AlsUniversalgelehrter wird einGelehrter mit ungewöhnlich vielseitigen Kenntnissen in verschiedenen Gebieten derWissenschaften bezeichnet. Ein verwandter Begriff, der in der Antike gelegentlich als ehrender Beiname eines Gelehrten – zum Beispiel des GrammatikersLucius Cornelius Alexander Polyhistor – verwendet wurde, istPolyhistor (vonaltgriechischπολυΐστωρpolyhístōr, deutsch‚viel wissend, gelehrt‘).[1] Ab dem späten 17. Jahrhundert bezeichnet aberPolyhistorie die fächerübergreifende, philologisch-historische Gelehrsamkeit. Bereits in der Antike hattenPolyhistorie und die synonymePolymathie oft den negativen Beiklang einer reinen Vielwisserei und derBuntschriftstellerei.[2]
Während daslateinischegenius universalis („universaler Geist“) weitgehend dieselbe Bedeutung hat, enthält der moderne BegriffUniversalgenie den Aspekt, dass der Gelehrte auf verschiedenen Gebieten außergewöhnliche Leistungen odergeniale Erfindungen hervorgebracht hat.[3]
Der altägyptische Erfinder und RatgeberImhotep gilt als erster namentlich genannter Universalgelehrter (ca. 2700 v. Chr.). Als Beispiel für einen Universalgelehrten aus der griechischenAntike lässt sichAristoteles nennen, dessen Werke bis in die frühe Neuzeit maßgebend waren. In derrömischen Antike ist der bedeutendste UniversalgelehrtePlinius der Ältere, als bekanntestes Beispiel eines Polyhistors wäreMarcus Terentius Varro zu nennen.
Beispiele für vielseitige Autoren im orientalischen Kulturkreis sind zunächst der PerserIbn Sina (um 980–1037), im Westen als Avicenna bekannt, der als herausragende wissenschaftliche Persönlichkeit seiner Zeit gilt, der SyrerIbn an-Nafis aus dem 13. Jahrhundert, Entdecker desLungenkreislaufs und Verfasser eines religionsphilosophischen Romans, sowie der Kairoer Gelehrteas-Suyūtī (1445–1505), der in seinem Werk beinahe alle Wissenszweige behandelte, von derKoranauslegung überFiqh,Hadith-Wissenschaft, Literatur, Lexikographie, Geschichte, Geographie, bis hin zu Pharmazie und Erotica.
Albertus Magnus, der Aristoteles im 13. Jahrhundert wieder im Abendland bekannt machte, war ein mittelalterlicher christlicher Universalgelehrter. Er war nicht nur Theologe und Philosoph, sondern in sämtlichen Bereichen der Naturforschung gebildet. Als Universalgelehrter des 16. Jahrhunderts ist der Schweizer GelehrteConrad Gessner zu bezeichnen.
Seit dem 19. Jahrhundert, zu nennen ist hier etwaCharles Thomas Jackson,[5] ging die Zahl der Universalgelehrten zurück, weil das Wissen der Fachgebiete in gewaltigem Ausmaß zunahm. Heutzutage ist es den Gelehrten kaum mehr möglich, auch nur das Wissen einer einzigenDisziplin wie Geschichte oder Mathematik vollständig zu überblicken. Die Wissenschaft ist von einer immer stärkeren Spezialisierung der Fachgebiete und derFachleute geprägt. Aus diesem Grund gibt es heute keine Universalgelehrten im ursprünglichen Sinne. Man spricht heute eher vonUniversalisten oderGeneralisten – Menschen, die sehr vielseitig interessiert oder auf vielen Gebieten tätig sind.[6]
„In der Polyhistorie ist das Ideal der Umfassendheit vor allem wirksam geworden: alles, was geschrieben ist, findet ihr Interesse, ihr Gegenstand ist die res literaria als solche. Der Polyhistor bibliographiert und rezensiert, und was er veröffentlicht, ist eine möglichst umfassende kommentierte Bibliographie. Solche Bücher, nach Disziplinen geordnete Werkverzeichnisse, erscheinen schon ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der bedeutendste Polyhistor des 17. Jahrhunderts,Daniel Georg Morhof (1639–1691) schafft in seinem ‚Polyhistor literarius, philosophicus et practicus‘ die Voraussetzung für dieWeltgeschichten derPhilosophie, die im 18. Jahrhundert entstehen.“[7]
↑Wilhelm Pape:Griechisch-Deutsches Handwörterbuch. 3. Auflage. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914 (6. Abdruck der 3. Auflage von 1880).;Polyhistor bei Duden online. Von griech. ἵστωρhistōr „wissend“ ist auch griech.-lat.historia (wörtlich: „Wissen“) abgeleitet, vgl.Historie bei Duden online.
↑Gabriele Fois-Kaschel (Hrsg.):Rabindranath Tagore. Ein anderer Blick auf die Moderne. Un autre regard sur la modernité. Francke, Tübingen 2013,ISBN 978-3-7720-8499-7, S. 13.
↑Ludwig Brandt, Karl-Heinz Krauskopf:„Eine Entdeckung in der Chirurgie“. 150 Jahre Anästhesie. In:Der Anaesthesist. Band 45, 1996, S. 970–975, hier: S. 974.