Abū Hafs ʿUmar ibn al-Chattāb (arabisch أبو حفص عمر بن الخطاب,DMGAbū Hafṣ ʿUmar bin al-Ḫaṭṭāb;[1] geboren592 inMekka; gestorben am3. November644 inMedina), oft kurzOmar und mit dem Beinamenal-Fārūq („der die Wahrheit von der Lüge unterscheidet“), war der zweiteislamischeKalif (634–644). Während seines Kalifats fand die arabisch-islamische Eroberung weiter Gebiete des Vorderen Orients (Syrien, Palästina, Irak, Ägypten, Westiran) statt. Außerdem leistete er wichtige Beiträge zur Festigung der Strukturen des vonMohammed begründeten Staatswesens und führte verschiedene Regeln im religiösen und rechtlichen Bereich ein, die später Bestandteil des sunnitischen Normensystems wurden. Er war auch für seinen einfachen, rauen Lebensstil bekannt.[2]Sunniten betrachten ʿUmar als einen der vier „rechtgeleiteten“ Kalifen. DieimamitischenSchiiten erkennen ihn dagegen nicht als Kalifen an.
ʿUmar gehörte demquraischitischen Clan der ʿAdī ibn Kaʿb an, der zu den weniger einflussreichen Clanen der Quraisch gehörte, die außerhalb von Mekka wohnten und deshalb die „Quraisch der Außenbereiche“ (Quraiš aẓ-ẓawāhir) genannt wurden.[3] Sein Vater war al-Chattāb ibn Nufail.[4] Seine Mutter Hantama bint Hāschim gehörte zu dem quraischitischen Clan derMachzūm.[5]
Nach der Überlieferung vonIbn Ishāq fand die Konversion ʿUmars zum Islam statt, nachdem bereits ein Teil von Mohammeds Anhängerschaft nach Äthiopien in dasReich von Aksum ausgewandert war. Kurz vorher hatte auch Mohammeds OnkelHamza ibn ʿAbd al-Muttalib den Islam angenommen. Bei ʿUmars Konversion sollten seine Schwester Fātima bint al-Chattāb und ihr MannSaʿīd ibn Zaid, der gleichzeitig ein Vetter ʿUmars war, die Vermittlerrolle gespielt haben. Sie waren bereits vorher zum Islam übergetreten und wurden regelmäßig vonChabbāb ibn al-Aratt besucht, der ihnen dabei denKoran vortrug. ʿUmar selbst soll dagegen zunächst ein strammer Gegner des Islams gewesen sein und die Absicht gehabt haben,Mohammed zu töten. Als er hörte, dass seine Schwester und sein Cousin zum Islam übergetreten war, ging er empört zu ihrem Haus und schlug sie. Die beiden und Chabbāb konnten ihn aber nach der Überlieferung bei dieser Gelegenheit von der Wahrheit der Botschaft Mohammeds überzeugen, so dass er ihn aufsuchte und sich bei ihm zum Islam bekehrte.[6] Sein Übertritt zum Islam wird auf das Jahr 618 datiert.[3]
Nach der Übersiedlung nachMedina erhielt ʿUmar von dem dortigen jüdischen Clan der Banū Hāritha das Landgut Thamgh, das er zurSadaqa oder zumWaqf erklärte.[7] In Medina wurde er zum eigentlichen Organisator des neuen Staates, ohne aber irgendein offizielles Amt zu bekleiden. Seine Rolle war vor allem die eines Ratgebers. Als Krieger tat er sich weniger hervor: Obgleich er an den Kämpfen beiSchlacht von Badr,Schlacht von Uhud usw. teilnahm, liest man in den Quellen man fast nichts von seinen kriegerischen Leistungen, wohingegen die Berichte überʿAlī ibn Abī Tālib und andereProphetengefährten in dieser Hinsicht sehr zahlreich sind.[3]
Nach dem Sieg beiBadr fiel er durch seine Härte gegenüber den mekkanischen Kriegsgefangenen auf. Während sichAbū Bakr in dieser Situation für die Freilassung der Gefangenen gegen eine Lösegeldzahlung einsetzte, forderte ʿUmar ihre Hinrichtung.[8] Wörtlich soll er zu Mohammed gesagt haben: „Sie haben Dich zum Lügner erklärt und vertrieben. Lass sie antreten und schlage ihnen die Köpfe ab!“[9]
Nach der islamischen Überlieferung gehen drei koranische Offenbarungen auf ʿUmars Veranlassung zurück: Sure 2:125 über denMaqām Ibrāhīm, Sure 33:53 überHidschāb und Sure 66:6. Levi della Vida vermutete, dass es noch viele weitere Fälle gab, in dem ʿUmars Einfluss die Inspiration des Propheten auslöste. Die Beziehung mit dem Propheten wurde noch dadurch gestärkt, dass er seine TochterHafsa mit ihm verheiratete.[3]
Gemäß einem Bericht, der aufʿAbdallāh ibn ʿAbbās zurückgeführt wird, brachte Mohammed, als er im Sterben lag, seinen Wunsch zum Ausdruck, ein Schriftstück aufzusetzen, damit seine Anhänger nicht in die Irre gingen. ʿUmar soll ihn jedoch daran gehindert haben, indem er sagte: „Der Gottesgesandte wird von Schmerz überwältigt. Ihr habt denKoran. Das Buch Gottes reicht uns.“ Nach dem Bericht gerieten die Anwesenden daraufhin in Streit, wobei die einen verlangten, dass man dem Gottesgesandten die Möglichkeit geben sollte, sein Testament aufzusetzen, während andere die Meinung ʿUmars vertraten. Da der Streit immer lauter wurde, habe Mohammed die Anwesenden schließlich aufgefordert, sich zu entfernen, so dass es nicht mehr zu einer Aufzeichnung seines Testaments kam.[10][11]
Die Prophetengefährten schwören Abū Bakr den Treueid, während rechts neben ihm ʿUmar sitzt, Miniatur in einem osmanischenSiyer-i-Nebi-Werk, 1596
Als der Prophet am 8. Juni 632 starb, wollte ʿUmar zunächst nicht an seinen Tod glauben und verkündete, dass er nur in einem Tranczustand sei.[12] Danach spielte er eine zentrale Rolle in den Ereignissen, die zur Ausrufung von Abū Bakr zum Kalifen führten.[13] In dieser Situation traten schwere Meinungsverschiedenheiten zwischen den mekkanischenMuhādschirūn und den medinischenAnsār hervor, weil letztere beiSaʿd ibn ʿUbāda eine Versammlung abhielten und die Forderung erhoben, dass sich Ansār und Quraisch trennen sollten und eine jede Gruppe für sich einen Befehlshaber wählen sollte.[14] Damit drohte die islamische Gemeinschaft auseinanderzubrechen. ʿUmar trat in dieser Situation strikt gegen jede Teilung der Gemeinschaft ein. Zusammen mit Abū Bakr undAbū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh suchte er die Versammlung der Ansār auf und überraschte die Anwesenden damit, dass er plötzlich Abū Bakr die Baiʿa leistete.[15] Entscheidend für den weiteren Verlauf der Versammlung war die Ankunft der Banū Aslam, eines Clans aus der Umgebung von Medina, der für seine besondere Loyalität gegenüber dem Propheten bekannt war. Sie stießen in großen Zahlen zu der Versammlung und huldigten Abū Bakr.[16] Zwar weigerten sich viele Ansār sich zunächst, Abū Bakr zu huldigen,[17] doch sorgte ʿUmar in der Folgezeit zusammen mit den Banū Aslam dafür, dass fast alle Bewohner Medinas Abū Bakr den Treueid leisteten. Teilweise wandte er dabei auch Gewalt an.[18]
Henri Lammens vertrat die These, dass ʿUmar, Abū Bakr und Abū ʿUbaida ibn al-Dscharrāh schon zu Lebzeiten einTriumvirat gebildet und die Autorität des Propheten beherrscht und gewissermaßen monopolisiert hätten, indem sie ihn entweder durch ihr persönliches Handeln oder durch Vermittlung seiner FrauenʿĀ'ischa bint Abī Bakr und Hafsa lenkten, allerdings wird diese These nicht allgemein akzeptiert.[13]
Während Abū Bakrs Kalifat blieb ʿUmar eng mit dem Machtzentrum verbunden und vertrat harte Positionen, die der Kalif nicht immer einnahm.[13] Härte zeigte er vor allem gegenüber Herführern der alten quraischitischen Stammesaristokratie. So drängte er beispielsweise Abū Bakr, den erfolgreichen HeerführerChālid ibn al-Walīd wegen der Ermordung eines Muslims und aufgrund eines von ihm begangenenZinā-Vergehens hinzurichten oder zumindest abzusetzen,[19] und sorgte dafür, dassChālid ibn Saʿīd abgesetzt wurde.[13]
Vor seinem Tod bat Abū BakrʿUthmān ibn ʿAffān, sein Testament zu verfassen, in dem er ʿUmar zu seinem Nachfolger erklärte.[20]
Wie weit die islamischen Eroberungen das persönliche Verdienst ʿUmars waren, ist nicht ganz klar. Führungsstärke bewies er vor allem durch die Ernennung von fähigen Feldherren wie Abū ʿUbaid ibn Masʿūd ath-Thaqafī und Saʿd ibn Abī Waqqās. Sie hatten nur relativ schwache Stammes- und lokale Bindungen, was es ihnen unmöglich machten, sich in den neu eroberten Gebieten als unabhängige Herrscher zu etablieren. Seine härtere Seite zeigte er bei der Degradierung vonChālid ibn al-Walīd. In anderen Fällen erlaubte er allerdings Mitgliedern der mekkanischen Aristokratie, wichtige Positionen zu bekleiden, so etwa Yazīd, dem Sohn vonAbū Sufyān ibn Harb, den er als Gouverneur von Syrien einsetzte, und später dessen BruderMuʿāwiya ibn Abī Sufyān, der ihm in diesem Amt folgte.[13] Von ʿAmr ibn al-ʿĀs ist bekannt, dass er die Eroberung Ägyptens auf eigene Initiative durchführte. ʿUmar überließ ihm dabei die Führung.[21]
ʿUmar verbot auch den arabischen Kämpfern, sich als landbesitzende Aristokratie in den neu eroberten Gebieten niederzulassen, weil er wollte, dass sie für weitere Feldzüge zur Verfügung standen und ihre Identität als muslimische Krieger bewahrten. Deshalb schloss er sie in den neu eroberten Gebieten in Militärlagern zusammen, dieAmsār genannt wurden. Aus ihnen gingen die künftigen Metropolen des Islams hervor:Basra,KufaMossul undal-Fustāt.[22]
Während die Eroberungen andauerten, hielt sich ʿUmar selbst die meiste Zeit in Medina auf. Eine Ausnahme bildete eine Reise nach Syrien und Palästina, die auf den Zeitraum zwischen 636 und 638 datiert wird. Die Quellen zu dieser Reise – möglicherweise waren es auch mehrere Reisen – divergieren sehr stark. ʿUmar machte auf dieser Reise offenbar inal-Dschābiya halt, der alten Residenz derGhassaniden, wo er sich mit seinen Befehlshaber beriet.[23] Nach einigen Berichten reiste er von al-Dschābiya weiter nach Jerusalem und nahm dort die Kapitulation der Stadt entgegen.Heribert Busse hat jedoch gezeigt, dass Jerusalem wahrscheinlich bereits mindestens ein Jahr zuvor kapituliert hatte und somit die Kapitulation zumindest nicht bei seinem Besuch der Stadt stattgefunden haben kann.[22]
Ein Text, der in mehreren Versionen existiert und beschreibt, wie ʿUmar die Kapitulation der Einwohner Jerusalems entgegennimmt und die Rechte und Pflichten beider Parteien formell festlegt, wurde als „Pakt oder Bund von ʿUmar“ (ʿahd ʿUmar) bekannt und bildete eine wichtige Grundlage für das Konzept derDhimma, allerdings hat sich gezeigt, dass ein Großteil des Vertragstextes erst späteren Ursprungs ist.[22] ʿUmar ordnete auch die Vertreibung der christlichen bzw. jüdischen Gemeinden vonNadschrān undChaibar an und verbot Nicht-Muslimen, sich länger als drei Tage imHedschas aufzuhalten.[24]
In al-Dschābiya legte ʿUmar mit den Heerführern die Organisation des Reiches und die Verteilung der Kriegsbeute fest. Zur Sicherung der Einkommen der Kämpfer und Gefährten Mohammeds führte er denDīwān ein, ein Zentralregister der Militär-Pensionsberechtigten.[25] Zur Verwaltung der Ausgaben und Einnahmen wurde eine Staatskasse(bait al-māl) eingerichtet. Die Heerführer, die in den verschiedenen Ländern stationiert waren, wie etwaʿAmr ibn al-ʿĀs im neueroberten Ägypten, wurden dazu aufgefordert, die Hälfte ihrer Einkünfte in diese Staatskasse einzuzahlen.
Den sogenanntenSawād, das fruchtbare Schwemmland des südlichen Irak, soll ʿUmar zu unveräußerlichem Staatsgut erklärt haben; ob und inwieweit das allerdings wirklich der Fall war, war noch über Jahrhunderte umstritten, und die arabischen Quellen machen darüber widersprüchliche Angaben. Die auf diesem Gebiet ansässigen Notabeln(dahāqīn), die insassanidischer Zeit dieGerichtsbarkeit in den Dörfern innegehabt hatten und für die Einsammlung der Steuern verantwortlich gewesen waren, beließ ʿUmar in ihren Ämtern, sofern sie diese Steuern an ihn abführten. Um die Größe und Anzahl der Ländereien im Sawād zu erfassen und herauszufinden, wie hoch die von den Dahāqīn entrichteten Steuern vorher gewesen waren, sandte er zwei Kommissionen aus, die unter der Leitung ʿUthmān ibn Hunaif bzw. Hudhaifa ibn al-Yamān standen und vor Ort Ermittlungen anstellten. Das Land derjenigen, die im Krieg getötet worden oder geflohen waren, sowie das Land, das dem sassanidischen Herrscher und seiner Familie gehört hatte, konfiszierte ʿUmar und unterstellte es seiner direkten Kontrolle.[26]
Heutiges Datum nach der von ʿUmar eingeführten Hidschrī-Jahreszählung:
Von großer Bedeutung war, dass ʿUmar im Jahre 638 eine neue Jahreszählung einführte. Anlass dafür waren Streitigkeiten in Armeeteilen über Datierungsfragen. Als erstes Jahr der neuen Ära wurde das Jahr derAuswanderung des Propheten von Mekka nach Medina festgelegt, das am 16. Juli 622 begann. Damit wurde eine wichtige staatliche Maßnahme zur Vereinheitlichung getroffen. DieseHidschrī-Jahreszählung hat sich im Laufe der Zeit durchgesetzt und gilt bis heute als Grundlage der islamischen Zeitrechnung (gekennzeichnet durch d.H. = der Hidschra).
Nach der islamischen Überlieferung wird ʿUmar auch die Schaffung desQādī-Amtes zugeschrieben.[22] Weiterhin ist bekannt, dass sich ʿUmar bei der Regierung sehr stark auf das koranische Prinzip derKonsultation(šūrā) stützte. Zwar hörte er gelegentlich auch den Rat anderer Kreise, doch beschränkte er sich bei der Konsultation üblicherweise auf die verdienten mekkanischen Prophetengefährten. Zahlreiche Berichte beschreiben, wie er deren Meinung über wichtige politische und rechtliche Fragen einholte.[27]
Anders als Abū Bakr, der sichḫalīfat rasūl Allāh („Stellvertreter/Nachfolger des Gottesgesandten“) nennen ließ, nahm ʿUmar – wahrscheinlich im Jahre 19 d. H. (= 640 n. Chr.) – den Titelamīr al-muʾminīn („Befehlshaber der Gläubigen“) an, wodurch der herrscherliche Charakter des Amtes und gleichzeitig auch sein religiöser Aspekt stärker betont wurde.[28] Er liebte einen einfachen, rauen Lebensstil und rief auch andere dazu auf. Als er bereits Kalif war, soll er seinen Lebensunterhalt noch mit Handel verdient haben.[29] In al-Dschābiya soll er seine Befehlshaber mit Steinen beworfen haben, als sie in Seide und Brokat gekleidet vor ihm erschienen.[24]
Auf religiöser Ebene war von wegweisender Bedeutung, dass ʿUmar während seiner Herrschaft dieKiswa („Verhüllung“) derKaaba in Mekka auf Kosten des Staatshaushalts erneuern ließ. Damit wurde dieses ursprünglich heidnische Ritual zu einem wichtigen Herrschaftssymbol im islamischen Staat.[30] Der Verehrung desSchwarzen Steins stand ʿUmar dagegen sehr kritisch gegenüber, weil er sie als Relikt paganen Steinkultes betrachtete. Berichtet wird auch, dass ʿUmar im Jahre 638 dafür sorgte, dass derMaqām Ibrāhīm, der sonst an einem festen Platz neben der Kaaba stand, wieder an seinen Platz kam. Er war im gleichen Jahr bei einer gewaltigen Überschwemmung in Mekka fortgerissen und aus der Stadt geschwemmt worden.[31] Außerdem führte ʿUmar als neue gottesdienstliche Übung imRamadan die nächtlichenTarāwīh-Gebete ein.[22]
Ob die erste Sammlung desKorans (ǧamʿ al-qurʾān) bereits unter dem KalifenAbu Bakr (573–634) veranlasst worden war oder ob sie erst unter ʿUmar zustande kam, lässt sich nicht eindeutig beantworten.[32] Die islamische Überlieferung macht verschiedene Angaben. Üblicherweise wird berichtet, dass die Sammlung des Textes erst unter dem dritten KalifenʿUthmān endgültig abgeschlossen wurde.
ʿUmar nahm während seines Kalifats auch einige rechtliche Veränderungen vor.[22] So setzte er die nicht im Koran, sondern nur durch Präzedenzfälle des Propheten begründeteSteinigung[33] als Strafe für Ehebruch durch. ʿUmar berief sich bei dieser Maßnahme auf den sogenanntenSteinigungsvers, von dem er behauptete, dass er ursprünglich im Koran gestanden habe, dann aber daraus gestrichen worden sei. Nach einer bekannten Überlieferung sagte er: „Ich habe gesehen, wie der Gesandte Gottes steinigen ließ, und wir haben nach ihm gesteinigt. Wenn die Leute mich nicht der Neuerungssucht beschuldigen würden, so hätte ich den Steinigungsvers in das Qorānexemplar eingetragen. Wir haben ihn aber wirklich recitiert.“[34]Theodor Nöldeke leitete daraus ab, dass die Steinigungsstrafe überhaupt erst durch ʿUmar eingeführt wurde, heute wird dies jedoch differenzierter gesehen.[35]
Hinsichtlich der Verleumdung wegen Unzucht(qaḏf), auf die nach dem Text des Korans (Sure 24:4) 80 Peitschenhiebe stehen, wandte ʿUmar strengere Regeln an. Nach dem Koran sind vier Zeugen notwendig, um eine Person wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs (Zinā) zu verurteilen. Als im Jahre 638 vier Männer Mughīra ibn Schuʿba, den Statthalter vonBasra, des außerehelichen Geschlechtsverkehrs mit einer Frau der Banū Hilāl anklagten, forderte er jeden einzelnen von ihnen auf, zu bezeugen, dass er gesehen habe, dass sein Geschlechtsteil in ihres eindrang, „so wie der Stift in den Schminkbehälter“(ka-l-mīl fī l-mukḥula). Als einer der drei Männer, nämlichZiyād ibn Abīhi, aussagte, dass er dies nicht genau gesehen habe, wurden die drei anderen Männer ausgepeitscht, die Anklage gegen Mughīra und die Frau wurde fallengelassen.[36] ʿUmar wird auch die Erfindung der Dirra zugeschrieben.[37] Hierbei handelte es sich um eine mit Dattelkernen gefüllte Kuh- oder Kamelhaut, die als Strafwerkzeug diente. Sie kam später vor allem in derHisba zum Einsatz.[38]
Außerdem verbot ʿUmar das überkommene Rechtsinstitut der zeitlich begrenzten, sogenannten „Genuss-Ehe“(mutʿa), welche zu dieser Zeit noch viele Muslime praktizierten, wenn sie kurze sexuelle Beziehungen eingehen wollten. Anlass sollen verschiedene Fälle von Frauen gewesen sein, die infolge solchermutʿa-Verbindungen schwanger geworden waren.[39] ʿUmar verbot darauf die Mutʿa-Ehe, weil er fürchtete, dass sie zu einem Sittenverfall(daġal) führen werde. Die Einführung dieses Verbots stieß bei einigenProphetengefährten aber auch auf Ablehnungː So wird vonʿAbdallāh ibn ʿAbbās überliefert, dass er, als die Rede auf ʿUmars Verbot kam, folgende Worte sagte: „Gott möge mit ʿUmar Erbarmen haben! Die Mutʿa war doch eine Erlaubnis Gottesǃ Mit ihr hat Er sich der Gemeinschaft (Umma) Muḥammads erbarmt. Wenn sein [ʿUmars] Verbot [der Mutʿa] nicht wäre, bedürfte nur ein Lump(illā šaqīy) der Unzucht!“[40]
Nach verschiedenen Hadithen, die imSahīh Muslim überliefert sind,[41] nahm ʿUmar auch eine Änderung an den Regeln für denTalāq vor. Während nämlich in der Zeit des Propheten und Abū Bakrs und in den ersten Jahren seines eigenen Kalifats die drei Mal nacheinander ausgesprochene Talāq-Formel als einfacher Talāq galt und somit die Frau danach noch nicht endgültig geschieden war, führte ʿUmar die Regel ein, dass ein solcher dreifacher Talāq wie drei in drei unterschiedlichen Monatsperioden ausgesprochene Talāq-Formeln gelten sollten und die Ehe somit unmittelbar endgültig aufgelöst war. ʿUmar soll mit dieser neuen Regel versucht haben, die Männer von der Unsitte des dreifachen sofortigen Talāq abzubringen.[42] Im Sklavenrecht führte er die Regel ein, dass die Umm Walad, also die Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind geboren hatte, nicht mehr verkauft, verschenkt oder vererbt werden konnte und nach dem Tod ihres Herrn die Freiheit erlangte.[43]
ʿUmar wurde am 26.Dhū l-Hiddscha 23 (= 3. November 644) vonAbū Lu'lu'a, einem Sklaven des Gouverneurs von Basra al-Mughīra ibn Schuʿba erdolcht. Nach der arabischen Überlieferung war das Motiv dafür die übermässige Steuer, über die sich der Sklave vergeblich bei dem Kalifen beklagt haben soll. ʿUmars Sohn ʿUbaidallāh hegte den Verdacht, dass der Mörder nur das willenlose Werkzeug einer Verschwörung von Prophetengefährten sei.[44]
ʿUmar hatte einen Sohn namensʿAbdallāh, der als sehr fromm galt und nach derSchlacht von Siffin als möglicher Kompromisskandidat zwischen den Lagern vonʿAlī ibn Abī Tālib undMuʿāwiya I. als Kandidat für das Kalifat ins Spiel gebracht wurde.[46] Er ist auch einer der wichtigstenHadith-Überlieferer. Sein zweiter Sohn ʿUbaidallāh fiel in der Schlacht von Siffin.[44]
ʿUmar gilt bei den Sunniten nicht nur als einer der vier rechtgeleiteten Kalifen, sondern auch als einer derʿAschara Mubaschschara, der zehn Prophetengefährten, denen Mohammed das Paradies verheißen hat. Eine Tradition, die auf den Propheten zurückgeführt wird, lässt diesen sagen: „Wenn Gott gewollt hätte, dass nach mir noch ein anderer Prophet aufträte, so wäre es ʿUmar gewesen.“[44]
DieSchia hat dagegen ʿUmar verabscheut, weil sie ihn als einen der Männer betrachtete, der die eigentlichʿAlī ibn Abī Tālib zustehende Herrschaft usurpiert hatten.[47] ImKitāb Sulaim ibn Qais, das als das früheste Buch der Schia gilt, wird die Ausrufung Abū Bakrs zum neuen Herrscher als Ergebnis eines Komplotts beschrieben, das schon vor dem Tod Mohammeds von ʿUmar, Abū Bakr und Abū ʿUbaida geschmiedet wurde. Dieses habe darauf abgezielt, Mohammed und seine Familie zu beseitigen, um selbst die Macht ergreifen und den Charakter der neuen Religion entstellen zu können.[48] Der schiitische Sektengründeral-Mughīra ibn Saʿīd (gest. 737) behauptete, dass mit dem in Sure 33:72 genannten „frevlerischen und ignoranten“ Menschen ʿUmar gemeint sei.[49]
ʿUmars Beiname al-Fārūq wird im Allgemeinen als „derjenige, der Wahrheit von Lüge unterscheidet“ verstanden und soll ihm vom Propheten verliehen worden sein. Allerdings hat schonEduard Sachau eine Verbindung zwischen dem arabischen Wortfārūq und demsyrisch-aramäischen Wortpārōqā, „Retter, Erlöser“ festgestellt, das einmessianisches Element enthält.[50] Spätere Forschungen haben gezeigt, dass mehrere Überlieferungen über ʿUmar alsal-Fārūq in Verbindung zu denAhl al-kitāb, insbesondere den Juden. Sie knüpfen sich an ʿUmars Einzug in Jerusalem und haben einen messianischen Beigeschmack.[24]
Dem plötzlichen Umschwung in seiner Haltung gegenüber dem Islam und seine spätere Stellung in der Geschichte des Islam haben dazu geführt, dass er im Westen auch „Heiliger Paulus des Islam“ bezeichnet wurde, allerdings haben die beiden nur wenig gemeinsam hatten außer ihrem hartnäckigen Einsatz für eine Sache, gegen die sie ursprünglich gekämpft hatten.[51]
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