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Perlentaucher - Online Kulturmagazin mit Presseschau, Rezensionen, Feuilleton

zuletzt aktualisiert 17.02.2026, 09.21 Uhr
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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.07.2001.

FR, 23.07.2001

Karin Ceballos Betancurliefert Impressionen aus Genua: "Du hörstMetall auf Asphaltklappern, siehst den Rauch.Tränengasriecht süßlich, bevor es in der Nase sticht, in den Augen brennt wie Pfeffer, bis es die Luft vollends vergiftet und in der Lunge sticht. Du stolperst in Seitengassen, sie reichen Wasserflaschen weiter, Sanitäter vomGenoa Social Forum spülen die Augen mit Wassersprühflaschen. Jemand kommt auf dich zu, spricht in einer Sprache, die du nicht verstehst, aber er spricht ruhig und beginnt, deineLider mit Zitronenhälftenzu waschen." Wenn die Autorin so hübsch ist wie ihr Name, hätten wir das selbstverständlich auch sehr gern getan!

Weitere Artikel: Heike Blümmerberichtet vom Kongress "Musik und Maschine", der am Rande derLove Paradestattfand und bei dem sich Techno-DJs offensichtlich übergeistiges Eigentumunterhielten. Und Heike Kühnbespricht den Film "Ressources humaines".

NZZ, 23.07.2001

Ohne näheren Anlasssetzt sich Thomas Sprecher mitThomas Mannskurzer Studienzeit am Münchner Polytechnikum auseinander: "Es fällt auf, dass Thomas Mann, soweit bekannt, ausschließlich Vorlesungen wählte, die amNachmittagstattfanden." Und das zweite und letzte Semester sah so aus: "Das Kollegheft zeugt vom Besuch lediglichzweier Stunden. In der ersten schreibt Thomas Mann ganze neun Wörter auf, und in der zweiten fällt die Bemerkung:'Außerordentlich langweilig.'"

Philipp Blomsieht die griechische Forderung nach Rückgabe der berühmtenElgin Marbles ? Skulpturen, die einst Byron inspirierten und sich heute imBritischen Museum befinden ? rechtskeptisch: "Die Skulpturen wurden nicht gestohlen, sondern von der damaligen türkischen Regierungrechtmäßig erworben, und der moralische Anspruch Griechenlands auf die Parthenon-Skulpturen, wie die Griechen sie nennen, ist nicht nur schwer zu begründen, er würde auch, falls ihm stattgegeben würde, eineninternationalen Präzedenzfallmit unabsehbaren Folgen schaffen."

Weitere Artikel: Roman Hollensteinschreibt zum 70. Geburtstag des ArchitektenArata Isozaki. Besprechungen widmen sich demMusikfest von Lockenhaus, einerAusstellungüberJugendkultur in Deutschland imHistorischen Museum der Pfalz in Speyer und derAusstellung"Vermeer and the Delft School" in der LondonerNational Gallery.

SZ, 23.07.2001

Bei den Demonstrationen inGenuahat Willi Winkler besonders eine Gruppe von Autonomenbeeindruckt, die versuchten einenGeldautomatenzu zerstören. "Der Apparat reagiert auf Beschimpfungen ebenso wenig wie auf Schläge. Der Zorn der Angreifer wächst, ihre Gegenwehr ist bestenfallsmittelalterlich. Es ist ein Kampf mit ungleichen Mitteln: Die Feinde mögen sich echauffieren, wie sie wollen, treten, prügeln, brennen, der Geldautomat zeigt seinekapitalistische Fratzeeinfach nicht." Für Winkler ist diese Szene Beweis, dass die Welt wieder "fromm" wird: "In Genua, müssen wir uns vorstellen, hat der moderne, derökumenische Kirchentagstattgefunden. Die Anbeter des Geldes feierten bei ihrem Jahrestreffen ihren einzigen Lebensinhalt, dasschöne, ferne Geld. Sie sprachen über Schuldenerlass, sie wollten viel wegspenden und zu Hause das Staatsdefizit verkleinern. Draußen führten die Atavisten ihreEthno-Tänzeauf. Auch sie fielen nieder vor dem Mammon, schmähten das Geld aber, statt es zu lobpreisen, schlugen auf seine Götzenbilder ein und wollten zumwahren Glaubenzurückfinden."

Andrian Kreyeberichtet über dieKidnapping-Industrie in Kolumbienund erinnert sich, wie er selbst einmal in einen Entführungsfall verwickelt wurde. Rebellen hatten einenDeutschen entführt, Kreye sollte den Unterhändler spielen. Ein Kollege von der kolumbianischen TageszeitungEl Espectadorriet jedoch ab: "Man wäre nicht der erste Unterhändler, den die Entführer ebenfalls festhalten, sagte er. Auf die Unterstützung der kolumbianischen Kollegen dürfe man auch als deutscher Journalist nicht zählen." Schließlich gab es im letzten Jahr3076 Entführungsfällein Kolumbien. "Warum sollte den ausländischen Opfern da eine Sonderrolle eingeräumt werden? Wer in den Urwald fahre, müsse ja auch damit rechnen, sich dieMalariazu holen. Mein Argument mit derImpfungließ der Kollege vom El Espectador nicht gelten."

Weitere Artikel: C. Bernd Suchermeldet, dassPeter BrooksPariser "Hamlet"-Inszenierung zum Berliner"Theaterwelten"-Festivalkommt. Thomas Thieringerschreibt über die Aufführung des Oratoriums "Larf" und ein Fest vonMortierbei denSalzburger Festspielen. Und uwmberichtet, dass die Intendanz desTheaters in der Josefstadtausgeschrieben wird.

Besprochen werden Christian StücklsInszenierungvonFelix Mitterers "Gaismair" in Telfs, eineJeff-Koons-AusstellungimKunsthaus Bregenz, derFilm"Cats & Dogs" von Lawrence Guterman, Peter GodmansBuchüber die"Geheime Inquisition" undpolitische Bücher (siehe auch unsereBücherschau des Tages heute ab 14 Uhr). Und Wolfgang Schreibererzählt vom AuftrittGidon Kremersund den öffentlichen ProbenSir Simon RattlesbeimMusikfest im burgenländischenLockenhaus: "Der Geist von Lockenhaus? Nicht besonders schwer zu fassen. Er entsteht aus der zeiträumlichen Nähe zur Musik, aus einerungetrübten Konzentrationauf sie ? und verwandelt scheinbar alle: die Künstler und das Publikum. So intensiv lässt sich Musik selten erleben."

TAZ, 23.07.2001

Daniel Baxporträtiert die spanische BandRadio Tarifa: "Radio Tarifa verfolgen eine Form derDenkmalpflege. Oft ähneln ihre Kompositionen einemquasiarchäologischenPuzzlespiel, das der Frage gilt: Wie würde die spanische Musik heute wohl klingen, wenn dieReconquistader Iberischen Halbinsel im 15. Jahrhundert nicht so gründlich gelungen wäre?"

Weitere Artikel: Brigitte Werneburgwürdigt die Werke des deutschen Fitnesspapstes Dr. med.Ulrich Strunz. Und Philipp Gesslerbespricht eine Ausstellung über dieFranckeschen Stiftungenund Preußen in Halle.

SchließlichTom.

FAZ, 23.07.2001

In einem Kommentar zumGipfel von Genuabeklagt Dirk Schümer denNiedergang des Anarchismus: "Früher platzierten sie sich mitDolch und Revolveran Straßenecken und feuerten auf ahnungslose Monarchen. Heute sammeln sie sich vor den Linsen der mitgereisten Kameras, um semantischeSelbstbefriedigungzu üben."

Michael Hanfelderzählt die Geschichte des deutschen AuslandssendersChannelD, der ein paar Rechte von Serien und Talkshows zusammengekauft hat und mit einem Etat vonzwei Millionen Markauf Sendung geht ? etwas das ARD und ZDF und Deutsche Welle mit einem Etat von60 Millionennoch nicht geschafft haben: "Dem reichsten und teuersten öffentlichen Fernsehen der Welt, das auf mehr alszwölf Milliarden Markan Gebühreneinkünften pro Jahr kommt, zuzüglich 550 Millionen Mark jährlich für die Deutsche Welle, und dessen unendliche Nabelschau regelmäßig in demGejammerendet, dass für irgend etwas wieder einmal das Geld nicht reiche, demonstriert eineGaragenfirmamit Firmensitz in Bremerhaven, wie man im Handumdrehen die Welt erobert: ohne großes Geld und ohne große Worte."

Weitere Artikel: Im Drama derdeutschen Biodebattekommt es mal wieder zum ShowdownProfessor gegen Professor: Der RechtsphilosophNorbert Hoerster(pro)polemisiert gegen die gen-ethischen Positionen desRobert Spaemann (contra) und wirft ihmFundamentalismusvor. Bernd Hüppaufdenkt über eine "Verschiebung von Aufmerksamkeit" nach, die sich im Wort"Täterforschung"manifestiert. Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger denkt über den Einfluss desManierismusaufErnst Ludwig Kirchnernach. Oliver Tolmeinerzählt die Geschichte einesZwitters, der als Mädchen aufwuchs, nun aber als Zwitter in seinen standesamtlichen Urkunden geführt werden will und damit dieGerichte verwirrt. Leo Wieland erzählt, dass es dem FürstenJohannes zu Waldberg-Wolfegggelungen ist, den Familienetat umzehn Millionen Dollaraufzubessern. Zu diesem Preis verkaufte er die"Waldseemüllerkarte" ? die erste Karte, auf der AmerikaAmerikagenannt wird ? an dieKongressbibliothek. Martin Thoemmesfragt nach der Zukunft derOstsee-Akademie. Andreas Platthausschreibt zum Tod desLucky-Luke-ErfindersMorris.

Besprochen werden eineAusstellungüber Jean Leon Gerôme, einen der seinerzeit berühmtesten akademischen Malers des 19. Jahrhunderts, inPittsburgh,Jan FabresStück"Je suis sang" beimTheaterfestival von Avignon,OpernvonCarlisle FloydundGiacomo Puccinibei denBregenzer Festspielen, eineGillian-Wearing-Ausstellung imMünchner Kunstverein, eine Ausstellung mit Reliquien vonNobelpreisträgernim StockholmerNobelmuseum und ein Auftritt der SängerinSusan DeyhimbeimMontreux Jazz Festival.

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