Norröne Grammatik im ÜberblickAltisländisch und AltnorwegischNetzversion
Inhalt
- Abkürzungen und Zeichen
- Vorwort
- Literatur
- Kap. 1 Die norröne Sprache (§§ 1-7)
- Grundlagen (§§ 1-7)
- Kap. 2 Lautlehre (§§ 8-18)
- Der gleichzeitige Blick (§§ 8-13)
- Das Vokalsystem (§ 9)
- Das Konsonantensystem (§ 10)
- Orthografie (§ 11)
- Silbe und Wortbetonung (§§ 12-13)
- Der historische Blick (§§ 14-18)
- Ablaut und Brechung (§§ 15-16)
- Umlaut (§ 17)
- Auswirkungen der Umlaute (§ 17)
- Kap. 3 Wörter und Regeln (§§ 19-23)
- Wortstruktur (§§ 19-20)
- Flexionsregeln (§§ 21-23)
- Phonologische Regeln (§ 22)
- Morphologische Regeln (§ 23)
- Übersicht zu den Flexionsregeln (Abb. 3.5)
- Kap. 4 Flexion der Substantive (§§ 24-44)
- Umfang und Typologie (§ 24)
- Starke Flexion (§§ 25-35)
- Starke Maskulina (§§ 25-29)
- Starke Feminina (§§ 30-33)
- Starke Neutra (§§ 34-35)
- Schwache Flexion (§§ 36-43)
- Schwache Maskulina (§§ 36-38)
- Schwache Feminina (§§ 39-41)
- Schwache Neutra (§§ 42-43)
- Überblick über die Substantivflexion (§ 44)
- Kap. 5 Komparation(§§ 45-50)
- Umfang und Typologie (§§ 45-46)
- Flexionstypen (§§ 47-50)
- Kap. 6 Flexion der Adjektive (§§ 51-65)
- Umfang und Typologie (§ 51)
- Starke Flexion (§§ 52-59)
- Adjektive (§ 52)
- Partizip Perfekt (§§ 53-54)
- Determinative (§§ 55-58)
- Die definite Form des Substantivs (§ 59)
- Schwache Flexion (§§ 60-65)
- Kap. 7 Flexion der Pronomen (§§ 66-70)
- Umfang und Typologie (§ 66)
- Pronomen (§§ 67-68)
- Quantoren (§ 69)
- Demonstrative (§ 70)
- Kap. 8 Flexion der Verben (§§ 71-96)
- Umfang und Typologie (§§ 71-75)
- Schwache Flexion (§§ 76-82)
- kasta-Klasse (§ 77)
- telja-Klasse (§ 78)
- dǿma-Klasse (§§ 79-81)
- Unregelmäßige Verben (§ 82)
- Starke Flexion (§§ 83-90)
- 1. Klasse (§ 84)
- 2. Klasse (§ 85)
- 3. Klasse (§ 86)
- 4. Klasse (§ 87)
- 5. Klasse (§ 88)
- 6. Klasse (§ 89)
- 7. Klasse (§ 90)
- Gemischte Flexion (§§ 91-93)
- Präteritopräsentia (§ 92)
- róa-Klasse (§ 93)
- Flexionsendungen (§§ 94-96)
- Übersichten zur Verbflexion (Abb. 8.5-8.9)
- Kap. 9 Valenz und Rahmen (§§ 97-109)
- Allgemeines (§§ 97-99)
- Verben (§§ 100-104)
- Nullwertige Verben (§ 101)
- Einwertige Verben (§ 102)
- Zweiwertige Verben (§ 103)
- Dreiwertige Verben (§ 104)
- Adjektive (§ 105)
- Präpositionen (§§ 106-109)
- Akkusativ (§ 107)
- Dativ (§ 108)
- Genitiv (§ 109)
- Kap. 10 Wortstellung und Kongruenz (§§ 110-125)
- Allgemeines (§§ 110-111)
- Wortstellung und Satzebene (§§ 112-116)
- Wortstellung auf Phrasenebene (§§ 117-119)
- Kongruenz (§§ 120-125)
- Kap. 11 Umformungen (§§ 126-139)
- Allgemeines (§ 126)
- Ellipse (§§ 127-133)
- Unpersönliche Konstruktionen (§§ 134-137)
- Kurzsätze (§§ 138-139)
- Kap. 12 Kategorien (§§ 140-160)
- Allgemeines (§ 140)
- Kasus (§§ 141-145)
- Definitheit (§ 146)
- Komparation (§ 147)
- Tempus (§ 148)
- Modus (§§ 149-154)
- Aktionsart (§§ 155-156)
- Diathese (§§ 157-160)
- Glossar der grammatischen Termini
- Wortregister
Abkürzungen und Zeichen
- Abb.
- = Abbildung
- adj.
- = Adjektiv
- adv.
- = Adverb
- A. / akk.
- = Akkusativ
- bzw.
- = beziehungsweise
- D. / dat.
- = Dativ
- det.
- = Determinativ
- d.h.
- = das heißt
- dt.
- = deutsch
- engl.
- = englisch
- entspr.
- = entspricht
- f. / fem.
- = Femininum
- G. / gen.
- = Genitiv
- gem.vb.
- = Verb mit gemischter Flexion
- ind.
- = Indikativ
- inf.
- = Infinitiv
- Kap.
- = Kapitel
- konj.
- = Konjunktiv
- lat.
- = lateinisch
- m. / mask.
- = Maskulinum
- n. / neutr.
- = Neutrum
- N. / nom.
- = Nominativ
- nisl.
- = neuisländisch
- norr.
- = norrön
- norw.
- = norwegisch
- obj.
- = Objekt
- part.
- = Partizip
- perf.
- = Perfekt
- pers.
- = Person
- pl.
- = Plural
- pp.vb.
- = Präteritopräsens
- präd.
- = Prädikativ
- präp.
- = Präposition
- präs.
- = Präsens
- prät.
- = Präteritum
- pron.
- = Pronomen
- prop.
- = Proprium
- sbj.
- = Subjunktion
- sg.
- = Singular
- sog.
- = sogenannt
- sth.
- = stimmhaft
- stl.
- = stimmlos
- st.vb.
- = starkes Verb
- sw.vb
- = schwaches Verb
- subj.
- = Subjekt
- u.a.
- = unter anderem
- u.ä.
- = und Ähnliches
- urn.
- = urnordisch
- vb.
- = Verb
- vgl.
- = vergleiche
- vs.
- = versus
- z.B.
- = zum Beispiel
- *
- rekonstruierte oder un-grammatische Form
- °
- u-Umlaut
- +
- i-Umlaut
- >
- wird lautgesetzlich zu
- →
- wird durch phonologischeRegel zu
- ~
- Wechsel, z.B.vatn ~vǫtn
- =
- gleichwertige Formen
- ≈
- fast gleichwertige Formen
- ▷
- Beispiel folgt
- ▸
- Verweis auf Stichwort
- |
- Trennzeichen zwischenBeispielen
- [...]
- Phonetische Klammer
- ˈ
- Hauptton
- ˌ
- Nebenton
- zentrales Paradigma
Vorwort
Das vorliegende Buch ist eine Grammatik der norrönen Sprache, d.h. der Sprache, wie sie im Hochmittelalter (1050–1350) in Norwegen und Island gesprochen wurde. Die meisten deutschsprachigen Grammatiken zum Norrönen führen das Wort „Altisländisch“ im Titel, aber das ist eigentlich irreführend. Isländisch war die Sprache norwegischer Auswanderer, und lange Zeit nach der Besiedlung Islands Ende des 9. Jahrhunderts waren die Unterschiede zwischen Norwegisch und Isländisch gering. Noch im Hochmittelalter waren die Unterschiede so klein, dass man Norwegisch und Isländisch als zwei Dialektvarianten ein und derselben Sprache bezeichnen könnte. Aus diesem Grunde gebraucht man in den skandinavischen Sprachen oft den Terminus „Norrön“ für die gemeinsame westnordische Sprache. Auch diese Grammatik verwendet den Begriff, wenngleich er im Deutschen weniger gebräuchlich ist als im Skandinavischen.
Zielgruppe dieser Grammatik sind alle, die sich das erste Mal mit dem Norrönen beschäftigen und eine konzise Darstellung der Sprache wünschen. Das sind in erster Linie Studierende der Skandinavistik, die begleitend zu einer oder mehreren nordischen Sprachen auch Norrön studieren; ich hoffe aber, dass die Grammatik auch denen von Nutzen ist, die das Norröne allein oder zusammen mit anderen älteren germanischen Sprachen lernen.
Norröne Grammatik im Überblick ist die verkürzte Ausgabe meinesGrunnbok i norrønt språk, das 1993 in erster, 2001 in vierter Auflage erschien. Wer diese Grammatik kennt, sieht die Ähnlichkeit in Perspektive, Terminologie und Aufbau, die Darstellung hingegen Adolf Noreen,Altnordische Grammatik (Bd. 1, 1. Aufl. 1884, 4. Aufl. 1923), Marius Nygaard,Norrøn syntax (1905) und Ragnvald Iversen,Norrøn grammatikk (1923, überarbeitet 1973). Ganz neu in diesem Zusammenhang, doch bereits ein Referenzwerk, ist Jan Terje Faarlund,The Syntax of Old Norse (2004), ein Werk, das diese Grammatik nutzte.
Wer es auf sich nimmt, die norröne Sprache zu beschreiben, findet eine gute Grundlage vor, auf der man aufbauen kann, denn es gibt nur wenige Fragen, auf die diese Standardwerke keine Antwort geben. Ich habe es daher als meine Aufgabe gesehen, die traditionelle Darstellung, wo immer ich konnte, zu vereinfachen und zu erklären.
Wichtigstes Merkmal derNorrönen Grammatik im Überblick ist ihre synchrone Perspektive auf das Norröne, d.h. die Sprachform wird auf Grundlage des Sprachstandes im Hochmittelalter erklärt und nicht vor dem Hintergrund ihrer Entwicklung aus dem älteren Germanisch. Das zeigt sich besonders in der Morphologie, z.B. wenn die Einteilung der Substantivflexion auf Grund der norrönen Flexionsformen geschieht und nicht auf Grund von Eigenschaften des älteren Germanisch. Daher sind die Substantive (wie im modernen Skandinavisch und im Deutschen) nach Genus gegliedert, nicht nach Stämmen. Ferner werden alle Abweichungen in der Flexion so weit wie möglich nach phonologischen Regeln erklärt, die sich wiederum in mehreren Klassen zeigen. Bei der Syntax gilt als grundlegende Perspektive die Valenztheorie, d.h. das Verb bildet den Satzkern und die anderen Satzglieder werden im Bezug auf das Verb gesehen. Die Syntax bietet zudem eine reiche Auswahl an Beispielsätzen, die alle auch übersetzt sind.
Diese Grammatik weicht auch in der grammatischen Terminologie ab. Im Blick auf die komplexe Wortklasse der Pronomen habe ich in Übereinstimmung mit neueren Grammatiken eine Unterscheidung vorgenommen zwischen Pronomen (die anstelle anderer Wörter stehen und eine besondere Flexion haben) und Determinativen (die zusätzlich zu anderen Wörtern stehen und normalerweise adjektivische Flexion aufweisen) sowie zwischen Konjunktionen (die Wörter und Phrasen auf der gleichen Ebene verbinden) und Subjunktionen (die Sätze einleiten). Als Hilfe für den Leser habe ich dem Buch ein grammatisches Glossar beigefügt, das fast alle Fachtermini definiert. Bei dieser Arbeit habe ich oft dieDuden Grammatik (2009) zu Rate gezogen, sodass meine Terminologie dieser Grammatik so weit wie möglich folgt. Einige Abweichungen in der Terminologie, die zum einen dem heutigen Deutsch, zum anderen der norrönen Sprache angepasst ist, waren unvermeidlich; die Unterschiede sollten aber hoffentlich kein Problem darstellen.
Diese Grammatik wurde zunächst von Astrid van Nahl übersetzt und von mir am 1. September 2009 online gestellt. Nach Anmerkungen mehrerer Kollegen revidierte ich die Version in einer Reihe von Punkten und stellte am 1. März 2012 eine neue Auflage ein. Während der Überarbeitungsphase zog ich großen Nutzen aus dem Rat vieler Kollegen – in alphabetischer Reihenfolge Katharina Baier (Freiburg), Kurt Braunmüller (Hamburg), Florian Grammel (Kopenhagen), Torodd Kinn (Bergen), Werner Schäfke (Freiburg) und Karin Fjellhammer Seim (Trondheim). Nachdem im Herbst 2012 ein Publikationsvertrag mit dem Buske Verlag (Hamburg) zustande kam, hatte ich erneut die Freude sachkundiger Anmerkungen zweier Kollegen aus Bergen, Karl Ekroll und Jens Eike Schnall. Während des ganzen Prozesses war Astrid van Nahl von bester und geduldigster Hilfe; sie hat nicht nur den Text übersetzt, sondern auch dazu beigetragen, dass diese Grammatik insgesamt an deutsche Verhältnisse angepasst wurde. Trotz aller Helfer, denen ich herzlich danke, liegt die volle Verantwortung für Fehler, die sich in der Darstellung finden könnten, bei mir.
Eine großzügige Unterstützung von Norsk faglitterær forfatter- og oversetterforening (NFF) ermöglichte es mir, an der norwegischen Version des Buches zu arbeiten und es in einer vorläufigen Auflage zu drucken; Zuwendungen von der Universität Bergen und Norges Forskningsråd (NFR) deckten die Kosten für die Übersetzung und bildeten einen großzügigen Zuschuss zu den Druckkosten der ersten deutschen Printausgabe. Mein Dank gilt allen genannten Institutionen.
Bergen, 1. Juli 2013
Odd Einar Haugen
In der vorliegenden zweiten Auflage meiner Grammatik wurde das Vorwort leicht verkürzt; im Paradigma zu§ 78.1 istflyja zuflytja berichtigt, im Paradigma zu§ 82gera hinzugefügt. Des Weiteren wurden einige wenige typografische Fehler korrigiert. Das Register wurde um einige vergessene Stichwörter sowie um fehlende Seitenzahlen ergänzt. Darüber hinaus gibt es keine weiteren Abweichungen von der ersten Auflage, so dass beide problemlos nebeneinander benutzt werden können.
Bergen, 1. September 2015
Odd Einar Haugen
Literatur
Die folgende Übersicht bietet eine Liste zu den im Text genannten Büchern und Nachschlagewerken ‒ also keine grundlegende Bibliografie mit Werken zur norrönen Sprache. Ein aktueller Überblick mit weiterführender Literatur findet sich in dem zweibändigen WerkThe Nordic Languages (hg. von Oskar Bandle et al., Berlin: Walter de Gruyter, 2002‒2005), besonders in Bd. 1, Kap. 90‒106.
- Baetke, Walter. 1976.Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur. 2. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. – Digital hrsg. von Hans Fix et al., Greifswald 2006.
- Duden Bd. 4:Die Grammatik. 2009. 8. Aufl. Mannheim: Dudenverlag.
- Faarlund, Jan Terje. 2004.The Syntax of Old Norse. Oxford: Oxford University Press.
- Haugen, Odd Einar. 2001.Grunnbok i norrønt språk. 4. Aufl. Oslo: Gyldendal Akademisk. – 1. Aufl. 1993.
- Heggstad, Leiv, Finn Hødnebø und Erik Simensen. 2008.Norrøn ordbok. 5. Aufl. Oslo: Samlaget. – 1. Aufl. Marius Hægstad und Alf Torp, Gamalnorsk ordbok, Kristiania 1909.
- IPA Lautschrift. The International Phonetic Association.
https://linguistics.ucla.edu/people/keating/IPA/inter_chart_2018/IPA_2018.html - Iversen, Ragnvald. 1973.Norrøn grammatikk. 7. Aufl., überarb. von Eyvind Fjeld Halvorsen. Oslo: Aschehoug. – 1. Aufl. Kristiania: Aschehoug, 1923.
- Noreen, Adolf. 1923.Altnordische Grammatik. Bd. 1, Altisländische und altnorwegische Grammatik. 4. Aufl. Halle: Niemeyer. – Nachdruck [5., unveränderte Aufl.] Tübingen: Niemeyer, 1970.
- Nygaard, Marius. 1905.Norrøn syntax. Kristiania: Aschehoug. – Nachdruck Oslo: Aschehoug, 1966.
- Ordbog over det norrøne prosasprog. 1989ff. København: Den Arnamagnæanske Kommission. – Hierzu sind ein Registerband (1989) und drei Wörterbuchbände erschienen (a–bam 1995,ban–da 2000 undde–em 2004), außerdem ist der gesamte Wortschatz mit einer reichen Auswahl an Belegen und Textlinks im Internet zugänglich unterhttps://onp.ku.dk/
1 Die norröne Sprache
Grundlagen
§ 1 Abgrenzung und Einteilung.
Als Norrön bezeichnen wir die Sprache, die im Mittelalter in Norwegen und Island sowie in den anderen nordischen Siedlungen (Grönland, Färöer, Shetland- und Orkneyinseln, Teile der Hebriden, Man, Irland, Schottland und Nordwestengland) gesprochen und geschrieben wurde. Die norröne Sprache ist der westliche Zweig des Altnordischen, das im gesamten Norden gebraucht wurde mit Ausnahme der zentralen und nördlichen Teile Norwegens und Schwedens, in denen Samisch gesprochen wurde. Im Gegensatz zum Norwegischen und Dänischen wird die Bezeichnungnorrön im Deutschen nicht häufig verwendet. Sie entspricht im englischen SprachbereichOld Norse oderOld Norse-Icelandic, im französischenvieux norrois.
Die hintere Zeitgrenze für das Altnordische wird um das Jahr 700 gegen die ältere Sprachstufe, das Urnordische, gezogen. Bis zum Ende der Wikingerzeit in der Mitte des 11. Jahrhunderts konnte man von einer gemeinsamen Sprache im Norden ausgehen, derdǫnsk tunga ‘dänische Sprache’, wie es bei Snorri Sturluson heißt. Einzelne dialektale Unterschiede gab es dennoch; so unterscheiden wir zwischen einem ost- und einem westnordischen Zweig der nordischen Sprachen. Zum Ostnordischen gehören Altdänisch, Altschwedisch und Altgutnisch, zum Westnordischen Altnorwegisch und ‒ seit der Landnahme Islands in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts ‒ Altisländisch, wie esAbb. 1.1 zeigt.
Allmählich wird aber der Abstand zur dänischen Sprache immer größer, und von ca. 1050 an dürfen wir mit einer neuen Einteilung der nordischen Sprachen rechnen; Dänisch unterscheidet sich da so deutlich von den anderen nordischen Sprachen, dass man zwischen einem südnordischen Zweig (Dänisch) und einem nordnordischen Zweig (Isländisch, Norwegisch und Schwedisch) unterscheiden kann, wie esAbb. 1.2 zeigt.

Dies spiegelt die Situation im Hochmittelalter, also in der Zeit zwischen 1050 und 1350. Aus dieser Zeit haben wir die reichhaltigsten literarischen Quellen, und in genau dieser Zeit sprechen wir von der „klassischen“ norrönen Sprache.
Trotz der Sprachgemeinschaft in allen nordnordischen Zweigen war das Verhältnis zwischen Island und Norwegen ‒ politisch, literarisch und kulturell bedingt ‒ besonders eng. Bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts kann man von einer gemeinsamen norrönen Sprache und in Folge von einer gemeinsamen Literatur sprechen, auch wenn die reichste und am stärksten selbstständige Überlieferung dieser Literatur aus Island stammt. Diese Grammatik will eine Einführung in die Sprache sein, der wir in den norwegischen und isländischen Quellen jener Zeit begegnen.

Nach 1350 wird der Abstand zwischen den nordischen Sprachen deutlich größer; für Norwegisch, Schwedisch und Dänisch geht man von einer Übergangszeit ab der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zur Reformation aus, die als Mittelnorwegisch (1350‒1525), jüngeres Altschwedisch (1375‒1525) und jüngeres Mitteldänisch (1350‒1525) bezeichnet wird. Nur für Island macht man diesen Unterschied nicht, sondern setzt die Mitte des 16. Jahrhunderts als Trennlinie der älteren und neueren Periode der isländischen Sprache. Für das Norröne bedeutet dies, dass man in Norwegen von einer zentralen Periode von ca. 1050 bis 1350 („Schwarzer Tod“) ausgeht, in Island hingegen bis Mitte des 16. Jahrhunderts. Dies ist unter anderem die Einteilung, die demOrdbog over det norrøne prosasprog (Kopenhagen 1989 ff.) zugrunde liegt. Aber bis weit in das 15. Jahrhundert hinein und noch zu Beginn des 16. treffen wir auf norwegische Texte, die dem norrönen Sprachsystem in der Form entsprechen, wie es in dieser Grammatik vorgelegt wird.
§ 2 Die Runenreihe.
Unsere Kenntnis der norrönen Sprache beruht auf einer umfangreichen Sammlung schriftlicher Quellen, besonders nach der Einführung des lateinischen Alphabets Ende des 11. Jahrhunderts. Vor ca. 1150 haben wir jedoch keine andere Überlieferung als die der Runeninschriften. Die ältere Runenreihe mit 24 Zeichen kam im 8. Jahrhundert außer Gebrauch zugunsten einer Reihe mit nur 16 Zeichen, der jüngeren Runenreihe. Mit wenigen Ausnahmen sind die ältesten norrönen Texte in diesen Runen geschrieben. Der Stein von Eggja (7. Jahrhundert), dessen Inschrift in älteren Runen gehalten ist, die Sprache hingegen Norrön genannt werden kann, nimmt eine Zwischenstellung ein. Vom 11. Jahrhundert an wurde ein Teil der jüngeren Runenreihe mit Punkten versehen (punktierte Runen), sodass sich die Anzahl der Runenzeichen vermehrte und ungefähr den Buchstabenzeichen des lateinischen Alphabetes entsprach. Die jüngere Runenreihe wurde das ganze Hochmittelalter hindurch verwendet, wie eine Reihe von fast 650 Funden bei Bryggen in Bergen zeigt.
§ 3 Die Einführung des lateinischen Alphabets.
In Norwegen kam das lateinische Alphabet zum Aufzeichnen der norrönen Sprache irgendwann im Laufe des 11. Jahrhunderts in Gebrauch, vielleicht zu Regierungszeiten von Óláfr kyrri (König 1067–1093). Vermutlich vollzog sich dieser Schritt in Island etwas später; wir wissen, dass die Isländer im Winter 1117–18 ihre Gesetze geschrieben haben, aber möglicherweise kam auch hier das lateinische Alphabet vor 1100 zur Anwendung. Zu dem Zeitpunkt war das Englische schon mehrere hundert Jahre lang in lateinischen Buchstaben geschrieben worden. Die Fixierung der norrönen Schrift vollzog sich unter englischem Einfluss im Zusammenhang mit der christlichen Missionierung. Im Altenglischen wurde das Alphabet um zwei Zeichen erweitert, die auch in die norröne Schrift übernommen wurden. Das eine Zeichen,þ („thorn“), war aus der Runenreihe entlehnt – ein stimmloser dentaler Frikativ wie im modernen Englischenthing, norr.þing. Das zweite Zeichen warð („eth“), ein stimmhafter dentaler Frikativ, wie im modernen Englisch that, norr.stað. Im Englischen wie im Norrönen wurden Akzente (Längezeichen) gebraucht, um einen langen Vokal zu markieren. In die norröne Schrift wurde zudem ein besonderes Vokalzeichen eingeführt,ǫ („o caudata“), für einen tiefen, hinteren, gerundeten Vokal, der ungefähr wie daso in dt.offen gesprochen wurde.
§ 4 Verwendung des Alphabets.
Im Hochmittelalter wurden Runen hauptsächlich bei alltäglichen Gegebenheiten benutzt, etwa um eine Eigentumsmarke zu ritzen oder auch kurze Mitteilungen auf verschiedenen Holzgegenständen. Bei anderen schriftlichen Äußerungen kam das lateinische Alphabet zum Einsatz. Es scheint, als hätten die beiden Schriften jeweils ihren eigenen Wirkungs- und Anwendungsbereich gehabt – die Runenreihe für den täglichen Gebrauch, wenn das Messer am schnellsten zur Hand war, und das lateinische Alphabet für größere und dauerhaftere Texte. Das lateinische Alphabet wurde mit Feder und Tinte auf Pergament geschrieben, wie auch Urkunden und Bücher im Ausland. Es gibt einige wenige Pergamenthandschriften, die in Runen geschrieben sind, aber das war die Ausnahme.
§ 5 Normalisierte und nichtnormalisierte Orthografie.
Es gab keine Instanz, die zu norröner Zeit Normen für die Schriftsprache festgelegt hätte. Die Kunst des Schreibens war nicht allgemein verbreitet, sondern beschränkte sich auf einzelne Schreibzentren in Anbindung an Klöster oder der andere kirchliche Zentren innerhalb oder außerhalb der Städte, auf den Staatsapparat rund um die königliche Kanzlei und vereinzelte Großhöfe. Auch wenn jedes Schreibzentrum eine gewisse Standardisierung der Schriftsprache aufrecht erhielt, zeigt das Handschriften- und Urkundenmaterial in vielerlei Hinsicht orthografische und sprachliche Variation.
In nichtnormalisierten Textausgaben wird die Orthografie jeder Handschrift genau kopiert. Aus quellenkritischen Gründen benutzen Sprachforscher und Historiker oft solche Ausgaben, wenn sie nicht direkt die Handschrift selbst studieren, entweder im Original oder in Fotografie (Faksimileausgabe). Hinderlich ist, dass diese Ausgaben oft schwer zugänglich sind und dem Leser auch nur wenige Hilfen bieten. Aus praktischen Gründen hat sich daher im Laufe des 19. Jahrhunderts für die norröne Sprache eine normalisierte Orthografie durchgesetzt; ihr begegnen wir in Grammatiken, Wörterbüchern und den meisten Texten.
§ 6 Aussprache.
In Island und anderen Ländern ist es üblich, das Norröne mit neuisländischer Aussprache zu lesen. In Skandinavien, besonders in Norwegen, und bisweilen in Deutschland gebraucht man traditionell eine rekonstruierte Aussprache des Norrönen, wie auch oft beim Lateinischen und Griechischen. Die Vokale stellen keine große Herausforderung dar, denn mit Ausnahme des Diphthongsey lassen sich im Deutschenentsprechende Parallelen finden. Das Konsonantensystem erfordert hingegen einen kleinen Extraeinsatz, denn hier müssen wir besondere Aufmerksamkeit auf die Zeichenþ,ð,f undg richten (siehe unten).
Als Hauptregel kann man das Norröne dem Schriftbild folgend aussprechen, aber mit gewissen Abweichungen:
| á | ein langes, ungerundetesa, vgl. dt.Saal; da der Laut von der Mitte des 13. Jahrhunderts an gerundet wurde und mit zusammenfiel, kann man ihn wie [ɔ] aussprechen, d.h. wieo in dt.offen |
| ð | wie der Anlaut in engl.that; das Deutsche kennt diesen Laut nicht |
| ey | wie eine vordere Variante des Diphthongs in dt.Eule, mit einem deutlichenö-Laut eingeleitet |
| f | – im Anlaut (fara) und bei Doppelschreibung (offra) wie das deutsche f (fallen) – im Inlaut (sofa) und Auslaut (líf) wie das deutsche v innervös |
| g | – im Anlaut (gera), bei Doppelschreibung (liggja) oder nachn (langr) wie das deutscheg (gut), d.h. als Plosiv (Verschlusslaut) – ansonsten im Inlaut und Auslaut wieg in nisl.saga, d.h. als stimmhafter Frikativ (das plosiveg ohne vollständigen Verschluss) |
| h | wie in dt.Haus, außer vorl,n,r undv; hier hatte der Buchstabe eine frikativische Aussprache;l,n,r waren vermutlich stimmlos |
| j | wie in dt.Jagd, aber mit separater Aussprache auch in Konsonantenverbindungen (kj,sj,skj,stj,tj) |
| r | als gerolltesr; das Zäpfchen-r war zu norröner Zeit unbekannt, galt allenfalls als Sprachfehler |
| þ | wie der Anlaut in engl.thing; das Deutsche kennt den Laut nicht |
| ø | wie in dt.schön |
| ǫ | ein tiefer, hinterer, gerundeter Vokal, [ɔ], wie das deutscheo inoffen |
Zwei Konsonanten werden oft mit nur einem Zeichen geschrieben:
| x | k + s, z.B.lax =laks m. ‘Lachs’ |
| z | t + s,d + s undð + s, z.B.brauzk =brautsk (vonbrjóta st.vb. ‘brechen’),helzk =heldsk (vonhalda st.vb. ‘halten’) undkvezk =kveðsk (vonkveða st.vb. ‘sprechen, sagen’) |
Neben der Aussprache der einzelnen Laute sollte man auch den Silbenverhältnissen im Norrönen Aufmerksamkeit schenken. In betonter Position konnten Silben kurz, lang und überlang sein, und diese Silbenverhältnisse sollte man auch bei der Aussprache zu berücksichtigen versuchen.
| vera | kurzer Vokal | + | kurzer Konsonant | = | kurze Silbe |
| bít | langer Vokal | + | kurzer Konsonant | = | lange Silbe |
| skinn | kurzer Vokal | + | langer Konsonant | = | lange Silbe |
| skírn | langer Vokal | + | langer Konsonant | = | überlange Silbe |
Im Deutschen begegnet man kurzen Silben z.B. in Funktionswörtern wiemit undum (auch in Lehnwörtern wiefit undchic), überlangen Silben hingegen in Wörtern wieObst undMagd. Zu den langen Konsonanten rechnet man auch Konsonantenverbindungen, z.B.rð inhirð undst inhaust.
§ 7 Lautschrift und Phonemschrift.
In diesem und dem folgenden Kapitel wird zur Verdeutlichung der Aussprache einzelner Laute die IPA-Lautschrift gebraucht. Lautschrift steht immer in eckigen Klammern, z.B. norr.bǿn [bø:n] ‘Gebet’. Die IPA-Lautschrift folgt weitgehend der Orthografie der europäischen Sprachen, die das lateinische Alphabet benutzen; so kann z.B. norr.gata ‘Straße’ in der IPA-Lautschrift einfach mit [gata] wiedergegeben werden. Es gibt jedoch eine Reihe von IPA-Zeichen in dieser Grammatik, die näher erklärt werden müssen:
| œ | vorderer, halboffener, gerundeter Vokal; wieö in dt.Mönch |
| ɔ | hinterer, halboffener, gerundeter Vokal; wieo in dt.offen |
| θ | stimmloser dentaler Frikativ; wieth in engl.thing |
| ð | stimmhafter dentaler Frikativ; wieth in engl.that |
| ɣ | stimmhafter velarer Frikativ („frikativesg“), d.h. ohne vollständigen Verschluss gesprochen; noch immer im modernen Isländisch verwendet |
| ɡ | stimmhafter velarer Plosiv („plosivesg“), d.h. mit vollständigem Verschluss gesprochen; entspricht g in dt.Gast |
| r | stimmhafter alveolarer Vibrant, d.h. ein gerollterr-Laut wie in süddeutschen Dialekten |
| ŋ | stimmhafter velarer Nasal; entsprichtng in dt.lang |
| : | Markierung der Länge des vorausgehenden Vokals oder Konsonanten |
| ˈ | Hauptton, vor der Silbe positioniert, z.B. dt.ˈHaus |
| ˌ | Nebenton, ebenfalls vor der Silbe stehend, z.B. dt.ˈRingelˌblume |
Diese Grammatik verwendet keine phonemische Kennzeichnung mit Schrägstrichen, da die Normalorthografie des Norrönen nahezu vollständig der phonematischen Analyse des Norrönen entspricht. Stattdessen benutzen wir hier unterschiedslos die Kursivierung sowohl für Phoneme als auch für einzelne Zeichen, Wörter und Beispielsätze, wie die meisten norrönen Grammatiken. Außerdem finden sich Längezeichen über allen langen Vokalen, also ‘á’, ‘é’, ‘í’, ‘ó’, ‘ú’, ‘ý’, ‘ǽ’, ‘ǿ’, ‘’. Adolf Noreen ist in seinerAltnordischen Grammatik (letzte Ausgabe 1923) ebenso verfahren wie dasOrdbog over det norrøne prosasprog (Kopenhagen 1989 ff.). Allerdings wählen noch immer fast alle Textausgaben ‘æ’ ohne Akzent, und das lange ‘ǿ’ wird oft (z.B. in der ReiheÍslenzk fornrit) mit dem Zeichen ‘œ’ wiedergegeben. In urnordischen Wörtern gebrauchen wir auch den Akzent, kein Makron, über Langvokalen, z.B. urn. *sáru > norr.sr (vgl.§ 17.3). Eine Ausnahme bilden die traditionellen Grammatiken; dort verwenden wir ein Makron in Bezeichnungen wie ō-Stämme (§ 31), ē-Verben (§ 79) u.a. In urnordischen Wörtern kommt auch das Zeichenʀ vor, z.B. urn.sofiʀ > norr.søfr (§ 17.2). Dieser Laut wird teils als einr-Laut, teils als ein stimmhaftess, [z], gedeutet. Jedenfalls fiel er im Laufe des 10. Jahrhunderts mit dem gerolltenr zusammen, sodass das Norröne nur einenr-Laut hat. Des Weiteren wird im Urnordischen dasw verwendet, ein labiovelarer Approximant, [w], der im Norrönen mitv wiedergegeben wird; vgl.§ 17.3, urn. *singwan > norr.syngva.
2 Lautlehre
Der gleichzeitige Blick
§ 8 Synchronie.
Die synchrone Phonologie zielt auf die Darstellung gleichzeitiger Erscheinungen des Lautsystems im Norrönen. Da sich die norröne Sprachperiode jedoch über mehrere Jahrhunderte erstreckt, versteht sich die Notwendigkeit einer Auswahl innerhalb dieses Zeitraums von selbst. Wir haben relativ wenige sprachliche Quellen zum älteren Norrön, und mehrere Merkmale dieser Sprachstufe sind daher noch immer ungeklärt. Mit dem Aufkommen der Lateinischen Schriftlichkeit ändert sich die Situation, und vom Anfang des 12. Jahrhunderts werden die Quellen rasch zahlreicher. Von dieser Zeit an verfügen wir über ein detailliertes Bild der norrönen Sprache. Das, was wir alsklassische norröne Sprache bezeichnen (§ 1), lässt sich auf den Anfang des 13. Jahrhunderts datieren. Dieser Sprachstand liegt der normalisierten Orthografie des Norrönen zugrunde, und eben dieser soll der Besprechung der synchronen Phonologie zugrunde gelegt werden.
Das Vokalsystem
§ 9 Das Vokalsystem.
Im Norrönen unterscheiden wir zwischen einem haupttonigen und einem schwachtonigen System. Das haupttonige System umfasst Monophthonge und Diphthonge, das schwachtonige nur Monophthonge. Haupttonige Vokale stehen in betonten Silben (Haupt- oder Nebenton), schwachtonige Vokale in unbetonten. Da die Wurzelsilbe eines Wortes immer den Hauptton trägt, werden die haupttonigen Vokale auch häufig Wurzelvokale genannt. Flexionsendungen haben keinen Hauptton; dementsprechend werden schwachtonige Vokale oftEndungs- oder Endsilbenvokale genannt.
Auf der Grenze zwischen Vokal- und Konsonantensystem stehen die Halbvokalej undv. Der Aussprache nach gehören sie zu den Vokalen, ihrer Distribution nach zu den Konsonanten.
§ 9.1 Haupttonige Vokale.
Das klassische Norrön hatte 16 haupttonige Vokale, vgl.Abb. 2.1. Dieses System ist nicht völlig symmetrisch, daǽ immer lang undǫ immer kurz ist. Die anderen Vokale können lang oder kurz sein. Das Vokalsystem im älteren Norrön war vollständig symmetrisch mit neun langen und neun kurzen Vokalen, aber vor der Mitte des 13. Jahrhunderts fielen kurzese undæ zusammen; das Gleiche geschah mit langemá und (vgl.§ 18).
| vorn | hinten | |||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | ungerundet | gerundet | |
| hoch | i í | y ý | u ú | |
| mittel | e é | ø ǿ | o ó | |
| tief | ǽ | a | ǫ á | |
Im Altisländischen fielen im 13. Jahrhundert zweimal zwei Vokale zusammen: zunächstø undǫ, etwas späterǿ undǽ. Im neueren Isländisch wird der beim Zusammenfall vonø undǫ entstandene Vokal mit dem Zeichenö wiedergeben (z.B.öx f. ‘Axt’ undör f. ‘Pfeil’), der beim Zusammenfall vonǿ undǽ entstandene mitæ (z.B.bæn f. ‘Bitte’ undmæla sv.vb. ‘sprechen’). Die normalisierte norröne Orthografie hält diese Unterschiede aufrecht –øx vs.ǫr,bǿn vs.mǽla.
§ 9.2 Diphthonge.
Das Norröne kennt drei Diphthonge, alle haupttonig und lang,ei,au undey. Diese Diphthonge enden auf einen Gleitlaut und werden somit schließende Diphthonge genannt. Zu diesen drei Diphthongen entwickelte das Norröne mehrere Diphthonge, die mit einem Gleitlauf beginnen und somit öffnende Diphthonge genannt werden, nämlichjú undjó aus dem urnordischen Diphthongeu (besonders bei starken Verben der zweiten Klasse,§ 85),ja undjǫ durch Brechung (§ 16), undjó undjá durch Zusammenstoß von Vokalen (§ 22.1 (10)).
| vorn | hinten | |
|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | gerundet |
| ei | ey | au |
§ 9.3 Schwachtonige Vokale.
In schwachtoniger Stellung kennt das Norröne nur drei Kurzvokale,i,a,u. Im älteren Isländisch wurden diese alse,a,o oderi,a,o angegeben, während sie im etwas jüngeren Isländisch und in normalisierter norröner Orthografie alsi,a,u stehen. Im Altnorwegischen konnte hingegeni mite wechseln undu mito, nachvokalharmonischen Regeln (siehe dazu Glossar).
| vorn | hinten | |
|---|---|---|
| hoch | i | u |
| tief | a | |
§ 9.4 Halbvokale.
Das Norröne kennt zwei Halbvokale,j undv. Sie gehören zu den hohen Lauten und haben damit die gleiche Platzierung wie die Vokalei undu.
| ungerundet | gerundet | |
|---|---|---|
| hoch | j | v |
Der Unterschied zwischeni undj liegt in ihrer Position: Der Vokali steht im Silbenkern und kann gedehnt werden (vgl.bita sw.vb. ‘zerteilen’ undbíta st.vb. ‘beißen’), der Halbvokalj steht hingegen außerhalb und kann nicht gelängt werden. Diesen Unterschied bezeichnen wir, indem wir dasi syllabisch, dasj asyllabisch nennen.
Der Unterschied zwischenu undv ist ebenfalls positionsbedingt: Der Vokalu steht im Silbenkern, während dasv außerhalb steht;u ist also syllabisch,v asyllabisch.
Im Laufe der norrönen Zeit verlor dasv seine Rundung und fiel mit der stimmhaften Variante [v] des Konsonantenf zusammen. In Handschriften kann man dahergefa wie auchgeva fürgefa st.vb. ‘geben’ finden.
Das Konsonantensystem
§ 10 Das Konsonantensystem.
Das Norröne hatte 14 Konsonanten, wie Abb. 2.5 zeigt. Außerhalb dieses Schemas steht dash. Vor Vokalen, z.B. in Wörtern wie han und hon, kann es fast als stimmloser Vokal gelten, aber vor den Konsonantenl,n undr wurde es vermutlich frikativ ausgesprochen, undl,n undr waren stimmlos.
Die Konsonantenþ [θ] undð [ð] gibt es weder im modernen Skandinavischen noch im Deutschen, hingegen im modernen Isländischen und im Englischen, wenn auch dort mit dem Digrafth geschrieben, wie in thing [θiŋ] und that [ðat]. Die Zeichenþ (ursprünglich aus der Runenreihe stammend und thorn genannt) undð (eth) wurden nach englischem Vorbild in das Nordische aufgenommen, aber in der späteren englischen Orthografie entschied man sich gegen den Gebrauch dieser Zeichen, selbst wenn die Laute weiterhin in der Sprache Bestand hatten. Im modernen Norwegisch ist der stimmhafte Lautð verschwunden, norr.sauðr m. ‘Schaf’ > norw.sau, norr.faðir m. ‘Vater’ > norw.far, aber er steht häufig noch als „stummes d“ in der Schriftsprache, norr.rauðr adj. ‘rot’ > norw.raud, norr.stóð ‘stand’ (vonstanda st.vb. ‘stehen’) > norw.stod. Der stimmlose Lautþ hat sich zut entwickelt, norr.þing > norw.ting, mit Ausnahme von schwachtonigen Wörtern; dort ist er zu d geworden, norr.þú pron. ‘du’ > norw.du. Das Färöische kennt nach wie vor dasð, dagegen ist dasþ mitt zusammengefallen, z.B.þeir >teir pron. ‘sie’.
Zu beachten ist, dassþ nur im Anlaut steht, z.B.þing m. ‘Thing’,ð hingegen nur im In- oder Auslaut, z.B.maðr m. ‘Mann’ undboð n. ‘Einladung’.
| labial | dental | alveolar | palatal-velar | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| stl. | sth. | stl. | sth. | stl. | sth. | stl. | sth. | |
| Plosiv | p | b | t | d | k | g | ||
| Frikativ | f | þ | ð | s | ||||
| Nasal | m | n | ||||||
| Lateral | l | |||||||
| Vibrant | r | |||||||
§ 10.1 Artikulationsorte.
Die Einteilung der Artikulationsorte geschieht nach den Artikulationsorganen, d.h. Lippen, Zähnen und Gaumen. Die Konsonantenp,b undm waren bilabial, wie im modernen Deutsch, dasf hingegen zeigte labiodentale Aussprache, stimmlos im Anlaut, [f], stimmhaft im In- und Auslaut, [v]; vgl.§ 10.4. Die Frikativeþ undð hatten dentale Artikulation, die Plosivet undd hingegen in erster Linie alveolare, wie auch im Deutschen. Die Aussprache vong undk war velar, besaß aber eine große Spannweite – vor vorderen Vokalen war die Aussprache nahezu palatal, vor hinteren Vokalen velar.
§ 10.2 Artikulationsarten.
Die Plosive des Norrönen entsprechen denen des modernen Deutschen, doch konnteg [ɡ] auch eine frikative Aussprache haben, [ɣ], wie noch heute im Isländischen. Der Vibrantr war ein gerolltes [r], wie heute in süddeutschen Dialekten, im Isländischen und in den meisten norwegischen und schwedischen Dialekten. Das Zäpfchen-r wird heute im Dänischen, in südschwedischen Dialekten und südnorwegischen Küstendialekten gebraucht; im Norrönen war es nicht bekannt.
von den Plosiven zu den Liquiden
Unter Berufung auf die Artikulationsart lassen sich die norrönen Konsonanten in zwei Hauptgruppen einteilen, in dieObstruenten und dieSonoranten. Zu den Obstruenten gehören die Plosive und Frikative, alsop,b,t,d,k,g,f,þ,ð,s undh. Diese wurden mit vollständigem Verschluss oder deutlicher Verengung gesprochen und haben daher einen geringen Grad an Sonorität. Zu den Sonoranten gehören Nasale, Laterale und Vibranten, alsom,n,l undr. Sie wurden mit geringerer Verengung gesprochen und dementsprechend mit einem höheren Grad an Sonorität. Unter den Sonoranten bilden das lateralel und der Vibrantr eine Untergruppe mit recht ähnlicher Sonorität; sie werden oftLiquide genannt.
§ 10.3 Länge.
Im Anlaut waren die norrönen Konsonanten immer kurz. Im In- und Auslaut konnten sie kurz oder lang (geminiert) sein. Ausnahmen sindþ undð, die in jeder Stellung kurz waren. Es gibt auch nur wenige Beispiele für das langef (offr n.) undb (ubbi m.) im Norrönen. Der Konsonanth war immer kurz und konnte nur im Anlaut stehen; in Komposita wieúheill undjafnheill steht er zwar innerhalb eines Wortes, jedoch im Anlaut einer Silbe:ú-heill,jafn-heill.
§ 10.4 Variation in der Aussprache.
Einige Konsonanten wurden abhängig von ihrer Position im Wort unterschiedlich ausgesprochen:
| f | Der labiale Frikativf hatte stimmhafte wie stimmlose Aussprache, in der Lautschrift kenntlich gemacht durch [v] für den stimmhaften Laut und [f] für den stimmlosen. Im Anlaut, in der Geminate und in Verbindung mit stimmlosen Konsonanten warf stimmlos, in In- und Auslaut hingegen stimmhaft: fara [fara] – wie dasf in dt.fahren |
| g | Der Konsonantg hatte plosive und frikative Aussprache, in der Lautschrift wiedergegeben mit [ɡ] für den Plosiv und [ɣ] für den Frikativ (vgl.§ 10.2). Im Anlaut, in der Geminate (gg) und nach Nasal warg ein Plosiv, in den anderen Fällen ein Frikativ: gata [gata] – wie dasg in dt.Gasse In altnorwegischen Handschriften wurde der Plosivg oft mit dem Zeichen g geschrieben, z.B. gata, und der Frikativ mit dem Digrafgh, z.B.lagh. Vor stimmlosem Konsonanten war der Gegensatz zwischeng undk in der Aussprache aufgehoben (neutralisiert), wie z.B. in dem Wortpaar norr.lagt vonleggja sw.vb. ‘legen’ und norr.lakt von lakr adj. ‘unzureichend’. Auch im Deutschen werdeng undk vor stimmlosem Konsonanten neutralisiert, vgl. z.B.sagt [zɑ:kt] undMarkt [markt] (oder in einigen Dialekten auch [mɑ:kt]). |
| n | Der Nasaln wurde [n] ausgesprochen, mit Ausnahme der Verbindungenng undnk, wo er [ŋ] ausgesprochen wurde, ohne jedoch vollständig mit dem nachfolgendeng bzw.k assimiliert zu werden, z.B.ungr [uŋgr] undseinka [seiŋka]. |
Orthografie
§ 11 Besonderheiten der norrönen Schrift.
Mit nur wenigen Ausnahmen ist die normalisierte Orthografie des Norrönen orthophon, d.h ein Schriftzeichen (Graphem) entspricht einem Sprachlaut (Phonem). Im Folgenden stehen die wichtigsten Abweichungen.
§ 11.1 Vokallänge.
In dieser Grammatik werden die norrönen Langvokale immer mit Längezeichen wiedergegeben (wie in§ 9.1 erwähnt):mál n. ‘Sprache, Sache’,hér adv. ‘hier’,tíð f. ‘Zeit’,sól f. ‘Sonne’,hús n. ‘Haus’,sýr f. ‘Sau’,sǽll adj. ‘selig, glücklich’ undbǿn f. ‘Gebet, Bitte’. In den meisten Grammatiken und Textausgaben wird hingegen kein Längezeichen über ‘æ’ gebraucht (obwohl es lang ist), und häufig wird das Zeichen ‘œ’ für ‘ǿ’ verwendet. Aus systematischen Gründen verwendet dieses Buch für lange und kurze Vokale jeweils das gleiche Zeichen, setzt aber den Akzent auf alle langen Vokale.
§ 11.2 Konsonantenlänge.
Lange Konsonanten (Geminaten) werden in der Regel durch Doppelschreibung wiedergegeben, z.B.kapp n. ‘Wettstreit’,hǽttr adj. ‘gefährlich’,sekkr m. ‘Sack’; viele davon sind das Resultat von Assimilationen, z.B. urn. *swampuʀ > norr.svǫppr m. ‘Schwamm, Pilz’. In normalisierter Orthografie, z.B. in BaetkesWörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur und auch imNorrøn ordbok von Heggstad, Hødnebø und Simensen, wird ein langer Konsonant vor einem weiteren folgenden Konsonanten oft vereinfacht, z.B.fella, aberfeldi, undkenna, aberkendi (vgl.§ 22.1 (4.3)). Die hier vorliegende Grammatik folgt dieser Regel nicht; daher heißt esfella undfelldi,kenna undkenndi.
§ 11.3 Dental oder Alveolar +s.
Dentale oder alveolare Laute +s werden in der Regel mitz wiedergegeben, z.B. norr.heldsk =helzk (vonhalda st.vb. ‘halten’),brautsk =brauzk (vonbrjóta st.vb. ‘brechen’) undkastiðsk =kastizk (vonkasta sw.vb. ‘werfen’).
§ 11.4 Die Konsonantenverbindungks.
Die Verbindung vonk unds wird üblicherweise mitx wiedergegeben, z.B. norr.laks =lax m. ‘Lachs’,øks =øx f. ‘Axt’.
Silbe und Wortbetonung
§ 12 Die Silbe.
Der Silbenkern ist immer ein Vokal (Monophthong oder Diphthong), während Anfangsrand und Endrand von einem oder mehreren Konsonanten gebildet werden. Es gibt vier Typen:
- bú,kló,sjau (Anfangsrand + Kern)
- á,í,ey (Kern)
- bit,sól,spjót (Anfangsrand + Kern + Endrand)
- ǫl,urð,egg (Kern + Endrand)
Ein haupttoniger Vokal ist in Typ (1) und (2) immer lang, in Typ (3) und (4) lang oder kurz. Ein schwachtoniger Vokal ist immer kurz.
§ 12.1 Silbengrenze.
Es ist oft schwierig, zwischen den einzelnen Silben eine Grenze zu ziehen; das gilt für das Norröne ebenso wie für andere Sprachen. In den silbenzählenden Versmaßen des Norrönen wird die Grenze zur nächsten Silbe unmittelbar vor dem nächstfolgenden Vokal oder beim Wortende angesetzt. Eventuelle Konsonanten vor dem Vokal werden nicht mitgezählt. Bei zusammengesetzten Wörtern folgt man den Grenzen der Zusammensetzungen. Hier einige Beispiele für metrische Silbenverteilung:
sag-a,kall-a,bít-a,tung-ur,gestr,gest-ir,hest-in-um,lǫnd-un-um
aber:
jarð-hús,hirð-maðr,ill-hug-aðr,kon-ung-a-bók
Diese Regeln fallen nicht unbedingt mit den phonologischen Silbengrenzen zusammen. So gesehen, würde mankalla wohl inkal-la trennen,tungur intun-gur [tuŋ-ɡur] etc. Aus praktischen Gründen werden wir im diesem Buch dennoch die metrischen Silbengrenzen zugrunde legen.
§ 12.2 Silbenlänge.
Inhaupttonigen Silben können Vokal (V) und Konsonant (K) jeweils kurz oder lang sein; somit verfügt das Norröne über drei Silbentypen: kurz, lang und überlang. Dies verdeutlichtAbb. 2.7, in der die haupttonigen Silben halbfett hervorgehoben sind. Geminaten (tt innátt) und Konsonantenverbindungen (rð inhirð) gelten als lange Konsonanten. Eventuelle Konsonanten vor dem Silbenkern werden gemäß§ 12.1 nicht mitgezählt.
| kurz | -VK | bit | sag-a | gam-all |
|---|---|---|---|---|
| lang | -V: | á | í | ey |
| -V:K | sól | sauð-ir | beit | |
| -VK: | hirð | vǫllr | bind-um | |
| überlang | -V:K: | nátt | njósn | haust-ar |
Inschwachtonigen Silben ist der Vokal (V) immer kurz, der Konsonant (K) kann kurz, undr,l undn können auch lang sein, vgl.Abb. 2.8.
| kurz | -VK | bú-i | ver-a | kall-að-i |
|---|---|---|---|---|
| -V | hest-ar | gǫm-ul | kall-að-i | |
| lang | -VK: | apt-ann | djǫf-ull | ham-arr |
§ 13 Wortbetonung.
Im Norrönen waren die Silben entweder haupttonig oder schwachtonig, aber einige der haupttonigen hatten einen nur schwächeren Druck und werden als nebentonige gerechnet. In den folgenden Beispielen markiert ein hochgestellter Strich den Hauptton, ein tiefgestellter den Nebenton, während schwachtonige Silben ohne jedes Zeichen stehen:
| Silben mit Hauptton | ˈgefˌand-i,ˈjafn-ˌheill-ar,ˈgam-all |
| Silben mit Nebenton | ˈgef-ˌand-i,ˈjafn-ˌheill-ar |
| Schwachtonige Silben | ˈgef-ˌand-i,ˈjafn-ˌheill-ar,ˈgam-all |
Im Norrönen lag der Hauptton normalerweise auf der Wurzelsilbe. Einzelne Ableitungssuffixe, u.a. -and und -ótt, sowie die zweite Wurzelsilbe in Komposita, z.B.jafn-heill, trugen wahrscheinlich einen Nebenton. Andere Ableitungssuffixe, u.a. -al/-ul/-il, waren schwachtonig, ebenso alle Flexionsendungen.
Der historische Blick
§ 14 Diachronie.
Die diachrone Phonologie gibt eine historische Darstellung der Phonologie und konzentriert sich daher aufVeränderungen. Hier wollen wir keine vollständige diachrone Darstellung geben, sondern uns damit begnügen, den Hintergrund für ein zentrales Teilgebiet der synchronen Phonologie zu erklären, nämlich denVokalwechsel. Dieser ist immer noch in der synchronen Phonologie sichtbar und mitverantwortlich für Variation in der Flexion, besonders von Verben und Substantiven, wie die folgenden Beispiele zeigen:
| Verb | Substantiv | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | gefa | gaf | gefit | maðr | menn |
| Nynorsk | gjev | gav | gjeve | mann | menn |
| Deutsch | geben | gab | gegeben | Mann | Männer |
| Englisch | give | gave | given | man | men |
Der Vokalwechsel ist durchweg eine Eigenschaft aller germanischen Sprachen. Das gilt u.a. für die Tempus- und Modusformen starker Verben sowie für die Kasus- und Numerusflexion des Substantivs.
Ablaut und Brechung
§ 15 Ablaut.
Der Ablaut ist eine Form von Vokalwechsel, die sich im Norrönen in Flexion und Wortbildung zeigt, z.B. bei der Konjugation starker Verben wie norr.krjúpa –kraup –krupu –kropit ‘kriechen’ oder bei Wortableitungen wiebjúgr adj. ‘gebogen’ –baugr m. ‘Ring’ –bugr m. ‘Bucht, Biegung’ –bogi m. ‘Bogen’. Der Ablaut geht auf die indogermanische Grundsprache zurück und ist noch nicht vollständig erforscht. Zentrales Merkmal des Ablauts ist die Entstehung eines Wechsels zwischen den Vokalene undo und einzelnen syllabischen Konsonanten, wozu später noch ein Vokal hinzukam, vorzugsweiseu. Die weitere Entwicklung ist kompliziert; daher wollen wir uns hier damit begnügen festzuhalten, dass der Ablaut eine besondere Form des Vokalwechsels ist, dessen Resten wir in allen germanischen Sprachen begegnen, also auch im Norrönen und heutigen Deutsch, vor allem innerhalb der Verbflexion. Der durch den Ablaut entstandene Vokalwechsel in Flexion und Wortbildung wird üblicherweise inAblautreihen oderAblautklassen gegliedert, d.h. in Reihen mit wechselndem Wurzelvokal.
Abb. 2.9 zeigt, dass sich im Vergleich zum Norrönen im Deutschen eine Reihe von Änderungen vollzogen hat, aber die Ähnlichkeiten werden dennoch deutlich. Die 1. und 3. Reihe der deutschen Verben kann man in zwei Gruppen teilen, die 4. Reihe ist mit einer der Varianten der 3. Reihe zusammengefallen. Dieser Zusammenfall ist die Folge davon, dass die Formen im Präteritum Plural im modernen Deutsch wegfielen und damit auch der Unterscheid zwischen der dritten und vierten Klasse aufgehoben war.
Bei den norrönen Verben (und auch bei deutschen) ist die Variation größer, als die Tabelle ahnen lässt, besonders in den Infinitivformen. Vom Urnordischen zum Norrönen haben sich mehrere Lautänderungen vollzogen, durch die sich andere Wurzelvokale als die hier aufgeführten entwickelt haben. In der 2. Reihe wird der Wurzelvokal im Infinitiv vorf,b,g undk (also vor labialen und velaren Konsonanten) alsjú realisiert, vor allen anderen Konsonanten alsjó. In der 3. Reihe steht bei manchen Verben im Infinitiv als Wurzelvokale, z.B.bresta;ja bei anderen Verben (durch Brechung,§ 16), z.B.bjarga;i vor Nasal (der sich in der 3. und 4. Reihe findet), z.B.binda;ø vor erhaltenemv, z.B.søkkva. Auch in der 5. und 6. Klasse gibt es Variation, u.a. als Folge eines j-Einschubs auf der Präsenssstufe, z.B.biðja in der 5. Klasse undhefja in der 6. Klasse.
In der 2., 3. und 4. Reihe war der Wurzelvokal im Partizip Perfekt ursprünglichu, und so lautet er auch noch immer vor Nasal (der in der 3. und 4. Reihe vorkommt). In den anderen Fällen ist er zuo gesenkt, vermutlich durch a-Umlaut (vgl.§ 17.1).
Üblicherweise rechnet man im Norrönen und Deutschen mit einer 7. Reihe starker Verben. Was diese verbindet, ist die Beschränkung auf nur zwei Stufen: einen Vokalismus im Infinitiv und Partizip Perfekt, einen im Präteritum. Im Deutschen ist diese Reihe homogener als im Norrönen, weil fast alle Verben im Präteritumie haben, z.B.blasen –blies –geblasen, aber im Infinitiv/Perfekt kanna,au,ei,o oderu stehen:fallen,laufen,heißen,stoßen,rufen. Im Norrönen teilt man diese Verben in vier Unterklassen; vgl.§ 90 unten.
Im Verbkapitel bringen die Paragrafen84‒90 eine vollständige Übersicht über den Vokalimus in den sieben Klassen der starken Verben. Dort sieht man auch, dass es bei den starken Verben einen weiteren Vokalwechsel gibt, nämlich den i-Umlaut im Präsens Singular und im Konjunktiv Präteritum. Wie unten in§ 75.1 erklärt, führt dies im Norrönen bei den starken Verben zu einem Wechsel zwischen bis zu sechs verschiedenen Vokalen: bis zu vier durch den Ablaut und bis zu zwei durch den Umlaut.
| 1. Reihe | í | ei | i | i | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | bíta | beit | bitu | bitit | |
| Deutsch | a | beißen | biss | gebissen | |
| b | bleiben | blieb | geblieben | ||
| 2. Reihe | jú / jó | au | u | o | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | krjúpa | kraup | krupu | kropit | |
| Deutsch | kriechen | kroch | gekrochen | ||
| 3. Reihe | e | a | u | o | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | bresta | brast | brustu | brostit | |
| Deutsch | a | finden | fand | gefunden | |
| b | bersten | barst | geborsten | ||
| 4. Reihe | e | a | á | o | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | bera | bar | báru | borit | |
| Deutsch | wie Reihe 3b | ||||
| 5. Reihe | e | a | á | e | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | gefa | gaf | gáfu | gefit | |
| Deutsch | geben | gab | gegeben | ||
| 6. Reihe | a | ó | ó | a | |
|---|---|---|---|---|---|
| Norrön | fara | fór | fóru | farit | |
| Deutsch | fahren | fuhr | gefahren | ||
Die Tabelle zeigt die Ablautreihen 1–6. Die 7. Reihe ist nicht aufgenommen, da die Variation innerhalb der Reihe wie auch zwischen Norrön und Deutsch zu groß ist; vgl.§ 90 mit einer vollständigen Übersicht. Aufgeführt sind hier bei den norrönen Verben Infinitiv, Präteritum Singular (3. Person), Präteritum Plural (3. Person) und Supinum (Akkusativ Singular Neutrum des Partizips Perfekt). Die deutschen Verben stehen mit Infinitiv, Präteritum und Partizip Perfekt. Die modernen germanischen Sprachen unterscheiden beim Wurzelvokal im Präteritum nicht mehr zwischen Singular und Plural.
§ 16 Brechung.
Ein charakteristischer Lautwechsel vom Urnordischen zum Norrönen ist dieBrechung; hierbei wird ein kurzes, haupttonigese in bestimmter lautlicher Umgebung ‒ vor allem vorr oderl + Konsonant ‒ gebrochen (d.h. segmentiert) zuja, z.B. urn. *hertō > norr.hjarta n.sg. ‘Herz’ und *helpan > norr.hjalpa st.vb. ‘helfen’. In einer zweiten Phase konnteja durch u-Umlaut zujǫ gerundet werden, z.B. *hertu > *hjartu >hjǫrtu n.pl. (vgl. § 17.3). Das Deutsche kennt keine Brechung; so erklären sich Formen wieHerz,eben,Erde im Deutschen gegenüberhjarta,jafn,jǫrð im Norrönen.
Im Norrönen ist die Brechung nicht mehr aktiv. Aber einzelne Abweichungen innerhalb des Flexionssystems sind vor diesem Hintergrund des Lautwechsels leichter zu verstehen. Das gilt zum einen für bestimmte starke Verben der 3. Reihe, die in einzelnen Präsensformen Übergang vone zuja zeigen, z.B. urn. *helpan > norr.hjalpa ‘helfen’, urn. *bergan > norr.bjarga ‘bergen’. Zum anderen betrifft die Brechung einige starke Maskulina der u-Klasse,fjǫrðr ‘Fjord’,skjǫldr ‘Schild’ u.a. Diese Wörter hatten im Urnordischen als Wurzelvokale, *ferþuʀ und *skelduʀ, aufgrund der Brechung und anderen Vokalwechsels wurde dieser Vokal aber in allen norrönen Flexionsformen durch andere Vokale ersetzt. In dieser Grammatik zählen wir daher dasja in solchen Substantiven als Wurzelvokalismus (vgl.§ 28).
Umlaut
§ 17 Hintergrund.
Der Umlaut spielt eine sehr wichtige Rolle für den Vokalwechsel bei Flexion und Wortbildung. Er entstand während des Übergangs vom Urnordischen zum Norrönen und zeigt sich nahezu überall in der Flexion: in Plural- und Kasusformen von Substantiven und Adjektiven, bei der Komparation von Adjektiven und Adverbien sowie in Präsens- und Konjunktivformen von Verben. Die Ursache für den Umlaut liegt in der Entwicklung des Wortakzents. In der indogermanischen Grundsprache war der Akzent wahrscheinlich frei und konnte somit bald auf die erste, bald auf eine andere Silbe des Wortes fallen. In den germanischen Sprachen verfestigte sich allmählich der Akzent auf die Wurzelsilbe des Wortes. Diese Entwicklung war vermutlich innerhalb der urnordischen Zeit beendet; sie war dafür verantwortlich, dass die Wurzelsilbe stärker als bisher in den artikulatorischen Mittelpunkt trat.
Im Urnordischen gab es nur fünf Vokale,i,e,a,o undu, die sowohl kurz als auch lang sein konnten. Daraus ergibt sich ein einfaches und symmetrisches System, das sich wie inAbb. 2.10 grafisch darstellen lässt.
| vorn | hinten | |
|---|---|---|
| hoch | i í | u ú |
| mittel | e é | o ó |
| tief | a á | |
Bei der Wiedergabe urnordischer Formen wird der Langvokal oft durch einen Längenstrich, z.B.ū, dargestellt, aber in diesem Buch gebrauchen wir dafür den Akzent, sowohl für Urnordisch wie für Norrön.
Im Laufe der Synkopezeit (ca. 500–ca. 700) wurden die Vokale der Wurzelsilben von dem Vokal der Folgesilbe beeinflusst und viele Wurzelvokale nahmen die Farbe des nachfolgenden Vokals an. So erhielt z.B. der Wurzelvokaló in dem Wort urn. *fótiʀ m.pl. ‘Füße’ aufgrund des vorderen Vokalsi in der Endung -iʀ eine weiter vorn gelegene Aussprache, demǿ angenähert. Es entstanden so neue Varianten zu einer Reihe von Wurzelvokalen, sodassǿ als eine Variante vonó vori hinzukam. Während der Synkopezeit fielen viele der Umlaut hervorrufenden Vokale weg, wodurch diese Varianten den Status eigenständiger Vokale (Phoneme) erhielten. Ein Wort wie urn. *fótiʀ entwickelte sich folglich zu norr.fǿtr, nachdem dasi synkopiert wurde. In einem Wort wie urn. *armaʀ m. ‘Arm’ kam es zu keiner solchen Beeinflussung, und das Wort entwickelte sich zuarmr m. im Norrönen, ohne Änderung des Wurzelvokals, aber mit Synkope des Endsilbenvokals.
Wir gehen beim Übergang vom Urnordischen zum Norrönen von drei Umlauttypen aus, alle benannt nach dem Vokal, der die Lautveränderung hervorrief:
| a-Umlaut | führt zu einer Senkung des hohen Vokals |
| i-Umlaut | führt zu einer Frontierung des hinteren Vokals |
| u-Umlaut | führt zu einer Rundung des ungerundeten Vokals |
Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass der Umlaut eine Assimilation ist, die dadurch entsteht, dass der Vokal in einer Silbe (meist der Wurzelsilbe) von einem Vokal oder Halbvokal der Folgesilbe beeinflusst und diesem angeglichen wird.
§ 17.1 a-Umlaut.
Beim a-Umlaut werden die hohen Wurzelvokalei undu unter dem Einfluss eines nachfolgendena gesenkt. Im Deutschen wird der a-Umlaut daher auch oft als Senkung bezeichnet. Dieser Übergang vollzog sich bereits im frühen Urnordisch, er ist der älteste der drei Umlaute. Ein Beispiel dafür ist die Inschrift auf dem Goldhorn von Gallehus von ca. 400 n.Chr., in dem man der Formhorna n. ‘Horn’, nicht *hurna begegnet. Die Beispiele zeigen die Entwicklung vom frühen Urnordisch zum Norrönen:
| i > e | *wigan > vega | ▸vega st.vb. |
| u > o | *hurna > horn | ▸horn n. |
| vorn | hinten | |
|---|---|---|
| hoch | i í | u ú |
| mittel | e é | o ó |
| tief | a á | |
Der Übergang vonu >o ist von besonderem Interesse, da wir davon ausgehen, dass es auf der ältesten Stufe des Urnordischen noch kein kurzeso gab. Nach dem a-Umlaut wurde, wieAbb. 2.11 zeigt, diese Lücke im System gefüllt. Der Übergang vonu zuo (außer vor Nasal) in der 2., 3. und 4. Ablautreihe der starken Verben erklärt sich durch a-Umlaut, z.B. *brutanaʀ >brotinn vonbrjóta st.vb. ‘brechen’. Zu beachten ist, dass der a-Umlaut nicht die Langvokaleí undú betrifft.
Norrönen ist der a-Umlaut nicht länger aktiv; daher heißt es z.B.muna (und nicht *mona) im Genitiv Plural vonmunr m. ‘Unterschied’. Die Wirksamkeit des a-Umlauts wird auch häufig aus Analogiegründen aufgehoben. So zeigen Wörter wieholt n. undhorn n. in allen Flexionsformen den Wurzelvokalo, auch wenn sie ursprünglich in einzelnen Formen einu hatten. Der a-Umlaut setzte sich nicht im gesamten nordischen Sprachgebiet durch. Deshalb heißt es im Schwedischen heute nochhult gegenüberholt im Norwegischen.
§ 17.2 i-Umlaut.
Beim i-Umlaut wird ein hinterer Vokal in der Wurzel unter Einwirkung des nachfolgendeni oderj palatalisiert (frontiert), d.h. sein Artikulationsort wird nach vorn verschoben. Vom i-Umlaut sind die hinteren Kurz- und Langvokale jeder Höhe betroffen. Das führte zu einer Reihe neuer vorderer Vokale, die den Status selbstständiger Phoneme erhielten –y,ý,ø,ǿ,æ undǽ. Hinzu kam der Diphthongey.
| u > y | *flutjan > flytja | ▸flytja sw.vb. |
| ú > ý | *húsijan > hýsa | ▸hýsa sw.vb. |
| o > ø | *sofiʀ > søfr | ▸sofa st.vb. |
| ó > ǿ | *bótijan > bǿta | ▸bǿta sw.vb. |
| a > æ | *gastiʀ > gæstr > gestr | ▸gestr m. |
| á > ǽ | *sárijan > sǽra | ▸sǽra sw.vb. |
| au > ey | *brautijan > breyta | ▸breyta sw.vb. |
Abb. 2.12 zeigt eine schematische Darstellung des i-Umlauts. Hier erkennt man, dass dieser Umlaut eine Frontierung der hinteren Vokale mit sich bringt, sodassu übergeht iny,o inø etc. Hier ist also die Rede von einer Bewegung auf waagrechter Ebene. Der Übergang vona >æ >e ist eine Ausnahme, daa eine tiefe unde eine mittlere Lage hat, vgl. die Auflistung inAbb. 2.11. Aber im Laufe des 12. Jahrhunderts fallenæ unde zusammen, und der neu entstehende Laut, den wir alse schreiben, wurde damit zum neuen nicht-hohen Partner desa unter den vorderen Vokalen.
Der i-Umlaut betrifft haupttonige Vokale, hauptsächlich in langen Wurzelsilben, z.B.gastiʀ >gestr. Aber zu dieser letzteren Regel gibt es viele Ausnahmen, in Form von langsilbigen Wörtern ohne Umlaut, z.B. *fundiʀ >fundr m. ‘Treffen’, wie auch von kurzsilbigen Wörtern mit Umlaut, z.B. *grafiʀ (2. pers. sg. präs.) >grefr vongrafa st.vb. ‘graben’. Schwachtonige Vokale waren vom i-Umlaut nicht betroffen.
| vorn | hinten | |||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | ungerundet | gerundet | |
| hoch | i í | y ý | u ú | |
| mittel | e é | ø ǿ | o ó | |
| tief | æ ǽ | a á | ||
Im späten Urnordisch war der i-Umlaut eine allgemeine phonologische Regel, wie die Beispiele oben bezeugen. Aber im Laufe der Synkopezeit (ca. 500–ca. 700) fielen alle kurzen und schwachtonigen Vokale weg, sehr häufig das Umlaut auslösendei oderj. Das führte zu Übergängen wie *súpiʀ (2. pers. sg. präs.) >sýpr vonsúpa st.vb. ‘saufen’, *bókiʀ (nom. und akk. pl.) >bǿkr vonbók f. ‘Buch’ etc. Auf norröner Sprachstufe darf man den i-Umlaut in diesen Wörtern nicht als eine phonologische Regel ansehen, denn es gibt keine lautlichen Umstände, die vorschreiben würden, dass der Wurzelvokal von súpa im Präsens zuý wechselt oder dass der Wurzelvokal vonbók im Plural zuǿ wird. Hier handelt es sich vielmehr um eine sprachliche Erscheinung, die wir alsmorphologischen i-Umlaut bezeichnen, vgl.Regel (17) in § 23.
§ 17.3 u-Umlaut.
Beim u-Umlaut werden ungerundete Vokale unter dem Einfluss eines nachfolgendenu oderv (im Urnordischenw geschrieben) gerundet. Der u-Umlaut betrifft in erster Linie die tiefen Vokalea undá, und da es im Urnordischen keine gerundeten, tiefen Vokale gab, entstanden zwei neue Vokale,ǫ und. Dieser Übergang ist inAbb. 2.13 mit einem durchgehenden Pfeil markiert. Der u-Umlaut betraf auch die ungerundeten Vokalei unde, aber nur in Verbindung mitw. In diesen Fällen spricht man von w-Umlaut. InAbb. 2.13 ist dieser Übergang mit gestrichelten Pfeilen markiert.
| i > y | *singwan > syngva | ▸syngva st.vb. |
| e > ø | *gerwan > gørva | ▸gørva, Nebenform zugera sw.vb. |
| a > ǫ | *landu > lǫnd | ▸labd n. |
| á > | *sáru > sr | ▸sár n. |
| vorn | hinten | |||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | ungerundet | gerundet | |
| hoch | i í | y ý | u ú | |
| mittel | e é | ø ǿ | o ó | |
| tief | æ ǽ | a á | ǫ | |
Der u-Umlaut war in späturnordischer Zeit eine allgemeine phonologische Regel, wie die Beispiele oben zeigen. Aber während der Synkopezeit fallen die Umlaut hervorrufenden Lauteu undw in vielen Wörtern weg. So entwickelte sich im Norrönen die urnordische Form *landu (nom. und akk. pl. von *landa n. ‘Land’) nach dem u-Umlaut und der Synkope zulǫnd. In der norrönen Pluralformlǫnd (vonland n.) kann man eine phonologische Erklärung des Wurzelvokals nicht mehr anwenden. Hier handelt es sich um einen morphologischen u-Umlaut, d.h. einen systematischen Wechsel ungerundeter und gerundeter Vokale in bestimmten Flexionsklassen, ohne dass dieser Wechsel in synchronen Lautverhältnissen begründet wäre. Ausführlicher dazuRegel (18) in § 23 unten.
In Verbindung mit den tiefen Vokalena undá ist der u-Umlaut im Norrönen weiterhin eine allgemeine phonologische Regel. So zeigenarmr m. ‘Arm’ undmál n. ‘Sprache, Sache’ u-Umlaut im Dativ Plural,ǫrmum undmlum. Im jüngeren Norrön, vermutlich im Laufe des 13. Jahrhunderts, fallená und zusammen. Die normalisierte Orthografie des Norrönen hat sich für das Zeichen á zur Bezeichnung des durch Zusammenfall voná und entstandenen Lautes entschieden. Somit wurde der u-Umlaut voná unsichtbar; er zeigte sich nur noch beim Kurzvokal:ǫrmum vonarmr, abermálum (nichtmlum) vonmál. In Ausgaben der norrönen Skaldendichtung wird trotzdem zwischená und unterschieden, da dies für das Reimsystem von Bedeutung war.
Anders als der i-Umlaut betrifft der u-Umlaut auch schwachtonige Vokale. Haupttonig wirda zuǫ, schwachtonig zuu, als dem nächsten „Verwandten“ unter den schwachtonigen Vokalen. Das führt zu Formen wiekǫstuðu (3. pers. pl. prät.) vonkasta sw.vb. ‘werfen’ undgǫmul (nom. sg. fem.) vongamall adj. ‘alt’. Vgl.Regel (1) in § 22.1 unten.
Auswirkungen der Umlaute
§ 18 Das neue Vokalsystem.
Die drei Umlaute schufen viele neue Vokale. Wir vermuten, dass das System der haupttonigen Vokale nach Durchführung des Umlauts wie inAbb. 2.14 aussah.
| vorn | hinten | |||
|---|---|---|---|---|
| ungerundet | gerundet | ungerundet | gerundet | |
| hoch | i í | y ý | u ú | |
| mittel | e é | ø ǿ | o ó | |
| tief | æ ǽ | a á | ǫ | |
Wie in§ 17.2 und§ 17.3 gesagt, kam es jedoch innerhalb des norrönen Vokalsystems vor dem Ende des 13. Jahrhunderts zu einigen Zusammenfällen, dieAbb. 2.14 mit Pfeilen verdeutlicht. (1) Das tiefeæ (in Handschriften oft alsę geschrieben) fiel mit dem mittlerene zusammen. Der neue Laut, den wir alse schreiben, war damals ein nicht-hoher Vokal. (2) Das langeá war ursprünglich nicht gerundet, sodasshár ungefähr wie dt.Haar gesprochen wird. Später wurde es gerundet und erhielt eine Aussprache ungefähr wieo in dt.offen. Als Resultat fiel es mit zusammen, und folglich wurde das älteremál sg. –ml pl. zumál sg. –mál pl.
Das Ergebnis solchen Zusammenfalls ist das Vokalsystem des klassischen Norrön, wie es inAbb. 2.1 oben dargestellt wurde. Dieses Vokalsystem liegt der normalisierten Orthografie zugrunde.
3 Wörter und Regeln
Wortstruktur
§ 19 Das Wort.
Ein Wort grenzt sich von einem anderen Wort dadurch ab, dass es eine besondere Betonung haben oder sich im Redefluss mit einer Pause abheben kann. Das Wort ist eine Einheit, die relativ frei verschoben werden kann, manchmal mit einer größeren Änderung in der Bedeutung des Satzes (er schläft vs.schläft er?), manchmal mit marginaler Verschiebung der Bedeutung (nun schläft er vs.er schläft nun). In der Schrift zeigt sich normalerweise die Trennung der Wörter durch Zwischenräume. In alten griechischen und lateinischen Handschriften wurden Wörter ohne Zwischenraum geschrieben,scriptio continua; das gilt auch für viele Runeninschriften. Norröne Handschriften mit lateinischen Buchstaben sind hingegen durchweg mit Wortzwischenräumen geschrieben. Dennoch zeigt sich die Tendenz, Präposition + Substantiv zusammenzuschreiben, z.B. „ilandinu“ ‘im Land’ oder „ahofði“ ‘auf dem Kopf’, Zusammensetzungen hingegen auseinander, z.B. „hofuð engill“ ‘Erzengel’. In normalisierten Texten ist dieses entsprechend der neueren Orthografie berichtigt:í landinu,á hǫfði,hǫfuðengill.
§ 19.1 Wurzel.
Jedes Wort hat eine Wurzel. Die Wurzel ist der Teil des Wortes, der den Änderungen durch Flexion und Wortbildung am wenigsten ausgesetzt ist. Wurzeln sind außerdem lexikalische Morpheme und tragen folglich den Hauptinhalt eines Wortes. Das gilt für zusammengesetzte wie für nicht-zusammengesetzte Wörter. In den Wörternvinir ‘Freunde’ undvinsemd ‘Freundschaft’ trägt die Wurzelvin ‘Freund’ den Hauptteil der lexikalischen Bedeutung des Wortes. Da die Wurzel weniger als andere Teile des Wortes Änderungen ausgesetzt ist, erkennt man Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Sprachen und Sprachstufen am einfachsten durch den Vergleich der Wurzeln.
§ 19.2 Stamm.
Viele Wörter sind Ableitungen oder Zusammensetzungen. Bei Ableitungen wird der Wurzel ein Affix hinzugefügt, wie z.B. -semd in dem Wortvinsemd, oderú- und-lig in dem Wortúvinligr ‘unfreundlich’. Die Zusammenfügung von Wurzel und Affix führt zu einer größeren Einheit, die wir Stamm nennen. Das Beispielúvinligr zeigt, dass ein Affix alsPräfix vor der Wurzel und alsSuffix hinter der Wurzel stehen kann. Bei Zusammensetzungen werden zwei oder mehrere Stämme aneinandergefügt, wie z.B.vin undgjǫf invingjǫf ‘Freundesgabe’. Die meisten norrönen Wörter sind jedoch keine Zusammensetzungen und haben auch keine Ableitungsaffixe. In solchen Wörtern fallen Wurzel und Stamm zusammen, z.B.vin invinr undhest inhestr ʻPferdʼ. Den abschließenden Laut eines Stamms nennen wirStammausgang oder -auslaut, z.B. -n invinr und -g inúvinligr.
§ 19.3 Flexionsendung.
An den Stamm kann sich eine Flexionsendung anschließen, z.B.vin +r →vinr,úvinlig +r →úvinligr odervingjǫf +in →vingjǫfin ‘die Freundesgabe’. Endprodukt ist eine Wortform. Ausgehend von der vollen Wortform können wir also erst die Flexionsendungen abziehen, um zum Stamm zu gelangen, und dann eventuelle Ableitungsaffixe, um die Wurzel zu erhalten.Abb. 3.1 undAbb. 3.2 zeigen den Aufbau der beiden Wortformenúvinligr undvingjǫfin.
§ 20 Paradigmen.
Das Substantivhestr m. wird in zwei Numeri (Singular und Plural) und in vier Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ) flektiert. Es lässt sich in einem Paradigma, d.h. Muster, zeigen, wie dieses und ähnliche Wörter flektiert werden müssen (Abb. 3.3):
| Sg. | Pl. | |
|---|---|---|
| Nom. | hestr | hestar |
| Gen. | hests | hesta |
| Dat. | hesti | hestum |
| Akk. | hest | hesta |
In diesem Wort fallen Wurzel und Stamm,hest-, zusammen. Die Flexionsendungen lassen sich somit wie folgt auflisten:
| Sg. N. | r | Pl. N. | ar |
| G. | s | G. | a |
| D. | i | D. | um |
| A. | – | A. | a |
Einige Formen haben keine Endung, hier mit Strich, –, markiert. Die vollständigen Wortformen erhalten wir durch Anhängen der Flexionsendungen an den Wortstamm:
| Sg. N. | hest | + | r | = | hestr |
| G. | hest | + | s | = | hests |
| D. | hest | + | i | = | hesti |
| A. | hest | + | – | = | hest |
| Pl. N. | hest | + | ar | = | hestar |
| G. | hest | + | a | = | hesta |
| D. | hest | + | um | = | hestum |
| A. | hest | + | a | = | hesta |
Das Substantivaptann ‘Abend’ wird normalerweise zur gleichen Flexionsklasse wie hestr gerechnet (vgl.§ 26.1). Aber in der Flexion dieses Substantivs vollziehen sich Änderungen im Stamm wie auch in den Endungen. Die Flexion lässt sich auf zwei unterschiedliche Arten analysieren. Nach der einen Analyseart können wir sagen, dass das Wort drei verschiedene Stämme hat, nämlichaptan,aptn undǫptn, und dass es im Nominativ Singular eine abweichende Flexionsendung zeigt:
| Sg. N. | aptan | + | n | = | aptann |
| G. | aptan | + | s | = | aptans |
| D. | aptn | + | i | = | aptni |
| A. | aptan | + | – | = | aptan |
| Pl. N. | aptn | + | ar | = | aptnar |
| G. | aptn | + | a | = | aptna |
| D. | ǫptn | + | um | = | ǫptnum |
| A. | aptn | + | a | = | aptna |
Nach der anderen Analyse gehen wir von einem einzigen Stamm, aptan, in allen Formen aus und stellen die gleichen Flexionsendungen wie für hestr auf. Die Modifikatio-nen an Stamm und Flexionsendungen erklären wir mit drei verschiedenen Regeln: dem u-Umlautaptnum →ǫptnum, dem Vokalschwundaptan- →aptn- und der Assimilationnr →nn. Damit lässt sich für die Flexion vonaptann ein gleiches Paradigma aufstellen wie für die Flexion vonhestr, in dem die Regeln entsprechend der Übersicht in§ 21 bis§ 23 unten nummeriert sind:
| Sg. N. | aptan | + | n | (2)Assimilation | = | aptann |
| G. | aptan | + | s | = | aptans | |
| D. | aptn | + | i | (14)Vokalschwund | = | aptni |
| A. | aptan | + | – | = | aptan | |
| Pl. N. | aptn | + | ar | (14)Vokalschwund | = | aptnar |
| G. | aptn | + | a | (14)Vokalschwund | = | aptna |
| D. | ǫptn | + | um | (14)Vokalschwund und(1)u-Umlaut | = | ǫptnum |
| A. | aptn | + | a | (14)Vokalschwund | = | aptna |
Hätte das Norröne nur diese beiden Wörter,hestr undaptann, gekannt, wäre die erste Analyseart von aptann sicherlich die bessere gewesen. Da aber die Lautveränderungen in einer Reihe anderer Wörter vorkommen, ist es gewinnbringender, der zweiten Analyseart zu folgen; die Darstellung der Flexionslehre wird auf diese Weise viel ökonomischer.
Abb. 3.4 zeigt, wie sich die phonologischen Regeln der Wortformaptann (nom.sg.) einordnen. Das Modell zeigt auch, dass sich die phonologischen Regeln in manchen Fällen nicht auswirken, z.B.gestr (nom.sg.), und in einigen Fällen sind nicht einmal Endungen zu verzeichnen, z.B.vin (akk.sg.). Im Folgenden werden wir sehen, dass neben den phonologischen Regeln vereinzelt auch morphologische Regeln die gleiche Auswirkung auf die Flexion eines Wortes haben.
Flexionsregeln
§ 21 Regeltypen.
Wir unterscheiden bei den Flexionsregeln zwei Haupttypen, die abhängig sind von ihrer Umgebung: die phonologischen und die morphologischen Regeln.
(a)Phonologische Regeln sind Lautregeln, die greifen, wenn die lautliche Umgebung den Anlass gibt. Wenn das Substantivland n. ‘Land’ im Dativ Plural u-Umlaut zeigt,lǫndum, können wir dies aufgrund einer Regel erklären, die besagt, dass a gerundet wird, wenn in der Flexionsendung einu steht. Die Regel stellen wir also wie folgt auf:
| a →ǫ | *landum →lǫndum | ▸land n. |
Da diese Regel immer gilt, sprechen wir von einer allgemeinen Regel. Manche phonologischen Regeln gelten nur in bestimmten Zusammenhängen, z.B. in bestimmten Flexionsformen. Eine solche Regel ist zum Beispiel die Auslautverhärtung; sie besagt, dass im Auslaut im Imperativ und Präteritum starker Verbend zut verhärtet wird:
| d →t | *gald →galt | ▸gjalda st.vb. |
Diese Regel gilt in keinem anderen Zusammenhang, und deshalb heißt esland und nicht *lant. Solche Regeln bezeichnen wir als morphophonologische Regeln.
(b)Morphologische Regeln sind Regeln, die in einzelnen Wörtern oder Flexionsklassen gelten, häufig ohne dass sich eine gemeinsame Struktur in diesen Wörtern erkennen lässt. Wenn das Substantivland die Pluralformlǫnd zeigt, können wir das nicht als phonologische Regel bezeichnen, da in dem Wort keinu sichtbar ist. Das Umlaut bewirkendeu schwand während der Synkopierung vom Urnordischen zum Norrönen, sodass die Flexionland ~lǫnd auf norröner Sprachstufe als bloßer Vokalwechsel erscheint:
| a →ǫ | *land →lǫnd | ▸land n. |
Üblicherweise unterscheidet man zwischen älterem und jüngerem u-Umlaut, wobeiland →lǫnd ein Beispiel für den älteren,landum →lǫndum für den jüngeren Umlaut ist. Dieser Unterschied entspricht dem hier zwischen phonologischen und morphologischen Regeln gezogenen, sodass man den älteren u-Umlaut als morphologischen, den jüngeren u-Umlaut als phonologischen Umlaut bezeichnen kann.
Phonologische Regeln
§ 22.1 Allgemeingültige phonologische Regeln.
Die allgemeingültigen phonologischen Regeln gelten in allen Fällen, in denen die Bedingungen für die Regel erfüllt sind. In einigen Fällen können sie jedoch aus Gründen der Analogie aufgehoben sein oder sie sind nicht im ganzen Sprachgebiet durchgeführt. So istRegel (1)phonologischer u-Umlaut in vielen ostnorwegischen Handschriften nicht durchgeführt; daher findet man nebeneinander die Formenlǫndum undlandum vonland n.Regel (6)Kontraktion kann aus Analogiegründen aufgehoben sein, sodass sich nebeneinander Formen finden wiemóm undmóum vonmór m.
(1) Phonologischer u-Umlaut.
Flexionsendungen, die den Vokalu enthalten, führen zu einer Rundung desa in der oder den vorausgehenden Silbe(n). Es handelt sich also um eine regressive Vokalassimilation. Ein haupttonigesa wird zuǫ, ein schwachtoniges zuu:
| a →ǫ oderu | *sag +ur →sǫgur | ▸saga f. |
| *kall +að +u →kǫlluðu | ▸kalla sw.vb. | |
| *spak +ast +um →spǫkustum | ▸spakr adj. | |
| *gefand +um →gefǫndum | ▸gefandi m. |
Die Reduzierung von schwachtonigemǫ zuu beruht darauf, dassu unter den drei schwachtonigen Vokalena,i undu der naheliegendste ist; so ergibt *kall +að +u → *kǫll +ǫð +u →kǫlluðu. Das Ableitungssuffix -and hingegen hat Nebenton, was zu dem Ergebnisgefǫndum und nicht *gefundum führt.
Der phonologische u-Umlaut vollzieht sich nicht bei Substantiven mit angehängtem Artikel, z.B.hjarta +inu →hjartanu (nicht *hjǫrtunu) undskála +inum →skálanum (nicht *skálunum); ebenso nicht bei dem angehängten Pronomenþú, z.B.far þú →farðu (nicht *fǫrðu),miskunna þú →miskunnaðu (nicht *miskunnuðu).
(2) Progressive Konsonantenassimilation.
Die Flexionsendung -r wird oft völlig assimiliert mits,l odern im Stammausgang, z.B. *stól +r →stóll. Da die Assimilation zur Entstehung einer Geminate (Doppelkonsonanz) nach einem anderen Konsonanten führt, wird das Ergebnis nachRegel (4.1) gekürzt, z.B.nagl +r → *nagll →nagl.
| sr →ss | *frýs +r →frýss | ▸frjósa st.vb. | |
| *laks +r → *lakss (→laks = lax) | ▸lax m. | vgl.(4.1) | |
| lr →ll | *stól +r →stóll | ▸stóll m. | |
| *nagl +r → *nagll (→nagl) | ▸nagl m. | vgl.(4.1) | |
| nr →nn | *grǿn +r →grǿnn | ▸grǿnn adj. | |
| *vagn +r → *vagnn (→vagn) | ▸vagn m. | vgl.(4.1) |
Wenn der Stamm auf die Geminatess endet, wirds assimiliert, z.B. *hvass +r →hvass adj. Nachll undnn findet normalerweise keine Assimilation statt, vgl.vǫllr m.,fullr adj.,brunnr m.,sannr adj. Eine Ausnahme bildet u.a. *menn +r →menn vonmaðr m.
Nachl undn in kurzer Silbe findet üblicherweise keine Assimilation statt, vgl.dalr m.,dynr m.,kylr m. undsvanr m. Eine Ausnahme bildet das Verbvilja, das im Präsens Assimilation zeigt, *vilr →vill.
(3) Regressive Konsonantenassimilation.
Im Stammausgang werden die Konsonantend undð völlig mit der nachfolgenden Flexionsendungt assimiliert.
| dt →tt | (*fǿdd +t →) *fǿdt →fǿtt | ▸fǿða sw.vb. | vgl.(4.3) |
| *blind +t → *blintt (→blint) | ▸blinda sw.vb. | vgl.(4.1) | |
| ðt →tt | *blíð +t →blítt | ▸blíðr adj. | |
| *bauð +t →bautt | ▸bjóða st.vb. | ||
| *kallað +t → *kallatt (→kallat) | ▸kalla sw.vb. | vgl.(4.2) |
In schwachtoniger Stellung wird der Nasaln völlig mit der Flexionsendungt assimiliert.
| nt →tt | *opin +t → *opitt (→opit) | ▸opinn adj. | vgl.(4.2) |
| *numin +t → *numitt (→numit) | ▸nema st.vb. | vgl.(4.2) |
Diese Regel gilt nicht, wenn ein haupttonigesn auf die Flexionsendungt trifft. Deshalb heißt esblint (nicht *blitt) vonblindr adj.
(4) Konsonantenkürzung.
Entstehen durch Flexion Geminaten, werden diese immer gekürzt, wenn ein anderer Konsonant vorausgeht, z.B. *send +di →sendi vonsenda sw.vb. Ebenso wird die Geminate tt nach schwachtonigem Vokal immer gekürzt, *opin +t → *opitt →opit vonopinn adj. Hingegen sind Kürzungen nicht immer durchgeführt, wenn die Geminaten auf einen neuen Konsonanten stoßen.
(4.1)
Geminaten, die nach einem anderen Konsonanten entstehen, werden immer gekürzt.
| dd →d | *send +di →sendi | ▸senda sw.vb. | |
| ðð →ð | *gyrð +ði →gyrði | ▸gyrða sw.vb. | |
| tt →t | *skipt +ti →skipti | ▸skipta sw.vb. | |
| (*blind +t →) *blintt →blint | ▸blindr adj. | vgl.(3) | |
| ll →l | (*nagl +r →) *nagll →nagl | ▸nagl m. | vgl.(2) |
| nn →n | (*vagn +r →) *vagnn →vagn | ▸vagn m. | vgl.(2) |
| ss →s | (*laks +r →) *lakss →laks =lax | ▸lax m. | vgl.(2) |
| rr →r | *fagr +r →fagr | ▸fagr adj. |
(4.2)
Die Geminatett wird nach schwachtonigem Vokal immer gekürzt.
| tt →t | (*opin +t →) *opitt →opit | ▸opinn adj. | vgl.(3) |
| (*kallað +t →) *kallatt →kallat | ▸kalla sw.vb. | vgl.(3) |
(4.3)
Geminaten werden manchmal vor Obstruent gekürzt.
| pp →p | kipp +ti →kipti | ▸kippa sw.vb. | |
| kk →k | þekk +ti →þekti | ▸þekkja sw.vb. | |
| dd →d | *fǿdd +t → *fǿdt (→fǿtt) | ▸fǿða sw.vb. | vgl.(3) |
| gg →g | bygg +ði →bygði | ▸byggja sw.vb. | |
| ss →s | hvess +ti →hvesti | ▸hvessa sw.vb. | |
| mm →m | skamm +t →skamt | ▸skammr adj. | |
| nn →n | kenn +di →kendi | ▸kenna sw.vb. | |
| ll →l | fell +di →feldi | ▸fella sw.vb. |
Nicht gekürzt werden Geminaten vor den Halbvokalenj undv und normalerweise auch nicht vor den Konsonantenr unds; vgl.þykkja sw.vb.,liggja st.vb.,nǫkkvi m.,søkkva st.vb.,kǫttr m.,styggr adj.,alls adv.,manns vonmaðr m.
Regel (4.3) ist eher eine orthografische als phonologische Regel. Da die Kürzung vor einem neuen Konsonanten zu undurchsichtigen Formen führen kann, folgen wir – wie auch dasOrdbog over det norrøne prosasprog – dieser Regel hier nicht (§ 11.2).
(5) Konsonantendehnung.
Nach langem Vokal im Stammausgang wird der Konsonant in Flexionsendungen gedehnt, die mitr odert beginnen.
| *trú +rar →trúrrar | ▸trúr adj. | *ný +ra →nýrra | ▸nýr adj. |
| *sá +t →sátt | ▸sjá st.vb. | *blá +t →blátt | ▸blár adj. |
(6) Kontraktion.
Trifft ein haupttoniger Vokal im Stammausgang auf den schwachtonigen Vokal einer Flexionsendung, fällt der schwachtonige weg, wenn beide Vokale die gleiche oder nahezu gleiche Qualität haben. Sind beide Vokale schwachtonig, fällt entweder einer von ihnen weg, wenn sie die gleiche Qualität haben, oder der weniger sonore, wenn sie unterschiedlicher Qualität sind. Generell kann man sagen, dass der haupttonige Vokal über den schwachtonigen, der sonorere über den weniger sonoren Vokal siegt. Von den drei schwachtonigen Vokalena,u undi ista am stärksten sonor,i am wenigsten.
(6.1)
Haupttoniger Vokal stößt auf schwachtonigen Vokal.
Nach haupttonigemé fällt schwachtonigesi weg.
| *tré +i →tré | ▸tré n. | *fé +i →fé | ▸fé n. |
Nach haupttonigemá fällt schwachtonigesa weg.
| *á +ar →ár | ▸á f. | *brá +a →brá | ▸brá f. |
Nach haupttonigemú,ó undá fällt schwachtonigesu weg.
| *trú +um →trúm | ▸trúr adj. | *blá +um →blám | ▸blár adj. |
| *mó +um →móm | ▸mór m. | *sá +u →sá | ▸sjá st.vb. |
Durch Analogie kommt es später zu Formen ohne Kontraktion, wiegráan,móum,trúum u.ä. Solchen Formen begegnen wir auch in normalisierten Textausgaben.
(6.2)
Schwachtoniger Vokal stößt auf neuen schwachtonigen Vokal.
Nach langer Wurzelsilbe fällti weg, wenn es aufi,a undu trifft.
| *hirði +i →hirði | ▸hirðir m. |
| *hersi +ar →hersar | ▸hersir m. |
| *kvǽði +um →kvǽðum | ▸kvǽði n. |
(7) Schwund des Halbvokalsj.
Wegen des i-Umlauts kannj vor vorderem Wurzelvokal stehen bleiben,ja →je,jó →jǿ undjú →jý, vgl.Regel (13) undRegel (17). In dieser Position hebtj den Wurzelvokal an und fällt danach weg. Das Ergebnis sind in allen drei Fällen hohe Wurzelvokale,je →i,jǿ →y undjý →ý (der letzte Vokal ist von vornherein hoch).
| je →i | (*fjarði →) *fjerði →firði | ▸fjǫrðr m. | vgl.(13) |
| jǿ →ý | (*brjótr →) *brjǿtr →brýtr | ▸brjóta st.vb. | vgl.(17) |
| jý →ý | (*krjúpr →) *krjýpr →krýpr | ▸krjúpa st.vb. | vgl.(17) |
(8) Schwund des Halbvokalsv.
Als Folge von Wechsel durch Ablaut oder Umlaut kannv vor gerundetem Vokal zu stehen kommen. In solchen Fällen fälltv weg.
| vu →u | *vurðu →urðu | ▸verða st.vb. |
| vy →y | *vyrði →yrði | ▸verða st.vb. |
| vǿ →ǿ | *svǿri →sǿri | ▸sverja st.vb. |
| vó →ó | *þvó →þó | ▸þvá st.vb. |
Vor den runden Langvokalenǫ undá bleibtv hingegen stehen, vgl.vǫlva f. undvár n. Auch in intervokalischer Stellung fällt es nicht weg, z.B.frǽvum vonfrǽr adj.
(9) Konsonantenschwund.
Stößt ein Stamm, der auf zwei oder mehr Konsonanten endet, auf eine Flexionsendung, die mit Konsonant beginnt, können ein oder mehrere Konsonanten im Stammausgang solcher Wörter wegfallen.
| rg +t →rt | *margt →mart | ▸margr adj. |
| sl +t →st | *sýslti →sýsti | ▸sýsla sw.vb. |
| tn +s →ts | *vatns →vats = vaz | ▸vatn n. |
| tst +sk →tsk | *brautstsk →brautsk =brauzk | ▸brjóta st.vb. |
Üblicherweise wird dieser Schwund als Dreikonsonantengesetz bezeichnet, weil hier, wie oft, der mittlere von drei Konsonanten verloren geht.
(10) Akzentverschiebung bei Hiatus (Zusammenstoß von Vokalen).
Stößt der haupttonige Wurzelvokalé mit schwachtonigema oderu der Flexionsendung zusammen, wird der letzte Vokal in die Wurzelsilbe hineingezogen. Der Wurzelvokalé wird in den Silbenanlaut gestoßen und mit dem Halbvokalj realisiert. Der Silbenkern wird vona übernommen, das zuá gedehnt wird, oder vonu, das zuó oderá gedehnt wird.
| éa →já | *sé +a →sjá | ▸sjá st.vb. |
| éu →jó oderjá | *tré +um →trjóm odertrjám | ▸tré n. |
Die Regel gilt nicht, wenn die Silbe mitv beginnt, z.B.véum (nicht *vjóm) vonvé n.
§ 22.2 Eingeschränkt gültige phonologische Regeln.
Zu den allgemein gültigen phonologischen Regeln kommen einige Regeln hinzu, die nur unter bestimmten Bedingungen gültig sind, d.h. in bestimmten Wort- oder Flexionsklassen. Hier sprechen wir von morpho-phonologischen Regeln.
(11) Auslautverhärtung vond undng.
Im Präteritum und Imperativ starker Verben werden stimmhafte Plosive im Auslaut stimmlos (desonoriert).
| d →t | *gald →galt | ▸gjalda st.vb. | |
| *band → *bant (→batt) | ▸binda st.vb. | vgl.(12) | |
| ng →nk | *sprang → *sprank (→sprakk) | ▸springa st.vb. | vgl.(12) |
| *geng → *genk (→gekk) | ▸ganga st.vb. | vgl.(12) |
Die Regel gilt nur für starke Verben und auch nur im Imperativ und Präteritum Singular; daher heißt esgeld,bind,spring undgeng in der 1. Person Singular Präsens Indikativ vongjalda,binda,springa undganga. Außerdem heißt esland n. undkveld n., nicht *lant und *kvelt. Die Auslautverhärtung tritt häufig in Verbindung mit der regressiven Konsonantenassimilation auf,Regel (12).
(12) Regressive Konsonantenassimilation.
Im Imperativ und Präteritum starker Verben wird der Konsonantn mit auslautendemt undk vollständig assimiliert.
| nt →tt | (*band →) *bant →batt | ▸binda st.vb. | vgl.(11) |
| nk→kk | (*geng →) *genk →gekk | ▸ganga st.vb. | vgl.(11) |
| (*sprang →) *sprank →sprakk | ▸springa st.vb. | vgl.(11) |
Diese Regel gilt nicht bei anderen Flexionsklassen in haupttoniger Stellung. So heißt es weiterhinblint vonblindr adj.,rǽnt vonrǽna sw.vb. etc. Hingegen ist der Übergang vonnt →tt in schwachtoniger Stellung eine allgemeine Regel, z.B. *kristin +t → *kristitt (→kristit) vonkristinn adj. oder *komin +t → *komitt (→komit) vonkoma st.vb. Vgl.Regel (3) oben.
(13) Morpho-phonologischer i-Umlaut.
Der morpho-phonologische i-Umlaut besagt, dass ein schwachtonigesi haupttonige hintere Vokale frontiert, z.B.u →y,o →ø unda →e; vgl. unten die Übersicht inRegel (17). Diese Regel gilt für starke Maskulina deru-Klasse, z.B.háttr m., und (mit einigen Ausnahmen) Substantive mit dem Ableitungssuffix -il, z.B.ketill m. Außerdem gilt die Regel für das Partizip Perfekt von starken Verben der 6. und 7. Reihe mit Stammausgang auf velaren Konsonanten, d.h.g oderk, z.B.tekit vontaka st.vb.
| *lukill →lykill | ▸lykill m. | |
| *vallir →vellir | ▸vǫllr m. | |
| *balki →belki | ▸bǫlkr m. | |
| *fjarði → *fjerði (→firði) | ▸fjǫrðr m. | vgl.(7) |
| *dragit →dregit | ▸draga st.vb. | |
| *katill →ketill | ▸ketill m. | |
| *hátti →hǽtti | ▸háttr m. |
Ausnahmen sinddrasill m. undhangit vonhanga st.vb.,fagnaðir m. vonfagnaðr m.
(14) Ausfall des schwachtonigen Vokals in Ableitungssuffixen.
In substantivischen und adjektivischen Flexionsklassen schwindet der schwachtonige Vokal in Ableitungssuffixen, wenn die Flexionsendung mit Vokal beginnt.
| *sjaldan +astr →sjaldnastr | ▸sjaldan adv. |
| *fegin +ari →fegnari | ▸feginn adj. |
| *dróttin +ar →dróttnar | ▸dróttinn m. |
| *gamal +ir →gamlir | ▸gamall adj. |
| *heiðin +ir →heiðnir | ▸heiðinn adj. |
| *kropin +ir →kropnir | ▸krjúpa st.vb. |
| *jafngǫfug +ir →jafngǫfgir | ▸jafngǫfugr adj. |
Diese Regelbetrifft Adjektive, Partizipien starker Verben und starke Substantive mit den Ableitungssuffixen -an/-in/-un, -al/-il/-ul, -ar/-ur, að/-uð oder -ig/-ug, z.B.aptann m.,heiðinn adj.,vaxinn vonvaxa st.vb.,jǫtunn m.,gamall adj.,þistill m.,gjǫfull adj.,hamarr m.,sumar n.,jǫfurr m.,herað n.,hǫfuð n.,auðigr adj.,jafngǫfugr adj.
(15) i-Schwund in definiten Formen des Substantivs.
Der definite suffigierte Artikelinn verliert in einzelnen Fällen seini.
(15.1)
Der Artikel verliert eini nach den Endungsvokaleni,a undu.
| arma +ina →armana | ▸armr m. |
| hesti +inum →hestinum | ▸hestr m. |
| sǫgu +ina →sǫguna | ▸saga f. |
Endet der Stamm auf einen langen Vokal, fällti weg, aber nicht, wenn das Wort dadurch einsilbig würde, z.B.á +ina →ána, aberá +in →áin;tré +inu →trénu, abertré +it →tréit.
(15.2)
Der Artikel verliert seini nach der Endung -r des Plurals.
| gestir +inir →gestirnir | ▸gestr m. |
| sakar +inar →sakarnar | ▸sǫk f. |
| hendr +inar →hendrnar | ▸hǫnd f. |
(15.3)
Im Dativ Plural verliert der Artikel seini und das Substantiv sein auslautendesm.
| ǫrmum +inum →ǫrmunum | ▸armr m. |
| bǿnum +inum →bǿnunum | ▸bǿn f. |
(16) Segmentierung vontt zutst.
Bei starken Verben und Präteritopräsentia wirdtt segmentiert zutst, wenn der Stamm auft endet.
| *skaut +t →skautst =skauzt | ▸skjóta st.vb. |
| *veit +t →veitst =veizt | ▸vita pp.vb. |
Diese Regel gilt nur in der 2. Person Singular Präteritum Indikativ starker Verben und in der 2. Person Singular Präsens Indikativ von Präteritopräsentia (die ihr Präsens von der Präteritalstufe bilden). Sonst kommt die Geminatett im Norrönen häufig vor, z.B.blátt vonblár adj.
Morphologische Regeln
§ 23 Einteilung.
Die morphologischen Regeln im Norrönen lassen sich nicht auf die gleiche Weise wie die phonologischen Regeln erklären. Historisch gesehen können sie sehr wohl auf phonologischer Grundlage erklärt werden, z.B. mit Vokalwechsel durch i-Umlaut, wie innátt ~nǽtr, oder u-Umlaut, wie inbarn ~bǫrn. Aufgrund der Sprachentwicklung sind die phonologischen Bedingungen aber auf norröner Sprachstufe nicht mehr als solche erkennbar.
(17) Morphologischer i-Umlaut.
In vielen Wörtern gibt es einen systematischen Wechsel zwischen hinteren und vorderen Wurzelvokalen, z.B.rót ~rǿtr f.,langr ~lengr adj.,súpa ~sýpr st.vb. Die historische Erklärung für einen solchen Vokalwechsel ist der i-Umlaut (§ 17.2), in späturnordischer Zeit eine phonologische Regel. Doch aufgrund der Synkope am Ende der urnordischen Zeit ist das Umlaut hervorrufendei oderj in fast allen Wörtern weggefallen. Im Norrönen kann man daher nicht mehr von einer phonologischen Regel sprechen, vielmehr von einer morphologischen. Der morphologische i-Umlaut zeigt sich bei einer Reihe von Wörtern in einem systematischen Vokalwechsel:
| u ~ y | brutu ~bryti | ▸brjóta st.vb. |
| ú ~ý | mús ~mýss | ▸mús f. |
| krjúpa ~ *krjýpr | ▸krjúpa st.vb. | |
| o ~ø | koma ~kømr | ▸koma st.vb. |
| ó ~ǿ | bóndi ~bǿndr | ▸bóndi m. |
| brjóta ~ *brjǿtr | ▸brjóta st.vb. | |
| ǫ ~ø | þrǫngr ~þrøngri | ▸þrǫngr adj. |
| a ~e | fagr ~fegri | ▸fagr adj. |
| fjarðar ~ *fjerði | ▸fjǫrðr m. | |
| á ~ǽ | láta ~lǽtr | ▸láta st.vb. |
| au ~ey | auka ~eykr | ▸auka st.vb. |
Die mit Asterisk markierten Formen entwickeln sich nach phonologischen Regeln weiter:
| jý →ý | *krjýpr →krýpr | ▸krjúpa st.vb. | vgl.(7) |
| jǿ →ý | *brjǿtr →brýtr | ▸brjóta st.vb. vgl. | vgl.(7) |
| je →i | *fjerði →firði | ▸fjǫrðr m. | vgl.(7) |
Ursprünglich wurdea durch i-Umlaut zuæ, aber daæ im jüngeren Norrön mite zusammenfiel, entstand ein Wechsel vona unde, wie infagr ~fegri (vgl.§ 17.2). Der Wechselǫ ~ø rührt daher, dass das Norröne keinen tiefen, gerundeten, vorderen Vokal kennt. Der am nächsten liegende Kandidat ist der mittlere, gerundete, vordere Vokalø (Vgl.Abb. 2.1).
Der i-Umlaut wird in einer Reihe von Zusammenhängen als morphologische Regel genutzt:
- Plural einzelner Maskulina:fǿtr vonfótr m.
- Plural einzelner Feminina:bǿkr vonbók f.
- Komparativ einzelner Adjektive/Adverbien:lengri vonlangr adj.
- Superlativ einzelner Adjektive/Adverbien:fǽstr vonfár adj.
- Präs. Ind. starker Verben:lýkr vonlúka st.vb.
- Prät. Konj. starker Verben:bryti vonbrjóta st.vb.
- Prät. Konj. einzelner schwacher Verben:dygði vonduga sw.vb.
(18) Morphologischer u-Umlaut.
In vielen Wörtern kommt es zu einem systematischen Wechsel zwischen gerundeten und ungerundeten tiefen Vokalen, d.h. zwischena undǫ. Historisch gesehen geht dieser auf den u-Umlaut zurück; wie wir beiRegel (1) oben sahen, ist der u-Umlaut im Norrönen ja eine phonologische Regel. Dass wir den u-Umlaut auch als eine morphologische Regel aufführen müssen, beruht auf dem Schwund des Umlaut hervorrufendenu in so vielen Wörtern. Auf phonologischer Grundlage können wir zwar erklären, warum esmǫnnum heißt, aber nicht, warum eslǫnd heißt.
| a ~ǫ | vatn ~vǫtn | vonvatn n. | gamall ~gǫmul | vongamall adj. |
Haupttonig zeigt sich der Übergang alsa >ǫ, schwachtonig alsa >u; vgl.Regel (1).
Als morphologische Regel kommt der u-Umlaut nur bei der Flexion von einzelnen Substantiven und starken adjektiven vor:
- Maskulina:vǫll (nebenvallar) vonvǫllr m.
- Feminina:sǫk (nebensakar) vonsǫk f.
- Neutra:fjǫll vonfjall n.
- Adjektive:spǫk vonspakr adj.
(19) j-Einschub.
Einzelne Substantive, Adjektive und Verben schieben vor Flexionsendungen aufa und u den Halbvokalj ein. Diese Substantive haben immer einen vorderen Wurzelvokal. Sie sind entweder kurzsilbig, wie z.B.flet n. ‘Fußboden’, oder langsilbig mit einem Stammausgang auf Vokal, wie z.B.ey f. ‘Insel’, oder auf velaren Konsonant, d.h.g oderk, wie z.B.drengr m. ‘Mann’ oderbekkr m. ‘Bank’. Einen solchen j-Einschub zeigt eine Reihe von Wörtern:
- Maskulina:vili (nom.sg.) ~vilja (gen.pl.)
- Feminina:ey (nom.sg.) ~eyja (gen.pl.)
- Neutra:stef (nom.sg.) ~stefja (gen.pl.)
- Adjektive:miðr (nom.sg.) ~miðja (gen.pl.)
- Verben:biðja (inf.) ~biðr (präs.)
Bei dem Substantivstef n. ‘Vers’ sieht der Einschub so aus:
| Sg. N. | stef | stef + – | |
| G. | stefs | stef + s | |
| D. | stefi | stef + i | |
| A. | stef | stef + – | |
| Pl. N. | stef | stef + – | |
| G. | stefja | stef +j + a | Einschub vora |
| D. | stefjum | stef +j + um | Einschub voru |
| A. | stef | stef + – |
Da der j-Einschub eine morphologische Regel ist, finden sich im Wort selbst keine gesicherten Hinweise darauf, welche Wörter einen j-Einschub erhalten und welche nicht; z.B. hatstig n. ‘Schritt’ keinen j-Einschub, obwohl es sich um eine kurze Silbe mit vorderem Wurzelvokal handelt. In BaetkesWörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur gibt in den allermeisten Fällen ein Zusatz in Klammern Auskunft darüber, ob das Wort einen j-Einschub hat. So steht der Eintragvili m. mit der Klammer „(gen.vilja)“, wobei die genannte Form mitj Zeichen des j-Einschubs ist.
(20) v-Einschub.
Einzelne Substantive, Adjektive und Verben schieben vor Flexionsendungen aufa undi den Halbvokalv ein. Diese Wörter haben in der Regel einen gerundeten Wurzelvokal, oftǫ, z.B.sǫngr m. ‘Lied’, smjǫr n. ‘Butter’ undǫl n. ‘Bier’, manchmal auchó mit Nebenformǽ, z.B.sjór m. odersǽr m. ‘See’, undy, z.B.lyng n. ‘Heide (kraut)’. Der v-Einschub findet sich in vielen Wörtern:
- Maskulina:sǫngr (nom.sg.) ~sǫngvar (nom.pl.)
- Feminina:vǫlva (nom.sg.) ~vǫlu (gen.sg.)
- Neutra:hǫgg (nom.sg.) ~hǫggvi (dat.sg.)
- Adjektive:frǽr (nom.sg.) ~frǽva (gen.pl.)
- Verben:søkkvav (inf.) ~søkkr (präs.)
Auch voru wirdv eingeschoben, wenn der Wortstamm auf Vokal endet. Deshalb heißt es z.B.frǽvu vonfrǽr adj. ‘fruchtbar’ (Stammfrǽ-) undsǽvum vonsǽr m. ‘See’ (Stammsǽ-).
Bei dem Substantivhǫgg n. ‘Hieb’ fällt der Einschub so aus:
| Sg. N. | hǫgg | hǫgg + – | |
| G. | hǫggs | hǫgg + s | |
| D. | hǫggvi | hǫgg +v + i | Einschub vori |
| A. | hǫgg | hǫgg + – | |
| Pl. N. | hǫgg | hǫgg + – | |
| G. | hǫggva | hǫgg +v + a | Einschub vora |
| D. | hǫggum | hǫgg + um | |
| A. | hǫgg | hǫgg + – |
Wie der j-Einschub ist auch der v-Einschub eine morphologische Regel, da nichts im Wort eindeutig Auskunft gibt, welche Wörter den v-Einschub haben. In BaetkesWörterbuch sind es auch in diesem Fall Klammerangaben, die darauf verweisen. So ist das Worthǫgg n. mit dem Klammerzusatz „(dat.hǫgg(v)i)“ versehen; die angeführte Form mit (v) zeigt an, dass das Wort einen v-Einschub haben kann.
Phonologische Regeln
| (1) | Phonologischer u-Umlaut („jüngerer u-Umlaut“) *sag +ur →sǫgur, *kall + að +u →kǫlluðu |
| (2) | Progressive Konsonantenassimilation *frýs +r →frýss, *stól +r →stóll, *grǿn +r →grǿnn |
| (3) | Regressive Konsonantenassimilation *blíð +t →blítt, (*fǿdd +t →) *fǿdt →fǿtt |
| (4) | Konsonantenkürzung *send +di →sendi, *skipt +ti →skipti, *fagr +r →fagr |
| (5) | Konsonantendehnung *trú +rar →trúrrar, *blá +t →blátt |
| (6) | Kontraktion *tré +i →tré, *á +ar →ár, *mó +um →móm *hirði +i →hirði, *hersi +ar →hersar, *kvǽði +um →kvǽðum |
| (7) | Schwund des Halbvokalsj (*fjarði →) *fjerði →firði, (*krjúpr →) *krjýpr →krýpr |
| (8) | Schwund des Halbvokalsv *vurðu →urðu, *vyrði →yrði, *svǿri →sǿri, *þvó →þó |
| (9) | Konsonantenschwund margt →mart,sýslti →sýsti, vatns →vats =vaz |
| (10) | Akzentverschiebung bei Hiatus (Zusammentreffen von Vokalen) *fé +ar →fjár,tré +um →trjóm odertrjám |
| (11) | Auslautverhärtung vond undng *gald →galt, *sprang → *sprank (→sprakk) |
| (12) | Regressive Konsonantenassimilation (*band →) *bant →batt, (*geng →) *genk →gekk |
| (13) | Morpho-phonologischer i-Umlaut *lukill →lykill, *vallir →vellir, *fjarði → *fjerði (→firði) |
| (14) | Schwund des schwachtonigen Vokals in Ableitungssuffixen *gamal +ir →gamlir, *aptan +i →aptni, *heiðin +ar →heiðnar |
| (15) | Schwund von i bei Substantiven in definiter Form sǫgu +ina →sǫguna,gestir +inir →gestirnir,vinum +inum →vinunum |
| (16) | Segmentierung vontt zutst *skaut +t →skautst =skauzt, *veit +t →veitst =veizt |
Morphologische Regeln
| (17) | Morphologischer i-Umlaut mús ~mýss,koma ~kømr,fagr ~fegri,láta ~lǽtr,auka ~eykr |
| (18) | Morphologischer u-Umlaut („älterer u-Umlaut“) vatn ~vǫtn,fjall ~fjǫll |
| (19) | j-Einschub stef +j +a →stefja,stef +j +um →stefjum |
| (20) | v-Einschub hǫgg +v +a →hǫggva,hǫgg +v +i →hǫggvi |
- Nach den Regeln(19) und(20) erklärt sich das Vorkommen von -j- und -v- vor Flexionsendungen in einzelnen Wörtern alsEinschub. Aus der synchronen Perspektive, die dieser Grammatik zugrunde liegt, ist das richtig. Geht man aber auf das Urnordische zurück, zeigt sich, dass -j- und -v- Teil des Stammsuffixes in allen Formes des Wortes bei den sogenanntenja- undwa-Stämmen sind, z.B. *stafja >stef n. ‘Vers’ und *haggwa >hǫgg n. ‘Hieb’. Historisch gesehen verhält es sich so, dass -j- und -v- in vielen Formen dieser Wörter zur norrönen Zeit hin weggefallen sind. Man hätte also Wegfallregeln formulieren können, die Spiegelbilder der hier aufgeführten Einschubregeln gewesen wären; aber dann hätte man mit viel älteren zugrunde liegenden Formen operieren müssen, als wir es hier getan haben. Beim Durchgang der Substantive im nächsten Kapitel werden wir sehen, dass derj- undv-Einschub oft vorkommt, vgl.§ 26.3,§ 27.2,§ 31.3 und§ 31.4,§ 35.3 und§ 35.4,§ 37.2 und§ 37.3 sowie§ 40.2 und§ 40.3.
- Das Gleiche gilt für die sogenanntenija-Stämme, aber hier ist aus einer synchronen Perspektive die Rede von einemi-Einschub. Dieser ist nicht so durchgreifend wie derj- undv-Einschub und wird deshalb oben nicht als morphologische Regel aufgeführt; der Einschub kommt aber bei der starken Substantivflexion ebenso stark zum Ausdruck, vgl.§ 26.2 sowie§ 35.2 und§ 35.3.
4 Flexion der Substantive
Umfang und Typologie
§ 24 Wortklasse und Kategorien.
Die Substantivflexion umfasst nur die Wortklasse derSubstantive. Es gibt drei Kategorien bei der Substantivflexion:Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ),Numerus (Singular, Plural) undDefinitheit (indefinite Form, definite Form). Üblicherweise unterscheidet man bei der Flexion zuerst zwischen Kasus und Numerus, sodass man zunächst ein Paradigma von 4 × 2 = 8 Formen aufstellen kann. Bei der Flexion der definiten Formen wird der Artikel inn nach Kasus und Numerus flektiert und an die bereits flektierten Formen des Substantivs angehängt. Durch diese beiden Kategorien in definiter Form erhält das Substantiv eine doppelte Markierung, z.B.armr +inn =armrinn,arms +ins =armsins,armi +inum =arminum etc. Der Artikel inn wird wie ein starkes Adjektiv flektiert. Aus praktischen Gründen wird daher die Flexion der definiten Formen zusammen mit der starken Adjektivflexion in§ 59 besprochen.
Substantive werden morphologisch instarke undschwache Flexionen eingeteilt. Generell ist die starke Flexion formenreich, die schwache formenarm. Präziser können wir bei der Substantivflexion sagen, dass schwache Substantive, z.B.granni m. ‘Nachbar’, im Singular in allen Kasus aufschwachtonigen Vokal enden. Starke Substantive enden hingegen im Singular in wenigstens einem Kasus auf Konsonanten, nämlich im Genitiv. Hierhin gehört z.B.hestr m. ‘Pferd’, Genitiv Singularhests.
Weiterhin lassen sich Substantive nach ihremGenus einteilen, entsprechend der Einteilung im Deutschen und auch in manchen anderen Sprachen. Das Genus ist eine zur Substantivflexion gehörende Kategorie. Jedes Substantiv hat ein inhärentes Genus und kann deshalb im Genus nicht flektiert werden.
Bei maskulinen und femininen Substantiven reicht es nicht, zwischen starker und schwacher Flexion zu unterscheiden. Hier müssen wir Flexionsklassen aufstellen, und das geschieht in dieser Grammatik nach den Endungen im Akkusativ Plural. So gehörtarmr m. ‘Arm’ zura-Klasse (akk.pl.arma),gestr m. ‘Gast’ zuri-Klasse (akk.pl.gesti) undvǫllr m. ‘Feld’ zuru-Klasse (akk.pl.vǫllu). Diese Klassen entsprechen der traditionellen Einteilung nach dem urnordischen Stammsuffix ina-Stämme,i-Stämme,u-Stämme etc. In vielen Fällen stützt sich diese herkömmliche Einteilung nach Stammessuffixen aber auf Formen, die es im Norrönen nicht mehr gibt, z.B. bei den femininenō-Stämmen vom Typmǫn f. ‘Mähne’ (akk.pl.manar). Hier werden wir also aufgrund der Einteilung nach der Endung im Akkusativ Plural wegen der Endung auf norröner Sprachstufe eher vonar-Klasse sprechen. Die zu den einzelnen Klassen gehörenden Wörter nennen wirTypen; so istarmr ein starker maskulinera-Typ,gestr ein starker maskulineri-Typ,mǫn ein starker femininerar-Typ etc.
Für jede Flexionsklasse werden ein oder mehrere Paradigmen aufgestellt. Hier stehen die einzelnen Formen, es folgen die Wortstruktur (d.h. Stamm + Flexionsendung) und schließlich eventuelle Regeln, mit Verweis auf die Nummerierung in§ 22 und§ 23. Der i-Umlaut wird in diesem Buch durch ein hochgestelltes Pluszeichen verdeutlicht, z.B. r+, der u-Umlaut durch einen kleinen Kreis, z.B. r°.
Starke Flexion
Starke Maskulina
§ 25 Einteilung.
Die starken Maskulina lassen sich aufgrund der Endungen im Akkusativ Plural in vier Hauptklassen einteilen: diea-Klasse,i-Klasse,u-Klasse undr-Klasse. Die letzte Klasse ist zudem durch morphologischen i-Umlaut gekennzeichnet.
§ 26 a-Klasse(urn.a-Stämme).
In dieser Klasse endet der Dativ Singular aufi ohne i-Umlaut, der Nominativ Plural auf -ar. Die meisten starken Maskulina gehören in diese Klasse. Auch viele Lehnwörter sind hier zu finden, u.a.prestr m. ‘Priester’.
§ 26.1 Reine a-Typen(urn. reinea-Stämme).
Hierhin gehören viele einsilbige Maskulina mit langer Wurzelsilbe, z.B.armr m. ‘Arm’,bátr m. ‘Boot’,dvergr m. ‘Zwerg’,fiskr m. ‘Fisch’,heimr m. ‘Heim; Erde’,hestr m. ‘Pferd’,kalfr m. ‘Kalb’,leikr m. ‘Spiel’,ormr m. ‘Schlange’,prestr m. ‘Priester’,ulfr m. ‘Wolf’,vargr m. ‘Wolf’, und auch einige mit kurzer Wurzelsilbe wiedagr m. ‘Tag’ (dat.sg.degi). Hinzu kommen Substantive mit den Ableitungssuffixen -ang/-ing/-ung und -leik, u.a.kaupangr m. ‘Handelsplatz’,víkingr m. ‘Wikinger’,konungr m. ‘König’ undkǽrleikr m. ‘Liebe’.
| Sg. N. | armr | arm +r | |
| G. | arms | arm +s | |
| D. | armi | arm +i | |
| A. | arm | arm + – | |
| Pl. N. | armar | arm +ar | |
| G. | arma | arm +a | |
| D. | ǫrmum | arm +um | (1)U-Umlaut |
| A. | arma | arm +a |
- Vereinzelt enden Wörter im Nominativ nicht auf -r, z.B.biskup m. ‘Bischof’ und Personennamen wieMagnús undHalfdan.
- Bei mehreren Wörtern endet der Stamm auf -r, z.B.akr m. ‘Acker’,aldr m. ‘Alter’,angr m. ‘Sorge’und ‘Fjord’,blómstr m. ‘Blume’,hafr m. ‘Bock’, außerdem alle Wörter mit dem Ableitungssuffix -angr, z.B.leiðangr m. ‘Ledung; Bereitstellung einer Kriegsflotte’. Bei der Flexion dieser Wörter bleibt dasr erhalten, z.B.hafr –hafrs –hafri –hafr.
- Der Dativ Singular hat bisweilen keine Endung, u.a. bei Wörtern, deren Stamm auf Vokal endet, z.B.mó vonmór m. ‘Moor’. Er hat aber immer eine Endung bei Substantiven auf -angr und -ungr.
Substantive mit den Ableitungssuffixen -an/-in/-un, -al/-il/-ul und ar/ ur werden durch eine Reihe von Regeln in ihrer Flexion modifiziert. Hierher gehören u.a.aptann m. ‘Abend’,hamarr m. ‘Hammer’,himinn m. ‘Himmel’,morginn odermorgunn m. ‘Morgen’ (oft mit Schwund desg, dat.sg.morni),jǫtunn m. ‘Riese’,þumall m. ‘Daumen’,þistill m. ‘Distel’,djǫfull m. ‘Teufel’ undjǫfurr m. ‘Fürst’. Vgl. die Flexion vonaptann m.:
| Sg. N. | aptann | aptan +r | (2)Assimilation |
| G. | aptans | aptan +s | |
| D. | aptni | aptan +i | (14)Vokalschwund |
| A. | aptan | aptan + – | |
| Pl. N. | aptnar | aptan +ar | (14)Vokalschwund |
| G. | aptna | aptan +a | (14)Vokalschwund |
| D. | ǫptnum | aptan +um | (1)U-Umlaut + (14)Vokalschwund |
| A. | aptna | aptan +a | (14)Vokalschwund |
§ 26.2 a-Typen mit i-Einschub(urn.ija-Stämme).
Bei einigen langsilbigen Wörtern dera-Klasse endet der Stamm auf schwachtoniges i, z.B.hirðir m. ‘Hirte’. Durch Kontraktion nachRegel (6) fällt dieser Vokal vor Endungen, die mit Vokal beginnen, weg, z.B. *hirði +ar →hirðar. Sie flektieren wie folgt:
| Sg. N. | hirðir | hirði +r | |
| G. | hirðis | hirði +s | |
| D. | hirði | hirði +i | (6)Kontraktion |
| A. | hirði | hirði + – | |
| Pl. N. | hirðar | hirði +ar | (6)Kontraktion |
| G. | hirða | hirði +a | (6)Kontraktion |
| D. | hirðum | hirði +um | (6)Kontraktion |
| A. | hirða | hirði +a | (6)Kontraktion |
Außer einer langen Wurzelsilbe haben diese Wörter (mit wenigen Ausnahmen) einen vorderen Wurzelvokal, u.a.hellir m. ‘Höhle’,hersir m. ‘Herse’,lǽknir m. ‘Arzt’, sowie Personennamen wieSkírnir undSverrir.
§ 26.3 a-Typen mit j- und v-Einschub(urn.ja- undwa-Stämme).
Nur selten zeigena-Typen einen j-Einschub, u.a.niðr m. ‘Verwandter’, oder einen v-Einschub, u.a.sǫngr m. ‘Lied’,snjór m. ‘Schnee’ undsǽr m. ‘See’. Die beiden Letztgenannten enden im Genitiv Singular auf -ar. Der Einschub erfolgt nach den Regeln(19) und(20) in§ 23.
§ 27 i-Klasse(urn.i-Stämme).
In dieser Klasse hat der Dativ Singular keine Endung, der Nominativ Plural endet auf -ir. Vielei-Typen haben als Folge des i-Umlauts einen neuen, vorderen Wurzelvokal erhalten, z.B.gestr m. ‘Gast’,lýðr m. ‘Volk’ undveggr m. ‘Wand’. Andere Wörter sind nicht umgelautet, z.B.sauðr m. ‘Schaf’ oderstaðr m. ‘Stätte’.
§ 27.1 Reine i-Typen.
Hierhin gehören Substantive, die den Genitiv entweder auf -s oder -ar bilden; manche können sogar beide Endungen haben.
| Sg. N. | gestr | gest +r | vinr | vin +r |
| G. | gests | gest +s | vinar | vin +ar |
| D. | gest | gest + – | vin | vin + – |
| A. | gest | gest + – | vin | vin + – |
| Pl. N. | gestir | gest +ir | vinir | vin +ir |
| G. | gesta | gest +a | vina | vin +a |
| D. | gestum | gest +um | vinum | vin +um |
| A. | gesti | gest +i | vini | vin +i |
Zu denen, die im Genitiv auf -s enden, gehören z.B.bulr m. ‘Rumpf’,gestr m. ‘Gast’,hamr m. ‘Gestalt’,lýðr m. ‘Volk’ undsvanr m. ‘Schwan’. Andere bilden den Genitiv auf -ar, z.B.fundr m. ‘Treffen’, hlutr m. ‘Los; Teil’,hugr m. ‘Gedanke, Sinn’,matr m. ‘Essen’, munr m. ‘Unterschied, Grad’,salr m. ‘Saal’, sauðr m. ‘Schaf’,staðr m. ‘Stätte’ undvinr m. ‘Freund’. Wieder andere können sowohl -s als auch -ar im Genitiv haben, z.B.bekkr m. ‘Bank’ undveggr m. ‘Wand’ (beide mit j-Einschub).
§ 27.2 i-Typen mit j-Einschub.
i-Typen, die auf velaren Konsonanten enden, also auf -g oder -k, zeigen nachRegel (19)j-Einschub, u.a.bekkr m. ‘Bank’,belgr m. ‘Balg, Sack’,drengr m. ‘Mann’,drykkr m. ‘Trank’,elgr m. ‘Elch’,hryggr m. ‘Rücken’,leggr m. ‘Bein’,sekkr m. ‘Sack’. Das gilt auch für Stammausgang auf Vokal,bǿr m. ‘Hof, Siedlung’. Einige kurzsilbigei-Typen mit vorderem Wurzelvokal erhalten ebenfalls einen j-Einschub, u.a.byrr m. ‘Wind’,dynr m. ‘Lärm’,hylr m. ‘Loch im Flussbett’,kylr m. ‘Kälte’ undvefr m. ‘Gewebe’.
§ 28 u-Klasse(urn.u-Stämme).
In dieser Klasse endet der Dativ Singular auf -i mit i-Umlaut, der Nominativ Plural auf -ir. Wegen des i- und u-Umlauts zeigen die Stämme dieser Substantive bis zu drei verschiedene Wurzelvokale.
| Sg. N. | vǫllr | vall +r° | (18)U-Umlaut |
| G. | vallar | vall +ar | |
| D. | velli | vall +iᐩ | (13)I-Umlaut |
| A. | vǫll | vall + –° | (18)U-Umlaut |
| Pl. N. | vellir | vall +irᐩ | (13)I-Umlaut |
| G. | valla | vall +a | |
| D. | vǫllum | vall +um | (1)U-Umlaut |
| A. | vǫllu | vall +u | (1)U-Umlaut |
Eine Reihe von Wörtern gehört in diese u-Klasse, darunter viele, bei denen der ursprüngliche Wurzelvokala aufgrund des u-Umlauts in mehreren Formen mitǫ wechselt. Außervǫllr m. ‘Feld’ sind dies z.B.bǫlkr m. ‘Abschnitt’, bǫllr m. ‘Ball’,gǫltr m. ‘Eber’,lǫgr m. ‘Flüssigkeit, See’,knǫrr m. ‘Knorr, Schiff’,vǫndr m. ‘Zweig’,vǫrðr m. ‘Wache’,vǫttr m. ‘Handschuh’,vǫxtr m. ‘Wuchs, Gestalt’ undǫrn m. ‘Adler’. Sonst treten die Wurzelvokale alsá (oderó),é undi auf, und dort macht sich der u-Umlaut nicht geltend, z.Báss m. ‘Ase, Gott’,friðr m. ‘Frieden’,háttr m. ‘Art, Weise’,limr m. ‘Glied’,litr m. ‘Farbe’,réttr m. ‘Recht’,spánn m. ‘Holzspan’,tigr m. ‘Anzahl von zehn’,þáttr m. ‘Strang, Textstück’, verðr m. ‘Mahlzeit’ undviðr m. ‘Wald’.
- Im Akkusativ Plural konnte die ursprüngliche Endung -u nach und nach zu -i mit entsprechendem i-Umlaut wechseln.
- Das Substantivsonr m. ‘Sohn’ hat viele Nebenformen:son(r)/sun(r) –sonar/sunar –søni/syni –son/sun;sønir/synir –sona/suna –sonum/sunum –sonu/sunu/søni/syni.
Wörter mit dem Ableitungssuffix -nað haben im Nominativ und Akkusativ Singular normalerweise keinen u-Umlaut und im Akkusativ Plural immer die Endung -i.
| Sg. N. | fagnaðr oder fǫgnuðr | fagnað +r/r° |
| G. | fagnaðar | fagnað +ar |
| D. | fagnaði | fagnað +i |
| A. | fagnað oder fǫgnuð | fagnað +–/–° |
| Pl. N. | fagnaðir | fagnað +ir |
| G. | fagnaða | fagnað +a |
| D. | fǫgnuðum | fagnað +um |
| A. | fagnaði | fagnað +i |
Besonders kompliziert ist die Flexion von Wörtern, deren Wurzelsilbe gebrochen ist, d.h. mit dem Halbvokalj eingeleitet wird, z.B.fjǫrðr m. ‘Fjord’,mjǫðr m. ‘Met’,hjǫrtr m. ‘Hirsch’,skjǫldr m. ‘Schild’. Im Urnordischen hatten diese Wörter als Silbenkerne (§ 16), wohingegen wir auf norröner Sprachstufe von einem Silbenkern ja ausgehen dürfen. Daher lässt sich die Flexion folgendermaßen darstellen:
| Sg. N. | fjǫrðr | fjarð +r° | (18)U-Umlaut |
| G. | fjarðar | fjarð +ar | |
| D. | firði | fjarð +iᐩ | (13)I-Umlaut +(7)J-Schwund |
| A. | fjǫrð | fjarð + –° | (18)U-Umlaut |
| Pl. N. | fjarðir | fjarð +irᐩ | (13)I-Umlaut +(7)J-Schwund |
| G. | fjarða | fjarð +a | |
| D. | fjǫrðum | fjarð +um | (1)U-Umlaut |
| A. | fjǫrðu | fjarð +u | (1)U-Umlaut |
§ 29 r-Klasse(urn. Wurzelnomina undr-Stämme).
Diese Klasse ist dadurch gekennzeichnet, dass die Substantive im Plural i-Umlaut und im Nominativ und Akkusativ die Endung -r haben. Im Singular werdenr-Typen wie starkea- oderu-Typen flektiert.
§ 29.1 Reine r-Typen(urn. Wurzelnomina).
Einige wenige, aber häufig verwendete Maskulina gehören zu dieser Klasse.
| Sg. N. | nagl | nagl +r | (2)Assimilation +(4)Kürzung |
| G. | nagls | nagl +s | |
| D. | nagli | nagl +iᐩ | |
| A. | nagl | nagl + – | |
| Pl. N. | negl | nagl +rᐩ | (17)I-Umlaut +(2)Assimilation + (4)Kürzung |
| G. | nagla | nagl +a | |
| D. | nǫglum | nagl +um | (1)U-Umlaut |
| A. | negl | nagl +rᐩ | (17)I-Umlaut +(2)Assimilation + (4)Kürzung |
Die Substantivenagl m. ‘Nagel’ undmaðr m. ‘Mann’ flektieren im Singular wiea-Typen, d.h. sie enden im Genitiv auf -s und haben keinen Umlaut im Dativ. Das letztgenannte Wort (*mannr >maðr) flektiert wie folgt:maðr –manns –manni –mann;menn –manna –mǫnnum –menn.
| Sg. N. | fótr | fót +r | |
| G. | fótar | fót +ar | |
| D. | fǿti | fót +iᐩ | (17)I-Umlaut |
| A. | fót | fót + – | |
| Pl. N. | fǿtr | fót +rᐩ | (17)I-Umlaut |
| G. | fóta | fót +a | |
| D. | fótum | fót +um | (1)U-Umlaut |
| A. | fǿtr | fót +rᐩ | (17)I-Umlaut |
Die Substantivefótr m. ‘Fuß’,fingr m. ‘Finger’ undvetr m. ‘Winter’ flektieren im Singular wieu-Typen, d.h. mit einem Genitiv auf -ar und i-Umlaut im Dativ. Bei den beiden letzten Wörtern gehörtr zum Stamm.
§ 29.2 Zwei Verwandtschaftsbezeichnungen(urn.r-Stämme).
Zur r-Klasse rechnen wir auch zwei Wörter mit abweichender Flexion im Singular,faðir m. ‘Vater’ undbróðir m. ‘Bruder’. Bei diesen kann in allen obliquen Kasus eine jeweils identische Form stehen (fǫður undbróður); im gesamten Plural ist der i-Umlaut durchgeführt.
| Sg. N. | faðir | fað +ir | |
| G. | fǫður | fað +ur | (1)U-Umlaut |
| D. | feðr / fǫður | fað +rᐩ /ur | (17)I-Umlaut /(1)U-Umlaut |
| A. | fǫður | fað +ur | (1)U-Umlaut |
| Pl. N. | feðr | fað +rᐩ | (17)I-Umlaut |
| G. | feðr | fað +ra | (17)I-Umlaut |
| D. | feðrum | fað +rum | (17)I-Umlaut |
| A. | feðr | fað +rᐩ | (17)I-Umlaut |
Starke Feminina
§ 30 Einteilung.
Starke Feminina lassen sich in drei Hauptgruppen einteilen, diear-Klasse, dieir-Klasse und dier-Klasse. Die beiden ersten Klassen unterscheiden sich nur in ihren Endungen im Nominativ und Akkusativ Plural, woar-Typen -ar,ir-Typen -ir haben. In diesen Formen haben dier-Typen i-Umlaut und die Endung -r. Viele Substantive wechseln zwischen diesen drei Klassen; vor allem sind viele Wörter derar-Klasse zurir-Klasse oderr-Klasse übergegangen.
§ 31 ar-Klasse(urn.ō-Stämme).
Allen Wörtern derar-Klasse ist gemein, dass sie im Nominativ und Akkusativ Plural auf -ar enden.
§ 31.1 ar₁-Typen(urn. reineō-Stämme).
Wörter derar₁-Klasse haben im gesamten Singular außer dem Genitiv morphologischen u-Umlaut. Aber nur wenige Wörter haben als Wurzelvokala, und der u-Umlaut tritt daher insgesamt nur selten in Erscheinung.
| Sg. N. | mǫn | man + –° | (18)U-Umlaut |
| G. | manar | man +ar | |
| D. | mǫn | man + –° | (18)U-Umlaut |
| A. | mǫn | man + –° | (18)U-Umlaut |
| Pl. N. | manar | man +ar | |
| G. | mana | man +a | |
| D. | mǫnum | man +um | (18)U-Umlaut |
| A. | manar | man +ar |
Wiemǫn f. ‘Mähne’ gehen u.a.á f. ‘Fluss’,kví f. ‘Pferch, Gehege’,rauf f. ‘Loch’ undreim f. ‘Reim’. Feminina mit den Ableitungssuffixen -ing und ung gehören immer derar-Klasse an, z.B.dróttning f. ‘Königin’, fylking f. ‘Kriegerschar’ undháttung f. ‘Gefahr’. Diese Wörter enden im Dativ Singular immer auf -u.
- Außer den Substantiven auf -ing und -ung können auch einige andere ar-Typen im Dativ Singular auf -u enden, z.B.hlið f. ‘Seite’,kleif f. ‘steiler Hügel’,laug f. ‘Bad, warme Quelle’ undull f. ‘Wolle’.
- Einzelne Wörter haben einen Stammausgang auf -r, u.a.fjǫðr f. ‘Feder’. Hier bleibt das -r bei der Flexion erhalten, z.B.fjǫðr –fjaðrar –fjǫðr –fjǫðr.
- Viele ar-Typen können im Nominativ und Akkusativ Plural auch auf -ir enden, u.a.fǫr f. ‘Fahrt’,gjǫf f. ‘Gabe’,leið f. ‘Weg’,sǫk f. ‘Sache’ undvél f. ‘Kunstgriff, Maschine’.
§ 31.2 ar₂-Typen(urn.ijō-Stämme).
Eine wichtige Untergruppe derar-Klasse zeigt im Singular eine stark abweichende Flexion. Der Nominativ endet auf -r – eine Tatsache, die sonst nur bei Maskulina vorkommt – und der Dativ und Akkusativ enden auf -i. Hier verwenden wir für diese Substantive die Bezeichnungar₂-Klasse und führenermr f. ‘Ärmel’ als Beispiel an. Im Plural entspricht die Flexion derjenigen derar₁-Klasse.
| Sg. N. | ermr | erm +r | |
| G. | ermar | erm +ar | |
| D. | ermi | erm +i | |
| A. | ermi | erm +i | |
| Pl. N. | ermar | erm +ar | |
| G. | erma | erm +a | |
| D. | ermum | erm +um | |
| A. | ermar | erm +ar |
Wörter derar₂-Klasse sind langsilbig und haben mit wenigen Ausnahmen i-Umlaut. Hierhin gehören u.a.eyrr f. ‘Sandbank’,gunnr f. ‘Kampf’,heiðr f. ‘Heide’,helgr f. ‘Festtag’,herðr f. ‘Schulter’,merr f. ‘Stute’,mýrr f. ‘Moor’,veiðr f. ‘Jagd’ undøx f. ‘Axt’.
§ 31.3 ar-Typen mit j-Einschub(urn.jō-Stämme und drei derijō-Stämme).
Einigear₁-Typen haben einen j-Einschub und die Endung -u im Dativ Singular, u.a.ey f. ‘Insel’,egg f. ‘Schneide, Kante’ undhel f. ‘Hel, Totenreich’. Hierhin gehört auchmǽr f. ‘Mädchen’, das wie folgt flektiert:mǽr (mey) –meyjar –mey(ju) –mey;meyjar –meyja –meyjum –meyjar. Einigear₁-Typen haben zwar einen j-Einschub, aber keine Endung auf -u im Dativ Singular, u.a.ben f. ‘Wunde’,dys f. ‘Grabhügel’,eng f. ‘Wiese’,fit f. ‘Wiese am Wasser’,il f. ‘Fußsohle’,skyn f. ‘Einsicht’ undsyn f. ‘Leugnung’. Unter denar₂-Typen sind drei Wörter mit j-Einschub,gýgr f. ‘Riesin’,rýgr f. ‘Frau’ undylgr f. ‘Wölfin’. Für all diese Wörter gilt der j-Einschub nachRegel (19).
§ 31.4 ar-Typen mit v-Einschub(urn.wō-Stämme).
Wenigear₁-Typen haben nachRegel (20) v-Einschub, u.a.ǫr f. ‘Pfeil’,dǫgg f. ‘Tau’ undstǫð f. ‘Stütze’. Auch sie können im Dativ Singular auf -u enden, z.B.ǫru.
§ 32 ir-Klasse(urn.i-Stämme).
Wie schon erwähnt hat diese Klasse die Endung -ir im Nominativ und Akkusativ Plural, z.Bbǿn f. ‘Gebet, Bitte’. Wie in derar₁-Klasse findet im Singular morphologischer u-Umlaut statt, z.B.hjǫlp f. ‘Hilfe’, gen.sg.hjalpar. Aber da nur wenige Wörtera als Wurzelvokal haben, ist in dieser Klasse u-Umlaut selten zu beobachten.
| Sg. N. | bǿn | bǿn + – | |
| G. | bǿnar | bǿn +ar | |
| D. | bǿn | bǿn + – | |
| A. | bǿn | bǿn + – | |
| Pl. N. | bǿnir | bǿn +ir | |
| G. | bǿna | bǿn +a | |
| D. | bǿnum | bǿn +um | |
| A. | bǿnir | bǿn +ir |
Hierher gehören viele der einsilbigen Feminina, u.a.ást f. ‘Liebe’,átt/ǽtt f. ‘Geschlecht’,ferð f. ‘Fahrt’,hjǫlp f. ‘Hilfe’,hlíð f. ‘Abhang’,mjǫðm f. ‘Hüfte’,sátt/sǽtt f. ‘Vergleich’,sjón/sýn f. ‘Sicht’,sótt f. ‘Krankheit’ undtíð f. ‘Zeit’.
Im Vergleich zu denar-Typen können einzelneir-Typen im Dativ Singular auf -u enden. Das betrifft viele häufig gebrauchten Wörter, u.a.borg f. ‘Burg, Stadt’,braut f. ‘Weg’,gipt f. ‘Gabe, Geschenk’,hurð f. ‘Tür, Türblatt’,hǫll f. ‘Halle’,jǫrð f. ‘Erde’,rǫdd f. ‘Stimme’,sól f. ‘Sonne’,sál f. ‘Seele’,ván f. ‘Hoffnung’,vist f. ‘Aufenthalt, Unterkunft’,ǫld f. ‘Zeitalter’. Zu denir-Typen gehören auch zweisilbige Wörter vom Typskipan f. ‘Ordnung’. Sie können im Nominativ, Dativ und Akkusativ Singular morphologischen u-Umlaut, durch Analogiebildung andererseits im gesamten Singular auch gar keinen Umlaut haben. Die Flexion geht im Singular entweder wieskipan –skipanar –skipan –skipan oderskipun –skipanar –skipun –skipun undskipanir –skipana –skipunum –skipanir im Plural.
§ 33 r-Klasse(urn. Wurzelnomina undr-Stämme).
Kennzeichen dieser Klasse ist der i-Umlaut im Plural und die Endung -r im Nominativ und Akkusativ Plural. Im Singular werden sie wie femininear- oderir-Typen flektiert.
§ 33.1 Reine r-Typen(urn. Wurzelnomina).
Hierher gehören viele häufig gebrauchte Feminina, einige mit dem Wurzelvokala; diese zeigen daher u-Umlaut im Singular, z.B.strǫnd f. ‘Strand’,hǫnd f. ‘Hand’ (dat.sg.hendi),stǫng f. ‘Stange’,tǫnn f. ‘Zahn’ undǫnd f. ‘Atem, Seele’. Die restlichenr-Typen haben andere Wurzelvokale:bót f. ‘Buße’,brók f. ‘Hose’,gás f. ‘Gans’,kló f. ‘Klaue’,mús f. ‘Maus’,syll f. ‘Schwelle’,tá f. ‘Zeh’ undveit f. ‘Graben’. Nur im Plural stehendyrr f.pl. (auch n.pl.) ‘Türöffnung’ undertr f.pl. ‘Erbsen’.
| Sg. N. | strǫnd | strand + –° | (18)U-Umlaut |
| G. | strandar | strand +ar | |
| D. | strǫnd | strand + –° | (18)U-Umlaut |
| A. | strǫnd | strand + –° | (18)U-Umlaut |
| Pl. N. | strendr | strand +rᐩ | (17)I-Umlaut |
| G. | stranda | strand +a | |
| D. | strǫndum | strand +um | (1)U-Umlaut |
| A. | strendr | strand +rᐩ | (17)I-Umlaut |
Mehrerer-Typen enden auch im Genitiv Singular auf -r, zum Teil mit i-Umlaut. Hierhin gehören u.a.bók f. ‘Buch’ (gen.sg.bókar oderbǿkr),grind f. ‘Gatter’ (gen.sg.grindar odergrindr),mjolk f. ‘Milch’ (gen.sg.mjolkr),mǫrk f. ‘Gewichteinheit Mark’ (gen.sg.merkr),nátt f. ‘Nacht’ (gen.sg.náttar odernǽtr),sǽng f. ‘Bett’ (gen.sg.sǽngar odersǽngr),tǫng f. ‘Zange’ (gen.sg.tangar odertengr),ǫlpt ‘Schwan’ (gen.sg.alptar oderelptr) undǫrk f. ‘Truhe’ (gen.sg.arkar odererkr).
Ein Teil derr-Typen knüpft an dieir-Klasse an und zeigt im Nominativ und Akkusativ Plural die Endung -ir ohne Umlaut, u.a.strǫnd ‘Strand’ (strendr oderstrandir),stǫng ‘Stange’ (stengr oderstangir),ǫlpt ‘Schwan’ (elptr oderalptir).
Zurr-Klasse zählen auch drei Wörter zur Bezeichnung von Vieh,kýr f. ‘Kuh’ (Wurzel:kú),sýr f. ‘Sau’ (Wurzel:sú) undǽr f. ‘Mutterschaf’ (Wurzel:á). Diese unterscheiden sich durch i-Umlaut und die Endung -r im Nominativ Singular. Deshalb fallen die Formen des Nominativ Singular und Plural zusammen. Sie flektieren alsokýr –kýr –kú –kú im Singular und kýr –kúa –kúm –kýr im Plural,ǽr –ǽr –á –á im Singular undǽr –á –ám –ǽr im Plural. Hier zeigt sichRegel (6), *kú +um →kúm im Dativ Plural und *á +a →á im Genitiv Plural.
§ 33.2 Drei Verwandtschaftsbezeichnungen(urn.r-Stämme).
Schließlich rechnen noch drei Verwandtschaftsbezeichnungen zurr-Klasse, nämlichmóðir f. ‘Mutter’,dóttir f. ‘Tochter’ undsystir f. ‘Schwester’. Diese können im Singular in den obliquen Kasus vollständig zusammenfallen; im gesamten Plural zeigen sie Umlaut. Im Dativ Singular können sie die gleiche Form haben wie im Nominativ und Akkusativ Plural.
| Sg. N. | móðir | móð +ir | |
| G. | móður | móð +ur | |
| D. | mǿðr/móður | móð +r⁺/ur | (17)I-Umlaut |
| A. | móður | móð +ur | |
| Pl. N. | mǿðr | móð +rᐩ | (17)I-Umlaut |
| G. | mǿðra | móð +ra | (17)I-Umlaut |
| D. | mǿðrum | móð +rum | (17)I-Umlaut |
| A. | mǿðr | móð +rᐩ | (17)I-Umlaut |
Starke Neutra
§ 34 Einteilung.
Es gibt nur eine einzige Klasse von starken Neutra. Hier werden Nominativ und Akkusativ Plural ohne Flexionsendung (Nullendung) gebildet. Ansonsten zeigen sie Verwandtschaft mit den maskulinena-Typen, abgesehen davon, dass der Nominativ nicht auf -r und der Dativ immer auf -i endet.
§ 35 Null-Typen(urn.a-Stämme).
Nulltypen sind gekennzeichnet durch das Fehlen einer Pluralendung, z.B.hús (sg.) ~hús (pl.) ‘Haus’.
§ 35.1 Reine Nulltypen(urn. reinea-Stämme).
Bei Substantiven mit dem Wurzelvokala führt der u-Umlaut zu einem Wechsel des betontena im Singular zu einemǫ im Plural, z.B.barn ~bǫrn ‘Kind’ undvatn ~vǫtn ʻWasser’. In Wörtern mit anderen Wurzelvokalen taucht der u-Umlaut nicht auf, z.B.hús n. ‘Haus’,dýr n. ‘Tier’ oderlið n. ‘Leute, Schar’.
| Sg. N. | land | land + – | |
| G. | lands | land +s | |
| D. | landi | land +i | |
| A. | land | land + – | |
| Pl. N. | lǫnd | land + –° | (18)U-Umlaut |
| G. | landa | land +a | |
| D. | lǫndum | land +um | (1)U-Umlaut |
| A. | lǫnd | land + –° | (18)U-Umlaut |
Wieland n. ‘Land’ flektieren viele Neutra, u.a.bak n. ‘Rücken’,barn n. ‘Kind’,dýr n. ‘Tier’,fjall n. ‘Berg’,goð n. ‘heidnischer Gott’,hús n. ‘Haus’,nafn n. ‘Name’,orð n. ‘Wort’,tal n. ‘Gespräch’,þak n. ‘Dach’ und vatn n. ‘Wasser’. Wörter mit den Ableitungssuffixen-al, -an, -ar, -að, -uð und -in gehören ebenfalls hierher:óðal n. ‘Odal, erblicher Grundbesitz’,gaman n. ‘Freude’,sumar n. ‘Sommer’, herað n. ‘Herad, Gebiet’,hǫfuð n. ‘Kopf’ undmegin n. ‘Stärke’. Zu beachten ist der Schwund des Vokals nach Regel (14), z.B.sumri (dat.sg.) sowie der u-Umlaut nachRegel (18),sumur (nom.pl.).
§ 35.2 Nulltypen mit i-Einschub(urn.ija-Stämme).
Bei einigen starken Neutra endet der Stamm auf unbetontes i, z.B.kvǽði n. ‘Gedicht’. Durch Kontraktion nachRegel (6) entfällt dieser Vokal vor Endungen, die mit Vokal beginnen, z.B. *kvǽði +um →kvǽðum. Ansonsten ist die Flexion mit der der reinen Nulltypen identisch.
| Sg. N. | kvǽði | kvǽði + – | |
| G. | kvǽðis | kvǽði +s | |
| D. | kvǽði | kvǽði +i | (6)Kontraktion |
| A. | kvǽði | kvǽði + – | |
| Pl. N. | kvǽði | kvǽði + – | |
| G. | kvǽðia | kvǽði +a | (6)Kontraktion |
| D. | kvǽðum | kvǽði +um | (6)Kontraktion |
| A. | kvǽði | kvǽði + – |
Hierhin gehören einige zwei- oder mehrsilbige Substantive mit vorderem Wurzelvokal, u.a.dǿmi n. ‘Beispiel’,enni n. ‘Stirn’,erfiði n. ‘mühsame Arbeit’ underendi n. ‘Anliegen’. Da die Wörter einen vorderen Wurzelvokal haben, findet im Dativ Plural kein u-Umlaut statt.
§ 35.3 Nulltypen mit j-Einschub(urn.ja-Stämme undija-Stämme auf velaren Konsonanten).
Eine Reihe Wörter zeigt j-Einschub nachRegel (19), u.a.egg n. ‘Ei’,fen n. ‘Venn, Moor’,flet n. ‘Diele, Boden’,kyn n. ‘Geschlecht’, men n. ‘Schmuck’,nef n. ‘Nase’,nes n. ‘Landspitze’,net n. ‘Netz’,sel n. ‘Sennhütte’. Eine spezielle Gruppe mit velarem Konsonant, d.h.g oderk, erhält einen j-Einschub, z.B.engi n. ‘Wiese’,fylki n. ‘Schar’,merki n. ‘Zeichen’ undríki n. ‘Reich’. Hier gehen wir davon aus, dass der Stamm auf -i endet, wie im Beispielkvǽði (§ 35.2), diesesi aber wegfällt, wenn es aufj trifft, z.B. *engi + j +um →engjum. Die Flexion sieht somit wie folgt aus:engi –engis –engi –engi;engi –engja –engjum –engi.
§ 35.4 Nulltypen mit v-Einschub(urn.wa-Stämme).
Hierhin gehören u.a.frǽ oderfrjó n. ‘Samen’,hǫgg n. ‘Hieb’,kjǫt n. ‘Fleisch’,mjǫl n. ‘Mehl’,smjǫr n. ‘Butter’ undǫl n. ‘Bier’. Der Einschub vollzieht sich nachRegel (20).
Schwache Flexion
Schwache Maskulina
§ 36 Einteilung.
Es gibt zwei Gruppen schwacher Maskulina, diea-Klasse und dier-Klasse. Die Singularflexion ist identisch, im Plural hat dier-Klasse den i-Umlaut durchgeführt. Alle schwachen Substantive enden im gesamten Singular auf schwachtonigen Vokal, außerdem zeigen sie eine geringere Formenvielfalt als die starken Substantive.
§ 37 a-Klasse(urn.an-Stämme).
Im Singular enden alle obliquen Kasus auf schwachtoniges -a. Die Pluralflexion entspricht hingegen der der starken maskulinena-Typen.
§ 37.1 Reine a-Typen(urn. reinean-Stämme).
Hierher gehören viele mehrsilbige Substantive, u.a. bani m. ‘Tod, Totschläger’,bardagi m. ‘Kampf’,bogi m. ‘Bogen’,granni m. ‘Nachbar’,máni m. ‘Mond’,tími m. ‘Zeit’. Auch Wörter mit dem Ableitungssuffix -ar gehören hierher, u.a.dómari m. ‘Richter’,leikari m. ‘Spieler’ undskapari m. ‘Schöpfer’.
| Sg. N. | granni | grann +i | |
| G. | granna | grann +a | |
| D. | granna | grann +a | |
| A. | granna | grann +a | |
| Pl. N. | grannar | grann +ar | |
| G. | granna | grann +a | |
| D. | grǫnnum | grann +um | (1)U-Umlaut |
| A. | granna | grann +a |
- Einige Lehnwörter aus dem Altenglischen, z.B. síra og herra, haben im gesamten Singular die Endung -a.
- Das Wortuxi m. ‘Ochse’ hat im Plural folgende Formen:yxn –yxna –yxnum –yxn.
- Ein Wort hat maskulines Genus (grammatisches Geschlecht), aber femininen Sexus (natürliches Geschlecht), nämlichSkaði prop., die Frau des VanengottesNjǫrðr (Njord).
§ 37.2 a-Typen mit j-Einschub(urn.jan-Stämme).
Einigea-Typen zeigen j-Einschub nachRegel (19), u.a.erfingi m. ‘[der] Erbe’,illvirki m. ‘Bösewicht’,vili m. ‘Wille’. Hier findet sichj in allen Formen außer Nominativ Singular, z.B.vili –vilja –vilja –vilja;viljar –vilja –viljum –vilja.
§ 37.3 a-Typen mit v-Einschub(urn.wan-Stämme).
Ganz wenigea-Typen zeigen v-Einschub nachRegel (20), u.a.mǫskvi m. ‘Masche’ undnǫkkvi m. ‘Nachen, Boot’.
§ 38 r-Klasse(urn.nd-Stämme).
In dieser Klasse enden im Singular alle obliquen Kasus auf schwachtoniges -a; die Pluralflexion folgt der der starkenr-Typen. Die schwachen r-Typen sind ursprünglich substantivierte Präsenspartizipien, z.B.elska vb. ‘lieben’ →elskandi m. ‘Liebender’; alle Wörter dieser Klasse haben daher einen Stammauslaut auf -nd. Später werden auch andere Substantive mit -nd als Stammauslaut nach diesem Paradigma flektiert, z.B.fjándi m. ‘Feind’.
Hierher gehören u.a.bóndi oderbúandi m. ‘Bonde; freier, Land besitzender Bauer’ (vgl.búa st.vb. ‘wohnen, sich aufhalten’),dómandi m. ‘Richter’ (vgl.dǿma sw.vb. ‘urteilen, richten’),fjándi m. ‘Feind’ undfrǽndi m. ‘Verwandter’. Der i-Umlaut betrifft nur das Ableitungssuffix -and, nicht die Wurzelsilbe des Wortes. So erhältdómandi m. die Pluralformdómendr (nicht *dǿmendr) undbúandi m. die Formbúendr (nicht *býendr) im Plural. Die mehrsilbigen Wörter dieser Klasse hatten auf der ersten Silbe Hauptton und auf der zweiten Silbe Nebenton,ˈelsk-ˌand-i (vgl.§ 13).
| Sg. N. | elskandi | elskand +i | |
| G. | elskanda | elskand +a | |
| D. | elskanda | elskand +a | |
| A. | elskanda | elskand +a | |
| Pl. N. | elskendr | elskand +r⁺ | (17)I-Umlaut |
| G. | elskanda | elskand +a | |
| D. | elskǫndum | elskand +um | (1)U-Umlaut |
| A. | elskendr | elskand +r⁺ | (17)I-Umlaut |
Schwache Feminina
§ 39 Einteilung.
Die schwachen Feminina gliedern sich in zwei Klassen, dieur-Klasse und diei-Klasse. Die erste Klasse ist die größere, während die i-Klasse nur kleinere, von Adjektiven abgeleitete Wörter umfasst, z.B.gleði f. ‘Freude’ vonglaðr adj. ‘froh’.
§ 40 ur-Klasse(urn.ōn-Stämme).
Bei den Wörtern dieser Klasse fallen die Endungen der obliquen Kasus zusammen. In Wörtern mita als Wurzelvokal zeigt der u-Umlaut große Auswirkungen, z.B. insaga f. ‘Saga’, während er in Wörtern mit anderem Wurzelvokal nicht sichtbar ist.
§ 40.1 Reine ur-Typen(urn. reineōn-Stämme).
Hierhin gehören u.a.brenna f. ‘Mordbrand, Verbrennung’,dúfa f. ‘Taube’,fjara f. ‘Ebbe, Watt’,fluga f. ‘Fliege’,hrǽzla f. ‘Furcht, Schrecken’,kerra f. ‘Karren’,ótta f. ‘Zeit vor Tagesanbruch’,stjarna f. ‘Stern’,tunga f. ‘Zunge’ undvika f. ‘Woche’.
| Sg. N. | saga | sag +a | |
| G. | sǫgu | sag +u | (1)U-Umlaut |
| D. | sǫgu | sag +u | (1)U-Umlaut |
| A. | sǫgu | sag +u | (1)U-Umlaut |
| Pl. N. | sǫgur | sag +ur | (1)U-Umlaut |
| G. | sagna | sag +na | |
| D. | sǫgum | sag +um | (1)U-Umlaut |
| A. | sǫgur | sag +ur | (1)U-Umlaut |
- Das Wortkona f. ‘Frau’ hat im Genitiv Plural die Formkvenna.
- Einige wenige ur-Typen sind maskulinen Geschlechts, z.B. die MännernamenElla undSturla.
§ 40.2 ur-Typen mit j-Einschub(urn.jōn-Stämme).
Ein Teil der Wörter zeigt j-Einschub nachRegel (19), u.a.brynja f. ‘Brünne’,bylgja f. ‘Welle’,drykkja f. ‘Trank’,kirkja f. ‘Kirche’,rekkja f. ‘Bett’ undsmiðja f. ‘Schmiede’. Wörter, deren Stamm auf -g oder -k endet, erhalten regelmäßig die Endung -na im Genitiv Plural, z.B.bylgna vonbylgja f. undrekkna vonrekkja f. Wörter, deren Stamm auf einen anderen Konsonanten endet, enden im Genitiv Plural lediglich auf -a, z.B.brynja vonbrynja f. undsmiðja vonsmiðja f.
§ 40.3 ur-Typen mit v-Einschub(urn.wōn-Stämme).
Einige wenige Wörter haben v-Einschub nachRegel (20), u.a.vǫlva f. ‘Seherin, Zauberin’ undslǫngva f. ‘Schleuder’.
§ 41 i-Klasse(urn.īn-Stämme).
Diese Klasse umfasst weitgehend Abstrakta, die keine Numerusflexion haben.
| Sg. N. | speki | spek +i | |
| G. | speki | spek +i | |
| D. | speki | spek +i | |
| A. | speki | spek +i |
Ebenso ist in dieser Klasse der Nominativ mit den obliquen Kasus zusammengefallen, sodass sich eine Flexionsklasse ohne Flexion ergibt. Hierher gehören u.a.blindi f. ‘Blindheit’,elli f. ‘Alter’,fýsi f. ‘Lust’,gleði f. ‘Freude’, mǿði f. ‘Müdigkeit’,speki f. ‘Weisheit’ undǽvi f. ‘Zeitalter’. Einzelne Wörter binden sich an andere Klassen; so können u.a.frǿði f. ‘Kenntnisse, Wissen’ undkristni f. ‘Christentum’ als Genitivendung -s bekommen, wie Neutra vom Typkvǽði (§ 35.2). Das Wortfiski f. ‘Fischfang’ hat die Genitivformfiskjar.
Schwache Neutra
§ 42 Einteilung.
Die schwachen Neutra bestehen nur aus einer einzigen Gruppe. Hier werden Nominativ und Akkusativ Plural mit der Endung -u und zugehörigem u-Umlaut gebildet.
§ 43 u-Klasse(urn.an-Stämme).
Wie bei den anderen Substantiven endet der gesamte Singular auf schwachtonigen Vokal. Die Pluralflexion erinnert hingegen an starke Neutra wieland n. ‘Land’, abgesehen davon, dass im Nominativ und Akkusativ weiterhin -u steht und der Genitiv die Endung -na hat, wie in der femininen ur-Klasse.
| Sg. N. | hjarta | hjart +a | |
| G. | hjarta | hjart +a | |
| D. | hjarta | hjart +a | |
| A. | hjarta | hjart +a | |
| Pl. N. | hjǫrtu | hjart +u | (1)U-Umlaut |
| G. | hjartna | hjart +na | |
| D. | hjǫrtum | hjart +um | (1)U-Umlaut |
| A. | hjǫrtu | hjart +u | (1)U-Umlaut |
Zu dieser Flexionsklasse gehören nur wenige Wörter, von denen mehrere Körperteile bezeichnen:auga n. ‘Auge’, eyra n. ‘Ohr’,hjarta n. ‘Herz’,lunga n. ‘Lunge’,nýra n. ‘Niere’ undǫkla n. ‘Knöchel’.
Überblick über die Substantivflexion
§ 44 Tabellen.
Die folgende tabellarische Aufstellung gibt einen Überblick über sämtliche Substantivklassen, die Abbildungen4.1 und4.2 hingegen verweisen auf die Flexionsendungen in jeder Klasse. Das Pluszeichen markiert hier den morphologischen i-Umlaut (Regel 17), z.B.negl vonnagl, während der morphologische u-Umlaut (Regel 18), z.B.lǫnd vonland, durch einen kleinen Kreis markiert wird. Der phonologische u Umlaut (Regel 1) bleibt unmarkiert.
Die Tabelle inAbb. 4.1 umfasst auch die Verwandtschaftsbezeichnungen der maskulinenr-Klasse (d.h.faðir ‘Vater’ undbróðir ‘Bruter’) sowie der femininen (d.h.móðir ‘Mutter’,dóttir ‘Tochter’ undsystir ‘Schwester’); aus Platzgründen sind die Endungen inAbb. 4.2 nicht aufgeführt. Zur vollständigen Flexion siehe oben§ 29.2 und§ 33.2.
Wenn es hier von einigen der starken Substantive inAbb. 4.1 heißt, dass sie einenj-,v- oderi-Einschub haben, handelt es sich dabei um eine rein synchrone Analyse. Im Urnordischen fanden sich diese Laute in sämtlichen Formen des Wortes, sie fielen später aber in vielen, oft in den meisten Formen weg. Daher ist es ein einfacher, das Vorkommen von -j- , -v- und -i- in diesen Wörtern als Einschub darzustellen denn als Wegfall. Siehe dazu die Erklärung in den Regeln19,20 und6.2.
Starke Flexion
| Maskulina | Feminina | Neutra |
|---|---|---|
| a-Klasse | ar-Klasse | null-Klasse |
| [1] reine:armr,aptann | [1]ar₁:mǫn | [1] reine:land |
| bisweilen j- & v-Einschub | bisweilen j- & v-Einschub | bisweilen j- & v-Einschub |
| [2] i-Einschub:hirðir | [2]ar₂:ermr | [2]i-Einschub:kvǽði |
| bisweilen j-Einschub | bisweilen j-Einschub | |
| i-Klasse | ir-Klasse | |
| gestr,vinr | bǿn,skipan | |
| bisweilen j-Einschub | ||
| u-Klasse | ||
| vǫllr,fagnaðr,fjǫrðr | ||
| r-Klasse | r-Klasse | |
| [1] reine:nagl,fótr | [1] reine:strǫnd,kýr | |
| [2] Verwandschafts- bezeichnungen:faðir | [2] Verwandschafts- bezeichnungen:móðir |
Schwache Flexion
| Maskulina | Feminina | Neutra |
|---|---|---|
| a-Klasse | ur-Klasse | u-Klasse |
| granni | saga | hjarta |
| bisweilen j- & v-Einschub | bisweilen j- & v-Einschub | |
| r-Klasse | i-Klasse | |
| elskandi | speki |
| S t a r k e F l e x i o n | |||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Maskulina | Feminina | Neutra | |||||||
| a | i | u | r | ar₂ | ar₁ | ir | r | Null | |
| Sg. N. | r | r° | r | r | –° | –° | –° | – | |
| G. | s | s/ar | ar | s/ar | ar | ar | ar/r⁺ | s | |
| D. | i | – | i⁺ | i/i⁺ | i | –°/u | –° | –° | i |
| A. | – | –° | – | i | –° | –° | –° | – | |
| Pl. N. | ar | ir | ir⁺ | r⁺ | ar | ir | r⁺ | –° | |
| G. | a | a | a | ||||||
| D. | um | um | um | ||||||
| A. | a | i | u/(i⁺) | r⁺ | ar | ir | r⁺ | –° | |
| S c h w a c h e F l e x i o n | ||||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Maskulina | Feminina | Neutra | ||||
| a | r | ur | i | u | ||
| Sg. N. | i | a | i | a | ||
| G. | a | u | ||||
| D. | ||||||
| A. | ||||||
| Pl. N. | ar | r⁺ | ur | u | ||
| G. | a | na | na | |||
| D. | um | um | um | |||
| A. | a | r⁺ | ur | u | ||
5 Komparation
Umfang und Typologie
§ 45 Wortklassen und Kategorien.
Die Komparation betrifft zwei Wortklassen, Adjektive und Adverbien. In beiden Klassen gibt es drei Stufen der Komparation,Positiv,Komparativ undSuperlativ. Einzelne Adjektive und Adverbien haben nur Komparativ- und Superlativformen.
Adverbien werden ausschließlich in der Komparation flektiert. In§ 51 werden wir sehen, dass Adjektive stark und schwach flektiert werden können und in beiden Fällen Endungen fürKasus,Numerus undGenus erhalten. Diese kommen zu den Endungen der Komparation hinzu; deshalb beginnt man praktischerweise mit dieser Kategorie.
§ 46 Haupttypen.
Aufgrund der beiden FaktorenStammwechsel undi-Umlaut lassen sich drei Haupttypen der Komparation festlegen:
| Positiv | Komparativ | Superlativ | |
|---|---|---|---|
| 1 | Stamm | Stamm +ar | Stamm +ast |
| 2 | Stamm | Stamm +r + i-Umlaut | Stamm +st + i-Umlaut |
| 3 | Stamm | neuer Stamm +r | neuer Stamm +st |
Die drei Adjektivespakr ‘klug’ (Stamm: spak),langr ‘lang’ (Stamm: lang) undillr ‘böse, schlecht’ (Stamm:ill undver) lassen erkennen, wie im Komparativ und Superlativ neue Stämme gebildet werden. Hier sind sie ohne Flexionsendungen fürKasus,Numerus undGenus aufgeführt.
| Positiv | Komparativ | Superlativ | |
|---|---|---|---|
| 1 | spak- | spak +ar →spakar- | spak +ast →spakast- |
| 2 | lang- | leng +r →lengr- | leng +st →lengst- |
| 3 | ill- | ver +r →verr- | ver +st →verst- |
Das Adverb erfährt keine weitere Änderung außer der Endung für die Komparation, wie z.B.opt ‘oft’:
| Positiv | Komparativ | Superlativ | |
|---|---|---|---|
| 1 | opt | opt +ar →optar | opt +ast →optast |
Bei Adjektiven kommt bei den einzelnen Stämmen die Flexionsendung fürKasus,Numerus undGenus hinzu. Üblicherweise stellt man die Komparation mit den Flexionsendungen für den Nominativ Singular Maskulinum dar. Diese Endung ist im Positiv und Superlativ -r, im Komparativ -i. Positiv und Superlativ des Adjektivs zeigen starke und schwache Flexion, der Komparativ nur schwache (vgl.§ 52). Es entsteht folgendes Paradigma:
| Positiv | Komparativ | Superlativ | |
|---|---|---|---|
| 1 | spak +r →spakr | spak +ar+i →spakari | spak +ast +r→spakastr |
| 2 | lang +r →langr | leng +r +i →lengri | leng +st +r →lengstr |
| 3 | ill +r →illr | ver +r +i →verri | ver +st +r →verstr |
Flexionstypen
§ 47 Flexion auf -ar und -ast.
Die meisten Adjektive und Adverbien werden nach diesem Muster flektiert, z.B.spakr adj. undopt adv.
| Positiv | Komparativ | Superlativ |
|---|---|---|
| spakr | spakari | spakastr |
| opt | optar | optast |
Wie das Adjektivspakr gehen z.B.breiðr adj. ‘breit’,fastr adj. ‘fest’,fullr adj. ‘voll’,glaðr adj. ‘froh’,hvass adj. ‘scharf’,jafn adj. ‘gleich, eben’ undsannr adj. ‘wahr’. Wie das Adverbopt gehen z.B.inn adv. ‘hinein’ (auch der Superlativinnst),síð adv. ‘spät’,sjaldan adv. ‘selten’ undvíða adv. ‘weit’. Im Komparativ kann die Endung -ar zu -arr oder -ara verlängert werden, und in den Superlativ kann sich -r aus dem Komparativ einschleichen, z.B.síðari →síðarri undsíðastr →síðarstr vonsíðari ‘späterer’.
§ 48 Flexion auf -r und -st + i-Umlaut.
Eine kleinere Gruppe von Adjektiven und Adverbien flektieren mit i-Umlaut. Unsere Beispiele sind das Adjektivlangr ‘lang’ und das Adverbfram ‘vorwärts’.
| Positiv | Komparativ | Superlativ |
|---|---|---|
| langr | lengri | lengstr |
| fram | fremr | fremst |
Eine Reihe von Adjektiven geht wielangr. Der Vokalwechsel vollzieht sich entsprechendRegel (17)Morphologischer i-Umlaut:
| u ~y | ungr –yngri –yngstr | ▸ungr adj. ‘jung’ |
| o ~ø | stórr –stǿrri –stǿrstr | ▸stórr adj. ‘groß’ |
| ǫ ~ø | þrǫngr –þrøngri –þrøngstr | ▸þrǫngr adj. ‘eng’ |
| a ~e | fagr –fegri –fegrstr | ▸fagr adj. ‘schön’ |
| á ~ǽ | smár –smǽrri –smǽstr | ▸smár adj. ‘klein’ |
■ Regeln:(5) *smǽ +ri →smǽrri,(4.1) *fagr +r →fagr, *fegr +ri →fegri (-r gehört zum Wortstamm)
In Wörtern mit vorderem Wurzelvokal vollzieht sich kein i-Umlaut, z.B.
| ei ~ei | hreinn –hreinni –hreinstr | ▸hreinn adj. ‘rein’ |
| ǿ ~ǿ | sǿmr –sǿmri –sǿmstr | ▸sǿmr adj. ‘passend’ |
| ǽ ~ǽ | vǽnn –vǽnni –vǽnstr | ▸vǽnn adj. ‘schön’ |
■ Regeln:(2) *hrein +r →hreinn, *vǽn +r →vǽnn; *hrein +ri →hreinni, *vǽn +ri →vǽnni.
Einige Adjektive zeigen eine gemischte Flexion, d.h. sie bilden den Komparativ nach dem einen Typ, den Superlativ nach dem anderen. Hierzu gehören u.a.auðigr adj. ‘reich’, djúpr adj. ‘tief’, fjǫlmennr adj. ‘menschenreich’, nýr adj. ‘neu’,tryggr adj. ‘treu’, þungr adj. ‘schwer’ und vegligr adj. ‘prächtig’.
| Positiv | Komparativ | Superlativ |
|---|---|---|
| auðigr | auðigri | auðgastr |
| djúpr | djúpari oderdýpri | djúpastr oderdjýpstr |
| fjǫlmennr | fjǫlmennari | fjǫlmennstr |
| nýr | nýrjari odernýrri | nýjastr |
| tryggr | tryggvari odertryggri | tryggvastr |
| þungr | þungari oderþyngri | þungastr oderþyngstr |
| vegligr | vegligri | vegligastr |
■ Regeln:(14) *auðig +astr →auðgastr,(5) *ný +ri →nýrri,(19) ný + j +ari →nýjari
§ 49 Flexion mit Stammwechsel.
Einige häufige Adjektive wechseln den Stamm:
| gamall | ellri | ellztr | ▸gamall adj. ‘alt’ |
| góðr | betri | beztr | ▸góðr adj. ‘gut’ |
| illr | verri | verstr | ▸illr adj. ‘schlecht’ |
| lítill | minni | minnstr | ▸lítill adj. ‘klein’ |
| margr | fleiri | flestr | ▸margr adj. ‘mancher’ |
| mikill | meiri | mestr | ▸mikill adj. ‘groß’ |
Auch bei Adverbien kommt es zu Stammwechsel:
| garna | heldr | helzt | ▸garna adv. ‘gern’ |
| illa | verr | verst | ▸illa adv. ‘schlecht’ |
| lítt | minnr | minnst | ▸lítt adv. ‘wenig’ |
| mjǫk | meir(r) | mest | ▸mjǫk adv. ‘sehr’ |
| vel | betr | bezt | ▸vel adv. ‘gut’ |
§ 50 Defektive Flexion.
Ein Teil der Adjektive kennt nur Komparativ- und Superlativformen. Sie bringen eine Richtung in Raum oder Zeit zum Ausdruck:
| – | efri ‘der spätere’ | efstr ‘der letzte’ |
| – | eptri, aptari ‘der hintere’ | epztr, aptastr ‘der hinterste’ |
| – | eystri ‘der östlichere’ | austastr ‘der östlichste’ |
| – | fyrri ‘der vordere’ | fyrsti ‘der erste, vorderste’ |
| – | hindri ‘der spätere’ | hinztr ‘der späteste’ |
| – | innri ‘der innere’ | innstr ‘der innerste’ |
| – | neðri ‘der niedrigere’ | neztr ‘der niedrigste’ |
| – | nyrðri ‘der nördlichere’ | nyrztr ‘der nördlichste’ |
| – | síðar(r)i ‘der spätere’ | síðastr ‘der späteste, letzte’ |
| – | syðri ‘der südlichere’ | synnstr ‘der südlichste’ |
| – | vestri ‘der westlichere’ | vestastr ‘der westlichste’ |
| – | øfri ‘der obere’ | øfstr ‘der oberste’ |
| – | ýtri ‘der äußere’ | ýztr ‘der äußerste’ |
Diese Flexion kommt auch bei den Adverbien vor:
| – | fyrr ‘früher’ | fyrst ‘zuerst’ |
| – | hindar ‘(weiter) hinten’ | hinzt ‘zuletzt’ |
| – | nǽr(r) ‘näher’ | nǽst ‘am nächsten’ |
Im Allgemeinen werden bei der defektiven Flexion Komparativ und Superlativ mit -r und -st + i-Umlaut gebildet. In vielen Superlativformen findet sich der Konsonant z. Gemäß§ 11.3 ist dies die Schreibweise für Dental oder Alveolar +s, z.B.ýtstr =ýztr.
6 Flexion der Adjektive
Umfang und Typologie
§ 51 Wortklassen und Kategorien.
Die Adjektivflexion betrifft die Wortklassen Adjektive, Determinative und Partizipien. Viele der zugehörigen Wörter können stark und schwach flektiert werden, und sie haben Endungen fürKasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ),Numerus (Singular, Plural) undGenus (Maskulinum, Femininum, Neutrum). Zusätzlich werden Adjektive nach ihrer Komparation flektiert, aber diese Kategorie wurde im Zusammenhang mit den Adjektiven und Adverben bereits eigens besprochen in§ 45 bis§ 50.
Adjektive im Positiv und Superlativ können stark und schwach flektieren, während das Partizip Perfekt und die meisten Determinative nur starke Flexion kennen; adjektive im Komparativ, das Partizip Präsens sowie einige wenige Determinative flektieren hingegen nur schwach. Die starke Flexion ist reich, die schwache dagegen arm an Formen, wie es auch bei Substantiven und Verben der Fall ist. Charakteristisch für Adjektive ist die Möglichkeit der starken und schwachen Flexion im Positiv und Superlativ. Steht ein Adjektivohne Determinativ, z.B.spakr maðr ‘(ein) kluger Mann’, zeigt es starke Flexion; steht es mit Determinativ, z.B.inn spaki maðr ‘der kluge Mann’, gilt die schwache Flexion (vgl.§ 146.2). Derselbe Unterschied findet sich noch heute in den modernen skandinavischen Sprachen und im Deutschen:heiße inder heiße Kaffee ist die schwache Form,heißer inein heißer Kaffee die starke.
Ähnlich wie bei den schwachen Substantiven ist die schwache Adjektivflexion dadurch gekennzeichnet, dass alle Singularformen auf schwachtonigen Vokal enden. In der starken Flexion enden die meisten Formen auf Konsonant.
Starke Flexion
Adjektive
§ 52 Überblick
Die starke Adjektivflexion umfasst Positiv und Superlativ; diese können auch schwach flektieren, der Komparativ dagegen ausschließlich schwach. Die Endungen des Superlativs sind wie im Positiv.
§ 52.1 Der Typspakr.
Wiespakr wird eine Reihe von einsilbigen Adjektiven flektiert, u.a.blindr adj. ‘blind’,breiðr adj. ‘breit’,fastr adj. ‘fest’,fullr adj. ‘voll’,glaðr adj. ‘froh’,góðr adj. ‘gut’,heill adj. ‘ganz, gesund’,hvass adj. ‘scharf’,jafn adj. ‘gleich’,langr adj. ‘lang’,vǽnn adj. ‘schön’.
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | spakr | spǫk | spakt | r | –° | t |
| G. | spaks | spakrar | spaks | s | rar | s |
| D. | spǫkum | spakri | spǫku | um | ri | u |
| A. | spakan | spaka | spakt | n | a | t |
| Pl. N. | spakir | spakar | spǫk | ir | ar | –° |
| G. | spakra | spakra | spakra | ra | ra | ra |
| D. | spǫkum | spǫkum | spǫkum | um | um | um |
| A. | spaka | spakar | spǫk | a | ar | –° |
■ Regeln:(1) *spak +um → spǫkum,(18)spak →spǫk.
- Bei einigen Wörtern gehört das -r zum Stamm, u.a.fagr adj. ‘schön’ undvitr adj. ‘weise’. Sie zeigen daher im Nominativ Singular Formen wiefǫgr,fagrt undvitr,vitrt.
- Das Adjektivsannr adj. ‘wahr’ hat die Nebenformsaðr (vgl.maðr m.) und im Neutrum die Formsatt, gebildet aussaðr, d.h. *sað +t →satt(3).
§ 52.2 Der Typgamall.
Adjektive mit den Ableitungssuffixen -al/-il/-ul oder -ig/-ug werden flektiert wiegamall, u.a.atall adj. ‘böse, wild’,þagall (þǫgull) adj. ‘schweigsam’,gjǫfull adj. ‘freigebig’,auðigr adj. ‘reich’.
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | gamall | gǫmul | gamalt | r | –° | t |
| G. | gamals | gamallar | gamals | s | rar | s |
| D. | gǫmlum | gamalli | gǫmlu | um | ri | u |
| A. | gamlan | gamla | gamalt | n | a | t |
| Pl. N. | gamlir | gamlar | gǫmul | ir | ar | –° |
| G. | gamalla | gamalla | gamalla | ra | ra | ra |
| D. | gǫmlum | gǫmlum | gǫmlum | um | um | um |
| A. | gamla | gamlar | gǫmul | a | ar | –° |
■ Regeln:(1) *gaml +um →gǫmlum,(2) *gamal +r →gamall(14) *gamal +um → *gamlum (→gǫmlum), *gamalir →gamlir u.a.,(18) *gamal →gǫmul.
- Die beiden Wörterlítill adj. ‘klein’ undmikill adj. ‘groß’ flektieren wiegamall, abgesehen von ihren Formenlítinn undmikinn im Akkusativ Singular Maskulinum, undlítit bzw.mikit im Nominativ und Akkusativ Singular Neutrum (gemäß der Flexion vonheiðinn in§ 52.3). Vor langem Konsonant wird der Wurzelvokal inlítill gekürzt, *lítlir →litlir.
- Vokalschwund nachRegel (14) kommt nicht immer vor beivesall adj. ‘elend’,ýmiss adj. ‘verschieden, wechselnd’ undheilagr adj. ‘heilig’. Beim letzten Wort kann es zusätzlich zu einer Vereinfachung des Diphthongs kommen,helgan nebenheilagan,helgum nebenheilǫgum.
§ 52.3 Der Typheiðinn.
Wieheiðinn werden viele zweisilbige Adjektive flektiert, u.a.kristinn adj. ‘christlich’,opinn adj. ‘offen’ undrotinn adj. ‘verrottet’. Sie haben im Akkusativ Singular Maskulinum die Endung -n ohne Vokalschwund, z.B. heiðin +n →heiðinn.
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | heiðinn | heiðin | heiðit | r | –° | t |
| G. | heiðins | heiðinnar | heiðins | s | rar | s |
| D. | heiðnum | heiðinni | heiðnu | um | ri | u |
| A. | heiðinn | heiðna | heiðit | n | a | t |
| Pl. N. | heiðnir | heiðnar | heiðin | ir | ar | –° |
| G. | heiðinna | heiðinna | heiðinna | ra | ra | ra |
| D. | heiðnum | heiðnum | heiðnum | um | um | um |
| A. | heiðna | heiðnar | heiðin | a | ar | –° |
■ Regeln:(2) *heiðin +r →heiðinn, *heiðin +ri →heiðinni, *heiðin +ra →heiðinna, (3 +4) *heiðin +t → *heiðitt →heiðit,(14) *heiðin +um →heiðnum, *heiðin +ar →heiðnar u.a.
§ 52.4 j-Einschub(urn.ja- undjō-Stämme).
Der j-Einschub vollzieht sich gemäßRegel (19) und kommt u.a. vor infrǽgr adj. ‘berühmt’,miðr adj. ‘mittlerer’,nýr adj. ‘neu’,ríkr adj. ‘mächtig’,sekr adj. ‘schuldig’ undsterkr adj. ‘stark’. Einige Wörter zeigen alternativ v-Einschub, u.a.hryggr adj. ‘bekümmert’ undmyrkr adj. ‘dunkel’.
§ 52.5 v-Einschub(urn.wa- undwō-Stämme).
Der v-Einschub vollzieht sich nachRegel (20) und kommt u.a. vor indøkkr adj. ‘dunkel’,fǫlr adj. ‘bleich, fahl’,gløggr adj. ‘deutlich, genau’gǫrr (gørr,gerr) adj. ‘fertig, erledigt’ (vgl.gera sw.vb.),hár adj.‘hoch’,kvikr adj. ‘lebendig’,styggr adj. ‘scheu, mürrisch’ undþrǫngr adj. ‘eng’.
Partizip Perfekt
§ 53 Das Partizip der schwachen Verben.
Das Partizip Perfekt schwacher Verben flektiert nach dem Muster vonspakr in§ 52.1, z.B.eyddr voneyða sw.vb. ‘verwüsten’,fluttr vonflytja sw.vb. ‘befördern’,fǿrðr vonfǿra sw.vb. ‘führen’,knýttr vonknýta sw.vb. ‘knüpfen’,sendr vonsenda sw.vb. ‘senden’,spáðr vonspá sw.vb. ‘weissagen’,varðr vonverja sw.vb. ‘wehren’.
■ Regeln:(1) *kastað +um →kǫstuðum, *herjað +um →herjuðum u.a., (3 +4) *kastað +t → *kastatt →kastat, *send +t → *sentt →sent,(4) *flutt +t →flutt.
§ 54 Das Partizip der starken Verben.
Das Partizip Perfekt starker Verben wird nach dem Muster vonheiðinn in§ 52.3 flektiert, z.B.bitinn vonbíta st.vb. ‘beißen’,kropinn vonkrjúpa st.vb. ‘kriechen’ undvaxinn vonvaxa st.vb. ‘wachsen’. Hier gelten die gleichen phonologischen Regeln wie fürheiðinn.
■ Regeln:(2) *kropin +r →kropinn, *kropin +ra →kropinna, (3 +4) *vaxin +t → *vaxitt →vaxit,(14) *kropin +um →kropnum, *vaxin +ir →vaxnir u.a.
Determinative
§ 56 Possessive.
Zu dieser Gruppe gehörenminn ‘mein’,þinn ‘dein’,sinn ‘sein’,okkarr ‘unser beider’,ykkarr ‘euer beider’,várr ‘unser’ undyðvarr ‘euer’. Alle enden im Akkusativ Singular Maskulinum auf -n.
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | minn | mín | mitt | r | –° | t |
| G. | míns | minnar | míns | s | rar | s |
| D. | mínum | minni | mínu | um | ri | u |
| A. | minn | mína | mitt | n | a | t |
| Pl. N. | mínir | mínar | mín | ir | ar | –° |
| G. | minna | minna | minna | ra | ra | ra |
| D. | mínum | mínum | mínum | um | um | um |
| A. | mína | mínar | mín | a | ar | –° |
§ 56.1minn,þinn,sinn.
Die drei Possessiveminn,þinn undsinn wechseln innerhalb der Flexion zwischen langem und kurzem Wurzelvokal. Sie flektieren nach dem Muster des Adjektivs heiðinn, abgesehen davon, dass es zu keinem Vokalschwund gemäßRegel (14) kommt. Ursprünglich hatten diese Wörter einen langen Wurzelvokal, der vor geminiertem Konsonanten gekürzt wurde, z.B. *mínn >minn, *mítt >mitt.
■ Regeln:(2) *min +r →minn, *min +rar →minnar u.a.,(3) *min +t →mitt.
§ 56.2várr.
Das Possessivvárr (Stamm:vár) flektiert wiespakr, abgesehen von der Formvárn im Akkusativ Singular Maskulinum.Várr hat Nebenformen mit den Stämmenór odeross vor Flexionsendungen, die mit Vokal beginnen (ór auch bei Nullendung).
§ 56.3yðvarr,okkarr,ykkarr.
Die drei Possessiveyðvarr (Stamm:yðvar),okkarr (Stamm:okkar) undykkarr (Stamm:ykkar) flektieren nach dem Muster des Adjektivsgamall, aber mit Kurzform im Akkusativ Singular Maskulinum:yðvarn,okkarn,ykkarn. Aus Gründen der Analogie zeigtyðvarr auch Formen ohne v-Einschub, z.B.yðarr,yðart.
§ 57 Demonstrative.
Hierhin gehörenhinn,inn undenn dem. ‘dieser, jener’. Sie flektieren nach dem Muster vonminn, aber mit kurzem Wurzelvokal in allen Formen. Die Flexion der Demonstrativesá undsjá/þessi findet sich unten in§ 70.
§ 58 Quantoren.
Hierhin gehören mehrere Wörter, die nach dem Muster der Adjektive flektieren. Das sindallr det. ‘alle’,hverr det. ‘jeder von mehreren’,hvárr det. ‘jeder von beiden’ undsumr det. ‘einige’. Dabei zeigthverr j-Einschub nachRegel (19). Sowohlhverr als auchhvárr haben im Akkusativ Singular Maskulinum Kurzformen,hvern undhvárn.
§ 58.2annarr.
Der Quantorannarr ‘der zweite’ flektiert nach dem Muster des Adjektivsgamall. Außerdem zeigt dieses Wort Übergang vonn →ð vorr, z.B. *annarir → *annrir →aðrir. Diesen Übergang kennen wir bereits von dem starken maskulinen r-Typmaðr.
§ 58.3engi.
Der Quantorengi ‘keiner’ (Stamm:eng) flektiert weitgehend wie ein Adjektiv, hat jedoch einige spezielle Formen entwickelt, u.a. mit den Stämmeneing undøng (letzterer mit v-Einschub nachRegel 20). Im Folgenden sind nur die Formen mit dem Stammeng aufgeführt.
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| Sg. N. | engi | engi | ekki |
| G. | enskis | engrar | enskis |
| D. | engum | engri | engu |
| A. | engan | enga | ekki |
| Pl. N. | engir | engar | engi |
| G. | engra | engra | engra |
| D. | engum | engum | engum |
| A. | enga | engar | engi |
§ 58.4nǫkkurr.
Der Quantornǫkkurr ‘irgendeiner’ (Stamm:nǫkkur) flektiert nach dem Muster des Adjektivsspakr, bis auf die Kurzform im Akkusativ Singular Maskulinum, nǫkkurn, und den Verlust von -r im Nominativ und Akkusativ Singular Neutrum,nǫkkut. Im älteren Norrönen begegnen auch die Formennakkvarr odernekkverr. Auch in normalisierten Texten kann die Flexion dieses Wortes Variation zeigen; man sagt, dass die regelmäßige Flexion nur in Grammatiken vorkommt. Die ältere Formnakkvarr lässt deutlicher erkennen, dass das Wort ursprünglich wohl aus einer Kontraktion entstanden ist, *ni-wait-hwarjaʀ ‘nicht-weiß-was’ (lat.nescio quis). In Wörterbüchern findet man die Stichwörternokkurr,nǫkkurr,nökkurr undnøkkurr.
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| Sg. N. | nǫkkurr | nǫkkur | nǫkkut |
| G. | nǫkkurs | nǫkkurrar | nǫkkurs |
| D. | nǫkkurum | nǫkkurri | nǫkkuru |
| A. | nǫkkurn | nǫkkura | nǫkkut |
| Pl. N. | nǫkkurir | nǫkkurar | nǫkkur |
| G. | nǫkkurra | nǫkkurra | nǫkkurra |
| D. | nǫkkurum | nǫkkurum | nǫkkurum |
| A. | nǫkkura | nǫkkurar | nǫkkur |
Die definite Form des Substantivs
§ 59 Überblick.
Die definite Form des Substantivs wird durch Anhängen des Demonstrativs inn an die flektierte Form des Substantivs gebildet. In vielen Formen, besonders im Plural, werden die Wortformen nachRegel (15) modifiziert.
§ 59.1 Maskulina.
Die definite Form wird im Dativ Singular und allen Pluralformen nachRegel (15) modifiziert.
| Sg. N. | hestr | + inn | = hestrinn | |
| G. | hests | + ins | = hestsins | |
| D. | hesti | + inum | = hestinum | (15.1) |
| A. | hest | + inn | = hestinn | |
| Pl. N. | hestar | + inirm | = hestarnir | (15.2) |
| G. | hesta | + inna | = hestanna | (15.1) |
| D. | hestum | + inum | = hestunum | (15.3) |
| A. | hesta | + ina | = hestana | (15.1) |
§ 59.2 Feminina.
Die definite Form wird in allen Pluralformen modifiziert, auch hier nachRegel (15).
| Sg. N. | borg | + in | = borgin | |
| G. | borgar | + innar | = borgarinnar | |
| D. | borg | + inni | = borginni | |
| A. | borg | + ina | = borgina | |
| Pl. N. | borgir | + inar | = borgirnar | (15.2) |
| G. | borga | + inna | = borganna | (15.1) |
| D. | borgum | + inum | = borgunum | (15.3) |
| A. | borgir | + inar | = borgirnar | (15.1) |
§ 59.3 Neutra.
Die definite Form wird im Dativ Singular sowie im Genitiv und Dativ Plural modifiziert.
| Sg. N. | land | + it | = landit | |
| G. | lands | + ins | = landsins | |
| D. | landi | + inu | = landinu | (15.1) |
| A. | land | + it | = landit | |
| Pl. N. | lǫnd | + in | = lǫndin | |
| G. | landa | + inna | = landanna | (15.1) |
| D. | lǫndum | + inum | = lǫndunum | (15.3) |
| A. | lǫnd | + in | = lǫndin | (15.1) |
Die definiten Formen werden bei den schwachen Substantiven auf die gleiche Art gebildet, aber da diese in so vielen Kasus auf unbetonten Vokal enden, kommt öfterRegel (15.1) zum Zuge, z.B. nom.sg.bóndi +inn →bóndinn undsaga +in →sagan, akk.sg.bónda +inn →bóndann undsǫgu +ina →sǫguna.
Schwache Flexion
§ 60 Übersicht über die schwache Flexion.
Es gibt bei der schwachen Adjektivflexion nur zwei Flexionsklassen. Die eine umfasst Adjektive im Positiv und Superlativ sowie einige wenige Determinative. Die andere, noch einfachere Klasse umfasst das Partizip Perfekt und die Adjektive im Komparativ.
§ 61 Das Adjektiv im Positiv und Superlativ.
Als Beispiel für die Flexion des Positivs seispaki vonspakr adj. ‘klug’ (Stamm:spak) genannt. Die Endungen des Superlativs (Stamm:spakast) entsprechen denen des Positivs.
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | spaki | spaka | spaka | i | a | a |
| G. | spaka | spǫku | spaka | a | u | a |
| D. | spaka | spǫku | spaka | a | u | a |
| A. | spaka | spǫku | spaka | a | u | a |
| Pl. N. | spǫku | spǫku | spǫku | u | u | u |
| G. | spǫku | spǫku | spǫku | u | u | u |
| D. | spǫkum | spǫkum | spǫkum | um | um | um |
| A. | spǫku | spǫku | spǫku | u | u | u |
■ Regeln:(1) *spak +u →spǫku, *spak +um →spǫkum.
Adjektive vom Typgamall undheiðinn zeigen Vokalschwund gemäßRegel (14). Da alle Endungen mit Vokal beginnen, betrifft der Vokalschwund das gesamte Paradigma.
§ 62 Determinative.
Das Wortsamr ‘der gleiche’ kann nach dem Muster vonspaki ebenfalls schwach flektiert werden; das gilt des Weiteren auch für Ordnungszahlen, jedenfalls fürfyrsti ‘der erste’ (auch in starker Flexion möglich,fyrstr),þriði ‘der dritte’,fjórði ‘der vierte’,fim(m)ti ‘der fünfte’ etc. Dagegen zeigtannarr ‘der zweite’ nur starke Flexion. Vgl.§ 65 mit einer Übersicht über das Zahlensystem im Norrönen.
§ 63 Das Adjektiv im Komparativ.
Als Beispiel für den Komparativ führen wirspakari vonspakr adj. ‘klug’ an (Stamm:spakar). Im Komparativ haben Adjektive ausschließlich schwache Flexion.h
| Mask. | Fem. | Neut. | M. | F. | N. | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Sg. N. | spakari | spakari | spakara | i | i | a |
| G. | spakara | spakari | spakara | a | i | a |
| D. | spakara | spakari | spakara | a | i | a |
| A. | spakara | spakari | spakara | a | i | a |
| Pl. N. | spakari | spakari | spakari | i | i | i |
| G. | spakari | spakari | spakari | i | i | i |
| D. | spǫkurum | spǫkurum | spǫkurum | um | um | um |
| A. | spakari | spakari | spakari | i | i | i |
■ Regeln:(1) *spakar +um →spǫkurum.
Adjektive, die im Positiv Vokalschwund gemäßRegel (14) zeigen, behalten diesen auch im Komparativ bei, z.B.heiðnari vonheiðinn.
§ 64 Partizip Präsens.
Die Flexionsendungen des Partizips Präsens entsprechen denen der Adjektive im Komparativ, z.B.gangandi (Stamm:gangand-) vonganga st.vb. ‘gehen’.
§ 65 Das System der Zahlwörter.
Zum Zahlwortsystem im Norrönen gehören Wörter aus unterschiedlichen Wortklassen. Praktischerweise stellen wir sie nebeneinander mit Angabe ihrer Flexionstypen.
| Kardinalzahlen | Flexion | Ordinalzahlen | Flexion | |
|---|---|---|---|---|
| 1 | einn | st.adj. | fyrstr fyrsti | st.adj. schw.adj. |
| 2 | tveir | pronominal | annarr | st.adj. |
| 3 | þrír | — " — | þriði | schw.adj. |
| 4 | fjórir | — " — | fjórði | — " — |
| 5 | fimm | nicht flektiert | fim(m)ti | — " — |
| 6 | sex | — " — | sétti | — " — |
| 7 | sjau | — " — | sjaundi | — " — |
| 8 | átta | — " — | áttandi, átti | — " — |
| 9 | níu | — " — | níundi | — " — |
| 10 | tíu | — " — | tíundi | — " — |
| 11 | ellifu | — " — | ellipti | — " — |
| 12 | tolf | — " — | tolfti | — " — |
| 13 | þrettán | — " — | þrettándi | — " — |
| 14 | fjórtán fjǫgurtán | — " — — " — | fjórtándi fjǫgurtándi | — " — — " — |
| 15 | fim(m)tán | — " — | fim(m)tándi | — " — |
| 16 | sextán | — " — | sextándi | — " — |
| 17 | sjaut(j)án | — " — | sjaut(j)ándi | — " — |
| 18 | áttján | — " — | áttjándi | — " — |
| 19 | nítján | — " — | nítjándi | — " — |
| 20 | tuttugu | — " — | tuttugundi, -andi | — " — |
| 21 | tuttugu ok einn | tuttugundi ok fyrsti | ||
| 22 | tuttugu ok tveir | tuttugundi ok annarr | ||
| 23 | tuttugu ok þrír | tuttugundi ok þriði | ||
| 30 | þrír tigiroder þrjátigi | þrítugundi, -andi | ||
| 40 | fjórir tigiroder fjórutigi | fertugundi, -andi | ||
| 50 | fimm tigiroder fim(m)tigi | fim(m)tugundi, -andi | ||
| 60 | sex tigiroder sextigi | sextugundi, -andi | ||
| 70 | sjau tigiroder sjautigi | sjautugundi, -andi | ||
| 80 | átta tigiroder áttatigi | áttatugundi, -andi | ||
| 90 | níu tigiroder níutigi | níutugundi, -andi | ||
| 100 | tíu tigir (hundrað) | Weiteres ist nicht bekannt | ||
| 110 | ellifu tigir (hundrað ok tíu) | — " — | ||
| 120 | hundrað (hundrað ok tuttugu) | — " — | ||
| 240 | tvau hundrað | — " — | ||
| 360 | þrjú hundrað | — " — | ||
| 1200 | þúsund | — " — | ||
| 2400 | tvǽr þúsundir | — " — | ||
| 3600 | þrjár þúsundir | — " — | ||
| tigr m. ‘Zehner’ | flektiert wie | starker mask.u-Typ |
| hundrað n. ‘(Groß)hundert’ | — " — | starker neut. Nulltyp |
| þúsund f. ‘tausend’ | — " — | starker fem.ir-Typ |
Hundrað wurde häufig in der Bedeutung ‘Großhundert’ gebraucht, d.h. 120. Entsprechend istþúsund entweder als 1000 oder 1200, zehn Großhunderte, zu verstehen. Kardinalzahlen auf -tigi sind indeklinabel (þrjátigi etc.).
Flexion der Pronomen
Umfang und Typologie
§ 66 Wortklassen und Kategorien.
Die pronominale Flexion kommt in zwei Wortklassen vor, bei Pronomen und Determinativen. Die Flexion ist gekennzeichnet durch teils kurze Formen und häufigen Stammwechsel, z.B.vér –vár –oss –oss ‘wir, unser, uns, uns’. Die Flexion gilt immer für den Kasus, bisweilen auch für das Genus und/oder den Numerus.
Pronomen
§ 67 Personalpronomen.
Die Personalpronomenek ‘ich’,vit ‘wir beide’,vér ‘wir’,þú ‘du’,it ‘ihr beide,ér ‘ihr’,hann ‘er’ undhon ‘sie’ werden nur im Kasus flektiert.
§ 67.1 Das Personalpronomen der 1. und 2. Person.
In der 1. und 2. Person kennen die Personalpronomen zusätz-lich zum normalen Plural auch den Dual.
| Singular | Dual | Plural | ||
|---|---|---|---|---|
| 1. Person | N. | ek | vit | vér |
| G. | mín | okkar | vár | |
| D. | mér | ok(k)r | oss | |
| A. | mik | ok(k)r | oss | |
| Singular | Dual | Plural | ||
|---|---|---|---|---|
| 2. Person | N. | þú | it, þit | ér, þér |
| G. | þín | ykkar | yð(v)ar | |
| D. | þér | yk(k)r | yðr | |
| A. | þik | yk(k)r | yðr | |
§ 67.2 Das Personalpronomen der 3. Person.
In der 3. Person ist das Personalpronomen nach Geschlecht geteilt. Dabei dienen die Formen des Demonstrativssá ‘dieser’ im Neutrum (þat) und im gesamten Plural (þeir –þǽr –þau) als Personalpronomen:
| Mask. | Fem. | Neut. | |||
|---|---|---|---|---|---|
| 3. Pers. Sg. | N. | hann | hon | þat | – |
| G. | hans | hennar | þess | sín | |
| D. | honum | henni | því | sér | |
| A. | hann | hana | þat | sik | |
| 3. Pers. Pl. | N. | þeir | þǽr | þau | – |
| G. | þeir(r)a | þeir(r)a | þeir(r)a | sín | |
| D. | þeim | þeim | þeim | sér | |
| A. | þá | þǽr | þau | sik | |
Zu den Personalpronomen zählen wir auch das Reflexivpronomensín. Es hat nur drei Formen: Genitivsín, Dativsér und Akkusativsik.
§ 67.3 Enklitische Formen.
Die Pronomenek undþú haben enklitische Formen, d.h. sie können mit einem vorangehenden Verb zusammengezogen werden. Das Pronomenek verliert bei dieser Enklise den Vokal:
| hafða ek →hafðak | ‘ich hatte’ | ▸hafa sw.vb. +ek pron. |
| em ek →emk | ‘ich bin’ | ▸vera st.vb. +ek pron. |
In den enklitischen Formen vonþú wird der Dentalþ mit dem vorausgehenden Konsonanten assimiliert; dadurch entstehen die Endungen -tu, -du und -ðu:
| fór þú →fórtu | ‘du fuhrst’ | ▸fara st.vb. +þú pron. |
| kenn þú →kenndu | ‘lern (du)!’ | ▸kenna sw.vb. +þú pron. |
| far þú →farðu | ‘fahr (du)!’ | ▸fara st.vb. +þú pron. |
§ 68 Andere Pronomen.
Die Pronomenhvat ‘was’,hvatki ‘was auch immer’,hvatvetna ‘was auch immer’ undvǽttki ‘nichts’ werden nur im Kasus flektiert. Alle Formen sind Neutrum.
| Sg. N. | hvat | hvatki | hvatvetna | vǽttki |
| G. | hvess | hvesskis | hversvetna | vǽttugi |
| D. | hví | hvígi | hvívetna | vǽttugi |
| A. | hvat | hvatki | hvatvetna | vǽttki |
Quantoren
§ 69tveir,báðir,þrír undfjórir.
Die Quantoren 2, 3 und 4 zeigen eine spezielle Flexion mit deutlichen Gemeinsamkeiten zu der pronominalen Flexion. Sie werden nicht im Numerus flektiert, da sie den Plural beinhalten.
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| N. | tveir | tvǽr | tvau |
| G. | tveggja | tveggja | tveggja |
| D. | tveim | tveim | tveim |
| A. | tvá | tvǽr | tvau |
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| N. | báðir | báðar | bǽði |
| G. | beggja | beggja | beggja |
| D. | báðum | báðum | báðum |
| A. | báða | báðar | bǽði |
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| N. | þrír | þrjár | þrjú |
| G. | þriggja | þriggja | þriggja |
| D. | þrim(r) | þrim(r) | þrim(r) |
| A. | þrjá | þrjár | þrjú |
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| N. | fjórir | fjórar | fjǫgur |
| G. | fjǫgurra | fjǫgurra | fjǫgurra |
| D. | fjórum | fjórum | fjórum |
| A. | fjóra | fjórar | fjǫgur |
Demonstrative
§ 70sá undþessi.
Die Flexion vonsá ‘der’ undþessi ‘dieser’ zeigt viele spezielle Formen sowie hochgradigen Stammwechsel. Morphologisch gesehen gehören sie zur pronominalen Flexion, auch wenn sie von der Wortklasse her zu den Determinativen gehören.
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| Sg. N. | sá | sú | þat |
| G. | þess | þeirar | þess |
| D. | þeim | þeiri | því |
| A. | þann | þá | þat |
| Pl. N. | þeir | þǽr | þau |
| G. | þeira | þeira | þeira |
| D. | þeim | þeim | þeim |
| A. | þá | þǽr | þau |
Die Formenþeirar,þeiri undþeira können auch geminiertes -r haben,þeirrar,þeirri undþeirra.
| Mask. | Fem. | Neut. | |
|---|---|---|---|
| Sg. N. | sjá, þessi | sjá, þessi | þetta |
| G. | þessa | þessar, þessarar | þessa, þvísa |
| D. | þessum | þessi, þessari | þessu |
| A. | þenna | þessa | þetta |
| Pl. N. | þessir | þessar | þessi |
| G. | þessa, þessara | þessa, þessara | þessa, þessara |
| D. | þessum, þeima | þessum, þeima | þessum,þeima |
| A. | þessa | þessar | þessi |
Die Formenþessarar,þessari undþessara können auch geminiertes -r haben,þessarrar,þessarri undþessarra.
Flexion der Verben
Umfang und Typologie
§ 71 Wortklassen und Kategorien.
Die Verbflexion im Norrönen umfasst nur die Wortklasse der Verben. Diese Wortklasse hat fünf Flexionskategorien:Tempus (Präsens, Präteritum),Modus (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ),Diathese (Aktiv, Mediopassiv),Person (1. Person, 2. Person, 3. Person) undNumerus (Singular, Plural).
§ 72 Finite und infinite Formen.
Finite Verbformen haben die KategorienTempus undModus und bilden allein oder zusammen mit einer oder mehreren infinitiven Formen das Prädikat im Satz (vgl. dazu unten§ 97). Der Unterschied zwischen finiten und infiniten Formen im Norrönen entspricht dem im Deutschen:
- Präsens (Indikativ, Konjunktiv und Imperativ) und Prä-teritum (Indikativ und Konjunktiv) sind finite Formen
- Infinitiv (Präsens und Präteritum), Partizip Präsens, Partizip Perfekt sind infinite Verbformen
Der syntaktische Unterschied zwischen finiten und infiniten Formen entspricht einem rein morphologischen Unterschied im Norrönen.
- Die finiten Formen werden entsprechend der Verbflexion flektiert, die in diesem Kapitel vorgestellt wird.
- Das Partizip Präsens folgt der schwachen Adjektivflexion (§ 64), das Partizip Perfekt der starken Adjektivflexion (§ 53 &§ 54). Mit Ausnahme der drei Verbenmunu pp.vb. ‘werden’,skulu pp.vb. ‘sollen’ undvilja sw.vb. ‘wollen’ ist der Infinitiv unflektiert. Die drei genannten Verben stehen in ihren Formenmundu,skyldu undvildu im Infinitiv Präteritum.
In vielen Fällen ist das Prädikat komplex und enthält zusätzlich zu den finiten auch infinite Verbformen, z.B.hefir keypt ‘hat gekauft’,mun sofnat hafa ‘wird eingeschlafen sein’; hier sindhefir undmun die finiten Formen.
§ 73 Präsens- und Präteritalstufe.
Von einem morphologischen Blickwinkel lassen sich Verbformen in zwei Stufen einteilen, die Präsens- und die Präteritalstufe, wieAbb. 8.1 zeigt. Die Verben haben auf diesen zwei Stufen unterschiedliche Stämme.
| Präsens | Präteritum | ||
|---|---|---|---|
| finite Formen | infinite Formen | finite Formen | infinite Formen |
| Präsens Ind. & Konj. | Infinitiv Präsens | Präteritum Ind. & Konj. | Infinitiv Präteritum |
| Imperativ | Partizip Präsens | Partizip Perfekt | |
Präsensstämme entsprechen den Infinitivformen unter Streichung der Endung -a, eventuell auch -ja bei j-Einschub oder -va bei v-Einschub. Einige Verben haben im Präteritum nur einen Stamm, andere haben mehrere Stämme mit Vokalwechsel, wie esAbb. 8.2 zeigt.
| kasta | telja | leysa | krjúpa | sleppa | søkkva | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Präsensstamm | kast- | tel- | leys- | krýp- | slepp- | søkk- |
| Präteritalstamm / -stämme | kastað- | tald- | leyst- | kraup- krup- krop- | slapp- slupp- slopp- | sǫkk- sukk- sokk- |
Alle Verben mit nur einem Stamm auf der Präteritalstufe haben Dentaleinschub. Dieses Suffix ist – abhängig von seiner lautlichen Umgebung – realisiert alsð,d odert. Die beiden letzten Laute sind alveolar, aber auf historischer Grundlage bezeichnet man sie üblicherweise alle drei alsDentalsuffix.
§ 74 Schwache und starke Flexion.
Schwache Verben bilden ihr Präteritum mit Dentalsuffix; sie haben auf der Präteritalstufe nur einen Stamm, vgl.kasta,telja undleysa. Starke Verben haben kein Dentalsuffix, zeigen hingegen auf der Präteritalstufe immer Vokalwechsel, vgl.krjúpa,sleppa undsøkkva. Wie ein Substantiv hat auch ein Verb entweder eine schwache oder eine starke Flexion.
§ 74.1 Schwache Flexion.
Schwache Verben haben im Präteritum Indikativ Singular immer mehrsilbige Formen, z.B.kallaði (vonkalla),krafði (vonkrefja) undleysti (vonleysa). Das Dentalsuffix zeigt sich alsð nach Vokal und stimmhaften Konsonanten (Ausnahmel,m undn), als d nach l,m undn und alst nach stimmlosen Konsonanten.
| kasta –kastaði | selja –seldi | knýta –knýtti |
| kemba –kembði | dǿma –dǿmdi | merkja –merkti |
| fylgja –fylgði | sýna –sýndi | leysa –leysti |
§ 74.2 Starke Flexion.
Starke Verben haben im Präteritum Indikativ Singular immer einsilbige Formen, z.B.beit (vonbíta),kraup (vonkrjúpa) undbrann (vonbrenna). Zusätzlich findet auf der Präsens- und Präteritalstufe ein Vokalwechsel statt, Kennzeichen des Ablauts, der starke Verben von schwachen abgrenzt (§ 15). Auch einige schwache Verben zeigen Vokalwechsel zwischen den beiden Stufen, z.B.telja inf. –taldi Prät. (vontelja sw.vb.), aber dieser Vokalwechsel beruht auf Umlaut, nicht auf Ablaut. Das Umlaut hervorrufendej ist auf der Präsensstufe stehen geblieben urn. *taljan > norr.telja (§ 17.2). Bei den starken Verben findet sich der Vokalwechsel zusätzlich auf der Präteritalstufe, z.B.slapp-/slupp-/slopp- vonsleppa st.vb.
§ 74.3 Gemischte Flexion.
Einige Verben zeigen Eigenschaften der schwachen und starken Flexion zugleich. Das gilt für die sogenanntenPräteritopräsentia (SingularPräteritopräsens), die ihr Präsens nach dem Präteritum von starken Verben bilden, das Präteritum hingegen wie schwache Verben. Mehrere Präteritopräsentia sind modale Hilfsverben, nämlichmunu ‘werden (Fut.)’,skulu ‘sollen’,mega ‘dürfen, können’ undkunna ‘können’. Ansonsten gehören zu der Klasse die Verbenvita ‘wissen’,eiga ‘haben’,unna ‘lieben, gönnen’,þurfa ‘brauchen’ undmuna ‘sich erinnern’.
§ 75 Stammformen.
In§ 73 haben wir gesehen, dass norröne Verben einen Präsensstamm und einen oder mehrere Präteritalstämme haben. Üblicherweise bezieht man sich auf diese Stämme mit bestimmten Flexionsformen des Verbs, die alsStammformen bezeichnet werden.
§ 75.1 Die Stammformen starker Verben.
Bei starken Verben repräsentiert der Infinitiv den Präsensstamm; die Präteritalstämme werden repräsentiert vom Präteritum Indikativ Singular (3. Person), Präteritum Indikativ Plural (3. Person) und Supinum. Es sind die gleichen Stammformen, die wir beim Ablaut in§ 15 aufgelistet haben. Für ein Verb wiekrjúpa ‘kriechen’ sehen die Stammformen so aus:
| krjúpa –kraup –krupu –kropit |
Starke Verben bilden das Präsens Indikativ Singular mit dem morphologischen i-Umlaut des Präsensstamms und das Präteritum Konjunktiv mit dem morphologischen i-Umlaut des Stammes im Präteritum Indikativ Plural. Dadurch kommt es zu zwei neuen Vokaländerungen, aber diesmal als Folge des Umlauts, nicht des Ablauts. Wir fügen die umgelauteten Formen in Klammern an und listen alle sechs Stammformen der starken Verben auf:
| krjúpa – (krýpr) –kraup –krupu – (krypi) –kropit |
Das Supinum enspricht dem Nominativ und Akkusativ Singular des Partizip Perfekt. Diese Form steht nach dem Verbhafa, z.B.hann hefir etit ‘er hat gegessen’ undhann hefir kropit ‘er ist gekrochen’.
§ 75.2 Die Stammformen schwacher Verben.
Mit wenigen Ausnahmen gibt es bei schwachen Verben nur zwei Stämme, einen auf der Präsensstufe, einen auf der Präteritalstufe. Wie bei den starken Verben wird die Präsensstu-fe repräsentiert durch den Infinitiv, die Präteritalstufe meist durch das Präteritum Indikativ Singular (3. Person). Es reicht also bei einem Verb wietelja aus, nur zwei Stammformen anzuführen:
| telja –taldi |
Es ist üblich, das Supinum hinzuzunehmen, zum einen, weil manche Verben im Partizip Perfekt einen erweiterten Stamm haben (Präteritumdugði, aber Supinumdugat vonduga ‘taugen’), zum anderen, weil man anhand des Supinums phonologische Regeln illustrieren kann, z.B. *kallaðt →kallat, *taldt →talt und *dǿmdt →dǿmt. Der Konjunktiv Präteritum wird in der telja- und dǿma-Klasse mit dem morphologischen i-Umlaut vom Stamm des Präteritum Indikativ gebildet; er sollte daher eigens aufgeführt werden. Schließlich können wir nach dem Muster der starken Verben auch noch die Form des Präsens Indikativ mitaufnehmen; sie steht – wie die Form des Konjunktiv Präteritum – in Klammern. Demnach lassen sich für schwache Verben folgende fünf Stammformen ansetzen:
| telja – (telr) –taldi – (teldi) –talt |
Schwache Flexion
§ 76 Einteilung.
Alle schwachen Verben haben ein Dentalsuffix; aufgrund von Bindevokal und Vokalwechsel zwischen Präsens- und Präteritalstufe lassen sie sich in drei Klassen einteilen:
- Der Präsensstamm wird erweitert mit dem Bindevokala + Dentalsuffix, der Wurzelvokal bleibt unverändert, z.B. Präs.kast-, Prät.kastað- vonkasta.
- Der Präsensstamm wird erweitert mit Dentalsuffix ohne Bindevokal, der Wurzelvokal wechselt, z.B. Präs.tel-, Prät.tald- vontelja.
- Der Präsensstamm wird erweitert mit Dentalsuffix ohne Bindevokal, der Wurzelvokal bleibt unverändert, z.B. Präs.dǿm-, Prät.dǿmd- vondǿma.
Im Folgenden werden diese Kennzeichen gebraucht, um die schwachen Verben in drei Hauptklassen zu gliedern; wir benutzen die Verbenkasta,telja unddǿma als jeweilige Repräsentanten ihrer Gruppe. Als vierte Klasse werden einige unregelmäßige Verben aufgeführt.
kasta-Klasse
§ 77 kasta-Klasse(urn.ō-Konjugation).
Sie ist die größte der schwachen Verbklassen. Da der Präteritalstamm in dieser Klasse mita erweitert wird, ist das Dentalsuffix immerð.
§ 77.1 Haupttyp.
Die meisten Verben dieser Klasse flektieren wie kasta ‘werfen’.
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| kasta | (kastar) | kastaði | (kastaði) | kastat |
Hierzu gehört eine Reihe von Verben, u.a.banna ‘verbieten’,elska ‘lieben’,freista ‘erproben’,kalla ‘rufen’,leita ‘suchen’,líka ‘mögen’,skipa ‘ordnen’ undþakka ‘danken’.
§ 77.2 Verben mit j- oder v-Einschub.
Ein Teil Verben zeigt j-Einschub nachRegel (19), z.B.belja ‘brüllen’,byrja ‘anfangen’,eggja ‘aufhetzen’,gneggja ‘wiehern’,herja ‘heeren’ undsynja ‘verweigern’. Andere Verben haben v-Einschub nachRegel (20), z.B.bǫlva ‘verfluchen’ undstǫðva ‘stehen bleiben’. Diese Einschübe gelten auf Präsens- und Präteritalstufe:
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| eggja | (eggjar) | eggjaði | (eggjaði) | eggjat |
| bǫlva | (bǫlvar) | bǫlvaði | (bǫlvaði) | bǫlvat |
§ 77.3 Verben mit Stammausgang auf Vokal.
Bei wenigen Verben endet der Stamm auf langen, haupttonigen Vokal und wird daher nachRegel (6) kontrahiert, z.B. beifá ‘färben’,skrá ‘auflisten’ undspá ‘weissagen’:
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| fá | (fár) | fáði | (fáði) | fátt |
■ Regeln:(6) *fá +a →fá, *fá +aði →fáði,(6) +(3) *fáað +t → *fáðt →fátt.
telja-Klasse
§ 78 telja-Klasse(urn.ja-Konjugation).
Dies ist die kleinste der drei schwachen Verbklassen. Die allermeisten dieser Verben haben eine kurze Silbe mit vorderem Wurzelvokal sowie j-Einschub nachRegel (19) auf der Präsensstufe. Das heißt, sie haben auf der Präsensstufe einen umgelauteten Wurzelvokal, nicht jedoch auf der Präteritalstufe, z.B.telja –taldi,flytja –flutti. Ensprechend der Regeln in§ 74.1 ist das Dentalsuffix abhängig vom vorangehenden Laut,ð,d odert.
§ 78.1 Haupttypen.
Die meisten Verben dieser Klasse werden flektiert wietelja oderflytja, d.h. mit Vokalwechsele ~a odery ~u.
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| telja | (telr) | taldi | (teldi) | talt |
| flytja | (flytr) | flutti | (flytti) | flutt |
Der Wechsele ~a kommt u.a. vor beiberja ‘schlagen’,fremja ‘befördern’,gleðja ‘sich freuen’,krefja ‘fordern’,leggja ‘legen’,skepja ‘schaffen’,telja ‘zählen, sagen’,velja ‘wählen’,venja ‘gewöhnen’ undverja ‘wehren’. Der Wechsely ~u zeigt sich z.B. beidynja ‘donnern’,flytja ‘transportieren’,smyrja ‘schmieren’ undspyrja ‘fragen’. Zwei Verben sollte man sich besonders merken, sie wechseln zwischeney undá:heyja –háði ‘in Gang setzen’ undþreyja –þráði ‘sich sehnen’.
Ursprünglich hatten die Verben der telja-Klasse im Partizip Perfekt einen Bindevokali, der in vielen Verben stehen geblieben ist, z.B.berja (barit),fremja (framit),telja (talit).
§ 78.2 Verben ohne Vokalwechsel.
Einige Verben haben auf Präsens- und Präteritalstufe den gleichen Wurzelvokal. Hierzu gehörenskilja –skildi ‘trennen’,vilja –vildi ‘wollen’,selja –seldi ‘verkaufen’,setja –setti ‘setzen’,flýja –flýði ‘fliehen’ undknýja –knýði ‘klemmen’.
§ 78.3 Verben mit Bindevokala.
Zwei Verben haben im Partizip Perfekt einen Bindevokala,vilja (viljat) ‘wollen’ undhyggja (hugt oderhugat) ‘denken’. Das letzte Verb hat auf der Präsensstufe geminierten Konsonant. Auchleggja ‘legen’ zeigt geminierten Konsonant auf der Präsensstufe, aber keinen Bindevokal,leggja – (leggr) –lagði – (legði) –lagt.
dǿma-Klasse
§ 79 dǿma-Klasse(urn.ija- undē-Konjugation).
Dies ist die zweitgrößte Klasse der schwachen Verben. Hier hat das Präteritum keinen Bindevokal, und der Wurzelvokal ist auf Präsens- und Präteritalstufe gleich. Das Dentalsuffix zeigt sich alsð,d odert, je nach vorausgehendem Laut.
§ 80 Verben mit i-Umlaut des Wurzelvokals(urn.ija-Konjugation).
Eine große Gruppe zeigt i-Umlaut des Wurzelvokals, z.B.dǿma ‘urteilen’,fylgja ‘folgen’ undstøkkva ‘bersten, springen’. Diese Verben haben eine lange Wurzelsilbe, entweder langen Vokal und kurzen Konsonant wiedǿma oder kurzen Vokal und langen Konsonant wieerfa.
§ 80.1 Haupttyp.
Die meisten Verben mit i-Umlaut des Wurzelvokals flektieren wiedǿma ‘Urteil fällen’.
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| dǿma | (dǿmir) | dǿmdi | (dǿmdi) | dǿmt |
Hierhin gehören u.a.brenna ‘brennen’,erfa ‘beerben’,fella ‘fällen’,festa ‘festigen’,fylla ‘füllen’,fǿra ‘führen’,gleypa ‘schlucken’,hefna ‘rächen’,heyra ‘hören’,hitta ‘treffen’,hvessa ‘schärfen’,kenna ‘kennen, lehren’,leysa ‘lösen’,minna ‘sich erinnern’,mǽla ‘sprechen’,nefna ‘nennen’,senda ‘senden’,sigla ‘segeln’,skíra ‘taufen’,sýna ‘zeigen’ und virða ‘werten, schätzen’.
§ 80.2 Verben mit j- und v-Einschub.
Nicht wenige Verben zeigen j-Einschub nachRegel (19), z.B.bergja ‘schmecken’,byggja ‘bauen, siedeln’,dengja ‘dengeln’,fylgja ‘folgen’,hengja ‘hängen’,merkja ‘merken’,stengja ‘schließen’,svelgja ‘schlucken’,syrgja ‘sorgen’ undtelgja ‘behauen, schnitzeln’. Andere Verben haben v-Einschub nachRegel (20), z.B.sløngva ‘schleudern’ undstøkkva ‘spritzen’. Schließlich gibt es noch einige Verben, die sowohl j- als auch v-Einschub zeigen, z.B.byggja/byggva ‘bauen, wohnen’,hryggja/hryggva ‘Kummer machen’,myrkja/myrkva ‘dunkel machen’,søkkja/søkkva ‘senken’ undstyggja/styggva ‘erschrecken’. Bei all diesen Verben endet der Stamm auf -g oder -k.
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| fylgja | (fylgir) | fylgði | (fylgði) | fylgt |
| støkkva | (støkkvir) | støkkti | (støkkti) | støkkt |
§ 81 Verben ohne i-Umlaut des Wurzelvokals(urn.ē-Konjugation).
Eine kleinere Gruppe hat keinen umgelauteten Wurzelvokal; sie zeigt deshalb Vokalwechsel im Konjunktiv Präteritum. Die meisten Verben haben eine kurze Wurzelsilbe und sind zum großen Teil intransitiv. Im Imperativ Singular können sie die Endung -i erhalten, haben aber ansonsten die gleichen Endungen wie die anderen Verben der dǿma-Klasse (vgl. die Tabelle inAbb. 8.3).
§ 81.1 Haupttyp.
Die meisten Verben ohne i-Umlaut des Wurzelvokals flektieren wieduga ‘taugen’.
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|
| duga | (dugir) | dugði | (dygði) | dugat |
Hierhin gehören u.a.gá ‘beachten’,gapa ‘glotzen’,horfa ‘umdrehen’,ná ‘erreichen, bekommen’,skorta ‘fehlen, mangeln’,spara ‘sparen’,trúa ‘glauben’,þola ‘erdulden’,þora ‘wagen’ undvaka ‘wachen’. Ein Teil dieser Verben hat auch einen Bindevokala im Partizip Perfekt,duga (dugat),spara (sparat).
Unregelmäßige Verben
§ 82 Unregelmäßige schwache Verben.
Schließlich gibt es einige Verben, die man typologisch und historisch gesehen zur dǿma-Klasse rechnen muss, die aber eine unregelmäßige Flexion zeigen, entweder aufgrund von Stammwechsel (sǿkja –sótti) oder Vokalwechsel (kaupa –keypti). Hierhin gehören mehrere häufig gebrauchte Verben:
| Inf. | Präs. Ind. | Prät. Ind. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|
| hafa | (hefir) | hafði | haft | ‘haben’ |
| gera | (gerir) | gerði | gert | ‘tun, machen’ |
| sǿkja | (sǿkir) | sótti | sótt | ‘suchen’ |
| þykkja | (þykkir) | þótti | þótt | ‘dünken, scheinen’ |
| yrkja | (yrki) | orti | ort | ‘wirken, dichten’ |
| segja | (segir) | sagði | sagt | ‘sagen’ |
| þegja | (þegir) | þagði | þagt | ‘schweigen’ |
| kaupa | (kaupir) | keypti | keypt | ‘kaufen’ |
- Das Verbhafa hat morphologischen i-Umlaut im Präsens Indikativ Singular, also nach dem Muster der starken Verben:hefi –hefir –hefir. Die Flexionsendungen entsprechen hingegen denen der schwachen Verben (vgl. die Übersicht in§ 94).
- Das Verb gera hat die Nebenformengøra undgørva und neben dem regelmäßigen Partizip gert kennt es die Formengørt undgǫrt (beide mit v Einschub, z.B.gørvan undgǫrvan).
Starke Flexion
§ 83 Einteilung.
Üblicherweise teilt man die starken Verben in sechs Hauptklassen ein, entsprechend den Ablautklassen (§ 15). Dazu kommt eine siebte Klasse, die der ehemals reduplizierenden Verben.
I. Klasse
§ 84 Vokalwechsel.
Die Verben der 1. Klasse haben den Vokalwechselí –ei –i –i.
§ 84.1 Haupttyp.
Die meisten Verben der ersten Klasse gehen wiebíta ‘beißen’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| bíta | (bítr) | beit | bitu | (biti) | bitit |
Ebenso gehen u.a.drífa ‘treiben’,grípa ‘greifen’,hníga ‘sich neigen’,líða ‘vergehen’,líta ‘sehen’,míga ‘pissen’,ríða ‘reiten’,rísa ‘sich erheben’,síga ‘siegen’,skína ‘scheinen’,slíta ‘zerreißen’,sníða ‘schneiden’ undstíga ‘steigen’.
§ 84.2 Verben mit Stammausgang auf -g.
Verben mit Stammausgang auf -g können im Präteritum Singular auf Vokal enden:hníga (hné oderhneig),míga (mé odermeig),síga (sé oderseig) undstíga (sté odersteig).
§ 84.3 Verb mit j- und v-Einschub.
Drei Verben haben im Präsens j-Einschub nachRegel (19),blíkja ‘blinken’,svíkja ‘verraten’ undvíkja ‘weichen’. Die beiden letzten Verben können auch nachRegel (20) v-Einschub haben,svíkva undvíkva.
II. Klasse
§ 85 Vokalwechsel.
Die Verben der 2. Klasse haben den Vokalwechseljú/jó/ú –au –u –o. Auf der Präsensstufe stehtjú vorf,p,g undk undjó in den übrigen Fällen (vgl.§ 15); bei wenigen Ausnahmen steht nurú.
§ 85.1 Haupttypen.
Die meisten Verben der 2. Klasse flektieren wiekrjúpa ‘kriechen’,brjóta ‘brechen’ oderlúka ‘schließen’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| krjúpa | (krýpr) | kraup | krupu | (krypi) | kropit |
| brjóta | (brýtr) | braut | brutu | (bryti) | brotit |
| lúka | (lýkr) | lauk | luku | (lyki) | lokit |
- Wiekrjúpa gehen u.a.drjúpa ‘tropfen’,fljúga ‘fliegen’,ljúga ‘lügen’,rjúfa ‘zerbrechen’,rjúka ‘rauchen’,smjúga ‘schmiegen’ undstrjúka ‘streicheln’.
- Wiebrjóta gehen u.a.bjóða ‘anbieten, einladen’,fljóta ‘fließen, auf dem Wasser treiben’,frjósa ‘frieren’,gjósa ‘sprudeln’,gjóta ‘gießen’,hljóta ‘bekommen’,hrjóta ‘schnarchen’,kjósa ‘wählen’,ljósta ‘schlagen’,njóta ‘nutzen’,sjóða ‘kochen’,skjóta ‘schießen’ undþjóta ‘summen, tosen’.
- Wielúka gehen u.a.lúta ‘sich beugen’,súga ‘saugen’ undsúpa ‘saufen’.
§ 85.2 Verben mit Stammausgang auf -g.
Verben mit Stammausgang auf -g können im Präteritum Singular alternativ auf Vokal enden. Das betrifft u.a.fljúga (fló oderflaug),ljúga (ló oderlaug),smjúga (smó odersmaug) undsúga (só odersaug).
§ 85.3frjósa undkjósa.
Die Verbenfrjósa ‘frieren’ undkjósa ‘wählen’ flektieren nach dem Muster von brjóta, können im Altisländischen jedoch im Präteritum und Partizip Perfekt auch stark abweichende Formen haben. Bei diesen Präteritalformen folgt die Flexion dem Muster der schwachen Verben (§ 94). Die Grundformen lauten dann so:
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| krjósa | (frýss) | frøri | frøru | (frøri) | frørit |
| kjósa | (kýss) | køri | køru | (køri) | kørit |
§ 85.4flýja undspýja.
Zwei Verben,flýja ‘fliehen’ undspýja ‘spucken, speien’, zeigen auf der Präsensstufe j-Einschub. Die Formen des Partizips Perfekt sind nicht bekannt.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| flýja | (flýr) | flaug/fló | flugu | (flygi) | — |
| spýja | (spýr) | spjó | spjó | (spý) | — |
III. Klasse
§ 86 Vokalwechsel.
Die Verben der 3. Klasse haben ursprünglich den Vokalwechsele –a –u –u. Aufgrund mehrerer Lautübergänge kommen auf Präsensstufe jedoch auchja,i,y undø vor. Im Präteritum ist der Wurzelvokala bei Verben mit v-Einschub zuǫ übergegangen, und im Partizip Perfekt ist der ursprüngliche Wurzelvokalu nur vor Nasal stehen geblieben (z.B.spunnit sowie in den Partizipienbrugðit unddrukkit); ansonsten ist er zuo abgesenkt (z.B.brostit undborgit).
§ 86.1 Haupttypen.
Die meisten Verben der 3. Klasse flektieren wiebresta ‘bersten’,bjarga ‘bergen, helfen’,spinna ‘spinnen’,slyngva ‘schlingen’ odersøkkva ‘sinken’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| bresta | (brestr) | brast | brustu | (brysti) | brostit |
| bjarga | (bergr) | barg | burgu | (byrgi) | borgit |
| spinna | (spinnr) | spann | spunnu | (spynni) | spunnit |
| slyngva | (slyngr) | slǫng | slungu | (slyngi) | slungit |
| søkkva | (søkkr) | sǫkk | sukku | (sykki) | sokkit |
- Wiebresta gehen u.a.brenna ‘brennen’,detta ‘stürzen’,gnella ‘gellen’,hverfa ‘sich umdrehen, verschwinden’,renna ‘rennen’,sleppa ‘schleppen’,svelga ‘schlucken’,svella ‘schwellen’,svelta ‘verhungern’,þverra ‘vermindern’,vella ‘kochen’,velta ‘sich wälzen’,verða ‘werden’ undverpa ‘werfen’. Das Verbbregða geht wiebresta, hat aber im Präteritum Singular Indikativ die Formbrá.
- Wiebjarga gehen u.a.gjalda ‘bezahlen’,gjalla ‘gellen, schreien’,hjalpa ‘helfen’,skjalfa ‘zittern, beben’ undskjalla ‘zusammenstoßen’. Bei diesen Verben istja durch Brechung vone entstanden (§ 16).
- Wiespinna gehen u.a.binda ‘binden’,hrinda ‘stoßen’,springa ‘springen’,stinga ‘stechen’,svimma ‘schwimmen’ undvinna ‘arbeiten, tun’. Das Verbfinna ‘finden’ flektiert wiespinna, aber auf Präteritalstufe könnennn undnd wechseln,finna –(finnr) –fann –fundu –(fyndi) –fundit. Die Verbenbinda,hrinda,springa undstinga zeigen Auslautverhärtung und Assimilation nach Regeln(11) +(12), z.B. *band → *bant →batt. Bei den Verbensvimma undvinna fälltv vor gerundetem Wurzelvokal nachRegel (8) weg. All diese Verben zeigen auf Präsensstufe eine Vokalhebung vor Nasal,e >i, und aufgrund dieses Nasals behalten sie im Partizip Perfekt ihr ursprünglichesu.
- Wieslyngva gehensyngva ‘singen’,tyggva ‘kauen’ undþryngva ‘drängen’. All diese Verben können alternativ einen j-Einschub haben,slyngja,syngja,tyggja undþryngja. Auf Präsensstufe zeigen sie Vokalhebung vor Nasal,e >i, und danach u-Umlaut,i >y (§ 17.3). Auch im Präteritum Singular macht sich der u-Umlaut bemerkbar,a >ǫ. Im Partizip Perfekt haben diese Verben den ursprünglichen Vokal u behalten.
- Wiesøkkva gehenhrøkkva ‘weichen’,kløkkva ‘wimmern’ undstøkkva ‘springen’. Auf Präsensstufe zeigen diese Verben aufgrund des v-Einschubs u-Umlaut,e >ø (vgl.§ 17.3). Der Umlaut zeigt sich auch im Präteritum Singular Indikativ,a >ǫ.
§ 86.2 Verben mit v-Schwund vor rundem Vokal.
Bei Verben mitv vor dem Wurzelvokal fällt dieses nachRegel (8) vor rundem Vokal weg. Daraus ergeben sich einige undurchsichtige Formen auf Präteritalstufe:
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| hverfa | (hverfr) | hvarf | hurfu | (hyrfi) | horfit |
| svelga | (svelgr) | svalg | sulgu | (sylgi) | solgit |
| svella | (svellr) | svall | sullu | (sylli) | sollit |
| svelta | (sveltr) | svalt | sultu | (sylti) | soltit |
| þverra | (þverr) | þvarr | þurru | (þyrri) | þorrit |
| vella | (vellr) | vall | ullu | (ylli) | ollit |
| velta | (veltr) | valt | ultu | (ylti) | oltit |
| verða | (verðr) | varð | urðu | (yrði) | orðit |
| verpa | (verpr) | varp | urpu | (yrpi) | orpit |
| svimma | (svimmr) | svamm | summu | (symmi) | summit |
| vinna | (vinnr) | vann | unnu | (ynni) | unnit |
IV. Klasse
§ 87 Vokalwechsel.
Die Verben der 4. Klasse zeigen ursprünglich den Vokalwechsele –a –á –u. Auf der Präsensstufe haben einige Verben den Wurzelvokalo oder sogar eini erhalten. Im Partizip Perfekt steht der ursprüngliche Wurzelvokalu weiterhin vor Nasal (numit vonnema), in allen anderen Fällen ist er zuo gesenkt.
§ 87.1 Haupttyp.
Die vier regelmäßigen Verben der 4. Klasse flektieren wiebera ‘tragen’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| bera | (berr) | bar | báru | (bǽri) | borit |
Wie bera gehenskera ‘schneiden’ undstela ‘stehlen’. So flektiert auchnema ‘nehmen, lernen’, aber eben mit Wurzelvokalu im Partizip Perfekt.
§ 87.2 Abweichende Flexion.
Einige Verben zeigen abweichenden Vokalismus auf Präsens- oder Präteritalstufe, z.B.koma ‘kommen’,sofa ‘schlafen’,troða ‘treten’,fela ‘verbergen, verstecken’,vefa ‘weben’ undsvima ‘schwimmen’ (weilsvimma zur 3. Klasse gehört). Der Wurzelvokalismus beikoma undsofa rührt vermutlich von den älteren Formen urn. *kweman und *swefan her, in denen w dase zuo gerundet hat und nachRegel (8) weggefallen ist. Das Präteritum dieser Verben kennt alternative Formen mitv, z.B.kvámu undsváfu.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| koma | (kemr) (kømr) | kom | kvámu kómu | (kvǽmi) (kǿmi) | komit |
| sofa | (sefr) (søfr) | svaf | sváfu sófu | (svǽfi) (sǿfi) | sofit |
| troða | (treðr) (trøðr) | trað | tráðu | (trǽði) | troðit |
| fela | (felr) | fal | fálu | (fǽli) | soltit |
| vefa | (vefr) | vaf óf | váfu ófu | (vǽfi) (ǿfi) | ofit |
| svima | (svimr) | svam | svámu | (svǽmi) | sumit |
V. Klasse
§ 88 Vokalwechsel.
Die Verben der 5. Klasse zeigen den Vokalwechsele –a –á –e. Auf der Präsensstufe haben einige Verben j-Einschub und den Wurzelvokali.
§ 88.1 Haupttypen.
Die meisten Verben der 5. Klasse flektieren wiegefa ‘geben’ oderbiðja ‘bitten’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| gefa | (gefr) | gaf | gáfu | (gǽfi) | gefit |
| biðja | (biðr) | bað | báðu | (bǽði) | beðit |
- Wiegefa gehen u.a.drepa ‘erschlagen, töten’,eta ‘essen’,geta ‘bekommen’,kveða ‘sprechen’,lesa ‘lesen’,meta ‘einschätzen, bewerten’,reka ‘treiben’ undvega ‘erschlagen’. Im Präteritum Singular hateta die Formát,vega hingegen Stammausgang auf Vokal,vá.
- Wiebiðja gehtsitja ‘sitzen’.
§ 88.2liggja undþiggja.
Beiliggja ‘liegen’ undþiggja ‘entgegennehmen’ endet im Präteritum Singular der Stamm auf Vokal,lá undþá.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| liggja | (liggr) | lá | lágu | (lǽgi) | legit |
| þiggja | (þiggr) | þá | þágu | (þǽgi) | þegit |
§ 88.3fregna.
Das Verbfregna ‘fragen, erfahren’ zeigt auf der Präsensstufe Einschub von -n-, im Präteritum Singular endet der Stamm auf Vokal,frá. Dieses Verb kennt die Präsensformfregr neben *fregn +r → *fregnn →fregn, gemäß Regeln(2) +(4):
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| fregna | (fregn) | frá | frágu | (frǽgi) | fregit |
§ 88.4vera undsjá.
Das Verbvera ‘sein’ hat im Präsens unregelmäßige Formen, das Verbsjá ‘sehen’ im Präteritum; letzteres ist der Kontraktion,Regel (6), und der Akzentverschiebung,Regel (10), unterworfen:
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| vera | (er) | var | váru | (vǽri) | verit |
| sjá | (sér) | sá | sá | (sǽi) | sét |
Die gesamte Flexion dieser beiden Verben findet sich inAbb. 8.6. Im älteren Norrön hattevera Formen auf -s im Infinitiv (vesa), Präsens (es) und Präteritum Singular (vas). Präteritum Plural (váru) und Partizip Perfekt (verit) hatten hingegen Formen auf -r. Diese Lauterscheinung wird Grammatischer Wechsel genannt; er wurde zum ersten Mal von dem dänischen Sprachforscher Karl Verner aufgezeigt (und heißt daher auch oft Verners Gesetz).
VI. Klasse
§ 89 Vokalwechsel.
Die Verben der 6. Klasse zeigen den Vokalwechsela –ó –ó –a. Auf der Präsensstufe haben einige Verben j-Einschub und als Wurzelvokale, andere hingegen Dehnung zuá oderǽ. Mehrere Verben enden auch im Präteritum Singular auf Vokal; Verben mit Stammausgang auf -g oder -k haben im Partizip Perfekt als Wurzelvokale.
§ 89.1 Haupttypen.
Die meisten Verben der 6. Klasse flektieren wiefara ‘fahren, gehen’.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| fara | (ferr) | fór | fóru | (fǿri) | farit |
So flektieren u.a.ala ‘gebären, aufwachsen’,gala ‘singen’,grafa ‘graben’,hlaða ‘laden’,kala ‘frieren’,skafa ‘schaben’,vaða ‘waten’ undvaxa ‘wachsen’. Die letzten beiden Verben zeigen im Präteritum v-Schwund, *vóð >óð und *vóx >óx, entsprechendRegel (8).
§ 89.2 standa.
Das Verbstanda ‘stehen’ zeigt auf der Präsensstufe Einschub von -n-:
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| stana | (stendr) | stóð | stóðu | (stǿði) | staðit |
§ 89.3 Verben mit Stammausgang auf -g oder -k.
Verben mit Stammausgang auf -g oder -k haben im Partizip Perfekt als Wurzelvokale entsprechendRegel (13), z.B. *akit >ekit. Nebenaka ‘fahren’ gilt dies fürskaka ‘schütteln’ undtaka ‘nehmen’:
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| taka | (tekr) | tók | tóku | (tǿki) | tekit |
§ 89.4 Verben mit j-Einschub auf der Präsensstufe.
Einige Verben haben auf der Präsensstufe einen j-Einschub, sodass in der Wurzelsilbe i-Umlaut entstand,a >e undau >ey. So flektierenhefja ‘heben, beginnen’,kefja ‘knechten, unterdrücken’,skepja ‘schaffen’ undsverja ‘schwören’. Die beiden Verbendeyja ‘sterben’ undgeyja ‘bellen’ enden im Präteritum Singular auf Vokal,dó undgó. Beisverja fällt im Präteritumv weg, *svór >sór, entsprechendRegel (8).
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| hefja | (hefr) | hóf | hófu | (hǿfi) | hafit |
| deyja | (deyr) | dó | dó | (dǿi) | dáit |
§ 89.5 Verben mit Dehnung des Wurzelvokals auf Präsensstufe.
Vier Verben zeigen auf der Präsensstufe Dehnung vona zuá und Stammausgang auf Vokal im Präteritum:flá ‘häuten’,klá ‘kratzen’,slá ‘schlagen’ undþvá ‘waschen’. Hierzu zählen wir auchdraga ‘ziehen’ undhlǽja ‘lachen’. Beiþvá fällt im Präteritum häufig dasv weg,þvó →þó undþvógu →þógu, nachRegel (8). Durch Analogie entstehen dann erneut Formen wieþvó undþvógu.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Prät. Konj. | Part. Perf. |
|---|---|---|---|---|---|
| flá | (flǽr) | fló | flógu | (flǿgi) | flegit |
| þvá | (þvǽr) | þó | þógu | (þǿgi) | þvegit |
| draga | (dregr) | dró | drógu | (drǿgi) | dregit |
| hlǽja | (hlǽr) | hló | hlógu | (hlǿgi) | hlegit |
VII. Klasse
§ 90 Reduplikation und Vokalwechsel.
Verben dieser Klasse bildeten im Urnordischen ihr Präteritum durch Wiederholung (Reduplikation) der Wurzelsilbe, wie es auch bei einzelnen Verben im Gotischen, einem ausgestorbenen Zweig der germanischen Sprachen, der Fall ist, z.B. (in vereinfachter Orthografie)haitan –haihait ‘befehlen, heißen’ undlaikan –lailaik ‘spielen’ sowie bei einzelnen Verben im Lateinischen, z.B.tango –tetigi ‘rühren’ undcaedo –cecidi ‘fällen’. Im Norrönen sind diese Reduplikationssilben weggefallen; im Deutschen wird diese Klasse als „ehemals reduplizierende“ Verben bezeichnet. Verben dieser Klasse zeigen die gleiche Art von Vokalwechsel wie die 6. Klasse, nämlich einen Vokal auf der Präsensstufe und im Partizip Perfekt, und einen anderen Vokal im Präteritum. Nach diesem Vokalwechsel unterteilen wir die Verben in vier Klassen, die jeweils nach einem zentralen Verb der entsprechenden Klasse benannt sind.
§ 90.1 heita-Klasse.
Diese Klasse zeigt den Vokalwechselei –é –é –ei.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| heita | (heitir) | hét | hétu | heitit | ‘heißen, geloben’ |
| leika | (leikr) | lék | léku | leikit | ‘spielen’ |
| sveipa | (sveipr) | sveip | svipu | sveipit | ‘wickeln’ |
In der Bedeutung ‘heißen’ flektiertheita im Präsens Singular Indikativ nach dem Muster der dǿma-Klasse,heiti –heitir –heitir. In der Bedeutung ‘geloben, versprechen’ flektiert es als starkes Verb,heit –heitr –heitr (vgl.§ 94). Zu beachten sind die abweichenden Formensveip undsvipu.
§ 90.2 auka-Klasse.
Diese Klasse hat den Vokalwechselau –jó –jó/jo –au. Die Verbenhǫggva undbúa zeigen doch abweichenden Vokalismus.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| auka | (eykr) | jók | jóku | aukit | ‘steigern, mehren’ |
| ausa | (eyss) | jós | jósu | ausit | ‘gießen’ |
| hlaupa | (hleypr) | hljóp | hljópu | hlaupit | ‘springen’ |
| hǫggva | (høggr) | hjó | hjoggu | hǫggvit | ‘schlagen’ |
| búa | (býr) | bjó | bjoggu | búit | ‘wohnen’ |
Im Präteritum Plural können diese Verbenju oderu anstelle vonjo oderjó haben,juku,jusu,hlupu,hjuggu undbjuggu. Als Folge kann der Konjunktiv Präteritum dieser Verben als Wurzelvokalý undy haben.
§ 90.3 blanda-Klasse.
Diese Klasse hat den Vokalwechsela –e –e –a.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| blanda | (blendr) | blett | blendu | blandit | ‘mischen’ |
| fá | (fǽr) | fekk | fengu | fengit | ‘bekommen’ |
| falda | (feldr) | felt | feldu | faldit | ‘Kopfputz aufsetzen’ |
| falla | (fellr) | fell | fellu | fallit | ‘fallen’ |
| ganga | (gengr) | gekk | gengu | gengit | ‘gehen’ |
| halda | (heldr) | helt | heldu | haldit | ‘halten’ |
| hanga | (hangir) | hekk | hengu | hengit | ‘hängen’ |
Im Präteritum Plural und Partizip Perfekt könnenfá undganga auchi als Wurzelvokal haben,fingu –fingit undgingu –gingit. Das Verbhanga flektiert im Präsens Singular Indikativ nach dem Muster der dǿma-Klasse,hangi –hangir –hangir. Im Präteritum Singular zeigen sich Regel(11) und(12), z.B. *blend → *blent →blett, *feng → *fenk →fekk.
§ 90.4 blása-Klasse.
Diese Klasse zeigt den Vokalwechselá –é –é –á (ausgenommenblóta, dasó –é –é –ó hat).
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| blása | (blǽss) | blés | blésu | blásit | ‘blasen’ |
| gráta | (grǽtr) | grét | grétu | grátit | ‘weinen’ |
| láta | (lǽtr) | lét | létu | látit | ‘lassen’ |
| ráða | (ráða) | réð | réðu | ráðit | ‘raten, herrschen’ |
| blóta | (blǿtr) | blét | blétu | blótit | ‘opfern’ |
Gemischte Flexion
§ 91 Einteilung
Verben mit gemischter Flexion zeigen Eigenschaften sowohl der starken als auch der schwachen Flexion.
Präteritopräsentia
§ 92 Kennzeichen.
In dieser Verbklasse wird das Präsens wie das Präteritum der starken Verben gebildet und zeigt somit Vokalwechsel zwischen den Formen des Singulars und Plurals. Das Präteritum wird hingegen mit Dentalsuffix nach dem Muster der schwachen Verben gebildet. Auf dieser Grundlage wurde der Name „Präteritopräsentia“ gebildet. Zu der Klasse gehören nur zehn Verben; die meisten sind modale Hilfsverben.
| Inf. | Präs. Sg. | Präs. Pl. | Prät. Sg. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| vita | veit | vitu | vissi | vitat | ‘wissen’ |
| eiga | á | eigu | átti | átt | ‘haben’ |
| unna | ann | unnu | unni | unnt/unnat | ‘lieben’ |
| kunna | kann | kunnu | kunni | kunnat | ‘können’ |
| þurfa | þarf | þurfu | þurfti | þurft | ‘brauchen’ |
| muna | man | munu | mundi | munat | ‘sich erinnern’ |
| munu | mun | munu | mundi | – | ‘werden’ |
| skulu | skal | skulu | skyldi | – | ‘sollen’ |
| mega | má | megu | mátti | megat/mátt | ‘dürfen, vermögen’ |
| – | kná | knegu | knátti | – | ‘können’ |
Im Präsens haben diese Verben die Präteritalendungen der starken Verben, im Präteritum die der schwachen. Zu beachten ist die Infinitivendung -u beimunu undskulu. Das Verbmunu hat bisweilen im Konjunktiv Präsens und Indikativ Präteritum den Wurzelvokaly.
róa-Klasse
§ 93 Kennzeichen.
Zur róa-Klasse gehören fünf Verben:sá,róa,gróa,snúa undgnúa. Diese Verben bilden ihr Präsens nach dem Muster starker Verben, ihr Präteritum aber mit einer mehrsilbigen Form (ursprünglich eine Reduplikationsform; vgl. Klasse 7). Hier haben sie auch die Endungen schwacher Verben.
| Inf. | Präs. Sg. | Prät. Sg. | Prät. Pl. | Part. Perf. | |
|---|---|---|---|---|---|
| sá | (sǽr) | seri | seru | sáit | ‘säen’ |
| róa | (rǿr) | reri | reru | róit | ‘rudern’ |
| gróa | (grǿr) | greri | greru | gróit | ‘wachsen’ |
| snúa | (snýr) | sneri | sneru | snúit | ‘drehen’ |
| gnúa | (gnýr) | gneri | gneru | gnúit | ‘reiben’ |
Alle fünf Verben können alternativ im Präteritum den Wurzelvokalø haben,søri –søru etc.
- Eine Ausnahme ist das Verbvalda ‘verursachen’. Es zeigt Vokalwechsel wie in der 6. Klasse, hat im Präteritum aber den Stammoll und Endungen wie ein schwaches Verb:valda – (veldr) –olli –ollu – (ylli) –valdit.
Flexionsendungen
§ 94 Grundformen und Flexionsendungen.
Bislang wurden in diesem Kapitel die Grundformen bei der schwachen, starken und gemischten Verbflexion behandelt; hinzu kommen die Flexionsendungen, die sich in zwei relativ einfachen Übersichten darstellen lassen:Abb. 8.3 zeigt die Endungen im Imperativ,Abb. 8.4 im Indikativ und Konjunktiv. Damit erhalten wir die komplette Verbflexion mit den Kategorien Tempus, Modus, Numerus und Person.Abb. 8.3 Flexionsendungen im ImperativAbb. 8.4 Flexionsendungen im Indikativ und Konjunktiv. Damit erhalten wir die komplette Verbflexion mit den Kategorien Tempus, Modus, Numerus und Person.
| Imperativ | |||
|---|---|---|---|
| starke Verben & telja-Klasse | kasta-Klasse | dǿma-Klasse | |
| Sg. 2. | – | a | – / (i) |
| Pl. 1. | um | ||
| 2. | ið | ||
| Indikativ | Konjunktiv | |||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Präsens | Präteritum | Präs. & Prät. | ||||
| st. Vb. & telja-Kl. | kasta-Klasse | dǿma-Klasse | st. Vb. | schw. Vb. | st. Vb. & schw. Vb. | |
| Sg. 1. | – | a | i | – | a | a |
| 2. | r | ar | ir | t | ir | ir |
| 3. | r | ar | ir | – | i | i |
| Pl. 1. | um | um | im | |||
| 2. | ið | uð | ið | |||
| 3. | a | u | i | |||
§ 94.1 Stämme und Flexionsendungen.
Der Tradition folgend, haben wir bisher die Grundformen mit Flexionsendungen aufgeführt, z.B.kastaði, nichtkastað-,bitu, nichtbit- etc. Um die Übersicht inAbb. 8.3 undAbb. 8.4 nutzen zu können, muss man zuerst bei jedem Verb den Stamm finden. Generell lässt sich sagen, dass der Stamm auf Konsonant endet und die Flexionsendungen direkt daran angehängt werden. Eine Ausnahme bilden die Verben, deren Stamm auf Vokal endet, z.B.trúa, wo der Stammtrú- lautet, oderspá mit dem Stammspá-. Bei Verben mit j- oder v-Einschub muss diesesj oderv entfernt werden, z.B.telja undkløkkva.
| Schwache Flexion | Präsens | Präteritum | |
|---|---|---|---|
| 1. kasta-Klasse | kast- | kastað- | ▸kasta |
| 2. telja-Klasse | tel- | tald- | ▸telja |
| 3. dǿma-Klasse | dǿm- | dǿmd- | ▸dǿma |
| Starke Flexion | Präsens | Präteritum | ||
|---|---|---|---|---|
| 1. Klasse | bít- | beit | bit- | ▸bíta |
| 2. Klasse | brjót- | braut- | brut- | ▸brjóta |
| 3. Klasse | kløkk- | klǫkk- | klukk- | ▸kløkkva |
| 4. Klasse | ber- | bar- | bár- | ▸bera |
| 5. Klasse | bið- | bað- | báð- | ▸biðja |
| 6. Klasse | far- | fór- | fór- | ▸fara |
Auf dieser Grundlage lassen sich nun die Fäden verknüpfen, und wir können ein gemeinsames Paradigma für die Verbflexion aufstellen. InAbb. 8.5 bringen wir als Beispiel ein schwaches Verb der dǿma-Klasse,vaka ‘wachen’, und ein starkes Verb der 2. Klasse,brjóta ‘brechen’. Rechts von jeder Form stehen zwei Spalten, von denen die erste den Wurzelvokal nennt, die zweite die Flexionsendung. Diese beiden Verben illustrieren das Grundmuster der Verbflexion im Norrönen.
§ 94.2 Verben mit abweichender Flexion.
Einige Verben zeigen eine abweichende Flexion.Abb. 8.6 verdeutlicht ein Paradigma für zwei häufig gebrauchte Verben, die man vor allem im Konjunktiv Präsens leicht verwechseln kann, nämlichvera undsjá, beides starke Verben der 5. Klasse. Das Verb vera hat auch im Indikativ Präsens unregelmäßige Formen.
Ein Teil der Verben hat gemäß den Regeln(19) und(20) j- oder v-Einschub.Abb. 8.7 listet die Flexionsformen fürtelja sw.vb. (telja-Klasse),biðja st.vb. (5. Klasse),bǫlva sw.vb. (kasta-Klasse) undkløkkva st.vb. (3. Klasse) auf, um zu zeigen, wie diese Flexion in der Praxis aussieht.
Im Präsens erhalten Präteritopräsentia die Endungen eines starken Verbs im Präteritum, im Präteritum die eines schwachen Verbs im Präteritum.Abb. 8.8 zeigt die Formen vonvita,eiga,mega undmunu.
§ 95 Besonderheiten bei den Endungen.
Vereinzelt gelten für Endungen Ausnahmen oder phonologische Regeln, die zu beachten sind.
§ 95.1 1. Person Singular.
Präsens: Im Altnorwegischen greift das auslautende -r der 2. und 3. Person auf die 1. Person über, z.B.ek kasta >ek kastar,ek geri >ek gerir,ek verð >ek verðr,ek em >ek er. Das geschah im 14. Jahrhundert, in Ausnahmefällen schon Ende des 13. Jahrhunderts.
Präteritum: Im jüngeren Norrön kann bei schwachen Verben die 1. Person die Endung der 3. Person, -i, übernehmen, z.B.ek kallaða >ek kallaði,ek fǿrða >ek fǿrði.
§ 95.2 2. Person Singular.
Präteritum: Vor dem Pronomenþú können starke Verben die Endung verlieren, z.B.gekkt þú >gekk þú. Das gilt auch für das Präsens der Präteritopräsentia, die ihre Präsensformen nach dem Muster des starken Präteritums bilden, z.B.skalt þú >skal þú,munt þú >mun þú. Ferner sind folgende phonologische Regeln aktiv:
- Starke Verben, deren Stamm auf Vokal endet, erfahren eine Dehnung nachRegel (5) *sá +t →sátt vonsjá, *bjó +t →bjótt vonbúa.
- Starke Verben, deren Stamm auf -ð endet, zeigen Assimilation nachRegel (3), *bauð +t →bautt vonbjóða, oder Segmentierung nachRegel (16), *bað +t →batt →batst =bazt vonbiðja.
- Starke Verben und Präteritopräsentia, deren Stamm auf -t endet, zeigen nachRegel (16) oft Segmentierung, *skaut +t →skautst =skauzt vonskjóta,veit +t →veitst =veizt vonvita, aber sie können auch regelmäßige Formen bilden,lét +t →létt vonláta, oder die gleiche Form wie die 1. und 3. Person haben, z.B.batt vonbinda,laust vonljósta.
§ 95.3 2. und 3. Person Singular.
Präsens: Verben, deren Stamm auf -s,l undn endet, zeigen Assimilation nachRegel (2), z.B. *frýs +r →frýss vonfrjósa st.vb., *skín +r →skínn vonskína st.vb., eventuell mit Kürzung nachRegel (4), *veks +r → *vekss →veks =vex vonvaxa st.vb. Diese Regel wird allerdings nach kurzer Wurzelsilbe nicht systematisch durchgeführt, sodass sich beide Formen,gelr undgell (vongala st.vb.) finden.
Beiþykkja fällt das auslautende -r in der 3. Person vor dem Pronomenmér oft weg,þykkir mér >þykki mér.
§ 95.4 1. Person Plural.
Präsens undPräteritum: Auslautendes -m kann vor den Pronomenvit undvér wegfallen, z.B.bindum vit >bindu vit,bundum vér >bundu vér.
§ 95.5 2. Person Plural.
Präsens undPräteritum: Auslautendes -ð kann vor den Pronomenit undér wegfallen, die als Ausgleich erweitert werden zuþit undþér, z.B.verðið it >verði þit,munuð it >munu þit,eruð ér >eru þér. Das gilt auch für gleichlautende Imperativformen, z.B.gangið it >gangi þit,farið it >fari þit. Es gibt auch viele Beispiele für den Übergangð >t in der 2. Person Plural,verðið >verðit,gangið >gangit,munuð >munut.
§ 96 Reflexive Formen.
Reflexive Verbformen sind eine Besonderheit der nordischen Sprachen. Sie entstanden aus dem Zusammenwachsen des Verbs mit den Pronominalformenmik undsik, die reduziert wurden zu(m)k undsk.
In der 1. Person Singular wird -k an einen Stamm gehängt, der mit der 1. Person Plural identisch ist, z.B.kǫstum +k →kǫstumk. Bei allen anderen Formen wird -sk an existierende Formen gehängt, z.B.kasta +sk →kastask, abgesehen davon, dass auslautendes -r vor -sk wegfällt, z.B.kastar +sk →kastask. Wie üblich wird ein Dental oder Alveolar mitz wiedergegeben, z.B.kastið +sk →kastiðsk =kastizk.
Abb. 8.9 zeigt die reflexiven Formen vontelja undbrjóta. Mit Ausnahme der 1. Person liegen die normalen Flexionsformen zugrunde. Strukturell gesehen erinnert die Flexion der reflexiven Formen an die Flexion der Substantive in definiter Form (vgl.§ 59).
- Die Reflexivform der 1. Person Plural kann auch auf -mk enden, sodass sie mit der 1. Person Singular zusammenfällt:ek finnumk –vér finnumk, vonfinna st.vb.
| [1] | [2] | [1] | [2] | ||||
| Infinitiv | vaka | a | a | brjóta | a | a | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Imperativ | Sg. 2 | vak(i) | a | (i) | brjót | jó | – |
| Pl. 1 | vǫkum | a | um | brjótum | jó | um | |
| 2 | vakið | a | ið | brjótið | jó | ið | |
| Präs. Ind. | Sg. 1 | vaki | a | i | brýt | ý | – |
| 2 | vakir | a | ir | brýtr | ý | r | |
| 3 | vakir | a | ir | brýtr | ý | r | |
| Pl. 1 | vǫkum | a | um | brjótum | jó | um | |
| 2 | vakið | a | ið | brjótið | jó | ið | |
| 3 | vaka | a | a | brjóta | jó | a | |
| Präs. Konj. | Sg. 1 | vaka | a | a | brjóta | jó | a |
| 2 | vakir | a | ir | brjótir | jó | ir | |
| 3 | vaki | a | i | brjóti | jó | i | |
| Pl. 1 | vakim | a | im | brjótim | jó | im | |
| 2 | vakið | a | ið | brjótið | jó | ið | |
| 3 | vaki | a | i | brjóti | jó | i | |
| Part. Präs. | vakandi | a | brjótandi | jó | |||
| Prät. Ind. | Sg. 1 | vakta | a | a | braut | au | – |
| 2 | vaktir | a | ir | brauzt | au | t | |
| 3 | vakti | a | i | braut | au | – | |
| Pl. 1 | vǫktum | a | um | brutum | u | um | |
| 2 | vǫktuð | a | uð | brutuð | u | uð | |
| 3 | vǫktu | a | u | brutu | u | u | |
| Prät. Konj. | Sg. 1 | vekta | e | a | bryta | y | a |
| 2 | vektir | e | ir | brytir | y | ir | |
| 3 | vekti | e | i | bryti | y | i | |
| Pl. 1 | vektim | e | im | brytim | y | im | |
| 2 | vektið | e | ið | brytið | y | ið | |
| 3 | vekti | e | i | bryti | y | i | |
| Part. Perf. | vakat | a | brotit | o |
| Infinitiv | vera | sjá | |
|---|---|---|---|
| Imperativ | Sg. 2 | ver | sé |
| Pl. 1 | verum | sjám/sjóm | |
| 2 | verið | séð | |
| Präs. Ind. | Sg. 1 | em | sé |
| 2 | ert | sér | |
| 3 | er | sér | |
| Pl. 1 | erum | sjám/sjóm | |
| 2 | eruð | séð | |
| 3 | eru | sjá | |
| Präs. Konj. | Sg. 1 | sjá | sjá |
| 2 | sér | sér | |
| 3 | sé | sé | |
| Pl. 1 | sém | sém | |
| 2 | séð | séð | |
| 3 | sé | sé | |
| Part. Präs. | verandi | sjá(a)ndi | |
| Prät. Ind. | Sg. 1 | var | sá |
| 2 | vart | sátt | |
| 3 | var | sá | |
| Pl. 1 | várum | sám | |
| 2 | váruð | sjáð | |
| 3 | váru | sá | |
| Prät. Konj. | Sg. 1 | vǽra | sǽa |
| 2 | vǽrir | sǽir | |
| 3 | vǽri | sǽi | |
| Pl. 1 | vǽrim | sǽim | |
| 2 | vǽrið | sǽið | |
| 3 | vǽri | sǽi | |
| Part. Perf. | verit | sét |
| j-Einschub | v-Einschub | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| schwach | stark | schwach | stark | ||
| Infinitiv | telja | biðja | bǫlva | kløkkva | |
| Imperativ | Sg. 2 | tel | bið | bǫlva | kløkk |
| Pl. 1 | teljum | biðjum | bǫlum | kløkkum | |
| 2 | telið | biðið | bǫlvið | kløkkvið | |
| Präs. Ind. | Sg. 1 | tel | bið | bǫlva | kløkk |
| 2 | telr | biðr | bǫlvar | kløkkr | |
| 3 | telr | biðr | bǫlvar | kløkkr | |
| Pl. 1 | teljum | biðjum | bǫlum | kløkkum | |
| 2 | telið | biðið | bǫlvið | kløkkvið | |
| 3 | telja | biðja | bǫlva | kløkkva | |
| Präs. Konj. | Sg. 1 | telja | biðja | bǫlva | kløkkva |
| 2 | telir | biðir | bǫlvir | kløkkir | |
| 3 | teli | biði | bǫlvi | kløkki | |
| Pl. 1 | telim | biðim | bǫlim | kløkkim | |
| 2 | telið | biðið | bǫlvið | kløkkvið | |
| 3 | teli | biði | bǫlvi | kløkkvi | |
| Part. Präs. | teljandi | biðjandi | bǫlvandi | kløkkvandi | |
| Prät. Ind. | Sg. 1 | talda | bað | bǫlvaða | klǫkk |
| 2 | taldir | batt | bǫlvaðir | klǫkkt | |
| 3 | taldi | bað | bǫlvaði | klǫkk | |
| Pl. 1 | tǫldum | báðum | bǫluðum | klukkum | |
| 2 | tǫlduð | báðuð | bǫluðuð | klukkuð | |
| 3 | tǫldu | báðu | bǫluðu | klukku | |
| Prät. Konj. | Sg. 1 | telda | bǽða | bǫlvaða | klykka |
| 2 | teldir | bǽðir | bǫlvaðir | klykkir | |
| 3 | teldi | bǽði | bǫlvaði | klykki | |
| Pl. 1 | teldim | bǽðim | bǫlvaðim | klykkim | |
| 2 | teldið | bǽðið | bǫlvaðið | klykkið | |
| 3 | teldi | bǽði | bǫlvaði | klykki | |
| Part. Perf. | talt/talit | beðit | bǫlvat | klokkit | |
| vita | eiga | mega | munu | ||
|---|---|---|---|---|---|
| Infinitiv | vita | eiga | mega | munu | |
| Imperativ | Sg. 2 | vit | eig | – | mun |
| Pl. 1 | vitum | eigum | – | – | |
| 2 | vitið | eigið | – | – | |
| Präs. Ind. | Sg. 1 | veit | á | má | mun |
| 2 | veizt | átt | mátt | munt | |
| 3 | veit | á | má | mun | |
| Pl. 1 | vitum | eigum | megum | munum | |
| 2 | vituð | eiguð | meguð | munuð | |
| 3 | vitu | eigu | megu | munu | |
| Präs. Konj. | Sg. 1 | vita | eiga | mega | muna |
| 2 | vitir | eigir | megir | munir | |
| 3 | viti | eigi | megi | muni | |
| Pl. 1 | vitim | eigim | megim | munim | |
| 2 | vitið | eigið | megið | munið | |
| 3 | viti | eigi | megi | muni | |
| Part. Präs. | vitandi | eigandi | megandi | munandi | |
| Prät. Ind. | Sg. 1 | vissa | átta | mátta | munda |
| 2 | vissir | áttir | máttir | mundir | |
| 3 | vissi | átti | mátti | mundi | |
| Pl. 1 | vissum | áttum | máttum | mundum | |
| 2 | vissuð | áttuð | máttuð | munduð | |
| 3 | vissu | áttu | máttu | mundu | |
| Prät. Konj. | Sg. 1 | vissa | ǽtta | mǽtta | mynda |
| 2 | vissir | ǽttir | mǽttir | myndir | |
| 3 | vissi | ǽtti | mǽtti | myndi | |
| Pl. 1 | vissim | ǽttim | mǽttim | myndim | |
| 2 | vissið | ǽttið | mǽttið | myndið | |
| 3 | vissi | ǽtti | mǽtti | myndi | |
| Part. Perf. | vitat | átt | mátt/megat | – |
| telja | brjóta | |||
|---|---|---|---|---|
| Infinitiv | telja + sk | = teljask | brjóta + sk | = brjótask |
| Imperativ | tel + sk | = telsk | brjót + sk | = brjózk |
| teljum + sk | = teljumsk | brjótum + sk | = brjótumsk | |
| telið + sk | = telizk | brjótið + sk | = brjótizk | |
| Präs. Ind. | teljum + k | = teljumk | brjótum + k | = brjótumk |
| telr + sk | = telsk | brýtr + sk | = brýzk | |
| telr + sk | = telsk | brýtr + sk | = brýzk | |
| teljum + sk | = teljumsk | brjótum + sk | = brjótumsk | |
| telið + sk | = telizk | brjótið + sk | = brjótizk | |
| telja + sk | = teljask | brjóta + sk | = brjótask | |
| Präs. Konj. | teljum + k | = teljumk | brjótum + k | = brjótumk |
| telir + sk | = telisk | brýtir + sk | = brýtisk | |
| teli + sk | = telisk | brýti + sk | = brýtisk | |
| telim + sk | = telimsk | brjótim + sk | = brjótimsk | |
| telið + sk | = telizk | brjótið + sk | = brjótizk | |
| teli + sk | = telisk | brjóti + sk | = brjótisk | |
| Prät. Ind. | tǫldum + k | = tǫldumk | brutum + k | = brutumk |
| taldir + sk | = taldisk | brauzt + sk | = brauzk | |
| taldi + sk | = taldisk | braut + sk | = brauzk | |
| tǫldum + sk | = tǫldumsk | brutum + sk | = brutumsk | |
| tǫlduð +sk | = tǫlduzk | brutuð + sk | = brutuzk | |
| tǫldu +sk | = tǫldusk | brutu + sk | = brutusk | |
| Prät. Konj. | teldum + k | = teldumk | brytum + k | = brytumk |
| teldir + sk | = teldisk | brytir + sk | = brytisk | |
| teldi + sk | = teldisk | bryti + sk | = brytisk | |
| teldim + sk | = teldimsk | brytim + sk | = brytimsk | |
| teldið + sk | = teldizk | brytið + sk | = brytizk | |
| teldi + sk | = teldisk | bryti + sk | = brytisk | |
| Part. Perf. | talt + sk | = talzk | brotit + sk | = brotizk |
9 Valenz und Rahmen
Allgemeines
§ 97 Valenz.
Im modernen Deutsch bildet die Verbindung von Subjekt und Prädikat den Kern eines Satzes. Auch im Norrönen muss ein Satz ein Prädikat haben, wohingegen das Subjekt kein notwendiger Bestandteil des Satzes ist;rignir ‘es regnet’ ist ein vollständiger Satz. Das Prädikat kann aus einem oder mehreren Verben bestehen, z.B.rignir ‘regnet’ undmun rigna ‘wird regnen’.
So kurze Sätze wierignir ‘es regnet’ odersnjóvar ‘es schneit’ sind im Norrönen höchst ungewöhnlich. Häufig verbindet sich das Verb mit nominalen und adverbialen Gliedern.Abb. 9.1 zeigt, wie man den SatzÞorsteinn gaf þeim góðar gjafir at skilnaði ‘Thorsteinn gab ihnen gute Geschenke zum Abschied’ wiedergeben kann. Das Verbgaf steht in der Mitte und bindet drei Teile an sich, allesamt nominale Glieder, nämlich das SubjektÞorsteinn, das direkte Objektgóðar gjafir und das indirekte Objektþeim. Hinzu kommt das Adverbialeat skilnaði, das Auskunft gibt über die Umstände der Verbhandlung. Diese Betrachtungsweise entwickelte sich innerhalb derValenzgrammatik; sie ist sehr hilfreich beim Verständnis der grundlegenden Satzstrukturen im Norrönen.
Bildlich gesprochen teilt das Verb den nominalen Gliedern bestimmte Rollen zu, die damit zu Beteiligten an der Verbhandlung werden. Die Adverbialglieder hingegen stehen ringsum, d.h. sie sind Glieder, die die Umstände der Verbhandlung zum Ausdruck bringen: lokale, temporale, modale oder (im weiteren Sinne) kausale Umstände. Oft gebraucht man den TerminusErgänzung für den ersten Typus der Anknüpfung an das Verb undAngabe für den zweiten, bzw.Argument undAdjunkt. Im Norrönen kann das Verb gar keines oder auch ein, zwei oder sogar drei nominale Glieder an sich binden. Mit anderen Worten, wir können, wie inAbb. 9.2, eine Typologie mit nullwertigen, einwertigen, zweiwertigen oder dreiwertigen Verben aufstellen. Diese Eigenschaft des Verbs bezeichnen wir alsValenz. Man kann auch sagen, dass das Verb einen syntaktischenValenzrahmen (oder einfachRahmen) bildet, der den verschiedenen nominalen Gliedern einen Platz zuweist.
§ 98 Valenz in norrönen Wörterbüchern.
In der Praxis liegt diese Perspektive den Worterklärungen in BaetkesWörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur zugrunde. Für die meisten Verben wird ein Rahmen aufgestellt mit Ergänzungen in verkürzter Form und zwar vom Typ:
| gefa e-m e-t | jemandem etwas geben |
| gefa e-t við e-u | etwas als Bezahlung für etwas geben |
| ljósta e-n e-u | jemanden mit etwas schlagen |
| segja e-m e-t | jemandem etwas sagen |
| segja e-t á e-u | jemandem etwas auferlegen |
| leita e-s | jemanden/etwas suchen |
| lofa e-n | jemanden loben |
In diesen Rahmen wirdeinnhverr ‘jemand’ als Kasusmarker gebraucht:
| e-m | =einhverjum | Dativmarker für Personen |
| e-u | =einhverju | Dativmarker für Gegenstände |
| e-n | =einhvern | Akkusativmarker für Personen |
| e-t | =einhvert | Akkusativmarker für Gegenstände |
| e-s | =einhvers | Genitivmarker für Personen/Gegenstände |
Der syntaktische Rahmenljá e-m e-s beinhaltet also, dass das Verbljá zwei nominale Glieder an sich binden kann, eines im Dativ (Person), das andere im Genitiv (in der Regel ein Gegenstand). Der SatzÓláfr lér mér øxar sinnar ‘Olaf leiht mir seine Axt’ zeigt diesen Rahmen in der Praxis. Das indirekte Objekt steht im Dativ,e-m (hier:mér), das direkte im Genitiv,e-s (hier:øxar sinnar). Das Subjekt bleibt bei dieser Darstellung unberücksichtigt, da es immer im Nominativ steht. Aus Valenzperspektive ist die Fügungljá e-m e-s somit ein dreiwertiger Rahmen, d.h.einhverrlér einhverjum einhvers.
§ 99 Rahmen.
Verben, Adjektive und Präpositionen haben eine wichtige syntaktische Eigenschaft gemeinsam: Sie bestimmen den Kasus anderer Glieder. Wir gebrauchen den TerminusRahmen für die Strukturen, die von diesen drei Wortklassen festgelegt werden. Verbrahmen stehen auf der obersten Ebene und legen die Grundstrukturen eines Satzes fest: Subjekt + Verb + Objekt(e). Präpositional- und Adjektivrahmen stehen eine Ebene darunter. Präpositionen bestimmen den Kasus ihrer Ergänzungen, z.B. den Akkusativ invið nátt ‘bei Nacht’. Entsprechende Eigenschaften haben auch einzelne Adjektive; so regiert z.B.trúr ‘treu’ den Dativ, vgl.trúr konungi ‘dem König treu’.
Verben
§ 100 Verbrahmen.
Verbrahmen geben darüber Auskunft, wie vielenominale Glieder das Verb an sich bindet. Auch viele adverbiale Glieder gehen feste Verbindungen mit dem Verb ein, bleiben aber aus Platzgründen außerhalb dieser Darstellung. Eine fast vollständige Übersicht findet man in den größeren norrönen Wörterbüchern, in denen die Verbeinträge die Adverbien und Präpositionen auflisten, die mit dem Verb jeweils eine feste Verbindung eingehen und dessen Bedeutung oftmals modifizieren, z.B.gefa fram ‘bezahlen’,gefa upp ‘aufgeben’,gefa e-t við e-u ‘etwas als Bezahlung für etwas geben’ usw.
Verbrahmen werden anhand der Kasus erstellt. Das Subjekt steht immer im Nominativ, das indirekte Objekt immer im Dativ; das direkte Objekt kann in allen drei obliquen Kasus stehen, also im Akkusativ, Dativ oder Genitiv. Viele Verben finden sich in mehr als einem Rahmen, wie z.B.bera st.vb. ‘tragen’,bjóða st.vb. ‘einladen’,leita sw.vb. ‘suchen’ odersegja sw.vb. ‘sagen’. Das hängt vornehmlich damit zusammen, dass einzelne Dativglieder eine relativ lose Verknüpfung mit dem finiten Verb haben.
Abb. 9.3 zeigt den Rahmen entsprechend der Valenz einzelner Verben. Sie zeigt auch, dass viele Rahmenunpersönliche Konstruktionen umfassen. Solche Konstruktionen betreffen nicht nur nullwertige Verben, wie z.B.daga sw.vb. ‘tagen’. Ohne Subjekt treten auch einwertige Verben auf, z.B. kala st.vb. ‘frieren’ undsýnask sw.vb. ‘sich zeigen’, sowie zweiwertige Verben, z.B.skorta sw.vb. ‘mangeln’ undvara sw.vb. ‘vorbereitet sein’. Hierauf kommen wir in§ 135 bis§ 137 zurück.
| Nullwertig | Einwertig | Zweiwertig | Dreiwertig |
|---|---|---|---|
| Vb daga | Nom + Vb liggja | Nom + Vb + Akk sjá e-t | Nom + Vb + Dat + Akk veita e-m e-t |
| Vb + Akk kala e-n | Nom + Vb + Dat fylgja e-m | Nom + Vb + Dat + Gen synja e-m e-s | |
| Vb + Dat hitna e-m | Nom + Vb + Gen njóta e-s | Nom + Vb + Dat + Dat lofa e-m e-u | |
| Nom + Akk + Akk skorta e-n e-t | Nom + Vb + Akk + Dat rǽna e-n e-u | ||
| Nom + Akk + Gen vara e-n e-s | Nom + Vb + Akk + Gen biðja e-n e-s | ||
| Nom + Vb + Akk + Akk hǫggva e-n e-t |
InAbb. 9.3 wird jeder Rahmen mit einem Verb verdeutlicht. Die Verben sind nach dem Muster vonBaetkes Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur angeführt, also mit den flektierten Formen voneinnhverr ‘jemand’ als Kasusmarker. Bei weitem nicht alle Verbrahmen sind in gleicher Weise frequent; die fünf gebräuchlichsten sind in halbfetter Schrift in der Abbildung angeführt.
Nullwertige Verben
§ 101 Verben ohne nominales Glied.
In diesem Rahmen steht das Verb allein oder zusammen mit einem oder mehreren Adverbialen.
▷ Skrýmir hrýtr ok sefr svá fast atdunar í skóginum. ‘Skrýmir schnarcht und schläft so fest, dass es im Wald dröhnt.’ Der Satz ohne Nominale ist hierat dunar í skóginum.
Hierher gehören Verben wiedaga sw.vb. ‘tagen’,duna sw.vb. ‘dröhnen’,flǿða sw.vb. ‘überfluten’,gneista sw.vb. ‘Funken sprühen’,hausta sw.vb. ‘Herbst werden’,ljóma sw.vb. ‘leuchten’,mor(g)na sw.vb. ‘Morgen werden’,rigna sw.vb. ‘regnen’,snjóva sw.vb. ‘schneien’,sumra sw.vb. ‘Sommer werden’,vára sw.vb. ‘Frühling werden’ undvetra sw.vb. ‘Winter werden’. Viele dieser Verben sindingressiv, d.h. sie bezeichnen den Übergang von einem Zustand in den anderen. Bei nullwertigen Verben ist es nicht immer möglich, ein Subjekt (d.h. einAgens) auszumachen.
Einwertige Verben
§ 102 Allgemeines.
Die meisten einwertigen Verben verbinden sich mit einem Subjekt im Nominativ; bei einer kleinen Gruppe steht das nominale Glied im Akkusativ oder Dativ. Da diese Glieder eine subjektähnliche Funktion haben, werden sie auch Akkusativ- oder Dativ-Subjekt genannt.
§ 102.1 Nom + Verb.
In diesem ausgesprochen häufigen Rahmen hat das Verb ein Subjekt im Nominativ und kein Objekt. Diese Verben sind somit intransitiv.
▷ Miðgarðsormrlifir enn ok liggr í umsjá. ‘Die Midgardschlange lebt noch und liegt im Meer’.
Hierhin gehören u.a.duga sw.vb. ‘taugen’,fara st.vb. ‘fahren, gehen’,ganga st.vb. ‘gehen’,horfa sw.vb. ‘sich umdrehen’,lifa sw.vb. ‘leben’,liggja st.vb. ‘liegen’,sofa st.vb. ‘schlagen’,springa st.vb. ‘springen’ und viele andere. Mehrere dieser Verben können mit einem inneren Objekt auftreten, d.h. mit einem Objekt, das dem Inhalt des Verbs nahesteht und oft vom Verb abgeleitet ist. Das betrifft Objekte wiesvefn m. ‘Schlaf’ zusofa st.vb.,ferð f. undfǫr f. ‘Fahrt’ zufara st.vb.,líf n. ‘Leben’ zulifa sw.vb. etc.
§ 102.2 Verb + Akk.
Das Verb hat kein Subjekt im Nominativ, aber verbindet sich mit einem Glied im Akkusativ (Akkusativ-Subjekt).
▷ Mannhungrar til líkamligar krása. ‘Den Menschen hungert es nach leiblichem Genuss.’
Hierhin gehören u.a.fýsa sw.vb. ‘anregen zu’,girna sw.vb. ‘Lust haben auf’,hungra sw.vb. ‘hungern’,kala st.vb. ‘frieren’,kosta sw.vb. ‘kosten’,langa sw.vb. ‘sehnen’,lysta sw.vb. ‘Lust haben auf’,minna sw.vb. ‘erinnern’,súrna sw.vb. ‘sauer werden’,svimra sw.vb. ‘schwindelig werden’,syfja sw.vb. ‘schläfrig werden’,tíða sw.vb. ‘Lust haben auf’,ugga sw.vb. ‘fürchten’,þrota sw.vb. ‘enden’,þyrsta sw.vb. ‘dürsten’,vanta sw.vb. ‘mangeln’ undvara sw.vb. ‘vorbereitet sein’.
§ 102.3 Verb + Dat.
Auch hier hat das Verb kein Subjekt im Nominativ, vielmehr verbindet es sich mit einem nominalen Glied im Dativ (Dativ-Subjekt).
▷ Ekkilíkaross fyrr en þeir brǿðr eru allir drepnir. ‘Wir sind nicht zufrieden, bevor die Brüder nicht alle erschlagen sind.’
Hierhin gehören u.a.hitna sw.vb. ‘heiß werden’,líka sw.vb. ‘mögen, gefallen’,lítask st.vb. ‘scheinen’,svala sw.vb. ‘abkühlen’,sýnask sw.vb. ‘scheinen’,þykkja sw.vb. ‘dünken’ undversna sw.vb. ‘sich verschlechtern’.
Zweiwertige Verben
§ 103.1 Nom + Verb + Akk.
In diesem äußerst gebräuchlichen Rahmen hat das Verb ein Subjekt im Nominativ und ein direktes Objekt im Akkusativ.
▷ Hrafnkellsendi þámenn ofan eptir dalnum. ‘Hrafnkell schickte da Männer ins Tal hinunter.’
Hierhin gehörenbera st.vb. ‘tragen’,binda st.vb. ‘binden’,bíta st.vb. ‘beißen’,brjóta st.vb. ‘brechen’,draga st.vb. ‘ziehen’,dǿma sw.vb. ‘urteilen’,eiga pp.vb. ‘haben’,eta st.vb. ‘essen’,gleðja sw.vb. ‘freuen’,grípa st.vb. ‘greifen’,hǫggva st.vb. ‘hauen’, ljósta st.vb. ‘schlagen’, sjá st.vb. ‘sehen’,segja sw.vb. ‘sagen’,senda sw.vb. ‘senden’, slá st.vb. ‘schlagen’,spyrja sw.vb. ‘fragen’,telja sw.vb. ‘erzählen’,yrkja sw.vb. ‘tun, dichten’ u.a.
§ 103.2 Nom + Verb + Dat.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ und direktes Objekt im Dativ.
▷ Þaufylgjahonum jafnan síðan. ‘Seitdem folgen sie ihm stets.’
Hierhin gehören u.a.bjarga st.vb. ‘bergen’,bregða st.vb. ‘drehen, wenden’,bǫlva sw.vb. ‘verbieten’,eira sw.vb. ‘schonen’,eyða sw.vb. ‘verwüsten’,fagna sw.vb. ‘begrüßen’,fylgja sw.vb. ‘folgen’,halda st.vb. ‘halten’,henta sw.vb. ‘holen’,hjalpa st.vb. ‘helfen’,líka sw.vb. ‘mögen’,lítask st.vb. ‘scheinen’,lúka st.vb. ‘schließen’,mǿta sw.vb. ‘treffen’,ógna sw.vb. ‘drohen’,stjórna sw.vb. ‘steuern’,trúa sw.vb. ‘glauben’,týna sw.vb. ‘verlieren, erschlagen’,þjóna sw.vb. ‘dienen’,þykkja sw.vb. ‘dünken, scheinen’,sýnask sw.vb. ‘scheinen’,una sw.vb. ‘zufrieden sein mit’,unna pp.vb. ‘lieben’ und valda gem.vb. ‘verursachen’.
§ 103.3 Nom + Verb + Gen.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ und ein direktes Objekt im Genitiv.
▷ Þeirnjóta hvárkisvefns nématar. ‘Sie genießen weder Schlaf noch Essen.’
Hierhin gehören u.a.afla sw.vb. ‘schaffen’,bíða st.vb. ‘warten’,beiða sw.vb. ‘bitten’, fá st.vb. ‘bekommen’,freista sw.vb. ‘erproben’,gá sw.vb. ‘beachten’,geyma sw.vb. ‘aufbewahren’,gǽta sw.vb. ‘hüten’,hefna sw.vb. ‘rächen’,leita sw.vb. ‘suchen’,missa sw.vb. ‘verlieren’,njóta st.vb. ‘nutzen’,sakna sw.vb. ‘vermissen’,sverja st.vb. ‘schwören’ undvitja sw.vb. ‘besuchen’.
§ 103.4 Verb + Akk + Akk.
Das Verb hat kein Subjekt im Nominativ, dafür zwei Objekte im Akkusativ, ein Personen- und ein Sachobjekt; das Personenobjekt muss hier als Akkusativ-Subjekt gesehen werden.
▷ Draum [akk.]dreymdimik [akk.] í fyrri nátt. ‘Ein Traum träumte mir letzte Nacht’, d.h. ‘Ich träumte letzte Nacht einen Traum.’
Hierhin gehören u.a.dreyma sw.vb. ‘träumen’,gruna sw.vb. ‘ahnen’,henda sw.vb. ‘geschehen’,skorta sw.vb. ‘mangeln, fehlen’ undþrjóta sw.vb. ‘zu Ende gehen’.
§ 103.5 Verb + Akk + Gen.
Das Verb hat kein Subjekt im Nominativ, aber zwei Objekte, ein Personenobjekt im Akkusativ (Akkusativ-Subjekt) und ein Sachobjekt im Genitiv.
▷ Varðiengan mann [akk.]þessa verks [gen.] af Þorkatli. ‘Niemand [akk.] war auf dieses Werk [gen.] von Þorketill gefasst.’
Hierhin gehörenminna sw.vb. ‘sich erinnern’ undvara sw.vb. ‘ahnen, vermuten’.
Dreiwertige Verben
§ 104 Allgemeines.
Die meisten dreiwertigen Verben haben ein direktes und ein indirektes Objekt. Manche Verben haben jedoch auch zwei direkte Objekte, nämlich ein Personen- und ein Sachobjekt. Das Personenobjekt steht im Akkusativ, das Sachobjekt kann in allen drei obliquen Kasus stehen, d.h. im Akkusativ, Dativ oder Genitiv.
§ 104.1 Nom + Verb + Dat + Akk.
In diesem Rahmen hat das Verb ein Subjekt im Nominativ, ein direktes Objekt im Akkusativ und ein indirektes Objekt im Dativ.
▷ ÞeirveittuVésteini [dat.]umbúnað [akk.], sem siðr var til. ‘Sie richteten Vésteinn ein Begräbnis aus, wie es Sitte war.’
Hierhin gehören u.a.bera st.vb. ‘tragen’,bjóða st.vb. ‘einladen’,gefa st.vb. ‘geben’,gera sw.vb. ‘tun’,kenna sw.vb. ‘lehren’,segja sw.vb. ‘sagen’,selja sw.vb. ‘verkaufen’,veita sw.vb. ‘erlauben, gewähren’ u.a.
§ 104.2 Nom + Verb + Dat + Gen.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ, ein indirektes Objekt im Dativ und ein direktes Objekt im Genitiv.
▷ Hana elskuðu margir okhonsynjaðifám [dat.]síns vilja [gen.] ‘Viele liebten sie [akk.], und sie verweigerte wenigen ihren Willen.’
Hierhin gehören u.a.afla sw.vb. ‘verschaffen’,gjalda st.vb. ‘bezahlen’,leita sw.vb. ‘suchen’,ljá sw.vb. ‘leihen’,synja sw.vb. ‘abschlagen’ undunna pp.vb. ‘lieben’.
§ 104.3 Nom + Verb + Dat + Dat.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ, ein indirektes Objekt im Dativ und ein direktes Objekt ebenfalls im Dativ.
▷ Hann vildiengum trygðum [dat.]lofa eðaheitaþeim [dat.]. ‘Er wollte keine Friedensschwüre versprechen oder leisten.’
Hierhin gehören u.a.heita st.vb. ‘geloben, versprechen’ undlofa sw.vb. ‘(ge)loben’.
§ 104.4 Nom + Verb + Akk + Dat.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ und zwei Objekte, ein Personenobjekt im Akkusativ und ein Sachobjekt im Dativ.
▷ Nú skal [ek] ekkileynaþik [akk.]því [dat.] er mér býr í skapi. ‘Nun will ich dir nicht länger das verhehlen, was mir im Sinn wohnt.’ Der Relativsatzer mér býr í skapi steht als Ergänzung des Dativgliedesþví ‘das’.
Hierhin gehören u.a.halda st.vb. ‘halten’,leyna sw.vb. ‘verbergen’,nema st.vb. ‘nehmen’ undrǽna sw.vb. ‘rauben’.
§ 104.5 Nom + Verb + Akk + Gen.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ und zwei Objekte, ein Personenobjekt im Akkusativ und ein Sachobjekt im Genitiv.
▷ Þúfyllirmik [akk.]harms [gen.]. ‘Du erfüllst mich mit Kummer.’
Hierhin gehören u.a.beiða sw.vb. ‘verlangen’,biðja st.vb. ‘bitten’,dylja sw.vb. ‘verbergen’,eggja sw.vb. ‘auf-hetzen, antreiben’,fylla sw.vb. ‘füllen’,krefja sw.vb. ‘for-dern’,minna sw.vb. ‘erinnern’ undspyrja sw.vb. ‘fragen’.
§ 104.6 Nom + Verb + Akk + Akk.
Das Verb hat ein Subjekt im Nominativ und zwei Objekte im Akkusativ, ein Personenobjekt und ein Sachobjekt (in der Regel ein inneres Objekt).
▷ En því nǽstlaustþú [nom.]mik [akk.] með hamrinumþrjú hǫgg [akk.]. ‘ Und danach schlugst du auf mich drei Hiebe mit dem Hammer.’
Hierhin gehören u.a.hǫggva st.vb. ‘schlagen, hauen’,ljósta st.vb. ‘schlagen’ und slá st.vb. ‘schlagen’.
Adjektive
§ 105 Allgemeines.
Einige Adjektive können Pronominal- und Nominalphrasen als Ergänzung haben. Wir sprechen hier vonRektion und meinen damit, dass in diesen Konstruktionen das Adjektiv den Kern bildet, das regierte Glied die Ergänzung. Einige Adjektive regieren denGenitiv, andere denDativ und einige wenige, darunterillr ‘böse’ undskyldr ‘schuldig, verpflichtet zu’, können auch beide Kasus regieren, bei unterschiedlicher Bedeutung.
§ 105.1 Adjektiv + Gen.
Adjektive, die den Genitiv regieren, sind u.a.búinn adj. ‘vorbereitet, fertig zu’,fullr adj. ‘voll’,fúss adj. ‘eifrig, begierig auf’,gamall adj. ‘alt’,sekr adj. ‘schuldig an’,skyldr adj. ‘verpflichtet zu’,varr adj. ‘gewahr’,verðr adj. ‘wert’ undvíss adj. ‘sicher’.
▷ Hann var þá fimtán vetragamall. ‘Er war da fünfzehn Winter alt.’ | En er Erlingr varð þessvarr, þá lét hann blása liði sínu ǫllu til skipanna. ‘Und als Erlingr dessen gewahr wurde, ließ er sein ganzes Heer zu den Schiffen rufen.’
§ 105.2 Adjektiv + Dat.
Adjektive, die den Dativ regieren, sind u.a.blíðr adj. ‘freundlich’,feginn adj. ‘froh’,góðr adj. ‘gut’,gramr adj. ‘gram, böse’,grimmr adj. ‘garstig’,hollr adj. ‘zuverlässig’,hǽttr adj. ‘gefährlich’,illr adj. ‘böse, schlecht’,kǽrr adj. ‘lieb’,líkr adj. ‘gleich’,mikill adj. ‘groß’,reiðr adj. ‘zornig auf’,skyldr adj. ‘ergeben’,trúr adj. ‘zuverlässig, treu’,þekkr adj. ‘lieb’,útrúr adj. ‘unzuverlässig’,úlíkr adj. ‘ungleich’.
▷ Þat er ráð mitt at þú sértrúr konungi þínum. ‘Das ist mein Rat, dass du deinem König treu sein sollst.’
Präpositionen
§ 106 Allgemeines.
Präpositionen können ein oder mehrere Wörter als Ergänzung haben, z.B.með yðr ‘mit euch’,án hans vilja ‘gegen seinen Willen’,með mikilli píning ‘mit großer Mühe’. Manche regieren nur einen Kasus, andere zwei (in einem Fall sogar drei), abhängig von der Bedeutung.
Akkusativ
§ 107 Präposition + Akk.
Einige Präpositionen regieren immer oder fast immer den Akkusativ, andere wechseln zwischen Dativ und Akkusativ. Sie benutzen den Akkusativ zur Bezeichnung einer das Ziel angebenden Richtung (allativ) oder verwenden ihn innerhalb einer Zeitbestimmung.
§ 107.1fyrir útan,umhverfis,gegnum.
Die Präpositionenfyrir útan ‘außer’,umhverfis ‘um herum’ und(í) gegnum ‘durch’ regieren den Akkusativ.
▷ Eptir þetta setjask þeir niðrfyrir útanhauginn ok talask við. ‘Danach setzten sie sich außerhalb des Hügels nieder und sprachen miteinander.’ | Skip láguumhverfisskeiðina. ‘Schiffe lagen um das Boot herum.’ | Hann hljóp báðum fótumgegnumskipit ok spyrndi við grunni. ‘Er stieß mit beiden Beinen durch das Schiff hindurch und stemmte sich gegen den Grund.’
§ 107.2of,um,við.
Die Präpositionenof ‘über, um’ undum ‘um’ regieren fast immer den Akkusativ,við ‘bei’ sehr häufig.
▷ Skrýmir settisk upp ok straukofvangann. ‘Skrýmir setzte sich auf und strich sich über die Wange.’ | Sigvatr orti flokkumfall Erlings. ‘Sigvatr dichtete ein Gedicht über Erlings Tod.’ | Kom hann þáviðnátt til þeirar konu. ‘Da kam er bei Nacht zu dieser Frau.’
§ 107.3á,í,fyrir,undir,yfir.
Die Präpositionená ‘in, an, auf’,í ‘in, auf’,fyrir ‘für’,undir ‘unter’ undyfir ‘über’ regieren den Akkusativ, wenn sie eine Bewegungsrichtung angeben (allativ).
▷ Þá batt Skrýmir nest þeira alltíeinn bagga ok lagðiábak sér. ‘Da band Skrýmir all ihren Proviant zu einem Bündel und warf es sich auf den Rücken.’ | Settisk Þórrídyrrin. ‘Þórr setzte sich in die Türöffnung.’ | Þórr lét síga brýnnar ofanfyriraugun. ‘Þórr ließ die Augenbrauen über die Augen sinken.’ | Ganga þau þáundiraðra eik. ‘Da gingen sie unter eine andere Eiche.’ | Fór hann út yfir hafit þat it djúpa. ‘Er fuhr hinaus über das tiefe Meer.’
§ 107.4á,í,eptir,fyrir.
Die Präpositionená,í,eptir ‘nach’ undfyrir ‘für’ regieren in Zeitbestimmungen oft den Akkusativ.
▷ En konungr vaktiánátt. ‘Aber der König blieb die Nacht über wach.’ | Gangið þér þannigínátt, sem skip bónda eru. ‘Geht heute Nacht dorthin, wo die Schiffe der Bonden liegen.’ |Eptirþat vaknar hann ok fǿrir bú sitt út yfir Rangá í Tungu. ‘Danach wacht er auf und verlegt seinen Hof über die Rangá nach Tunga hinüber.’ | Í óttufyrirdag stóð hann upp. ‘In aller Frühe stand er vor Tagesanbruch auf.’
§ 107.5 með.
Die Präpositionmeð ‘mit’ regiert meist den Dativ, kann aber mit Akkusativ stehen, wenn die Rede eher von einem Gegenstand als einem Mittel ist (dann stehtmeð mit Dativ,§ 108.8).
▷ Nú var Loki tekinn griðalauss ok faritmeðhann í helli nǫkkurn. ‘Nun wurde Loki schonungslos ergriffen und in eine Höhle geschleppt.’
Dativ
§ 108 Präposition + Dat.
Einige Präpositionen regieren immer den Dativ, wenn eine Bewegungvon einem Ort (ablativ) oderan einem Ort (lokativ) gemeint ist. Andere regieren den Dativ, wenn eine Begleitung ausgedrückt wird (komitativ) oder ein Werkzeug/Mittel bezeichnet wird (instrumental).
§ 108.1af,frá,ór.
Die Präpositionenaf ‘von’,frá ‘von’ undór ‘aus’ regieren immer den Dativ. Sie drücken eine Bewegung von einem Ausgangspunkt aus (ablativ).
▷ Ríðið í brott eykjum þeiraafbǿjum! ‘Reitet ihre Pferde von den Höfen fort!’ | Hann varð eigi leystrfráHelju. ‘Er wurde nicht von Hel freigelassen.’ | Túmásmessu fyrir jól tók konungr útórhǫfninni. ‘Zur Thomasmesse vor Weihnachten verließ der König den Hafen.’
§ 108.2hjá,hjá,mót.
Die Präpositionenhjá ‘bei’,hjá ‘nahe’ undá mót(i),í móti odermót ‘gegen’ regieren immer den Dativ. Sie drücken die Anwesenheit an einem Ort oder in einer Sache aus.
▷ En Sigyn kona hans stendrhjáhonum. ‘Seine Frau Sigyn steht bei ihm.’ | Þá var vantnǽrþrimr tigum ásauðar eina nátt. ‘Da fehlten eine Nacht nahezu dreißig Schafe.’ | Sonr þinn fór enga sigrfǫrá mótÓláfi konungi. ‘Dein Sohn fuhr keine Siegesfahrt gegen König Olaf.’
§ 108.3at.
Die Präpositionat ‘zu, bei’ regiert nahezu ausschließlich den Dativ. Sie wird oft in Zeit- oder Ortsangaben verwendet, in denen die Anwesenheit als Resultat einer Bewegung verstanden werden kann.
▷ Enatmiðri nátt þá heyrir Þórr at Skrýmir hrýtr ok sefr fast. ‘Aber mitten in der Nacht hört Þórr, dass Skrýmir schnarcht und fest schläft.’ | Eina nátt dreymdi hann at maðr komathonum. ‘Eine Nacht träumte er, dass ein Mann zu ihm kam.’
§ 108.4á,í,fyrir,undir,yfir.
Die Präpositionená,í,fyrir,undir undyfir regieren den Dativ, wenn sie die Anwesenheit an einem Ort bezeichnen (lokativ).
▷ Váru dyrráenda ok jafnbreiðar skálanum. ‘Da war eine Tür am Ende, so breit wie das Haus.’ | Þeir fundu afhús til hǿgri handarímiðjum skálanum. ‘Sie fanden rechts einen Nebenraum mitten im Haus.’ | Hann sá mann standafyrirrekkjunni. ‘Er sah einen Mann vor dem Bett stehen.’ | Gekk jǫrðinundirþeim skykkjum ok skalf húsit. ‘Die Erde bebte unter ihnen und das Haus erzitterte.’ | Hvárt munu fuglar nǫkkurir sitjaítrénuyfirmér? ‘Ob wohl einige Vögel im Baum über mir sitzen?’ Die Präpositionfyrir kann neben dem rein lokativen Aspekt auch Umsicht oder Vorteil (benefaktiv) ausdrücken.
▷ Hann hafði hjalm á hǫfði ok skjǫldfyrirsér. ‘Er hatte einen Helm auf dem Kopf und einen Schild vor sich (d.h. zu seinem Schutz).’
§ 108.5á.
Die Präpositioná ‘in, an, auf’ regiert in Zeitbestimmungen meist den Dativ.
▷ Þat varádǫgum Haralds konungs hins hárfagra. ‘Das war zur Zeit von König Harald Schönhaar.’
§ 108.6í.
Die Präpositioní ‘in’ regiert den Dativ, wenn die Zeitbestimmung an der Grenze zur Ortsbestimmung steht, d.h. wenn die Rede eher von der Situation als von einem konkreten Zeitpunkt ist.
▷ Eníþví bili vaknar Skrýmir. ‘Und in diesem Augenblick erwacht Skrýmir.’
§ 108.7eptir.
Die Präpositioneptir ‘nach, entlang’ regiert in Ortsbestimmungen den Dativ.
▷ Var þar gott skeið at rennaeptirsléttum velli. ‘Es gab dort eine gute Strecke zum Rennen, das ebene Feld entlang.’
§ 108.8með.
Die Präpositionmeð ‘mit’ regiert sehr häufig den Dativ, besonders zum Ausdruck einer Begleitung (komitativ), z.B.með henni, oder als Bezeichnung eines Sachverhalts (objektiv), z.B.með mikilli píning.
▷ Komsk hann þá upp á fjallitmeðhennimeðmikilli píning. ‘Er schleppte sich da mit großer Mühe mit ihr auf den Berg hinauf.’ Außerdem regiertmeð den Dativ zur Bezeichnung der Anwesenheit an einem Ort (lokativ), z.B.með jǫklunum, oder des Mittels (instrumental), z.B.með ruddunni.
▷ Nú ríðr hann upp til jǫkla ok vestrmeðjǫklunum. ‘Nun reitet er zu den Gletschern hinauf und westlich an den Gletschern entlang.’ | Þá slá þú hann þat hǫgg sem þú mátt mestmeðruddunni. ‘Versetze ihm einen Hieb, so hart du kannst, mit der Keule.’
§ 108.9við.
Die Präpositionvið regiert meist den Akkusativ (§ 107.2), in der Bedeutung ‘gegen’ oder ‘zusammen mit’ allerdings den Dativ. Das lässt sich teils objektiv erklären (við grunni), teils komitativ (við konu sinni).
▷ Hann hljóp báðum fótum gegnum skipit ok spyrndiviðgrunni. ‘Er stieß mit beiden Beinen durch das Schiff hindurch und stemmte sich gegen den Grund.’ | Hann var kvángaðr ok átti tvá sonuviðkonu sinni. ‘Er war verheiratet und hatte zwei Söhne mit seiner Frau.’
Genitiv
§ 109 Präposition + Gen.
Zwei Präpositionen,í milli undtil, regieren immer den Genitiv, eine andere,án, regiert zwar den Genitiv, daneben aber auch Akkusativ und Dativ.
§ 109.1í milli,til.
Die Präpositionená (oderí)milli (odermillum) ‘zwischen’ undtil ‘zu’ regieren immer den Genitiv.
▷ Þeir vildu setja griðí millikonungs ok bónda. ‘Sie wollten Frieden stiften zwischen dem König und den Bonden.’ | Konungr fór þátilbǿjar þess, er Liðsstaðir heita. ‘Der König begab sich da zu dem Hof, der Liðsstaðir heißt.’
§ 109.2án.
Die Präpositionán ‘ohne’ regiert den Genitiv, Akkusativ und Dativ.
▷ Hann skyldi þeim manni at bana verða sem honum riðiánhans vilja. ‘Er würde dem Manne zum Töter werden, der es [i.e. das Pferd] gegen seinen Willen reiten würde.’ Das Substantivvili m. hat in allen drei obliquen Kasus im Singular die Formvilja (vgl.§ 37.2), sodass sich in diesem Satz nicht bestimmen lässt, welchen Kasusán regiert.
10 Wortstellung und Kongruenz
Allgemeines
§ 110 Wortstellung.
Im Norrönen ist die Stellung der Satzglieder freier als in den modernen skandinavischen Sprachen. Das liegt zum großen Teil an der reichen Morphologie, durch die Satzglieder innerhalb eines Satzes relativ frei platziert werden können. Bei Substantiven und Pronomen lassen die Kasusendungen schnell erkennen, ob ein Glied z.B. als Subjekt oder Objekt steht. Ansonsten ist die unmarkierte Wortstellung im Norrönen und im modernen Skandinavisch ähnlich:Subjekt –Verb –Objekt, mit SVO abgekürzt.
Im Deutschen gilt die Wortstellung SVO für Hauptsätze (z.B.Olaf las das Buch), jedoch nicht für Nebensätze; diese haben die Satzstellung SOV (Als Olaf das Buch las). Im Urnordischen finden wir neben SVO viele Beispiele für die Wortstellung SOV, etwa in der Inschrift auf dem Goldhorn von Gallehus von ca. 400 n.Chr.,ek hlewagastiʀ holtijaʀ horna tawido, ʻIch Hlegest aus (oder: Sohn von) Holt machte das Horn.ʼ Im Norrönen tritt die Wortstellung SOV nur noch sporadisch auf. Hier hat sich das Deutsche also anders weiterentwickelt als die skandinavischen Sprachen.
In diesem Kapitel unterscheiden wir zwischen der Wortstellung auf Satzebene, d.h. der Reihenfolge der Satzglieder wie Subjekt, Verb, Objekt etc., und der Wortstellung auf Phrasenebene, d.h. innerhalb der einzelnen Phrasen, z.B. Nominalphrasen (mit Substantiv als Kern), Verbphrasen (mit Verb als Kern) etc.
§ 111 Kongruenz.
Die Kongruenz (Übereinstimmung der grammatischen Formen) im Norrönen unterscheidet sich kaum von der des Deutschen. Kongruenz dient ansonsten dazu, Satzglieder wie Subjekt und Prädikativ zu definieren: Das Subjekt ist mit dem finiten Verb in Person und Numerus kongruent, das Prädikativ mit dem Subjekt und Objekt in Kasus und Numerus.
Wortstellung auf Satzebene
§ 112 Finites Verb.
1. In der unmarkierten Wortstellung SVO steht das finite Verb als zweites Satzglied.
▷ Sigynstendr hjá honum ok heldr mundlaugu undir eitrdropa. ‘Sigyn steht bei ihm und hält eine Schale unter die Gifttropfen.’
2. Im modernen Deutsch wird ein Satz mit einem finiten Verb an erster Stelle als Fragesatz gedeutet, z.B. ‘Ging sie hinaus?’ Im Norrönen kann das finite Verb auch im Aussagesatz als erstes Satzglied stehen.
▷ Gengr hon þá ok slǽr út eitrinu. ‘Dann geht sie und gießt das Gift aus’.
3. Das Verb steht im Satz besonders dann an erster Stelle, wenn das Subjekt ein Personalpronomen in der 1. und 2. Person ist.
▷ Sé ek at þér eruð nú felmsfullir. ‘Ich sehe, dass ihr nun verschreckt seid.’
4. Das Verb steht zudem häufig an erster Stelle, wenn das Subjekt ein Infinitiv oder Nebensatz ist.
▷ Er sagt at Þór varð bilt einu sinni at slá hann með hamrinum. ‘Es heißt, dass Þórr einmal zögerte, ihn mit seinem Hammer zu schlagen.’
5. Auch in koordinierten Sätzen kann das Verb an erster Stelle stehen.
▷ Var þá sonr Guðbrands hǫndum tekinn, okgaf Óláfr konungr honum grið. ‘Da wurde der Sohn Guðbrands gefangen genommen, und König Olaf schenkte ihm Frieden.’
§ 113 Adverbiale.
1. Oft verknüpft sich mit dem Verb ein adverbiales Glied. Diese Glieder können im Satz vor dem Objekt stehen.
▷ Óðinn lagðiá bálit gullhring. ‘Odin legte einen Goldring auf den Scheiterhaufen.’ | Hann hafðií hendi kníf. ‘Er hatte ein Messer in der Hand.’
2. Das Adverbiale kann im Satz auch weiter nach rechts rücken, hinter das Objekt.
▷ Sigyn stendr hjá honum ok heldr mundlauguundir eitrdropa. ‘Sigyn steht bei ihm und hält eine Schale unter die Gifttropfen.’
§ 114 Objekt.
1. Das Objekt steht sehr häufig nach dem Verb.
▷ En um kveldit tók Þórrhafra sína ok skarbáða. ‘Und am Abend nahm Þórr seine Böcke und schlachtete sie beide.’
2. In zusammengesetzten Verbphrasen kann das Objekt auch zwischen dem finiten und infiniten Verb stehen.
▷ Hefir þúnǫkkura menn hitt í borginni? ‘Hast du einige Männer in der Stadt getroffen?’
§ 115 Thematisierung von Satzgliedern.
Im Norrönen wie auch im Deutschen können wir Satzgliederthematisieren, indem wir sie innerhalb des Satzes verschieben. Thematische Glieder tendieren im Satz nach links und sind häufig als erstes Glied anzutreffen, vor dem finiten Verb.
§ 115.1 Infinites Verb.
▷ Vita megu þat allir. ‘Wissen dürfen das alle.’ |Heyrt hefi ek at þér hafið kvisat í milli yðvar. ‘Gehört habe ich, dass ihr miteinander geflüstert habt.’ |Fellt hefir hon þá menn er mér hafa litizk eigi ústerkligri en Þórr er. ‘Gefällt hat sie die Männer, die mir nicht weniger stark aussahen als Thor.’
§ 115.2 Adverbiale.
▷ Eigi þarf langt frá því at segja. ‘Darüber braucht man nicht viele Worte zu machen.’ |Með vélum ferr hann mjǫk. ‘Mit Trug gibt er sich sehr ab.’
§ 115.3 Direktes Objekt.
▷ Hana elskuðu margir. ‘Sie [Objekt] liebten viele [Subjekt].’ | Ensjónhverfingar hefi ek gǫrt þér. ‘Sinnestäuschungen habe ich dir geschaffen.’
§ 115.4 Indirektes Objekt.
▷ Enmér segir svá hugr um at vit munim þurfa at sendask á milli. ‘Aber mir sagt mein Sinn, dass wir einander eine Nachricht zukommen lassen müssen.’ |Honum leizk mǽrin fǫgr. ‘Ihm schien das Mädchen schön.’
§ 115.5 Prädikativ.
▷ Allmikill er fyrir sér Útgarðaloki. ‘Sehr mächtig ist Útgarðaloki.’ |Goðorðsmaðr er hann víst um Þorskafjǫrð ok víðara um Vestfjǫrðu. ‘Gode ist er gewiss im Þorskafjǫrðr und darüber hinaus in den Vestfirðir.’
§ 116 Relativsätze.
1. Das Korrelat von Relativsätzen wird oft mit dem Demonstrativsá oderþessi bestimmt, das vor oder nach dem Kern im Korrelat stehen kann. Der Relativsatz wird häufig mit der Subjunktioner ‘welcher’ eingeleitet, aber auchsem kommt (in gleicher Bedeutung) vor.
▷ Vér eigumþann guð er hvern dag má sjá. ‘Wir haben den Gott, den wir jeden Tag sehen können.’ | Þá var sent í Jǫtunheima eptirgýgi þeirri er Hyrrokkin hét. ‘Da schickte man nach Jǫtunheim nach der Trollfrau, die Hyrrokkin hieß.’
2. Zwischen Korrelat und Relativsatz können auch ein oder mehrere Glieder stehen.
▷ Ok hafaþeir verr,er á slíkt trúa. ‘Und die haben es schlechter, die an so etwas glauben.’
Wortstellung auf Phrasenebene
§ 117 Allgemeines.
Nominalphrasen sind im Norrönen die komplexesten aller Phrasen; sie zeigen große Variation in der Wortstellung. Es ist eine Eigenheit des Norrönen, dass Nominalphrasen (vereinzelt auch andere Phrasen) getrennt stehen können und damitdiskontinuierlich sind.
§ 118 Nominalphrasen.
Im Verhältnis zum Kern sind die eingebetteten Glieder in Nominalphrasen relativ frei in ihrer Stellung. Viele Glieder, die im Deutschen vor dem Kern stehen, stehen im Norrönen entweder davor oder dahinter.
§ 118.1 Adjektive.
1. Adjektive im Positiv stehen vor oder auch nach dem Substantiv.
▷ ungr maðr ‘ein junger Mann’ |heilagr andi ‘heiliger Geist’ | hestrhvítr ‘ein weißes Pferd’ | hraunstórt ‘ein großes Lavafeld’.
2. Adjektive im Komparativ und Superlativ stehen meist vor dem Substantiv.
▷ ríkari maðr ‘ein mächtigerer Mann’ | innmesti vinr ‘der beste Freund’ |beztr lǽknir ‘bester Arzt’.
§ 118.2 Quantoren und Possessive.
Quantoren und Possessive stehen häufig nach dem Substantiv.
▷ akarnnǫkkut ‘eine Eichel’ | kǫttrminn ‘meine Katze’ | liðvárt ‘unser Heer’.
§ 118.3 Demonstrative + Adjektiv.
Demonstrative + Adjektiv stehen sowohl vor als auch hinter dem Substantiv.
▷ konansú hin verri ‘diese schlechte Frau’ | hafitþat it djúpa ‘dieses tiefe Meer’ |sá hinn ungi maðr ‘dieser junge Mann’.
§ 118.4 Genitiv.
Der attributive Genitiv steht meist nach dem Kern.
▷ ørgrynniliðs ‘viele Leute’ | fjórir hleifarbrauðs ‘vier Laibe Brotes’ | frǽndr ok kunnmennsveinsins ‘Verwandte und Bekannte des Jungen’.
Er kann aber auch vor dem Kern stehen.
▷ Þjalfi varallra manna fóthvatastr ‘Þjalfi war von allen Männern der schnellste zu Fuß’.
§ 118.5 Pronomen + Substantiv.
Im Norrönen kann das Pronomen + Substantiv benutzt werden, um eine größere Gruppe zu bezeichnen, dergestalt, dass die Gruppe durch einen typischen oder hervorstechenden Repräsentanten vertreten wird.
▷ þeir Óláfr ‘Olaf und seine Leute’ |þeir Erlingr ‘Erling und seine Männer’.
§ 119 Diskontinuierliche Phrasen.
Eine Besonderheit des Norrönen sind Nominalphrasen, deren Teile durch ein oder mehrere Glieder getrennt sind.
§ 119.1 Hypotagma.
Im Hypotagma kann der Kern (halbfett) von seinen eingebetteten Gliedern (kursiv) getrennt sein.
▷ Enliðvárt flýðiallt í fyrstunni þegar. ‘Unser ganzes Heer floh gleich zu Beginn.’ | Trúið á goð várt, erallt hefirráðyðart í hendi. ‘Glaubt an unseren Gott, der euer ganzes Geschick in der Hand hat.’ |Vǽta var ámikil um daginn. ‘Es gab viel Nässe am Tag.’ Auch das moderne Deutsch kennt diesen Typ von Diskontinuität, ‘Nässe gab es viel am Tag’.
§ 119.2 Paratagma.
1. Im Paratagma können sich ein oder mehrere Satzglieder zwischen die nebengeordneten Glieder (kursiv) schieben.
▷ Þórr fór fram á leið okþeir félagar ok gekk fram til miðs dags. ‘Thor machte sich mit seinen Gefährten auf den Weg und ging weiter bis gegen Mittag.’
2. Parataktisch nebengeordnete Glieder können getrennt stehen und sich in einem Hypotagma zu beiden Seiten des Kerns platzieren.
▷ Var þáallgóðrbyrr okheldr hvass. ‘Es war ein sehr guter, aber ziemlich scharfer Wind.’ | Hann ermikillmaðr oksterkr. ‘Er ist ein großer und starker Mann.’
§ 119.3 Präpositionalphrasen.
Präpositionalphrasen sind nicht selten diskontinuierlich, sodass die Präposition (fett) von der Ergänzung (kursiv) getrennt ist.
▷ Enhonum varð þareptir gǫltr ok hafr. ‘Und nach ihm blieben ein Eber und ein Bock zurück.’ | Þá hugsaði hann fyrir sér hverja vél ǽsir mundutil finnaat taka hann í forsinum. ‘Da überlegte er, welches Mittel die Asen finden würden, ihn im Wasserfall zu ergreifen.’ | Eigi sé ek þann mann hér inni er eigi mun lítilrǽðií þykkjaat fásk við þik. ‘Ich kann hier innen keinen Mann sehen, dem es nicht zu unwichtig schiene, es mit dir zu tun zu haben.’
Kongruenz
§ 120 Definition.
Unter Kongruenz verstehen wir, dass ein Glied die gleichen Flexionskategorien hat wie ein anderes mit ihm verbundenes.
§ 121 Subjekt und finites Verb.
1. Subjekt und finites Verb zeigen Kongruenz hinsichtlichPerson undNumerus.
▷ Hon [3. pers. sg.] kastaði [3. pers. sg.] þegar keraldinu frá sér er drykkrinn var í. ‘Sie warf sogleich das Gefäß von sich, worin der Trank war.’
2. Steht zuerst das Verb, kann es Singularform haben, auch wenn das Subjekt im Plural steht.
▷ Þarvar [sg.] á skipikona hans ok sonr [pl.]. ‘Auf dem Schiff war[en] seine Frau und sein Sohn.’
3. In unpersönlichen Konstruktionen steht das Verb immer in der 3. Person Singular.
▷ Vér eigum þann guð er hvern dagmá [3. pers. sg.] sjá. ‘Wir haben den Gott, den (man) jeden Tag sehen kann.’ | Þarfell [sg.] af liði konungsþrjú hundruð manna [pl.]. ‘Da fielen vom Heer des Königs dreihundert Mann.’
§ 122 Subjekt und Prädikativ.
Das Subjektprädikativ ist mit dem Subjekt inKasus,Numerus undGenus kongruent.
▷ Hann [nom.sg.mask.] er mjǫkþyrstr [nom.sg.mask.] ‘Er ist sehr durstig.’
§ 123 Objekt und Prädikativ.
Das Objektprädikativ ist mit dem Objekt inKasus,Numerus undGenus kongruent.
▷ Hann [akk.sg.mask.] reyndum vérsannan vin [akk.sg.mask.] Óláfs konungs. ‘Wir erprobten ihn als wahren Freund Königs Olafs.’
§ 124 Determinativ und Substantiv.
Ähnlich wie adjektive sind Determinative mit dem Substantiv inKasus,Numerus undGenus kongruent.
▷ sá maðr ‘dieser Mann’ |kerling ein ‘eine alte Frau’ |kǫttr minn ‘meine Katze’.
§ 125 Pronominale Referenz.
Bei pronominaler Referenz wird Neutrum Plural (þau) gebraucht, wenn es sich um Personen beiderlei Geschlechts handelt.
▷ Hann tók af þeim í sǽtt bǫrn þeira Þjalfa ok Rǫsku, ok fylgjaþau honum jafnan síðan. ‘Er erhielt von ihnen im Vergleich ihre Kinder Þjalfi und Rǫskva, und sie folgen ihm seitdem immer.’
11 Umformungen
Allgemeines
§ 126 Erklärungsmodell.
Syntaktische Konstruktionen sind oftmals leichter zu verstehen, wenn man sie sich alsUmformungen zugrunde liegender Strukturen vorstellen kann. Hier erklären wir Ellipse, unpersönliche Konstruktionen und satzäquivalente Konstruktionen aus dieser Perspektive.
Ellipse
§ 127 Allgemeines.
Die Ellipse, d.h. die Auslassung von Satzgliedern, tritt im Norrönen häufig auf. So kann in Imperativsätzen das Subjekt ausgelassen werden, in koordinierten Sätzen das Objekt, und oftmals stehen auch Präpositionen ohne Ergänzung.
§ 128 Subjekt in Imperativsätzen.
Im Norrönen haben Imperativsätze häufig ein Subjekt, wie es auch im Deutschen möglich ist, wenn die Person stark betont werden soll.
▷ Farþú aptr til fǫður þíns! ‘Begibdu dich zurück zu deinem Vater!’ Üblich sind jedoch Imperativsätze ohne Subjekt.
▷ Sjám fyrst! ‘Lass uns erst sehen!’ Das erste Beispiel legt nahe, dass wir mit einem Subjekt (d.h.Agens) in Imperativsätzen rechnen müssen, auch wenn es an der Oberfläche fehlt.
§ 129 Subjekt, Prädikat und Objekt in koordinierten Sätzen.
Die Ellipse kommt oft in koordinierten Sätzen vor, d.h. in Sätzen, die mit den Konjunktionenok ‘und’,en ‘aber, und’ undeða ‘oder’ verbunden sind.
§ 129.1 Subjekt.
Das Subjekt wird (wie im Deutschen) oft ausgelassen.
▷ Síðan fylktikonungr liði sínu ok [hann] reið sjalfr fyrir. ‘Dann stellte der König sein Heer auf und [er] ritt selbst voran.’
§ 129.2 Prädikat.
Wie im Deutschen kann das Prädikat (d.h. das finite Verb) ausgelassen werden.
▷ En er hann kom til lands, þá gekk hann upp ok með honum [gengu] Loki ok Þjalfi ok Rǫskva. ‘Als er an Land kam, ging er hinauf und mit ihm [gingen] Loki und Þjalfi und Rǫskva.’
§ 129.3 Objekt.
Auch das Objekt kann ausgelassen werden (im Gegensatz zum Deutschen).
▷ Þjalfi helt á lǽrlegg hafrsins ok [hann, d.h. Þjalfi] braut [hann, d.h. lǽrlegg] til mergjar. ‘Þjalfi hielt den Oberschenkelknochen des Bocks fest und [er] zerbrach [ihn] bis aufs Mark.’
§ 130 Infinitiv.
Der Infinitiv von Bewegungsverben kann ausgelassen werden, wenn das Verb mit einem Adverb oder einer Präposition modifiziert wird (wie auch im Deutschen).
▷ Sámr sagðisk vilja [fara] heim aptr. ‘Sámr sagte, er wolle zurück nach Hause [fahren].’
§ 131 Das Verbvera.
1. In koordinierten Sätzen wird häufig das Verbvera ausgelassen, selbst wenn es nicht im vorausgehenden Satz steht.
▷ Var grind fyrir borghliðinu ok [var] [hon] lokin aptr. ‘Es war ein Gatter vor dem Burgtor und [es war] verschlossen.’ | Hefir hann hamar í hendi, ok [er] [hann] mikill vexti ok [er] [hann] holr innan. ‘Er hat einen Hammer in der Hand und [er ist] von großem Äußeren und [er ist] innen hohl.’
2. Nachskulu,munu undmega sowie in koordinierten Sätzen kann der Infinitivvera weggelassen werden. Das so ausgelassene Verb kann statisch – als ‘sein’ – oder dynamisch – als ‘werden’ – gedeutet werden (vgl.§ 160).
▷ Nú mun [vera] allskammt til unz hann mun andask. ‘Nun wird es kurze Zeit [sein], bis er stirbt.’ | En þat kann ek þér segja at þú munt þó fyrr [verða] drepinn en ek. ‘Aber das kann ich dir sagen, dass du eher erschlagen [wirst] als ich.’
§ 132 Ellipse von Ergänzungen in Präpositionalphrasen.
In Präpositionalphrasen können Ergänzungen (die der Präposition folgende Phrase) ausgelassen werden.
§ 132.1 In koordinierten Sätzen.
In koordinierten Sätzen geht die ausgelassene Ergänzung direkt oder indirekt aus dem vorausgehenden Satz hervor.
▷ Síðan fylkti konungr liði sínu ok reið sjalfrfyrir [því]. ‘Dann stellte der König sein Heer auf und ritt selbst vor [ihm].’ | Þá er þeir hrundu út skipum sínum, þá hljóp þar vatní [þau] ok fylldi upp, ok máttu eigiá [þau] koma. ‘Und als sie ihre Schiffe hinaus schoben, schlug Wasser in [sie] und füllte [sie], und sie konnten nicht auf [sie] gelangen.’ | Hann tók hinn mesta uxann, er Himinhrjóðr hét, ok sleitaf [honum] hǫfuðit ok fórmeð [þat] til sjávar. ‘Er nahm den größten Ochsen, der Himinhrjóðr hieß, und schlug [ihm] den Kopf ab und begab sich mit [dem] zur See.’
§ 132.2 Mitþar als Vertreter.
In Einzelfällen steht ein adverbialesþar ‘da’ als Vertreter der ausgelassenen Ergänzung.
▷ Auðun kaupir bjarndýri eitt, ok gafþar fyrir alla eigu sína. ‘Auðun kauft einen Bären und gab dafür all seinen Besitz.’ | Hringhorni hét skip Baldrs. Hann vildu goðin fram setja ok geraþar á bálfǫr Baldrs. ‘Hringhorni hieß das Schiff Baldrs. Das wollten die Götter zu Wasser lassen und darauf den Scheiterhaufen Baldrs errichten.’ Solche Konstruktionen entsprechen im Deutschen Präpositionaladverbien wiedarauf,dafür,davon u.ä.
§ 132.3 In Relativsätzen.
Auch in Relativsätzen ist das Fehlen von Ergänzungen üblich, wobei das Korrelat im Matrixsatz die Ergänzung vertritt. In solchen Fällen können wir sagen, dass die Präposition „gestrandet“ ist.
▷ Ríðið í brott eykjum þeira af bǿjum þar sem þeir eruá (→ bǿjum). ‘Reitet die Pferde weg von den Höfen, auf denen (→ Höfen) sie sind.’ | Hon kastaði þegar keraldinu frá sér er drykkrinn varí (→ keraldinu). ‘Sie warf sogleich das Gefäß von sich, worin der Trank war.’
§ 133 Absoluter Gebrauch der Präposition.
In manchen Fällen gibt es keine Ergänzung zur Präposition; wir sagen, dass die Präposition in diesen Fällenabsolut steht.
▷ En vǽta vará mikil um daginn. ‘Es gab tagsüber viel Regen.’ | Þá hljópat Áslákr Fitjaskalli ok hjó með øxi í hǫfuð Erlingi. ‘Da sprang Áslákr Fitjaskalli hinzu und hieb dem Erlingr mit der Axt in den Kopf.’ | Þá tók konungrtil ok fór hǫndum um kverkr sveininum. ‘Da packte der König zu und fuhr mit den Händen dem Jungen um den Hals.’ In diesen Fällen ist die Präposition oft eng mit dem Verb verbunden und gibt ihm eine spezielle Bedeutung, z.B.hlaupa at ‘anfallen’ undtaka til ʻbeginnen, nach etwas greifenʼ. Vereinzelt rechnen Grammatiken solche Präpositionen aufgrund ihrer nahen Beziehung zum Verb zu den Verbpartikeln. Das moderne Deutsche hat im Gegensatz zum Norrönen ein wesentlich größeres und integrierteres System von Verbpartikeln entwickelt, vgl. z.B.fara af ‘ablegen’,fara í ‘anziehen’,fara fyrir ‘vorausgehen’,fara yfir ‘durchlaufen’, usw.
Unpersönliche Konstruktionen
§ 134 Allgemeines.
Oben haben wir gesehen, dass das Subjekt in Imperativsätzen und koordinierten Sätzen ausgelassen werden kann. Aber das sind im Norrönen bei weitem nicht die einzigen Sätze ohne Subjekt. Fehlt das Subjekt in anderen Satztypen, nehmen wir das Verb als Ausgangspunkt. Kann das Verb mit einem Subjekt auftreten, z.B.merkja ‘merken’, gehen wir von einer Streichung des Subjekts aus (§ 136). Tritt das Verb normalerweise nicht mit einem Subjekt auf, z.B.daga ‘tagen’, gehen wir von einer Subjektlosigkeit im strengeren Sinne aus (§ 137). In beiden Fällen sprechen wir von unpersönlichen Konstruktionen.
§ 135 Streichung des Subjekts.
1. Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Subjekt in Aktivsätzen gestrichen wird.
▷ Konungr stakk við honum øxarhyrnunni í kinn honum ok mǽlti: “Merkja skal dróttinsvikann.” ‘Der König stach ihm mit der Axt in die Wange und sagte: “Kennzeichnen soll [man] den Königsverräter.” ’ In diesem Beispiel istdróttinsvikann das Objekt; über das Subjekt wird in diesem Satz nichts gesagt. Bei der Übersetzung ins Deutsche kann man hier wählen zwischenich als Subjekt (mit Bezug auf den König) oderein /man (mit allgemeinem Bezug) oder man kann den Satz ins Passiv setzen (‘Der Königsverräter soll gekennzeichnet werden’). Wir sehen darin den Ausdruck einer Umformung, in der X ein nicht spezifiziertes Subjekt vertritt,X skal merkja dróttinsvikann →skal merkja dróttinsvikann.
2. Prinzipiell können alle mehrwertigen Verben eine solche Umformung mitmachen. Die Streichung des Subjekts dient dazu, etwas anderes als das Subjekt näher ins Auge zu fassen; das Interessante an dem obigen Beispiel ist, wer gebrandmarkt werden soll (d.h. das Objekt), nicht, wer die Tat ausführt (das Subjekt). Ein anderes Beispiel:
▷ En þat má sjá at hann er mikill fyrir sér. ‘Und das kannman sehen, dass er etwas Großes vorstellt.’ | En vér eigum þann guð er hvern dag má sjá. ‘Und wir haben den Gott, denman jeden Tag sehen kann.’
3. Wird das Subjekt ausgelassen, steht das Verb üblicherweise in der 3. Person Singular Indikativ. Das ist die unmarkierte Form, d.h. die Form, die gewählt wird, wenn kein explizites Subjekt steht.
§ 136 Subjektlosigkeit.
1. In§ 100 haben wir gesehen, dass einige Verben kein Subjekt haben. Sätze mit solchen Verben sind subjektlos im strengen Sinne des Wortes. Hierhin gehören Verben wie das nullwertigerigna sw.vb. ‘regnen’, das einwertigekala st.vb. ‘frieren’ und das zweiwertigedreyma sw.vb. ‘träumen’.
▷ Rignir þá allan dag. ‘Es regnet den ganzen Tag.’ |Hann [akk.]kól sem aðra hundtík. ‘Er fror wie eine Hündin.’ |Baldr inn góða [akk.]dreymdidrauma stóra ok hǽttiliga [akk.] um líf sitt. ‘Der gute Baldr träumte große und gefährliche Träume über sein Leben.’
2. Im Deutschen haben nullwertige Verben ein formales Subjekt,rignir >es regnet. Bei einwertigen oder zweiwertigen Verben sind im Deutschen (vor allem in der älteren oder gehobenen Sprache) bisweilen dem Norrönen ähnliche Konstruktionen möglich, z.B.mik kell >ich friere odermich friert, undmik dreymir >ich träume odermir träumt.
| Nullwertig | Einwertig | Zweiwertig |
|---|---|---|
| Vb daga duna gneista rigna | Vb + Akk kala e-n | Vb + Akk + Akk dreyma e-n e-t |
| Vb + Dat sýnask e-m | Vb + Akk + Gen vara e-n e-s |
§ 137 Akkusativ- und Dativsubjekt.
WieAbb. 11.1 zeigt, können sowohl einwertige wie auch zweiwertige Verben ohne Subjekt im Nominativ bleiben; sie sind daher in gewisser Hinsicht subjektlos. Da es aber bei beiden Typen immer ein nominales Glied in subjektähnlicher Funktion gibt, wird dieses oft als Akkusativ- oder Dativsubjekt bezeichnet (in englischer und nordischer Terminologieobliques Subjekt, d.h. ein Subjekt in einem anderen Kasus als Nominativ). Diese Bezeichnung zeigt, dass man größeres Gewicht auf den semantischen Inhalt legt als auf das rein Morphologische, da man ein Subjekt in einem anderen Kasus als Nominativ erlaubt. Inmik kell ʻmich friert’, d.h ʻich friere’ ist das Akkusativglied mik ein solch obliques Subjekt; das Gleiche gilt auch für das Dativobjektmér inmér líkar ʻmir gefällt’, d.h. ʻich magʼ. Siehe auch§ 102.2‒3 und§ 102.3 sowie§ 103.4‒5 und§ 103.5.
Kurzsätze
§ 138 Akkusativ mit Infinitiv (AcI).
Der AcI ist ein Kurzsatz (d.h. eine satzähnliche Konstruktion), der auftritt nach den zweiwertigen Verbensjá st.vb. ‘sehen’,heyra sw.vb. ‘hören’,ǽtla sw.vb. ‘beabsichtigen, meinen’,hyggja sw.vb. ‘denken, glauben’,trúa sw.vb. ‘glauben’ undkveða st.vb. ‘sagen’.
▷ Opt hefi ek heyrtyðr þat mǽla. ‘Oft habe ich euch das sagen hören.’ In diesem Satz stehtyðr þat mǽla als Objekt. Es handelt sich um einen Kurzsatz, in demyðr ‘euch’ dem Subjekt entspricht,mǽla ‘sagen’ dem finiten Verb undþat ‘das’ dem Objekt.
§ 138.1 Zugrundeliegende Struktur.
Kurzsätze sind von einem zugrundeliegenden vollständigen Satz abgeleitet,þér mǽlið þat ‘ihr sagt das’. WieAbb. 11.2 zeigt, kommt es dabei zu zwei Änderungen, (1) das Subjekt wird zum Objekt und daher in denAkkusativ gesetzt,þér →yðr und (2) das finite Verb wird infinit und in denInfinitiv gesetzt,mǽlið →mǽla.
§ 138.2 Auslassung von vera.
Das Verb vera kann beim AcI in einzelnen Fällen weggelassen werden.
▷ Trúir þúþann guð [vera] er nú sagðir þú frá? ‘Glaubst du den Gott [zu sein], von dem du nun erzähltest?’, d.h. ‘Glaubst du, dass der Gott ist, von dem du erzähltest?’
§ 138.3 AcI mit reflexiven Verbformen.
Der AcI tritt auch in Verbindung mit reflexiven Formen von Verben wiekveða st.vb. ‘sagen’ undsegja sw.vb. ‘sagen’ auf.
▷ Hann kvazkvera vestfirzkr. ‘Er sagte sich aus den Vestfirðir zu sein’, d.h. ‘Er sagte, er stamme aus den Vestfirðir.’ |En Þórr kvezkmundu róa eina hríð. ‘Und Thor sagte sich eine Weile rudern zu wollen’, d.h. ‘Thor sagte, er wolle eine Weile rudern.’ Bei einer Koreferenz zwischen dem Subjekt im Matrixsatz und dem Subjekt des untergeordneten Satzes wird das Subjekt des untergeordneten Satzes ausgedrückt durch das Reflexivpronomensik, das mit dem Verb zusammengezogen wird,kvað sik →kvazk oderkveðr sik →kvezk.
§ 138.4 Ableitung der reflexiven Verbformen.
Bei reflexiven Formen vollziehen sich die Ableitungen wie folgt:Hann kvað +hann er vestfirzkr →Hann kvað +sik vera vestfirzkr →Hann kvazk vera vestfirzkr. |Þórr kveðr +Þórr mun róa eina hríð →Þórr kveðr +sik mundu róa eina hríð →Þórr kvezk mundu róa eina hríð.
§ 138.5 Infinitiv Präteritum.
In dem BeispielÞórr kvezk mundu róa eina hríð istmundu Infinitiv Präteritum vonmunu. Daneben gibt es nur nochskulu undvilja, die einen Infinitiv Präteritum haben, mit den Formenskyldu undvildu (vgl.§ 73). Diese speziellen Infinitive werden hauptsächlich gebraucht, wenn das Verb im Matrixsatz im Präteritum steht.
§ 139 Nominativ mit Infinitiv (NcI).
Der Nominativ mit Infinitiv ist ebenfalls ein Kurzsatz, kommt aber deutlich seltener vor als der Akkusativ mit Infinitiv. Der NcI kann in Verbindung mit den Verbenþykkja undsýnask auftreten, die ein sogenanntes Dativsubjekt haben, z.B.mér þykkir ʻmich dünktʼ, d.h. ʻich glaubeʼ, undhonum sýntisk ʻihm schienʼ, d.h. ʻer glaubteʼ (vgl.§ 102.2 und§ 102.3). Da das Dativsubjekt hier in einem anderen Kasus als Nominativ steht, kann das Subjekt im zugrunde liegenden Satz auf den Platz des Subjekts rücken und seine Form des Nominativ behalten, während das Verb seine Form zum Infinitiv ändert.
▷ Mér þótti +vit erum í hellinum → Mér þóttivit vera í hellinum ‘Mir schien, wir beide wären in der Höhle (Wir beide schienen mir in der Höhle zu sein)’.
12 Kategorien
Allgemeines
§ 140 Ausdruck und Inhalt.
Die Morphologie gibt einen Überblick darüber, wie die einzelnen Kategorien zum Ausdruck kommen, z.B. dass der Nominativ bei den Maskulina normalerweise auf -r endet, während der Akkusativ endungslos ist. Die Syntax befasst sich mit dem Inhalt dieser Kategorien. Dabei geht es darum, dass der Nominativ im Norrönen üblicherweise als Subjekt und der Akkusativ als direktes Objekt steht, und nicht darum, welche Formen sie aufweisen.
Kasus
§ 141 Inhalt.
Kasus bringen in erster Linie das Verhältnis zwischen den einzelnen Satzgliedern zum Ausdruck, z.B. dass das Subjekt im Nominativ steht, das direkte Objekt meist im Akkusativ (bisweilen auch im Dativ oder Genitiv), und das indirekte Objekt im Dativ.
▷ Munek [nom.] bjóðaþér [dat.]tvá kosti [akk.]. ‘Ich werde dir zwei Möglichkeiten anbieten.’
Wir sprechen hier von einemnominalen Gebra ausdrücken, inadverbialer Verwendung, etwa dergestalt, dass beispielsweise das Mittel, mit dem eine Handlung ausgeführt wird, im Dativ ausgedrückt werden,
▷ Skjót at honumvendi þessum! ‘Bewirf ihn mit diesem Stock!’
Schließlich können Kasus inattributiver Verwendung eine Unterordnung ausdrücken. Letzteres ist ein besonders Kennzeichen des Genitivs,
▷ vaðÞórs ‘Die Angelschnur Þórs’.
§ 142 Nominativ.
Der Nominativ wird nur nominal gebraucht. Es gibt keine Verben oder Präpositionen, die den Nominativ regieren.
§ 142.1 Nominale Verwendung.
Der Nominativ wird nur nominal gebraucht. Es gibt keine Verben oder Präpositionen, die den Nominativ regieren.
1. Der Nominativ ist immer der Kasus für das Subjekt.
▷ GafÓláfr konungr honum grið. ‘König Óláfr gewährte ihm Frieden.’
2. Der Nominativ ist auch der Kasus für das Prädikativ, wenn es zum Subjekt steht (Subjektprädikativ).
▷ Hann [subj.] varðhrǽddr mjǫk [subj.präd.] við ógn þessa. ‘Er wurde sehr ängstlich bei dieser Drohung.’
§ 143 Akkusativ.
Der Akkusativ wird nominal und adverbial verwendet. Sowohl Verben als auch Präpositionen können den Akkusativ regieren.
§ 143.1 Nominale Verwendung.
1. Der Akkusativ ist der Kasus für das direkte Objekt.
▷ En í því bili laust Kolbeinngoð þeira. ‘Und in dem Augenblick schlug Kolbeinn ihren Gott.’
2. Der Akkusativ ist auch der Kasus für das Prädikativ, wenn es zum Objekt steht (Objektprädikativ).
▷ Kallar þúþann [obj.]guð [obj.präd.] er þú sér eigi ok engi annarra. ‘Du nennst den Gott, den du nicht siehst und kein anderer.’
§ 143.2 Adverbiale Verwendung.
Ausdrücke fürZeit und bedingt auch fürRaum (durchreistes Gebiet) können im Akkusativ stehen.
▷ Hann reiðníu nǽtr [Zeit]døkkva dala ok djúpa [Raum]. ‘Er ritt neun Nächte durch dunkle und tiefe Täler.’
§ 144 Dativ.
Der Dativ findet nominale, adverbiale und attributive Verwendung. Im Norrönen ist er der mehrdeutigste aller vier Kasus. Sowohl Verben als auch Präpositionen und Adjektive können den Dativ regieren.
§ 144.1 Nominale Verwendung.
1. Dasindirekte Objekt steht immer im Dativ.
▷ Þú skalt nú fara á fund konungs þess erþér gaf grið. ‘Du sollst dich nun zu dem König begeben, der dir Frieden gab.’
2. Oft steht das indirekte Objekt zusammen mit einem direkten, wie im vorangegangenen Beispiel. Aber es kommt auch vor, dass das indirekte Objekt das einzige ist. Das ist der Fall bei intransitiven Verben, z.B.vaxa st.vb. ‘wachsen’ undfara st.vb. ‘gehen, sich begeben’.
▷ Hann spennir sik megin gjǫrðum ok óxhonum ásmegin. ‘Er legt den Kraftgürtel an, und ihm wuchs die Kraft eines Asen.’
3. Bei einigen Verben ist der Dativ der Kasus für dasdirekte Objekt (§ 103.2).
▷ Hafa allir hlutir eiða unnit at eiraBaldri? ‘Haben alle Dinge einen Eid geschworen, Baldr zu schonen?’ Die Grenze zwischen einem direkten und einem indirekten Objekt im Dativ ist schwer zu ziehen. Manche wollen daher nur dann von einem indirekten Objekt sprechen, wenn es mit einem direkten zusammensteht oder wenn ein direktes Objekt implizit vorhanden ist.
§ 144.2 Adverbiale Verwendung.
Der Dativ kann auch eine Art und Weise, ein Mittel oder eine Eigenschaft ausdrücken.
▷ Váru allir klǽddirsilki hvítu, ok váru ljósir mjǫk. ‘Alle waren in weiße Seide gekleidet, und sie waren sehr hell.’ | Þeir fórufjórum skipum suðr á Mǿri. ‘Sie fuhren mit vier Schiffen südwärts nach Møre.’
§ 144.3 Attributive Verwendung.
1. In Verbindung mitKörperteilen wiehǫfuð n. ‘Kopf’,hǫnd f. ‘Hand’,bak n. ‘Rücken’ u.ä. kann der Dativ einen Besitz ausdrücken, z.B.hǫnd mér ‘Hand in Bezug auf mich’, d.h. ‘meine Hand’. Dieser Typus des Dativs wirdDativus sympatheticus genannt.
▷ Nú hjóttu Nóreg ór hendimér. ‘Nun schlugst du Norwegen mir aus der Hand.’
2.Vergleichsglieder stehen oft im Dativ und zwar ohne die Subjunktionen.
▷ Hann var sólubjartari. ‘Er war heller als die Sonne.’
3. Der Dativ kann eine Eigenschaft selbst bezeichnen oder wie diese sich zeigt.
▷ Var sá hafr haltreptra fǿti. ‘Dieser Bock war lahm auf dem Hinterbein.’
§ 145 Genitiv.
Der Genitiv steht etwas abseits der drei anderen Kasus, weil er oftattributiv gebraucht wird, d.h. als untergeordnetes Glied.
▷ Var þásonr Guðbrands hǫndum tekinn. ‘Da wurde der Sohn Guðbrands gefangen genommen.’ Hier steht der GenitivGuðbrands attributiv zusonr im Subjektsonr Guðbrands und bringt zum Ausdruck, dass das SubstantivGuðbrands dem Substantivsonr untergeordnet ist.
§ 145.1 Nominale Verwendung.
In Verbindung mit bestimmten Verben (§ 103.3) steht das direkte Objekt im Genitiv.
▷ Hann gáði eigistundanna. ‘Er achtete nicht auf die Zeit.’
§ 145.2 Adverbiale Verwendung.
1. Nur selten wird der Genitiv gebraucht, um Ort oder Zeit auszudrücken.
▷ Þótti mérfyrra dags ekki mjúkt orð milli ykkar konungs. ‘Es schien mir am Vortag kein freundliches Wort zwischen dir und dem König.’ Feste Ausdrücke dieses Typs sind u.a.sama dags ‘am gleichen Tag’,annars staðar ‘anderswo’,þessa heims ‘in dieser Welt’,minnar handar ‘meinerseits’,hvárratveggju handar ‘beiderseits.’
2. In einigen Fällen kann der Genitiv auch im weitesten Sinn Umstände bezeichnen, wie Art, Weise, Mittel, Ursache.
▷ Hár hans varálits sem gull. ‘Sein Haar war wie Gold anzusehen.’ (Vgl.álit n. ‘Aussehen’.) | Jarl sendi þrǽla sína til Ormsþeira erenda at hafa Guðrúnu, konu Orms, til jarls. ‘Der Jarl schickte seine Knechte zu Orm mit dem Anliegen, Gudrun, Orms Frau, zum Jarl zum bringen.’
§ 145.3 Attributive Verwendung.
In attributiver Verwendung steht die Genitivphrase üblicherweise in Verbindung mit einem anderen Substantiv. Die Genitivphrase hat also die gleiche Funktion wie ein Adjektiv; das zeigt sich auch daran, dass der Genitiv durch ein Adjektiv oder eine Zusammensetzung ersetzt werden kann.
▷ konungs maðr ‘ein Mann des Königs’ ≈konungligr maðr ‘ein königlicher Mann’ ≈konungsmaðr ‘Königsmann’.
1.Genitivus possessivus (Genitiv des Besitzes oder der Zugehörigkeit): sonrGuðbrands ‘der Sohn Guðbrands’, vaðÞórs ‘die Angelschnur Þórs’, skemtuneinherjanna ‘das Vergnügen der Alleinkämpfer’, á dǫgumHaralds konungs hins hárfagra ‘in der Regierungszeit von König Haraldr inn hárfagri’ etc.
2.Genitivus qualitatis (Genitiv der Eigenschaft oder Art): hvatíþrótta ‘welche Art von Kunstfertigkeit’, ørgrynniliðs ‘eine Menge von Leuten’,allra skipa mestr ‘das größte aller Schiffe’, fimm fylkidauðra manna ‘fünf Scharen von Toten’.
3.Genitivus partitivus (Teilungsgenitiv; Genitiv des geteilten Ganzen): inn nezti hlutrtrésins ‘der unterste Teil des Baumes’, einnþeira ‘einer von ihnen’, fjórir hleifarbrauðs ‘vier Laibe Brotes’, mikill fjǫldibúanda ‘eine große Schar Bonden’.
§ 145.4 Subjektiver und Objektiver Genitiv.
1. Besondere Arten des Genitivs sind der sogenannteGenitivus subjectivus undGenitivus objectivus. DerGenitivus subjectivus kann erklärt werden als die Umformung eines zugrundeliegenden Satzes mit Subjekt + Verb. Dieser Satz wird umgeformt zu einer Nominalphrase, in der das Verb zum Kern und das Subjekt zum attributiven Genitiv wird: Skurðgoð falla → fallskurðgoða ‘die Götzenbilder fallen → der Fall der Götzenbilder’.
2. DerGenitivus objectivus kann hingegen verstanden werden als die Umformung eines zugrundeliegenden Satzes mit Verb + Objekt (und unspezifiziertem Subjekt). Auch hier wird der Satz zu einer Nominalphrase umgeformt, mit einem Verb als Kern und einem Objekt als attributivem Genitiv: X stjórnar landinu → stjórnlandsins ‘X regiert das Land → die Regierung des Landes’.
Definitheit
§ 146 Inhalt.
Definitheit ist eine Kategorie, die anzeigt, ob eine betreffende Person oder ein solcher Gegenstand allgemein bekannt sind oder zuvor erwähnt wurden. Die Kategorie zeigt sich morphologisch in der Flexion von Substantiv und Adjektiv.
§ 146.1 Substantiv.
1. Inindefiniter Form hat das Substantiv keinen Artikel, z.B.maðr kom gangandi ‘[ein] Mann kam gegangen’. Diese indefinite Form wird gebraucht, wenn die Bezugsperson weder allgemein bekannt ist noch zuvor erwähnt wurde.
▷ En Sigyn kona hans stendr hjá honum ok heldrmundlaugu undir eitrdropa. ‘Aber Sigyn, seine Frau, steht neben ihm und hält eine Schale unter die Gifttropfen.ʼ Anstelle des Artikels kann auch das Determinativnǫkkurr gebraucht werden.
▷ Nú var Loki tekinn griðalauss ok farit með hanní helli nǫkkurn. ‘Nun wurde Loki schonungslos ergriffen und in eine Höhle geschleppt.’
2. In definiter Form hat das Substantiv den angehängten (suffigierten) Artikel-inn, z.B.maðrinn bar hárklǽði ‘der Mann trug ein härenes Gewand’. Die definite Form wird gebraucht, wenn das Substantiv allgemein bekannt ist oder zuvor erwähnt wurde.
▷ En þá er full ermundlaugin, þá gengr hon ok slǽr úteitrinu. ‘Und wenn die Schale voll ist, geht sie das Gift ausleeren.’
3. Zusätzlich zum definiten Artikel können ein oder mehrere Demonstrative stehen.
▷ Hann tókhinn mesta uxann er Himinhrjóðr hét. ‘Er nahm den größten Ochsen, der Himinhrjóðr hieß.’
§ 146.2 Adjektiv.
1. In derindefiniten Form flektiert das Adjektiv stark, z.B.ungr maðr ‘[ein] junger Mann’ (§ 51). Die indefinite Form wird immer gebraucht, wenn das Adjektiv in prädikativer Stellung steht.
▷ Sé ek at þér [subj.] eruð núfelmsfullir [präd.] ‘Ich sehe, dass ihr nun verschreckt seid.’ Ebenso hat das Adjektiv indefinite Form, wenn es ohne Demonstrativ in attributiver Stellung steht.
▷ Gekk hann út of Miðgarð svá semungr drengr. ‘Er ging hinaus über Miðgarðr wie ein junger Mann.’
2. In der definiten Form flektiert das Adjektiv schwach, z.B.inn ungi maðr ‘der junge Mann’. Es steht dann häufig mit einem Demonstrativ zusammen.
▷ Á engjunum hjá Seineborg samnaðist þásá hinn mikli mannfjǫldi. ‘Auf den Wiesen bei Seineborg versammelte sich dann diese große Menschenmenge.’
Komparation
§ 147 Inhalt.
In der Komparation drückt sich der Grad einer Eigenschaft oder eines Umstandes aus. Das Norröne hat (wie das Deutsche) drei Grade:Positiv,Komparativ undSuperlativ.
§ 147.1 Positiv.
Der Positiv ist der unmarkierte Grad, der keinen Vergleich in sich trägt.
▷ Nú em ekreiðr! ‘Nun bin ich zornig!’
§ 147.2 Komparativ.
1. Der Komparativ bezeichnet einen höheren Grad im Vergleich mehrerer Individuen, Gegenstände oder Verhältnisse.
▷ Fekk hann þarþurrari leið oklengri. ‘Dort fand er einen trockeneren, aber längeren Weg vor.’
2. Werden nur zwei Individuen miteinander verglichen, wird der Komparativ zur Bezeichnung des höchsten Grades gebraucht.
▷ Gísli ok Þorgrímr áttu leik saman, ok verða menn eigi ásáttir hvárrsterkari er. ‘Gísli und Þorgrímr machten Kampfspiele, und die Männer können sich nicht einigen, wer von beiden der stärkere ist.’
§ 147.3 Superlativ.
1. Der Superlativ wird gebraucht zur Bezeichnung entweder des höchsten Grades alsrelativer Superlativ oder eines sehr hohen Grades alsabsoluter Superlativ. Beim relativen Superlativ steht das Adjektiv in der indefiniten Form, d.h. in starker Flexion.
▷ Þjalfi var allra mannafóthvatastr. ‘Þjalfi war von allen Männern der schnellste zu Fuß.’
2. Beim absoluten Superlativ steht das Adjektiv in seiner definiten Form, d.h. es zeigt schwache Flexion.
▷ Sigvatr var innmesti vinr Erlings. ‘Sigvatr war ein sehr guter Freund von Erlingr’.
Tempus
§ 148 Inhalt.
Das Tempus gibt Auskunft, in welchem zeitlichen Verhältnis das Geschehen zum Sprechzeitpunkt steht. Wie im Deutschen (und in den nordischen Sprachen) hat das Norröne nur zwei Tempora mit eigenen Flexionsformen,Präsens (Gegenwart) undPräteritum (Vergangenheit). DasFutur (Zukunft) wird mit Hilfe zusammengesetzter Formen ausgedrückt, in der Regel mitmunu + Infinitiv.
§ 148.1 Präsens.
1. Das Präsens ist im Norrönen das unmarkierte Tempus. Es wird meist für Handlungen in der Gegenwart gebraucht.
▷ Auðséter nú at máttr þinner ekki svá mikill sem vér hugðum. ‘Es ist nun leicht erkennbar, dass deine Macht nicht so groß ist, wie wir dachten.’
2. Das Präsens kann auch in generischen Aussagen gebraucht werden, d.h. in Bezug auf immer geltende Sachverhalte (atemporal).
▷ Maðrer manns gaman. ‘Der Mensch ist des Menschen Freude.’
3. In gewissen Fällen kann das Präsens auch für die Zukunft gebraucht werden.
▷ En er þessi tíðindiverða, þástendr upp Heimdallr okblǽss ákafliga í Gjallarhorn. ‘Und wenn diese Dinge geschehen, wird Heimdallr sich erheben und kräftig in das Gjallarhorn blasen.’
4. Schließlich kann das Präsens noch für die Vergangenheit gebraucht werden; hier handelt es sich um dashistorische Präsens. In der norrönen Prosa gibt es häufig einen Wechsel von Präsens und Präteritum.
▷ Þat er upphaf þessa máls at Ǫkuþórrfór [prät.] með hafra sína ok reið ok með honum sá áss er Loki er kallaðr.Koma [präs.] þeir at kveldi til eins búanda okfá [präs.] þar náttstað. En um kveldittók [prät.] Þórr hafra sína okskar [prät.] báða. ‘Das ist der Anfang dieser Erzählung, dass Ǫkuþórr mit seinen Böcken aufbrach [prät.], und mit ihm ritt auch der Ase, welcher Loki genannt wird. Sie kommen [präs.] gegen Abend zu einem Bonden und bekommen [präs.] dort Nachtquartier. Und am Abend nahm [prät.] Þórr seine Böcke und schlachtete [prät.] sie beide.’
§ 148.2 Präteritum.
1. Das Präteritum drückt aus, dass die Handlung zeitlich vor dem Sprechzeitpunkt liegt.
▷ Þáfell konungr niðr oklá lengi í úviti, okbar svá mikinn harm at varlaloddi lífit í honum. ‘Da fiel der König um und lag lange ohnmächtig da und hatte so großen Kummer, dass kaum noch Leben in ihm war.’
2. Im Konjunktiv ist der Gegensatz der Tempora weitgehend aufgehoben. In Hauptsätzen drückt der Konjunktiv Präsens in erster Linie einenoptativen, der Konjunktiv Präteritum einenpotenziellen Inhalt aus. Vgl.§ 152.
§ 148.3 Zukunft.
Das Norröne kennt kein Futur als eigenes Tempus, sondern drückt die Zukunft mit Hilfe vonmunu + Infinitiv aus. Das Hilfsverbmunu ist so abgeschwächten Inhalts, dass man es als rein temporales Hilfsverb sehen kann. Bei der Übersetzung ins Deutsche muss man in solche Konstruktionen jeweils einen spezifischeren modalen Inhalt hineinlegen, z.B. durchwollen odersollen, wobei manchmal auch einfachwerden reicht.
▷ Þórr segir at þeirmunu þásofa ganga. ‘Þórr sagt, sie würden nun schlafen gehen.’ | En númun reyna er þeir renna it þriðja skeiðit. ‘Aber nun wird es sich zeigen, wenn sie das dritte Rennen laufen.’
Modus
§ 149 Inhalt.
Der Modus bringt zum Ausdruck, wie sich der Sprecher zur Aussage des Satzes stellt. Das Norröne kennt drei Modi:Indikativ,Konjunktiv undImperativ.
§ 150 Indikativ.
Der Indikativ ist der unmarkierte Modus und drückt dieFaktizität aus, d.h. der Sprecher verbürgt sich für die Richtigkeit der Aussage.
▷ Þatvar Miðgarðsormr erliggr um lǫnd ǫll. ‘Es war die Midgardschlange, die alle Länder umschlingt.’ Der Indikativ ist der weitaus am häufigsten gebrauchte Modus.
§ 151 Konjunktiv.
1. Auf semantischer Grundlage lässt sich der Konjunktiv in zwei Haupttypen gliedern, denOptativ und denPotentialis. Der optative Konjunktiv bezeigt Interesse des Sprechers an der Realisierung der Aussage. Der Inhalt bewegt sich längs einer Achse vom TypWunsch, Bitte, Aufforderung, Einladung, Forderung.
▷ Friðrsé þér með ǫllum bǫrnum þínum. ‘Friede sei mit dir und all deinen Kindern.’
2. Der Potentialis bringt die Haltung des Sprechers zur Richtigkeit einer Aussage zum Ausdruck. Der Inhalt des Potentialis kann entlang einer Achse vom Typdenkbar, möglich, wahrscheinlich charakterisiert werden.
▷ Sagði at þá var mið nátt ok ennvǽri mál at sofa. ‘[Er] sagte, es wäre Mitternacht und noch Zeit zum Schlafen.’
3. Beiden Konjunktivarten gemein ist die Nicht-Faktizität. Das, was man wünscht, steht nicht zur Verfügung, und das, woran man zweifelt, ist keine gesicherte Tatsache. Der Konjunktiv beinhaltet somit eine allgemeineReserviertheit gegenüber der Richtigkeit der Satzaussage.
4. Der Unterschied zwischen dem Optativ und dem Potentialis zeigt sich am deutlichsten in Hauptsätzen. In Nebensätzen wird der Konjunktiv oft vom Prädikat des Matrixsatzes regiert. Die Aussage ist dann meist potenziell.
§ 152 Der Konjunktiv im Hauptsatz.
1. Im Präsens drückt der Konjunktiv in der Regel einen optativen Inhalt aus.
▷ Beri þeir sigr af ǫðrum í dag, er sá guð vill. ‘Mögen die heute den Sieg über die anderen davontragen, die dieser Gott bestimmt.’ Wünsche und Forderungen haben einen natürlichen Zukunftsgehalt, und dazu passt das Präsens besser als das Präteritum. In gewissen Fällen steht der Optativ inhaltlich dem Imperativ nahe, und in der 2. Person Plural haben die beiden Modi sogar die gleichen Formen.
2. Im Präteritum hat der Konjunktiv hingegen oftmals einenpotenziellen Inhalt. Der Potentialis verbindet sich häufig mit Verben wiemega,skulu,þykkja,vilja undvera.
▷ Mǽttir þú muna hversu þú vart beiddr til fararinnar. ‘Du wirst dich wohl daran erinnern, wie du zur Fahrt gebeten wurdest.’
§ 153 Der Konjunktiv in Nebensätzen.
Der Konjunktiv steht häufiger in Nebensätzen als in Hauptsätzen. Das hängt damit zusammen, dass Nebensätze oft Einschränkungen, Bedingungen, Folgen oder andere typisch modale Inhaltskategorien haben.
§ 153.1 Nominale at-Sätze.
1. Der Konjunktiv wird oft gebraucht, wenn das Verb des Matrixatzes einen Willen, Glauben, Zweifel oder eine Meinung u.ä. ausdrückt.
▷ Þá hugði hon at hannlǽgi í úviti. ‘Da dachte sie, dass er bewusstlos daläge.’
2. Der Konjunktiv wird auch gebraucht, wenn der Satz indirekte Rede enthält.
▷ Hon sagði mér at þúvǽrir bestr lǽknir hér í staðinum. ‘Sie sagte mir, du seist der beste Arzt hier in der Stadt.’
§ 153.2 Fragesätze.
Hier steht der Konjunktiv vor allem dann, wenn das Verb im Matrixsatz eine Frage, Einschätzung oder einen Zweifel u.ä. ausdrückt.
▷ Þá spyrr konungr son Guðbrands, hvernug goð þeiravǽri gǫrt. ‘Da fragt der König den Sohn Guðbrands, wie ihr Gott beschaffen sei.’ | Þeir spurðu þann mann at nafni eða hvat hannkynni nýtt at segja. ‘Sie fragten den Mann nach seinem Namen und was er Neues zu erzählen wisse.’
§ 153.3 Relativsätze.
Der Konjunktiv steht in der Regel in restriktiven Relativsätzen, wenn das Korrelat generische Bedeutung hat, d.h. wenn die Relativpartikel er im Sinne von ʻder so beschaffen wäreʼ gebraucht wird.
▷ Engi er sá maðr í húsi þínu erþori nefna þik. ‘Es gibt keinen Mann in deinem Haus, der es wagen würde, dich zu nennen.’ In diesen Sätzen hat das Prädikat im Hauptsatz einen negierenden, fragenden oder auffordernden Inhalt. Als Ausnahme findet man auch den Konjunktiv in nicht-restriktiven Relativsätzen, und zwar ohne dass das Korrelat eine generische Bedeutung hätte.
▷ Guðbrandr átti son einn, þann er hérsé getit. ‘Guðbrandr hatte einen Sohn, von dem hier erzählt werden soll.’ (Die Verbformsé ist Konjunktiv vonvera; vgl.Abb. 8.6)
§ 153.4 Adverbiale Bedingungssätze.
Adverbiale Bedingungssätze werden eingeleitet mit den Subjunktionenef ‘wenn’ odernema ‘es sei denn, dass; außer (wenn)’. Bedingungssätze im Präsens stehen oft im Indikativ (erstes Beispiel unten), während sie im Präteritum üblicherweise den Konjunktiv haben (zweites Beispiel).
▷ En ef ekfylgi þér í brott, þá mun faðir minn jafnan lifa með harm ok hugsótt. ‘Aber wenn ich dir in die Ferne folge, dann wird mein Vater für immer in Sorge und Kummer leben.’ Die Konjunktivform wäre hierfylgja gewesen. | Konungr myndi eigi gipta hana honum nema hanngǽti borit hana í faðmi sínum upp á fjallit. ‘Der König wollte sie nicht an ihn verheiraten, wenn er sie nicht in seinen Armen den Berg hinauf tragen könnte.’
§ 153.5 Adverbiale Vergleichssätze.
Vergleichssätze beinhalten ein Moment der Irrealität, da die beiden Glieder des Vergleichs nicht ganz identisch sind. Diese Sätze werden üblicherweise mit der Subjunktionsem eingeleitet.
▷ Hann var svá kyrr sem hannvǽri grafinn niðr. ‘Er war so still, als wäre er begraben.’
§ 153.6 Adverbiale Konzessivsätze.
In Sätzen, die mit der Subjunktion þó at (þótt) ‘ob, obwohl, auch wenn’ eingeleitet sind, steht immer der Konjunktiv.
▷ Einarr hyggr at Hrafnkell mundi eigi vita þótt hann riði hestinum. ‘Ein-ar denkt, dass Hrafnkell es nicht erfahren würde, wenn er das Pferd ritte.’
§ 153.7 Adverbiale Konsekutivsätze.
Konsekutiv- oder Folgesätze enthalten ein Element des Ungewissen, das sich in der Konjunktivform niederschlägt. Üblicherweise steht die Subjunktionsvá at.
▷ Engan knút fekk hann leyst ok engan álarendann hreyft svá at þávǽri lausari en áðr. ‘Keinen Knoten konnte er auflösen und kein Riemenende so lockern, dass es dann loser als vorher gewesen wäre.’
§ 153.8 Adverbiale Finalsätze.
Wenn der Nebensatz eine Absicht oder einen Zweck ausdrückt, kann der Konjunktiv gebraucht werden, um eine Situation als wünschenswert zu kennzeichnen
▷ Ek senda Rufonem bróður minn til þess at hannfylgi þik. ‘Ich schickte Rufus, meinen Bruder, damit er dir folgen sollte.’
§ 154 Imperativ.
Den Imperativ gibt es nur in der 1. Person Plural und in der 2. Person Singular und Plural. Inhaltlich erstreckt sich der Imperativ von der Bitte bis zum Befehl.
▷ Haf þú þat sem ek hefi haft áðr. ‘Nimm du das, was ich vorher gehabt habe.’ |Gangið þér þannig í nátt sem skip bónda eru, okborið raufar á ǫllum. ‘Geht heute Nacht dorthin, wo die Schiffe der Bonden sind, und bohrt in alle Löcher.’
§ 154.1 1. Person Plural.
In der sanfteren Version kommt der Imperativ dem Konjunktiv inhaltlich nahe. Das gilt immer für die 1. Person Plural.
▷ Stǫndum upp okgǫngum vestr yfir ána til móts við þessa menn! ‘Stehen wir auf und gehen wir westwärts über den Fluss, um diese Männer zu treffen!’ In der 1. Person Plural sind die Formen des Imperativs und des Indikativs Präsens zusammengefallen, abgesehen von dem Verbvera (vgl. das Paradigma inAbb. 8.6).
§ 154.2 2. Person Singular.
In der 2. Person klingt der Imperativ fast immer strenger. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in Imperativsätzen ein Subjekt steht, oft in enklitischer Form.
▷ Gakk þú til Óláfs konungs. ‘Geh zu König Óláfr.’ | Þáláttu (d.h.lát þú) hann nú svá gera, at veðr sé skýjat í morgin. ‘Dann lass es ihn so machen, dass das Wetter morgen bewölkt ist.’
§ 154.3 2. Person Plural.
In der 2. Person Plural sind die Formen des Imperativs und des Präsens (Indikativ und Konjunktiv) zusammengefallen, außer bei den Verbenvera,vita undeiga, aber durch den Kontext ist das kaum schwer auseinanderzuhalten (vgl. die Paradigmen in Abb.8.5‒8.8).
▷ Ríðið [Subjekt fehlt] í brott eykjum þeira af bǿjum! ‘Reitet ihre Pferde weg von den Höfen!’
Aktionsart
§ 155 Perfekt.
Das Perfekt drückt aus, dass eine Handlung vor dem Sprechzeitpunkt geschehen ist oder abgeschlossen wurde. Das Perfekt wird mit den Hilfsverbenhafa odervera + Partizip Perfekt gebildet.
§ 155.1 Perfekt mit Hilfsverben im Präsens und Präteritum.
1. Steht das Hilfsverb im Präsens, fällt die Abgrenzung mit dem Augenblick der Äußerung zusammen.
▷ Eða hvárthefir Þórr ekki þessahefnt? ‘Hat Þórr das nicht gerächt?’
2. Beim Präteritum des Hilfsverbs gilt die Abgrenzung einem Punkt in der Vergangenheit.
▷ Sýndisk nú ǫllum sem Loki hefði látit leikinn. ‘Es schien nun allen, als hätte Loki das Spiel verloren.’
§ 155.2 Perfekt mit den Hilfsverbenhafa undvera.
1. Bei intransitiven Bewegungsverben wiekoma ‘kommen’ undganga ‘gehen’ wird das Perfekt meist mithafa + Partizip Perfekt gebildet.
▷ Veiztu nǫkkut til fara Gísla, eða hvárthefir hann hér nǫkkutkomit? ‘Weißt du etwas über den Aufenthaltsort Gíslis oder ist er vielleicht hierher gekommen?’
2. Das Perfekt kann auch mitvera + Partizip Perfekt gebildet werden. In diesem Fall ist das Partizip mit dem Subjekt kongruent.
▷ Þáer Bǫrkrkominn í skotfǿri, er þaueru komin at landi. ‘Da ist Bǫrkr in Schussweite gekommen, als sie an Land gekommen sind.’
3. Beimvera-Perfekt wird normalerweise das Resultat der Handlung betont, d.h. derZustand, während dashafa-Perfekt dieHandlung selbst hervorhebt. Vor diesem Hintergrund unterscheidet man zwischen Handlungs- und Zustandsperfekt. Siehe auch die beiden Typen desvera-Passivs unter§ 160.1.
§ 156 Supinum.
1. Nachhafa steht das Partizip Perfekt in den meisten Fällen unflektiert und bildet einen Teil des Prädikats. Diese Partizipialform, oftSupinum genannt, entspricht dem Nominativ und Akkusativ Singular Neutrum (vgl.§ 75.1).
▷ Hannhefir haft kveisu í fǿtinum síðan hann kom á þingit. ‘Er hat eine große Geschwulst am Fuß, seit er auf das Thing kam.’
2. Man kann immer noch der älteren Fügunghafa + Objekt + Objektsprädikativ begegnen anstelle vonhafa + Supinum + Objekt.
▷ Ekhefi marga réttláta menntǽlda. ‘Ich habe viele rechtschaffene Menschen betrogen.ʼ Hier steht das Verbtǽla ‘verraten, betrügen’ nicht als Supinum,tǽlt, sondern als Prädikativ zum Objektmenn und folglich im Akkusativ Plural,tǽlda.
Diathese
§ 157 Inhalt.
Die Diathese bringt zum Ausdruck, welche Rolle das Prädikat dem Subjekt im Satz zuteilt. Im Norrönen unterscheiden wir drei Formen der Diathese,Aktiv,Mediopassiv undPassiv. Aktiv und Mediopassiv werden mit eigenen Flexionsformen gebildet, während das Passiv fast immer durch mehrteilige Verbformen ausgedrückt wird.
§ 158 Aktiv.
Die Aktivform des Verbs beinhaltet, dass das Subjekt der Handelnde ist (Agens), ein Objekt hingegen der- oder dasjenige, gegen welchen oder welches sich die Handlung richtet (Patiens).
▷ Hannlagði gullhring á bálit. ‘Er legte einen Goldring auf den Scheiterhaufen.’
§ 159 Mediopassiv.
Die mediopassive Form des Verbs beinhaltet, dass das Subjekt der Handelnde sowie der- oder dasjenige ist, gegen den bzw. das sich die Handlung richtet. Das Mediopassiv wird mit reflexiven Formen gebildet, die aus den aktiven Formen +mik odersik entstanden sind.
▷ Hannlagðisk í rekkju. ‘Er legte sich zu Bett.’ (Vgl.§ 96.) Das Norröne hat vier unterschiedliche Gebrauchsmöglichkeiten des Mediopassivs: reflexiv, reziprok, ingressiv und passivisch. Für jedes Verb gilt normalerweise nur eine der Anwendungsweisen; z.B. istleggjask ‘sich legen’ reflexiv,mǿtask ‘sich treffen, einander treffen’ reziprok undgerask ‘getan werden, geschehen’ ingressiv.
§ 159.1 Reflexiv.
Ist das Mediopassiv reflexiv gebraucht, richtet sich die Handlung an das Subjekt.
▷ En þá er konungr stóð upp, þáherklǽddisk hann. ‘Und als der König aufstand, legte er die Kampfkleider an.’
§ 159.2 Reziprok.
Eine reziproke Verwendung beinhaltet, dass die Personen (oder Gegenstände), auf die das Subjekt verweist, einander gegenseitig beeinflussen. Das Subjekt steht im Plural.
▷ Okskildusk þeir vinir, sem fyrr váru úvinir. ‘Und die trennten sich als Freunde, die vorher Feinde waren.’
§ 159.3 Ingressiv.
Ingressiver Gebrauch bedeutet, dass das Subjekt in einen neuen Zustand übergeht. Bei der Übersetzung ins Deutsche wird dies sehr häufig durch die zusätzliche Verwendung des Worteswerden deutlich, z.B.gerask ‘getan werden, geschehen’,mǿðask ‘müde werden, ermüden’.
▷ Sem mǽrin kenndi at hannmǿddisk, þá mǽlti hon: “Unnasti,” kvað hon, “drekk drykk þinn, því at ek kenni at þúmǿðisk.” ‘Als das Mädchen merkte, dass er müde wurde, sagte sie: „Liebster“, sprach sie, „trink deinen Trank, denn ich fühle, dass du müde wirst.“’
§ 159.4 Passivisch.
Die passivische Verwendung beinhaltet, dass das Subjekt einem genannten oder ungenannten Einfluss von außen ausgesetzt wird.
▷ Á hans dǫgumbyggðisk Ísland. ‘In seiner Zeit wurde Island besiedelt.’ | Jésús kristrfǿddisk af heilagri mey Maríu. ‘Jesus Christus wurde von der heiligen Jungfrau Maria geboren.’ Manchmal ist die Grenze zwischen ingressivem und passivischem Gebrauch schwer zu ziehen. In dem ersten Beispiel oben hat das Verb eine ingressive Konnotation. Das zweite Beispiel mit einem genanntenAgens ist geprägt von einer lateinischen Vorlage.
§ 160 Passiv.
Das Passiv beinhaltet, dass das Subjekt die Rolle des Patiens einnimmt, während dasAgens üblicherweise nicht genannt ist. Wir gehen davon aus, dass Passivsätze von den zugrundeliegenden Aktivsätzen abgeleitet werden können, z.B.Heilǫg mǽr María fǿddi Jésúm krist →Jésús kristr fǿddisk af heilagri mey Maríu. ʻDie heilige Jungfrau Maria gebar Jesus Christus → Jesus Christus wurde von der heiligen Jungfrau Maria geboren.ʼ
§ 160.1 Das vera-Passiv.
Im Norrönen wird das Passiv hauptsächlich mitvera + Partizip Perfekt gebildet.
▷ Hanner lagðr á bálit. ‘Er wird auf den Scheiterhaufen gelegt.’ Diese Konstruktion kann zwei Bedeutungen haben, eine statische und eine dynamische. Statisch drückt die Konstruktion einen Zustand aus, ‘er liegt auf dem Scheiterhaufen’; dynamisch vertritt die Konstruktion eine Handlung, ‘er wird auf den Scheiterhaufen gelegt’. Diese zweite Bedeutung repräsentiert das Passiv.
§ 160.2 Das verða-Passiv.
Bisweilen wird das Passiv auch mitverða + Partizip Perfekt gebildet. Diese Konstruktionen sind ausschließlich dynamisch zu deuten.
▷ Hversu megu synir hans, þeir ergetnir verða í útlegð, njóta þeira gjafa? ‘Wie können seine Söhne, die in der Verbannung gezeugt werden, diese Gaben genießen?’
§ 160.3 Reflexive Form.
In einzelnen Fällen kann das Passiv auch mit Reflexivformen gebildet werden (vgl.§ 159.4 oben).
▷ Hérdǿmask opt góðir af illum. ‘Hier werden oft Gute [Menschen] von Schlechten verurteilt.’
Glossar der grammatischen Termini
Die Liste verwendet das Zeichen ▸ als Verweis auf ein anderes Stichwort.
- Ablativ
- ursprünglich ein Kasus der indogermanischen Grundsprache (immer noch im Lateinischen), der die Richtung einer Bewegung weg von einem Ort ausdrückt; ist im Norrönen in den ▸Dativ übergegangen, z.B.frá landi ‘aus dem Land’
- Ablaut
- systematischer Wechsel von zwei, drei oder vier Vokalen, vor allem bei der Flexion der starken Verben, aber auch bei der Wortbildung gebraucht; geht auf das Indogermanische zurück; der Wechsel im Ablaut ist nach Reihen geordnet; er ist noch heute für die Flexion der starken Verben der modernen germanischen Sprachen charakteristisch
- Ableitung, auch Derivation
- Bildung von neuen Wörtern, z.B.vinr –vinligr –úvinr ‘Freund – freundlich – Feind’; im Unterschied zu ▸Zusammensetzungen, die neue Wörter durch das Zusammenfügen zweier oder mehrerer Stämme bilden,vin +gjǫf =vingjǫf ‘Freundesgabe’
- Ableitungsaffix
- Wortelement, das entweder vor der Wurzel steht, z.B.ú- inúvinr ‘Feind’, oder danach, z.B. -lig- invinligr ‘freundlich’; in beiden Fällen ist das Affix an der Bildung eines neuen Wortes beteiligt
- absolute Stellung
- Präpositionen ohne folgende Ergänzung stehen absolut; vgl. dt. ‘Kommst du mit [miroder uns]?ʼ
- Adjektiv(Wortklasse)
- Wort, das eine Eigenschaft ausdrückt, z.B.gamall ininn gamli maðr ‘der alte Mann’
- Adjektivphrase
- ▸Phrase
- Adjunkt
- ▸Angabe
- Adverb(Wortklasse)
- Wort, das einen Umstand bezeichnet wie Zeit, Ort oder Art und Weise, z.B.skjótt inganga skjótt ‘schnell gehen’, oder andere Glieder modifiziert, z.B.mjǫk inmjǫk þyrstr ‘sehr durstig’
- Adverbiale
- Satzglied, das üblicherweise lokale, temporale, modale oder kausale (im weiteren bezeichnet und ein anderes Glied im Satz modifiziert, oft das Verb; kann z.B. Adverb, Präpositionalphrase und Nebensatz sein
- adverbiale Nebensätze
- Sätze, die als Glied in einen anderen Satz eingehen und dort als Adverbiale fungieren, z.B. Sätze, die mit Subjunktionen wieef,þó at,svá at eingeleitet sind
- adverbiale Verwendung
- von Satzgliedern, die als Adverbiale fungieren, etwa wenn der Dativ zur Bezeichnung der Art und Weise oder des Mittels gebraucht wird,þeir fóru fjórum skipum ‘sie fuhren mit vier Schiffen’
- Affix
- Sammelbezeichnung für Wortelemente, die im Wort vor der Wurzel (▸Präfix) oder nach der Wurzel (▸Suffix) stehen
- Agens
- der Handlungsausführende, in der Regel das belebte ▸Subjekt im Satz; Gegensatz zu ▸Patiens
- Akkusativ
- Kasus, der üblicherweise für das direkte Objekt im Satz gebraucht wird (▸nominale Verwendung); kann auch Zeit und durchreiste Gebiete bezeichnen (▸adverbiale Verwendung)
- Akkusativ mit Infinitiv (AcI)
- satzähnliche Konstruktion, in der das subjektähnliche Glied im Akkusativ steht und das Verb im Infinitiv, z.B.hann sá hestinn (Akkusativ)standa (Infinitiv)þar ‘er sah das Pferd dort stehen’
- Aktionsart
- Verbkategorie, die ausdrückt, wie die Handlung zeitlich verläuft, z.B. ob sie abgeschlossen ist (Perfekt) oder nicht
- Aktiv
- eine Form der ▸Diathese, die beinhaltet, dass die Handlung normalerweise vom Subjekt ausgeht, z.B.hann sló hestinn ‘er schlug das Pferd’, und sich nicht auf das Subjekt richtet, z.B.hestrinn varð sleginn ‘das Pferd wurde geschlagen’, ▸Passiv
- Akzent
- 1. Zeichen, das in der normalisierten Orthografie des Norrönen die Länge eines Vokals markiert, z.B.á f. ʻFlussʼ
2. Intonationsmuster in Wörtern und Sätzen, im älteren Indogermanisch durch Wechsel in der Tonhöhe (musikalischer Akzent) ausgedrückt, im Germanischen allmählich durch expiratorischen Druck; siehe auch ▸Betonung - Akzentverschiebung
- Verschiebung des Akzents von einer Silbe auf eine andere, wie beim Übergang *séa →sjá, wo der Hauptton ursprünglich aufe lag; als dieser sich im Wort nach hinten verschob, ginge in den Halbvokalj über, wobei der nachfolgende Vokal Hauptton und Länge erhielt,a →á
- Allativ
- Ausdruck für eine Bewegung zu einem Ort hin, eigener ▸Kasus in einzelnen Sprachen, u.a. dem Finnischen; dem ▸Ablativ entgegengesetzt, z.B.undir aðra eik inþeir ganga undir aðra eik ‘sie gehen unter eine andere Eiche’
- Alveolar
- Laut, der mit der Zungenspitze gegen den Wulst hinter den oberen Schneidezähnen gebildet wird (lat.alveoli);t undd sind oft Alveolare, können aber auch ▸Dentale sein
- Altnordisch
- die gemeinsame nordische Sprache der Wikingerzeit und des Mittelalters, umfasst Altdänisch, Altschwedisch, Altnorwegisch und Altisländisch; der westliche Zweig des Altnordischen, das sog. Altwestnordisch, umfasst Norwegisch und Isländisch und wird im Skandinavischen oft Norrön genannt, im EnglischenOld Norse (oderOld Norse-Icelandic); diese Grammatik folgt der skandinavischen Praxis und verwendet den Terminus ▸norrön für Altnorwegisch und Altisländisch, da Altisländisch allein zu einschränkend, Altnordisch zu umfassend und Altwestnordisch zu pedantisch ist
- Anfangsrand
- der Teil der Silbe, der vor dem Silbenkern steht, z.B.spr inspringa st.vb. ‘springen’, ▸Silbe
- Angabe
- Satzglied, das lokale, temporale, modale oder kausale (im weiteren Sinne) Umstände bezeichnet; gehört nicht zur Verbvalenz; auchAdjunkt genannt; in dieser Grammatik als ▸Adverbiale bezeichnet; siehe auch ▸Ergänzung
- Anlaut
- erster Laut im Wort, z.B.g ingata
- Apokope
- Schwund eines Vokals am Wortende, z.B. der Übergang von urnordisch *barnu zu norrönbǫrn n.pl. ‘Kinder’
- Approximant
- Laut zwischen Frikativ und Vokal, der mit so geringer Enge gebildet wird, dass es keine hörbare Reibung gibt; umfasst ▸Vokale und ▸Sonoranten
- Argument
- ▸Ergänzung
- Artikulationsart
- Art und Weise, wie ein Laut gebildet wird, z.B. mit vollem Verschluss (▸Plosiv), deutlicher Enge (▸Frikativ), geringer und sehr geringer Enge (▸Approximant), etc.
- Artikulationsort
- der Teil in der Mundhöhle, an dem ein Laut durch Enge gebildet wird, oft mit Hilfe der Zunge, aber auch der Lippen und anderer Teile der Mundhöhle
- Assimilation
- Einfluss eines Lauts auf einen anderen, sodass dieser dem ersten ähnlicher oder mit ihm identisch wird, entwederprogressiv, d.h. ein Laut beeinflusst einen nachfolgenden Laut (hreinr →hreinn) oderregressiv, d.h. ein Laut beeinflusst einen vorausgehenden Laut (góðt →gótt); eine wichtige Form der Assimilation ist der ▸Umlaut
- asyllabisch
- keinen Silbenkern bildend, z.B. der Halbvokalj inmjǫk, wo der Vokalǫ den Kern bildet
- attributive Verwendung
- Unterordnung eines Gliedes, bei der das untergeordnete Glied das übergeordnete modifiziert, z.B. das Verhältnis zwischen einem ▸Adjektiv und einem ▸Substantiv,ungir menn ‘junge Männer’, oder zwischen ▸Genitiv und einem anderen ▸Kasus, z.B.konungs maðr ‘ein Mann des Königs’
- a-Umlaut
- ▸Umlaut
- Auslaut
- Laut am Ende eines Wortes, z.B.t inbraut; siehe auch ▸Stammausgang
- Auslautverhärtung
- Übergang des stimmhaften Konsonanten im Auslaut in einen stimmlosen, z.B. *gald →galt vongjalda st.vb. ‘gelten’, auchDesonorisierung genannt
- Benefaktiv
- Ausdruck zur Bezeichnung des Nutznießers einer Handlung (oder des Benachteiligten,malefaktiv), ein eigener ▸Kasus in manchen Sprachen; im Norrönen wie im Deutschen allgemein mit dem ▸Dativ verbunden
- Betonung
- Fokussierung auf Teile eines Wortes in artikulatorischer Stärke; im Norrönen fiel die Betonung normalerweise auf die erste Silbe eines Wortes,Hauptton; bei Ableitungen und Zusammensetzungen kommt auchNebenton vor, z.B. -heill injafnheill; siehe auch ▸Akzent
- Bilabial
- Laut, der durch Enge von Ober- und Unterlippe gebildet wird, z.B.b inBall undw in engl.water
- Bindevokal, auch Themavokal
- Vokal, der zwischen Stamm und Endung eingeschoben wird, z.B.a im Präteritum der kasta-Klasse,kast-a-ði
- Brechung
- Übergang des kurzen, haupttonigene in der Wurzelsilbe zuja, z.B. *bergan >bjarga; steht in der Folgesilbe einu, entsteht normaler ▸u-Umlaut, *bjargum >bjǫrgum)
- Dativ
- Kasus, der üblicherweise für das indirekte Objekt gebraucht wird (▸nominale Verwendung), aber auch für Instrument, Maß u.a. (▸adverbiale Verwendung), sowie um ein anderes Glied zu modifizieren (▸attributive Verwendung)
- Dativus sympatheticus
- Dativ zur Bezeichnung von Körperteilen, wobei der Dativ die „Besitzverhältnisse“ ausdrückt , z.B.hǫnd mér ‘meine Hand’ (eig. ‘Hand in Bezug auf mich’), auch als ▸Possessiver Dativ bezeichnet
- defektive Flexion
- Flexionsart, zu der Wörter gehören, denen eine oder mehrere Formen fehlen, z.B. Adjektive ohne Positiv oder Verben ohne Infinitiv
- Definitheit
- Flexionskategorie, die zeigt, ob sich ein Wort in der Sprechsituation auf etwas bereits Bekanntes oder zuvor Erwähntes bezieht (definite Form) oder auf etwas noch Unbekanntes (indefinite Form)
- Demonstrativ
- ▸Determinativ
- Dental
- Laut, der mit gegen die Zähne gepresster Zungenspitze gebildet wird
- Dentalsuffix
- ▸Suffix, das bei schwachen Verben vor der Numerus- oder Personalendung steht,ð,d odert, je nach vorausgehendem Laut, z.B.kastaði,taldi,keypti
- Determinativ, auch Determinierer
- Wortklasse zur Bestimmung eines Nomens; kann einPossessiv (Besitz) sein, z.B.þinn inþinn hestr, einQuantor (Menge oder Umfang), z.B.allir inallir menn, oder einDemonstrativ (Hinweis), z.B.hinn inhinn maðr
- Diachronie
- Sicht auf Sprache (oder ein anderes Phänomen) in historischer Perspektive mit Schwerpunkt auf der Erklärung der Sprachformen in ihrer Entwicklung; Gegensatz zu ▸Synchronie
- Diathese
- Verbkategorie, die die Rolle des Subjekt näher bestimmt, z.B. den Handelnden, ▸Aktiv, und den, der eine Handlung ausführt und diese an sich selbst richtet, ▸Mediopassiv, sowie den, gegen den die Handlung gerichtet ist, ▸Passiv
- Digraf
- zwei Zeichen für einen Laut, z.B.th für [θ] in engl.thing
- Diphthong
- Doppelvokal, d.h. eine Sequenz aus einem Gleitlaut und einem vollen Vokal; entweder ein schließender Diphthong aus einem Vokal + einem Gleitlaut,ei,ey,au, oder ein öffnender Diphthong aus einem Gleitlaut + einem Vokal,ja,jǫ,jó,jú; manche sehen den letzten Typ als eine Sequenz von Konsonant + Vokal und nicht als Diphthong; siehe auch ▸Monophthong
- diskontinuierliche Phrase
- Phrase, zwischen deren Glieder ein oder mehrere andere Glieder treten, z.B.mikill maðr ok sterkr ‘ein großer Mann und ein starker’, womikill ... ok sterkr die diskontinuierliche Phrase bildet
- Distribution
- Verteilung, besonders gebraucht bei Lauten in unterschiedlicher Stellung (f ist stimmlos im Anlaut, ansonsten stimmhaft)
- dreiwertig
- Rahmen eines Verbs, das drei nominale Glieder hat, z.B. ein Subjekt und zwei Objekte
- Dual
- Zweizahl, z.B.vit ‘wir beide’, kommt in der 1. und 2. Person des Personalpronomens vor, ▸Numerus
- eingebettete Phrase
- ▸Kern
- Einzahl
- ▸Numerus
- einwertig
- Rahmen für Verben mit nur einem nominalen Glied, oft Subjekt, manchmal Objekt
- Endrand
- der Teil der Silbe, der nach dem Kern steht, z.B.rð inferð f. ‘Fahrt’, ▸Silbe
- Endungsvokal
- Vokal der Flexionsendung; da der Hauptton normalerweise auf der Wurzelsilbe lag, sind Endungsvokale schwachtonig
- Enklise
- Anhängen eines freistehenden Gliedes, z.B. Verb + Personalpronomen,em ek >emk ‘ich bin’
- Epenthese
- Einschub eines Lautes, in der Regel zur Erleichterung der Aussprache; vgl. dt.hoffen +lich >hoffentlich; der sog. ▸Svarabhaktivokal im Isländischen und Norwegischen ist ein Beispiel für Epenthese
- Ergänzung
- Satzglied, das zum Valenzrahmen eines Verbs gehört und Bestandteil eines Satzes ist, auchArgument genannt, z.B. das Subjekt und direkte Objekt des Verbsbrjóta im Satzhann braut hringinn ʻer zerbrach den Ringʼ, z.B. das PrädikativHaraldr insá konungr hét Haraldr ‘dieser König hieß Harald’; auch Adjektive und Präpositionen können Ergänzungen haben, wiemér inhann er mér kǽrr ʻer ist mir liebʼ (regiert vom Adjektivkǽrr) oderhonum in kona hans stendr hjá honum ʻseine Frau steht neben ihmʼ (regiert von der Präpositionhjá); in dieser Grammatik werden Ergänzungen als ▸Nominale bezeichnet; siehe auch ▸Angabe
- finites Verb
- Verb, das im Norrönen imPräsens,Präteritum oderImperativ steht, mit Flexionsendungen für ▸Person und ▸Numerus; Gegensatz zu ▸infinites Verb
- Flexion
- Änderung einer Wortform durch Anhängen einer Endung und/oder Wechsel des Wurzelvokals, um grammatische Kategorien auszudrücken wie ▸Kasus und ▸Numerus bei der Substantivflexion oder ▸Tempus und ▸Modusdus bei der Verbflexion; vgl. auch ▸Wortbildung
- Flexionsendung
- ▸Suffix, das zur Bezeichnung einer oder mehrerer Kategorien an den ▸Stamm des Wortes gehängt wird
- Frikativ
- Laut, der mit deutlicher Enge und Reibung gebildet wird, z.B.f,þ,ð,s, jedoch nicht mit vollständigem Verschluss, ▸Plosiv
- Frontierung, auch Palatalisierung
- das Nach-vorn-Schieben eines Lautes, z.B. wennu (ein hinterer hoher Vokal) durch i-Umlaut iny übergeht (einen vorderen hohen Vokal)
- Geminate
- langer Konsonant, im Norrönen durch Doppelschreibung ausgedrückt (vgl. lat.gemini ‘Zwillinge’)
- Geminierung
- Dehnung eines Konsonanten
- Genitiv
- Kasus, der sehr häufig zur Kennzeichnung einer Unterordnung gebraucht wird (▸attributive Verwendung), z.B. possessiv,hestr Óðins ‘Odins Pferd’; kann aber auch für das direkte Objekt gebraucht werden (▸nominale Verwendung),hann gáði eigi stundanna ‘er achtete nicht auf die Zeit’
- Genus(pl. Genera)
- Einteilung der Substantive in drei Klassen: Maskulinum,karl ‘Mann’; Femininum,kona ‘Frau’; oder Neutrum,barn ‘Kind’; oft, aber nicht immer besteht ein Zusammenhang zwischen grammatischem Geschlecht (Genus) und natürlichem (Sexus); zudem fallen teilweise Flexionsformen zusammen; Adjektive und Determinative werden im Genus flektiert in Übereinstimmung mit dem zugehörigen Substantiv, vgl. ▸Kongruenz
- germanische Sprachen
- Sprachfamilie, zu der u.a. die nordischen Sprachen, das Englische und das Deutsche gehören
- Glied
- übergeordneter Terminus; umfasst ▸Satzglied, d.h. einzelne Konstituenten eines Satzes, sowie ▸Gliedteil, d.h. einzelne Teile solcher Konstituenten
- Gliedteil
- Teil eines mehrgliedrigen ▸Satzgliedes; formal gesehen eine ▸Phrase
- Gleitlaut
- einleitender oder abschließender Teil eines Diphthongs, normalerweise in öffnenden Diphthongen wiedergegeben alsj (ja,jǫ,jó,jú), und alsi,y oderu in schließenden Diphthongen (ei,ey,au); vgl. ▸Diphthong
- Graphem
- die einzelnen Einheiten in einem Schriftsystem, z.B. die Runen in der Runenreihe oder die Buchstaben im lateinischen Alphabet
- Halbvokal
- Vokal außerhalb des Silbenkerns, wiej inhjá ‘bei’ oderv invita ‘wissen’
- Hauptsatz
- ▸Satz
- Hauptton
- ▸Betonung
- Hebung
- ▸Vokalhebung
- Hiatus
- Zusammentreffen zweier Vokale, z.B. voné undu invéum (das WortHiatus ist selbst ein Beispiel für Hiatus zwischen den Vokaleni unda)
- Hilfsverb
- Verb mit Partizip Perfekt oder Infinitiv als Ergänzung,hafa,vera oderverða, z.B.hon hefir sofit ʻsie hat geschlafenʼ undhon er komin ʻsie ist gekommenʼ; außerdem die ▸modalen Hilfsverben wiemunu,mega,skulu,vilja,kunna u.a., z.B.hon mun koma ‘sie wird kommenʼ
- hinterer Vokal
- Vokal, der mit Zunge in hinterer Position im Mundraum artikuliert wird, auchvelar genannt
- Hypotagma
- Unterordnung von Gliedern, z.B.ungir menn ‘junge Männer’, wobei menn den ▸Kern der Phrase bildet, währendungir eingebettet ist und dazu dient, den Kern zu beschreiben oder zu modifizieren; nur der Kern kann für das Ganze stehen
- Imperativ
- ▸Modus
- ingressives Verb
- Verb, das den Anfang einer Handlung bezeichnet oder den Übergang von einem Zustand in den anderen, z.B.roðna ‘erröten’
- indogermanische Sprachen
- große Sprachfamilie, die u.a. die germanischen, romanischen und slawischen Sprachen umfasst; geht auf eine gemeinsame indogermanische Grundsprache zurück; auch indoeuropäisch genannt
- infinites Verb
- Verb, das im Norrönen imInfinitiv,Partizip Präsens oderPartizip Perfekt steht und keine Flexionsendung hat für ▸Person und ▸Numerus; Gegensatz zu ▸finites Verb
- Infinitiv
- infinite Form des Verbs, kann mit der Infinitivpartikelat auftreten, z.B.hann bauð þeim at taka við kristni ‘er befahl ihnen, das Christentum anzunehmen’; der Infinitiv wird in norrönen Wörterbüchern als Nennform verwendet
- Inlaut
- Laut, der weder ▸Anlaut noch ▸Auslaut ist, z.B.f inhafa ‘haben’
- Instrumental
- ursprünglich Kasus im ▸Indogermanischen, der das gebrauchteWerkzeug oderMittel ausdrückte; ist im Norrönen in den ▸Dativ eingegangen
- intervokalisch
- zwischen zwei Vokalen stehend, z.B.v infrǽvum vonfrǽr ‘fruchtbar’
- intransitiv
- kein direktes Objekt nehmend; wird bei Verben und gelegentlich bei Präpositionen gebraucht; intransitive Verben sind ▸einwertig, können aber bisweilen ein inneres (kognates) ▸Objekt haben; vgl. auch ▸absolute Stellung
- i-Umlaut
- ▸Umlaut
- j-Einschub
- Einschub des Halbvokalsj vora undu in einzelnen norrönen Wörtern; ▸Epenthese
- Kasus(pl. Kasus)
- grammatische Kategorie, die bei ▸nominaler Verwendung ausdrückt, welche Rolle ein Glied im Satz übernimmt; so steht das Subjekt im Nominativ, das direkte Objekt im Akkusativ etc.; das Norröne hat vier Kasus, ▸Nominativ, ▸Akkusativ, ▸Dativ und ▸Genitiv
- Kasusmarker
- abgekürzte Formen des Pronomenseinnhverr, in norrönen Wörterbüchern zur Bezeichnung des Kasus gebraucht, den Verb und andere Wortklassen regieren, z.B.e-t =eitthvert = Akkusativ,e-m =einhverjum = Dativ;gefae-m e-t besagt, dass das Verb gefa ein Objekt im Dativ und eines im Akkusativ hat
- Kern
- 1. der sonorste Laut einer ▸Silbe, im Norrönen immer ein Vokal (oder Diphthong)
2. übergeordnetes Glied in einer Phrase, z.B.konur inspakar konur; der Kern kann eine oder mehrere eingebettete Phrasen haben, hier spakar, vgl. ▸Hypotagma - Komitativ
- Begleitfall, im Norrönen mit einer Präposition angeschlossen, die den Dativ regiert, z.B.með inhann fór með henni ‘er fuhr mit ihr’
- Komparativ
- höherer Grad im Vergleich bei Adjektiven und Adverbien, z.B.inn yngri maðr ‘der jüngere Mann’
- Kongruenz
- Übereinstimmung in der Flexion, d.h. ein Wort übernimmt Endungen eines anderen; z.B. zeigt ein Adjektiv mit einem Substantiv Kongruenz in ▸Kasus, ▸Numerus und ▸Genus; z.B.ungir [nom.pl.mask.]menn [nom.pl.mask.]
- Konjugation
- Verbflexion, d.h. die Einteilung der Verben in Klassen aufgrund ihrer Flexion; im Gegensatz zurDeklination (u.a. Substantiv- und Adjektivflexion) undKomparation (Adjektiv- und Adverbflexion)
- Konjunktion
- (Wortklasse) Wort, das Phrasen oder Sätze miteinander verbindet, im Norrönenok ‘und’,en ‘aber, und’,eða ‘oder’; vgl. ▸Subjunktion
- Konjunktiv
- ▸Modus
- Konsonant
- Laut, der im Norrönen nicht als Silbenkern stehen kann und weniger ▸sonor als ein ▸Vokal ist; in vielen Sprachen können auch sonore Konsonanten den Silbenkern bilden, aber vermutlich nicht im Norrönen
- Konsonantenverbindung
- Verbindung von zwei oder mehr Konsonanten, z.B.sp undkr inspakr oderrðr inharðr
- Konsonantismus
- Konsonantensystem; Eigenschaften der Konsonanten in einer Sprache
- Kontraktion
- Zusammenziehung von zwei oder mehreren Lauten, z.B.aptani →aptni vonaptann ‘Abend’
- koordinierter Satz
- ein Satz, der durch ▸Konjunktionen wieok,en,eða mit einem anderen Satz verbunden ist,um kveldit tók Þórr hafra sínaok [hann] skar báða ‘am Abend nahm Þórr seine Böcke und [er] schlachtete sie beide’
- Korrelat
- das Glied, auf das u.a. die Subjunktionener odersem in einem ▸Relativsatz verweisen, z.B.konungs þess in þú skalt nú fara á fund konungs þess er þér gaf grið ‘du sollst dich nun zu dem König begeben, der dir Frieden gab’
- Kurzsatz
- Konstruktion, die die Mindestanforderungen an einen ▸Satz nicht erfüllt, aber satzähnlichen Charakter hat, z.B. ▸Akkusativ mit Infinitiv
- Labial
- Laut, der mit Hilfe der Lippen gebildet wird, z.B.p undf, kann ▸bilabial oder ▸labiodental sein
- Labiodental
- Laut, der durch Kontakt der oberen Schneidezähne mit der Unterlippe gebildet wird, wie beimw im heutigen Deutschen,Wasser (oderv in engl.very)
- Lateral
- Laut, der durch den Luftstrom zu beiden Seiten eines Verschlusses oder einer Enge gebildet wird, z.B.l, wo die Zunge gegen die Zähne drückt und die Luft an beiden Seiten entweichen kann
- Lautschrift
- Schriftsystem zur Kennzeichnung der Aussprache, z.B. die IPA-Lautschrift (The International Phonetic Alphabet), üblicherweise in eckigen Klammern wiedergegeben
- Liquid
- Bezeichnung für Laterale wiel und Vibranten wier; Liquide sind die ▸Konsonanten im Norrönen, welche den höchsten Grad an Sonorität aufweisen
- Lokativ
- ursprünglich Kasus des ▸Indogermanischen, der den Ort bezeichnet; ist im Norrönen und anderen Sprachen in den ▸Dativ übergegangen
- Matrixsatz
- Satz, der einem anderen Satz übergeordnet ist, z.B.ok hafa þeir verr in ok hafa þeir verr, er á slíkt trúa ‘und die verhalten sich schlechter, die an so etwas glauben’; siehe auch ▸Satz
- Mediopassiv
- eine Form der ▸Diathese, die ausdrückt, dass das Subjekt die Rolle des Agens und Patiens innehat, wie in den norrönen Reflexivformen,hann settisk ‘er setzte sich’, wo das Subjekt handelt (▸Agens) und die Handlung sich auf das Subjekt selbst bezieht (▸Patiens); vgl. ▸Aktiv und ▸Passiv
- Mehrzahl
- ▸Numerus
- Metrik
- Verslehre, wichtig für die norröne Grammatik, weil manche Versmaße silbenzählend waren und damit Auskunft geben über Silbenstrukturen im Norrönen (etwa den Unterschied zwischen kurzen und langen Silben)
- modale Hilfsverben
- Verben, die ein anderes Verb modifizieren und angeben, in welcher Beziehung das Subjekt im Satz zur Verbalhandlung steht; im Norrönen Verben wiemunu,mega,vilja,kunna u.a.; vgl. ▸Hilfsverb
- Modus(pl. Modi)
- Verbkategorie, die ausdrückt, wie der Sprecher zum Inhalt des Satzes steht;Indikativ, wenn etwas faktisch ist,Imperativ, wenn etwas gefordert oder erbeten wird,Konjunktiv, wenn etwas wünschenswert oder wahrscheinlich ist
- Monophthong
- einfacher Vokal, im Gegensatz zum ▸Diphthong
- Morphologie(Formenlehre)
- Lehre über die Bildung und Flexion von Wörtern in einer Sprache, in der Regel mit Schwerpunkt auf der Flexion
- morphologische Regel
- Regel, die lautliche Verhältnisse zwischen unterschiedlichen Formen eines Wortes ausdrückt, ohne dass diese auf synchroner Grundlage erklärt werden können, z.B. der Wechsel vona undǫ inbarn (sg.) ~bǫrn (pl.) – in damaliger Zeit konnte eine phonologische Regel diesen Wechsel erklären, da dasu im Plural ▸Umlaut auslöste, *barnu >bǫrn; als das schwachtonige -u durch ▸Apokope wegfiel, war die Regel nicht mehr phonologisch, sondern morphologisch
- Nasal
- Laut, bei dem die Luft durch die Nase strömt und gleichzeitig dasvelum (Gaumensegel) gesenkt wird, im Norrönenm,n undŋ. Im älteren Norrönen gab es allem Anschein nach nasale Vokale, aber diese scheinen im Laufe des 12. Jahrhunderts weggefallen zu sein
- Nebensatz
- ▸Satz
- Nebenton
- ▸Betonung
- Neutralisierung
- Aufhebung eines lautlichen Gegensatzes, z.B. zwischen stimmhaftemg und stimmlosemk,sagt →sakt
- Nominale
- Satzglied, das normalerweise die an der Verbhandlung Beteiligten bezeichnet: ▸Subjekt, ▸Prädikativ und ▸Objekt
- nominale Nebensätze
- Sätze, die als Glied in einen anderen Satz eingehen und den Platz eines Nominales füllen (Subjekt oder Objekt), z.B.at-Sätze
- nominale Verwendung
- Satzglied, das als nominales Glied fungiert, z.B. wenn der Genitiv als direktes Objekt gebraucht wird,þeir leituðu hans ‘sie suchten ihn’
- Nominalphrase
- ▸Phrase
- Nominativ
- Kasus, der üblicherweise für Subjekt und Subjektprädikativ gebraucht wird, dient als Nennform in Wörterbüchern
- nordische Sprachen
- die fünf Sprachen Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Färöisch und Isländisch, mit einem gemeinsamen Ursprung im Nordgermanischen; sie sind aber nur noch bedingt untereinander verständlich; Letzteres gilt für die drei ▸skandinavischen Sprachen Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, während Isländisch und Färöisch nur noch zum Teil gegenseitig verständlich sind
- normalisierte(und nichtnormalisierte) Orthografie
- ▸Orthografie
- Norrön
- gemeinsame westnordische Sprachform, oft eingeteilt in älteres Norrön ca. 700–1050 und jüngeres Norrön ca. 1050–1350; in der jüngeren Zeit unterscheidet man zwischen (Alt)isländisch und (Alt)norwegisch, den beiden am besten überlieferten Sprachzweigen des Norrönen
- nullwertig
- Rahmen von Verben, die kein nominales Glied haben, d.h. weder Subjekt noch Objekt, z.B.rignir ‘es regnet’
- Numerus(pl. Numeri)
- Kategorie zur Bezeichnung der Anzahl,Einzahl (Singular) oderMehrzahl (Plural); bei Personalpronomen zusätzlich der ▸Dual
- Nynorsk
- nebenBokmål eine der beiden offiziellen Standardvarianten des Norwegischen
- Objekt
- Ergänzung zum Verb; das Objekt ist ein Satzglied, das üblicherweise auf den oder das verweist, gegen den oder das sich die Handlung richtet, es kannindirekt sein (dann steht es immer im Dativ) oderdirekt (dann steht es meist im Akkusativ, seltener im Genitiv oder Dativ); es kann unterschieden werden zwischenSach- undPersonenobjekt, abhängig davon, ob das Objekt eine Sache oder eine Person bezeichnet; eininneres (kognates) Objekt ist ein Objekt mit naher Verwandtschaft zum Verb; es kann auch von Verben regiert werden, die ansonsten ▸intransitiv sind, z.B.fǫr ‘Fahrt’ infara fǫr ‘eine Fahrt fahren’; die ▸Ergänzung zu einer Präposition kann man auch Objekt nennen, z.B.uxa-hǫfuðit undsjávar inhann fór með uxahǫfuðit til sjávar ‘er fuhr mit dem Ochsenkopf zum Meer’
- Objektiv
- von Gliedern gebraucht, die eher Gegenstände oder Sachverhalte bezeichnen als Personen; u.a. verwendet zur Beschreibung von Unterschieden zwischen ▸komitativem und objektivem Gebrauch von Präpositionen; im ersten Beispiel steuert z.B.með den Dativ, im zweiten den Akkusativ,komsk hann þá upp á fjallit með henni [dat.]með mikilli píning [akk.] ‘er schleppte sich da mit ihr auf den Berg hinauf mit großer Mühe’
- Objektprädikativ
- ▸Prädikativ
- obliquer Kasus
- alle Kasus außer dem Nominativ
- Obstruent
- Laut, der durch einen vollständigen (Plosiv) oder teilweisen Verschluss (Frikativ) des Luftstroms gebildet wird
- Optativ
- drückt aus, dass etwas wünschenswert ist, üblicherweise (neben dem ▸Potentialis) im Modus ▸Konjunktiv, z.B.troll hafi þik ‘der Troll soll dich holen’
- Orthografie
- Rechtschreibung, d.h. Regeln für die Wiedergabe der Laute, z.B. dass im Norrönen ein langer Vokal mit Akzent markiert wird,bátr m. ‘Boot’, ein langer Konsonant hingegen mit Doppelschreibung,kalla sw.vb. ‘rufen’;nichtnormalisierte Orthografie ist die Orthografie, die man in den Handschriften findet,normalisierte Orthografie ist die geregelte Orthografie, wie man sie in Grammatiken (etwa im vorliegenden Buch), Wörterbüchern und vielen Textausgaben findet
- Orthophonie
- Wiedergeben der Laute dergestalt, dass jedem Zeichen genau ein Laut entspricht und umgekehrt
- Palatal
- Laut, der durch Kontakt von Zungenrücken und hartem Gaumen (palatum durum) gebildet wird, z.B.ch [ç] inich, gegenüber dem ▸Velarch [x] inach
- Palatalisierung
- ▸Frontierung eines Lautes, z.B.o (hinterer Vokal) →ø (vorderer Vokal), einer der Übergänge beim i-Umlaut (▸Umlaut)
- Paradigma
- Auflistung der Flexionsformen eines Wortes als Muster zur Flexion entsprechender anderer Wörter
- Paratagma
- Nebenordnung von Gliedern, z.B.konungr ok bǿndr ‘König und Bon-den’, üblicherweise mit den Konjunktionenok,en odereða, bei der jedes Glied für das Ganze stehen kann, ohne dass der Satz unvollständig würde
- Partizip
- infinite Verbform, entwederPartizip Präsens zur Bezeichnung einer gerade andauernden Handlung (gangandi ‘gehend’) oderPartizip Perfekt zur Bezeichnung einer abgeschlossenen Handlung (gengit ‘gegangen’)
- Passiv
- eine Form der ▸Diathese, bei der sich die Handlung im Satz üblicherweise gegen das Subjekt richtet, z.B.hestrinn varð sleginn ‘das Pferd wurde geschlagen’, wo das Subjekthestrinn der ▸Patiens ist; vgl. ▸Aktiv und ▸Mediopassiv
- Patiens
- der von einer Handlung oder einem Geschehen Betroffene, in der Regel das ▸Objekt im Satz
- Perfekt
- ▸Aspekt
- Pergament
- Tierhaut, meist von Kälbern, die als Beschreibmaterial geglättet und oft mit Kreide eingerieben wurde
- Person
- grammatische Kategorie zur Bezeichnung des Sprechenden (1. Person), des Angesprochenen (2. Person) oder desjenigen, über den gesprochen wird (3. Person), besonders wichtig bei der Verbflexion; kommt auch als Kategorie im Pronominalsystem vor
- Personenobjekt
- ▸Objekt
- Phonem
- kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit der Sprache, z.B.á undó (wodurchsál ‘Seele’ undsól ‘Sonne’ unterschiedliche Bedeutung erhalten); in einer ▸orthophonen Sprache (z.B. Türkisch und Finnisch) entspricht jeweils ein Schriftzeichen (Buchstaben) einem Phonem
- phonematisch
- auf dem Phonem beruhend
- Phonemschrift
- Schrift, die die Phoneme einer Sprache wiedergibt, mit Schrägstrichen gekennzeichnet, z.B. /so:l/ fürsól ‘Sonne’ in der Schriftsprache (Länge wird mit Doppelpunkt bezeichnet)
- Phonologie(Lautlehre)
- Lehre von den Lauten, die in einer bestimmten Sprache gebraucht werden, sowie von ihren möglichen Kombinationen untereinander
- phonologische Regel
- Regel, die bezeichnet, wie Laute von anderen Lauten beeinflusst werden, etwa wenn ein Stamm und eine Flexionsendung zusammentreffen, z.B. die ▸Assimilation inaptan +r →aptann
- Phrase
- ein Wort oder mehrere Wörter, die eine Ganzheit bilden, nach dem Kern der Phrase benannt: Substantivphrase (z.B.inn gamli maðr), Verbphrase (hefir keypt), Präpositionalphrase (frá landi), Pronominalphrase (þeir allir); Nominalphrase ist der gemeinsame Terminus für Substantivphrasen, Pronominalphrasen und substantivierte Adjektivphrasen (ríkir inríkir báðu hennar ʻreiche [Männer] warben um sieʼ)
- Plosiv
- (Verschlusslaut) Laut mit vollkommenem Verschluss des Luftstroms, z.B.p,t,k
- Positiv
- Grundform bei der Komparation von Adjektiven und Adverbien, bringt keinerlei Vergleich zum Ausdruck, z.B.spakr ‘klug’; vgl. ▸Komparativ und ▸Superlativ
- Possessiv
- ▸Determinativ
- Possessiver Dativ
- ▸Dativus sympatheticus
- Potentialis
- drückt aus, dass etwas möglich oder wahrscheinlich ist, üblicherweise (neben dem ▸Optativ) im Modus ▸Konjunktiv, z.B.enn vǽri mál at sofa ‘noch wäre Zeit zu schlafen’
- Prädikat
- Satzglied, das aus einem oder mehreren Verben besteht; das Prädikat ist obligatorischer Bestandteil eines norrönen Satzes und bildet zusammen mit dem ▸Subjekt und anderen Nominalgliedern den Kern des Satzes
- Prädikativ
- Satzglied, das entweder mit einem Subjekt kongruent ist (Subjektprädikativ),hestr var hvítr ‘das Pferd war weiß’, wobeihvítr [nom.] das Prädikativ zum Subjekthestr [nom.] bildet, oder mit einem Objekt (Objektprädikativ), z.B.hann kallaði Ólaf helgan ‘er nannte Olaf heilig’, wobeihelgan [akk.] das Prädikativ zum ObjektÓlaf [akk.] bildet; zwischen Prädikativ und dem Glied, zu dem es steht, herrscht in der Regel ▸Kongruenz
- Präfix
- Wortelement vor der Wurzel des Wortes, z.B.ú- inúvinr ‘Feind’,yfir- inyfirganga ‘übergehen’
- Präposition(Wortklasse)
- Wort, das vor allem Beziehungen in Zeit und Raum zum Ausdruck bringt und üblicherweise ein Substantiv oder Pronomen regiert, z.B.á undhjá in Hákon jarl var á veizlu hjá honum ‘Jarl Hákon war bei ihm zu einem Gastmahl’
- Präpositionalphrase
- ▸Phrase
- Präsens
- Tempus, das vorwiegend für dieGegenwart gebraucht wird, bisweilen auch fürVergangenheit (historisches Präsens) undZukunft (wenn der Zusammenhang deutlich wird)
- Präsensstufe
- Präsens eines Verbs mit allen Formen, die mit dieser Stammform gebildet werden, d.h.Infinitiv,Imperativ,Präsens undPartizip Präsens
- Präteritopräsentia(sg. Präteritopräsens)
- Gruppe von Verben, die ihr Präsens nach dem Muster des Präteritums der starken Verben bilden, das Präteritum hingegen mit Hilfe eines ▸Dentalsuffixes (wie die schwachen Verben)
- Präteritum
- Tempus, das für Vergangenes gebraucht wird Präteritalstufe Präteritum des Verbs und der damit gebildeten Formen (Dentalsuffix bei schwachen, Ablaut bei starken Verben), d.h.Präteritum,Infinitiv Präteritum undPartizip Perfekt
- progressive Assimilation
- ▸Assimilation
- Pronomen(Wortklasse)
- Wort, das für ein anderes Wort steht,pro nomen, oder auf jemanden oder etwas verweist, z.B. Personalpronomen wiehann undhon
- Pronominalphrase
- ▸Phrase
- Quantor
- ▸Determinativ
- reduplizierende Verben
- Verb, das sein Präteritum durch Wiederholung eines Teils des Stammes bildet, u.a. aus dem Lateinischen bekannt,tango –tetigi ‘berühren’; im Norrönen zeigen nur fünf Verben der róa-Klasse deutliche Spuren der Reduplikation, z.B.róa –reri, aber aufgrund der ostgermanischen Sprache Gotisch (bekannt aus einer Bibelübersetzung des 4. Jahrhunderts) nimmt man an, dass es im Urnordischen deutlich mehr reduplizierende Verben gab
- reflexiv
- auf das Subjekt rückbezogen, z.B. in der Reflexivformhann settisk niðr ‘er setzte sich nieder’; vgl. ▸reziprok
- regieren
- ▸Rektion
- regressive Assimilation
- ▸Assimilation
- Rektion
- Eigenschaft von Verben, Adjektiven und Präpositionen, durch die sie u.a. den Kasus des regierten Gliedes bestimmen; die Rektion ist eine Form von Unterordnung, während ▸Kongruenz eine Form von Nebenordnung ist
- Relativsatz
- untergeordneter Satz mit beschreibender Funktion, ähnlich wie ein Adjektiv; üblicherweise mit einem übergeordneten Substantiv durch die Subjunktionener odersem ‘der, welcher’ verbunden; oft eingeteilt in restriktive Relativsätze und nichtrestriktive (explikative) Relativsätze
- reziprok
- gegenseitig, z.B. in der Reflexivformþeir mǿttusk ‘sie trafen einander/sich’, im Unterschied zum rein reflexivenhann settisk niðr ‘er setzte sich nieder’
- Rundung
- Lippenrundung kommt bei vielen Vokalen vor; vgl. den Unterschied zwischen dem ungerundeten Vokale und dem entsprechenden gerundeten Vokalø; im Norrönen sind alle hinteren Vokale gerundet, d.h.u,ú,o,ó,ǫ und ( >)á, sowie die vordereny,ý,ø undǿ
- Sachobjekt
- ▸Objekt
- Satz
- Einheit, die im Norrönen wenigstens ein finites Verb enthält und in der Regel eine oder mehrere nominale (▸Ergänzung) oder adverbiale Glieder (▸Angabe); einHauptsatz ist ein Satz, der nicht als Glied in einen anderen Satz eingeht, z.B.þá hugði hon at hann lǽgi í úviti ʻda dachte sie, er läge bewusstlos daʼ, während einNebensatz als Glied in einen anderen Satz eingeht, z.B.at hann lǽgi í úviti; den übergeordneten Satzþá hugði hon nennen wir ▸Matrixsatz; ein Hauptsatz kann entweder nur ein finites Verb haben,einfacher Satz, z.B.nú em ek reiðr! ʻnun bin ich zornig!ʼ, oder er kann aus mehreren Teilsätzen bestehen,zusammengesetzter Satz, wie im ersten Beispiel oben; einKurzsatz ist eine satzähnliche Konstruktion, z.B. ▸Akkusativ mit Infinitiv (AcI)
- Satzglied
- die einzelnen Konstituenten eines Satzes, d.h. ▸Subjekt, ▸Prädikat, ▸Prädikativ, ▸Objekt, ▸Adverbial
- schwache Flexion
- durch relativ wenige Formen gekennzeichnete Flexion; bei Substantiven und Adjektiven enden die Formen des gesamten Singular ausnahmslos auf Vokal, z.B.granni –granna undspaki –spaka; bei Verben ist das Präteritum immer mehrsilbig, z.B.kastaði ‘warf’; Gegensatz ▸starke Flexion
- scriptio continua
- zusammenhängende Schrift, d.h. eine Schrift ohne Abstand zwischen den Wörtern; kommt in vielen Runeninschriften vor, aber nicht in den relativ jungen norrönen Handschriften im lateinischen Alphabet
- Segmentierung, auch Epenthese
- Einschub eines neuen Lautes, z.B.s intt,skautt →skautst (geschriebenskauzt mitz =ts), auch beim j-Einschub verwendet in der ▸Brechung, *bergan →bjarga
- Senkung
- ▸Vokalsenkung
- Sexus
- natürliches Geschlecht im Unterschied zum grammatischen Geschlecht, ▸Genus; in einigen Fällen weichen beide voneinander ab, z.B.Skaði, eine Göttin, daher mit dem Sexus Femininum, aber dem Genus Maskulinum (schwacher maskulinera-Typ)
- Silbe
- Teil eines Wortes, zeichnet sich durch ein Maximum an Sonorität aus (siehe ▸sonor) und hat im Norrönen einen Vokal im Kern; die Silbe hat einen Anfangsrand, z.B.sp inspakr, einen Silbenkern, z.B.a inmaðr, und einen Endrand, z.B.st inhaust; nur der Silbenkern ist obligatorisch; vgl. z.B.í undá
- skandinavische Sprachen
- Dänisch, Schwedisch und Norwegisch, drei Sprachen, die einen hohen Grad an gegenseitiger Verstehbarkeit aufweisen und unter anderen Umständen als Dialekte der gleichen Sprache hätten gelten können (▸nordische Sprachen)
- sonor
- klingend; Vokale sind immer sonor; einige Konsonanten sind relativ sonor, z.B.l undr, andere gar nicht, z.B.p undt
- Sonorant
- klingender Konsonant, im Norrönen ▸Nasal und ▸Liquid
- Stamm
- Teil des Wortes, der nicht die Flexionsendung umfasst; der Stamm kann mit der Wurzel zusammenfallen, z.B.vin invinr m. ‘Freund’, aber auch eine Wurzel samt einem oder mehreren Ableitungssuffixen umfassen, z.B.vinsemd ‘Freundschaft’ (es gibt hier keine Flexionsendung)
- Stammausgang
- Schlusslaut eines Stammes, z.B. -n im Stammvin- des Wortesvinr
- Stammformen(bei Verben)
- zentrale Formen des Verbs, die die Stämme und damit die Grundlage der Verbflexion angeben, z.B.krjúpa – (krýpr) –kraup –krupu – (krypi) –kropit, d.h. inf. – (präs.sg.) – prät.sg. – prät.pl. – (prät.konj.) – part.perf.
- starke Flexion
- durch Formenreichtum gekennzeichnete Flexion; bei Substantiven und Adjektiven endet wenigstens eine der Singularformen auf Konsonant, z.B.hestr –hests undspakr –spaks; bei Verben ist das Präteritum Singular immer einsilbig, z.B.braut ‘brach’; Gegensatz ▸schwache Flexion
- stimmhaft
- mit Vibrieren der Stimmbänder gebildeter Laut, z.B.b,d,g; Gegensatz ▸stimmlos
- stimmlos
- ohne Vibrieren der Stimmbänder gebildeter Laut, z.B.p,t,k; Gegensatz ▸stimmhaft
- Subjekt
- Satzglied, das in der Regel denjenigen bezeichnet, der eine Handlung in Gang setzt (▸Agens) oder ▸Nominativ und zeigt ▸Kongruenz mit dem finiten Verb
- subjektlos
- von Sätzen, die kein Subjekt haben, entweder weil es fehlt oder weil das Verb kein Subjekt zulässt; vgl. ▸unpersönliche Konstruktion
- Subjektprädikativ
- ▸Prädikativ
- Subjektstreichung
- Streichung des Subjekts, weil es nicht für interessant gehalten und aus dem Kontext erschlossen werden
- Subjunktion (Wortklasse)
- Wort, das einen Gliedsatz einleitet, im Norrönen z.B.at ‘dass’, ef ‘wenn’, þó at ‘obwohl’; vgl. ▸Konjunktion
- Substantiv (Wortklasse)
- Wort, das üblicherweise Gegenstände oder Sachverhalte bezeichnet, z.B.sól ‘Sonne’,sǫk ‘Sache’
- Substantivphrase
- ▸Phrase
- Suffix
- Wortelement nach der Wurzel, sowohl als Ableitungssuffix (-ug- inblóðugr) wie auch als Flexionsendung (-r inblóðugr)
- Superlativ
- höchster Grad der Komparation, entwederrelativer Superlativ (allerhöchster Grad) oderabsoluter Superlativ (sehr hoher Grad)
- Supinum
- die Form, die Verben nach hafa haben, z.B.tekit inhann hefir tekit bókina ‘er hat das Buch genommen’ d.h. Akkusativ Singular Neutrum des Partizips Perfekt
- Svarabhaktivokal
- Einschub eines Vokals (ofte oderu, auchæ unda) zwischen Konsonanten und vor auslautendemr im älteren Norwegisch und Isländisch, typisch für den Nominativ bei Substantiven und Adjektiven sowie im Präsens der starken Verben; vgl. norrönfingr > späteres Norwegischfinger und Isländischfingur
- syllabisch
- den Silbenkern bildend, z.B. der Vokalǫ infǫlr ‘bleich’, Gegensatz ▸asyllabisch
- symmetrisches System
- System mit gleich vielen Einheiten auf beiden Seiten, z.B. ein Vokalsystem mit ebenso vielen vorderen wie hinteren Vokalen
- Synchronie
- Sicht auf Sprache (oder andere Phänomene) unter gleichzeitiger Perspektive, mit dem Schwerpunkt, das Sprachsystem zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erklären, entweder in älterer oder neuerer Zeit; Gegensatz ▸Diachronie
- Synkope
- Schwund eines Vokals im Wortinnern, z.B. der Übergang von urnordischgastiʀ zu norröngestr m. ‘Gast’, wobei das schwachtonigei synkopiert wurde; in einigen sprachgeschichtlichen Darstellungen auch für ▸Apokope gebraucht
- Synkopezeit
- sprachhistorische Periode von ca. 500–700, in der das Urnordische eine größere Vereinfachung durchlief und durch Synkope (und Apokope) viele schwachtonige Vokale verlor
- Syntax
- (Satzlehre) Lehre, wie Wörter zu größeren Einheiten zusammengefügt werden, und zum Inhalt von Flexionskategorien
- Tempuspl. Tempora
- Verbkategorie, die Äußerungen mit einer Zeitachse verbindet, im Norrönen um auszudrücken, dass diese entweder in der Vergangenheit stattfanden, ▸Präteritum, oder sich in der Gegenwart (im Augenblick des Äußerns) abspielen, ▸Präsens
- Thematisierung
- Hervorheben eines Satzgliedes, oft durch Verschiebung hin zum Satzanfang (Linksversetzung)
- Themavokal
- ▸Bindevokal
- transitiv
- ein Objekt nehmend, bei Verben das direkte Objekt im Akkusativ, bisweilen auch Ergänzung zu Präpositionen und Adjektiven
- Umformung
- Änderung einer syntaktischen Konstruktion in eine andere naheliegende Konstruktion, z.B. von einemat-Satz in einen AcI,hann sá at maðr [nom.]kom [prät.]gangandi →hann sá mann [akk.]koma [inf.]gangandi ‘er sah einen Mann gehend kommen’
- Umlaut
- Assimilation, bei der ein Vokal in betonter Silbe einem Vokal oder Halbvokal in einer nachfolgenden unbetonten Silbe angeglichen wird; beim a-Umlaut wird der Vokal gesenkt, *hulta >holt, beim i-Umlaut frontiert, *bókiʀ >bǿkr, beim u-Umlaut gerundet, *vatnu >vǫtn
- unpersönliche Konstruktion
- Satz ohne ▸Subjekt, vgl. ▸subjektlos
- Urnordisch
- älteste belegte Form der nordischen Sprachen; am häufigsten steht der Terminus für die Periode ca. 200–700; die Periode ca. 500–700 wird auch als ▸Synkopezeit bezeichnet. Einige Sprachforscher sind der Meinung, dass sich das Urnordische bis ca. 500 nicht in die nordwestgermanischen Sprachzweige differenziert hatte und dass das Nordische erst nach der Synkope zu einem eigenständigen Sprachzweig wurde
- u-Umlaut
- ▸Umlaut
- Valenz
- Verbindung zwischen oder innerhalb von Satzgliedern, hauptsächlich das Verhältnis zwischen Verb und den nominalen Gliedern (Subjekt und Objekt); Grundlage für die Klassifikation von Verben nach der Menge und Art der Glieder, die sie an sich binden
- v-Einschub
- Einschub des Halbvokalsv vora undi in einzelnen norrönen Wörtern; ▸Epenthese
- Velar
- Laut, der durch Kontakt von Zungenrücken und weichem Gaumen (velum oderpalatum molle) gebildet wird, das Stück zwischen hartem Gaumen (palatum durum) und Zäpfchen (uvula); im Norröneng undk; vgl. ▸Palatal
- Verb
- (Wortklasse) Wort, das üblicherweise Handlungen oder Zustände ausdrückt, z.B.ganga ‘gehen’ undvera ‘sein’
- Verbphrase
- ▸Phrase
- Vibrant
- Laut, der durch mehrere Zungenschläge gebildet wird, wie das gerollter, [r]
- Vokal
- Laut, der im Norrönen allein im Silbenkern stehen kann und klangvoller (sonorer) ist als ein ▸Konsonant
- Vokalharmonie
- im Altnorwegischen der Wechsel zwischen hohen und nicht-hohen ▸Endungsvokalen in Übereinstimmung mit der Qualität des ▸Wurzelvokalens, z.B.i inlifi undu inlifum nach dem hohen Wurzelvokali, abere inlofe undo inlofom nach dem nicht-hohen Wurzelvokalo; bekannt aus mehreren anderen Sprachen, u.a. Türkisch, aber nicht realisiert in der normalisierten Orthografie des Norrönen; im Isländischen nicht bekannt
- Vokalhebung
- Anheben eines tiefen oder mittleren Vokals in eine mittlere bzw. hohe Position, z.B. die Hebung vone zui in *fjerði →firði vonfjǫrðr m. ‘Fjord’ nach Regel (7)
- Vokalsenkung
- Absenkung von Vokalen, vor allem der hohen zu mittelhohen, z.B.u >o als Folge des a-Umlauts, *hulta >holt (▸Umlaut)
- Vokalismus
- Vokalsystem; Eigenschaften der Vokale in einer Sprache
- Vokalwechsel
- Änderung des Wurzelvokals in den unterschiedlichen Flexionsformen eines Wortes aufgrund von ▸Umlaut(z.B.bók ~bǿkr) oder ▸Ablaut(fara ~fór)
- vorderer Vokal
- Vokal, der mit Zunge in vorderer Position im Mundraum artikuliert wird, auch ▸Palatal genannt
- Wortbildung
- Änderung eines Wortes, sodass ein neues Wort entsteht, entweder innerhalb der gleichen Wortklasse,vinr m. →úvinr m. ‘Freund’ → ‘Feind’, wörtl. ‘Un-Freund’, oder einer anderen Wortklasse,vinr m. →vinligr adj. ‘Freund’ → ‘freundlich’; Wortbildung geschieht durch zwei Haupttypen, ▸Ableitung und ▸Zusammensetzung
- Wortstellung
- Reihenfolge von Phrasen oder Satzgliedern in einem Satz
- Wurzel
- Teil des Wortes, der weder ▸Flexionsendung noch ▸Ableitungssuffix ist; somit der am wenigsten veränderbare Teil des Wortes
- Wurzelvokal
- Vokal innerhalb der Wurzel eines Wortes, die infolge des ▸Ablauts wechseln
- Zusammensetzung, auch Komposition
- Bildung eines neuen ▸Stammes durch Zusammenfügen zweier oder mehrerer anderer Stämme, z.B.tré +ǫr →tréǫr ‘Holzpfeil’; das erste Glied steht oft im Genitiv,Bacchus var náttdrykkjumaðr ‘Bacchus war ein nächtlicher Trinker’, wobeidrykkju der Genitiv vondrykkja f. ‘Trank’ ist; vgl. ▸Ableitung
- zweiwertig
- Rahmen von Verben, die zwei nominale Glieder haben, normalerweise Subjekt und Objekt
Wortregister
Das Register umfasst nur die Wörter, die in diesem Buch grammatische Informationen erhalten. In der alphabetischen Reihenfolge kommt der Buchstabe ‘ð’ nach ‘d’, ‘þ’ nach ‘t’, und ‘æ’, ‘ø’ und ‘ǫ’ stehen am Ende des Alphabets.
- á präp.§ 107.4,§ 108.4,§ 108.5
- á f.§ 22.1 (6.1)
- á milli oderá millum präp.§ 109,§ 109.1
- á mót oderá móti präp.§ 108.2
- af präp.§ 108.1
- afla sw.vb.§ 103.3,§ 104.2
- aka st.vb.§ 89.3
- akr m.§ 26.1
- ala st.vb.§ 89.1
- aldr m.§ 26.1
- álit n.§ 145.2
- allr det.§ 58
- án präp.§ 109,§ 109.2
- angr m.§ 26.1
- annarr det.§ 58.2,§ 62
- aptann m.§ 20,§ 22.2 (14),§ 26.1
- aptari adj.§ 50
- aptastr adj.§ 50
- armr m.§ 17.3,§ 2.2 (15.1),§ 26.1
- áss m.§ 28
- ást f.§ 32
- at präp.§ 108.3
- at sbj.§ 153.1
- atall adj.§ 52.2
- átt f.§ 32
- átta det.§ 65
- áttandi det.§ 65
- áttatigi det.§ 65
- áttatugundi det.§ 65
- átti det.§ 65
- áttján det.§ 65
- áttjándi det.§ 65
- auðigr adj.§ 22.2 (14),§ 48,§ 52.2
- auga n.§ 43
- auka st.vb.§ 23 (17),§ 90.2
- ausa st.vb.§ 90.2
- austastr adj.§ 50
- báðir det.§ 55,§ 69
- bak n.§ 35.1,§ 144.3
- bani m.§ 37.1
- banna sw.vb.§ 77.1
- bardagi m.§ 37.1
- barn n.§ 35.1
- bátr m.§ 26.1
- beiða sw.vb.§ 103.3,§ 104.5
- bekkr m.§ 27.2
- belgr m.§ 27.2
- belja sw.vb.§77.2
- ben f.§ 33.3
- bera st.vb.§ 87.1,§ 94.1,§ 103.1,§ 104.1
- bergja sw.vb.§ 80.2
- berja sw.vb.§ 78.1
- bíða st.vb.§ 103.3
- biðja st.vb.§ 23 (19),§ 88.1,§ 94.1,§ 94.2,§ 95.2,Abb. 8.7,§ 104.5
- binda st.vb.§ 22.2 (11),§ 86.1,§ 103.1
- biskup m.§ 26.1
- bíta st.vb.§ 54,§ 74.2,§ 84.1,§ 94.1,§ 103.1
- bjarga st.vb.§ 16,§ 86.1,§ 103.2
- bjóða st.vb.§ 22.1 (3),§ 85.1,§95.2,§ 104.1
- blanda st.vb.§ 90.3
- blár adj.§ 22.1 (5),§ 22.2 (16)
- blása st.vb.§ 90.4
- blíðr adj.§ 22.1 (3),§ 105.2
- blíkja st.vb.§ 84.3
- blinda sw.vb.§ 22.1 (3)
- blindi f.§ 22.1 (4.1)
- blindr adj.§ 22.1 (4.1),§ 22.2 (12),§ 52.1
- blómstr m.§ 26.1
- blóta st.vb.§ 90.4
- bogi m.§ 37.1
- bók f.§ 17.2,§23 (17),§ 33.1
- bóndi m.§23 (17)
- bóndi/búandi m.§ 38
- borg f.§ 32,§ 59.2
- bót f.§ 33.1
- brá f.§ 22.1 (6.1)
- braut f.§ 32
- bregða st.vb.§ 86.1,§ 103.2
- breiðr adj.§ 47,§ 52.1
- brenna f.§ 40.1
- brenna st.vb.§74-2,§ 86.1
- brenna sw.vb.§ 80.1
- bresta st.vb.§ 86.1
- breyta sw.vb.§ 17.2
- brjóta st.vb.§ 22.1 (7),§ 23 (17),§ 85.1,§ 94.1,§ 96,Abb. 8.5,Abb. 8.9,§ 103.1
- bróðir m.§ 29.2,§ 44
- brók f.§ 33.1
- brynja f.§ 40.2
- búa st.vb.§ 90.2,§ 95.2
- búinn adj.§ 105.1
- bulr m.§ 27.1
- byggja sw.vb.§ 22.1 (4.3),§ 80.2
- byggva sw.vb.§ 80.2
- bylgja f.§ 40.2
- byrja sw.vb.§ 77.2
- byrr m.§ 27.2
- bǿn f.§ 22.2 (15.3),§ 32
- bǿta sw.vb.§ 17.2
- bǫlkr m.§ 22.2 (13),§ 28
- bǫllr m.§ 28
- bǫlva sw.vb.§ 77.2,Abb. 8.7,§ 103.2
- daga sw.vb.§100,§ 101,§ 134,§ 136
- dagr m.§ 26.1
- dengja sw.vb.§ 80.2
- detta st.vb.§ 86.1
- deyja st.vb.§ 89.4
- djúpr adj.§ 48
- djǫfull m.§ 26.1
- dómandi m.§ 38
- dómari m.§ 37.1
- dóttir f.§ 33.2,§ 44
- draga st.vb.§ 22.2 (13),§ 89.5,§ 103.1
- drasill m.§ 22.2 (13)
- drengr m.§ 27.2
- drepa st.vb.§ 88.1
- dreyma sw.vb.§ 103.4,§ 136
- drífa st.vb.§ 84.1
- drjúpa st.vb.§ 85.1
- dróttinn m.§ 22.2 (14)
- dróttning f.§ 31.1
- drykkja f.§ 40.2
- drykkr m.§ 27.2
- dúfa f.§ 40.1
- duga sw.vb.§ 23 (17),§ 81.1,§ 102.1
- duna sw.vb.§ 101,§ 136
- dvergr m.§ 26.1
- dylja sw.vb.§ 104.5
- dynja sw.vb.§ 78.1
- dynr m.§ 27.2
- dýr n.§ 35.1
- dyrr f.pl.§ 33.1
- dys f.§ 31.3
- døkkr adj.§ 52.5
- dǿma sw.vb.§ 74.1,§ 75.2,§ 79,§ 80,§ 81,§ 94.1,§ 103.1
- dǿmi n.§ 35.2
- dǫgg f.§ 31.4
- ef sbj.§ 153.4
- efri adj.§ 50
- efstr adj.§ 50
- egg f.§ 31.3
- egg n.§ 35.3
- eggja sw.vb.§ 77.2,§ 104.5
- eiga pp.vb.§ 74.3,§ 92,Abb. 8.8,§ 103.1
- einn det.§ 58.1,§ 65
- einnhverr det.§ 98,§ 100
- eira sw.vb.§ 103.2
- ek pron.§ 67,§ 67.1,§ 67.3,§ 95.1,§ 96
- elgr m.§ 27.2
- elli f.§ 41
- ellifu det.§ 65
- ellipti det.§ 65
- elska sw.vb.§ 77.1
- elskandi m.§ 38
- eng f.§ 31.3
- engi det.§ 58.3
- engi n.§ 35.3
- enn det.§ 57
- enni n.§ 35.2
- eptir präp.§ 107.4,§ 108.7
- eptri adj.§ 50
- epztr adj.§ 50
- ér pron.§ 67,§ 67.1,§ 95.5
- erendi n.§ 35.2
- erfa sw.vb.§ 80.1
- erfiði n.§ 35.2
- erfingi m.§ 37.2
- ermr f.§ 31.2
- ertr f.pl.§ 33.1
- eta st.vb.§ 88.1,§ 103.1
- ey f.§ 23 (19),§ 31.3
- eyða sw.vb.§ 53,§ 103.2
- eyra n.§ 43
- eyrr f.§ 31.2
- eystri adj.§ 50
- fá st.vb.§ 90.3,§ 103.3
- fá sw.vb.§ 77.3
- faðir m.§ 29.2,§ 44,Abb. 4.1
- fagna sw.vb.§ 103.2
- fagnaðr m.§ 22.2 (13),§ 28
- fagr adj.§ 22.1 (4.1),§ 23 (17),§ 48,§ 52.1
- falda st.vb.§ 90.3
- falla st.vb.§ 90.3
- fár adj.§ 23 (17)
- fara st.vb.§ 89.1,§ 94.1,§ 102.1,§ 133
- fastr adj.§ 47,§ 52.1
- fé n.§ 22.1 (6.1),Abb. 3.5
- feginn adj.§ 22.2 (14),§ 105.2
- fela st.vb.§ 87.2
- fella sw.vb.§ 22.1 (4.3),§ 80.1
- fen n.§ 35.3
- ferð f.§ 32,§ 102.1
- fertugundi det.§ 65
- festa sw.vb.§ 80.1
- fim(m)tán det.§ 65
- fim(m)tándi det.§ 65
- fim(m)ti det.§ 62,§ 65
- fim(m)tigi det.§ 65
- fim(m)tugundi det.§ 65
- fimm det.§ 65
- fingr m.§ 29.1
- finna st.vb.§ 86.1
- fiski f.§ 41
- fiskr m.§ 26.1
- fit f.§ 31.1
- fjall n.§ 23 (18),§ 35.1
- fjándi m.§ 38
- fjara f.§ 40.1
- fjórði det.§ 62,§ 65
- fjórir det.§ 65,§ 69
- fjórtán det.§ 65
- fjórtándi det.§ 65
- fjórutigi det.§ 65
- fjǫðr f.§ 31.1
- fjǫgurtán det.§ 65
- fjǫgurtándi det.§ 65
- fjǫlmennr adj.§ 48
- fjǫrðr m.§ 16,§ 22.1 (7),§ 22.2 (13),§ 23 (17),§ 28
- flá st.vb.§ 89.5
- flet n.§ 35.2
- fljóta st.vb.§ 85.1
- fljúga st.vb.§ 85.1,§ 85.2
- fluga f.§ 40.1
- flýja st.vb.§ 85.4
- flýja sw.vb.§ 78.2
- flytja sw.vb.§ 17.2,§ 53,§ 78,§ 78.1
- flǿða sw.vb.§ 101
- fótr m.§ 23 (17),§ 29.1
- frá präp.§ 108.1
- fram adv.§ 48
- fregna st.vb.§ 88.3
- freista sw.vb.§ 77.1,§ 103-3
- fremja sw.vb.§ 78.1
- friðr m.§ 28
- frjó n.§ 35.4
- frjósa st.vb.§ 22.1 (2),§ 85.3,§ 95.3
- frǽ n.§ 35.4
- frǽgr adj.§ 52.4
- frǽndi m.§ 38
- frǽr adj.§ 23 (20)
- frǿði f.§ 41
- fullr adj.§ 47,§ 52.2,§ 105.1
- fundr m.§ 17.2,§ 27.1
- fúss adj.§ 105.1
- fylgja sw.vb.§ 74.1,§ 80,§ 80.2,§ 103.2,§ 153.8
- fylki n.§ 35.3
- fylking f.§ 31.1
- fylla sw.vb.§ 80.1,§ 104.5
- fyrir präp.§ 107.3,§ 107.4,§ 108.4
- fyrir útan präp.§ 107.1
- fyrr adv.§ 50
- fyrri adj.§ 50
- fyrst adv.§ 50
- fyrsti det.§ 62,§ 65
- fyrstr adj.§ 50
- fyrstr det.§ 65
- fýsa sw.vb.§ 102.2
- fýsi f.§ 41
- fǿða sw.vb.§ 22.1 (3),§ 22.1 (4.3)
- fǿra sw.vb.§ 53,§ 80.1
- fǫlr adj.§ 52.5
- fǫr f.§ 31.1,§ 102.1
- gá sw.vb.§ 81.1,§ 103.3
- gala st.vb.§ 89.1,§ 95.3
- gamall adj.§ 17.3,§ 22.2 (14),§ 23 (18),§ 49,§ 105.1
- gaman n.§ 35.1
- ganga st.vb.§ 22.2 (11),§ 64,§ 90.3,§ 102.1,§ 155.2
- gapa sw.vb.§ 81.1
- gás f.§ 33.1
- gefa st.vb.§ 88.1,§ 98,§ 104.1
- gefandi m.§ 22.1 (1)
- gegnum präp§ 107.1
- gera sw.vb.§ 17.3,§ 52.5,§ 82,§ 104.1
- gerask sw.vb.§ 159,§ 159.3
- gestr m.§ 17.2,Abb. 3.4,§ 22.2 (15.3),§ 27,§ 27.1
- geta st.vb.§ 88.1
- geyja st.vb.§ 89.4
- geyma sw.vb.§ 103.3
- gipt f.§ 32
- girna sw.vb.§ 102.2
- gjalda st.vb.§ 21 (a),§ 86.1,§ 104.2
- gjalla st.vb.§ 86.1
- gjarna adv.§ 49
- gjósa st.vb.§ 85.1
- gjóta st.vb.§ 85.1
- gjǫf f.§ 31.1
- gjǫfull adj.§ 22.2 (14),§ 52.2
- glaðr adj.§ 39,§ 47,§ 52-1
- gleði f.§ 39,§ 41
- gleðja sw.vb.§ 78.1,§ 103.1
- gleypa sw.vb.§ 80.1
- gløggr adj.§ 52-5
- gneggja sw.vb.§ 77.2
- gneista sw.vb.§ 101,§ 136
- gnella st.vb.§ 86.1
- gnúa gem.vb.§ 93
- goð n.§ 35.1
- góðr adj.§ 49,§ 52-1,§ 105-2
- grafa st.vb.§ 17.2,§ 89.1
- gramr adj.§ 105.2
- granni m.§ 37.1
- gráta st.vb.§ 90.4
- grimmr adj.§ 105.2
- grind f.§ 33.1
- grípa st.vb.§ 84.1,§ 103.1
- gróa gem.vb.§ 93
- grǿnn adj.§ 22.1 (2)
- gruna sw.vb.§ 103.4
- gunnr f.§ 31.2
- gýgr f.§ 31.3
- gyrða sw.vb.§ 22.1 (4.1)
- gǽta sw.vb.§ 103.3
- gǫltr m.§ 28
- gǫrr (gørr,gerr) adj.§ 52.5
- hafa sw.vb.§ 10.4,§ 67.3,§ 72,§ 75.1,§ 82,§ 155,§ 155.2
- hafr m.§ 26.1
- halda st.vb.§ 90.3,§ 103.2,§ 104.4
- Halfdan prop.§ 26.1
- hamarr m.§ 22.2 (14),§ 26.1
- hamr m.§ 27.1
- hanga st.vb.§ 22.2 (13),§ 90.3
- hann pron.§ 67,§ 67.2
- hár adj.§ 52.5
- háttr m.§ 22.2 (13),§ 28
- háttung f.§ 31.1
- hausta sw.vb.§ 101
- hefja st.vb.§ 89.4
- hefna sw.vb.§ 80.1,§ 103.3
- heiðinn adj.§ 22.2 (14),§ 52.,§ 63
- heiðr f.§ 31.2
- heilagr adj.§ 52.2
- heill adj.§ 52.1
- heimr m.§ 26.1
- heita st.vb.§ 90.1,§ 104.3
- hel f.§ 31.3
- helgr f.§ 31.2
- hellir m.§ 26.2
- henda sw.vb.§ 103.4
- hengja sw.vb.§ 80.2
- henta sw.vb.§ 103.2
- herað n.§ 22.2 (14),§ 35.1
- herðr f.§ 31.2
- herja sw.vb.§ 77.2
- herra m.§ 37.1
- hersir m.§ 22.1 (6.2),§ 26.2
- hestr m.§ 20,§ 22.2 (15.1),§ 26.1,§ 59.1
- heyja sw.vb.§ 78.1
- heyra sw.vb.§ 80.1,§ 138
- himinn m.§ 26.1
- hindar adv.§ 50
- hindri adj.§ 50
- hinn det.§ 146.1,§ 146.2
- hinn,inn undenn det.§ 57
- hinzt adv.§ 50
- hinztr adj.§ 50
- hirðir m.§ 22.1 (6.2),§ 26.2
- hitna sw.vb.§ 102.3
- hitta sw.vb.§ 80.1
- hjá präp.§ 108.2
- hjalpa st.vb.§ 16,§ 86.1,§ 103.2
- hjarta n.§ 16,§ 43
- hjǫlp f.§ 32
- hjǫrtr m.§ 28
- hlaða st.vb.§ 89.1
- hlaupa st.vb.§ 90.2
- hlið f.§ 31.1
- hljóta st.vb.§ 85.1
- hlutr m.§ 27.1
- hlǽja st.vb.§ 89.5
- hníga st.vb.§ 84.1
- hollr adj.§ 105.2
- holt n.§ 17.1
- hon pron.§ 67,§ 67.2
- horfa sw.vb.§ 81.1,§ 102.1
- horn n.§ 17.1
- hreinn adj.§ 48
- hrinda st.vb.§ 86.1
- hrjóta st.vb.§ 85.1
- hryggja sw.vb.§ 80.2
- hryggr adj.§ 52.4
- hryggr m.§ 27.2
- hryggva sw.vb.§ 80.2
- hrǽzla f.§ 40.1
- hrøkkva st.vb.§ 86.1
- hugr m.§ 27.1
- hundrað n.§ 65
- hungra sw.vb.§ 102.2
- hurð f.§ 32
- hús n.§ 35.1
- hvárr det.§ 58
- hvass adj.§ 47,§ 52.1
- hvat pron.§ 68
- hvatki pron.§ 68
- hvatvetna pron.§ 68
- hverfa st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- hverr det.§ 58
- hvessa sw.vb.§ 22.1 (4.3),§ 80.1
- hyggja sw.vb.§ 78.3,§ 138
- hylr m.§ 27.2
- hýsa sw.vb.§ 17.2
- hǽttr adj.§ 105.2
- hǫfuð n.§ 22.2 (14),§ 35.1,§ 144.3
- hǫgg n.§ 2 (20),Abb. 3.5,§ 35.4
- hǫggva st.vb.§ 90.2,§ 103.1,§ 104.6
- hǫll f.§ 32
- hǫnd f.§ 22.2 (15.2),§ 33.1,§ 144.3
- í präp.§ 107.3,§ 107.4,§ 108.4,§ 108.6
- í gegnum präp.§ 107.1
- í milli oderí millum präp.§ 109,§ 109.1
- í mót oderi móti präp.§ 108.2
- il f.§ 31-3
- illa adv.§ 49
- illr adj.§ 46,§ 49,§ 105
- illvirki m.§ 37.2
- inn adv.§ 47
- inn det.§ 24,§ 51,§ 59,§ 59.1,§ 59.2,§ 59.3,§ 146.1,§ 146.2
- innri adj.§ 50
- innstr adj.§ 50
- it pron.§ 67,§ 67.1,§ 95.5
- jafn adj.§ 16,§ 47,§ 52.1
- jafngǫfugr adj.§ 22.2 (14)
- jǫfurr m.§ 22.2 (14),§ 26.1
- jǫrð f.§ 16,§ 32
- jǫtunn m.§ 22.2 (14),§ 26.1
- kala st.vb.§ 89.1,§ 100,§ 102.2,§ 137
- kalfr m.§ 26.1
- kalla sw.vb.§ 22.1 (1),§ 22.1 (3),§ 22.1 (4.2),§ 74.1,§ 77.1
- kasta sw.vb.§ 17.3,§ 74,§ 74.1,§ 76,§ 77,§ 77.1,§ 94.1
- kaupa sw.vb.§ 82
- kaupangr m.§ 26.1
- kefja st.vb.§ 89.4
- kemba sw.vb.§ 74.1
- kenna sw.vb.§ 22.1 (4.3),§ 80.1,§ 104.1
- kerra f.§ 40.1
- ketill m.§ 22.2 (13)
- kippa sw.vb.§ 22.1 (4.3)
- kirkja f.§ 40.2
- kjósa st.vb.§ 85.1
- kjǫt n.§ 35.4
- klá st.vb.§ 89.5
- kleif f.§ 31.1
- kló f.§ 33.1
- kløkkva st.vb.§ 86.1,§ 94.1,Abb. 8.7
- kná pp.vb.§ 92
- knýja sw.vb.§ 78.2
- knýta sw.vb.§ 53,§ 74.1
- knǫrr m.§ 28
- koma st.vb.§ 22.2 (12),§ 23 (17),§ 87.2,§ 155.2
- kona f.§ 40.1
- konungr m.§ 26.1
- kosta sw.vb.§ 102.2
- krefja sw.vb.§ 74.1,§ 78.1,§ 104.5
- kristinn adj.§ 22.2 (12),§ 52.3
- kristni f.§ 41
- krjúpa st.vb.§ 22.1 (7),§ 22.2 (14),§ 23 (17),§ 54,§ 74,§ 74.2,§ 85.1
- kunna pp.vb.§ 74.3,§ 92
- kveða st.vb.§ 6,§ 88.1,§ 138,§ 138.3
- kví f.§ 31.1
- kvikr adj.§ 52.5
- kvǽði n.§ 22.1 (6.2),§ 35.2,§ 41
- kylr m.§ 27.2
- kyn n.§ 35.3
- kýr f.§ 33.1
- kǽrleikr m.§ 26.1
- kǽrr adj.§ 105.2
- kǫttr m.§ 22.1 (4.3)
- lakr adj.§ 10.4
- land n.§ 17.3,§ 21 (b),§ 22.1§ 35.1,§ 59.3
- langa sw.vb.§ 102.2
- langr adj.§ 23 (17),§ 46,§ 48,§ 52.1
- láta st.vb.§ 23 (17),§ 90.4,§ 95.2
- laug f.§ 31.1
- lax m.§ 22.1 (2),§ 22.1 (4.1)
- leggja sw.vb.§ 10.4,§ 78.1,§ 78.3
- leggjask sw.vb.§ 159
- leggr m.§ 27.2
- leið f.§ 31.1
- leiðangr m.§ 26.1
- leika st.vb.§ 90.1
- leikari m.§ 37.1
- leikr m.§ 26.1
- leita sw.vb.§ 77.1,§ 98,§ 103.3,§ 104.2
- lesa st.vb.§ 88.1
- leyna sw.vb.§ 104.4
- leysa sw.vb.§ 74.1,§ 80.1
- lið n.§ 35.1
- líða st.vb.§ 84.1
- líf n.§ 102.1
- lifa sw.vb.§ 102.1
- liggja st.vb.§ 22.1 (4.2),§ 88.2,§ 102.1
- líka sw.vb.§ 77.1,§ 102.3,§ 137
- líkr adj.§ 105.2
- limr m.§ 28
- líta st.vb.§ 84.1
- lítask st.vb.§ 102.3
- lítill adj.§ 49,§ 52.2
- litr m.§ 28
- lítt adv.§ 49
- ljá sw.vb.§ 104.2
- ljóma sw.vb.§ 101
- ljósta st.vb.§ 85.1,§ 95.2,§ 98,§ 103.1,§ 104.6
- ljúga st.vb.§ 115
- lofa sw.vb.§ 98,§ 104.3
- lúka st.vb.§ 23 (17),§ 85.1,§ 103.2
- lunga n.§ 43
- lúta st.vb.§ 85.1
- lýðr m.§ 27,§ 27.1
- lykill m.§ 22.2 (13)
- lyng n.§ 23 (20)
- lysta sw.vb.§ 102.2
- lǽknir m.§ 26.2
- lǫgr m.§ 28
- maðr m.§ 22.1 (2),§ 22.1 (4.3),§ 29.1,§ 52.1,§ 58.2,§ 146.2
- Magnús prop.§ 26.1
- mál n.§ 17.3
- máni m.§ 37.1
- margr adj.§ 22.1 (9),§ 49
- matr m.§ 27.1
- með präp.§ 107.5,§ 108.8
- mega pp.vb.§ 74.3,§ 92,Abb. 8.8,§ 152
- megin n.§ 35.1
- men n.§ 35.3
- merki n.§ 35.3
- merkja sw.vb.§ 74.1,§ 80.2,§ 134,§ 135
- merr f.§ 31.2
- meta st.vb.§ 88.1
- miðr adj.§ 23 (19),§ 52.4
- míga st.vb.§ 84.1
- mikill adj.§ 49,§ 52.2,§ 105.2
- milli odermillum präp.§ 109.1
- minn det.§ 56,§ 56.1
- minna sw.vb.§ 80.1,§ 102.2,§ 103.5,§ 104.5
- missa sw.vb.§ 103.3
- mjǫðm f.§ 32
- mjǫðr m.§ 28
- mjǫk adv.§ 49
- mjǫl n.§ 35.4
- mjolk f.§ 33.1
- móðir f.§ 33.2,§ 44,Abb. 4.1
- mór m.§ 22.1 (6),§ 26.1
- morginn m.§ 26.1
- mor(g)na sw.vb.§ 101
- morgunn m.§ 26.1
- mót odermóti präp.§ 108.2
- muna pp.vb.§ 74.3,§ 92
- munr m.§ 17.1,§ 27.1
- munu pp.vb.§ 72,§ 74.3,§ 92,Abb. 8.8,§ 138.5,§ 148,§ 148.3
- mús f.§ 23 (17),§ 33.1
- myrkja sw.vb.§ 80.2
- myrkr adj.§ 52.4
- myrkva sw.vb.§ 80.2
- mýrr f.§ 31.2
- mǽla sw.vb.§ 80.1,§ 138,§ 138.1
- mǽr f.§ 31.3
- mǿðask sw.vb.§ 159.3
- mǿði f.§ 41
- mǿta sw.vb.§ 103.2
- mǿtask sw.vb.§ 159
- mǫn f.§ 31.1
- mǫrk f.§ 33.1
- mǫskvi m.§ 37.3
- ná sw.vb.§ 81.1
- nafn n.§ 35.1
- nagl m.§ 22.1 (2),§ 22.1 (4.1),§ 29.1
- nátt f.§ 33.1
- neðri adj.§ 50
- nef n.§ 35.3
- nefna sw.vb.§ 80.1
- nema st.vb.§ 22.1 (3),§ 87.1,§ 104.4
- nes n.§ 35.3
- net n.§ 35.3
- neztr adj.§ 50
- niðr m.§ 26.3
- nítján det.§ 65
- nítjándi det.§ 65
- nítugundi det.§ 65
- níu det.§ 65
- níundi det.§ 65
- níutigi det.§ 65
- njóta st.vb.§ 85.1,§ 103.3
- nýr adj.§ 22.1 (5),§ 48,§ 52.4
- nýra n.§ 43
- nyrðri adj.§ 50
- nyrztr adj.§ 50
- nǽr präp.§ 108.2
- nǽr(r) adv.§ 50
- nǽst adv.§ 50
- nǫkkurr det.§ 58.4
- nǫkkvi m.§ 22.1 (4.3),§ 37.3
- óðal n.§ 35.1
- of präp.§ 107.2
- ógna sw.vb.§ 103.2
- okkarr det.§ 56,§ 56.3
- opinn adj.§ 22.1 (3),§ 22.1 (4),§ 22.1 (4.1),§ 52.3
- opt adv.§ 46,§ 47
- ór präp.§ 108.1
- orð n.§ 35.1
- ormr m.§ 26.1
- ótta f.§ 40.1
- prestr m.§ 26,§ 26.1
- ráða st.vb.§ 90.4
- rauf f.§ 31.1
- reiðr adj.§ 105.2
- reim f.§ 31.1
- reka st.vb.§ 88.1
- rekkja f.§ 40.2
- renna st.vb.§ 86.1
- réttr m.§ 28
- ríða st.vb.§ 84.1
- rigna sw.vb.§ 97,§ 101,§ 136
- ríki n.§ 35.3
- ríkr adj.§ 52.4
- rísa st.vb.§ 84.1
- rjúfa st.vb.§ 85.1
- rjúka st.vb.§ 85.1
- róa gem.vb.§ 93
- rotinn adj.§ 52.3
- rýgr f.§ 31.3
- rǽna sw.vb.§ 22.2 (12),§ 104.4
- rǫdd f.§ 32
- sá det.§ 55,§ 57,§ 67.2,§ 70,§ 116
- sá gem.vb.§ 93
- saga f.§ 22.1 (1),§ 22.2 (15.1),§ 40.1
- sakna sw.vb.§ 103.3
- sál f.§ 32
- salr m.§ 27.1
- samr det.§ 62
- sannr adj.§ 47,§ 52.1
- sár n.§ 17.3
- sátt f.§ 32
- sauðr m.§ 27,§ 27.1
- segja sw.vb.§ 82,§ 98,§ 100,§ 103.1,§ 104.1,§ 138.3
- sekkr m.§ 27.2
- sekr adj.§ 52.4,§ 105.1
- sel n.§ 35.3
- selja sw.vb.§ 74.1,§ 78.2,§ 104.1
- senda sw.vb.§ 22.1 (4.1),§ 53,§ 80.1,§ 103.1
- setja sw.vb.§ 78.2
- sétti det.§ 65
- sex det.§ 65
- sextán det.§ 65
- sextándi det.§ 65
- sextigi det.§ 65
- sextugundi det.§ 65
- síð adv.§ 47
- síðarri adj.§ 50
- síðastr adj.§ 50
- síga st.vb.§ 84.1
- sigla sw.vb.§ 80.1
- sik pron.§ 67.2,§ 96,§ 159
- sinn det.§ 56,§ 56.1
- síra m.§ 37.1
- sitja st.vb.§ 88.1
- sjá st.vb.§ 22.1 (5),§ 22.1 (6.1),§ 22.1 (10),§ 88.4,§ 94.2,§ 95.2,Abb. 8.6,§ 100,§ 103.1,§ 138
- sjá det.§ 55,§ 57,§ 70,§ 116
- sjaldan adv.§ 22.2 (14),§ 47
- sjau det.§ 65
- sjaundi det.§ 65
- sjaut(j)án det.§ 65
- sjaut(j)ándi det.§ 65
- sjautigi det.§ 65
- sjautugundi det.§ 65
- sjóða st.vb.§ 85.1
- sjón f.§ 32
- sjór m.§ 23 (20)
- skafa st.vb.§ 89.1
- skaka st.vb.§ 89.3
- skammr adj.§ 22.1 (4.3)
- skapari m.§ 37.1
- skepja st.vb.§ 89.4
- skepja sw.vb.§ 78.1
- skera st.vb.§ 87.1
- skilja sw.vb.§ 78.2
- skína st.vb.§ 84.1,§ 95.3
- skipa sw.vb.§ 77.1
- skipan f.§ 32
- skipta sw.vb.§ 22.1 (4.1)
- skíra sw.vb.§ 80.1
- Skírnir prop.§ 26.2
- skjalfa st.vb.§ 86.1
- skjalla st.vb.§ 86.1
- skjóta st.vb.§ 22.2 (16),§ 85.1,§ 95.2
- skjǫldr m.§ 16,§ 28
- skorta sw.vb.§ 81.1,§ 100,§ 103.4
- skrá sw.vb.§ 77.3
- skulu pp.vb.§ 72,§ 74.3,§ 92,§ 94.2,§ 138.5,§ 152
- skyldr adj.§ 105.2
- skyn f.§ 31.1
- slá st.vb.§ 89.5,§ 103.1,§ 104.6
- sleppa st.vb.§ 74,§ 74.2,§ 86.1
- slíta st.vb.§ 84.1
- slyngja st.vb.§ 86.1
- slyngva st.vb.§ 86.1
- sløngva sw.vb.§ 80.2
- slǫngva f.§ 40.3
- smár adj.§ 48
- smiðja f.§ 40.2
- smjúga st.vb.§ 85.1
- smjǫr n.§ 23 (20),§ 35.4
- smyrja sw.vb.§ 78.1
- sníða st.vb.§ 84.1
- snjór m.§ 26.3
- snjóva sw.vb.§ 97,§ 101
- snúa gem.vb.§ 93
- sofa st.vb.§ 17.2,§ 87.2,§ 102.1
- sól f.§ 32
- sonr m.§ 28
- sótt f.§ 32
- spá sw.vb.§ 53,§ 77.3
- spakr adj.§ 22.1 (1),§ 46,§ 47,§ 52-1,§ 61,§ 62,§ 63
- spánn m.§ 28
- spara sw.vb.§ 81.1
- speki f.§ 41
- spinna st.vb.§ 86.1
- springa st.vb.§ 22.2 (11),§ 86.1,§ 102.1
- spýja st.vb.§ 85.4
- spyrja sw.vb.§ 78.1,§ 103.1,§ 104.5
- staðr m.§ 27,§ 27.1
- standa st.vb.§ 89.2
- stef n.§ 23 (19),Abb. 3.5
- stela st.vb.§ 87.1
- stengja sw.vb.§ 80.2
- sterkr adj.§ 52.4
- stig n.§ 23 (19)
- stíga st.vb.§ 84.1
- stinga st.vb.§ 86.1
- stjarna f.§ 40.1
- stjórna sw.vb.§ 103.2
- stóll m.§ 22.1 (2)
- stórr adj.§ 48
- strjúka st.vb.§ 85.1
- strǫnd f.§ 33.1
- Sturla prop.§ 40.1
- styggja sw.vb.§ 80.2
- styggr adj.§ 22.1 (4.3),§ 52.5
- styggva sw.vb.§ 80.2
- støkkva st.vb.§ 86.1
- støkkva sw.vb.§ 80.2
- stǫð f.§ 31.4
- stǫðva sw.vb.§ 77.2
- stǫng f.§ 33.1
- súga st.vb.§ 85.2
- sumar n.§ 22.2 (14),§ 35.1
- sumr det.§ 58
- sumra sw.vb.§ 101
- súpa st.vb.§ 17.2,§ 85-1
- súrna sw.vb.§ 102.2
- svá at sbj.§ 153.7
- svala sw.vb.§ 102.3
- svanr m.§ 27.1
- svefn m.§ 102.1
- sveipa st.vb.§ 90.1
- svelga st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- svelgja sw.vb.§ 80.2
- svella st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- svelta st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- sverja st.vb.§ 22.1 (8),§ 89.4,§ 103.3
- Sverrir prop.§ 26.2
- svíkja st.vb.§ 84.3
- svíkva st.vb.§ 84.3
- svima st.vb.§ 87.2
- svimma st.vb.§ 86.2
- svimra sw.vb.§ 102.2
- syðri adj.§ 50
- syfja sw.vb.§ 102.2
- syll f.§ 33.1
- syn f.§ 31.3
- sýn f.§ 32
- sýna sw.vb.§ 74.1,§ 80.1
- sýnask sw.vb.§ 100,§ 102.3,§ 136,§ 139
- syngja st.vb.§ 86.1
- syngva st.vb.§ 17.3,§ 86.1
- synja sw.vb.§ 77.2,§ 104.2
- synnstr adj.§ 50
- sýr f.§ 33.1
- syrgja sw.vb.§ 80.2
- sýsla sw.vb.§ 22.1 (9)
- systir f.§ 33.2,§ 44
- sǽng f.§ 33.1
- sǽr m.§ 23 (20),§ 26.3
- sǽra sw.vb.§ 17.2
- sǽtt f.§ 32
- sǿkja sw.vb.§ 82
- søkkja sw.vb.§ 80.2
- søkkva st.vb.§ 22.1 (4.3),§ 23 (20),§ 74,§ 86.1
- søkkva sw.vb.§ 80.2
- sǿmr adj.§ 48
- sǫk f.§ 22.2 (15.2),§ 23 (18),§ 31.1
- sǫngr m.§ 23 (29),§ 26.3
- tá f.§ 33.1
- taka st.vb.§ 22.2 (13),§ 89.3
- tal n.§ 35.1
- telgja sw.vb.§ 80.2
- telja sw.vb.§ 74,§ 75.2,§ 78,§ 78.1,§ 94.1,§ 96,Abb. 8.7,Abb. 8.9,§ 103.1
- tíð f.§ 32
- tíða sw.vb.§ 102.2
- tigr m.§ 28,§ 65
- til präp.§ 109,§ 109.1
- tími m.§ 37.1
- tíu det.§ 65
- tíundi det.§ 65
- tolf det.§ 65
- tolfti det.§ 65
- tré n.§ 22.1 (6),§ 22.1 (10)
- troða st.vb.§ 87.2
- trúa sw.vb.§ 81.1,§ 103.2,§ 138
- trúr adj.§ 22.1 (5),§ 22.1 (6.1),§ 105.2
- tryggr adj.§ 48
- tunga f.§ 40-1
- tuttugu det.§ 65
- tuttugundi det.§ 65
- tveir det.§ 65,§ 69
- tyggja st.vb.§ 86.1
- tyggva st.vb.§ 86.1
- týna sw.vb.§ 103.2
- tǫng f.§ 33.1
- tǫnn f.§ 33.1
- þagall adj.§ 52.2
- þak n.§ 35.1
- þakka sw.vb.§ 77.1
- þar adv.§ 132.2
- þat det. ▸sá det.
- þáttr m.§ 28
- þegja sw.vb.§ 82
- þekkja sw.vb.§ 22.1 (4.3)
- þekkr adj.§ 105.2
- þér pron.§ 95.5
- þessi det.§ 55,§ 57,§ 70,§ 116
- þiggja st.vb.§ 88-2
- þinn det.§ 56
- þistill m.§ 22.2 (14),§ 26.1
- þit pron.§ 95.5
- þjóna sw.vb.§ 103.2
- þjóta st.vb.§ 85.1
- þó at (þótt) sbj.§ 153.6
- þola sw.vb.§ 81.1
- þora sw.vb.§ 81.1
- þrettán det.§ 65
- þrettándi det.§ 65
- þreyja sw.vb.§ 78.1
- þriði det.§ 62,§ 65
- þrír det.§ 65,§ 69
- þrítugundi det.§ 65
- þrjátigi det.§ 65
- þrjóta sw.vb.§ 103.4
- þrota sw.vb.§ 102.2
- þryngja st.vb.§ 86.1
- þryngva st.vb.§ 86.1
- þrǫngr adj.§ 23 (17),§ 48,§ 52.5
- þú pron.§ 10,§ 22.1 (1),§ 67,§ 67.3,§ 67,§ 95.2
- þumall m.§ 26.1
- þungr adj.§ 48
- þurfa pp.vb.§ 74.3,§ 92
- þúsund f.§ 65
- þvá st.vb.§ 22.1 (8),§ 89.5
- þverra st.vb.§ 86.1
- þykkja sw.vb.§ 22.1 (4.3),§ 82,§ 95.3,§ 102.3,§ 139,§ 152
- þyrsta sw.vb.§ 102.2
- ugga sw.vb.§ 102.2
- ulfr m.§ 26.1
- úlíkr adj.§ 105.2
- ull f.§ 31.1
- um präp.§ 107.2
- umhverfis präp.§ 107.1
- una sw.vb.§ 103.2
- undir präp.§ 107.3,§ 108.4
- ungr adj.§ 10.4,§ 48
- unna pp.vb.§ 74.3,§ 92,§ 103.2,§ 104.2
- útrúr adj.§ 105.2
- úvinligr adj.§ 19.3
- uxi m.§ 37.1
- vaða st.vb.§ 89.1
- vagn m.§ 22.1 (2)
- vaka sw.vb.§ 81.1,Abb. 8.5
- valda gem.vb.§ 103.2
- ván f.§ 32
- vanta sw.vb.§ 102.2
- vara sw.vb.§ 100,§ 102.2,§ 103.5,§ 136
- vára sw.vb.§ 101
- vargr m.§ 26.1
- varr adj.§ 105.1
- várr det.§ 56.2
- vatn n.§ 22.1 (9),§ 23 (18),§ 35.1
- vaxa st.vb.§ 22.2 (14),§ 89.1,§ 95.3,§ 144.1
- vé n.§ 22.1 (10)
- vefa st.vb.§ 87.2
- vefr m.§ 27.2
- vega st.vb.§ 17.1,§ 88.1
- veggr m.§ 27,§ 27.1
- vegligr adj.§ 48
- veiðr f.§ 31.2
- veit f.§ 33.1
- veita sw.vb.§ 104.1
- vel adv.§ 49
- vél f.§ 31.1
- velja sw.vb.§ 78.1
- vella st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- velta st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- venja sw.vb.§ 78.1
- vér pron.§ 67,§ 67.1,§ 95.4
- vera st.vb.§ 6,§ 67.3,§ 88.4,§ 94.2,Abb. 8.6,§ 131,§ 138.2,§ 138.3,§ 138.4,§ 139,§ 152,§ 153.3,§ 155,§ 155.2,§ 160.1
- verða st.vb.§ 22.1 (8),§ 86.1,§ 86.2,§ 160.2
- verðr adj.§ 105.1
- verðr m.§ 28
- verja sw.vb.§ 53,§ 78.1
- verpa st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- versna sw.vb.§ 102.3
- vesall adj.§ 52.2
- vestastr adj.§ 50
- vestri adj.§ 50
- vetr m.§ 29.1
- vetra sw.vb.§ 101
- við präp.§ 107.2,§ 108.9
- víða adv.§ 47
- viðr m.§ 28
- vika f.§ 40.1
- víkingr m.§ 26.1
- víkja st.vb.§ 84.3
- víkva st.vb.§ 84.3
- vili m.§ 23 (19),§ 37.2
- vilja sw.vb.§ 72,§ 78.2,§ 78.3,§ 138.5,§ 152
- vingjǫf f.§ 19.2,§ 19.3
- vinna st.vb.§ 86.1,§ 86.2
- vinr m.§ 19.1,§ 19.2,§ 19.3,§ 20,§ 27.1
- vinsemd f.§ 19.1,§ 19.2
- virða sw.vb.§ 80.1
- víss adj.§ 105.1
- vist f.§ 32
- vit pron.§ 67,§ 67.1,§ 95.4
- vita pp.vb.§ 22.2 (16),§ 74.3,§ 92,§ 95.2,Abb. 8.8,§ 154.3
- vitja sw.vb.§ 103.3
- vitr adj.§ 52.1
- vǽnn adj.§ 48,§ 52.1
- vǽttki pron.§ 68
- vǫllr m.§ 22.1 (2),§ 22.2 (13),§ 23 (18),§ 24,§ 28
- vǫlva f.§ 23 (20),§ 40.3
- vǫndr m.§ 28
- vǫrðr m.§ 28
- vǫttr m.§ 28
- vǫxtr m.§ 28
- yðvarr det.§ 56,§ 56.3
- yfir präp.§ 107.3,§ 108.4
- ykkarr det.§ 56,§ 56.3
- ylgr f.§ 31.3
- ýmiss adj.§ 52.2
- yrkja sw.vb.§ 82,§ 103.1
- ýtri adj.§ 50
- ýztr adj.§ 50
- ǽr f.§ 31.1
- ǽtla sw.vb.§ 138
- ǽtt f.§ 32
- ǽvi f.§ 41
- øfri adj.§ 50
- øfstr adj.§ 50
- øx f.§ 31.2
- ǫkla n.§ 43
- ǫl n.§ 23 (20),§ 35.4
- ǫld f.§ 32
- ǫlpt f.§ 33.1
- ǫnd f.§ 33.1
- ǫr f.§ 31.4
- ǫrk f.§ 33.1
- ǫrn m.§ 28