DieEinzelhandelszentralität (oderKaufkraftbindungsquote) ist in derHandelsbetriebslehre eineZentralität, die angibt, ob die in einerGebietskörperschaft vorhandeneKaufkraft derEinwohner dort genutzt wird, an dasUmland abfließt oder aus dem Umland zufließt.
Als Gebietskörperschaft werden einzelneStädte oderLandkreise ab 10.000 Einwohner statistisch gemessen. Die Einzelhandelszentralität wird maßgeblich von derSiedlungsstruktur und dersozio-ökonomischen Entwicklung einerRegion geprägt[1] und stellt dem Kaufkraftpotenzial die Kaufkraftbindung gegenüber. Sie liefert in derHandelswissenschaft Anhaltspunkte für Versorgungsdefizite (Angebotslücke) bzw. Versorgungsüberschüsse (Angebotsüberhang) in einem klar umrissenen Gebiet.
DieZentralitätskennziffer ist ein Begriff, den dieGesellschaft für Konsumforschung (GfK) geprägt hat. Die Zentralitätskennziffer wird in Deutschland von denIndustrie- und Handelskammern errechnet und publiziert.
Die Einzelhandelszentralität ist einevolkswirtschaftliche Kennzahl für eine Gebietskörperschaft (Stadt, Landkreis) und ergibt sich aus der Gegenüberstellung der dort erzieltenUmsatzerlöse desEinzelhandels zu der dort vorhandenen einzelhandelsrelevantenKaufkraft:[2]
Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft ist das verfügbareNettoeinkommen zuzüglich demEntsparen (Entnahme vonSpareinlagen),Transfereinkommen und Aufnahme vonKonsumkrediten, abzüglichSparen undKredittilgung und abzüglich derAusgaben fürAltersversorgung,Brennstoffe,Kraftfahrzeuge,Reisen,Reparaturen,Versicherungsprämien,Wohnung und sonstigeDienstleistungen.[3]
Die zehn größten Einzelhandelsstandorte nach Umsatz wiesen derGfK zufolge in den Jahren 2022, 2023 und 2024 folgende Einzelhandelszentralitäten (EZ) auf:[4][5][6]
| Stadt | EZ 2022 | EZ 2023 | EZ 2024 | |
|---|---|---|---|---|
| 01. | Nürnberg | 125,3 | 122,6 | 119,0 |
| 02. | Dortmund | 114,9 | 112,9 | 111,9 |
| 03. | Köln | 115,2 | 112,7 | 111,8 |
| 04. | Stuttgart | 114,2 | 112,0 | 110,9 |
| 05. | Düsseldorf | 112,1 | 110,4 | 110,1 |
| 06. | München | 112,5 | 110,8 | 109,8 |
| 07. | Region Hannover | 108,5 | 107,5 | 106,4 |
| 08. | Hamburg | 106,6 | 105,9 | 105,3 |
| 09. | Frankfurt am Main | 104,6 | 104,2 | 103,3 |
| 10. | Berlin | 103,8 | 101,6 | 100,1 |
Die höchste Einzelhandelszentralität erreichte 2024 mit 230,4Zweibrücken.[6]
InLudwigshafen am Rhein entwickelte sich der Wert von 91,4 im Jahr 1993 (2001: 95,6; 2005: 98,8) auf 108,5 im Jahr 2009.[7] Während also – nach der Kennzahl charakterisiert – in den 1990er Jahren ein großer Teil der Ludwigshafener Bevölkerung im Umland einkaufte und Ludwigshafen selbst kaum Kaufkraft aus dem ländlichen Umland an sich binden konnte, entwickelte sich die Stadt nun zu einer Einkaufsstadt für die umliegenden Kommunen.
Duisburg wies eine fürGroßstädte geringe Einzelhandelszentralität von etwas über 90 auf. Dort floss früher Kaufkraft in die umliegenden Städte ab. In Erhebungen im Jahre 2020 konnte die Stadt ihren Kaufkraftabfluss wiederum rückgängig machen und eine Einzelhandelszentralität von 103,4 vorweisen.[8]
Umgekehrt liegen die Werte beispielsweise fürTrier bei über 200 und fürSchweinfurt bei über 220 (2016),[9] was diese Städte als wichtige Einkaufszentren für ein weites Umland und bei Trier auch für das benachbarteLuxemburg ausweist.
Die Aussagekraft der Einzelhandelszentralität ist nicht eindeutig. Diese volkswirtschaftliche Kennzahl ist einIndikator dafür, inwieweit es einer Region gelingt, alsMittel- oderOberzentrum auf ihr Umland Kaufkraft zu Gunsten des dort angesiedelten Einzelhandels anzuziehen. Der Indikator bestimmt die Attraktivität einer Stadt oder einer Region als Einzelhandelsstandort. Als attraktiv gilt ein Standort, wenn er mehr Kaufkraft bindet als den Einwohnern zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass bei einer Kennziffer von größer als 100 % Kunden aus dem Umland in die Stadt oder Gemeinde gelenkt werden und der Standort eine Sogwirkung entfaltet. Liegt die Kennzahl unter 100 %, geht örtliche Kaufkraft in das Umland (dort gibt es beispielsweise großeEinkaufszentren) oder an den Versandhandel (Online-Handel) verloren. Die neutrale Kennzahl von genau 100 % sagt aus, dass weder Kaufkraft zufließt noch abfließt.
Allerdings kann eine vergleichsweise kleine Gemeinde mit einem sehr großen Einkaufszentrum eine hohe Einzelhandelszentralität aufweisen. So hatte beispielsweiseEching durch das erste deutscheIKEA-Möbelhaus einen Index von 275,7.[10] Deshalb sind die Indexwerte mit Vorsicht zu beurteilen, denn eine gestiegene Einzelhandelszentralität kann sowohl auf höhereWettbewerbsintensität im Umland als auch auf eine gestiegeneEinwohnerzahl der Gemeinde zurückzuführen sein. Die Einzelhandelszentralität steigt nicht nur bei steigenden Umsatzerlösen, sondern auch, wenn die Kaufkraft infolge von rückläufiger Bevölkerungszahl oder vermindertemEinkommen abnimmt.