
Tisa von der Schulenburg (eigentlich:Elisabeth Karoline Mary Margarete Veronika Gräfinvon der Schulenburg; *7. Dezember1903 inTressow; † 8. Februar2001 inDorsten) war eine deutsche bildende Künstlerin. Als Ordensschwester im Orden derUrsulinen (OSU) trug sie den NamenSchwester Paula.
Tisavon der Schulenburg wurde 1903 auf dem mecklenburgischen Gut Tressow, heute ein Ortsteil von Bobitz, als Tochter des preußischen Generals der Kavallerie und späterenNSDAP-ReichstagsabgeordnetenFriedrich Bernhard Graf von der Schulenburg (1865–1939) und seiner Ehefrau Freda-Marie geborene Gräfinvon Arnim (1873–1939) geboren.
Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend inLondon,Potsdam,Berlin undMünster, aber vor allem auf dem Besitz des Vaters in Tressow. Zu ihren Brüdern Johann-Albrecht (1898–1945),Wolf-Werner (1899–1944) und Adolf-Heinrich (1901–1940) hatte sie ein eher distanziertes Verhältnis; zuFritz-Dietlof (1902–1944), dem späteren Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944, sowie ihrem jüngeren Bruder Wilhelm (1904–1936) jedoch pflegte sie eine engere Beziehung.
1914 bzw. in den folgenden Jahren zogen Tisas Vater und die drei ältesten Brüder in denKrieg. Während dieser Zeit war sie zunächst imKloster Stift zum Heiligengrabe untergebracht. Danach kam sie zur Haushaltslehre nachLemgo, nahm privaten Zeichenunterricht und lernte bei einem Möbeltischler, Holz mit demStechbeitel zu bearbeiten. Der Zusammenbruch desKaiserreiches traf die Familie hart – als der Vater und die Brüder 1919 aus dem Krieg zurückkehrten, war der einstige Reichtum der Familie fast aufgezehrt.
Tisa von der Schulenburg stellte sich schon als 16-Jährige dem KünstlerMax Liebermann von derBerliner Akademie mitScherenschnitten vor, mit denen sie seit 1917 experimentierte. Er bestätigte ihr Talent, doch ihr Vater stimmte erst 1925 dem Besuch der Akademie zu. Sie studierte beiFritz Klimsch,Edwin Scharff undOtto HitzbergerBildhauerei. Während eines Auslandssemesters in Paris lernte sie 1927Charles Despiaux kennen, der ihre Arbeiten lobte und förderte. In Berlin und Paris führte sie ein Leben ganz im Sinne derGoldenen Zwanziger – hemmungslos und berauschend. Im Haus des jüdischen BankiersHugo Simon, der 1914 zusammen mit Albert Einstein denBund Neues Vaterland initiiert hatte,[1] lernte sie zu dieser ZeitBertolt Brecht,Paul Levi,Max Pechstein,George Grosz,Albert Einstein,Heinrich undThomas Mann und andere Berliner Persönlichkeiten kennen und diskutierte mit ihnen über Politik, Wissenschaft und Kunst. Hier traf sie als 25-Jährige auch auf den jüdischen Unternehmer Fritz Hess (gest. 1976), den sie – zum Unwillen ihres Vaters – 1928 heiratete. Persönlich und künstlerisch blieb sie jedoch unzufrieden.
Nachdem Tisa von der Schulenburg kurz nach derMachtergreifung derNationalsozialisten Hitlers BuchMein Kampf gelesen hatte, emigrierte das Ehepaar 1933 wegen der Verfolgung der Juden und „aktiven Linken“ nach London. Ihre Eltern und Brüder standen Hitler jedoch wohlgesinnt gegenüber und begrüßten die Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Anfang 1935 lernte Tisa von der Schulenburg in England den Bildhauer und MalerHenry Moore kennen und versuchte sich an Bronzeskulpturen; die Plastiken gefielen ihr jedoch nicht, und sie entdeckte für sich so dasRelief. Weil sie keinen gültigen Pass besaß, konnte sie nicht zur Beerdigung ihres jüngsten Bruders Wilhelm kommen, der bei einem Autounfall ums Leben kam – der Verlust traf die Familie schwer.„Der Schmerz eint uns, doch die Politik trennt uns“, schrieb sie später.
Nach ihrer – gegen die nationalsozialistische Kunstpolitik gerichteten – Ausstellung „Entartete Kunst“ 1936 wurde sie in den Vorstand der antifaschistischen Künstlergruppe „Artists International Association“ (AIA) gewählt, die versuchte, die Kluft zwischen Arbeitern und Künstlern abzubauen. Um Vorträge über Kunst zu halten und Schnitzkurse zu geben, besuchte Schulenburg die GrafschaftDurham im Norden Englands. In diesem Kohlerevier begegnete sie dem Elend der Arbeiter: 200.000 Bergleute waren zu dieser Zeit ohne Arbeit; wer noch bei den Bergwerken beschäftigt war, arbeitete unter härtesten Bedingungen. Sie solidarisierte sich mit den Arbeitslosen und half bei der Organisation von Lebensmitteln. Als Belohnung für ihr soziales Engagement in der Region durfte Schulenburg in ein Bergwerk einfahren und sah die Arbeit „vor Ort“. Sie reiste bis 1939 jedes Jahr mehrmals in die Gegend, um Vorträge zu halten und Kurse zu geben. Jedes Mal entstanden unter den Eindrücken neue Zeichnungen und Schnitzereien. Nach einer psychologischen Behandlung ließ sie sich 1938 nach 10-jähriger Ehe von Fritz Hess scheiden.
Sechs Monate später reiste sie nach Deutschland, um den im Sterben liegenden Vater zu besuchen. Der Vater, vonHeinrich Himmler mittlerweile zumSS-Obergruppenführer befördert, starb kurz nach einer Aussprache mit seiner Tochter anAlterstuberkulose. Auch mit ihrem BruderFritz-Dietlof, gerade zum stellvertretenden OberpräsidentenSchlesiens ernannt, konnte sie sich unterhalten; hier erfuhr sie, dass seine Arbeit nur Tarnung war und er schon im Widerstand wirkte. Als sie zurück nach England wollte, wurde ihr die Einreise verweigert, weil man sie für eine Spionin hielt. Sie hatte einen Zeitungsbericht von der Beerdigung ihres Vaters aus Deutschland mitgenommen, und die britischen Beamten entdeckten darin ein Foto, das Hitler als Trauergast bei dieser Beerdigung zeigte. Sie litt darunter, im Machtbereich der Hitler-Diktatur bleiben zu müssen, wohnte zunächst bei ihrem Bruder Adolf-Heinrich inKöln und fuhr dann zu ihrer Mutter nachTravemünde. Ihre Mutter hatte mehrere Schlaganfälle erlitten und starb wenige Wochen später.
In Travemünde traf sie ihren JugendfreundCarl Ulrich von Barner und begann eine Beziehung mit ihm. Am Tag des Kriegsausbruchs wurde von Barner eingezogen, am Abend desselben Tages ließen sie sich standesamtlich trauen. Tisa von der Schulenburg zog auf das GutKlein Trebbow, etwa 15 km südlich von Tressow, das denvon Barners gehörte, und übernahm die Leitung des Gutes. Seit Ende 1942 war sie von Fritz-Dietlof und seiner Frau Charlotte, die zeitweise auf dem Gut wohnte, genauer über die Pläne desWiderstands informiert. Sie engagierte sich „im Kleinen“ und nahm beispielsweise Kriegsgefangene auf. Während des Krieges kam ihre Kunst, bis auf einzelne Skizzen, fast ganz zum Stillstand; zu vieles lenkte sie ab und belastete sie.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg traf sich 1944 mehrmals mitFritz-Dietlof von der Schulenburg auf dem Gut Klein Trebbow. Am Vortag desHitler-Attentats besuchte er Klein Trebbow erneut. Das Attentat scheiterte, und ihr Bruder sowie ihr OnkelFriedrich-Werner wurden wenige Wochen später zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet. Tisa von der Schulenburg wurde abgewiesen, als sie versuchte, als Zuschauerin beim Prozess gegen ihren Bruder beim Volksgerichtshof in Berlin zugelassen zu werden. Sie schuf nach der Hinrichtung ihres Bruders im Herbst 1944 eine Gedenkplatte mit der Inschrift „Ich habs getan mit Sinnen und trag des nun kein Reu“ (ein Leitsatz vonUlrich von Hutten) für den Park des Gutes Klein Trebbow. Wegen dieser offen mit dem Attentat der Widerstandskämpfer sympathisierenden Inschrift wurde sie Anfang 1945 bei der örtlichen NSDAP denunziert, kam aber nicht in Haft.Ihre anderen Brüder fielen an der Front oder starben an Darmkrebs.
Nach dem Ende des Krieges floh sie vor derRoten Armee in den Westen zu Verwandten nach Travemünde. Sie nahm eine Stelle als Sekretärin beim Offizier für Industrie der britischen Militärverwaltung an. 1946 wurde die Ehe mit Carl Ulrich von Barner (1899–1978) geschieden. Sie zog nachGlinde bei Hamburg und arbeitete als Wohlfahrtspflegerin in dem dortigen Militärdepot. Sie gründete eine ArtBetriebsrat und stellte für die Arbeiter die Grundversorgung mit Lebensmitteln her.
Tisa von der Schulenburg verkaufte Zigaretten, die ihr von Freunden aus England geschickt wurden und sparte das Geld, um wieder als freie Künstlerin arbeiten zu können. Vorerst arbeitete sie ab 1947 als freie Mitarbeiterin bei der Hamburger Zeitung „Die Welt“. Sie reiste für einen Bericht für ein halbes Jahr in dasRuhrgebiet. Sie wohnte in einer Zechenkolonie inRecklinghausen, wo ihr Bruder Fritz-Dietlof von 1928 bis 1932 bei der Kreisverwaltung als Regierungsassessor tätig gewesen war. Sie konnte in mehrere Zechen einfahren, darunter „Präsident“, „Carolinenglück“ und „Hannover-Hannibal“ inBochum, „General Blumenthal“ in Recklinghausen und „Unser Fritz“ inWanne-Eickel (heute ein Stadtteil vonHerne). Mit Erinnerungen an den englischen Bergbau begann sie wieder viel zu zeichnen und zu schnitzen. Im Freundeskreis ihres Bruders Fritz, der sie aufgenommen hatte, entdeckte sie ein Buch über den Bischof von MünsterClemens August Graf von Galen und den katholischen Widerstand gegen das Nazi-Regime. Als sie zurück nach Hamburg fuhr, entschloss sie sich, zumKatholizismus zu konvertieren. Über Recklinghäuser Bekannte gelangte sie Ende 1948 nachDorsten und stellte Marienfiguren, Kreuze,Kreuzwege und andere Plastiken für im Krieg zerstörte Dorstener Kirchen und dasUrsulinen-Kloster her. Als 46-Jährige trat Tisa von der Schulenburg 1950 als Schwester Paula in das Dorstener Kloster St. Ursula ein.


Schwester Paula wurde Kunstgeschichts- und Zeichenlehrerin an den von den Dorstener Ursulinen geleiteten Schulen (zunächst an der Realschule, später amGymnasium St. Ursula Dorsten). Nach 13 Jahren Unterricht widmete sie sich ab 1962 ganz ihrer Kunst. Sie hatte nun Zeit und Kraft, um die Skizzen und Szenen aus ihrem Gedächtnis in Holzskulptur und mit Tusche umzusetzen – neben religiösen Themen vor allem Bilder über die Not des Krieges, Flüchtlinge, Judenverfolgung und Vernichtung. Sie entdeckt denBronze- und Aluminiumguss für ihreReliefarbeiten. Nach der Aufhebung der strengenKlausur nahm sie auch Aufträge von außerhalb des Klosters an – Brunnenanlagen, Säulen, Ehrenmale, Fenster- und Wandgestaltungen. Ab 1962 stellte die Künstlerin unter ihrem bürgerlichen Namen wieder regelmäßig aus. Auf Einladung fuhr sie in das Dorstener Bergwerk „Fürst Leopold“ ein – wieder wurde der Arbeiter ihr Thema.
1968 bis 1969 arbeitete sie für eineLepra-Station inÄthiopien. Ihre Solidarität mit den Arbeitern und Arbeitslosen weitete sich zu einem sozialen Engagement für alle Leidenden. Immer, wenn sie von Leid und Elend anderer Menschen erfuhr, verarbeitete sie die Eindrücke in Bildern oder Plastiken – so entstanden Bilder über denVietnamkrieg, den Hunger inBiafra und die inChile politisch Verfolgten.
1979 reiste sie nachIsrael und begegnete Überlebenden desHolocaust in der Dorstener PartnerstadtHod haScharon und inJerusalem. Für die Erweiterung des Bergwerks „General Blumenthal“ um die Schachtanlage „Haltern 1/2“ gestaltete sie 1984 mehrere Reliefs. Bei der Enthüllung der Plastiken traf Schwester Paula auf denBundespräsidentenRichard von Weizsäcker.
Die geplante Schließung der DorstenerZeche Fürst Leopold führte 1997 zuMahnwachen, an denen auch Schwester Paula – schon in densiebziger Jahren als „Heilige Barbara desRuhrgebiets“ bezeichnet – teilnahm. Sie demonstrierte mit den Bergleuten und schuf dazu eine Bronze-Stein-Plastik.
Eine ihrer Mitschwestern im Kloster und spätere Oberin warJohanna Eichmann.
Elisabeth „Tisa“ Gräfin von der Schulenburg wurde 97 Jahre alt und starb im Februar 2001.

Das künstlerische Werk von Tisa von der Schulenburg bewegt sich formal vor allem zwischen Zeichnung undPlastik. So wurde die ZwischenstufeRelief – die „Zeichnung in Holz, Stein oder Bronze“ – ihre Leidenschaft. Ihre Zeichnungen sind sehr häufigschwarz-weiß; teilweise stehen geschriebene Kommentare und Gedichte im Bild. Es gab jedoch zu allen Schaffensphasen auch bunte, fröhliche Motive. Zeichnungen erinnern oft an Skizzen, Skulpturen beziehungsweise Plastiken an rohe Entwürfe. Außerhalb des Hauptwerkes experimentierte Schulenburg aber auch mitStickereien und der Gestaltung von Kirchenfenstern.
Thematisch stehen der Industriearbeiter und das Elend der Arbeitslosen, Hungernden, Verfolgten, Flüchtenden – kurz, aller Leidenden – im Mittelpunkt ihres Schaffens.
Tisa von der Schulenburg illustrierte mehrere Gedichtbände und trug eigene Geschichten zu einigen Erzählbänden bei. Zusammen mit den Ausstellungskatalogen war sie an über 50 literarischen Werken beteiligt. Es folgt eine Auswahl von eigenen literarischen, zum großen Teil autobiografischen, Werken:
„Ich kann nicht schweigen.“
„So leicht wirft man seine Heimat nicht hinter sich.“
„Wenn es eine Gegend gab, die mich anzog, dann war es […] das Ruhrgebiet.“
„Was dabei herausgekommen ist: ein netter Provinzkünstler.“
Als ihre Wahlsprüche bezeichnet Tisa von der Schulenburg „Frei will ich leben und frei will ich sterben.“ ausFriedrich SchillersWallensteins Lager und „Wache, fleh und bete.“ ausJohann Burchard FreysteinsMache dich, mein Geist, bereit.
Die von Tisa von der Schulenburg, der StadtDorsten sowie 39 weiteren Stiftern durch dasStiftungsgeschäft vom 4. Mai 1992 errichtete selbstständige „Tisa von der Schulenburg-Stiftung“ wurde am 17. September 1993 vom Innenministerium des LandesNordrhein-Westfalen genehmigt. Sie vergibt alle drei Jahre einen Förderpreis an den künstlerischen Nachwuchs. Ihre Geschäftsstelle, das Archiv mit Tisa von der Schulenburgs Nachlass und Ausstellungsräume sind in umgestalteten Räumen der einstigen Zeche Leopold untergebracht, die zuvor derWasserhaltung gedient hatten.[3]
in der Reihenfolge des Erscheinens
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Schulenburg, Tisa von der |
| ALTERNATIVNAMEN | Schulenburg, Elisabeth von der (wirklicher Name); Schwester Paula (Ordensname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Künstlerin und Ordensschwester |
| GEBURTSDATUM | 7. Dezember 1903 |
| GEBURTSORT | Tressow, heute zuBobitz |
| STERBEDATUM | 8. Februar 2001 |
| STERBEORT | Dorsten |