

Tyburn war ein Dorf in der GrafschaftMiddlesex, die heute einen Teil desLondoner StadtbezirksCity of Westminster bildet. Es diente von 1196 bis 1783 als öffentlicherGalgenplatz derCity of London.
Der Name des Dorfes stammt vom FlüsschenTyburn (oder auchTy Bourne), einem Nebengewässer derThemse, das inzwischen von seiner Quelle bis zur Mündung beiWestminster vollständig kanalisiert ist. Es war eines der beiden Güter der GemeindeSt Marylebone, die selbst nach einem Wasserlauf benannt worden war:St Mary’s church by the bourne. Tyburn war bereits imDomesday Book verzeichnet und befand sich ungefähr am heutigenMarble Arch am westlichen Ende derOxford Street an der Kreuzung zweierRömerstraßen. Die Vorläufer der Oxford Street und der Park Lane waren Straßen, die zum Dorf führten:Tyburn Road undTyburn Lane.
Tyburn erlangte bereits in der Vorzeit durch einDenkmal namensOswulf’s Stone eine gewisse Bedeutung. Dieses war namensgebend für die altenglische VerwaltungseinheitOssulstone Hundred von Middlesex. Der Stein wurde 1851 überbaut, als man denMarble Arch dorthin versetzte. Kurze Zeit später grub man ihn aus und stützte ihn gegen den Marmorbogen, bis er 1869 spurlos verschwand.
Das Dorf war jahrhundertelang durch Londons wichtigstenGalgen für öffentlicheHinrichtungen berüchtigt. Die englische GelehrtenzeitschriftNotes & Queries berichtete am 19. Januar 1850, dass sich die Tyburn-Galgen amConnaught Square No. 49 befunden haben.[1] Vom 12. Jahrhundert bis 1783 fanden dort Hinrichtungen statt. Danach wurden sie zunächst auf den öffentlichen Platzvor dasNewgate-Gefängnis verlagert und durch ein Gesetz ab 1868 innerhalb des Newgate-Gefängnisses nicht-öffentlich durchgeführt.


Die erste Hinrichtung wurde im Jahre 1196 für einen Platz nahe dem Flüsschen dokumentiert. Vermutlich handelte es sich um die Exekution des AufständischenWilliam Fitz Osbert und seiner Gefolgsleute. In Tyburn starben am 10. Dezember 1541 auchThomas Culpeper undFrancis Dereham, die Geliebten der KöniginCatherine Howard.
1571 wurde derTyburn Tree in der Nähe des heutigenMarble Arch errichtet. Dieser„Dreifach-Baum“ (englischTriple Tree) war eine neuartige Konstruktion aus Holzbalken, die ein großes Dreieck bildeten. Daher wurde das Gerüst auch als„three legged mare“ (deutsch „dreibeinige Stute“) oder„three legged stool“ (deutsch „dreibeiniger Schemel“) bezeichnet. Es konnten mehrere Verurteilte gleichzeitigerhängt werden. DerTyburn Tree stand in der Mitte des Straßendammes und stellte einen wichtigen Orientierungspunkt im Westen Londons sowie ein sehr offensichtliches Gesetzessymbol für Vorbeireisende dar. Gelegentlich wurden die Galgen für Massenhinrichtungen verwendet, so am 23. Juni 1649, als man 24 Gefangene, 23 Männer und eine Frau, die in acht Pferdewagen herbeitransportiert wurden, gemeinsam erhängte. Nach den Hinrichtungen wurden die Leichen entweder in der Nähe verscharrt oderAnatomie-Ärzten fürObduktionen zur Verfügung gestellt. Bereits im Jahr 1540 wurde in England durch Parlamentsgesetz dieSurgeons Guild (deutschGilde der Wundärzte) mit derCompany of Barbers (deutschGesellschaft der Barbiere) vereinigt und neben weiteren Privilegien wurden der neuen Zunft jährlich die Leichen von vier hingerichteten Verbrechern zurAutopsie bewilligt.
Das erste „Opfer“ desTyburn-Baumes war am 1. Juni 1571John Story (ca. 1504–1571), einkatholischer Oppositionsführer, der sich weigerte, dieSuprematsakte anzuerkennen. Er war in den 1560er Jahren nach erfolgreicher Flucht aus dem GefängnisMarshalsea spanischer Untertan inFlandern geworden. Im August 1570 entführten ihn AgentenWilliam Cecils, des StaatssekretärsElisabeths I., alsHochverräter nach England.
Im Zuge derStuart-Restauration, während der nach einer kurzen Episode der Republik (sieheCommonwealth of England) mitKarl II. wieder ein König aus demHaus Stuart die Macht übernahm, wurde hier am 30. Januar 1661, dem Jahrestag der HinrichtungKarls I. während desEnglischen Bürgerkrieges, die am Anfang des Commonwealth gestanden hatte,Oliver Cromwell, der bis zu seinem Tod im Jahre 1658Lordprotektor des Commonwealth gewesen war, „posthum hingerichtet“. Er wurde aus seiner letzten Ruhestätte in derWestminster Abbeyexhumiert, in Tyburnaufgehängt, sodannertränkt undgevierteilt. Sein Schicksal teilten die Leichen von John Bradshaw (1602–1659), der 1649 als Richter das Todesurteil über Karl I. gefällt hatte, sowieHenry Ireton (1611–1651), einem erfolgreichen General derParlaments-Armee während des Bürgerkrieges. Am 11. Juli 1681 wurde der katholische Primas von Irland,Oliver Plunkett, am Galgen von Tyburn gehängt, sodanngeköpft und gevierteilt, nachdem er im Dezember 1679 in der Nähe Dublins verhaftet, nach England verschleppt und unter dem Vorwurf des Hochverrateszum Tode verurteilt worden war.
Die Hinrichtungen waren beliebte öffentliche Spektakel, die Massen von Schaulustigen anzogen. Die Dorfbewohner von Tyburn errichteten große Zuschauertribünen, deren Plätze sie an zahlendes Publikum vermieteten. Gelegentlich brachen die Aussichtsplattformen zusammen und begruben hunderte Besucher unter ihren Trümmern. Die Exekutionen wurden als willkommene Feiertagsunterhaltung betrachtet. Londoner Lehrlinge bekamen sogar einen Tag frei. Der englische Graphiker und KarikaturistWilliam Hogarth warnte deshalb 1747 die Auszubildenden derThemsestadt in seinem satirischen KupferstichThe Idle Prentice executed at Tyburn (dt.Der faule Lehrbub wird in Tyburn gerichtet) eindringlich vor allzu großer Neugier.
Tyburn tauchte in vielen beschönigenden und spöttischen Redensarten auf, die sich auf dieTodesstrafe bezogen. Wem kein gutes Schicksal vorausgesagt wurde, der„machte eine Fahrt nach Tyburn“ (engl.„to take a ride to Tyburn“). Den„Tyburn-Hüpfer tanzte“ (engl.„dancing the Tyburn jig“), wer bereits am Galgen zappelte. Als„Grundherrn von Tyburn“ (engl.„Lord of the Manor of Tyburn“) bezeichnete man den öffentlich bestelltenHenker. Verurteilte wurden im offenen Ochsenkarren vom Newgate-Gefängnis herbeitransportiert. Von ihnen wurde eine„gute Vorstellung“ erwartet, worunter das zeitgenössische Publikum verstand, dass die„armen Seelen“ in ihrer besten Kleidung und mit lässiger Haltung aus dem Leben schieden. In diesem Fall brüllten die Zuschauer beifällig„Gut Gestorben!“ (engl.„good dying!“), doch Schwächeanfälle der Todeskandidaten wurden lauthals verhöhnt.
Neben einem gefassten Auftreten verlangte das Publikum von den Todgeweihten eine„last dying speech“ (dt. „letzte Sterberede“). Die meisten Verurteilten hielten sich an dieses eigentümliche Ritual und hielten vor ihrer Hinrichtung eine Ansprache, in der sie üblicherweise ihre Reue über die begangenen Freveltaten zum Ausdruck brachten und die Nachwelt warnten, nicht denselben sündigen Pfad zu beschreiten. Diese Rede wurde häufig in Form einesFlugblattes als eine Art „Programmzettel“ vor der Urteilsvollstreckung verkauft.
Auch biographische Einzelheiten und Auskünfte zum Tathergang, wie sie Matthias Brinsden von seinem Geistlichen am 24. September 1722 unter dem Galgen verlesen ließ, wurden geschätzt:
Letztmals kam der Tyburn-Galgen am 3. November 1783 zum Einsatz, als der Straßenräuber John Austin hingerichtet wurde.
Heute erinnern dreiMessingtafeln, die im Dreieck im Pflaster an der EckeEdgware Road undBayswater Road eingelassen sind, an den Galgenplatz. Eine weitere Gedenkstätte bildet dasTyburn Convent, einBenediktinerinnenkloster, das der Erinnerung an die mehr als 350 katholischenMärtyrer geweiht ist, die während der Reformation in England hingerichtet wurden[3].
51.513333-0.160278Koordinaten:51° 30′ 48″ N,0° 9′ 37″ W