

Einvariabler Tarif oderdynamischer Tarif[1] (englischDynamic Pricing, „dynamische Preisgestaltung“) ist ein Tarifmodell, das verschiedeneStrompreisstufen, zeit- oder lastabhängig, in einem Tarif vereint. Ab dem 1. Januar 2025 ist das Angebot solcherTarife verpflichtend, wenn der Letztverbraucher einintelligentes Messsystem hat (EnWG § 41a).
Private Haushalte tragen durch einen dynamischen Stromtarif das Risiko der Preisschwankungen am Strommarkt. Dieses zeichnet sich im Tagesverlauf sehr häufig durch regelmäßige Spitzenpreise um acht und neunzehn Uhr aus. Darüber hinaus können auch durch Wetterverhältnisse und andere Marktschwankungen über Tage oder Wochen insgesamt zu größeren Preisschwankungen führen. Diese Schwankungen liegen im Tagesverlauf häufig im Bereich um die 30 %. Sich an diesen Schwankungen zu orientieren und größere Stromverbraucher entsprechend zeitlich zu verschieben ist grundsätzlich möglich, im praktischen Einsatz aber meist recht aufwändig. Im optimalen Fall wird dies durch die Anbindung der Gerätesteuerung an die dynamischen Tarifdaten für den Tag ermöglicht. Voraussetzung ist aber eine gewisse Flexibilität bezüglich des Verbrauchszeitraums.
Wenn vorhanden, stellen besonders Elektroautos (bzw. deren Ladezyklen) meist den höchsten Stromverbrauch und Leistung in einem Haushalt dar. Sie eignen sich auch deshalb besonders, da diese Autos meist selbst hochmoderne Ladesteuerungen beinhalten, die verwendete Wallbox ggf. steuerbar ist, oder der Stromanbieter selbst diese Steuerung übernehmen kann. Meist existieren hier sogar mehrere alternative Apps aus diesen Bereichen. Hierbei ist es häufig ausreichend, die billigsten Stunden zu nutzen und auf eine tägliche volle Akkuladung zu verzichten. Je weniger Stunden genutzt werden müssen, um die Fahrleistung zu gewährleisten, umso besser lassen sich Kostenvorteile aus den dynamischen Strompreisen ausnutzen.
Strombetriebene Heizungen (Wärmepumpen) können ebenso den größten Verbraucher im Haushalt darstellen. Die Leistung ist im Bereich von wenigen Kilowatt meist erheblich geringer als die einer Wallbox. Im Winter ist die Einsatzflexibilität der Wärmepumpe für Heizung und Warmwasser nicht so hoch, dennoch kann sie theoretisch meist für die zwei teuersten Tagesphasen jeweils ein bis drei Stunden pausieren, um die Spitzenpreise zu vermeiden. Die Steuerbarkeit oder Anbindung an die Stromtarife ist aber selten gegeben.
Weitere Verbraucher wie Spül- und Waschmaschinen neuerer Bauart sind auch steuerbar und können ihren Start auf günstige Stunden selbst verzögern. Allerdings ist ihr Verbrauch im Vergleich zu Wärmepumpen oder E-Autos nicht hoch. Bei anderen großen Verbrauchern wie E-Herd, Mikrowelle oder Backofen fehlt es meist an der Einsatzflexibilität.
Eine besonders hohe Flexibilität gewinnt ein Haushalt durch die Pufferung des Verbrauchs durch Akkus. Wenn diese beispielsweise für die Photovoltaik-Anlage bereits vorhanden sind und der Verbrauch durch PV-Strom nicht gedeckt werden kann, ist die Aufladung der Akkus aus dem Netz zu den günstigsten Stunden insgesamt eine gute Option. Selbst bei Haushalten mit sehr hohem Stromverbrauch (Wärmepumpe im Winter), lassen sich auch hier die teuren Stunden weitgehend vermeiden.
Hausautomatisierung, offene Schnittstellen und Open Source Ladesteuerungen können für technisch versierte Haushalte weitere Einsatzmöglichkeiten zur Ausnutzung von dynamischen Strompreisen bieten.
Bei Schwankungen über Tage oder länger überwiegt das Preisrisiko auf Kundenseite.
Variable Tarife verfolgen die Ziele:
Die Modifikation des üblichenLastprofils kann langfristig (bis hin zu permanent), mittelfristig oder kurzfristig erfolgen. Möglichkeiten der Lastgangmodifikation sind:
Mittels lastvariablen Tarifen können Effekte wie die ökonomische Optimierung des Kraftwerkparks und derStromnetze, die Reaktion auf außergewöhnliche Marktereignisse, die Integrationfluktuierender Erzeugung undNetzschutz erzeugt werden.
Variable Tarife, die darauf abzielen, den Lastgang zu modifizieren, wirken indirekt energiesparend. Zum Beispiel können durch eine Lastverlagerung von Spitzenlast- in Schwachlastzeiten (oder in Zeiten mit Erzeugungsüberschuss) die Einspeisung erneuerbarer Energien besser genutzt und negative Preise imStromhandel vermieden werden. Weiterhin wird dadurch dieResiduallast nach Abzug der erneuerbaren Einspeisung geglättet und damit ein gleichmäßigererEinsatz der konventionellen Erzeugung und damit auch ein besserer Wirkungsgrad erreicht.
Ein angepassterer Lastgang und somit gleichmäßigerer Strompreis über die Tageszeit fördert auch den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien, weil sonst die Erzeuger imStromhandel künftig immer weniger Erträge erzielen wenn Wind oder Sonne verfügbar sind.[2] Ohne eine deutliche Flexibilisierung von konventionellen Kraftwerken und der Stromnachfrage werden die Stunden mit negativen Strompreisen drastisch zunehmen. Dies hätte zur Folge, dass zum einen hohe Mengen an Erneuerbaren Energien, die in der Direktvermarktung sind, abgeregelt würden. Zum anderen würde die EEG-Umlage deutlich ansteigen, da die Übertragungsnetzbetreiber negativeVerkaufserlöse bei der Vermarktung der Erneuerbaren-Energien-Strommengen in diesen Stunden hätten und es zu steigenden Differenzenkosten bei den Erneuerbare–Energien-Anlagen käme, die in der Direktvermarktung sind. Beides ist aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ineffizient.[3]
Die Marktbeteiligung zielt auf die direkte Beteiligung der Privatkunden amEnergiemarkt ab. Entsprechend gibt es Tarife, die neben einer fixen Grundgebühr den Stromverbrauch einer Stunde zum Börsenstrompreis für diese Stunde abrechnen. Das ist mit Chancen aber auch Risiken verbunden, die dem Energiemarkt innewohnen. Der Stromkunde trägt die Risiken hoher Börsenstrompreise.
Für dieElektrizitätsversorgungsunternehmen bedeuten die kurz- und mittelfristigen Zielvorgaben eine Risikominimierung in der Beschaffung, da die Beschaffungskosten schneller an die Privatkunden weitergegeben werden können. Für die Kunden beinhalten diese Maßnahmen jedoch eine erhöhteMarkttransparenz und eine partielle Kostensenkung.
Die Marktbeteiligung als primäre Zielsetzung kann eine Beeinflussung des Lastgangs nach sich ziehen. Da aber der Fokus der Energieversorger innerhalb dieser Zielsetzung auf die Marktbeteiligung der Kunden abzielt, hat die Beeinflussung des Lastgangs nur einen sekundären Stellenwert.
Individualisierung meint die Ausrichtung des Tarifs auf spezielle Bedürfnisse von Kundensegmenten oder auf spezifische Lastgänge.
Die Tarifmodelle zur Individualisierung stellen zeitvariable Tarife in Kombination mit Events, spezifischen Energiemerkmalen und Zahlungs-/Vertragsmerkmalen dar. Die Individualisierung von Tarifmodellen bezweckt die Kundenbindung respektive deren Neugewinnung, Margenerhöhung für die Energieversorgungsunternehmen und Kostensenkung für Privatkunden.
Ob variable Tarife effizient sind bzw. ob sie überhaupt Wirkung erzielen, hängt unter anderem von den Kunden ab. Nehmen Kunden die tariflichen Angebote nicht wahr, die zum Beispiel eine Lastverlagerung zum Ziel haben, wird sich die Last im angestrebten Zeitraum nicht verlagern. In zahlreichen Feldexperimenten in verschiedenen Ländern konnte gezeigt werden, dass viele Haushaltskunden auf variable Preise reagieren.[4]
Andererseits nehmen die Tarifmodellierungen ebenso Einfluss auf die Wirksamkeit. Stellen sie Angebote dar, die nicht auf den Privatkunden zugeschnitten sind, wird dieser sie voraussichtlich nicht akzeptieren (Vgl. Kundensegmentierung bei Stromtarifen). Abhängig von ihrem Verbrauchsprofil und ihrer Preiselastizität können Kunden unter verschiedenen Tarifen unterschiedliche Einsparungen erzielen.[5][6] Insbesondere das Laden vonElektroautos lässt sich gut in Zeiten mit niedrigem Börsenstrompreis verschieben. Einige Wallboxen haben diese Funktion bereits integriert.[7]
Bei Gewerbe- und Industriekunden mit größerem Stromverbrauch liegt das Potenzial derzeit noch deutlich höher als bei Privatkunden. Wenn Kunden einen sehr flexiblen Verbrauch haben, konnten sie schon 2015 ihren Stromverbrauch auf Basis viertelstündlicher Strompreissignale anpassen und damit die eigenen Stromkosten senken.[8] Ein Beispiel hierfür sind Deiche, die mit Hilfe von Pumpen regelmäßig trockengelegt werden müssen. Die Pumpen müssen nicht durchlaufen, sondern können ihren Stromverbrauch auf die Stunden und Viertelstunden verschieben, in denen der Strom sehr günstig ist.[9]
Mit dem 2008 in Kraft getretenenGesetz zur Öffnung des Messwesens bei Strom und Gas für Wettbewerb[10] wurden ab 1. Januar 2010 bei Zähler-Renovierung oder -Neueinbau gesetzlich Messeinrichtungen verpflichtend, die „den tatsächlichen Energieverbrauch und die tatsächliche Nutzungszeit widerspiegeln“ (sogenannteIntelligente Zähler undmoderne Messeinrichtungen). Für Stromanbieter eröffnen die neuen Messeinrichtungen die technische OptionLetztverbrauchern „lastvariable oder tageszeitabhängige Tarife“ anzubieten; ab dem 1. Januar 2025 ist das Angebot solcherdynamischen Tarife verpflichtend, wenn der Letztverbraucher ein intelligentes Messsystem hat (EnWG § 41a).
EinigeStromanbieter nutzen bereits vor dem Stichtag diese vom Gesetzgeber geschaffene Innovation, mit dem Angebot von Tarifen, die den Endverbraucher in die Lage versetzen, sein Verbrauchsverhalten an die Stromerzeugungssituation undStrombörsenpreise anzupassen, zu profitieren:
| Unternehmen | Zahl der Kunden |
|---|---|
| aWATTar | ? |
| EnBW | 5.500.000[11] |
| E.ON | ? |
| GASAG | ? |
| Naturstrom AG | ? |
| Rabot Energy | 150.000[12] |
| Tibber | 100.000 |
| Ostrom | ? |
| Yello | 900.000[13] |
Mitte 2023 befinden sich in Deutschland ungefähr 500.000 Energiekunden in einemdynamischen Stromtarif (Stand: 2023)[14].