Die Tschechoslowakei war 1920 Gründungsmitglied desVölkerbunds, 1945 derVereinten Nationen, 1949 desRates für gegenseitige Wirtschaftshilfe und 1955 desWarschauer Paktes und trat 1991 demEuroparat bei. Sie war von 1924 bis 1938 mit Frankreich und Großbritannien und ab 1935 mit der Sowjetunion verbündet. Nach demFebruarumsturz 1948 geriet sie unter die Herrschaft derkommunistischen Partei und wurde in den von der Sowjetunion dominiertenOstblock integriert. Mitglieder der kommunistischen Partei strebten Ende der 1960er Jahre ein Demokratisierungsprogramm an, das alsPrager Frühling bekannt wurde. 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes daraufhin in das Land ein und schlugen diese Bestrebungen nieder. In der folgendenPeriode wurden verschiedene repressive Maßnahmen wie die Zensur und „Säuberungen“ in der Partei wieder eingeführt. Die Herrschaft der Kommunistischen Partei dauerte bis zurSamtenen Revolution im Jahr 1989. Am 31. Dezember 1992 wurde der Staat aufgelöst und in seine beiden Nachfolgestaaten, die Tschechische und die Slowakische Republik, aufgeteilt.
Die Tschechoslowakei hatte mehrere offizielle Landesnamen. Diese wurden aus ideologischen Gründen mehrmals geändert.[3] Während in der provisorischen Verfassung von 1918 die NamenTschecho-Slowakische Republik oderTschecho-Slowakischer Staat verwendet wurden, setzte die Verfassung von 1920 den NamenTschechoslowakische Republik (Československá republika, ČSR) ohne Bindestrich fest. Im Oktober 1938, nach dem Münchner Abkommen, wurde der Name inTschecho-Slowakische Republik geändert.
Nach 1945 kehrte man wieder zum alten NamenTschechoslowakische Republik zurück, der auch nach demFebruarumsturz 1948 beibehalten wurde. Im Jahr 1960 wurde der Name inTschechoslowakische Sozialistische Republik (Československá socialistická republika, ČSSR) geändert. Nach dem Sturz des Regimes im Jahr 1989 wurde der Name kurzzeitig inTschechoslowakische Föderative Republik, 1990 schließlich inTschechische und Slowakische Föderative Republik geändert. Der Streit zwischen tschechischen und slowakischen Politikern Anfang der 1990er-Jahre um die Schreibung mit oder ohne Bindestrich ist alsGedankenstrich-Krieg bekannt geworden.
Es wurde in der Republik lange überlegt, welcheFlagge der neue Staat haben solle. Seit 1918 wurden vorläufig verschiedene Formen der traditionellen weiß-rotenböhmischen Flagge verwendet. 1918 wurde sie zur Flagge der Tschechoslowakei erklärt. Das wiedergegründete Polen führte aber fast die gleiche Flagge. Nur durch das Seitenverhältnis von 5:8 statt 2:3 konnte man beide Flaggen unterscheiden. Zwei Jahre später, am 30. März 1920, wurde am linken Rand der Flagge ein blaues gleichschenkliges Dreieck für dieSlowakei eingefügt. Das Blau entstammt der slowakischen Flagge. Nach anderen Quellen ist die blaue Farbe dem WappenMährens entnommen. Die Flagge dient heute (als Rechtsnachfolger der Tschechoslowakei) als Flagge von Tschechien.
Nach der Auflösung Österreich-Ungarns und nach Provisorien in den ersten zwei Jahren der Republik wurden in der Verfassung vom 29. Februar 1920 dreiWappen konstruiert, wobei das Große Wappen das offiziell alleinige Wappen der Ersten Tschechoslowakischen Republik war. In der Zweiten Republik wurde das mittlere Wappen als Staatswappen verwendet und 1945 das kleinste Wappen. Mit der neuen „sozialistischen“ Verfassung wurde das kleine Wappen 1960 abgelöst. 1990 wurde das letzte Wappen konstruiert und bis zur Teilung des Landes 1992 verwendet.
Die offizielle Flagge von 1918 bis 1920 (Flagge Böhmens)
Flagge der Tschechoslowakei ab 1920
Staatswappen der ČSR (1918–1938, 1945–1960)
Staatswappen der Č-SR (1938–1939)
Staatswappen der ČSSR (1960–1990)
Staatswappen der ČSFR (1990–1992)
Nationalhymne
Von 1918 bis 1992 waren „Kde domov můj“(Wo ist meine Heimat) und „Nad Tatrou sa blýska“(Über der Tatra blitzt es) die Nationalhymnen der Tschechoslowakei.
Nach der friedlichen Teilung der Tschechoslowakei wurdeKde domov můj die Nationalhymne der unabhängigenTschechischen Republik undNad Tatrou sa blýska die derSlowakischen Republik.
Der Charakter der Landschaft in den einzelnen Landesteilen war sehr unterschiedlich. Das westliche Gebiet war Teil des nord-mitteleuropäischen Oberlandes.
Die Grenzen des tschechoslowakischen Staates waren bei seinerUnabhängigkeitserklärung 1918 noch unbestimmt. Erst in denVerträgen von Saint-Germain 1919 wurden die Grenzen der Tschechoslowakei vorerst festgeschrieben. Österreich musste 1920 noch separat zwei kleine GebieteNiederösterreichs abtreten. Nach demVertrag von Trianon 1920 wurde dieKarpatenukraine an den neuen Staat angegliedert und es kam zur Grenzlegung mit Ungarn.[4] 1920 musste Deutschland nach demFriedensvertrag von Versailles dasHultschiner Ländchen (tschechischHlučínsko) abtreten. 1919 brach mit Polen einGrenzkrieg um das umstritteneOlsagebiet aus, den die Tschechoslowakei 1920 für sich entscheiden konnte. Die Fläche der Tschechoslowakei betrug danach bis 1920 140.446 km². Mit dem Königreich Rumänien kam es im Zuge desVertrags von Sèvres zu einem kleineren Gebietsaustausch in der Karpatenukraine (1921); dabei wurde ein an der Grenze zum slowakischen Landesteil gelegenes Gebiet gegen ein weiter östlich gelegenes Gebiet getauscht.[5] Der neue Staat hatte damit von 1921 bis 1938 eine Fläche von 140.800 km² und war damit etwa dreieinhalb mal so groß wie dieSchweiz und mit einer Länge von 820 km fast so lang wieItalien. An seiner breitesten Stelle maß das Land 250 km und an seiner schmalsten nur 80 km.
Durch dasMünchner Abkommen 1938 verlor die Tschechoslowakei etwa 14 % ihrer Staatsfläche. Ungarn erhielt 1938 durch denErsten Wiener Schiedsspruch 11.882 km² der südlichen Slowakei. Polen erwarb die StadtTeschen mit deren Umgebung (etwa 906 km²) und zwei kleinere Grenzgebiete in der nördlichen Slowakei, die RegionenZips undOrava (226 km²). Die Fläche der Gebietsverluste betrug im Gesamten 41.442 km² (etwa ein Viertel des Staatsgebiets). 1939 waren der Tschechoslowakei nur noch 99.348 km² verblieben.
Nach demZweiten Weltkrieg wurde die Republik in ihren Grenzen von 1937 wiederhergestellt; bei Bratislava konnte 1946 der sogenanntePressburger Brückenkopf vergrößert und ein 4.400 km² großer Landesstreifen im Osten zu LastenUngarns erworben werden. Das von der Tschechoslowakei kontrollierte Gebiet hatte nun eine Fläche von 144.846 km² und bedeutete für das Land die größte Ausdehnung in seiner Geschichte. 1946 wurde dieKarpatenukraine nach einemAbkommen von 1945 an dieSowjetunion gezwungenermaßen abgetreten. Das Staatsgebiet verlor 12.777 km² und umfasste bis 1992 noch 127.876 km².
Auf ihrem Territorium verfügte die Tschechoslowakei über zahlreiche Rohstoffe und besaß die größten Uranvorkommen in Europa. Im tschechischen Landesteil gab es Stein- und Braunkohle,Kaolin, Ton, Graphit, Kalkstein, Quarzsand und beiDolní Rožínka und inPilsen Uran. Lagerstätten von Kupfer- und Manganerz gab es imSlowakischen Erzgebirge. Blei- und Zinkerz kamen beiKutná Hora undPříbram vor. ImErzgebirge gab es noch geringe Mengen von Quecksilber, Antimon und Zinn. In der Slowakei gab es größere Salzreserven und im Süden und in der Karpatenukraine Erdöl. Graphit gab es in der Nähe vonBudweis und Kaolin in der Nähe von Pilsen undKarlsbad.
Die Tschechoslowakei lag in dergemäßigten Klimazone, wobei es starke Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen gab. Die wärmsten und trockensten Gebiete befanden sich im Süden. In den Gebirgen und vor allem in der Karpatenukraine herrschten fast ganzjährig niedrige Temperaturen. Im heute slowakischenVígľaš-Pstruša wurden am 11. Februar 1929 −41 °C erreicht. In den flachen Gebieten konzentrierte sich der Niederschlag im Allgemeinen auf den Sommer.
Der Frühling begann meist Anfang April und war mild und recht sonnig. Im relativ kühlen Sommer kam kühle Luft aus Osteuropa. Ende August setzte der Herbst ein. Der Winter war in der Tschechoslowakei sehr kalt und trocken und die längste Jahreszeit.
Städte und Ortschaften
Prag 1990
Es gab in der Tschechoslowakei 1931 über 800 Städte und tausende kleinere Ortschaften. Der Stadtstatus wurde vom tschechoslowakischen Innenministerium an Ortschaften vergeben.
Größere Städte der ČSR waren 1930Prag (849.000 Einwohner),Brünn (265.000 Einwohner),Ostrava (125.000 Einwohner),Bratislava (124.000 Einwohner),Pilsen (115.000 Einwohner),Olmütz (66.000 Einwohner),Košice (58.000 Einwohner),Ústí nad Labem (44.000 Einwohner),Budweis (44.000 Einwohner) undLiberec (39.000 Einwohner). In Prag, Brno, Ostrava oder Bratislava und Košice lebten vor demZweiten Weltkrieg die deutsche bzw. die ungarische oder karpatorussische und tschechoslowakische Bevölkerung teilweise zusammen. Die größte deutsch bevölkerte Stadt war Olomouc; die größte von Magyaren bewohnte Stadt war Košice. In den Großstädten der ČSR lebten allgemein viele Angehörige von nationalen Minderheiten. Prag war zum Beispiel das Zentrum des tschechoslowakischen Judentums.
Neben den Städten gab es in der Tschechoslowakei mehrere tausend Dörfer und Gemeinden. Die meisten waren inBöhmen oder derSlowakei. In derKarpatenukraine gab es die wenigsten Ortschaften; der Landesteil verfügte über 100 kleinere Siedlungen und die drei StädteChust,Mukatschewo und die regionale HauptstadtUschhorod.
Die Tschechoslowakei verfügte mit berühmten Kurorten wieKarlsbad,Marienbad oderFranzensbad mit Abstand über die meisten Kurorte Europas. Die meisten Kurorte lagen inBöhmen.
1920 wurde eine Einteilung in 21župy (deutsch nunmehrGaue) und darunterokresy (Bezirke) vorgesehen,[8] die so jedoch nur für die Slowakei umgesetzt wurde (Gaue XV bis XX, 79 Bezirke).[9][10] In der Podkarpatská Rus bestand ab 1926 nurmehr einežupa (deutsch hier weiterKomitat).[11]
1928:země (Land) undokres (Bezirk)
1928 traten landesweit an die Stelle deržupa-Ebene vierzemě (Länder: Böhmen, Mähren-Schlesien, Slowakei, Podkarpatská Rus).[12] Diese Einteilung existierte bis 1939 (zweite Republik) und dann wieder von 1945 bis 1948 (dritte Republik).
1949:kraj (Kreis) undokres (Bezirk)
Nach dersowjetischen Annexion der Podkarpatská Rus erfolgte 1949 eine Einteilung der Tschechoslowakischen Republik in 19kraje (Kreise)[13] und darunter ca. 270okresy (Bezirke),[14] die 1960 in derČSSR mit 10 Kreisen und 108 Bezirken erneuert wurde:[15]
1969 kamen darüber im Rahmen der Föderalisierung der ČSSR die Tschechische und die Slowakische Sozialistische Republik hinzu (ČSR und SSR).[16]
Bevölkerung
Bevölkerungsentwicklung
Sprachenkarte der Tschechoslowakei nach der Volkszählung von 1930
Die Tschechoslowakei gehörte zu den dicht besiedelten Ländern Europas und war von ihrer Gründung 1918 bis 1945 einVielvölkerstaat, wo nationale Minderheiten, wieJuden,Deutsche,Magyaren,Polen,Ukrainer,Ruthenen undRumänen ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Der Staat umfasste bei einer Volkszählung 1921 neben 8,761 Mio. Tschechen und Slowaken auch 3,1 Mio.Deutsche (23 %), die damit die Anzahl der Slowaken überstiegen. Großstädte wiePrag,Brünn,Ostrava,Bratislava undUschhorod waren sowohl die kulturellen Zentren dieser Minderheiten als auch der Titularnationen derTschechen undSlowaken.
davon 1,967 Mio. Angehörige des „slowakischen Zweigs dertschechoslowakischen Nationalität“, d. h.Slowaken (davon 1,942 Mio. in der Slowakei); diese Angabe wurde von den Behörden erst anlässlich der Volkszählung von 1930 nachträglich veröffentlicht
b
Großrussen, Ukrainer und Karpatorussen, d. h. in heutiger TerminologieRussen,Ukrainer undRussinen
c
davon 94.400 Deutsche, 34.200 Polen, 16.400 Ungarn und 58.700 Tschechoslowaken (zurückgekehrte Emigranten sowie Kinder und Frauen von Ausländern)
Jüdische Bevölkerung
In der Tschechoslowakei lebten 1938 ca. 400.000 Juden, was etwa 2,7 % der damaligen Gesamtbevölkerung von 15,247 Millionen entsprach. Die jüdische Population gehörte zu den größten in Europa. Die größte jüdische Gemeinde des Landes war in der Hauptstadt Prag ansässig. Laut der Volkszählung von 1930 lebten 136.737 Juden in der Slowakei, 120.000 in den böhmischen Ländern und 95.008 in der Karpatenukraine.
Nach den antideutschen Unruhen 1920 in der Hauptstadt wurde dasJüdische Rathaus inJosefov gestürmt und das Inventar stark beschädigt.[22]
1919 erschien die erste Zeitung für Juden und Prag erhielt 1920 die erste jüdische Schule, in derFranz Kafkas SchwesterValli Pollak als eine der ersten Lehrerinnen unterrichtete. 1922 wurde der HistorikerSamuel Steinherz (1857–1942) zum Rektor der deutschenKarl-Ferdinands-Universität in Prag gewählt und hatte dieses Amt bis 1928 inne.
Ein Deportationszug von Juden aus Karpatenrussland erreicht Auschwitz im Mai 1944.
Nach derBesetzung der Tschechoslowakei durch die deutscheWehrmacht am 15. März 1939 verkündeteAdolf Hitler tags darauf die Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Protektorats wurde imKZ Theresienstadt interniert und von dort zumeist weiter nach Auschwitzdeportiert. Von etwa 82.000 aus dem Protektorat deportierten Juden überlebten nur rund 11.200. Einzelne hatten versucht, ihre jüdischen Mitbürger vor Verfolgung und Ermordung zu retten. Mehr als 100 Tschechen wurden dafür später von der GedenkstätteYad Vashem mit dem TitelGerechte unter den Völkern ausgezeichnet. ImSlowakischen Staat begannen nach mehreren antijüdischen Gesetzen 1942 die Deportationen slowakischer Juden. In der Zeit desSlowakischen Nationalaufstandes wurden auf dem von den slowakischen Aufständischen kontrollierten Gebieten der Mittelslowakei vom 29. August bis zur Niederschlagung am 27. Oktober 1944 die antijüdischen Gesetze außer Kraft gesetzt. In den von der deutschen Wehrmacht besetzten Teilen der Slowakei wurden seit September 1944 erneut Juden deportiert. Von den fast 120.000 Juden in der Karpatenukraine wurden etwa 90 % imHolocaust ermordet.
Den Holocaust überlebten etwa 15.000 karpatorussische Juden, 30.000 slowakische Juden und 24.395 tschechische Juden. In derNachkriegszeit war man jedoch den zurückkehrenden Juden teilweise sogar feindlich gesinnt. Den Juden wurden bei Ausreiseanträgen und bei der Rückerstattung ihres Besitzes bürokratische Hindernisse in den Weg gestellt, um ihnen ihren Besitz nicht zurückgeben zu müssen. Zwischen 1945 und 1950 wanderten 24.000 Juden nachIsrael und Übersee aus.
Im Jahr 1952 wurde der Stellvertretende MinisterpräsidentRudolf Slánský (KSČ) verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Initiator der Verhaftung dürfteKlement Gottwald gewesen sein, der in Slánský einen potentiellen Rivalen sah. Noch dazu gab es antisemitische Motive, da sich unter den 14 Angeklagten imSlánský-Prozess elf Juden befanden. In diesem Prozess wurde Slánský mit zehn Mitangeklagten zum Tode verurteilt und auch hingerichtet. 1963 wurde er juristisch rehabilitiert, 1968 auch von der Partei.
Die Tschechoslowakei wurde als parlamentarische Demokratie proklamiert, führte 1920 dasFrauenwahlrecht ein,[23][24] und blieb nach 1933 neben der Schweiz die einzige funktionierende Demokratie inMitteleuropa. Sie stempelte ihre bisherigenKronen-Banknoten aus der Monarchie Anfang 1919 ab und schuf damit die bis zum Zweiten Weltkrieg stabileTschechoslowakische Krone.[25] FinanzministerAlois Rašin war dabei bis zu seiner Ermordung Anfang 1923 eine treibende Kraft.
Die neue Republik erreichte einen Aufschwung, der in einem starken Kontrast zur enormenInflation in Deutschland undin Österreich stand. Dazu trug bei, dass die Tschechoslowakei die ergiebigsten Kohlenvorkommen im Gebiet Österreich-Ungarn hatte und auch hochproduktive Agrargebiete.[26]
Die stetig steigende Unzufriedenheit derDeutschböhmen und Deutschmährer mit ihrer Situation in dem neuen Staat wurde unterschätzt. DieNSDAP unterAdolf Hitler unterstützte vor allem nach ihrerMachtergreifung 1933 imDeutschen Reich dieSudetendeutsche ParteiKonrad Henleins und verschärfte so die Konflikte unter denNationalitäten in der Tschechoslowakei. Als Hitler erwog, die Gebiete mit mehrheitlich deutschböhmischer Bevölkerung zuannektieren, einigten sich die westlichen Großmächte Frankreich und Großbritannien unter Vermittlung des italienischen DiktatorsBenito Mussolini imMünchner Abkommen mit ihm auf die Abtretung dieser Gebiete. Im Einzelnen wurden diejenigen Gebiete an das Deutsche Reich abgetreten, in denen sich die Mehrheit der Bevölkerung bei derVolkszählung 1911 als Deutsche bezeichnet hatte (worunter zahlreicheJuden waren). Bei den Verhandlungen war die tschechoslowakische Regierung nicht zugegen, stimmte unter Vorsitz vonEdvard Beneš aber den Ergebnissen zu.
Der nunmehr politisch alsZweite Republik bezeichnete tschechoslowakische Staat auf dem verbliebenenHoheitsgebiet – die „Nachmünchener“ Tschechoslowakei vom Oktober 1938 bis zur Besetzung durch Deutschland[27] – bestand nach diesenAbtretungen nur kurz. Am 15. März 1939besetzten deutsche Truppen die sogenannteRest-Tschechei und stellten sie alsProtektorat Böhmen und Mähren unter deutscheHoheit. Tags zuvor war im slowakischen Landesteil unter direktem Druck Hitlers derSlowakische Staat unter „deutschem Schutz“ gebildet worden; dieKarpatenukraine wurde von Ungarn annektiert. Teile der tschechoslowakischen Regierung waren insAusland geflüchtet und bildeten unterEdvard Beneš ab 1940 in London eineExilregierung. An der Seite der Westalliierten und derRoten Armee kämpften Tschechen und Slowaken vom Ausland aus für die Befreiung ihres Landes. Der Einmarsch derWehrmacht in das slowakische Staatsgebiet am 29. August 1944 war der Auslöser für denSlowakischen Nationalaufstand; getragen wurde er von Teilen der slowakischen Armee sowie Partisanen und richtete sich gegen die deutschen Besatzer und die mit ihnenkollaborierende Staatsregierung. Der Aufstand wurde innerhalb von zwei Monaten niedergeschlagen.
Zu den führenden (und auf Ausgleich bedachten) Rechtswissenschaftlern in der Tschechoslowakei gehörteRudolf Schránil.
Protektorat Böhmen und Mähren, Slowakischer Staat (1939–1945)
Nach derSezession derSlowakei am 14. März 1939 unterzeichneten der tschechoslowakische StaatspräsidentEmil Hácha und AußenministerFrantišek Chvalkovský in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1939 unter massivem deutschen Druck einen Protektoratsvertrag. DieWehrmacht marschierte in den frühen Morgenstunden des 15. März ein (die so genannte „Zerschlagung der Rest-Tschechei“). Das besetzte Gebiet wurde anschließendannektiert. Das so entstandeneProtektorat Böhmen und Mähren umfasste die überwiegend von Tschechen bewohnten Teile Böhmens und Mährens. Die Regierung unter Präsident Emil Hácha stand unter der Aufsicht eines Reichsprotektors.
Wiedererrichtung der ČSR und Februarumsturz (1945–1948)
Lage der Tschechoslowakei in Europa zwischen 1949 und 1990
Nach Kriegsende 1945 ist die Tschechoslowakei in den Grenzen aus der Zeit vor dem Münchner Abkommen wiedererstanden[28], ausgenommen die Karpatenukraine, die derSowjetunion überlassen werden musste. Die deutsche Bevölkerung vor allem im Bereich der heutigen Tschechischen Republik wurde überwiegendvertrieben oder ausgesiedelt.
Tschechoslowakische Sozialistische Republik (1960–1990)
Staatswappen der ČSSR
In der Verfassung von 1960 nahm der Staat die BezeichnungTschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) an und der kommunistische Führungsanspruch wurde dort festgeschrieben.
1968 kam es unter dem Vorsitzenden derKommunistischen ParteiAlexander Dubček zum Versuch einer „Vermenschlichung“ des kommunistischen Staates. DerPrager Frühling sollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen, wurde aber von der Sowjetunion und den anderen imWarschauer Vertrag verbündeten Ostblockstaaten als Konterrevolution mit Waffengewalt am 21. August 1968 niedergeschlagen. Als Nachwirkung des dabei untergegangenen Reformprogramms konnte dieFöderalisierung der ČSSR umgesetzt werden. Diese wurde am 28. Oktober 1968, dem 50. Jahrestag der tschechoslowakischenUnabhängigkeit, ausgerufen. Fortan bildeten zwei Teilrepubliken, dieTschechische Sozialistische Republik und dieSlowakische Sozialistische Republik, die ČSSR. Allerdings gab es auch bei dieser Reform vonsowjetischer Seite eine starke Einschränkung: Es gab zwar eine slowakische, nicht aber eine tschechischeKommunistische Partei. Für die alles entscheidende Parteilinie blieb weiterhin das Zentralkomitee derKPČ in Prag und dessen Präsidium zuständig.
Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 wurde dem Land von sowjetischer Seite eine„Normalisierung“ verordnet, die eine tiefe Resignation auslöste. Künstler, Intellektuelle und Politiker des Prager Frühlings bildeten eine vom Regime vielfach verfolgteBürgerrechtsbewegung. Sie veröffentlichte 1977 die PetitionCharta 77, nannte sich fortan ebenso und rief seit 1988 zu politischen Aktionen auf, blieb aber politisch weitgehend wirkungslos.
Im November 1989 kam es unter dem Eindruck des Reformprogramms vonMichail Gorbatschow in der Sowjetunion zu mehrtägigen Demonstrationen in Prag,Bratislava und anderen Städten. Nach tagelangen Protesten trat die kommunistische Führung zurück. Mit dieser „Samtenen Revolution“, einer weitgehend gewaltlosen Erhebung des Volkes, endete die Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Anfang Dezember 1989 wurde unter dem ReformkommunistenMarián Čalfa eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung gebildet. Ende Dezember wurde der BürgerrechtlerVáclav Havel zum Staatspräsidenten gewählt. Im Juni 1990 fanden die ersten freienParlamentswahlen seit 1945 statt. Es siegten das tschechischeObčanské fórum (Bürgerforum, OF) und die slowakischeVerejnosť proti násiliu (Öffentlichkeit gegen Gewalt, VPN), die zusammen die Regierung bildeten.
Tschechische und Slowakische Föderative Republik (1990–1992)
Nach dem Ende der kommunistischen Diktatur[29] zeichnete sich bald ab, dass derföderative Staat Tschechoslowakei auf Dauer keinen Bestand mehr haben würde. Zu den ersten Zerwürfnissen kam es während des sogenannten „Gedankenstrich-Krieges“ um die Landesbezeichnung. Von April 1990 bis Ende 1992 hieß das LandTschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR; vereinzelt auch alsTschechoslowakische Bundesrepublik bezeichnet) mit den KurzformenTschechoslowakei in Tschechien beziehungsweiseTschecho-Slowakei in der Slowakei. Aufkommende Interessenskonflikte zwischen den beiden Landesteilen führten 1992 zum Ende der Tschechoslowakei. Ohne ein Referendum beschloss die Bundesversammlung der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik am 25. November 1992 dieAuflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992 und damit die Bildung der beiden neuen StaatenTschechien undSlowakei zum 1. Januar 1993.
Sportler der Tschechoslowakei konnten auch bei den Olympischen Spielen zahlreiche Erfolge feiern. Insgesamt gewannen sie 168 Medaillen (davon 51 goldene), wobei der mit Abstand größte Teil (143) auf Medaillen bei den Sommerspielen entfällt. Am erfolgreichsten war man bei den Sommerspielen1952 in Helsinki und1968 in Mexiko-Stadt, bei denen man jeweils sieben Goldmedaillen und insgesamt dreizehn Medaillen gewann. Die erfolgreichste Olympionikin war die KunstturnerinVěra Čáslavská, die bei den drei Spielen in den 1960er Jahren sieben Gold- und vier Silbermedaillen gewinnen konnte. Der erfolgreichste Olympionike war der LangstreckenläuferEmil Zátopek, der in den 1950er Jahren vier Gold- und eine Silbermedaille gewann.
In der Zwischenkriegszeit war die Tschechoslowakei eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Sie gehörte zu den stärkstenIndustriestaaten des Kontinents, wobei dieSchwerindustrie eher im Landesinnern angesiedelt war, während in der überwiegend von Deutschen bewohntenGrenzregionLeichtindustrie vorherrschte. Weltruf genoss vor allem dieWaffenproduktion des Landes. Schon vor 1918 waren dieböhmischen Länder das industriereichste Gebiet derDonaumonarchie. Jedoch war die Slowakei bis in die 1960er Jahre wirtschaftlich deutlich schwächer als der westliche Landesteil. Die Karpatenukraine, die 1945 von derUdSSRannektiert und derUkrainischen SSR einverleibt wurde, war 1918 ein praktisch industrieloses Gebiet mit einem hohen Anteil vonAnalphabeten in der Bevölkerung. DieWeltwirtschaftskrise traf auch die Tschechoslowakei in den Jahren 1929 bis 1933. Die Zahl der Arbeitslosen belief sich auf etwa eine Million.
Taschenlexikon ČSSR. Bibliographisches Institut, in Zusammenarbeit mit dem Enzyklopädischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaft Prag (ČSAV), Leipzig 1983
Rudolf Chmel. In: Ludwig Richter,Alfrun Kliems (Hrsg.):Slowakische Kultur und Literatur im Selbst- und Fremdverständnis, Stuttgart 2005,ISBN 3-515-08676-5 (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 22,S. 13 ff.)
Stephan Dolezel,Karl Bosl (Hrsg.):Die demokratisch-parlamentarische Struktur der Ersten Tschechoslowakischen Republik. München u. Wien 1975,ISBN 3-486-44381-X (Vorträge der Tagung desCollegium Carolinum in Bad Wiessee am Tegernsee vom 28.11. bis 01.12.1974)
Rüdiger Kipke, Karel Vodička:Abschied von der Tschechoslowakei. Ursachen und Folgen der tschechisch-slowakischen Trennung. Köln 1993,ISBN 3-8046-8803-9
Christoph Kotowski:Das friedliche Ende der Tschechoslowakei. Warum es zwischen Tschechen und Slowaken nach dem Ende des Realsozialismus nicht zum Krieg kam. München 2013,ISBN 3-656-55523-0
↑126/1920 Sb. = Gesetz vom 29. Februar 1920, S. d. G. u. V. Nr. 126, über die Errichtung von Gau- und Bezirksämtern in der Čechoslovakischen Republik
↑310/1922 Sb. = Verordnung vom 26. Oktober 1922, S. d. G. u. V. Nr. 310, betreffend die Einführung der Gauordnung in einzelnen Teilen des Gebietes der Čechoslovakischen Republik
↑378/1922 Sb. = Verordnung vom 21. Dezember 1922, S. d. G. u. V. Nr. 378, betreffend die Einteilung und Sitze der Bezirksämter in der Slovakei
↑84/1926 Sb. = Verordnung vom 4. Juni 1926, S. d. G. u. V. Nr. 84, über die Reorganisation der Komitatsverwaltung im Gebiet der Podkarpatská Rus
↑125/1927 Sb. = Gesetz vom 14. Juli 1927, S. d. G. u. V. Nr. 125, über die Organisation der politischen Verwaltung
↑Verlag Herder (Hrsg.):Der kleine Herder. Nachschlagebuch über alles für alle. 2. Halbband L bis Z, Herder & Co. GmbH Verlagsbuchhandlung. Freiburg im Breisgau 1925, S. 1372.
↑Th. Knaurs Nachf. (Hrsg.):Knaurs Lexikon A-Z. Berlin 1938, S. 1723 f.
↑Jad Adams:Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014,ISBN 978-0-19-870684-7, S. 437.
↑United Nations Development Programme:Human Development Report 2007/2008. New York, 2007,ISBN 978-0-230-54704-9, S. 343
↑Krone ist in Tschechien bis heute der Name der nationalen Währung.
↑Alice Teichova et al. (1996):Österreich und die Tschechoslowakei 1918–1938: die wirtschaftliche Neuordnung in Zentraleuropa in der Zwischenkriegszeit, S. 256 (online).
↑Rüdiger Alte:Die Außenpolitik der Tschechoslowakei und die Entwicklung der internationalen Beziehungen 1946–1947. Oldenbourg, München 2003, S. 35eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
↑Siehe wörtlich etwa inHeiner Timmermann, Emil Voráček,Rüdiger Kipke (Hrsg.):Die Beneš-Dekrete. Nachkriegsordnung oder ethnische Säuberung: Kann Europa eine Antwort geben? (Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen; Bd. 108), LIT Verlag, Münster 2005,ISBN 3-8258-8494-5,eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche; vgl.Jörg K. Hoensch,Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; Bd. 93), Oldenbourg, München 2000,ISBN 3-486-56521-4, S. 18f.eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche