Wilhelm Grimm verbrachte seine Jugend inSteinau an der Straße, wohin der VaterPhilipp Wilhelm Grimm 1791 als Amtmann versetzt worden war. Er besuchte dann wie sein Bruder Jacob dasFriedrichsgymnasium inKassel und schrieb sich gleichfalls an derUniversität Marburg ein, wo er beiFriedrich Carl von Savigny Jura studierte. Nach Beendigung seines Studiums lebte er wieder bei der Mutter in Kassel.Asthmatische Beschwerden sowie eine Herzerkrankung hinderten ihn längere Zeit daran, sich um eine feste Anstellung zu bewerben. Seit 1806 sammelte er gemeinsam mit seinem Bruder JacobMärchen, die sie später bearbeiteten und herausgaben. Dabei wurde er u. a. durchWerner undAugust von Haxthausen unterstützt. 1809 unterzog er sich bei dem berühmten ArztJohann Christian Reil einer Kur inHalle (Saale). Bei dieser Gelegenheit wurde er von dem KomponistenJohann Friedrich Reichardt gastfreundlich aufgenommen. MitClemens Brentano reiste er daraufhin nachBerlin; dort lebte er mit diesem und mitAchim von Arnim in dessen Wohnung. Auf der Rückreise nach Kassel traf erJohann Wolfgang von Goethe, der sich lobend über seine „Bemühungen zu Gunsten einer lang vergessenen Kultur“ äußerte. 1813 lernte er bei der FamilieHaxthausen die SchwesternJenny undAnnette von Droste-Hülshoff, die Dichterin, kennen. Beide halfen bei der Sammlung von Märchen und Volksliedern. Mit Jenny verband ihn danach eine lange Brieffreundschaft, auch gibt es Anzeichen dafür, dass eine unerfüllte Liebesbeziehung zwischen ihnen bestand.[1]
Von 1814 bis 1829 war Grimm als Sekretär an der Bibliothek in Kassel angestellt. Am15. Mai1825 heiratete erHenrietta Dorothea Wild. Im April 1826 wurde der Sohn Jakob geboren, der aber im Dezember desselben Jahres starb. 1828 im Januar kam sein zweiter SohnHerman Grimm zur Welt, der später für seine kunstgeschichtlichen Vorlesungen unter Einsatz von Lichtbildprojektion an der Universität von Berlin bekannt wurde. Der dritte Sohn Rudolf wurde im März 1830 geboren. Im Jahr 1832 kam die Tochter Auguste zur Welt.
1831 wurde Wilhelm Grimm Bibliothekar an derUniversität Göttingen, 1835 erhielt er dort eine außerordentliche Professur. Als Mitunterzeichner des Protestes der „Göttinger Sieben“ wurde er – wie auch sein Bruder – 1837 durch den König von Hannover seines Amtes enthoben. Der preußische KönigFriedrich Wilhelm IV. lud beide 1841 nach Berlin, wo sie sich niederließen. Im selben Jahr wurden sie Mitglied derPreußischen Akademie der Wissenschaften. 1841–1846 wohnte die Familie Grimm am Rand des Tiergartens in der kurz vorher angelegtenLennéstraße, Nr.8, 1846/1847 näher zu Akademie, Universität und Bibliothek in derDorotheenstraße Nr. 47 und ab 1847 in der Linkstraße Nr. 7, unmittelbar am damaligen Potsdamer Bahnhof.[2] 1848 gehörte er demVorparlament an.[3] 1852 wurde er zum auswärtigen Mitglied derBayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt.[4] Wilhelm Grimm lehrte bis zu seinem Tod 18 Jahre an derUniversität Berlin und arbeitete dort zusammen mit seinem Bruder an ihremDeutschen Wörterbuch, über das er auf demGermanistentag 1846 in Frankfurt (Main) gesprochen hatte.
Neben der gemeinsamen Arbeit mit dem Bruder konzentrierte sich Wilhelm Grimm bei seinen Forschungen auf die Poesie des Mittelalters, die deutsche Heldensage sowie dieRunenforschung. Zusammen mit seinem Bruder begründete er die germanistischen Altertumswissenschaften, die Runologie[5], die germanistische Sprachwissenschaft und die deutsche Philologie.
Berühmt wurden beide durch ihre SammlungKinder- und Hausmärchen (2 Bände, 1812–1815), an deren Bearbeitung Wilhelm besonderen Anteil hatte, und durch die Arbeit amDeutschen Wörterbuch (ab 1838, 1. Band 1854). DieDeutschen Sagen (2 Bände, 1816–1818) sind ein weiteres großes Sammelwerk der Brüder Grimm. 1839 gab er die Werke seines FreundesAchim von Arnim heraus. Wilhelm Grimm veröffentlichte auch Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen.
„Am 16ten des vorigen Monats starb Wilhelm Grimm, Mitglied der Akademie, der als deutscher Sprachforscher und Sammler deutscher Sagen und Dichtungen einen Namen hellen Klangs hat. Das deutsche Volk ist gewohnt, ihn mit seinem älteren Bruder Jacob Grimm zusammen zu denken und zu nennen. Wenige Männer umfasst es mit so allgemeiner Liebe und Verehrung als die Gebrüder Grimm, die es ein halbes Jahrhundert hindurch in einem Streben und in gemeinsamer Arbeit gekannt hat.“
Ein Teil des Nachlasses von Jacob und Wilhelm Grimm, darunter Briefe von und an die Brüder, verschiedene Manuskriptenkonvolute und vor allem Handexemplare mit handschriftlichen Zusätzen, wird imHessischen Staatsarchiv Marburg verwahrt. Der Bestand ist vollständig erschlossen und überHADIS online recherchierbar.[6]
Heinrich Grimm (* 12. Dezember 1637 inBergen-Enkheim; † 11. September 1713 inDörnigheim) ⚭ 2. Juni 1670 Juliane Marie Pezenius (* 2. Juli 1653 inDillenburg; † 8. Februar 1692 in Hanau)
Friedrich Grimm (der Ältere) (* 16. Oktober 1672 in Hanau; † 4. April 1748 in Hanau) ⚭ II. 27. Oktober 1701 Kunigunde Juliane Hake (* 6. August 1676 inRotenburg an der Fulda; † 8. Dezember 1726 in Hanau)
Friedrich Grimm (der Jüngere) (* 11. März 1707; † 20. März 1777) ⚭ 6. Oktober 1734 Christine Elisabeth Heilmann (* 22. Oktober 1715 inBirstein; † 17. Februar 1754)
Juliane Charlotte Friederike Grimm (* 3. August 1735; † 18. Dezember 1796 in Hanau) ⚭ Jacob Ludwig Schlemmer († 19. April 1785 in Hanau)
Philipp Wilhelm Grimm (* 9. September 1751; † 10. Januar 1796) ⚭ 23. März 1783 Dorothea Zimmer (* 20. November 1755 inKassel; † 27. Mai 1808 in Kassel)
Friedrich Hermann Georg Grimm (* 12. Dezember 1783 in Hanau; † 16. März 1784 in Hanau)
Wilhelm Carl Grimm (* 24. Februar 1786 in Hanau; † 16. Dezember 1859 in Berlin) ⚭ 15. Mai 1825 Henriette Dorothea (Dortchen) Wild (* 23. Mai 1793 in Kassel; † 22. August 1867 in Eisenach)
Jacob Grimm (* 3. April 1826; † 15. Dezember 1826)
Ludwig Emil Grimm (* 14. März 1790 in Hanau; † 4. April 1863 in Kassel)
⚭ 20. Mai 1832 Marie Böttner (* 9. August 1803; † 15. August 1842)
Friederike (Ideke) Lotte Amalia Maria Grimm (* 23. Juli 1833; † 17. Dezember 1914) ⚭ 19. August 1854 Rudolf von Eschwege (* 22. Januar 1821; † 24. November 1875)
⚭ 14. April 1845 Friederike Ernst (* 24. Dezember 1806; † 2. April 1894)
Friedrich Grimm (* 15. Juni 1791 in Steinau; † 20. August 1792 in Steinau)
Karl Hassenpflug (* 5. Januar 1824; † 18. Februar 1890), Bildhauer, verheiratet, kinderlos
Agnes (* 11. Dezember 1825; † 29. Oktober 1829)
Friedrich (* 10. September 1827; † 23. Januar 1892 inBreslau). Oberlandesgerichtsrat in Breslau, verheiratet mit Anna Volmar, Tochter eines Ministerkollegen seines Vaters
Band 1.2:Sagenkonkordanz. Hrsg. von Heinz Rölleke. Stuttgart 2006.ISBN 3-7776-1204-9.
Band 2:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Bartsch, Franz Pfeiffer und Gabriel Riedel. Hrsg. von Günter Breuer, Jürgen Jaehrling und Ulrich Schröter. Stuttgart 2002.ISBN 3-7776-1141-7.
Band 3:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Gustav Hugo. Hrsg. von Stephan Bialas. Stuttgart 2003.ISBN 3-7776-1145-X.
Band 4:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Theodor Georg von Karajan, Wilhelm Wackernagel, Johann Hugo Wyttenbach und Julius Zacher. Hrsg. von Michael Gebhardt, Jens Haustein, Jürgen Jaehrling, Wolfgang Höppner. Stuttgart 2009.ISBN 978-3-7776-1332-1.
Band 5:Briefwechsel der Brüder Grimm mit den Verlegern des «Deutschen Wörterbuchs» Karl Reimer und Salomon Hirzel. Hrsg. von Alan Kirkness und Simon Gilmour. Stuttgart 2007.ISBN 978-3-7776-1525-7.
Band 6:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Rudolf Hildebrand, Matthias Lexer und Karl Weigand. Hrsg. von Alan Kirkness. Stuttgart 2010.ISBN 978-3-7776-1800-5.
Band 7:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Gustav Freytag, Moriz Haupt, Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Franz Joseph Mone. Hrsg. von Philip Kraut, Jürgen Jaehrling, Uwe Meves und Else Hünert-Hofmann. Stuttgart 2015.ISBN 978-3-7776-2487-7.
Band 8:Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Johann Martin Lappenberg, Friedrich Lisch und Georg Waitz. Im Anschluss an Wilhelm Braun und Ludwig Denecke hrsg. von Berthold Friemel, Vinzenz Hoppe, Philip Kraut, Holger Ehrhardt und Roman Alexander Barton. Stuttgart 2022.ISBN 978-3-7776-2625-3.
Zwei Bände der Kasseler Ausgabe (Werke und Briefwechsel der Brüder Grimm):
Briefe, Band 1:Briefwechsel der Brüder Grimm mit Herman Grimm (einschließlich des Briefwechsels zwischen Herman Grimm und Dorothea Grimm, geb. Wild). Hrsg. vonHolger Ehrhardt, Kassel/Berlin 1998.ISBN 3-929633-63-9.
Briefe, Band 2:Briefwechsel der Brüder Grimm mit Ludwig Hassenpflug (einschließlich der Briefwechsel zwischen Ludwig Hassenpflug und Dorothea Grimm, geb. Wild, Charlotte Hassenpflug, geb. Grimm, ihren Kindern und Amalie Hassenpflug). Hrsg. vonEwald Grothe, Kassel/Berlin 2000.ISBN 3-929633-64-7.
Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen übersetzt von Wilhelm Carl Grimm. Mohr und Zimmer, Heidelberg 1811. (Digitalisat auf grimm-portal de, abgerufen am 26. Oktober 2025)
mitJacob Grimm:Kinder- und Haus-Märchen. Gesammelt durch die Brüder Grimm. Realschulbuchhandlung, Berlin 1812/1815Band 1,Band 2, jeweils Digitalisat und Volltext imDeutschen Textarchiv.
mit Jacob Grimm:Deutsche Sagen. 2 Bände. Nicolaische Buchhandlung, Berlin 1816–1818.
mit Jacob Grimm:Deutsches Wörterbuch. 33 Bände. Leipzig 1854–1984; Neudruck 1984.
Jacob Grimm über seine Entlassung [12. bis 16. Januar 1838]. Mit einem Nachwort vonNorbert Kamp und einer editorischen Notiz von Ulf-Michael Schneider. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985 (=Göttinger Universitätsreden. Band 74),ISBN 3-525-82626-5.
Monika Köstlin:Im Frieden der Wissenschaft. Wilhelm Grimm als Philologe. Stuttgart 1993.
Bernd Heidenreich,Ewald Grothe (Hrsg.):Kultur und Politik. Die Grimms. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2003; 2. Aufl. 2008.
Peter Gbiorczyk:Wirken und Wirkung des reformierten Theologen Friedrich Grimm (1672–1748). Religiöse Traditionen in der Familiengeschichte bis zu den Brüder Grimm. Shaker, Aachen 2013,ISBN 978-3-8440-2226-1, S. 200–211.