Thomas Nipperdey (*27. Oktober1927 inKöln; †14. Juni1992 inMünchen) war ein deutscherHistoriker undHochschullehrer. Sein dreibändiges WerkDeutsche Geschichte 1800–1918 (erschienen 1983–1992) gilt als Standardwerk der neueren Geschichte.
Thomas Nipperdey kam als drittes Kind des RechtsprofessorsHans Carl Nipperdey und seiner Frau Hildegard (1903–1990), geb. Eißer, zur Welt. Er hatte zwei ältere Brüder und zwei jüngere Schwestern, darunter dieTheologinDorothee Sölle. Nipperdey wuchs im Kölner StadtteilMarienburg in bildungsbürgerlichen Verhältnissen auf, in denen seine musischen Interessen gefördert wurden, etwa durch Klavier- und Cellounterricht.
Bis 1937 besuchte Nipperdey eine evangelische Volksschule, dann wechselte er an dasGymnasium Kreuzgasse, das zu dieser Zeit den NamenDeutsche Oberschule trug.[1] Noch in seiner Gymnasialzeit wurde er 1943 alsFlakhelfer imZweiten Weltkrieg eingezogen.[2] Von Herbst 1944 bis Frühjahr 1945 leistete erArbeitsdienst. Nach einem halbjährigen Sonderkurs bestand er 1946 das Abitur am Gymnasium Kreuzgasse.[3]
Ab 1946 studierte NipperdeyPhilosophie undGeschichtswissenschaft an den UniversitätenKöln,Göttingen undCambridge. In Köln wurde er 1953 bei dem PhilosophenBruno Liebrucks mit der unveröffentlicht gebliebenen ArbeitPositivität und Christentum in Hegels Jugendschriftenpromoviert. Im Jahr darauf legte er das Staatsexamen ab, ohne aber den Beruf des Lehrers anzustreben. Unter dem EinflussTheodor Schieders, der zum Bekanntenkreis des Vaters gehörte und mit dem Nipperdey Hausmusik machte, wandte er sich ganz der Geschichtswissenschaft zu. Durch Schieders Vermittlung erhielt er ein Stipendium derKommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, das es ihm ermöglichte, die Geschichte der deutschen politischen Parteien vor 1918 zu erforschen.
Im Jahr 1957 wurde er als Assistent amMax-Planck-Institut für Geschichte inGöttingen angestellt, das vonHermann Heimpel geleitet wurde. Nipperdey arbeitete in der Abteilung für Neuere Geschichte, der bis 1961Richard Nürnberger, dannDietrich Gerhard vorstand.[4] Dort schloss er seine ArbeitDie Organisation der deutschen Parteien vor 1918 ab, mit der er sich 1961 in Göttingenhabilitierte (Gutachter waren Nürnberger und Heimpel) und die noch im selben Jahr publiziert wurde.[5]
AlsPrivatdozent arbeitete Nipperdey noch zwei Jahre am Göttinger Institut, 1962 unterbrochen durch eine Lehrstuhlvertretung inGießen,[6] bis er 1963 als Nachfolger vonWalther Peter Fuchs an dieTechnische Hochschule Karlsruhe berufen wurde. Den dortigen Lehrstuhl für Geschichte hatte bis 1936Franz Schnabel innegehabt. Daneben wirkte Nipperdey alsLehrbeauftragter an derUniversität Heidelberg, wo er in Kontakt mitWerner Conze und dessen Neuansätzen in derSozial- undBegriffsgeschichte kam.[7]
Im Jahr 1967 lehnte Nipperdey einen Ruf an dieUniversität Bochum ab und wechselte stattdessen zum Wintersemester 1967/68 an dieFreie Universität Berlin auf den ehemaligen LehrstuhlHans Herzfelds.[8] Im Juli 1969 wurde er dort zumDekan derPhilosophischen Fakultät gewählt. Rufe an die UniversitätenKiel,Hamburg undKöln lehnte er in den Berliner Jahren ab. Zum Wintersemester 1971/72 aber wechselte Nipperdey als NachfolgerWalter Bußmanns an dieUniversität München, wieder auf den ehemaligen Lehrstuhl Franz Schnabels.[9] Dort lehrte er bis zu seinem Tod 1992. Einen Ruf nach Heidelberg lehnte er 1980 ab. Von 1979 bis 1981 wirkte er als Dekan seiner Fakultät.[10] Forschungsaufenthalte führten ihn 1970/71, 1978/79 und 1984/85 nachPrinceton, 1974/75 nachOxford und 1988/89 nachStanford.[11]
Bei Nipperdey habilitierten sichAdolf M. Birke,Wolfgang Hardtwig,Leonid Luks undManfred Rauh, promoviert wurden u. a.Horst Möller,Karl Heinz Metz,Karl-Joseph Hummel,Stefan Fisch,Martin Baumeister,Dirk Schumann.[12]
Die Berliner und noch die ersten Münchner Jahre waren durch ein starkes politisches Engagement Nipperdeys geprägt. Wie andere sich als Reformer verstehende Professoren seiner Generation, etwa die mit ihm befreundetenWilhelm Hennis undHermann Lübbe, fühlte sich Nipperdey derSozialdemokratie politisch am nächsten und trat im April 1968 in dieSPD ein; wie andere entwickelte er in der Auseinandersetzung mit den68ern eine politische Haltung, die in derideengeschichtlichen Forschung alsliberalkonservativ[13] bezeichnet wird. An den Protestformen der Berliner Studierenden übte er scharfe Kritik, besonders dezidiert in dem RundfunkvortragZur Lage an der Freien Universität, der am 25. März 1969 imSFB ausgestrahlt wurde. Seine dort vorgenommene Parallelisierung der Methoden der Studierenden mit jenen derNationalsozialisten vor 1933 trug ihm die Feindschaft derStudentenbewegung ein, was sich in Vorlesungsstörungen und einem Farbanschlag auf Nipperdeys Auto niederschlug.
Vor diesem Hintergrund gehörte Nipperdey 1970 zu den Gründern derNotgemeinschaft für eine freie Universität (NoFU) und desBundes Freiheit der Wissenschaft (BFW).[14] Von September 1973 bis 1980 war er einer der drei Vorsitzenden des BFW, zunächst mitHatto H. Schmitt undMichael Zöller, ab 1976 mitClemens Christians undJürgen Domes. Danach war er als Beisitzer Mitglied des erweiterten Vorstandes.[15] Bildungspolitisch trat Nipperdey mit einem ausführlichen Gutachten hervor, das er im Auftrag desHessischen Elternvereins erstellt hatte und in dem er gegen dieHessischen Rahmenrichtlinien für das Fach Gesellschaftslehre Stellung bezog. Das Gutachten wurde 1974 sogar als Buch veröffentlicht.[16] Aus der SPD trat Nipperdey 1985 aus.[17]
Die politischen Aktivitäten Nipperdeys traten in den späten 1970er Jahren in dem Maße zurück, in dem der Plan zu einem großen Buchprojekt reifte. Seit seinem Aufenthalt in Princeton 1978/79 arbeitete er konkret an dem Manuskript, das 1983 beiC. H. Beck alsDeutsche Geschichte 1800–1866 erschien. Seine dann getroffene Entscheidung, das Werk bis 1918 fortzusetzen, hatte zur Folge, dass die 1980er Jahre ganz der Arbeit an seinem Opus magnum gewidmet waren. Am sogenanntenHistorikerstreit seit 1986 beteiligte er sich nur mit einem einzigen Artikel, der am 17. Oktober 1986 mit dem TitelUnter der Herrschaft des Verdachts in derZeit erschien. Darin beklagte er den Stil der Debatte, kritisierteJürgen Habermas für seine moralisierende Stellungnahme den angegriffenen Kollegen gegenüber,[18] äußerte sich zum inhaltlichen Kern der Auseinandersetzung aber nicht und vermied dadurch, sich vonErnst Nolte persönlich zu distanzieren, dessen strittige These er inhaltlich ablehnte.[19]
Im Oktober 1988 musste sich Nipperdey erstmals einerKrebs-Operation unterziehen, im Spätsommer 1990 zeigte sich, dass die Erkrankung lebensbedrohlich war.[20] Zu diesem Zeitpunkt war der erste Teilband seinerDeutschen Geschichte 1866–1918 bereits erschienen. Die Arbeit am abschließenden Band wurde mit Hilfe des AssistentenAndreas W. Daum, Christiane Frische undWilfried Rudloff forciert. Das Manuskript wurde im November 1991 abgeschlossen und von Nipperdey mit einem auf den „3. Oktober 1991, dem Tag der deutschen Einheit“ datierten Nachwort versehen.[21] Das Buch erschien im August 1992,[22] der Autor war im Juni im Alter von 64 Jahren an seiner Krebserkrankung gestorben.
Thomas Nipperdey war seit 1969 mitVigdis Nipperdey, geb. Henze, verheiratet. Das Paar hatte vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter. Fünf Tage nach Nipperdeys Tod, am 19. Juni 1992, wurde in derIckinger Auferstehungskirche der Trauergottesdienst gefeiert, bei dem der Münchner Kollege und FreundTrutz Rendtorff predigte.[23] Anschließend wurde Nipperdey auf dem Waldfriedhof in Icking beigesetzt.[24]
Seit 1985 war Nipperdey ausländisches Ehrenmitglied derAmerican Academy of Arts and Sciences. Schon seit 1969 war er ordentliches Mitglied derHistorischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1990 wurde er zum ordentlichen Mitglied derBayerischen Akademie der Wissenschaften berufen. Für sein Werk erhielt er 1984 denHistorikerpreis der Stadt Münster. 1989 wurde er mit demBundesverdienstkreuz, 1992 mit demBayerischen Verdienstorden geehrt. Im März desselben Jahres wurde ihm derPreis des Historischen Kollegs, der als Deutscher Historikerpreis gilt, zugesprochen; die Verleihung erfolgte posthum in einer Feierstunde am 19. November 1992.[25] Die Ludwig-Maximilians-Universität veranstaltete an Nipperdeys erstem Todestag, dem 14. Juni 1993, eine akademische Gedenkfeier, bei derWolfgang Hardtwig Nipperdeys Gesamtwerk würdigte,Sten Nadolny, ein Doktorand Nipperdeys in Berlin, die Sprache des Historikers charakterisierte und Hermann Lübbe über sein politisches Engagement sprach.[26] Eine zu Nipperdeys 65. Geburtstag geplante Festschrift erschien 1993 als Gedächtnisschrift.[27]
Nipperdeys umfangreichstes und wohl bedeutendstes Werk ist seine dreibändige deutsche Geschichte, die den Zeitraum von 1800 bis 1918 umfasst und an der er in den Jahren seiner Münchner Professur von 1972 an arbeitete.[28] Wichtige frühere Aufsätze, mit denen Nipperdey die Forschung voranbrachte, sindNationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert (1968)[29],Volksschule und Revolution im Vormärz (1968) sowieVerein als soziale Struktur in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert (1972).[30] Nach der Fertigstellung seiner Habilitationsschrift besuchte Nipperdey nie wieder die Archive, sondern bevorzugte die großformatige historische Synthese.[31]
Seine deutsche Geschichte hat den Anspruch, Totalgeschichte zu sein, das heißt alle Bereiche menschlichen Lebens und nicht nur die häufig im Vordergrund stehende politische Entwicklung zu beschreiben.[32] Eine so detaillierte und in Bezug auf Stofffülle und Genauigkeit der Analyse vergleichbare Darstellung dieser so ausgedehnten Epoche gab es zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung noch nicht, wenn auch Werke Franz Schnabels,Heinrich von Treitschkes undGolo Manns als Vorbilder dienen konnten.[33]
Berühmtheit erlangte der der Bibel entlehnte Eingangssatz „Am Anfang war Napoleon“[34] des ersten BandesBürgerwelt und starker Staat, der noch später von vielen bedeutenden Historikern modifiziert aufgenommen wurde; so schrieb späterHans-Ulrich Wehler am Anfang seiner fünfbändigen deutschen Gesellschaftsgeschichte „Am Anfang war keine Revolution“, undHeinrich August Winkler leitete seine zweibändige deutsche GeschichteDer lange Weg nach Westen mit den Worten „Im Anfang war das Reich“[35] ein.
Nipperdey hat sich vor allem für eine Neubewertung der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts eingesetzt. Insbesondere lehnte er es ab, dasKaiserreich primär als eine Vorgeschichte des „Dritten Reiches“ zu betrachten, wie es etwa unter den Vertretern der These einesDeutschen Sonderwegs üblich ist. Kontinuitätslinien sah Nipperdey von 1871/1918 nicht nur nach 1933, sondern ebenso nach 1949.[36]
Spöttisch bezeichnete Nipperdey die Historiker, die die Geschichte ausschließlich von der Gegenwart her interpretierten, als „Relevantiner“.[37] Seine Kritik galt insbesondere dem wissenschaftlichen WerkHans-Ulrich Wehlers, einem Hauptvertreter derBielefelder Schule.[38] Im Gegensatz zu deren soziologischer Arbeitsweise, die in den 1960er Jahren zur vorherrschenden Methode wurde, war Nipperdey einem historisch-anthropologischen Ansatz verpflichtet. Nipperdey suchte die Erfahrungswelten und Innensichten der Menschen aufzuzeigen.[39]
Das 19. Jahrhundert sollte nicht als Vor- oder Nachgeschichte von oder zu irgendetwas anderem dargestellt werden, sondern gemäß dem berühmten WortLeopold von Rankes gleichsam „unmittelbar zu Gott“, als eine Epoche eigenen Rechts. Nicht zu leugnen sind daher die Einflüsse desHistorismus auf Nipperdeys Stil und Arbeitsweise.[40] Anekdoten und Vergleiche finden sich in seiner Darstellung eher selten, provokante Thesen sucht man vergeblich.
Nipperdey war in seiner Geschichtsschreibung stets um Objektivität bemüht.[41] Dennoch wurde ihm vorgeworfen, etwa in der Kriegsschuldfrage eine zu prodeutsche Sichtweise vertreten zu haben und im Allgemeinen oft zu milde urteilend und unkritisch gewesen zu sein.[42] In der Tat findet sich in seinem Werk wiederholt der Ausspruch, man müsse den Urgroßvätern gegenüber Gerechtigkeit walten lassen.
Personendaten | |
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NAME | Nipperdey, Thomas |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Historiker |
GEBURTSDATUM | 27. Oktober 1927 |
GEBURTSORT | Köln |
STERBEDATUM | 14. Juni 1992 |
STERBEORT | München |