Bücherschau des Tages - Archiv
Dezember 2008
Notizen zu den Buchkritiken des Tages aus FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit. Täglich ab 14 Uhr.
Neuer Stern am Krimihimmel

31.12.2008"WennFrauen morden" - haben sie meist edlere Motive als Männer, lernt die FAZ vonStephan Harbort. Sie sind auch diebesseren Detektive, stellt die Zeit bei der Lektüre vonKate Atkinsons Krimi "Lebenslügen" fest. Außerdem bewundert sieBoris PahorsGeschichte der "Piazza Oberdan" in Triest. Und Christian Brückners Lesung vonEdgar Allan Poes Gruselroman "Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket" verschafft ihrHörgenuss vom Feinsten, was auch der Übersetzung von Arno Schmidt zu verdanken ist.
Sünden aller Art

30.12.2008Die NZZ liest Romane vonIrene Nemirovsky,Hari Kunzru undOya Baydar, die imParisdes Ersten Weltkriegs, demLondonder 60er und 70er, und derTürkeides 21. Jahrhunderts spielen. Die SZ lässt sich vonPete Dexterin die gewalttätige Atmosphäre der amerikanischenSüdstaatenin den 50ern ziehen und verschlingt drei Bücher von, über und mitJürgen Habermas. Die FR taucht in die vertrauten englischenKrimigewässer Elisabeth Georgesein.
Kühle Bitterkeit

29.12.2008 Die FAZ macht eine Wiederentdeckung: Die Gedichte der amerikanischen LyrikerinEdna St. Vincent Millay "Love is not all". Als Familienroman imPrestissimoempfiehlt die SZJan Koneffkes "Eine nie vergessene Geschichte". Sehr romantisch findet sieMatthias Matusseks Rückblick auf 1968 "Als wir jung und schön waren".
Radikales Schönheitsverlangen

27.12.2008 Die FAZ hört sich hingerissen eine derbesten Ehekrisen der amerikanischen Literatur an - inRichard Yates' "Zeites des Aufruhrs". Ehrfurchtsvoll steht sie vorRobert John Thorntons "Temple of Flora". Die FR lernt inMisha Glennys "McMafia", dass das Organisierte Verbrechen heute weniger dem Corleone-Clan ähnelt als derStruktur von ebay. Die taz kann die Gesprächssammlung "This is not America" mitamerikanischen Intellektuellen sehr empfehlen.
Absolut sinnfreie Sprachmelodie

24.12.2008Es weihnachtet unaufhaltsam, die Kritiker geben noch in letzter Minute Lesetipps: Schlichtweg brillant findet die SZ, wieLothar Machtan in seinem Buch "Die Abdankung" vom sang- und klanglosenEnde der Monarchie in Deutschland erzählt. Die FRkann Ferdinand Zehentreiters Porträtband über "Komponisten im Exil" empfehlen. Und die FAZ lässt sich vonKlaus Ungerer "Alles über die Welt" erzählen.
Abgrundtiefe Seeleneinsamkeit

23.12.2008Die Zeit preist den portugiesischen Renaissancelyriker und Vater allerSchmerzlust,Luis de Camoes. Größtes Lob vergibt sie auch anDiarmaid MacCullochs Werk über "Die Reformation". Die NZZ verrät den "berühmtesten Geheimtipp" der russischen Literatur:Leonid Dobycinund seine Erzählung "Evdokija". Der FAZ verschlingtMark McNays Roman "Frisch", auch wenn ihr derAppetit auf Geflügel darüber vergangen ist.
Lebensreform a la Zakopane

22.12.2008Ganz neue Lust aufAdelbert von Chamisso bekommt die FAZ dankBeatrix Langners Biografie "Der wilde Europäer". Das Fin de siecle in der Hohen Tatra erlebt sie mitGabriela Zapolskas Roman "Sommerliebe". Für geglückte Literatur über die Literatur alsGaunermetier hält die SZAmos Oz "Verse auf Leben und Tod".
Überlebensnotwendige Ungerührtheit

20.12.2008Die taz geht mitTim Winton surfen. Die NZZ vertieft sich in einen Band über dieSynagogen der Schweiz. Die FAZ begleitet gerührt denkleinen Anton, der demWeihnachtsmann ein verlorenes Paket zurückbringen will. Große Freude hat sie auch am Nachdruck eines berühmten undprachtvoll illustrierten pflanzenkundlichen Bandes aus der Barockzeit über denGarten von Eichstätt.
Inspiratorische Wucht

19.12.2008Zum schönsten Fotoband des Jahres kürt dieSZ Bernd Heydens "Berlin - Ecke Prenzlauer". DieNZZ ist geradezu elektrisiert von Klaus Theweleits und Rainer HöltschlsJimi-Hendrix-Biografie. DieFAZ folgt den Spuren derVarusschlacht.
Post-postmoderne Universalpoesie

18.12.2008DieFR preistDurs Grünbeins Meditationen "Der cartesische Taucher" alslustvolles Exerzitium in genauem Lesen und Denken.Hartnäckige Recherche attestiert sie Julie KavanaghsNurejew-Biografie. DieFAZ lernt mitSergej Dowlatows Roman "Der Koffer" dielustigen Seiten der Sowjetunion kennen. DieNZZ rühmtGeorges Canguilhems Klassiker "Die Herausbildung desReflexbegriffs".
Verhinderter Störfaktor

17.12.2008Begeistert stürzt sich dieNZZ inJamal Mahjoubs Roman "Die Stunde der Zeichen" und in den Kampf zwischen demMahdi und derbritischen Kolonialmacht (Leseprobe). Als mündige Leserin und höchst zufrieden schließt dieFR die großeMarcel-Proust-BiografieJean-Yves Tadies. Und noch besser als einen Krimi vonFred Vargas findet dieSZ den Vargas-Comic "Das Zeichen des Widders" vonEdmond Baudoin.
Prinzipielle Uneindeutigkeit

16.12.2008DieFAZ kannHeinrich Steinfests von Quertreibern, alten Meistern und Ignoranten bevölkertenAnti-Krimi "Mariaschwarz" wärmstens empfehlen. DieSZ hält es lieber mitGregg Hurwitz und seinemPopcorn-Thriller "Blackout". DieNZZ liest die LandschaftsdichterJohn Montague undIain Crichton Smith. Sehr eingenommen ist sie auch vonFranco Supinos Geschichte eines gescheiterten Künstlers "Das andere Leben".
Hemmungslos ergriffen

15.12.2008Gut gefallen lässt sich dieSZ die schwärmerischeJimi-Hendrix-Biografie vonRainer Hölzschl undKlaus Theweleit. DieFAZ freut sich überGerhard Falkners erkundungsfreudige Lyrik "Hölderlin Reparatur". Interessiert liest sie auchPeter Longerichs Himmler-Biografie und die Werke des humanistischen SoziologenAlbert Salomon.
Pointenschrauben

13.12.2008Großvater will nachChina, Enkel versteckt sichunterm Tisch - für die taz hatTilman Rammstedt mit "Der Kaiser von China" einenherzzerreißend komischen Roman über das Abschiednehmen und das Erwachsenwerden geschrieben. Die SZ versenkt sich inpubertäre Nöte, die57 Künstler für die "Pie Bible" gstaltet haben. Großen Erkenntnisgewinn schöpft die NZZ aus einervisuellen Geschichte der VolksrepublikChina. Die FAZ lässt sich mit Vergnügen von dem Evolutionsbiologen Axel Meyer in dieWelt der Buntbarsche - samt Algenraspler, Schneckenknacker, Schuppenfresser - einführen.
Die Wucht eines Romans

12.12.2008DieSZ ist überglücklich, nach fast vierzig Jahren endlichGay Taleses akribisch recherchiertes Epos über den MafiabossJoseph Bonnano "Ehre deinen Vater" auf Deutsch lesen zu können. Loben kann sie auchPeter Blickles Geschichte "Das Alte Europa". DieFR lernt mit "Mann im Dunkel" einen ganz neuenPaul Auster kennen. DieFAZ empfiehlt den Sammelband "Nine Eleven".
Unbezwingbare Widerspruchslust

11.12.2008DieFAZ ist so hingerissen vonMichael Stavaric' Roman "Magma", dass sie sogarSympathie mit dem Bösen zu hegen beginnt. Beachtlich findet sie auchChristopher Kloebles Debüt "Unter Einzelgängern". DieSZist begeistert vonEliot Weinbergers
"exzentrisch funkelnden" Essays "Das Wesentliche". Dietaz preistNik Cohns "Triksta" als eines der besten Bücher über Pop. DieZeit feiertPaul Austers neuen Roman als kafkaesk-komisches, todtrauriges Meisterwerk.
"exzentrisch funkelnden" Essays "Das Wesentliche". Dietaz preistNik Cohns "Triksta" als eines der besten Bücher über Pop. DieZeit feiertPaul Austers neuen Roman als kafkaesk-komisches, todtrauriges Meisterwerk.
Durchdachte Kunst

10.12.2008Nach Lektüre vonJuri Andruchowytschs "Geheimnis" weiß dieSZ: Wir sindalle Ukrainer. Mit Dorothea Grünzweigs Gedichten "Die Auflösung" lernt sie, die unzähligen Abstufungen desfinnisches Lichts zu sehen. Auf ein ganzesArsenal der Seltsamkeiten stößt dieNZZ inXaver Bayers Erzählungen "Die durchsichtigen Hände". DieFAZ liest Lyrikanthologien.
Große Fetische

09.12.2008DieSZ preistGianni Celati als einen der avanciertesten Erzähler Italiens und empfiehlt wärmstens seine satirischen Alltagsepisoden "Was für ein Leben!". DieNZZ freut sich über die Wiederentdeckung des rumänischen ModernenM. Blecher und seinesSanatoriumstagebuchs "Beleuchtete Höhle". DieFR blättert durch den Bildband "Verschwundene Arbeit".
Empfindungsgeneratoren

08.12.2008Alsintellektuelles Spektakel genießt dieSZein Hauptwerk des portugiesischen Humanismus: Joao Rodrigues de Sa de Meneses' "Die Platane".Proust light entdeckt sie inL.P. Hartleys wiederaufgelegtem Roman "The Go-Between". DieFAZ liest Künstlerromane:Connie Palmens "Luzifer" undAlban Lefrancs auf Knien geschriebene Porträts von Fassbinder, Vesper und Nico "Angriffe".
Lyrisch glühende ländliche Impressionen

06.12.2008DieSZ wünscht dem immer noch fast unbekannten, 1936 tragisch ums Leben gekommenen AutorLeonid Dobycin endlich die vediente Wiederentdeckung. DieFAZ feiertJean-Yves Tadies monumentaleProust-Biografie.
Ultimativer Knacks

05.12.2008Weise und elegant findet die FAZPeter Camerons New-York-Roman "Du wirst schon noch sehen wozu es gut ist". Für die SZ liestGeorg Klein die Songtexte vonUdo Lindenberg "Am Trallafitti-Tresen". DieNZZ empfiehlt Politische Bücher, darunterAnthony C. Graylings "Freiheit, die wir meinen" und Hans-Joachim NoacksHelmut-Schmidt-Biografie.
Ziellos schweifende Neugierde

04.12.2008Die Zeit ist einfach überwältigt vonAlexander Kluges zehnstündigem Filmwerk zuKarl Marx undSergej Eisenstein "Nachrichten aus der ideologischen Antike". Sehr listenreich findet dietazNatalie Zemon Davis' Buch über den von Seeräubern gefangenen undan Papst Leo X. verkauften "Leo Africanus". DieFR applaudiertBenedict Wells' Debüt "Becks letzter Sommer". Nur verhalten lobt dieNZZ Martin Amis' Roman "Haus der Begegnungen".
Im wüsten Land

03.12.2008In ein echtes Apartheidsparadies gestürzt sieht sich dieSZ mitTroy Blacklaws' brutalen wie poetischen Roman "Malindi". DieFR feiert die Wiedergeburt desDon Quijote in der neuen Übersetzung von Susanne Lange. DieFAZ ist erschüttert über die Machenschaften der Pharmaindustrie, dieHans Weiss in seinem Buch "Korrupte Medizin" beleuchtet.
Kunstvoll ungekünstelt

02.12.2008DieNZZ ist beglückt: Mit "Mann im Dunkel" hatPaul Auster endlich wieder einen richtig guten Roman geschrieben. Als großartigen Roman über die Liebe und den Tod preist sie auchSteinunn Sigurdardottirs "Sonnenscheinpferd". Dietaz lobt in hohen TönenEvelio Roseros kolumbianischen Roman "Zwischen den Fronten". DieSZ liest mit großem InteresseKaren Gloys "Philosophiegeschichte der Zeit".
Spitzer Übermut

01.12.2008Lobende Worte findet dieFAZ fürJonas Bengtssons geradezu schroffenKopenhagen-Roman "Aminas Briefe". Gut gefallen hat ihr auchSefi Attas lakonischer Roman "Sag allen, es wird gut!". Beeindruckt ist sie auch vom "Weinatlas Deutschland", würde aber niemals eine Hallgartener Jungfer einemHattenheimer Pfaffenberg vorziehen. DieSZ liest beklommen und beglückt zugleich die Briefe vonVirgina Woolf.

Elias Hirschl: Schleifen
Jana Hensel: Es war einmal ein Land
Julian Barnes: Abschied(e)
Norbert Gstrein: Im ersten Licht