübsches Highlight findet sich in den Marginalien.R.W.B. McCormack, bekannt durch seine strengethnolinguistischenStudien "Tief in Bayern" und"Mitten in Berlin", hat diesmal einen genaueren Blick auf dieÖsterreichergeworfen und folgendes bemerkt: "Wandlungen im kollektiven Bewusstsein der Österreicher sind keinesfallsgeopsychologischbedingt, denn die Berge stehen ja wie eh und je. Man muss wohl nach historischen Ursachen fahnden, um aktuell zu beobachtende Gemütsveränderungen zu begreifen. Noch imAbendrot der Habsburgermonarchie konnte ein General zu seinen Rekruten sagen: 'Wenn Sie einmal austreten müssen, dann bitt' ich mir aus: Scharfer Strahl undnicht so lülülüwie die Zivilisten.' Bevor die letzten Tage der Menschheit anbrachen, sah man k.u.k. Grenadiere rennen, bis dieTapferkeitsmedaillen schepperten. Zumindest das Lebenstempo hat sich seither verlangsamt.'Nur net hudeln', heißt die Devise, und nicht nur, weil man vom Hudeln Kinder kriegt."

Ansonsten pflegt der Merkur in diesem Monat seinen ästhetischen Konservatismus. Online zu lesen ist ein Beitrag von Thomas Steinfeld, der sich auf einen Schmerzensgang durch diemoderne Architekturbegibt, um Erlösung vomNeoklassizismus zu erhoffen: Man müsste, um die Städte von ihren vielzähligen Wunden zu heilen, zu einer "Architektur des menschlichen Maßes" zurückkehren, findet Steinfeld, "man müsste, kurz gesagt, fasteinhundert Jahre Architekturgeschichte ungeschehen machen und zu einem schon modernen, aber noch handwerklichen Bauwesen zurückfinden wollen, wie es vor dem Triumph des Funktionalismus bestand, bei Peter Behrens etwa oder bei Greene und Greene." Heute, meint Steinfeld, baut soHans Kollhoff.

In seiner Ökonomiekolumneerklärt Rainer Hank am Beispiel vonKanadaundBurundi, dass nicht der exportierte Kapitalismus derImperialistenschuld an der Unterwicklung der armen Länder sei. "Im Gegenteil: Nicht zuviel, sondernzu wenig Kapitalismus ist - auch historisch - schuld an der heutigen Armut vieler Länder. Hätten die Kolonisatoren ihnen die Marktwirtschaft eingepflanzt, anstatt sie nurauszubeuten, wären die armen Länder heute womöglich reiche Länder."

Weitere Artikel: Gustav Seibt folgt den Spuren des Dichter und EssayistenRudolf Borchardt(mehrhier), dessen Welt in den Jahren des Dritten Reichs zusammenbrechen musste. Claudia Schmölder befasst sich mit einer seltsamenRessource, die durch Verbrauch nicht abnimmt, sondern wächst, die sich nur langsam aufbaut, aber schnell und nachhaltig zerstört werden kann - demVertrauen. Gadi Taub erkennt inRaymond Carversminimalistischem Existenzialismus die Suche nach demMitgefühl(mehrhier).
Archiv:Merkur

Folio (Schweiz), 02.06.2003

DasFolio-Heft widmet sichDüften. Stefanie Friedhoff hat sich zuPamela Daltongewagt, der "Herrin der Düfte", die für dasamerikanische Militär an der Zusammenstellung einereffizienten Geruchswaffe, sprich"Stinkbombe" arbeitet. Dalton erklärt, worauf es dabei ankommt: "Eine Stinkbombe muss einen Geruchscocktail verbreiten, der für jeden Adressaten mindestens einenunbekannten Gestankenthält. Und jede Komponente allein sollte möglichst viele verschiedene Menschenängstigen. Letzteres erweist sich allerdings als kompliziert. Das Riechen scheint auch deshalb das Stiefkind der Forschung zu sein, weil es sich als komplexer entpuppt hat als Sehen und Hören, Fühlen undSchmecken.

Präsentiert wird einAuszug aus Chandler BurrsBuch "The Emperor of Scents", eine Porträt desBiophysikersLuca Turin, der eine neueTheorie des menschlichen Geruchssinns aufgestellt hat, mit der er die "Biologie und einige Multimilliardendollarkonzerne revolutionieren" und Mrs. Daltons Arbeit erleichtern könnte - vorausgesetzt, er hat Recht. Turin geht es nämlich um nichts weniger als den Beweis für eine These, die 1938 erstmals der EngländerMalcolm Dysonvortrug: "Die Nase ist einSpektroskop." Turin, der künftig monatlich eineParfumkritikfür NZZ-Folio schreiben soll, erklärt unter anderem, warum er sich für Düfte interessiert: "Überall in Frankreich stößt man auf diese Vorstellung, dass die Dingeein bisschen schmutzig, überreif, ja beinahe ein wenig fäkalisch sein müssen. Franzosen lieben verdorbenen Käse und schmutzige Laken undungewaschene Frauen. Guy Robert, ein Parfumeur der dritten Generation, der für Hermes den Duft'Caleche' schuf, fragte mich einmal: 'Est-ce que vous avez senti some molecule or other?' Ich antwortete, nein, ich hätte noch nie an dem Parfum gerochen, wonach es denn rieche? Er wiegte gewichtig das Haupt und erwiderte: 'Ca sent la femme qui se neglige' -­ es duftet nach einer Frau, die sich vernachlässigt."

Weitere Artikel: Was es bedeutet, nichts mehr zu riechen, hat Martin Lindner von der anAnosmieerkrankten Natascha Thümmlererfahren. Reto U. Schneider hat sich einemSelbstversuch mit Sexuallockstoffenunterzogen - mit leider nur allzu mäßigem Erfolg. Viviane Manzerläutert das Prinzip desStar-Parfums. Hans Peter Treichlersieht in derNaseviel mehr als nur das bloßeRiechorgan. Außerdem bekommen wir eine kleineKollektion der Alltagsdüftegereicht, und schließlichschreibt Eleonore Frey vom glücklosen Aufeinandertreffen vonDuft und Sprache
Archiv:Folio

Point (Frankreich), 28.05.2003

War derSurrealismustotalitär?Jean Clair, Direktor desPicasso-Museumsin Paris und berühmt-berüchtigt für seine Pamphlete gegen den abstrakten Expressionismus oder die deutsche Kunst, schlägt mal wieder zu. " Du surrealisme considere dans ses rapports au totalitarisme et aux tables tournantes" (Editions mille et une nuits) lautet der etwas blumige Titel seines neuen Buchs. InLe pointunterhält er sich mit Elisabeth Levy. Er liebe weiterhin deChiricoundMax Ernst, beteuert Clair. "Aber ich reagiere heute extrem empfindlich auf denlibertären Hintergrund, der sich zugleich von toalitären Dogmen in Versuchung führen lässt und der für den intellektuellenNiedergang Frankreichsmit verantwortlich ist." Selbst für dieNazishabe sich die surrealistische Bewegung kurzzeitig begeistert, behauptet Clair.
Archiv:Point

Spiegel (Deutschland), 02.06.2003

"Dann dachten sich die Deutschen einengrausamen Trickaus. Sie schrien: 'Hier sind die Sanitäter. Wer noch am Leben ist, komme hervor ...' Nach einiger Zeit krochen etwa 20 Menschen unter größter Anstrengung hervor, blutig, verletzt und verängstigt ... Mit einerMG-Salvewurden die restlichen Überlebenden getötet." Soweit ein Augenzeuge, den Georg Bönisch und Frank Hartmann in ihremReport über eines der abscheulichstenKriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg zu Wort kommen lassen. Etwa 5.000 italienische Soldaten sind dabei 1943 auf der griechischen InselKephalleniavon deutschenGebirgsjägernregelrecht abgeschlachtet worden. In den sechziger Jahren wurde zwar schon einmal ermittelt, dass Verfahren dann aber eingestellt. Warum, erklärtSimon Wiesenthal: "Weder die SS noch die Gestapo waren am Kephallenia-Massaker beteiligt - 'dieses Verbrechen', so Wiesenthal, 'hattedie Wehrmacht begangen, und in der Bundesrepublik waren einflussreiche Kräfte bestrebt, die Wehrmacht aus allen Kriegsverbrecherprozessen herauszuhalten.'" Jetzt wird wieder ermittelt.

In einemInterview diagnostiziert der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton in den USA einSupermacht-Syndromund vergleichtPräsident Bush mit Bin Laden- beide hätten einen Hang zu "apokalyptischer Gewalt": "Apokalyptische Gewaltbezeichnet die Bereitschaft, enorme Zerstörung anzurichten im Dienst einerspirituellen Säuberung. Eine Welt soll aufhören zu existieren, um Platz zu machen für eine bessere. Ich habe herausgefunden: Man kann nur dann große Mengen von Menschen umbringen, wenn man es im Namenabsoluter Rechtschaffenheittut. Apokalyptische Gewalt ist so gefährlich, weil sich, wer sie anwendet, auf heiliger Mission wähnt."

Außerdem im Netz: Deriranische Außenminister Kamal Charrasigibt imInterview Auskunft über die Haltung seiner Regierung zum Irak, zu Israel, zu Europa und zu den USA. Außerdem erzähltMetro-Chef Hans-Joachim Körber, bekannt geworden durch die "Geiz ist geil"-Werbung, imInterview, mit welchen Tücken die Eroberung neuer Märkte verbunden ist: "InAsienhaben wir zum Beispiel gelernt, dass 'frisch' oftmals 'lebend' bedeutet." Außerdemerfährt man von einem Computerprogramm, mit dem diezerrissenen Stasi-Dokumentewiederzusammengesetztwerden sollen - es "vermisst die Umrisse eingescannter Papierfetzen und sucht in Sekunden das angrenzende Teil." Wird man also künftig auch noch mal genauer überlegen müssen, was man der heimischen Altpapiertonne überantwortet?

Der Titel beschäftigt sich diesmal mit denWettlaufzwischen Europa und den USA um die Erforschung desPlaneten Mars.
Archiv:Spiegel

Times Literary Supplement (UK), 30.05.2003

Peter Davison and D. J. Taylorhaben eine bemerkswerte Entdeckung gemacht: die bisher unveröffentlichte Korrespondenz zwischenGeorge Orwell (mehr zum Beispielhier) und dem SchriftstellerMalcolm Muggeridge (mehrhier oderhier) aus den Jahren 1945 bis 1950. Aus einem Brief Orwells vom 4. Dezember 1948, in dem er sich auf seinen Roman"1984" bezieht, zitieren sie etwa: "Ich bin gerade mit einem Roman fertig geworden, an dem ich seit vorigem Sommer herumbastele. Ich bin nicht wirklich zufrieden mit ihm, aber ich glaube,die Idee ist gut."

Weitere Artikel: Lorna HutsonstelltAlan Fowlers offenbar wegweisende Studie"Renaissance Realism" vor, in der Fowler untersucht, inwieweit diePerspektive auch bei Lesern der Renaissance-Literatur sozusagen dieStandard-Einstellung war, bevor Literaturkritiker sich darauf festgelegt haben. Terry Apter hat einen ganzen Stapel Bücher überFamilienplanung undKinderziehung gelesen,fragt sich aber immer noch, warum Menschen sich das antun, wo doch zumindestalle vernünftigen Gründe dagegen sprechen. Sousa JambabesprichtJustin Willis' Sozialgeschichte desAlkohols in Afrika,"Potent Brew", die feststellt, dass es sich beimBiertrinkenum eine ausgesprochenprestigeträchtige Angelegenheithandelt, was derAbstinenzler Jamba aus leidvoller Erfahrung nur bestätigen kann. William BoydlobtJames Tobins Buch über dieGebrüder Wright"First to Fly", das ihm die ein für alle Mal die Überheblichkeit gegenüber provinziellen Vogelliebhabern ausgetrieben hat.

Profil (Österreich), 02.06.2003

In seiner neuesten Ausgabe widmet sichprofilder Familiengeschichte österreichischer Politiker - im Speziellen der Sippengeschichte des österreichischen VizekanzlersHerbert Haupt: Sein Urgroßvater soll jener "ausbeuterische Fabrikant" gewesen sein, derGerhart Hauptmannzu seinen "Webern" animiert habe. Der erste Satz desArtikels lautet: "Eigentlich hat Herbert Haupt die Fragen schon damals erwartet, als erSozialministerwurde." Unabhängig davon, dassprofildes Naturalisten Vornamen konsequent mit"d" statt mit "t" schreibt, wollen wir der Meldung doch vertrauen. Herbert Haupt selbst ist um Distanz zu seinem Vorfahren bemüht: "Ich hab ja auch einenAusbeuterin der Familiengeschichte. Aber der ist bei uns immer ein Ausreißer geblieben, und so wird es auch weiterhin sein."
Archiv:Profil

New Yorker (USA), 09.06.2003

In einem wie immer brillant recherchierten Artikeluntersucht Barry Werth, wie die amerikanischekatholische Kirche diePsychiatrieschon seit Jahrzehnten zum Schutz von Priestern benutzte, dieKinder missbrauchten. Werth stützt sich dabei vor allem auf Veröffentlichungen des Psychotherapeuten und ehemaligen Priesters Richard Sipe, der sich ausführlich mit diesem Thema befasst hat. "Wenn ein verirrter Priester sich zu sehr schämte, einem anderen Priester zu beichten, wurde er dazu aufgefordert, dies einemLaienpsychiatergegenüber zu tun, der ihn nicht aus moralischen Gründen verurteilen würde und nicht darüber sprechen durfte (...) Sipe schrieb 1996 in einem Bericht über drei Fälle: 'Psychiatrie und Psychologie wurden dazu benutzt, den anstößigen Kirchenmann zu behandeln, Skandale zu vermeiden und dasRechtssystem zu beschwichtigen, wenn der Betroffene mit dem Gesetz in Konflikt geriet.'"

Weitere Artikel: Hendrik Hertzbergkommentiert die Versuche,Bagdadwieder "zum Laufen" zu bringen. Simon Schamarezensiert eineBiografieüber George Nathaniel,Viscount Curzon, den ehemaligen britischen Vizekönig von Indien, dessen Frau bekanntlich einer Schildkrötensuppe ihren Namen gab (Farrar, Straus & Giroux). Außerdem gibt esKurzbesprechungen, die sich in dieser Woche allesamt mit Publikationen zurAntikebeschäftigen.Haruki Murakami(mehrhier) steuert seineErzählung "The Folklore of Our Times" bei.

John Lahrbespricht zweiTheaterstücke: Athol Fugard's "Master Harold' . . . and the Boys" und "I Am My Own Wife", Doug Wright's Adaption der Lebenserinnerungen vonCharlotte von Mahlsdorf. Alex Rossberichtet über die Aufführung vonLiszt'sletzter, unvollendeter Komposition, dem Oratorium"Sankt Stanislaus" auf dem May Festival in Cincinnati. Anthony Lane schließlichsah den Zeichentrickfilm"Finding Nemo" vonAndrew Stanton. Zu hören sind darin Geoffrey Rush als Pelikan undWillem Dafoe als ein "ozeangestählter Schlägertyp von Fischnamens Gill".

Nur in der Printausgabe: ein Porträt des LyrikersRobert Lowell (mehrhier), ein Bericht von derWeltmeisterschaft der Tierpräparatoren (mehrhier), ein Text über die Probleme, ein zeppelinartiges Luftschiffnamens"blimp" zu fliegen, undLyrikvon Donald Hall, Stanley Moss und Michael Longley.
Archiv:New Yorker

Economist (UK), 30.05.2003

"Waren die irakischen Massenvernichtungswaffen nur einVorwand für den Irak-Krieg?",fragt der Economist leicht irritiert. Angesichts der von Bush und Blair ausgemalten Bedrohungsszenarien, sei es nun doch "überraschend, dass trotz der angestrengten Nachforschungen der amerikanischen Inspektions-Teams keine Massenvernichtungswaffen zu Tage gefördert wurden:keine." Und dies findet der Economist höchst beunruhigend, denn sollte es tatsächliche keine gegeben haben, sei der Kriegunberechtigtgewesen, oder schlimmer noch, sollte es sie gegeben haben, ist es ungewiss, inwessen Händesie geraten sein mögen. "Dievermasselte Jagdnach den irakischen Massenvernichtungswaffen könnte noch schlimmer als nur peinlich werden."

Wie will die amerikanische Regierung mit den anderenSchurkenstaatenumgehen, die gegen die internationalen Nuklear-Waffen-Abkommen verstoßen oder sie heimlich unterlaufen? Zumal die amerikanischenAbrüstungs-Forderungen, angesichts ihrer eigenen Aufrüstungs-Programme, eher unglaubwürdig undwillkürlich erscheinen,grübelt der Economist.

Weitere Artikel: Kein Wunder,meint der Economist, dass man inGroßbritanniennichts mehr vomEuro hört, geschweige denn von einer Volksabstimmung über den Euro-Beitritt. Der Labour-Regierung schaudere es allein bei dem Gedanken, diePresse könnte sich der Debatte annehmen, und sie zurSchlammschlacht machen. Zum selben Thema, wenn auch aus etwas anderer Perspektive,fragt der Economist, inwiefern die international geprägteeuropäische Fußball-Landschaft zum Abbaunationaler Vorurteile beigetragen hat.

Und zweimal Südostasien : Obwohl das eher synkretistische Indonesien von einer Wellemuslimischer Orthodoxie heimgesucht wird,glaubt der Economist nicht an einefundamentalistische Wende. Trotzdem müsse es zu einer öffentlichen Diskussion über Religion und Toleranz kommen.Indonesien,so der Economist weiter, ist das unbekannteste unter den großen Ländern der Erde. Grund genug,Theodore FriendsÜberblick ("Indonesian Destinies") über diesen noch ziemlich jungen Staat zu begrüßen.

Außerdem erfahren wir,wie dieNahost-Regionauf die neue geopolitische Lage imIrak reagiert,warum die vonGeorge Bush geplanteSteuerreform geistlos und kurzsichtig ist, und schließlich,warum dieklassische Musik anstatt des gewohnten "largo doloroso" ein "allegro con brio" anstimmen könnte.

Leider nur in der Printausgabe zu lesen:George Bushsdiplomatische Weltreise und sein Verhältnis zurPro-Israel-Lobby.
Archiv:Economist

Outlook India (Indien), 09.06.2003

Prem Shankar Jhadenkt in einem Kommentar über den neuesten "bösen Jungen" der US-Regierung nach:Iran. "Iran wird derdrei tödlichen Sündenangeklagt, die auch der Irak begangen haben soll: es entwickelt und besitzt eine Reihe vonMassenvernichtungswaffen, es beschütztTerroristen, und es hat jahrelang dieMenschenrechteverletzt." Grund für einen Angriffskrieg? Unser Kommentator empfiehlt, diesmal etwas genauer hinzusehen als beim Irak. Dort seien nämlich bis heute keinerlei Massenvernichtungswaffen gefunden worden. "Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: während der letzten zehn Monate hat das verachtete Regime von Saddam Hussein die Wahrheit gesprochen, und die zwei ältesten, verantwortungsbewusstesten und friedliebendsten Demokratien der Welt haben gelogen."

In Indiens Metropolen schießenneue Restaurantsnur so aus dem Boden und der "Mumbai Good Food Guide" ist 900 Seiten stark - die indische Mittelklasse,berichtet Paromita Shastri in der Titelgeschichte, isst immer häufiger nicht zu Hause: "Die Arbeitszeiten in den Büros werden länger, die Angestellten werden jünger, gute Köche sind schwer zu finden, die Frau des Hauses ist häufig berufstätig (...) Und vor allem übernehmen Kinder und junge Erwachsene im Haushalt mehr Entscheidungen, und eine davon ist es,weniger von Mamas Mahlzeitenzu essen." Elf Prozent des Einkommens wird bereits in Edelrestaurants und Fast-Food-Läden getragen, am beliebtesten istauthentisches ethnisches Essenvon italienisch bis vietnamesisch. Gute Zeiten also für risikowillige Unternehmer - nach der Informationstechnologie kommt das Essen an die Reihe.

Weitere Artikel: Chander Suta Dograberichtet auswohlhabenden ländlichen Gebietendes Staates Punjab, in denen mehr als vierzig Prozent der jungen Leutedrogensüchtigsind, Poornima Joshifragt sich, ob die indische Gesundheitsministerin allen Ernstes die Ausbreitung von AIDS mit Kampagnen bekämpfen will, denen das Wort"Kondom" zu schmutzigist und Manu Joseph istaufgefallen, dass diemännlichen Bollywood-Starsvom Typ "heldenhafter Liebhaber" alleum die vierzigsind - auch nicht mehr die Jüngsten.

Nouvel Observateur (Frankreich), 29.05.2003

Das Titeldossier beschäftigt sich mit derSchwulenbewegungund was sie seit der ersten öffentlichen Demonstration 1969 in New York verändert hat. In einemInterview gibt der PhilosophDidier Eribon Auskunft über seinen"Dictionnaire des cultures Gays et Lesbiennes" (Larousse), in dem er die Geschichte dieser "Revolution" von A bis Z durchbuchstabiert. Darin erklärt er unter anderem, warum derChristopher Street Day eigentlich ein"Mythos" sei. So habe es bereits "seit Ende des 19. Jahrhunderts" in Städten wie Paris, London, Berlin und New York "einen unglaublichenReichtum homosexuellen Lebens gegeben", der erst "durch den Zweiten Weltkrieg vernichtet" worden sei; anschließend folgte der "Konservativismus der 50er und 60er Jahre". "Alles was davor geschehen war, wurde dadurch aus dem kollektiven Gedächtnis und dem historischen Wissen gelöscht. Und als 1968 an den Mauern der Sorbonne Plakate eines 'comite d?action pederastique' klebten, glaubte man, die Schwulen seien damit erstmals in der Geschichte aus dem Schatten getreten."

EineRezension seines Dictionnaires lobt dieses als"Meilenstein im Pfuhl der Vorurteile": "Seine wissenschaftliche Objektivität, die Vielzahl der berücksichtigten Gebiete - von der Music-Hall bis zur Ethnologie - die Einfachheit der Einleitungen (...), die Qualität der Abbildungen machen es zu einem Nachschlagewerk, dem der Erfolg gewiss ist."
In kleinenPorträts werden Märtyrer, Vorkämpfer und Denker der Bewegung vorgestellt (vonMagnus Hirschfeld über Oscar Wilde bis zu Michel Foucault).Berichtet wird über den schwulen Pay-TV-SenderPink TV, der bald auf Sendung gehen soll, ein Artikeluntersucht, wie (unterschiedlich) dieWerbungin den USA und Frankreich den milliardenschweren Markt anspricht und erobern will, und ein kleiner Textwidmet sich schließlich alten und neuen Formen derHomophobie.

In einem kleinen Schwerpunkt wird der100. Geburtstag von George Orwell begangen: mit einemPorträt, Laurent Joffrin,erklärt, weshalb gerade die Linke Orwell(wieder) lesen sollte und der Philosophiedozent und Orwell-Spezialist Jean-Claude Micheabegründet in einem Interview, inwiefern Orwell heute"aktueller denn je" sei.Besprochen werden ein Band mit den gleichermaßen "traurigen und witzigen" Porträts junger Franzosen ("Jeunesses", Le Dilletante), dieHenri Calet 1954 für die Zeitschrift "Elle" geschrieben hat.Vorgestellt wird schließlich noch ein800-Seiten-Wälzer des französischen AußenministersDominique de Villepin über die "Leidenschaft ihres Lebens: die Poesie" ("Eloge des voleurs de feu", Gallimard).

Außerdem zu lesen: einInterview mitJimmy Page, dem Gitarristen vonLed Zeppelin, anlässlich eines Comebacks per neuer DVDs und CDs und einHinweis auf zweiAusstellungenüber dieEntdeckung der Sahara imMusee de l?Homme und imMuseum d?Histoire naturelle.

New York Times (USA), 01.06.2003

Mit ihrem frechen und provokativen "The Memory of All That" (erstes Kapitel) hatBetsy Blair, die Frau vonGene Kelly (nicht nur ein Tänzer) und "rothaariges Showgirl, Schauspielerin, Linke, Ehefrau und Mutter, Abenteurerin und Europhile - im inspirierenden Alter von 79 Jahren ihr literarisches Debüt vorgelegt", schreibt James Toback und legt noch eindickes Lob nach: "Ich kenne kein anderes Buch, das aus derInnenperspektive dieser mythisch-historischen Hollywood-Welt heraus geschrieben wurde, schon gar nicht eines von außen her, dass auch nur annähernd jene Stimmung wieder solebendig machen würde." Denn als Kelly "die Nummer 1 als Schauspieler, Sänger, Tänzer, Choreographer und Regisseur war, umfasste die soziale und professionelle Welt der beiden praktischjeden berühmten Namen der Zeit", erklärt Toback. Er hofft, dass sich Lady Blair entscheidet, "noch mehr zu schreiben, weiterzumachen, immer wieder zuüberraschen".

Für dieSommerlektüre hat die New York Times Book Review eine ganze Liste an Empfehlungen zusammengestellt, basierend auf den Besprechungen seit Weihnachten und aufgeteilt inBelletristik undSachbuch. Außerdem gibt es Lesetipps zu den BereichenReise,Garten undKochen.

Weitere Rezensionen: Überraschend lustigfindet Lisa ZeidnerMayra Monteros Don-Juan-inspirierte Fabel "Deep Purple" (Leseprobe). Mit träumerischer Intensität lasse die kubanische Autorin ihren Helden von seiner lebenslangen Kampagne berichten, mit jeder namhaftenInterpretin klassischer Musikzu schlafen. Richard Ederhält die ungewöhnlich lange fünfjährige Wartezeit fürThomas Bergers neuen Roman "Best Friends" (erstes Kapitel) für angemessen. Denn die "dicht geflochtene Tragikkomödie", die den Alltag ausmythischer Sicht beschreibe, gehöre zu den besten von Bergers bisher 22 Erzählungen. James R. Kincaid dagegenempfiehlt "Star of the Sea" (erstes Kapitel),Joseph O'Connors "mutigen und kunstvollen" Roman, in dem sich ein Ire im Jahre 1847 aufmacht, einenAdligen zu töten, bevor ihr gemeinsames Schiff den Hafen von New York erreicht.

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