Anand, der auch als „Tiger von Madras“ bekannt ist, erlernte dasSchachspiel als Sechsjähriger von seiner Mutter. Ein Jahr später trat er einem Schachklub bei. Das Schachfieber erfasste ihn, als er ein Jahr darauf zu seinem beruflich inManila tätigen Vater auf diePhilippinen zog, wo 1978 derWeltmeisterschaftskampf zwischenAnatoli Karpow undViktor Kortschnoi stattfand und eine Welle der Schachbegeisterung auslöste.
Nachdem Anand nach Indien zurückgekehrt war, setzte seine Erfolgsserie ein: 1983 gewann er die indischen Jugendmeisterschaften U16 und U19 und schaffte die Qualifikation zur Erwachsenenmeisterschaft, die ein Jahr darauf stattfand. Nachdem er dort einen guten vierten Platz belegt hatte, wurde Anand in die indische Nationalmannschaft berufen, mit der er 1984 bei derSchacholympiade inThessaloniki spielte. Mit 7,5 Punkten aus elf Partien schnitt der erst 14-Jährige schon damals gegen eine sehr starke Gegnerschaft respektabel ab. Im selben Jahr gewann Anand die asiatische Jugendmeisterschaft inCoimbatore und wiederholte diesen Sieg ein Jahr darauf. 1985 verlieh ihm dieFIDE als bis dahin jüngstem Spieler aus Asien den TitelInternationaler Meister. 1986 gewann Anand die Meisterschaft Indiens und wurde zum jüngsten Landesmeister in Indien bis dato, den Titel des Landesmeisters konnte er noch zweimal wiederholen. 1987 wurde erJuniorenweltmeister U20. Im Dezember des gleichen Jahres wurde er aufgrund zweier Normen bei Turnieren in Neu-Delhi und CoimbatoreGroßmeister. Anand wurde der erste Schachgroßmeister Indiens. Den Titel verlieh ihm die FIDE offiziell im April 1988.[4][5]
BeimInterzonenturnier vonManila 1990 gelang ihm die Qualifikation zumKandidatenturnier. Anand schaltete im Achtelfinale, ausgetragen 1991 in seiner HeimatstadtMadras, den RussenAlexei Drejew mit 4,5:1,5 (+4 =1 −1) aus und stieß im Viertelfinale auf Ex-Weltmeister Anatoli Karpow, dem er inBrüssel 1991 knapp mit 3,5:4,5 (+1 =5 −2) unterlag. 1992 gelangen ihm herausragende Turniersiege inReggio nell’Emilia (vorGarri Kasparow und Anatoli Karpow) undMoskau. Er besiegte im selben Jahr in einem Wettkampf inLinares den UkrainerWassyl Iwantschuk mit 5:3 (+3 =5 −1).
Im Jahr 1993 gelang Anand die Qualifikation (beim Interzonenturnier inBiel) zum FIDE-Kandidatenturnier erneut. Ebenso beimPCA-Turnier inGroningen für die Kandidatenkämpfe dieser Konkurrenzorganisation (Anand siegte gemeinsam mitMichael Adams mit je 7,5 aus 11). Die Teilnahme an beiden Kandidatenturnieren war mit enormen Strapazen verbunden: Anand gewann im PCA-Zyklus im Viertelfinale gegen den UkrainerOleh Romanyschyn inNew York 1994 mit 5:2 (+3 =4 −0) und im Halbfinale in Linares 1994 gegen Michael Adams mit 5,5:1,5 (+4 =3 −0).
Beim FIDE-Kandidatenturnier 1994 inWijk aan Zee schaltete er in der 1. RundeArtur Jussupow mit 4,5:2,5 (+3 =3 −1) aus, unterlag aber im Halbfinale inSanghi NagarGata Kamsky mit 4:6, nachdem der Wettkampf regulär 4:4 (+2 =4 −2) geendet und Kamsky die entscheidenden Schnellschachpartien 2:0 gewonnen hatte. 1995 trafen beide Spieler im Finale des PCA-Kandidatenturniers inLas Palmas nochmals aufeinander: Diesmal siegte Anand mit 6,5:4,5 (+3 =7 −1) und wurde Herausforderer des Russen Garri Kasparow.
DerWeltmeisterschaftskampf 1995 fand unter dem Ausrichter PCA im Südturm des früherenWorld Trade Centers in New York City statt. Anand, der nach zunächst achtRemis in der neunten Partie in Führung ging, unterlag Titelverteidiger Kasparow nach 18 Partien mit 7,5:10,5 (+1 =13 −4). 1996 gewann Anand gemeinsam mitWladimir Kramnik dasTraditionsturnier inDortmund, ein Jahr darauf, ebenfalls geteilt mit Kramnik, inDos Hermanas. 1997 gelang ihm bei der neu eingerichteten KO-Weltmeisterschaft der FIDE in Groningen ein glänzender Sieg (er besiegte im FinaleMichael Adams), doch bedeutete dieser erste Platz nur die Qualifikation zum Wettkampf mit dem amtierenden FIDE-Weltmeister Anatoli Karpow. Der Wettkampf fand bereits drei Tage später im Januar 1998 inLausanne statt und endete regulär 3:3 (+2 =2 −2), doch im Schnellschachstechen erwies sich Karpow als weniger müde und besiegte Anand, der ein kraftraubendes Turnier in Groningen gespielt hatte, mit 2:0.[6] Die FIDE änderte nach Protesten das Reglement und ließ den Titelverteidiger bei den nächsten Veranstaltungen schon in der ersten Runde antreten. 1998 gewann Anand, wieder geteilt mit Kramnik, das Traditionsturnier von Wijk aan Zee. 1999 besiegte er Karpow in einem computerunterstützten Wettkampf inLeón mit 5:1 (+4 =2 −0).
Bei derFIDE-Weltmeisterschaft 2000 inNeu-Delhi gelang Anand sein bis dahin größter Erfolg: Nach Beendigung der langwierigen K.-o.-Wettkämpfe stand er gemeinsam mitAlexei Schirow als Finalist fest. Wenige Tage später besiegte er den Spanier im Finalmatch, ausgetragen inTeheran, mit 3,5:0,5 und wurde FIDE-Weltmeister.
2001 gewann er das Turnier inMérida. Bei der FIDE-WM 2001/02 in Moskau konnte er aber seinen Titel nicht verteidigen: Im Halbfinale schied er gegenWassyl Iwantschuk mit 1,5:2,5 (+0 =3 −1) aus, womit er nach Iwantschuks Finalniederlage gegenRuslan Ponomarjow im Januar 2002 den Titel an ebendiesen verlor. 2002 gewann er inHyderabad denFIDE World Cup (durch einen 1,5:0,5-Finalsieg überRustam Kasimjanov). 2003 gewann er inCap d’Agde die offizielleFIDE-Schnellschach-Weltmeisterschaft. Im selben Jahr gewann er in Wijk aan Zee. 2004 wiederholte er diesen Sieg und gewann auch in Dortmund.[7] 2005 wurde er Zweiter in Wijk aan Zee und inSofia. Er wurde beim FIDE-Weltmeisterschaftsturnier inSan Luis (Argentinien) 2005, das als doppelrundiges Achterturnier ausgetragen wurde, geteilter Zweiter hinter dem BulgarenWesselin Topalow. Anand erzielte, ebenso wie der RussePjotr Swidler, 8,5 aus 14. In das Jahr 2006 startete er mit einem Turniersieg (geteilt mit Topalow) in Wijk aan Zee. Auf der April-Weltrangliste 2006 der FIDE rangiert Anand mit einerElo-Zahl von über 2800. Diese Marke durchbrachen vor ihm nur drei Spieler: die RussenGarri Kasparow undWladimir Kramnik sowie der Bulgare Wesselin Topalow.
Als Spezialität Anands gilt dasSchnellschach. Er spielte in seiner Jugend auch seine Turnierpartien in atemberaubendem Tempo, wofür er in Indien den Spitznamen „Lightning Kid“ erhalten hat. Besonders beeindruckend ist seineSiegesserie beim Schnellschachturnier der Chess Classic, das bis zum Jahr 2000 inFrankfurt am Main stattfand und seit 2001 inMainz ausgetragen wird. Heute gilt der Sieger dieses Turniers, das oft die Form einesZweikampfs hatte, als inoffiziellerSchnellschach-Weltmeister. Außer in den Jahren 1996, 1999 und 2009 gewann Anand es jedes Jahr, im Jahr 2008 schon das neunte Mal in Serie und mit den Siegen von 1997 und 1998 das insgesamt elfte Mal. Seit 2006 wird dieses Schnellschachturnier von einem Finanzunternehmen öffentlich als Weltmeisterschaft betitelt und gesponsert. Mit dem FIDE-Schnellschach-Weltmeistertitel aus dem Jahr 2003 und seinen 11 Schnellschach-Turniersiegen bzw. Titelverteidigungen bei der Frankfurt Chess Classic und der Chess Classic Mainz ist Anand zwölffacher Weltmeister im Schnellschach; Anfang August 2009 aber holte sichLewon Aronjan diesen Titel.
Anand mit der Sieg-Trophäe nach der Schachweltmeisterschaft 2008
2007 gewann er das Traditionsturnier vonMorelia/Linares (acht Teilnehmer, doppelrundig) mit 8,5 Punkten aus 14 Partien. Bei zwei weiteren Turnieren inWijk aan Zee (5. Platz) und Dortmund (4. Platz) schnitt Anand gut ab, war aber jeweils hinter Weltmeister Kramnik platziert. ImWM-Turnier vonMexiko-Stadt (13. bis 29. September 2007) siegte Anand mit 9,0 Punkten aus 14 Partien vor dem Zweitplatzierten Wladimir Kramnik und erreichte den Höhepunkt seiner Karriere: Durch seinen Sieg bestieg Anand den Gipfel der wiedervereinigten Schachwelt, löste Wladimir Kramnik ab, und wurde 15.Schachweltmeister in Kontinuität seit Wilhelm Steinitz.
Nach seinem geteilten dritten Platz im ersten „Super-GM-Turnier“ des Jahres 2008, in Wijk aan Zee im Januar, wiederholte Anand seinen Vorjahreserfolg in Morelia und Linares: mit 8,5 Punkten aus 14 Partien gewann er mit einem halben Zähler vorMagnus Carlsen. Im Oktober 2008 verteidigte Anand seinen Weltmeistertitel durch einen 6,5:4,5-Sieg bei derSchachweltmeisterschaft 2008 inBonn gegen Wladimir Kramnik. Bei derSchachweltmeisterschaft 2010 inSofia verteidigte er gegen Wesselin Topalow seinen Titel mit 6,5:5,5. Bei derSchachweltmeisterschaft 2012 inMoskau gelang die Titelverteidigung gegenBoris Gelfand nach 6:6 in den regulären Partien erst imSchnellschach-Tie-Break mit 2,5:1,5.
Im November 2013 spielte er in seiner Heimatstadt Chennai, dem früheren Madras, einenWeltmeisterschaftskampf gegen den HerausfordererMagnus Carlsen, in dem er seinen Titel verlor.
Im März 2014 stand Anand nach der 13. Runde von 14 Runden desKandidatenturniers Chanty-Mansijsk 2014 als alleiniger Gewinner fest. Er konnte darum imNovember 2014 erneut gegen den amtierenden WeltmeisterMagnus Carlsen antreten. Anand blieb während des gesamten Kandidatenturniers ungeschlagen und entschied das Turnier mit 3 Siegen und 11 Remis für sich (Wertung: +3). Durch dieses Ergebnis gelang Anand wieder eine Verbesserung des Elo-Ratings um 15 Punkte auf 2785 Punkte im April 2014, das ihn zur neuen Nr. 3 der Weltrangliste machte. Im November 2014 scheiterte Anand bei derSchachweltmeisterschaft 2014 gegen den amtierenden Weltmeister Magnus Carlsen nach der elften von zwölf angesetzten Partien mit 4,5:6,5 Punkten.
Der frühere Titelträger Anand gründete 2019 gemeinsam mit einer Unternehmensberatung eine Schachakademie in Indien. Neben dem jungen WeltmeisterD. Gukesh wurden dort Stand 2024 auch der WeltranglistendritteArjun Erigaisi sowie die GeschwisterR. Praggnanandhaa undR. Vaishali gefördert. Seit 2002 ist Anand Vizepräsident des Weltverbands FIDE.
Anand nahm mit der indischen Nationalmannschaft an denSchacholympiaden1984 (am vierten Brett),1986,1988,1990,1992,2004,2006 und2018 (jeweils am Spitzenbrett) teil. 2004 erreichte er die zweitbeste Elo-Leistung aller Spieler.[9] Bei der asiatischen Mannschaftsmeisterschaft 1986 inDubai landete Anand mit der indischen Mannschaft auf dem zweiten Platz und erreichte das beste Einzelergebnis am vierten Brett, drei Jahre später aufGenting Highlands erreichte er mit der Mannschaft den dritten Platz und gewann die Einzelwertung am Spitzenbrett.[10]
Seit derSaison 2002/03 spielt Anand in der deutschenSchachbundesliga bei derOSG Baden-Baden und wurde mit dieser2007,2008,2009,2010,2012,2014,2017,2018 und2019 deutscher Mannschaftsmeister. 2007 nahm er mit Baden-Baden amEuropean Club Cup teil.[11] In Ungarn ist Anand beiAquaprofit NTSK gemeldet, kam allerdings erst einmal beim Titelgewinn in derSaison 2009/10 zum Einsatz. In Frankreich spielte Anand früher beiLyon-Oyonnax, mit dem er 1993 und 1994 den European Club Cup gewann,[11] in derSaison 2003/04 spielte er fürCannes Echecs.1998 und 1999 nahm er mitAgrouniverzal Zemun am European Club Cup teil und erreichte dabei 1999 den zweiten Platz.[11]
Anand galt in seiner Jugendzeit als Ausnahmetalent. Er verfügt über eine rasche Auffassungsgabe und einintuitives Verständnis für die wesentlichen Merkmale einer Stellung. Anfangs kostete es ihn Mühe, sich ganz auf Schach zu konzentrieren und systematisch an der Verbesserung seines Spiels zu arbeiten. Noch 1992 schien dieEndspieltechnik nicht zu seinen starken Seiten zu zählen.[12] Im Laufe seiner Karriere reifte sein Stil, sodass er heute als Spieler gilt, der in keiner Partiephase offenkundige Schwächen aufweist. SeineEröffnungsvorbereitung ist auf einem hohen Niveau, wobei er nicht auf bestimmte Systeme festgelegt ist und seine Gegner mit unerwarteten Varianten überraschen kann. Er ist ein guter Rechner, siehttaktische Wendungen sehr schnell und kommt daher nur selten inZeitnot. Aber auchstrategische Stellungen und technische Endspiele behandelt er stark, sein Stil kann daher als universell bezeichnet werden.[13]
Seit Juni 1996 ist Anand mit Aruna (* 1975) verheiratet und wird von ihr gemanagt. Er fördert Schachschulen in Indien, unterstützt Sozialprojekte und istBrahmane. 2005 sammelte er beispielsweise Spenden für eine Organisation, die sich gegenKinderlähmung einsetzt.[15] Anand spricht mehrere Sprachen fließend, darunter auch Spanisch und Deutsch.[16] 2011 bekam das Paar einen Sohn.