

DieWarschauer Zitadelle (polnisch: „Cytadela Warszawska“, auch „Cytadela Aleksandrowska“ genannt; russisch: „Александровская цитадель“) ist eine Festung aus dem 19. Jahrhundert inWarschau. Sie wurde in einer Zeit errichtet, in der das Polen beherrschendeRussische Reich gerade das autonomeKongresspolen infolge desNovemberaufstandes von 1830/1831 aufgelöst hatte. Die Zitadelle diente so als Bollwerk der russischen Besatzungsmacht gegenüber Unabhängigkeitsbestrebungen der Polen sowie als Bestandteil (Reduit) der geplantenFestung Warschau und damit auch als Teil einer großräumigen Befestigung (Festung Großraum Warschau) gegen die westlichen GroßmächtePreußen undÖsterreich. Die Zitadelle gehört zu den besterhaltenen Bauwerken ihrer Art in Europa.
Nach der Niederschlagung des polnischen Novemberaufstandes 1830/31 und der gegen die Beschlüsse desWiener Kongresses verstoßenden Abschaffung des Königreiches Polen durch die russischen Machthaber ließ der russische ZarNikolaus I. die gewaltige Anlage ab dem Jahr 1832 bauen. Der russische Generalmajor und MilitäringenieurIwan Dehn leitete die Bauarbeiten.[1]
Die Festung wurde auf der erhöhtenBöschung am Westufer derWeichsel unmittelbar an dieWarschauer Neustadt anschließend errichtet. Das damals wie heute alsŻoliborz bezeichnete Gebiet war bereits besiedelt. Im 16. Jahrhundert gab es hier einen Gutshof „Fawory“ (nach dem dieser Stadtteil zunächst benannt wurde) und im 17. Jahrhundert wurde einKonvikt derPiaristen errichtet. Außerdem befand sich hier die von russischen Truppen genutzte Alexander-Kaserne, vormals die Unterkunft der polnischenGarde der Krone zu Fuß (polnisch: „Gwardia Piesza Koronna“).[2] Am 13. März 1832 entschied Zar Nikolaus I., die vorhandene Kaserne zu einer Zitadelle auszubauen. Neun der in der Kaserne genutzten Gebäude (genannt: Pavillons), der ältere Ordens-Konvikt, ein barockes schlossartiges Gebäude (an der Alea Gwardii) sowie eine Kirche wurden nicht abgerissen, sondern in den Zitadellenneubau integriert. 15.000 Einwohner wurden umgesiedelt.
Die Bauarbeiten begannen am 31. Mai 1832, die Grundsteinlegung erfolgte durch den russischenMarschallIwan Fjodorowitsch Paskewitsch, dem Fürsten von Warschau undStatthalter des Zaren in der später alsWeichselland bezeichneten russischen Provinz.[3] Offiziell wurden die Bauarbeiten am 4. Mai 1834 zum Geburtstag des russischenZarewitschAlexander II., der zu den Eröffnungsfeierlichkeiten anreiste, abgeschlossen. Tatsächlich wurde noch bis 1874 gebaut, bis die Festung fertiggestellt war. In der Hauptbauphase wurden bis zu 2.000 Arbeiter eingesetzt. Die Gesamtkosten für den Bau beliefen sich auf rund 10 Millionen Rubel, einem Gegenwert von etwa 10 Tonnen Gold. Diese Summe musste komplett von der Stadt Warschau[4] und der Vorgängerinstitution der heutigenpolnischen Nationalbank aufgebracht werden – als Strafe für den polnischen Aufstand vom Winter 1830/31.
Auch wenn die Zitadelle eine wichtige Verteidigungsfunktion im westlichen Teil des russischen Reiches übernehmen sollte, war der Zeitpunkt ihres Baues und ihrer Lage (mit direktem Schussfeld auf Warschaus Alt- und Neustadt) ein Element der Einschüchterung und Unterdrückung der polnischen Unabhängigkeitsbewegung des 19. Jahrhunderts. So wurde die Zitadelle von Anfang an nicht nur zur Stationierung russischer Truppen (im Frieden rund 5.000 Mann, während desJanuaraufstandes wurde die Garnisonsstärke auf 16.000 Soldaten erhöht), sondern in erheblichem Umfang als Gefängnis für politische Häftlinge genutzt. Rund um den bis heute erhaltenen und als Museum genutztenX. Pavillon entstanden Gefängnisgebäude, in deren Zellen knapp 3.000 Häftlinge untergebracht werden konnten. In der Zitadelle wie auch an den Hängen zum Weichselufer wurden Hunderte von Häftlingen exekutiert. Ihrem Gedenken ist heute ein symbolischer Friedhof gewidmet.
Die Zitadelle war auch Sitz des Kriegsgerichtes infolge des Aufstandes von 1863/64, während des Prozesses gegen Mitglieder des „Großen Proletariats“ und während derRevolution von 1905 bis 1907.[1] Nach Übernahme der Zitadelle durch polnische Truppen im Jahr 1918 wurden die Gefängnisse geschlossen und Terrain wie vorhandene Gebäude militärischen Zwecken (Kaserne, Lager, Infanterieausbildungsgelände) zugeführt. Während desZweiten Weltkriegs war hier die deutscheWehrmacht stationiert; die Zitadelle diente auch wieder als Gefängnis und Hinrichtungsstätte. Während desWarschauer Aufstandes konnten die deutschen Garnisonstruppen den Zusammenschluss polnischerHeimatarmee-Einheiten der Innenstadt mit denen im Norden der Stadt verhindern. Am 17. Januar 1945 eroberte das 6. Panzerabwehrregiment der nachJan Henryk Dąbrowski benannten 2. Infanteriedivision die Festung zurück.[1]
Die unterDenkmalschutz stehende Zitadelle gehört zu den besterhaltenen Festungen Polens des 19. Jahrhunderts. Auf dem inneren Gelände blieb allerdings nur wenig der ursprünglichen Bebauung erhalten, darunter neben dem X. Pavillon das heutigeHinrichtungstor (polnisch: „Brama Straceń“), welches ursprünglich vermutlich der Zugang zur weichselseitigen Artilleriefeuerstellung war, später als Hinrichtungsplatz genutzt und 1933 zu einer Gedenkstätte umgewandelt wurde sowie drei Gebäude an der Karol Levittoux-Straße.


Der Architekt der Festung, Iwan Dehn, nutzte als Basis für seinen Entwurf der Zitadelle den Bauplan derFestung Antwerpen. Die Warschauer Zitadelle wurde in Form eines Pentagons und aus Ziegelstein errichtet. Die Anlage erstreckt sich über ein Gebiet von 36 Hektar und hatte ursprünglich drei klassizistische Eingangstore: „Wrota Konstantynowskie“ (später „Brama Żoliborska“ genannt), „Wrota Michajłowskie“ (später „Brama Bielańska“ genannt) und „Wrota Iwanowskie“ (später „Brama Straceń“ genannt) auf der Flussseite.
Die Zitadelle verfügte über dreiBastionen zur Westflanke und 2 Halbbastionen je im Norden und Süden der Festung, eineVollkaponniere an der südlichen Halbbastion, zwei Halbkaponnieren an der Weichselböschung gelegenen Ostflanke sowie weitere acht Halbkaponnieren (jeweils zwei sich gegenüberliegende) an der Westflanke, denen zumindest zwei freistehendeKurtinen vorgelagert waren. Diese Festungsbestandteile wurden teilweise erst in den 1850er Jahren errichtet.
Im Jahr 1835 wurde auf der gegenüberliegenden (ostwärtigen) Weichselseite das „Fort Śliwickiego“ als Brückenkopf errichtet. Außerdem wurde die Zitadelle ab 1857 durch fünf vorgeschobene Forts im Westen verstärkt. Diese Forts („Siergieja“, „Gieorgija“, „Pawła“, „Aleksieja“, „Władimira“) waren durch unterirdischePoternen mit der Zitadelle verbunden. In Teilen erhalten sind die Poternen der Forts „Gieorgija“ und „Władimira“. Außerdem wurde die Batteriestellung im Osten der Anlage verstärkt.
Mit Ausnahme der Ostseite wurde die gesamte Zitadelle mit einem trockenen Graben umgeben. Zur Innenseite des Grabens wurde eineEskarpemauer[5] errichtet. Mauer und Graben sind bis heute gut erhalten. Auf der an der „Wrota Konstantynowskie“ errichteten Grabenbrücke wurden Schienen für eineSchmalspurbahn verlegt. In den 1880er Jahren wurde ein viertes Tor errichtet, „Wrota Aleksandrowskie“ (später „Brama Nowomiejska“ genannt).
Die Feuerkraft der Zitadelle war enorm. Im Jahr 1837 befanden sich in der Anlage 217 Kanonen verschiedener Kaliber, 1843 waren es 247, und ab 1863 betrug die Anzahl sogar 555 Stück. Die Reichweite der Waffen betrug rund 1.500 Meter, sie hätten somit die gesamteAlt- und Neustadt Warschaus unter Beschuss nehmen können.
Am 15. Dezember 2008 kündigte das bislang in der Innenstadt untergebrachte WarschauerArmeemuseum eine internationale Architektur-Ausschreibung zu einem Neubau in der Zitadelle an. Das neue Gebäude soll dem Erfolgskonzept desMuseums des Warschauer Aufstandes folgend multimedial ausgestattet sein und befindet sich seit dem Jahr 2018 im Bau. Es wird voraussichtlich 480 Millionen Złoty kosten.[6] Das neue Museum in der Zitadelle wird 20.000 Exponate ausstellen können (in den bisherigen Museumsräumen können nur rund 2.000 Stücke des Bestandes gezeigt werden).[7] Ebenso wird auf der Zitadelle seit 2018 an dem Ausstellungsgebäude für dasMuseum der Geschichte Polens gebaut.
Im Jahr 1937 drehteFritz Peter Buch den Film „Die Warschauer Zitadelle“.[8]Werner Hinz spielte die Rolle des polnischen Patrioten im Kampf gegen die russischen Besetzer.
52.26463820.999447Koordinaten:52° 15′ 52,7″ N,20° 59′ 58″ O