
AlsTheaterskandal bezeichnet manKonflikte umTheateraufführungen, die an gesellschaftliche, moralische, religiöse oder künstlerischeTabus rühren und dadurch die Reaktion deröffentlichen Meinung herausfordern. Es kommt dabei zu Missfallenskundgebungen,Protesten oder sogar Tätlichkeiten imZuschauerraum, in der Folge auch zuZeitungskampagnen oder politischen Konsequenzen wieZensur oder Verbot.
Seit dieTheaterregie als eigenständige künstlerische Leistung gilt, steht oft nicht nur das Werk selbst, sondern auch dessenInszenierung im Mittelpunkt von Theaterskandalen. Solche Konflikte entzünden sich besonders heftig an „klassischen“ Werken sowie an derOper, deren Publikum besonders traditionsorientiert ist. AuchTabu-Brüche bei der Deutung von Werken derOperette rufen nicht selten heftige Reaktionen hervor.[1]
Theaterskandale sind zuweilen vorhersehbar oder ereignen sich geplant und gleichen dannInszenierungen mit klaren Rollenvorgaben: auf der einen Seite dasPublikum, das sein Recht auf ungestörten Kunstgenuss einfordert, auf der anderen Seite derKünstler, der überzeugt ist, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten zu müssen. Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts Künstler ihre Aufgabe nicht mehr darin sahen, den ästhetischen Normenkatalog zu erfüllen, sondern sie diese Normen zunehmend zu sprengen versuchten, ist der Skandal als „spezifische Erscheinung des institutionellen Kunsttheaters“[2] auch Ausweis einer selbstgewähltenAußenseiterrolle.[3]

1664Tartuffe vonMolière löste bei seiner Uraufführung in Paris einen Skandal aus, vor dem nicht einmal KönigLudwig XIV. seinenProtegé Molière schützen konnte. DerKlerus wie auch mächtige religiöse Laienorganisationen (darunter vor allem die Gruppe der „Dévots“, die unter anderem von der Königinmutter unterstützt wurden) fühlten sich durch das Stück auf Grund seiner drastischen und für die damalige Zeit revolutionären Kritik religiösen Heuchlertums, dieBigotterie und Verführungskunst anprangerte, angegriffen und erwirkte für die nächsten Jahre ein Aufführungsverbot der ersten und auch einer zweiten Fassung des Stücks, die 1667 uraufgeführt wurde. Sowohl die öffentliche Aufführung wie auch der private Besitz des Stückes wurden untersagt, Molière selbst mitExkommunikation und sogarScheiterhaufen bedroht. Erst die dritte, extrem entschärfte Variante durfte dann 1669 (fünf Jahre nach der Erstaufführung) auf die Bühne und wurde zu einem phänomenalen Erfolg.[4]

1727Astianatte vonBononcini. Während einer Vorstellung amHaymarket Theatre in London kam es am 6. Juni auf offener Bühne zu einem Handgemenge zwischen den italienischen SängerinnenFaustina Bordoni undFrancesca Cuzzoni, das in einen regelrechten Skandal ausartete. „Der Disput wurde zunächst lediglich durchZischen auf der einen Seite, Beifall auf der anderen ausgetragen; dann gab es Katzenrufe und weitere Ungehörigkeiten.“[5] Die Vorstellung wurde wegen des ungebührlichen Benehmens des Publikums in Anwesenheit derPrincess of Wales abgebrochen.[6] InAdmeto vonGeorg Friedrich Händel hatte sich der Konflikt im Mai zuvor schon angekündigt, wobei nicht klar ist, inwieweit die Rivalität der Sopranistinnen tatsächlich bestand oder mehr vom Publikum ausgetragen und von der Presse hochstilisiert wurde. Dieser Skandal bedeutete das vorläufige Ende der italienischen Oper in London. „Diese Partheyen waren so wider einander aufgebracht, daß die eine pfiff, wenn die andere in die Hände klatschete, und umgekehrt.“[7] In der SpottschriftThe Rival Queen’s (Die rivalisierenden Königinnen) spielt sich die Szene im Tempel der Zwietracht ab. Händel steht schicksalsergeben daneben, während die beiden Damen übereinander herfallen. Der Streit diente auch als Vorlage für den Zank zwischen Lucy und Polly inThe Beggar’s Opera (1728) vonJohn Gay undJohann Christoph Pepusch und, auf dieserBallad Opera fußend, dem Eifersuchtsduett der rivalisierenden Bräute in derDreigroschenoper (1928) vonBertolt Brecht undKurt Weill.
1735Alcina vonGeorg Friedrich Händel. Die PrimaballerinaMarie Sallé, die den damaligen Bühnentanz revolutionierte, löste mit ihrem Auftritt in Händels Zauberoper am 16. April einen Theaterskandal aus, da sie darin die männliche Rolle desCupido nur leicht bekleidet tanzte und dafür auf offener Bühne ausgepfiffen wurde.
1752La serva padrona vonPergolesi löste in Paris denBuffonistenstreit (1752–1754) aus, der sich um die Priorität der französischen oder der italienischenOper drehte. Die Hauptakteure der Kontroversen waren einerseits der konservative, diefranzösische Oper bevorzugendeCoin du Roi (Loge des Königs), und andererseits der progressive, dieitalienische Oper verfechtendeCoin de la Reine (Loge der Königin). Zu Letzteren gehörten u. a. dieEnzyklopädisten umDenis Diderot,Jean Baptiste le Rond d’Alembert,Jean-Jacques Rousseau undFriedrich Melchior Grimm. Der Streit bahnte sich jedoch schon einige Zeit vorher an, die Konkurrenz zwischen französischen und italienischen Truppen hatte jahrzehntelange Tradition. Im Laufe der Auseinandersetzungen wurden mehr als 60 Schriften meist führender Philosophen publiziert. Der Streit führte zu tiefgreifenden Änderungen in der Opernästhetik, die später vor allem imPiccinnistenstreit zum Ausdruck kamen.
1782Die Räuber vonFriedrich Schiller endeten bei der Uraufführung amNationaltheater Mannheim am 13. Januar in einem Skandal, nachdem das Stück durch seine anonyme Veröffentlichung im Jahr zuvor bereits berüchtigt war. Das revolutionäre Stück spielte fast in der Gegenwart und konnte als Aufruf zum Umsturz verstanden werden. Ohnmachtsanfälle und hysterische Reaktionen bestimmten die Atmosphäre der Aufführung. Ein Augenzeuge berichtete:„Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht!“[8]

1810Die Schweizer Familie, ein Singspiel vonJoseph Weigl undIgnaz Franz Castelli, geriet bei einer Aufführung in Berlin im November zu einem Skandal, da sichHeinrich von Kleist nach Spannungen mit dem TheaterdirektorAugust Wilhelm Iffland journalistisch in die Besetzung der Hauptrolle eingemischt hatte.[9] Iffland bezeichnete den Vorfall „als eine barbarische Behandlung der Schauspieler und des Publicums“, schaltete die staatlichen Autoritäten ein und gab zu, sie „auf Maßregeln der Ruhe des Publicums aufmerksam gemacht zu haben“.[10] Das Geschehen hatAchim von Arnim (der bei der Aufführung anwesend war) in seiner NovelleMelück Maria Blainville umgesetzt.
1824Der Freischütz vonCarl Maria von Weber erregte am 7. Dezember imTheatre Odeon in Paris in der französischen Übersetzung und Bearbeitung vonCastil-Blaze unter dem TitelRobin des Bois ou Les trois balles (Robin vom Walde oder Die drei Kugeln) einen Skandal. Als die Aufführung drohte, ein Misserfolg zu werden, verbreiteten die Autoren erfolgreich, dass es sich um die erste Fassung der Oper handle. Sie lösten damit einen Skandal aus, der noch Jahrzehnte nachwirkte.[11] Die Aufführung war so schlampig, dass sie vom Publikum von der Bühne gepfiffen wurde.
1830La muette de Portici (Die Stumme von Portici) vonDaniel-François-Esprit Auber führte bei der Aufführung im TheaterLa Monnaie in Brüssel am 25. August, anlässlich des 58. Geburtstages von KönigWilhelm I. der Niederlande, zu weitreichenden Folgen. Auslöser war das DuettAmour sacré de la patrie („Die heilige Liebe zum Vaterland“): „Geheiligte Liebe zum Vaterland, Gib uns Wagemut und Stolz zurück; Meinem Land verdanke ich das Leben. Es wird mir seine Freiheit verdanken.“ Die Zuschauer gerieten hierdurch in Erregung und als Massaniello mit einer Axt in der Hand sang: „Laufet zur Rache! Die Waffen, das Feuer! Auf daß unsere Wachsamkeit unserem Leid ein Ende bereite!“ erhob sich das Publikum und rief „Aux armes!“ (Zu den Waffen!). Es handelte sich hier nur bedingt um einen „Skandal“, sondern es kam zu einer revolutionären Mobilisierung des Publikums. Die nach der Opernaufführung ausgelösten Unruhen gegen die ungeliebte niederländische Herrschaft führten zurbelgischen Revolution und schließlich zur Unabhängigkeit Belgiens.
1858Der Barbier von Bagdad vonPeter Cornelius. Die Uraufführung inWeimar am 15. Dezember unter dem DirigentenFranz Liszt wurde zum größten Eklat der Weimarer Theatergeschichte, der vom DirektorFranz von Dingelstedt gegen Liszt angezettelt wurde. Bereits als Liszt vor das Ensemble trat, begannen Teile des Publikums zu raunen, und in den Begrüßungsapplaus mischte sich deutlichesZischen. Offensichtlich sollten die Mitwirkenden nervös gemacht werden. Während des Schlussapplauses eskalierte die Situation:
„Eine bis dahin in den Annalen Weimars noch nicht erhörte Opposition stellte sich mit hartnäckigem Zischen gleich von Anfang dem Applaus gegenüber, sie war eine bestellte, wohlorganisierte, zweckmäßig verteilte. […] Am Schluß erhob sich ein Kampf von zehn Minuten. Der Großherzog hatte anhaltend applaudiert, die Zischer fuhren nichts destoweniger fort.“[12]
1861Tannhäuser vonRichard Wagner erlebte bei der Pariser Premiere am 13. März in der Salle Le Peletier derPariser Oper einen der berühmtesten Opernskandale der Musikgeschichte, begleitet von Feindseligkeiten fast der gesamten Pariser Presse, nachdem die Aufführung fast ein ganzes Jahr mit 164 Ensemble-Proben vorbereitet worden war.[13] Der Tradition des Hauses folgend war Wagner gezwungen, einBallett in seine Oper einzufügen, wozu er sich bereit erklärte, um sich durch einen Erfolg in der Pariser Musikwelt zu etablieren. Wagner weigerte sich jedoch, das Ballett im zweiten Akt einzuführen, was den Gewohnheiten des einflussreichen aristokratischenJockey Club entgegengekommen wäre, deren Mitglieder während des ersten Aktes zu dinieren pflegten, und erst zum Ballett im zweiten Akt erschienen, um sich danach „hinter die Kulissen zu näherem Verkehr mit den springenden Nymphen“ zu begeben, und legte sein Ballett alsBacchanal der Venus stattdessen in den ersten Akt der Oper. Daraufhin veranstalteten die Mitglieder des Jockey Clubs, die auch Feindseligkeiten gegen FürstinPauline von Metternich, die Frau des österreichischen Botschafters, hegten, auf deren Initiative KaiserNapoleon III. die Aufführung angeordnet hatte,[14] bei der zweiten Aufführung am 18. März eine inszenierte Störaktion:
„Die Ouvertüre und der erste Aufzug verliefen ohne Störung. Aber bei der Wandlung […] brach plötzlich der lang vorbereitete Angriff aus, und ein gewaltiges Pfeifen und Lärmen unterbrach die Musik. Die Herren des Jockey-Clubs betrieben ihre boshaften Störungen wegen des fehlenden Balletts nicht einmal im Verborgenen, sondern saßen, recht geflissentlich sichtbar, in ihren mitGlacéhandschuhen bedeckten Händen die kleine Trillerpfeife haltend. So ging es die ganze Aufführung weiter. Die Sänger benahmen sich dabei wirklich heldenmütig. Oft mussten sie 15 Minuten und noch länger anhalten, um den Sturm, der im Publikum tobte, vorüberzulassen.“[15]
Drei Aufführungen lang währte die „Schlacht um Tannhäuser“, die Oper war Tagesgespräch in Paris, und jeder, der auf sich hielt, bemühte sich, eine der raren Eintrittskarten zu ergattern. Der Jockey Club ließ silberne Trillerpfeifchen verteilen mit der Inschrift „Pour Tannhäuser“. Bei der dritten Aufführung am 24. März kam es zu mehreren Unterbrechungen, was Wagner veranlasste, die Oper zurückzuziehen.
1864Die schöne Helena vonJacques Offenbach hatte im Dezember in Paris imThéatre des Variétés Uraufführung. Mit voller Wucht persiflierte Offenbach die damaligen Vorstellungen von Moral und Ehe. Schon in der Uraufführung in Paris, wie auch wenige Monate später in der deutschen Übersetzung in Wien, trat Helena in der Liebesszene im 2. Akt nackt auf – für damalige Verhältnisse ein Skandal.
1870Die Meistersinger von Nürnberg vonRichard Wagner lösten bei der Premiere im Königlichen Opernhaus „Unter den Linden“ in Berlin Proteste aus. Das Publikum begann zu pfeifen, der Lärm steigerte sich immer mehr, um schließlich bei der Prügelszene in einen regelrechten Theaterskandal auszuarten. „Schon bei der Ouvertüre ist Krakeel im Haus, der zweite Akt geht nur unter heftigem Lärm zu Ende. Die Presse blamiert sich: 'Wenn Musik stinken könnte, so würde man sich die Nase zuhalten müssen.'“[16]
1808Der zerbrochne Krug vonHeinrich von Kleist provozierte amWeimarer Hoftheater am 2. März bei der dilettantisch ausgeführten Uraufführung unterJohann Wolfgang von Goethe einen Skandal, da das Stück mit Zusätzen und mit einem überflüssigen musikalischen Vorspiel versehen wurde.
„Bei der Aufführung ereignete sich ein Vorfall, der in dem kleinen Weimarschen Hoftheater noch nie da gewesen und als etwas Unerhörtes bezeichnet werden konnte. Ein herzoglicher Beamter hatte die Frechheit, das Stück auszupfeifen. Das Stampfen des Publikums wurde zu einem Getöse, und auch Goethe selbst hätte sich dem Protest angeschlossen, wenn es seine Stellung erlaubt hätte.“[17]
Kleist selbst sah sich als Opfer einer Intrige. Er glaubte, Goethe habe sein Stück verhunzt und trage die Schuld am Debakel. Kleist wollte Goethe zum Duell mit Pistolen fordern, aber Freunde brachten ihn von diesem Entschluss ab. Da er den gehassten Dichterfürsten nicht totschießen konnte, verfasste Kleist Spottverse, die er in einer Zeitschrift anonym veröffentlichte.

1814Ponce de Leon vonClemens Brentano (Lustspiel) sorgte am WienerBurgtheater unter dem TitelValeria oder Vaterlist für einen spektakulären Theaterskandal, der mit erbittertem Nachgefecht in den führenden Wiener Literaturzeitungen in die Theatergeschichte eingegangen ist.
1819Ferdinand Raimund erregte durch sein Privatleben einen Theaterskandal und wurde auf der Bühne ausgezischt, da er die Hochzeit mit der leichtlebigen Soubrette Louise Gleich hatte platzen lassen, die ein Kind von ihm erwartete. Am Hochzeitsmorgen kam es zum Krach, im Zuge dessen Louise dem Verlobten in den Finger biss. Raimund lief davon, der Hintergrund der „verhinderten Hochzeit“ wurde publik und das katholische Wien hatte einen Skandal. Louises Vater, der bekannte TheaterdichterJosef Alois Gleich setzte alle Hebel in Bewegung, den Bräutigam zu einem neuen Termin zu bewegen. Am 8. April 1820 wurde Raimund zur Heirat gezwungen, das Publikum feierte den ersten gemeinsamen Auftritt des Paares nach der Hochzeit amLeopoldstädter Theater begeistert als Sieg der „Moral“.Heinrich Eduard Jacob hat diese Ereignisse in der NovelleDer gefesselte Raimund verarbeitet. Schon 1818 hatte Raimunds Beziehung zur Schauspielerin Therese Grünthal in einem Theaterskandal geendet, da er sie, nachdem sie sich von ihm abgewandt hatte, im Theater verprügelt hatte. Raimund bekam drei Tage Arrest.
1830Hernani vonVictor Hugo führte bei der Uraufführung am 23. Februar zurSchlacht um Hernani. Die Aufführung artete in lautstarke und handfeste Auseinandersetzungen des Publikums aus. Auf der Bühne der renommiertenComédie-Française wurde eine ArtMelodram aufgeführt, das an die proletarischen Theater amBoulevard du Temple erinnerte. Anhänger des klassischen Theaters lieferten sich mit den Unterstützern einer moderneren Form, die späterRomantiker genannt wurden, eine regelrechte Theaterschlacht. In Paris gab es eine jahrhundertelange Tradition, politische Konflikte im Weg über das Theater auszutragen, wie imBuffonistenstreit seit 1752. Zudem waren dort die Spielpläne infolge desNapoleonischen Theaterdekrets (1807) sehr einheitlich: In jedes Theater ging eine bestimmte Gesellschaftsschicht mit ganz bestimmten Vorstellungen. So konnten selbst geringe Störungen dieser Erwartungen Missfallen beim Publikum auslösen, was manche Kulturschaffende als Reiz zur Provokation betrachteten.
1837Eine Wohnung ist zu vermieten in der Stadt, eine Wohnung ist zu verlassen in der Vorstadt, eine Wohnung mit Garten ist zu haben in Hietzing vonJohann Nepomuk Nestroy war bei der Uraufführung am 17. Januar imTheater an der Wien der größte Theaterskandal, den Nestroy erlebt hat, als er in der Spießersatire durch die Thematisierung sozialer Missstände desvormärzlichen Österreich seinen Widersachern den Zerrspiegel vorhielt und nicht nur die Hausherren, sondern auch dieHausbesorger gegen sich aufbrachte. Nestroys schonungslos offene, beißende Kritik an Scheinmoral und Heuchelei wurde als „witz- und gehaltloses Machwerk“ bezeichnet und nur dreimal gespielt.
1848Die Anverwandten vonJohann Nepomuk Nestroy, eine politische Komödie, die sich mit derbürgerlichen Revolution auseinandersetze (basierend auf dem StückMartin Chuzzlewit vonCharles Dickens), erregte bei der Uraufführung am 25. Mai imCarl-Theater in Wien (alsKarl Marx in Wien durch Vorträge dieRevolution anheizen wollte) einen Skandal wegen der auf dieFrankfurter Nationalversammlung anspielenden Verse: „Gar mancher is als Wähler für Frankfurt ’nein g’rennt, der außer d’ Frankfurterwürsteln von Frankfurt nichts kennt.“ In Sprechchören forderte das Publikum Nestroy auf, öffentlich für das verfehlte Stück Abbitte zu leisten. Nestroy gab nach und schickte einen Kollegen an die Rampe, der der empörten Menge seine Entschuldigung mitteilen musste.[18]

1849Macbeth vonShakespeare führte während einer Aufführung inNew York City zurAstor Place Riot, da amerikanische Zuschauer gegen den britischen Schauspieler Macready protestierten. Parteigänger des Konkurrenten buhten und pfiffen Macready aus, warfen Abfälle auf die Bühne und demolierten die Bestuhlung. Um des Aufruhrs Herr zu werden, berief die Stadtregierung die Nationalgarde ein. Nachdem Steine auf das Theater geworfen worden waren, einige Demonstranten versucht hatten, das Gebäude in Brand zu setzen, und das Publikum aus dem Theater flüchtete, schoss die Nationalgarde auf die Menge. Gezählt wurden mindestens 25 Tote und über 120 Verletzte.
1850Zwölf Mädchen in Uniform vonJohann Nepomuk Nestroy führte bei der Neujahrsvorstellung zu einem handfesten Skandal, der noch den ganzen Januar in den Zeitungen widerhallte. In der Folge suchte der Journalist und Hauptgegner Nestroys,Moritz Gottlieb Saphir, sogar umPolizeischutz gegen Nestroys Angriffe an, da dieser sich während der Vorstellung, in der gezischt worden war, ans Publikum wandte undextemporierte: „Sicher ist Herr Saphir da!“[19]
1869Bund der Jugend vonHenrik Ibsen erregte bei seiner Uraufführung am Christiana-Theater in Christiana einen Skandal. Als Ibsen die Nachricht traf, sein Stück habe beim Publikum eine derartige Ablehnung geweckt, rief er mitten aus der Herrlichkeit des Orients bitterhöhnisch: »Mein Land ist das alte!«[20]
1883Der Biberpelz von Gerhart Hauptmann provozierte bei seiner Uraufführung am 21. September imDeutschen Theater Berlin durch seinen "offenen" Schluss, dass das Premierenpublikum aufgrund der fehlenden Aufklärung des Diebstahls und des Abbruchs des Stücks ohne Lösung nach dem vierten Akt einfach sitzenblieb und irritiert auf einen fünften Akt wartete: „Das lässt sich das Publikum nicht gefallen. Es ist da wie das hungrige Tier, das seine Beute sucht. Reißt man sie ihm vor dem Munde weg, so wird es wild. Und so wurde auch das Publikum wild undzischte die schönste deutsche Posse, die ihm doch geboten wurde, aus.“[21]
1889Vor Sonnenaufgang vonGerhart Hauptmann war bei der Uraufführung am 20. Oktober amLessingtheater in Berlin ein Skandal, da das naturalistische Stück Selbstmord und soziales Elend ungeschönt auf die Bühne brachte.[22] Der Augenzeuge Adelbert von Hahnstein schrieb: „Von Akt zu Akt wuchs der Lärm […] schließlich lachte und jubelte, höhnte und trampelte man mitten in die Aufführung hinein und als der Höhepunkt des Stücks nahte, erstieg auch das Toben seinen Gipfel.“[23] Der Berliner ArztIsidor Kastan schwang während des fünften Aktes (wo dem Text folgend „deutlich das Wimmern der Wöchnerin“ zu hören sein sollte) eine Geburtszange über dem Kopf und bot laut seine Dienste als Arzt an. Dabei bekümmerte es ihn auch nicht, dass man gerade um Tumulte zu verhindern, diese Stelle für die Aufführung gestrichen hatte. Infolge der Störung Kastans schwoll der Lärm im Saal derart an, dass die Schauspieler das Stück nur mühsam zu Ende bringen konnten.[24] Nach dieser „dramatischen Theaterschlacht“ folgte ein nicht weniger hitziger Streit unter den Rezensenten des Dramas. Der Skandal verhalf nicht nur Hauptmann zum Durchbruch, auch derNaturalismus als Bewegung erzielte zum ersten Mal eine breite Öffentlichkeitswirkung. Die deutsche Bühne war mit einem Schlag revolutioniert. DerNaturalismus am Ende des 19. Jahrhunderts produzierte zahlreiche Theaterskandale.
1896König Ubu vonAlfred Jarry wurde am 10. Dezember 1896 im Théâtre de L’Œuvre in Paris uraufgeführt und entfachte sogleich einen Skandal. Nach Ubus initialem Ausruf „Merdre!“ (in der deutschen Übersetzung „Schoiße!“ oder „Schreiße!“) musste die Vorführung aufgrund von Tumulten für mehrere Minuten unterbrochen werden. Das Stück zieht die Machtgier und Tyrannei seiner Figuren ins Lächerliche und Groteske, entstanden aus einem Lausbuben-Streich als Farce auf einen Physiklehrer.
1898Der Eroberer vonMax Halbe wurde am 29. Oktober amLessingtheater in Berlin uraufgeführt und verursachte einen Theaterskandal. Beim Schlussapplaus wurden der Autor und seine Frau beschimpft, da eine Affäre Halbes mit einer jungen Schauspielerin die Vorlage für das Stück gegeben hatte und das Publikum diese „Selbststilisierung des Ehebruchs“ in Kostümen derRenaissance missbilligte.[25] „Weil das Berliner Theaterpublikum kaum die schlechtesten Manieren hat, die ein Publikum überhaupt haben kann, hat es den ‚Eroberer‘ ausgelacht, verhöhnt und verspottet.“[26] Dem Verhalten des Publikums am Abend ging eine publizistische Kundgebung voraus. DasKleine Journal veröffentlichte am Morgen des Aufführungstages einen Artikel, in dem gegen die Leitung des Theaters Stimmung gemacht wurde.[27]
1898Erdgeist vonFrank Wedekind, die Geschichte vom Aufstieg und Fall einer Kindfrau und Sexgöttin, die Wedekind „eine Monstretragödie“ nannte, rief bei der Uraufführung im LeipzigerKrystallpalast am 12. Februar einen Theaterskandal hervor und zog einen langwierigen Gerichtsprozess nach sich. Gründe dafür waren vor allem die Anprangerung von Bürgertum und Scheinmoral sowie der sexuell anstößige Inhalt. Auch Wedekinds DramaDie Büchse der Pandora (die Fortsetzung der TragödieErdgeist) war bei der Uraufführung 1904 ein Theaterskandal. Beide Stücke wurden von Wedekind später als Bühnenfassung in einem Stück mit dem TitelLulu zusammengefasst.

1903Katharina Schratt, Schauspielerin amWiener Hofburgtheater, sorgte für den größten Theaterskandal in derk.u.k. Monarchie, als sie – als Freundin desKaisers Franz Josef I. – inFranz von Schönthans Lustspiel „Maria Theresia“ amDeutschen Volkstheater in Wien die Titelrolle spielte. Der JournalistKarl Kraus prangerte in seiner ZeitschriftDie Fackel den Umstand, dass Schratt als Kaiserin zu sehen war, als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“ an. Kraus sprach von einem Schwindel. Während der Kaiser und die Schauspielerin bis dahin immer darauf Bedacht genommen hatten, ihre Beziehung nicht in die Öffentlichkeit zu tragen, hätte die Schauspielerin nun die Grenzen des guten Geschmacks verlassen. Selbst der Kaiser konnte es nicht glauben: „In der Zeitung habe ich gelesen, dass Sie die Maria Theresia spielen werden. Ist das wahr?“ Katharina Schratt betrat nach dem Skandal nie wieder eine Bühne.[28]
1904Die Büchse der Pandora vonFrank Wedekind (die Fortsetzung seiner TragödieErdgeist, s. o.) war bei der Uraufführung im Intimen Theater in Nürnberg trotz der damals in Nürnberg vergleichsweise liberalen Zensur ein Theaterskandal. Ein Einschreiten der Polizei verhinderte eine für den Folgetag geplante zweite Vorstellung. Die MünchnerStaatsanwaltschaft erhob Anklage gegen Wedekind und seinen VerlegerBruno Cassirer wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, die Buchausgabe wurde beschlagnahmt. Noch Wedekinds Begräbnis 1918 war ein Skandal, da bei der Beerdigung am MünchnerWaldfriedhof Prostituierte dem Dichter ihreReverenz erwiesen.
1905Sommergäste vonMaxim Gorki erregte bei der Uraufführung 1905 einen Skandal, da das Publikum sich in den geschwätzigen Spießern auf der Bühne wiedererkannte. Gorki wollte in seinem Stück vor allem das Bürgertum kritisieren, das in seinen Augen primär mit sich selbst beschäftigt war. Mit der aufgeladenen Stimmung im Vorfeld der russischen Revolutionen (1905 und 1917) kam es zu Unterbrechungen, in denen unter anderem der Sturz der Regierung gefordert wurde.
1907Der Held der westlichen Welt (The Playboy of the Western World) vonJohn Millington Synge führte bei der Uraufführung am 26. Januar amAbbey Theatre inDublin zu tumultartigen Ausschreitungen. Zeugen berichten von stampfenden, buhrufenden Zuschauern, von betrunkenenTrinity-Studenten, die „God Save the Queen“, und Nationalisten auf der anderen Seite, die „God save Ireland“ und „A Nation once again“ grölten.[29] Die Kämpfe spielten sich zunächst im Theatersaal, später auf den umliegenden Straßen ab und mussten von der Polizei beendet werden. Irische Nationalisten meinten, dass das Stück nicht politisch genug sei und durch seineunmoralische Sprache die Würde Irlands, insbesondere der irischen Frauen, verletze. Die vermeintlich klischeehafte Darstellung des ländlichen katholisch-irischen Unterschichtmilieus wurde von irischen Nationalisten wie demSinn-Féin-FührerArthur Griffith als Verhöhnung empfunden. Der Schirmherr des Theaters,William Butler Yeats, sah sich in der Folge veranlasst, eine Verteidigungsrede zur Freiheit des Theaters zu halten. Obwohl die Pressemeinung bald gegen die Kritiker war und die Proteste (bekannt geworden als diePlayboy Riots) verebbten, war das Abbey Theatre erschüttert und Synges nächstes (und letztes vollendetes) StückThe Tinker’s Wedding (1908) wurde aus Furcht vor neuen Störungen nicht aufgeführt.
1907Rêve d'Égypte. Als die französische SchriftstellerinColette und ihre adelige lesbische Liebhaberinde Morny (genannt „Missy“), der sehr unkonventionell in Männerkleidern lebenden Tochter eines Halbbruders vonNapoleon III., sich bei der Aufführung der PantomimeRêve d'Égypte am 3. Januar imMoulin Rouge küssten, gab es einen Skandal. Colette thronte in dem »Mimodrama« als ägyptische Mumie auf der Bühne, bekleidet mit einem edelsteinbesetzten Büstenhalter. Der Ägyptologe »Yssim« (ein evidentes Anagramm von Missy) im Anzug näherte sich, gespielt von der transsexuellen „Missy“, Colettes Geliebter. „Nichts bringt die beiden Frauen aus der Ruhe, weder die Pfiffe noch die „Nieder mit den Lesben“-Rufe. Stoisch spielen sie weiter an diesem 3. Januar 1907. Schon wirft das Publikum mit Orangenschalen und Knoblauchzehen, Münzen, Bonbondosen und Sitzkissen. Der Tumult erreicht den Höhepunkt, als der Archäologe seine Mumie zum Leben erweckt und mit einem langen, echten Zungenkuss bedenkt. Ein Schemel fliegt auf die Bühne, die Polizei muss die pöbelnden Horden bändigen.“[30] „Ich bin etwas enttäuscht über die Feigheit all dieser Leute“, sagte Colette einem Journalisten nach der Premiere und versprach: „Ich werde wieder spielen.“ Im Gefolge des Skandals wurden weitere Aufführungen des Stückes jedoch verboten und Colette und Missy konnten ihr Verhältnis, das noch fünf Jahre bestand, nur verdeckt weiterführen.[31]
1909Hargudl am Bach vonHans Müller-Einigen. Bei der Premiere ereignete sich im WienerBurgtheater ein Theaterskandal, wie er in der langen Tradition des Hauses noch nie vorgekommen war. Von den Berichterstattern wurden die Vorkommnisse als Revolution wahrgenommen. Der Autor Hans Müller (später eine Spottfigur beiKarl Kraus), machte sich in seinem Stück über das modische Gehabe der gehobenen Boheme lustig. Im Verlauf des Abends wurde das Publikum immer unruhiger, man hörte Zwischenrufe wie „Sowas gehört nicht ins Burgtheater!“ und nach dem zweiten Akt wurde laut gezischt, ein im Hofburgtheater unerhörtes Ereignis.[32] Die Aufführung wurde ein Reinfall mit Pfeifkonzert und Pfuiorkan, dem lautesten, den das ehrwürdige Haus bis dahin erlebt hatte, mit einem „noch nie dagewesenen Skandal“ (Nagl-Zeidler-Castle).[33] Die Aufführung markierte das Ende des Burgtheater-DirektorsPaul Schlenther.

1909Mörder, Hoffnung der Frauen vonOskar Kokoschka löste bei der Uraufführung auf der Freilichtbühne der internationalen Kunstschau am 4. Juni in Wien einen Skandal aus. Das Publikum reagierte auf das Stück mit Johlen, Trampeln, Raufen und Umherhauen mit den Stühlen. Als die Situation auszuarten drohte, musste die Polizei eingreifen. Kokoschka erhielt eine Verwarnung wegen öffentlicher Ruhestörung und wurde als „Jugendverderber“ beschimpft. Der Unterrichtsminister ordnete an, den 23-jährigen Künstler von derKunstgewerbeschule zu entlassen. Der Einakter Kokoschkas wird als erstesexpressionistisches Theaterstück bezeichnet, Thema ist der Gegensatz der Geschlechter.
1911Der Held der westlichen Welt (The Playboy of the Western World) vonJohn Millington Synge (s. o.) führte auch bei der Aufführung inNew York zu Unruhen. Zuschauer buhten, zischten und warfen Gemüse und Stinkbomben, während es in den Sitzreihen zu Prügeleien kam. Die Theatertruppe wurde später inPhiladelphia festgenommen und wegen Aufführung eines unmoralischen Stückes angeklagt, das Strafverfahren wurde jedoch später eingestellt.
1913Pygmalion vonGeorge Bernard Shaw erregte bei der Erstaufführung in London am 11. April 1914 einen Skandal und führte zu öffentlicher Kritik, da das Stück für die damaligen Verhältnisse geradezu exzessiv Schimpfwörter verwendete. So benutzt die Hauptfigur Eliza Doolittle einmal das damals ordinäre Wort bloody („verdammt“): Als jemand sie fragt, ob sie zu Fuß nach Hause ginge, antwortet sie: „Verdammt unwahrscheinlich!“ (“Walk? Not bloody likely!”).
1917 Hiob vonOskar Kokoschka. Bei der Uraufführung am 3. Juni 1917 am DresdnerAlbert Theater mitHeinrich George kam es zu Tumulten und Protesten. Kokoschka selbst führte Regie und entwarf die Bühnenbilder. Das Stück, das als Tragikomödie eines alten Mannes beschrieben wird, der den Kopf durch eine Frau verdreht bekommt, polarisierte das Publikum und führte zu einem Eklat. Kokoschka setzte die Wendung „mir wurde der Kopf verdreht“ sogleich in eine szenische Bemerkung um, indem der Darsteller des Hiob eine Zeitlang mit einer Gewandung auftrat, „bei der Rock, Weste und Kragen hinten zugeknöpft waren und die Krawatte über den Rücken baumelte. So saß der verdrehte Kopf wirklich um 180 Grad verschoben auf dem Rumpf.“[34]
1918Seeschlacht vonReinhard Goering. Die Uraufführung am 10. Februar 1918 amHoftheater in Dresden unterNikolaus Graf von Seebach mitWalter Bruno Iltz wurde auf Anraten des militärischen Generalkommandos als geschlossene Vorstellung durchgeführt, erregte aber dennoch einen Skandal, denn „das Abfeuern des Riesengeschützes, die Einschläge, der Pulverdampf wirkten derart realistisch, der ausbrechende Wahnsinn, das grausige Sterben der Mannschaft wurden so erschütternd dargestellt, daß bei der Aufführung eine Frau in Schreikrämpfe verfiel, andere ohnmächtig wurden“.[35] Noch im selben Jahr wurde das Stück unter der Regie vonMax Reinhardt amDeutschen Theater in Berlin mitEmil Jannings,Werner Krauß,Conrad Veidt undPaul Wegener zu einem gefeierten Erfolg. Das Schicksalsdrama war das erste Stück, das sich noch in Kriegszeiten mit dem Krieg befasste, und wurde mit demKleistpreis ausgezeichnet.
1918Leonce und Lena vonGeorg Büchner führte bei der Aufführung amHof- und Nationaltheater Mannheim am 2. Juni in der Inszenierung vonRichard Weichert mitFritz Odemar als Leonce zu einem politisch motivierten Skandal, der von gekränktem nationalem Ehrgefühl wegen der politisch-satirischen Tendenzen des Stücks ausgelöst wurde. Es hagelte Proteste gegen dieSatire aufAbsolutismus undKleinstaaterei und es gab klerikalen Protest von der Kanzel herab.[36]
1919Wilhelm Tell vonFriedrich Schiller führte am 12. Dezember imBerliner Staatstheater in der Regie vonLeopold Jeßner zum Skandal, da sich Jessner für eine vollständig expressionistische Neufassung der Geschichte entschieden hatte, bei der er die erwartete romantische Alpenkulisse durch eine abstrakt-geometrische Bühne, die „Jessnersche Treppe“, ersetzte und den Text als politische Kampfansage gegen Unterdrückung deutete. Im Text wurden alle Verweise auf dasVaterland und denPatriotismus entfernt.Fritz Kortner spielte den TyrannenGessler mit einer Brust voller Medaillen und hellrot geschminkten Wangen. Die Musik war schrill, Trompeten wurden eingesetzt, um die Autohupe der Limousine des alten KaisersWilhelm II. nachzuahmen. Bei der Premiere beschimpften sich verschiedene Gruppen, pfiffen und stampften mit den Füßen. Die rechte Seite schrie die linke Seite mitObszönitäten an und beschuldigte sie, das Vaterland zu entehren. Die Situation drohte völlig außer Kontrolle zu geraten. Der Lärm war so groß, dass der zweite Akt nicht fortgesetzt werden konnte.Albert Bassermann, der Darsteller desTell, stürmte plötzlich vor den Vorhang und rief: „Schmeisst doch die bezahlten Lümmel hinaus!“ Ein letzter Aufschrei ertönte von der rechten Seite und das Stück wurde unter überwältigendem Beifall fortgesetzt.[37][38]
1920Die Hexerei des Schmetterlings vonFederico Garcia Lorca endete bei seiner Uraufführung durch das Teatro del Arte als Skandal.[39]

1921Reigen vonArthur Schnitzler führte zum größten Theaterskandal des frühen 20. Jahrhunderts. Das Stück schildert in zehn erotischen Dialogen die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“ und zeichnet ein Bild der Moral in der Gesellschaft desFin de siècle. Wenige Stunden vor der Berliner Uraufführung am 23. Dezember 1920 wurde die Vorstellung vom preußischen Kultusministerium verboten und den Direktoren sechs Wochen Haft angedroht, die Premiere fand dennoch statt. Am 22. Februar 1921 kam es zu Ausschreitungen, nachdem ein hoher Beamter der Berliner Polizei eine systematische Hetze gegen die Aufführungen initiiert hatte. Am 22. Februar gab es organisierte Tumulte in der Aufführung und eine johlende Saalschlacht. Abkommandierte völkische Beobachter, die meisten von ihnen im jugendlichen Alter, warfen Stinkbomben. Theaterleiter und Darsteller wurden in der Folge wegen „unzüchtiger Handlungen“ im sogenannten Reigen-Prozess vor Gericht gestellt, nach dem Schnitzler ein Aufführungsverbot für das Stück verhängte, das bis zum 1. Januar 1982 in Kraft war. Bei der Vorstellung in Wien stürmten am 7. Februar 1921 Demonstranten die Vorstellung. Am 16. Februar warfen Zuschauer Stinkbomben und 600 Demonstranten stürmten das Haus, zertrümmerten die Glasscheiben, drangen ins Parkett und in die Logen ein, von wo aus sie Stühle und Teer-Eier auf die Zuschauer warfen. Die Bühnenarbeiter beendeten den Tumult durch Einsatz der Feuerwehrschläuche.
1922Vatermord vonArnolt Bronnen galt nach der Uraufführung amSchauspielhaus Frankfurt als der größte Theaterskandal seitGerhart HauptmannsVor Sonnenaufgang (1889). Das Stück war voller Gewalt, Demütigung und Inzest, das Publikum reagierte empört, bei einer weiteren Aufführung in Berlin an der „Jungen Bühne“ desDeutschen Theaters (Regie:Berthold Viertel) musste die Polizei einschreiten.
„Zuerst ruft nur jemand ein ‚Pfui‘ in die Stille. Dann setzt wütendes Klatschen ein, die jungen Leute im Saal beginnen wild auf die Lehnen zu schlagen. Ein Pfiff gellt aus einem Schlüssel, ihm antwortet eine Kindertrompete, begleitet vom kunstvollen Heulen auf hohlen Fäusten. Unter taktmäßigem Schlagen wird ein Name herausgebrüllt, wohl der des Schriftstellers, dagegen erschallen Rufe ‚Gemeinheit‘, ‚Frechheit‘, ‚Anmaßung‘.“[40]
Nachdem die Menge nach einer halben Stunde den Saal noch immer nicht verließ, wurde die Polizei gerufen, die das Theater räumte.[41] Zugleich wurde das Stück schnell zu einem der großen Theatererfolge derWeimarer Republik. Bronnen hatte mit seinem Werk das Lebensgefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht, die in der wilhelminischen Ära unter den autoritären Gesellschafts- und Familienstrukturen litt.
1923Der deutsche Hinkemann vonErnst Toller wurde anlässlich der Leipziger Uraufführung am 19. September amAlten Theater Leipzig unter der Regie vonAlwin Kronacher zum Skandal für Nationale, wobei ein Zuschauer zu Tode durch Herzschlag kam. Kriegsheimkehrer Hinkemann wurden imErsten Weltkrieg seineGenitalien weggeschossen, er war nicht nur ein Krüppel, dem man die Frau wegnahm, als ehemaliger Frontsoldat war er friedensuntauglich. Im Varieté eines Schaubudenbesitzers biss er als „Homunkulus“ und „deutscher Bärenmensch“ lebenden Mäusen und Ratten das Genick durch. Die Aufführungen in Berlin und Wien im darauf folgenden Jahr fanden unter Polizeischutz statt, da zuvor jene in Dresden im Januar 1924 vonNationalsozialisten gestört worden waren.
1923Eunuchen vonCarl Zuckmayer am Kieler Theater am Kleinen Kiel. Die Aufführung am 17. April fand als geschlossene Vorstellung vor geladenen Gästen der Kieler Gesellschaft, der Universität, der Marine und der Presse statt. Sie sahen einen provokanten Abschluss des Stücks: Eine junge Schauspielerin erschien nackt auf der Bühne, die Brüste orange geschminkt und um den Bauchnabel eine Sonne mit blauen Strahlen. Sie schritt unter dem Johlen des Publikums über die Bühne. Als sie gefragt wurde, woher sie komme, antwortete sie lispelnd: „Aus Lesbos.“ „Die geladenen Gäste verließen das Haus im bedrohlichen Schweigen“ (Zuckmayer). Am folgen Tag kam die Theaterkommission zusammen. Sie setzte das Stück ab und entließ den Intendanten. Im Mai 1923 wurde auch Zuckmayer gekündigt.[42]
1925Exzesse vonArnolt Bronnen wurde, wie schon dessenVatermord 1922, bei der Uraufführung der „Jungen Bühne“ im BerlinerLessing-Theater mitCurt Bois,Leonhard Steckel und dem jungenVeit Harlan ein Skandal. Das Stück war sexuell aufgeladen, exzessiv, der Skandal war somit vorprogrammiert, wobei sich das Publikum über ein ausgezogenes Unterhöschen und den Wunsch der ProtagonistinGerda Müller nachSodomie mit einem Ziegenbock entrüstete. Der Skandal kulminierte in der öffentlichen Ohrfeige des IntendantenMoriz Seeler für den kommunistischen Dramaturgen Oskar Kanehl, der die Aufführung von Beginn an mit einer Pfeife störte. Im Publikum hatten sich Prominente wieEgon Erwin Kisch oderErnst Rowohlt versammelt. Das Ende ging im Tumult unter, Trillerpfeifen schrillten, die verdatterten Schauspieler, dreißigmal vor den Vorhang gerufen, wurden gleichzeitig bejubelt und niedergebrüllt. Die Polizei suchte zurückhaltend Ruhe herzustellen. Die Aufführung hatte ein wochenlanges publizistisches Nachspiel, das sich in 103 Zeitungsbeiträgen niederschlug.
1925Katalaunische Schlacht vonArnolt Bronnen wurde amFürstlich Reussischen Theater inGera zu einem Skandal, da das sexualisierte Kriegsdrama angeblich „der Ehre des deutschen Offiziers und Frontsoldaten“[43] nahetrat. Der IntendantWalter Bruno Iltz und seine FrauHelena Forti wurden in einem anonymen Brief sogar mit dem Erschießen bedroht.[44]
1926Der Pflug und die Sterne vonSean O’Casey inDublins Abbey Theatre wurde einer der größten TheaterskandaleIrlands. Die Premiere musste wegen randalierender Zuschauer abgebrochen werden.[39]

1927 Die Komödie „Sex“ vonMae West erregte am New YorkerBroadway einen Skandal. Mae West besetzte sich selbst mit der Rolle der Prostituierten und wurde im April angezeigt. Das Stück war bereits ein Jahr lang ein Publikumsrenner, als die Sittenpolizei darin plötzlich ein Problem sah, das Theater stürmte und Mae West und ihre Kollegen festnahm. Mae West musste wegen „obszöner, unzüchtiger Inhalte“ ins Gefängnis. Die Arme voller Rosen trat sie im Frühling 1927 ihre Gefängnisstrafe an. Acht Tage verbrachte sie auf der Strafinsel von New York, wo sie sogar ihre seidene Unterwäsche anbehalten durfte.
1928Die Verbrecher vonFerdinand Bruckner, ein Drama, in dem es um dieDiskriminierung derHomosexuellen und um deren Erpressbarkeit infolge des§ 175 geht und das die damaligen Regelungen fürAbtreibungen, dieIndizienprozessführung und dieTodesstrafe kritisiert, löste Ende November amHamburger Schauspielhaus in der Regie vonArnold Marlé den größten Hamburger Theaterskandal dieser Zeit aus.[45] OrganisierteNationalsozialisten gingen gegen Publikum und Bühne vor, „um durch einen Theaterkrawall ihre moralischen Belange zu vertreten“. Die Presse titelte: „Gaskrieg in der Kirchenallee“ (die Adresse des Theaters): „Gegen 9,15 setzten Ruhestörungen ein, ausgehend vom zweiten Rang. Es wurden Juck- undNiespulver sowieStinkbomben geworfen; auch wurde gejohlt und gepfiffen. Polizei mußte einschreiten.“ Etwa 300 Personen mussten das Theater verlassen. Erst nach einer Dreiviertelstunde konnte weitergespielt werden.[46] Nach der Vorstellung wurde das Publikum auf der Straße weiter belästigt, ein Flugblatt derFichte-Gesellschaft zur Verteidigung der Demonstranten, verfasst vonWilhelm Stapel, behauptete, das Schauspielhaus hätte „die Sitten des Theaters verletzt“: „Was in diesen jungen Menschen protestiert, das ist der gesunde Lebenswille unseres Volkes, das eine faulige Schicht und ihre krankhaften Vergnügungen nicht anerkennen kann als die 'deutsche Kultur', die der Freiheit des Geistes würdig ist.“[47] Von der Polizei wurden zahlreiche Verhaftungen gegen die Störer ausgesprochen, darunter die NSDAP-BürgerschaftsabgeordnetenErnst Hüttmann und Brinckmann. Am 7. Dezember kam es vor dem Theater erneut zu Demonstrationen gegen das Stück. Die Aufführung wurde zum Gegenstand einer Sitzung derHamburger Bürgerschaft. Bereits nach wenigen Vorstellungen verschwand das Drama wieder vom Spielplan. Die Uraufführung amDeutschen Theater in Berlin unterHeinz Hilpert war ein Riesenerfolg gewesen, in München erging ein Aufführungsverbot.
1929U-Boot S4 vonGünther Weisenborn löste bei seiner Uraufführung als Antikriegsstück einen Theaterskandal aus. Auch Weisenborns zweites SchauspielSOS oder Die Arbeiter von New Jersey löste 1931 einen Theaterskandal aus (s. u.).


1929Das Badener Lehrstück vom Einverständnis vonBertolt Brecht undPaul Hindemith sorgte bei der Uraufführung inBaden-Baden aufgrund der Darstellung von Tod und Gewalt für einen Skandal. Die Zuschauer zeigten sich zunächst schockiert von der als Film gezeigten, drastischen DarbietungTotentanz vonValeska Gert. Der eigentliche Skandal aber wurde durch eine brutale Clownsszene mitTheo Lingen in der Hauptrolle ausgelöst. Zwei Clowns zerlegten einen dritten Clown unter dem Vorwand zu helfen. Schmerzende Glieder wurden unter Einsatz großer Mengen Theaterblut einfach abgetrennt. Am Ende war das Opfer vollständig zerlegt und lag blutüberströmt am Boden.
„Mit einem Blasebalg, der Blut enthielt, mußte ich auch noch das Blut dazu spritzen: das war dem Publikum nun wirklich zu viel. Und als man mir dann noch den Kopf absägte, da ich über Kopfschmerzen klagte, brach ein Skandal aus, wie ich ihn nie wieder am Theater erlebt habe. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, flog auf die Bühne. Fluchtartig verließen meine Mitspieler den Schauplatz.“[48]
Nicht nur die Zuschauer zeigten sich schockiert, die Baden-Badener Verantwortlichen beendeten nach der Aufführung ihre Unterstützung für das Musikfestival.
1929Pioniere in Ingolstadt vonMarieluise Fleißer verursachte amTheater am Schiffbauerdamm in Berlin in der Regie vonJacob Geis undBertolt Brecht einen der legendären Theaterskandale derWeimarer Republik. Brecht hatte das Stück szenisch verschärft, unter anderem fand dieEntjungferung desDienstmädchens in einem rhythmisch wackelnden Pulverhäuschen auf offener Bühne statt. Fleißer überwarf sich mit Brecht, da dieser sie mit den Folgen des Skandals „wie mit einem Besenkammer-Balg“ (Carl-Ludwig Reichert) allein gelassen hatte.
1931SOS oder Die Arbeiter von New Jersey,Günther Weisenborns zweites Schauspiel über die Verstrahlung von Arbeitern, löste 1931 amLandestheater Coburg einen Theaterskandal aus.
1933Warum lacht Frau Balsam, eine vonGünther Weisenborn gemeinsam mitRichard Huelsenbeck verfasste Komödie, führte im März am Deutschen Künstlertheater in Berlin zu Tumulten und wurde nach massivemSA-Skandal abgesetzt und noch in der gleichen Nacht verboten, wie in der Folge auch Weisenborns anderen Stücke und Romane.
In der durch „Gleichschaltung“ und massive Repression gekennzeichneten kulturellen Landschaft des „Dritten Reiches“ kam es zwar nicht zu Theaterskandalen im engeren Sinn. Bemerkenswert ist aber, dass es bei Aufführungen desDon Carlos von Friedrich Schiller an der Stelle, wo Marquis Posa „Gedankenfreiheit“ fordert, häufig zu ostentativen Beifallskundgebungen des Publikums kam. Ab 3. Juni 1941 galt auch ein vonAdolf Hitler verordnetes Aufführungsverbot für SchillersWilhelm Tell.[49] DerNationalsozialismus hatte zwar versucht, dieses Drama politisch zu vereinnahmen, doch die offen gegen den Nationalsozialismus gerichtete und mit Emigranten wieWolfgang Langhoff besetzte Inszenierung vonOskar Wälterlin 1939 imZürcher Schauspielhaus hatte es erfolgreich politisiert. Auch hier zeigte der ostentative Beifall bei den Szenen, die als Aufforderung zum Widerstand gegenTyrannei gedeutet werden konnten, die latente Opposition zum Regime – was von diesem wohl als Gefährdung und als „Skandal“ gewertet wurde.[50]
1945Haben vonJulius Hay wurde bei der Premiere amWiener Volkstheater am 24. August zum ersten großen Theaterskandal der hysterisiertenNachkriegszeit, es kam sogar zu einer Saalschlacht im Parkett, als die Hebamme Képes (gespielt vonDorothea Neff) während einer Szene unter einer Madonnenstatue Gift versteckte und Schüler des katholischenPiaristengymnasiums und Angehörige der ehemaligenHitlerjugend Tumulte vom Zaun brachen. Mitgliedern des Theaters und KulturstadtratViktor Matejka gelang es, die Situation zu beruhigen.[51]
1947Es steht geschrieben vonFriedrich Dürrenmatt, das erste Stück Dürrenmatts, eine groteske Komödie über diemünsterische Schreckensherrschaft 1534–1536, die Dürrenmatt in einem ironisch skeptischen Bilderbogen darstellte, rief bei der Uraufführung amZürcher Schauspielhaus einen Theaterskandal hervor, die Uraufführung musste wegen Unmutsbekundungen des Publikums unterbrochen werden,[52] in der Presse entstand eine hitzige Debatte über das Stück, es wurde als „unzüchtig und nihilistisch“ empfunden. Die Premiere führte zu einem solchen Skandal, dass man sich in Zürich für etliche Jahre an kein neues Werk des Szenen-Berserkers wagte, die nächsten Uraufführungen fanden in Basel statt.[53] Das Stück erfuhr später eine Umarbeitung inDie Wiedertäufer (1966).

1948Geschichten aus dem Wiener Wald vonÖdön von Horváth geriet bei der österreichischen Erstaufführung am 1. Dezember amWiener Volkstheater zu einem der größten Theaterskandale der Nachkriegszeit. Publikum und Presse standen Horváths Vivisektion der Wiener Seele empört gegenüber. Bei der zweiten Vorstellung kam es im letzten Bild, „in der Wachau“, sogar zu Tumulten, alsDorothea Neff als Großmutter den von ihr verschuldeten Tod des kleinen Leopold verkündet.Karl Skraup musste die Störer mit extemporierten Sätzen beruhigen.[51] Schon bei der Uraufführung 1931 kritisierte die rechtsradikale Presse das Stück.
1949Jugend vor den Schranken vonHelmuth Qualtinger, das sich der Verelendung der österreichischen Nachkriegsjugend widmet, erregte bei seiner Uraufführung in Graz einen Skandal. Ein großer Teil der Zuschauer protestierte mit lauten Rufen besonders bei den Szenen, die die Verfallssymptome dieser Kategorie von straffällig gewordenen Jugendlichen zum Ausdruck brachten. Im ersten Drittel der Aufführung nahmen die Kundgebungen solche Formen an, dass zum Schutz der Darsteller ein größeres Polizeiaufgebot angefordert werden musste. Der Gipfel der Demonstrationen wurde erreicht, als in einer Szene der Darsteller der Rolle des Staatsanwaltes als Sühne die Todesstrafe forderte und daraufhin das Publikum schrie: „Ja für den Verfasser!“[54] Das Stück wurde schon am nächsten Morgen vom Spielplan genommen.
1951Bacchus vonJean Cocteau wurde bei seiner Uraufführung am 10. Oktober im Theater Marigny in Paris zum Skandal.[39]François Mauriac bezichtigte Cocteau derGotteslästerung und der Autor warf seinem Kritiker Unbildung vor.[55]
1956Käthe Dorsch, Schauspielerin amWiener Burgtheater, ohrfeigte am 13. April vis-à-vis vomWiener Volkstheater vor dem Cafe Raimund den KritikerHans Weigel und beschimpfte ihn noch als "Dreckskerl" und als "Dreckfink", da Weigel in einer Kritik zur Burgtheateraufführung vonChristopher Frys „Das Dunkel ist licht genug“ Dorsch folgendermaßen kritisiert hatte:"Alles, was erlebt sein sollte, blieb Andeutung – wie Stars oft auf Verständigungsproben sind oder bei der 300. Vorstellung."[56] Es kam zum Prozess, im Zuge dessen der als Zeuge geladene SchauspielerRaoul Aslan für Weigel „die Todesstrafe“ forderte. Dorsch wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.
1956Die Geschichte von Vasco vonGeorges Schehadé führte bei seiner französischen Erstaufführung am 1. Oktober im Théatre Sarah Bernhardt in Paris zu einem Skandal.[39]
1956Der arme Bits oder Das Diner der Köpfe vonJean Anouilh wurde bei seiner Uraufführung am 10. Oktober im PariserThéâtre Montparnasse zu einem Skandal. Es folgten 600 Aufführungen dieser Inszenierung.[39]

1957Der Balkon(Le balcon) vonJean Genet sorgte bei der Uraufführung im Art’s Club Theatre in London am 22. April in der Regie vonPeter Zadek wegen der freizügigen Behandlung abweichender Sexualpraktiken für einen Skandal und war in Frankreich zeitweilig verboten.[57] Das Stück spielt in einem Luxusbordell, in dem sich die Kunden den Wunsch nach einer anderen Identität erfüllen können. Während die Bordellbesucher nach der Illusion von Macht und Ansehen streben, tobt draußen die Revolution. Vor der – erfolgreichen – Premiere kam es zum Skandal: Genet, mit Zadeks Regie-Resultaten nicht einverstanden, drohte mit Protest vor dem Premierenpublikum und erhielt von der Theaterdirektion Hausverbot.[58]
1957Opfer der Pflicht vonEugène Ionesco wurde bei der deutschsprachigen Erstaufführung desDarmstädter Landestheaters im Orangeriehaus ein Skandal. Das Publikum protestierte gegen Ende der Aufführung mit Zwischenrufen, Trillerpfeifen und Hausschlüsseln gegen die Fortsetzung des Spiels.[59] Gegen Ende dieses Einakters bohrt ein Dichter einem Polizisten das Messer in die Brust, und eine dabeistehende Frau ruft „Aufhören“. Diese Aufforderung wurde von einem Teil des Publikums aufgenommen, es gab Pfiffe und böse Rufe gegen den Regisseur und Darmstädter IntendantenGustav Rudolf Sellner. Sellner trat auf die Bühne und forderte die Unzufriedenen auf, das Haus zu verlassen. Etwa ein Drittel des Publikums verließ den Saal, die Aufführung ging unangefochten zu Ende, während ein Teil der Unzufriedenen durch die Saaltüren still wieder ins Parkett zurückkehrte.[60]
1961Die Geisel vonBrendan Behan provozierte amUlmer Theater in der Inszenierung der deutschen Erstaufführung vonPeter Zadek Skandal und Furore durch eine freche Mischung aus Bordell und Bürgerkrieg, Schunkeln und Sterben, nackten Frauen und betrunkenen Guerilleros. Pulverdampf, der ins Publikum zog, irritierte die Zuschauer. Zadek setzte „in einer Ulmer Turnhalle bei der ‚Geisel‘ den größten und folgenreichsten Theater-Skandal des Nachkriegstheaters in Gang: Ein Publikum kam aus dem Husten und Buhen nicht mehr heraus.“[61] Der Ulmer Gemeinderat debattierte über die Absetzung des Stückes, die Presse empfand die Kontroverse wegen der scheinbar inkongruenten Stilelemente und der politischen Aussage als eine Belebung der deutschen Bühnenlandschaft.
1962Bis zum letzten Wutstropfen vonLutz Backes entfachte wegen des Nacktauftritts einer Schauspielerin einen Theaterskandal, hatte aber riesige Aufführungsziffern.

1963Die Sorgen und die Macht vonPeter Hacks entfachte einen der größten DDR-Kulturskandale. Das Stück – gemeint sind die Arbeiterklasse und der Parteiapparat – wurde kurz nach der Premiere amDeutschen Theater Berlin verboten; IntendantWolfgang Langhoff verlor seinen Posten.
1963Der Stellvertreter vonRolf Hochhuth wirbelte bei der Berliner Uraufführung enormen Staub auf und entfachte Polemiken über das Verhalten des PapstesPius XII. gegenüber Hitler-Deutschland und die Anklage, angesichts des Holocaust geschwiegen zu haben. Das empörte vor allem katholische Kreise. Nach der Uraufführung in Berlin war Basel das erste Theater, an dem Hochhuths Stück aufgeführt wurde, und es löste auch dort eine gewaltige Protestwelle aus. Vor dem Basler Theater marschierten Demonstranten auf, es gab Drohbriefe und heftige Debatten über das Stück folgten. Während der Aufführungen amWiener Volkstheater kam es 1964 zu tumultartigen Szenen, sogar zu Handgreiflichkeiten im Parkett. Direktor und RegisseurLeon Epp erschien bei offenem Vorhang auf der Bühne und verteidigte seine Wahl des Stückes:„Jeder, der dieser Aufführung beiwohnt, möge sich doch fragen, ob er nicht an den hier geschilderten Dingen irgendwie mitschuldig gewesen ist.“[62]
1965Saved (Gerettet) des britischen DramatikersEdward Bond machte bei der Uraufführung am 3. November im Royal Court Theatre in London einen Skandal, der Theatergeschichte schrieb. Wegen seines Mittelpunkts, der sechsten Szene. Darin wird einem Baby, das im Kinderwagen liegt, die Windel weggezerrt, ihm der Kot ins Gesichtchen geschmiert. Erst zerren sie an ihm herum. Dann werfen sie mit schweren Steinen auf das Kind. Bis es tot ist. Die Steinewerfer bilden eine Jugend-Gang. Ihnen scheint erlaubt, was ihnen gefällt. Darunter Fred, der Vater des Babys, der von Pam, der jugendlichen Kindsmutter, nichts mehr wissen will. Als er gefragt wird, was er gefühlt habe, als er sein Kind steinigte, antwortet er trocken: „Hab' ich vergessen.“[63] „Saved“ wurde als private Clubvorstellung einer eilends gegründeten English Stage Society aufgeführt – for Members only. Aber dann flogen doch die Fäuste an jenem Abend. Ein Polizist erstattete Anzeige. Theaterzuschauer taten sich zusammen, um zu protestieren. Es kam zum Prozess, das Recht solcher zensurfreier Clubaufführungen wurde angefochten, und es war diese Entwicklung, die schließlich zur Abschaffung der Zensur führte. BühnenstarLaurence Olivier, damals künstlerischer Direktor des neuen Nationaltheaters, kam Bond mit einem Fachgutachten zu Hilfe: „Saved ist kein Stück für Kinder, sondern für Erwachsene und die Erwachsenen des Landes sollten den Mut haben, es sich anzusehen“ Ein Theaterklassiker war geboren, das Stück wirkte weit über die Grenzen des englischen Theaters hinaus.[64]
1966Die Räuber vonFriedrich Schiller in der Inszenierung vonPeter Zadek amBremer Theater. Mit einem zweiseitigen fettgedruckten „Protest“ im Vereinsblatt griff der Besucher-Ring die Inszenierung des 39-jährigen Regisseurs als ein „Nichts an Form und an Gestalt“ und als eine „ärgerliche Zumutung für den Beschauer“ an.[65] Die Inszenierung bot in den Augen des damaligen IntendantenKurt Hübner so viel Skandalisierungs-Potenzial, dass er die Premiere aus dem regulären Spielplan nahm und sie in die Nacht legte. Die Aufführung lief in samstäglichen Mitternachtsvorstellungen. Die Inszenierung gilt heute als legendär und zudem als eine der prägendsten Inszenierungen der Hübner-Ära. Das Ergebnis war ein extrem kontrovers diskutiertes Pop-Theater: Das Bühnenbild vonWilfried Minks war ein überdimensionalerComic im StilRoy Lichtensteins, die Figuren waren zu grellenComicfiguren überzeichnet, sie traten inHorrorfilm- undWestern-Kostümen auf. Franz Moor (Bruno Ganz) trat als monströseMeerkatze mit angeklebten Riesenohren auf, der Räuberhauptmann Karl (Vadim Glowna) trug zuSuperman-Posen ein Super-Suspensorium.
19661. Happening in Rheinland-Pfalz vonHans Neuenfels am Trierer Stadttheater. Rund 700 Trierer Markt-Passanten wurden per Handzettel vom 25-jährigen Dramaturgen Neuenfels zu kontroversiellen Fragen befragt. Am Tag nach der Flugblattaktion wurde Neuenfels aus seiner Dramaturgenstellung gefeuert, das „Happening“ vom Spielplan abgesetzt. Theater-Chef Dr. Rudolf Meyer wusste nicht, was dem Publikum bevorstand: Der Auftritt einer Tänzerin, die im Bikini nacheinander in vier Badewannen steigt – eine leer, eine mit lauwarmem Wasser, die nächste gefüllt mit Sekt, im letzten eine lebende Forelle. Die größte Nummer wollte Dramaturg Neuenfels selber nach der Vorstellung auf dem Theater-Vorplatz beisteuern, eine faschistische Rede. Schon vor Jahresfrist hatte Neuenfels den Unmut der Trierer Bürger erregt, als er auf Handzetteln für das nächste Programmheft „Entblößende Enthüllungen aus der Welt des Theaters“ ankündigte und die Käufer über jeden Schauspieler erfuhren, ob er ein Auto besaß oder nicht.
1966Die Wände vonJean Genet in der Inszenierung vonRoger Blin im PariserOdeon-Theater führte zum Skandal und Demonstrationen rechtsgerichteter Gruppen.[39]

1968Gerettet vonEdward Bond inszeniertePeter Zadek an derFreien Volksbühne Berlin. Darin werfen Rowdys Steine in einen Kinderwagen und töten das darin liegende Baby. Zadek schreibt in seiner Biografie, dass die Szene „die Fantasie des Zuschauers zwar anstößt, ihn aber nichts kostet“. Er spitzte das Geschehen zu, ließ die Jungen eine Puppe brutal zerstören. Während dieser Szene stürmten Zuschauer die Bühne.
1968Vietnam-Diskurs vonPeter Weiss sorgte in der Inszenierung vonPeter Stein im Werkraum derMünchner Kammerspiele am 28. Juni für einen Skandal, daWolfgang Neuss am Ende der Vorstellung zu einer Sammlung für denVietcong aufrief und mit Hut durchs Publikum ging. Die Reaktionen waren gespalten, die einen spendeten, andere schrieen „Skandal“. Die Verwaltungsdirektion der Kammerspiele weigerte sich, die Sammlung zuzulassen, und berief sich auf das Hausrecht. Am 9. Juli durfte Neuss nicht für den Vietcong sammeln. Schließlich forderten zweihundert Demonstranten am 19. Juli bei einem Go-in die sofortige Wiederaufnahme des abgesetzten Stückes.[66] Steins Vorsatz, im Einverständnis mit dem Ensemble Geld sammeln zu lassen, führte zum Streit mit dem IntendantenAugust Everding und zu Steins vorzeitiger Entlassung.[67]
1969 „Zicke-Zacke“ vonPeter Terson amTheater in Heidelberg in der Inszenierung vonHans Neuenfels reizteCDU undApo zum Protest gegen „bewußtloses Pop-Theater“. Neuenfels undHans Georg Koch (musikalische Leitung) suchten nach deutschen Entsprechungen für eine enthemmte Fußballleidenschaft und fanden sie im deutschen Liedgut. Während die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ ertönte, hörte das Publikum einen Text, der nur dem König Fußball huldigte. Da schrie man „Pfui“, die ersten Zuschauer gingen. Nach der Pause zelebrierte ein Geistlicher seine zu Gott führende Fußballmetaphorik als katholische Messe. Als schließlich auch noch die Nationalhymne ertönte, um den Text „Fußball, Fußball über alles“ zu tragen, war der Skandal perfekt. In der Fußballer-Revue mitUlrich Wildgruber,Gottfried John und fünfzig Heidelberger Schülern sei „in der Tat das sittliche, staatsbürgerliche und religiöse Empfinden von Theaterbesuchern verletzt“ worden (Wanda von Baeyer-Katte), sieben Stadträte der CDU appellierten nach der Premiere an die Eltern der Heidelberger Jugend, lokale Rezensenten (Rhein-Neckar-Zeitung: „Mit der Art dieser Aufführung hat die Städtische Bühne mehr Scheiben eingeschmissen als alle Studenten zusammen“), Abonnementskündigungen und CDU-Aktivität (vier Anfragen im Gemeinderat) zwangen den Regisseur zu einer raschen Telephon-Aktion bei den Eltern der Schüler, deren Mitwirkung in der Aufführung jedoch aufrecht blieb.[68]
1969Clavigo vonGoethe wurde inFritz Kortners Inszenierung amHamburger Schauspielhaus zum Theaterskandal.Thomas Holtzmann in der Rolle des Clavigo gähnte, während er sprach, da Kortner die große Auseinandersetzung zwischen Clavigo und Beaumarchais in die Nacht gelegt hatte, und der völlig übermüdete Mann vor Müdigkeit kaum noch sprechen konnte.[69] Kortner unterbrach die Szene durch eine Nacht, in der man Clavigo am Tisch schlafen sah.[70] Kortners „jugendlich wißbegieriger Umgang mit Goethe“ provozierte Zwischenrufe, höhnisches Gelächter und Buh-Geschrei, da Kortner am Ende des Stückes zeigte, dass Sterben nichts klassisch Schönes, sondern etwas widersinnig Komisches sein kann, dass der Tod den Gemordeten nicht einmal mehr das lässt, was das Theaterherkommen als „Würde“ verklärt.[71] Kurz darauf wurde die Aufführung beim BerlinerTheatertreffen zum triumphalen Publikumserfolg.
1969Trauer zu früh (Early Mourning) vonEdward Bond inszeniertePeter Stein amZürcher Schauspielhaus als deutschsprachige Erstaufführung. Das Publikum protestierte gegen die Mischung aus Bestialität und gutbürgerlichem Verhalten, Slapstick und Trauer und ließ die Premiere in empörten Zwischenrufen und einem wütenden Buh-Konzert ertrinken. Die Aufführung ging in einem schier unglaublichen Theaterskandal unter. Aufgeregte Damen riefen nach Verantwortlichen, Türen wurden geknallt, ja selbst Schauspieler, die in Zürcher Ehren ergraut waren, distanzierten sich durch Gesten während des Schlussbeifalls und Buh-Konzerts von Stein.[72] Mit diesem Theater-Eklat vertrieben die Zürcher einen Regisseur und seine Theatertruppe (Edith Clever,Jutta Lampe,Bruno Ganz,Heinrich Giskes,Günter Lampe undDieter Laser), die später alsSchaubühne am Halleschen Ufer in Berlin Weltgeltung erlangte.
1970Der Stern wird rot vonSean O’Casey. AmWuppertaler Schauspielhaus verließen empörte Premierenbesucher lärmend das Schauspielhaus. CDU-BürgermeisterHeinz Frowein protestierte gegen die „eindeutige Stellungnahme für den Kommunismus“ und forderte die sofortige Absetzung des Dramas. RegisseurHans Neuenfels ließ in O’Caseys „Poem für den Kommunismus“ einen Armenpriester wimmernd über die mit Blechplatten ausgeschlagene Bühne huschen und einen gewalttätigen „Purpurpriester“ demütig einen Holzknüppel küssen. Er erweckte, entgegen dem Original, sogar einen toten Kommunisten wieder zum Leben. Das war manchem Kritiker und vielen Wuppertalern bei weitem zu stark. Hatten sie auch zuvorFriedrich Engels, sogar in Anwesenheit des Bundeskanzlers, zum 150. Geburtstag gefeiert, was Neuenfels darbot, erschien ihnen als ein Aufruf zu Umsturz und Gewalt. Wuppertals Chef-Dramaturg Horst Laube: „Der Rausch der bürgerlichen Engels-Feier ist vorbei. Jetzt kommt der Kater.“[73]

1970Hochzeit vonElias Canetti. Anlässlich der Premiere vonBernd Fischerauers Inszenierung von „Hochzeit“ des späteren Nobelpreisträgers Canetti amWiener Volkstheater kam es im Herbst 1970 zu Protesten und Drohungen rechtsgerichteter Kreise. Das Theater musste von der Polizei umstellt und gegen Störaktionen geschützt werden.[51]
1971Hartnäckig undHeimarbeit vonFranz Xaver Kroetz leiteten im Werkraumtheater derMünchner Kammerspiele die Laufbahn des bayerischen Autors in einer trotz aller Tumulte triumphalen Uraufführung mit einem Skandal ein. Damals auf einer Bühne fast noch Unvorstellbares war zu sehen: ein Abtreibungsversuch mit einer Stricknadel. Die langsame Ermordung eines Kindes. Der einsame Liebesakt eines Mannes am eigenen Leibe. Das eigentlich Skandalöse aber war wohl die unbegreifliche, furchtlose Liebe, mit der Kroetz mitten hineinschaute ins grausigste Leben.[74] Rechtsradikale Schreier vor dem Theater, Stinkbomben im Theater; am Ende der Vorstellung musste das Publikum auf Schleichwegen in Sicherheit gebracht werden. Die Aufführung provozierte den Münchner CSU-StadtratWinfried Zehetmeier schon vor der Uraufführung zum Protest gegen das Stück »ohne künstlerische Qualitäten«.
1971Sprintorgasmik vonWilhelm Pevny löste bei der Uraufführung am 27. Januar, die als Doppelpremiere gemeinsam mitPeter TurrinisRozznjogd amWiener Volkstheater unter der Direktion vonGustav Manker stattfand, einen Skandal aus. Avantgardistisches Körpertheater als experimentelle Orgasmus-Skala und die ungewohnte Rhythmik auf einer Bühne aus Klettergestängen und Metalltonnen, begleitet von „zermürbenden Licht- und Klangeffekten“ in der Regie vonGötz Fritsch überforderte das Publikum, das – angeführt vomORF-FernsehspielchefWalter Davy – scharenweise das Theater verließ oder über die Sitzreihen stieg, um sich gegenseitig zu ohrfeigen.[75]
1971Martin Luther und Thomas Münzer vonDieter Forte löste in der Inszenierung von Vaclav Hudecek im Winter 1971 amWiener Volkstheater einen Skandal aus: Bei der Premiere kam es zu einem Riesentumult, als der GeldhändlerJakob Fugger beim Gebet an das Kapital mit seinen Gästen plötzlich im Arrangement vonLeonardos letztem Abendmahl da saß. Fürsten und Priester sangen den Lutherchoral „Ein feste Burg“ und Fugger sprach ein Gebet zum Ruhm des Mammons: „O Kapital, du Anfang und Ende aller Dinge.“[51]
1971Der Dra-Dra. Die große Drachentöterschau in acht Akten mit Musik vonWolf Biermann wurde an denMünchner Kammerspielen zum Skandal nicht wegen des Stücks oder wegen der Inszenierung vonHansgünther Heyme, sondern wegen desProgrammhefts. Das Stück, eine DDR-Adaption vonJewgenij Schwarz’ antistalinistischem Drama „Der Drache“, wollte Biermann im Westen gegen die „eigenen Drachen“ gespielt haben. DramaturgMichael Hatry plante, 24 Fotos von bundesdeutschen Größen aus Politik und Wirtschaft abzudrucken, darunter den Münchner OberbürgermeisterHans-Jochen Vogel. AutorHeinar Kipphardt als presserechtlich verantwortlicherChefdramaturg und IntendantAugust Everding entschieden dagegen. Die Seiten im Programmheft blieben frei mit dem Vermerk: „Aus rechtlichen Gründen konnten die für die Seiten vorgesehenen Bilder von Drachen aus Politik und Wirtschaft leider nicht abgedruckt werden.“* Obwohl Kipphardt weder der Dramaturg der Aufführung war, noch das Programmheft gemacht hatte und auch die Konterfeis gar nicht erschienen waren, trat der SPD-nahe SchriftstellerGünter Grass eine Verleumdungskampagne los, Kipphardt verfolge „Abschußlisten“.
1972Der Ignorant und der Wahnsinnige vonThomas Bernhard bei denSalzburger Festspielen amSalzburger Landestheater entfachte bei seiner Uraufführung am 29. Juli einen Skandal, da der RegisseurClaus Peymann, um die von Bernhard festgeschriebene totale Dunkelheit am Ende des Stückes zu erfüllen, verlangte, auch noch die Notbeleuchtung für zwei Minuten auszuschalten. Die Feuerpolizei legte ein Veto ein – das Notlicht musste brennen, eine Verordnung aus dem Jahr 1884 schrieb dies vor. Bei der Premiere herrschte dann tatsächlich völlige Dunkelheit. Da aber vor Beginn der zweiten Vorstellung von Seiten der Festspieldirektion keine Anstalten gemacht wurden, auf die Forderungen des Autors und des Regisseurs einzugehen, weigerte sich das Ensemble, allen voran der SchauspielerBruno Ganz, aufzutreten. Die Vorstellung wurde abgesagt, das Publikum musste nach Hause gehen. Bernhard schrieb: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“ Die Premiere blieb die einzige öffentliche Aufführung des Werkes, alle weiteren Aufführungstermine wurden abgesagt. Die Angelegenheit kam schließlich vor das Bühnengericht in Wien, wurde dort aber im Juni 1973 eingestellt.[76]
1976Othello vonShakespeare sorgte inPeter Zadeks Inszenierung amHamburger Schauspielhaus (Intendant:Ivan Nagel) für einen der größten Theaterskandale der Nachkriegszeit. Der Zuschauerraum war von lautstarker Ungeduld, wutentbrannten Zwischenrufen und aggressiven Skandalreaktionen beherrscht, alsEva Mattes als Desdemona vor dem rasenden OthelloUlrich Wildgruber in der Titelrolle mit Schuhcreme am ganzen Körper schreiend flüchtete, zappelnd gefangen wurde, ihr Körper sich beim Würgen konvulsivisch wehrte, Othello, als er gestellt wurde, mit der Leiche im Arm panisch über die Bühne irrte, sie dann wie im Wahnsinn zu verstecken trachtete, indem er sie über einen Paravent hängte. Das Publikum gab ihm zu verstehen, dass man „so“ in einem klassischen Stück nicht lebt und liebt und stirbt; „so“ spricht man nicht im Othello, dem erhabensten Muster von Liebe, Eifersucht und Tod.[71]
1976Medea vonEuripides war amSchauspiel Frankfurt ein Theaterskandal. RegisseurHans Neuenfels gestaltete die Frauen-Tragödie, in dem eine vom Gatten verlassene Ehefrau ihre Kinder mordet, auf Brettern, die über die ersten Stuhlreihen gebaut wurden, der Vorhang blieb zu. Er verwendete zeitgemäße Accessoires wiePäderastie undPenis,Kastration und Kraftausdrücke (Medea: „Ich arme Sau“) und das Premierenpublikum reagierte empört. Die Direktion nahm die Inszenierung aus dem Abonnement und spielte sie im freien Verkauf und das Stück lief fast immer ausverkauft, an der Kasse bildeten sich Schlangen, Neuenfels schaffte es, das Theater zum Brennpunkt des Interesses zu machen und nach den Vorstellungen drängte es das Publikum Abend für Abend zu Diskussionen.[77]
1977Claus Peymann, Intendant desStuttgarter Theaters, stiftete Geld für die Zahnreparatur derRAF-TerroristinGudrun Ensslin, nachdem Ensslins Mutter ihn in einem Brief über die Situation derStammheimer Häftlinge informiert hatte, und heftete den Ensslin-Brief im Theater ans Schwarze Brett, es kamen 611 Mark zusammen. „Der Hilferuf“, so erläuterten später Kollegen Peymanns in einem offenen Brief, „schien die Kehrseite zu einer um sich greifenden Mentalität, die Erbarmen nicht kennt“; Hilfe zu leisten war den Spendern „nicht mehr als ein humanitärer Akt“.[78] Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Stuttgarter Landtag,Lothar Späth, verlangte die fristlose Entlassung des so geächteten Künstlers. Claus Peymann hat mit seinem Engagement für radikal linke Positionen über Jahrzehnte Kontroversen ausgelöst und Skandale provoziert, etwa auch als er 2007 dem Ex-RAF-Terroristen und verurteiltem MörderChristian Klar ein Praktikum amBerliner Ensemble anbot.[79]

1981Burgtheater vonElfriede Jelinek. Das Stück thematisiert die Karrieren derSchauspielerfamilie und österreichischenTheaterikonenPaula Wessely,Attila undPaul Hörbiger imDritten Reich und Wesselys Mitwirkung imNS-PropagandafilmHeimkehr sowie deren Tötungsabsicht an ihren TöchternElisabeth Orth,Christiane undMaresa Hörbiger. Jelinek wollte das Stück „im Auge des Taifuns“,[80] amWiener Burgtheater, aufgeführt sehen, der Plan wurde jedoch publik und dieKronen Zeitung skandalisierte das Projekt: „Das wird der größte Theaterskandal: Burgtheater will Elfriede Jelineks ,Burgtheater' mitErika Pluhar spielen!“ Das Stück wurde schließlich 1985 amSchauspiel Bonn unter der Regie vonHorst Zankl uraufgeführt, wo es allerdings keinen Skandal hervorrief. In Jelineks Selbstsicht markierte der „Burgtheater“-Skandal den „Abstieg“ in der öffentlichen Meinung. „Ich hätte schwebend mit einem Strahlenkranz in der Wiener Innenstadt als Engel erscheinen können, und die Leute hätten geschrien: Da ist die Hex’!“[80] In Wien wurde das Stück bislang noch nicht aufgeführt. „Wenn man das in Wien aufführt wird’s sicher der größte Theaterskandal der zweiten Republik!“[81]
1982Clara S. vonElfriede Jelinek sorgte bei der Uraufführung am 24. September 1982 amSchauspiel Bonn in der Regie vonHans Hollmann für Massenfluchten und den Einsatz vonTrillerpfeifen im Publikum. Im Stück trifft die PianistinClara Schumann im Italien der 1920er Jahre auf den italienischen DichterGabriele d’Annunzio und tötet ihren verdämmernden MannRobert Schumann. Die vermeintlichen „Schweinereien“[80] im Text erregten bildungsbürgerlichen Protest in der Schumann-Stadt Bonn.
1982Stigma vonFelix Mitterer, das Drama einer Magd, die stigmatisiert das Leiden Christi am eigenen Leib erlebt, wurde zum Skandal. Die StadtHall in Tirol, die damals dieTiroler Volksschauspiele beherbergte, weigerte sich, die Passion der Dienstmagd Moid auf den Spielplan zu setzen. Die Volksschauspiele wanderten nachTelfs; erst drei Jahre nach der Premiere wagten sich auch andere Theatermacher an Mitterers Stück.
1985Der Müll, die Stadt und der Tod vonRainer Werner Fassbinder löste amSchauspiel Frankfurt Kontroversen umAntisemitismus aus. Die für den 31. Oktober geplante offizielle Erstaufführung geriet zum Theaterskandal: Vor dem Eingang der Spielstätte fand eine Demonstration gegen die Aufführung statt und die Vorstellung musste abgebrochen werden, nachdem Zuschauer, viele davon Mitglieder der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, die Bühne nach den ersten Sätzen der Schauspieler besetzt hatten und diese am Weiterspielen hinderten.[82] Nach diesen Ereignissen gab es nur noch eine geschlossene Aufführung für die Presse am 4. November. In der Figur des jüdischen Immobilienspekulanten im Stück glaubten vieleIgnatz Bubis erkennen zu können, der Anfang der 1970er Jahre in die Auseinandersetzungen um die Sanierung desFrankfurter Westends als Investor verwickelt war.[83] Aufgrund der Vorwürfe wurde das Stück bis 2009 an keinem Theater in Deutschland gespielt.[84]

1988Heldenplatz vonThomas Bernhard erregte bei der Uraufführung am WienerBurgtheater (Regie:Claus Peymann)[85] den größten österreichischen Theaterskandal der Nachkriegszeit.[86] Bei der Uraufführung ereigneten sich auch Protestaktionen vor dem Burgtheater, wobei u. a. durch den AktivistenMartin Humer eine Ladung Stallmist[87] vor dem Gebäude verteilt wurde. Die Uraufführung selbst wurde vom Publikum mit lautstarken Beifalls- und Missfallensäußerungen begleitet. Während der ersten Aufführungen kam es wiederholt zu Störungen, an den Rängen wurden Transparente gegen das Stück angebracht. Weitere Aufführungen fanden unter Polizeischutz statt. Gegen die Aufführung erhoben vor allem konservative Kreise ihre Stimme, weil es angeblich das Ansehen Österreichs beschmutze. Die erhebliche öffentliche Kontroverse um das Stück entstand vor allem dadurch, dass am 7. Oktober, also ca. vier Wochen vor der Uraufführung, in derNeuen Kronen Zeitung und derWochenpresse unautorisierte Auszüge aus dem Stück abgedruckt wurden. Aus den gedruckten Passagen war nicht ersichtlich, dass es sich um Dialoge der Protagonisten handelte, sodass viele Leser die geäußerten Standpunkte als Bernhards eigene Meinung verstanden. Eine Reihe von Personen, darunter der Wiener BürgermeisterHelmut Zilk, der ehemalige BundeskanzlerBruno Kreisky und der VizekanzlerAlois Mock sowie zahlreiche Kommentatoren und Leserbriefschreiber, verlangten daraufhin die Absetzung des Stücks. BundeskanzlerFranz Vranitzky, Wiens KulturstadträtinUrsula Pasterk und UnterrichtsministerinHilde Hawlicek sowie eine Minderheit der journalistischen Kommentatoren traten für eine Aufführung ein.
1989Miss Sara Sampson vonGotthold Ephraim Lessing in der Inszenierung vonFrank Castorf am MünchnerPrinzregententheater veranlasste viele Zuschauer zu Protestbriefen wie „Wir fordern ein sauberes Staatsschauspiel“,[88] da ein Darsteller auf der Bühne masturbierte. Bei der Premiere schrien und jubelten die Zuschauer, selbst Schauspieler des eigenen Ensembles brüllten aus Leibeskräften „Buh“ und mitten in der Vorstellung brach ein Zuschauer auf seinem Sitz zusammen.[89] Der bayerische InnenministerGerold Tandler forderte wegenObszönität die Inszenierung abzusetzen.
1990Die Minderleister vonPeter Turrini verursachte an denStädtische Bühnen Augsburg Massenproteste. Zuschauer verließen in Scharen das Theater, weil sie sich über die „pornografische Darbietung“ ärgerten. Im Zentrum steht der arbeitslose Stahlarbeiter Hans. Als auch seine Frau Anna ihre Arbeit verliert und die Angst vor Armut immer größer wird, versucht sie sich als Pornodarstellerin. Diese Szene – ein Hinterzimmerdreh – mit heruntergelassener Hose wurde zum Eklat. „In der Premiere haben die Leute gebrüllt und sind türenschlagend raus. Wir haben mit Gegenlicht gespielt, man sah nur die Silhouette – und ich war auch gar nicht nackt.“[90]
1995Zerbombt (Blasted) vonSarah Kane entfachte bei der Uraufführung in London amRoyal Court Theatre Upstairs am 12. Januar 1995 einen Theaterskandal, der die Boulevardpresse ebenso beschäftigte wie die Feuilletons renommierter Zeitungen. Der Kritiker derDaily Mail schrieb die Headline „This disgusting feast of filth“.[91] Das Stück wurde zu „einem der größten Theaterskandale der letzten Dreißig Jahre“.[92] Die Bandbreite der Urteile reichte von Beschimpfungen als Perversität bis hin zu literarischen Auszeichnungen. Zuschauer und Kritiker waren abgestoßen von der massiv zur Schau gestellten maßlosen Gewalt,Vergewaltigung (beider Geschlechter), sexuelle Praktiken vonMasturbation bisPenetration. Schonungslos brutale Bilder zeigten gewalttätige Menschen; eine unvermutet poetische Sprache zeigte ihre Verletzbarkeit und ihre tiefsten Sehnsüchte. Sarah Kane erhängte sich, 28 Jahre alt, am 20. Februar 1999 in einer Nervenklinik.
1998Muchl vonOtto Muehl führte am WienerBurgtheater zu einem Skandal, der vorwiegend in den Medien ausgetragen wurde. Der IntendantClaus Peymann und KunststaatssekretärPeter Wittmann (SPÖ) wurden dafür angegriffen, dass sie Muehl, einem Maler desWiener Aktionismus, der rechtskräftig wegen „Beischlaf mitUnmündigen,Unzucht undVergewaltigung“ verurteilt worden war, an einer staatlich subventionierten Bühne die Möglichkeit gab, in seinem „Justiz-Dramolett“ ungestraft die Justiz zu verhöhnen. Muehl zeige sich uneinsichtig und betrachte sich gleichsam als „Dissidenten“, der von der Justiz als unbequemer Künstler verfolgt worden sei.John Gudenus von derFPÖ hielt es für einen Skandal, Otto Muehl ein öffentliches Auftreten zu ermöglichen und sich dabei hinter dem Paravent „Freiheit der Kunst“ zu verstecken.[93]Hans Rauscher von „Der Standard“ kritisierte, dass Muehl die Terrorherrschaft in einer von ihm gegründeten Kommune am Friedrichshof imBurgenland mit der Kunst und seinem Künstlertum legitimierte. Da sich die meisten Mitglieder des Burgtheaterensembles weigerten, in der Aufführung mitzuwirken, und die Betriebsräte des künstlerischen und technischen Personals am 15. Jänner 1998 ein Protestschreiben an Direktor Peymann richteten, übernahmen der RegisseurEinar Schleef, der AutorPeter Turrini, der MalerChristian Ludwig Attersee, Intendant Claus Peymann sowie Muehl selbst und seine Gattin die Rollen des Stückes.[94]

2000Ausländer raus! Schlingensiefs Container, eine Aktion vonChristoph Schlingensief bei denWiener Festwochen vor derWiener Staatsoper, verlegte den Theaterskandal in die (Medien-)Öffentlichkeit. Das Konzept der Aktion orientierte sich an der TV-ShowBig Brother. Als Kandidaten fungiertenAsylbewerber, die, ähnlich wie im Vorbild „Big Brother“, durch tägliche öffentliche Abstimmungen aus dem Container – in Schlingensiefs Installation auch aus dem Land – herausgewählt wurden. Des Weiteren wurden an dem Container fremdenfeindliche Wahlplakate derFPÖ („Stopp dem Asylmissbrauch“), eine FPÖ-Fahne sowie auf dem Dach ein Transparent mit der Aufschrift „Ausländer raus“ installiert. Auch ein Transparent mit demSS-Motto „Unsere Ehre heißt Treue“ wurde angebracht, was zu einer Klage durch die FPÖ führte.
2000Vagina-Monologe vonEve Ensler, „genitale Selbstgespräche“ aus Interviews mit 200 Frauen, die sich über ihreVagina äußern, stießen am Lübecker Theater Combinale und am Münchner Metropol auf Protest. In beiden Städten beschwerten sich aufgebrachte Bürger schon vor der Premiere über vermeintlichen Schmuddel. Bei der Vergabe von Fördergeldern habe das zuständige Ministerium den „abscheulichen Titel“ des Dramas moniert.[95] Das Stück hatte schon in New York für einen Skandal gesorgt, wurde dann jedoch zu einem Kult-Text und mittlerweile haben viele prominente Frauen weltweit in verschiedenen Aufführungen mitgewirkt.


1913Le sacre du printemps vonIgor Strawinsky sorgte bei der Uraufführung für einen der größten Skandale der Musikgeschichte. Zur Generalprobe hatte der Impresario derBallets RussesSergej Diaghilew die Pariser Presse eingeladen, so dass das Premierenpublikum vorbereitet war. Schon vor Beginn der Aufführung herrschte im Zuschauerraum eine regelrechte Jahrmarktsstimmung, man trieb allen möglichen Klamauk und rief ironische Bravos in Erwartung des Ungeheuerlichen, das kommen sollte. In seinem ManifestLe coq et l’arlequin beschriebJean Cocteau den Verlauf des Abends.
Claude Debussy prägte den Ausdruck „Massacre du Printemps“, und der MusikkritikerCarl van Vechten schrieb, dass das Publikum Strawinskys Ballett als einen gotteslästerlichen Versuch betrachtet habe, Musik als Kunst zu zerstören: „Das Orchester spielte, ohne daß man es hörte, außer wenn zufällig ein wenig Ruhe eintrat.“[96]
1917Parade vonErik Satie (Ballett) Am Ende der Uraufführung in Paris imThéâtre du Châtelet brach ein Tumult aus, in dem die lautstarken Ablehnungen denApplaus übertönten. Der SchriftstellerIlja Ehrenburg beschrieb die Premiere:
„Die Musik gab sich modern, das Bühnenbild war halb kubistisch […] Die Parterregäste rannten zur Bühne und schrien markdurchdringend: ‚Vorhang!‘ […] Und als ein Pferd mit kubistischer Schnauze Zirkusnummer vorführte, verloren sie endgültig die Geduld: ‚Tod den Russen! Picasso ist ein Boche! Die Russen sind Boches!‘“[97]
Ein Kritiker vonLa Grimace schrieb, dass der „unharmonische Clown Satie“ seine Musik aus Schreibmaschinen und Rasseln komponiert habe und sein Komplize, der „StümperPicasso“, auf die „nie endende Dummheit der Menschen“ spekuliere.Guillaume Apollinaire gelinge es, „alle Kritiker, alle Stammgäste der Pariser Premieren, alle Lumpen aus derButte und die Trunkenbolde vomMontparnasse zu Zeugen des extravagantesten und sinnlosesten aller verhängnisvollen Produkte des Kubismus zu machen“.[98] Die Irritation des Publikums durch die künstlerische Arbeit vonCocteau,Satie, Picasso,Massine und desBallets Russes war für den Protest jedoch weniger ausschlaggebend als die im Krieg mit Deutschland stattfindenden politischen Auseinandersetzungen, die ein „Trommelfeuer der Chauvinisten“ erzeugten. Die kubistischeParade wurde als Landesverrat angesehen. Die Uraufführung hatte ein gerichtliches Nachspiel. Ein Kritiker verklagte Satie, und die Polizei nahm Satie während der Verhandlung bei Gericht fest, als er wiederholt „Cul!“ schrie. Das Urteil lautete auf acht Tage Gefängnis. Cocteau beschrieb als Grund für den Skandal, dass die „Schlacht“ umParade mit der blutigenSchlacht um Verdun zusammengefallen sei.[99]
1925Barabau vonVittorio Rieti, ein Ballett mit Chor, führte bei der Silvesterpremiere amFürstlich Reussischen Theater inGera in der Choreografie vonYvonne Georgi zu einem Skandal, da in einer Begräbnisszene Tänzerinnen und Tänzer die Trauer persiflierten und das Publikum empört „Aufhören!“ schrie. Nur die allabendliche Anwesenheit desReussischen Fürsten konnte bei den folgenden Vorstellungen offenen Protest verhindern.[100]
1926Ballet Mécanique des amerikanischen KomponistenGeorge Antheil mit zehn Klavieren, Schlagzeug, Flugzeugpropellern und elektrischen Türklingeln wurde zum größten Skandal seit der Aufführung von StrawinskysSacre du Printemps.Sylvia Beach schreibt:
„Die Wirkung des Ballet Mécanique auf das Publikum war merkwürdig. In dem Geschrei, das sich im ganzen Haus auf allen Seiten erhob, ging die Musik völlig unter. Gegnern im Parkett antworteten Verteidiger von oben, man hörteEzras Stimme sich über alle anderen erheben, und jemand erzählte, daß man ihn mit dem Kopf nach unten von der vierten Galerie hatte hängen sehen. Man sah auch Leute, die einander ins Gesicht boxten, man hörte das Gejohle, aber nicht einen Ton vom Ballet Mécanique, das, nach den Bewegungen der Ausführenden zu schließen, die ganze Zeit über weiterging.“[101]
Die Aufführung am 10. April 1927 in der New YorkerCarnegie Hall wurde zu einem ‚Waterloo’ für Antheil, zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte. Hauptverantwortlich für das Misslingen war eine Public-Relations-Kampagne, die auf angeblich skandalöse Aufführungen in Paris verwies und das Ereignis als „Biggest Musical Event of the Year!“ und Antheil als „Sensational American modernist composer“ ankündigte.

1926Der wunderbare Mandarin vonBéla Bartók (Ballettpantomime) verursachte bei der Kölner Uraufführung wegen der angeblich unmoralischen Handlung einen Theaterskandal, die Beschreibungen gipfelten in Formulierungen wie „Kaschemmenstück niedrigster Art“, „Dirnenstück voll der rohesten und brutalsten Instinkte“, die Diffamierung reichte von übersteigertem Nationalismus bis zu offenem Antisemitismus. Hinter diesem Pfeifkonzert, das diesmal nicht wie üblich von derGalerie, sondern von den Logen ausging, wurde ein von langer Hand vorbereitetes Komplott vermutet. Der damalige Kölner OberbürgermeisterKonrad Adenauer ließ alle weiteren Aufführungen verbieten,[102] die Stadtverwaltung und der Theaterausschuss ließen sich von den Protesten jedoch nicht beeindrucken und gaben der Theaterleitung Rückendeckung.
1948Abraxas vonWerner Egk, uraufgeführt am 5. Juni im MünchnerPrinzregententheater vonMarcel Luitpart mit dem Bayerischen Staatsballett in München war ein Skandal „wegen allzu großer Freizügigkeiten“. Während das Publikum die Aufführungen frenetisch feierte (Vorhang-Rekord), erregte es in kirchlichen Kreisen Unmut und wurde zum Gegenstand heftiger Debatten im Bayerischen Landtag. KultusministerAlois Hundhammer (CSU) verbot nicht nur den Verkauf des Librettos, er ließ das Stück nach nur fünf Vorstellungen ganz absetzen.[103] Hundhammer verhinderte eine Wiederaufnahme der Inszenierung in der neuen Spielzeit und griff damit ein weiteres Mal in die Politik der Bayerischen Staatstheater ein. Maßgeblicher Einfluss auf diese Intervention war ein Anruf des WeihbischofsJohannes Neuhäusler. Kritisiert wurde neben verschiedenen anstößigen Formulierungen insbesondere der Begriff der „Schwarzen Messe“ – eine orgiastische Feier des Bösen, die dem katholischen Messritus nachempfunden war. Insgesamt verfestigte der Skandal das Bild Bayerns als Vorreiter einer restaurativ-katholischen Kulturpolitik.


1905Salome vonRichard Strauss, ein Musikdrama nach dem Einakter vonOscar Wilde, das „schamloseste und obszönste Werk der Opernliteratur“ (Marcel Reich-Ranicki),[104] war nicht nur der Meinung KaiserWilhelm II. nach ein Opernskandal. Kritiker und Publikum erbosten sich über die „unsittliche“ Thematik, die schon dazu geführt hatte, dass das Schauspiel von Oscar Wilde 1892 in London verboten und erst viele Jahre nach der Entstehung uraufgeführt wurde. Dennoch bedeutete es für den Komponisten den internationalen Durchbruch.
1921Mörder, Hoffnung der Frauen undDas Nusch-Nuschi vonPaul Hindemith wurden am 4. Juni im Landestheater Stuttgart in Bühnenbildern vonOskar Schlemmer ein Skandal, der aber viel weniger der Musik, als den Libretti vonOskar Kokoschka undFranz Blei zuzuschreiben war.[105] KokoschkasMörder, Hoffnung der Frauen hatte schon 1909 bei der Uraufführung in Wien einen Skandal verursacht.
1922Sancta Susanna vonPaul Hindemith nach einem Libretto vonAugust Stramm wurde am 26. März imOpernhaus Frankfurt am Main uraufgeführt und erregte einen Skandal, da die Titelfigur Susanna religiöse Visionen hat. Der christlich-konservative Bühnenvolksbund bemühte sich um eine Absetzung vom Spielplan, der Katholische Frauenbund veranstaltete eine dreitägige Andacht zur Sühne, und der Verein zur Hebung der Sittlichkeit hielt eine Reihe von Vorträgen. Der Kritiker derZeitschrift für Musik schrieb: „Sancta Susanna ist eine perverse, wahrhaft unsittliche Angelegenheit. Hindemiths Musik kreist in den Bahnen des rastlosen Expressionismus; ohne jedes melodische Empfinden […] werden von dem überladenen Orchester ungeheuerliche Akkorde getürmt, dann wieder herrscht gähnende Leere.“ Hindemith selbst dagegen hieltSancta Susanna für den gelungensten seiner (gemeinsam mit „Mörder, Hoffnung der Frauen“ und „Das Nuschi-Nuschi“, s. o.) drei Einakter.
1927Jonny spielt auf, eine durch Elemente desJazz angereicherte Oper vonErnst Krenek, wurde am 10. Februar imNeuen Theater Leipzig in der Inszenierung vonWalther Brügmann erfolgreich uraufgeführt. Sie wurde auch weltweit zum Erfolg. In Österreich jedoch waren schon die ersten Aufführungen von Unruhen, die auf diefrühe Nazibewegung zurückgingen, gestört worden. Ab 1929 wurden auch Münchener Aufführungen gestört, bis die Oper schließlich nach derMachtübernahme 1933 von denNationalsozialisten verboten und alsentartete Musik gebrandmarkt wurde. Der Jazzmusiker des Titelbildes auf dem Klavierauszug wurde für das Werbeplakat der gleichnamigen Ausstellung missbraucht.
1930Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vonBertolt Brecht undKurt Weill wurde am 30. März in Leipzig mit einem Theaterskandal uraufgeführt. Das lag an der innovativen musikalischen Gestaltung Weills und (zu Zeiten der großen Wirtschaftskrise) an der deutlich hervortretenden Kapitalismuskritik. Auf der Bühne ging es ums Saufen, Lieben, Kämpfen und ums Fressen. Die Akteure spielen Abenteurer, Kriminelle, Zuhälter und Prostituierte. Die Zuschauer pfiffen, grölten, klatschten und brüllten durcheinander. Als die Autoren mit dem Dirigenten und dem Regisseur vor dem Vorhang erschienen, brachen im Parkett Faustkämpfe aus.[106]Alfred Polgar berichtet:
„Die Nachbarin links wurde von Herzkrämpfen befallen und wollte hinaus: nur der Hinweis auf das Geschichtliche des Augenblicks hielt sie zurück. Der greise Sachse rechts umklammerte das Knie der eigenen Gattin und war erregt! Ein Mann hinten redete zu sich selbst: ‚Ich warte nur, bis der Brecht kommt!‘ und leckte sich – in Bereitschaft sein ist alles – die Lippen feucht. Kriegerische Rufe, an manchen Stellen etwas Nahkampf, Zischen, Händeklatschen […] begeisterte Erbitterung, erbitterte Begeisterung.“[107]
Der Dirigent Gustav Becher konnte nur mit Mühe die Premiere zu Ende bringen. Nicht nur die bürgerlichen Opernfans protestierten lautstark, sondern auch organisierte Claqueure aus dem nationalsozialistischen Spektrum. Die Aufführung entwickelte sich zu einem der größten Theaterskandale der Weimarer Republik, die Oper wurde als „unverhohlen übelste kommunistische Propaganda“ verschrien und einige Städte, die das Stück aufnehmen wollten, setzten es nach der skandalösen Erstaufführung wieder ab.
1951Die Verurteilung des Lukullus vonPaul Dessau undBert Brecht, die Geschichte vom verstorbenen FeldherrnLukullus, der vor dem Aufnahmetribunal ins Totenreich durchfällt, eine Parabel gegen den Krieg, sollte bei der Uraufführung an derDeutschen Staatsoper Berlin in derDDR verhindert werden, da sie vomZentralkomitee der SED als formalistisches und dekadentes Werk angeprangert wurde.[108] Das Ministerium für Volksbildung übernahm die Kartenverteilung an „gute und bewusste Genossen und Freunde, von denen man eine gesunde Einstellung zu dieser formalistischen Musik erwarten konnte“, doch die verkauften ihre Freikarten an andere Opernfans, sodass es statt des erhofften Theaterskandals zu einem der größten Triumphe des zeitgenössischen Musiktheaters kam.[109]
1953Abstrakte Oper Nr. 1 vonBoris Blacher sorgte bei der Uraufführung amNationaltheater Mannheim für den größten Opernskandal im Nachkriegsdeutschland. Das Libretto und die Idee zur Oper stammen vonWerner Egk. Die Oper gilt als Ausgangspunkt für das experimentelle Musiktheater der 60er Jahre.
1956Die Meistersinger von Nürnberg vonRichard Wagner wurde bei denBayreuther Festspielen ein Skandal mit 18 Vorhängen bei 15 Minuten Buh-Geschrei, da Wagners EnkelWieland Wagner seine Ankündigung wahr machte, er werde aus der „Gauleiter-Oper“ wieder eine Wagner-Oper machen und „80 Jahre Kitsch von der Bühne räumen“. Auf dem Halbrund der Bühne durfte Goldschmiedemeister Veit Pogner nicht mehr generöser Kunstmäzen, er musste ein selbstzufriedener Geldprotz sein. Den Musterbürger Hans Sachs hatte Wieland Wagner zum liebeslüsternen Witwer umgepolt, denBeckmesser, Urbild aller Kritiker-Karikaturen, brachte der Regisseur als „Mischung vonBalduin Bählamm undErich Kuby“ (so Kritiker Panofsky) auf die Bühne.[110]
1962Tristan und Isolde vonRichard Wagner wurde bei denBayreuther Festspielen als Drama der „erotischen Atombomben“ (RegisseurWieland Wagner) inszeniert und mit dramatisch-erotischen Effekten ausgestattet. Im zweiten Akt bildete ein riesigerMonolith, zwölf Meter hoch, von 70 000 Watt angestrahlt, das Bühnenbild, vor dem Tristans und Isoldes Liebesnacht spielte: „Natürlich ist er einPhallus-Symbol. Darum dreht sich doch die ganze Oper, oder?“, erklärte der Regisseur. Die Inszenierung sorgte für tumultartigen Zuschauerproteste.[111] Der „Neue Bayreuth“-Stil von Wieland Wagner, der in Bayreuth eine Entrümpelung vornahm, die als „Show“, „Musical“, „Revue“, „amerikanisch“, „ostzonal“, „bolschewistisch“ oder als „Strawinski“ deklassiert wurde, wurde bereits am 30. Juli 1951 sichtbar, als in Wieland Wagners Inszenierung desParsifal die traditionelle Kulissenillusion verschwand und das Publikum vor einer leeren, von bläulichem Licht beschienenen Bühne saß. In ihrer Loge zuckte Wielands MutterWinifred Wagner zusammen und flüsterte: „Und das von einem Wagner-Enkel.“ Der Bayreuth-Kritiker Johannes Jacobi urteilte: „Das ist Selbstaufgabe.“[110]
1968Das Floß der Medusa vonHans Werner Henze (Oratorium) scheiterte bei der Hamburger Uraufführung, da Studenten vor der Aufführung die Bühne besetzten und Spruchbänder, eine rote Fahne und ein BildnisChe Guevaras aufpflanzten, um den Abbruch der Veranstaltung oder eine Diskussion mit dem Premierenpublikum zu erzwingen. Die Presse hatte den Eklat allerdings im Vorfeld schon inszeniert und half mit, ihn vorzubereiten. Der Intendant desNDR, der das Konzert live übertragen wollte, sah sich genötigt, die Polizei zu rufen und den Saal stürmen zu lassen. Während Hans Werner Henze sich mit den Podiumsbesetzern solidarisierte und in die „Ho Chi Minh“-Rufe einstimmte, wurde der LibrettistErnst Schnabel irrtümlicherweise von der Polizei verhaftet. Die Veranstaltung musste schließlich abgebrochen werden, der NDR sendete stattdessen einen Mitschnitt der Generalprobe.
1971Staatstheater vonMauricio Kagel („Szenische Komposition“) erzeugte bei der Hamburger Uraufführung zur Zeit der ersten Intendanz vonRolf Liebermann einen solchen Theaterskandal, dass es bis zu anonymen Bombendrohungen einer „Aktionsgemeinschaft junger Freunde deutscher Opernkunst“ kam.[112]
1972Tannhäuser vonRichard Wagner in der Inszenierung vonGötz Friedrich bei denBayreuther Festspielen. DerOstberliner Regisseur versuchte das Schicksal Tannhäuserssozialkritisch als „Reise eines Künstlers durch innere und äußere Welten“ darzustellen.[113] Er inszenierte den jungen, vorrevolutionären Tannhäuser-Wagner von 1845, und postierte am Schluss hinter Tannhäusers Leiche einen modern gekleideten Männerchor in Hemdsärmeln, der von der „Gnade Heil“ des Büßers kündet, der wie ein Arbeiterchor wirkte, der zur Sonne, zur Freiheit ruft. Das Publikumr buhte, pfiff und pfuite heftig in den Applaus hinein, besonders, wenn der Regisseur sich mit seinem Chor zeigte.[114]

1976Der Ring des Nibelungen vonRichard Wagner löste zum 100. Jubiläum der Uraufführung bei denBayreuther Festspielen (Regie:Patrice Chéreau, Dirigent:Pierre Boulez) einen Skandal vor allem unter Wagnerianern aus, da die Handlung in die Ära der frühen Industrialisierung verlegt wurde. Es kam zu Schlägereien, Unterschriftenlisten gegen die Inszenierung wurden ausgelegt, Flugblätter verteilt. Konservative Kreise wollten nicht dulden, dass der „Ring“ als Spiegel des 19. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht wurde. Wohlerzogene Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich in schreiende Furien, Damen in langen dunklen Roben schüttelten die Fäuste wie die Megären, die Dinnerjackets, Smokings wurden zu Kampfanzügen. Lautes Blöken und Brüllen erfüllten den Raum, schwarze Wolkenklänge, bestürmten empfindsame Nerven.[115] Die als „Jahrhundert-Ring“ bekannt gewordene Aufführung, die Stinkbomben-Würfe und Morddrohungen gegen den Regisseur Patrice Chereau auslöste, galt schon wenige Jahre später als ein Höhepunkt in der Geschichte der Bayreuther Festspiele.
1980Jesu Hochzeit vonGottfried von Einem, eine Mysterien-Oper nach dem Libretto vonLotte Ingrisch, die auf Bibel-Zitaten beruht, löste bei der Uraufführung imTheater an der Wien (Regie:Giancarlo del Monaco) eine drastische Ablehnungsfront von ultrakatholischen Kreisen gegen das Werk aus. Eine Aufführung kam fast nicht zustande, obwohl KardinalKönig zuvor versichert hatte, dass gegen eine Aufführung seitens der katholischen Kirche Österreichs nichts einzuwenden sei. Bei der Uraufführung am 18. Mai 1980 störten organisierte Schreier die Aufführung, es wurden Stinkbomben und Tomaten geworfen. Sowohl Kirchenvertreter als auch Journalisten machten bereits vor der Premiere Stimmung gegen das Werk, indem sie Einems Oper als religions- und kirchenfeindlichen Akt denunzierten. Diese Aktivitäten gipfelten im Vorwurf der „Blasphemie“, es kam zu heftigen öffentlichen Kundgebungen, Schmähbriefen und sogar Morddrohungen.
1981Der fliegende Holländer vonRichard Wagner führte an derMünchner Staatsoper (Regie:Herbert Wernicke) zu einem Skandal. Wernicke verwandelte Wagners Oper in einbürgerliches Trauerspiel, zeitlich imVormärz angesiedelt, verpasste Senta Züge vonNora, und machte Wagners „romantische Oper“ zurEmanzipationsballade. Am Ende der Vorstellung brüllten Hunderte ihren Abscheu über die Inszenierung heraus. Wagners Tragödie ertrank in einem wahren „Buh-Orkan“(Süddeutsche Zeitung). DerWelt-Kritiker bezeichnete die Aufführung als „puren Schwachsinn“, „Ich klage an“, erhob sichJoachim Kaiser in derSüddeutschen Zeitung, verurteilte den DirigentenWolfgang Sawallisch, der „diese Verzerrung durch seine Solidarität gedeckt“ habe, und warf dem StaatsintendantenAugust Everding vor, „das Nationaltheater für eine Schein-Sensation“ geöffnet zu haben.[116]
1981Aida vonGiuseppe Verdi erregte in derOper Frankfurt am Main (Regie:Hans Neuenfels) den wohl größten künstlerischen Skandal der bundesrepublikanischen Operngeschichte,[117] in dem Aida als Putzfrau, die mit Zinkeimer und Wischlappen Museumsflure putzte, und Radames als hemdsärmeliger Manager auftraten. Der Chor der Ägypter war als festliches Opernpublikum in Frack und Abendkleid kostümiert, das mit Hühnerbeinen aus Logen nach den Gefangenen im Triumphmarsch warf, die Sklaven waren Wilde, die mit den Hähnchenkeulen um sich warfen. Am Ende stand ein gemeinsamer Gastod des Liebespaares. Während des ersten Bildes protestierten Zwischenrufer: „Schweinerei“, „Sauerei“, „verdammte Sauerei“. Jeden Bildwechsel untermalten Trillerpfeifer, viele Nuancen aus dem Orchestergraben gingen im Chor der Protestierer unter. Am Ende flippte das halbe Haus aus.[118] Allen Protesten zum Trotz blieb die FrankfurterAida auf dem Spielplan.
1982Die Macht des Schicksals vonGiuseppe Verdi an der Deutschen Oper Berlin (Regie: Hans Neuenfels) wurde zum Skandal. Ein paarmal stand die Premiere Anfang Oktober kurz vor dem Kollaps, am Ende drohte das halbe Haus auszuflippen. „Scheiße“, „Irrenhaus“, „Affentheater“, „Gotteslästerung“ wurde gerufen. „Wer bezahlt das?“ schimpfte ein aufgebrachter Kulturträger im Parkett. „Wir alle bezahlen diesen Schwachsinn“, antwortete kennerhaft ein Schöngeist. WährendMarianne von Weizsäcker, der Frau des Regierenden Bürgermeisters, laut „B.Z.“ nur „ein leises, fast gehauchtes 'Buh' über die Lippen schlüpfte“, steigerte sich der Chor der Befangenen in immer lauteren Unflat. Wenn immer ein Regisseur im Musiktheater, dieser Stätte sakrosankter Besinnung auf die abendländischen Werte, aus der Reihe tanzt und „vorsätzlich ungemütlich“ wird, ist ein „vollhalsiger Krach“ („Die Welt“) die laute Folge.[119]
1982Hoffmanns Erzählungen vonJacques Offenbach an derHamburger Staatsoper (Regie:Jürgen Flimm, mitNeil Shicoff in der Titelrolle). In der Aufführung war Hoffmann ein Alkoholiker, Womanizer und toller Komponist, in einem großen leeren Raum waren Schränke, in denen Hoffmann Sachen sammelte wie Spazierstöcke und Schmetterlinge. Hoffmann lag betrunken im Bett, um ihn leere Weinflaschen. Während der Ouvertüre entstieg dem Bett ein Mädchen mit einem T-Shirt bekleidet. Die Geschichten wehten durch das Fenster, durch die Türen in den Saal hinein und wehten wieder hinaus.„Die Leute haben geschrien, waren außer sich. Diese vornehmen Hamburger, die zeigten die italienische ‚Leck-mich-am-Arsch‘-Geste, rollten die Programmhefte zusammen zu Verstärkern für ihre ‚Buhs‘ – es war unglaublich. Und als wir rauskamen beim Bühnenausgang, kam mir eine Frau entgegen, die hat mich angeschrien: ‚Herr Flimm – warum nehmen Sie uns unseren Hoffmann weg?‘“[120]
1983Figaros Hochzeit vonMozart an derStuttgarter Staatsoper (Regie:Peter Zadek, Ausstattung:Johannes Grützke). Die Zuschauer tobten und schrien (unter anderem „Scheiße! Scheiße!“), da die Oper in eine andere, gröbere Zeit verlegt wurde: Susanna trat im Minirock auf, Figaro mit Hosenträgern, Bauch und Nickelbrille. Zu Mozarts Musik erklangen so unerhörte Sätze wie: „Auf seine eigene Frau hat der Herr keinen Bock mehr.“[121]
1985Die verkaufte Braut vonBedřich Smetana an derkomischen Oper in Berlin (Regie:Peter Konwitschny) wurde zum Skandal, mit einer Boulevard-Schlagzeile am Tag der Premiere, da Regisseur Konwitschny für den Kuhhandel um den Brautverkauf im so genannten Dukaten-Duett als Handlungsort ein Pissoir auserkoren hatte, das IntendantHarry Kupfer nicht akzeptieren wollte und den Regisseur vor der Premiere entließ. Konwitschny konnte seine Inszenierung dann 1991 an derGrazer Oper realisieren.
1987Das Buch mit sieben Siegeln, einOratorium vonFranz Schmidt (Inszenierung:George Tabori), sorgte bei denSalzburger Festspielen in der Salzburger Universitätskirche durch vermeintlich obszöne Darstellungen im sakralen Raum für einen Skandal. Die Inszenierung wurde nach der Premiere abgesetzt, da man „Kopulationsbewegungen“ gesehen zu haben vermeinte, was jedoch nicht den Tatsachen entsprach, da es sich um eine Szene handelte, in der sich die Menschen aus Furcht vor derApokalypse verzweifelt aneinanderklammerten.[122]ÖVP-GeneralsekretärMichael Graff regte an, die Festspiele sollten Tabori „eine schöne Bedürfnisanstalt anbieten, damit er sich dort in angemessenem Rahmen künstlerisch“ betätigen könne. DieKronenzeitung schrieb: „Der Verhunzer war ein gewisser Herr Tabori, ein reichlich unappetitlich anmutender Mensch, der uns auch im Fernsehen schon erklärt hatte, was es mit der Produktion auf sich hätte: Ich will zeigen, was der Mensch dem Menschen antut. Gut, aber wozu muß dann in der Kirche zu fließendem Blut geschnackselt werden?“
1993Tristan und Isolde vonRichard Wagner wurde bei denBayreuther Festspielen vom SchriftstellerHeiner Müller inszeniert, der schon vor der Premiere mit seinen Aussagen für Turbulenzen sorgte: „Es kann nur etwas Neues entstehen, wenn man das macht, was man nicht kann“. Er werde „hoffentlich den Kitzel der Wahrnehmung“ stören, er wolle „Tristan“ eben „nicht als lineare Lustkurve, sondern als verzögertenOrgasmus“ inszenieren und am Ende „die Beerdigung des Publikums“ betreiben und beklatschen. In Müllers Inszenierung mieden die beiden Hauptfiguren sich. Fast das ganze vierstündige Werk hindurch schritten, blickten und sangen sie aneinander vorbei und kultivierten ihre Berührungsängste. Am Premierenabend buhte und pfiff sich eine absolute Mehrheit des Publikums den Verdruss aus vollem Hals. Doch Müller war das gleichgültig: „Mich interessiert dieses Publikum nicht. Mich interessiert der Tristan“.[123]
1994Aida vonGiuseppe Verdi an derGrazer Oper (Regie:Peter Konwitschny) musste bei der Premiere wegen Tumulten zweimal unterbrochen werden, meuternde Premierengäste erzwangen die Unterbrechung, der Dirigent klappte die Partitur zu. Es flogen sogar Tomaten durch die Grazer Kulturreferentin einer bürgerlichen Partei,[124] da Konwitschny die Oper als Kammerspiel inszenierte statt als opulentes Illustrationstheater, er verwendete nur ein Sofa, ein rotes Tuch sowie einen geschlossenen weißen Raum, aber mit zwei Plüschelefanten. Der berühmte Triumphmarsch war nicht zu sehen, nur zu hören, der Pharao, seine Tochter und der Oberpriester feierten zu den pompösen Klängen mit Sekt und Faschingshütchen den Sieg über die Äthiopier. Es regnete Konfetti und Luftschlangen, die Souffleuse wurde zum Mittrinken animiert. Im Saal ging plötzlich das Licht an, die Siegesfanfaren des Marschs schallten von oben in den Zuschauerraum, das Publikum tobte.[125] Der Grazer Oper brachte der folgende Verdi-Zyklus unter Konwitschny den Titel „Oper des Jahres 2001“ ein.
1999Die Csárdásfürstin vonEmmerich Kálmán an der DresdnerSemperoper (Regie:Peter Konwitschny) sorgte bei der Premiere für einen Theaterskandal, da der Regisseur Teile des Geschehens auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges und damit in die Entstehungszeit des Werkes verlegte. Lautstark störte ein Teil des Publikums die Aufführung. Sänger und Orchester waren mitunter kaum noch zu verstehen.[126] Es kam zu einer künstlerischen Amputation dieser Inszenierung. Erst nach einem Gerichtsverfahren, in dem Konwitschny durchsetzte, dass eine Inszenierung als eigenständiges Kunstwerk gilt, wurde sie teils in kompletter, teils in gestutzter Form auf die Bühne gelassen. Nach 16 ausverkauften Vorstellungen verschwand die Operette vom Spielplan.

1913Pierrot Lunaire vonArnold Schönberg. Die Aufführung am 24. Februar 1913 imRudolfinum in Prag endete in einem Konzertskandal, der eine der schreckhaft-traumatischen Erfahrungen Schönbergs wurde, die der Komponist zeitlebens in Erinnerung behielt und die ihn zu späteren Garantieforderungen für ein störungsfreies Musizieren bei weiteren Pierrot-Konzerten veranlasste.[127]
1913 Das so genannteSkandalkonzert von 1913 (auch „Watschenkonzert“) unter der Leitung vonArnold Schönberg fand am 31. März 1913 imMusikvereinssaal inWien statt. Das Publikum war entsetzt über die neuartige Musik zeitgenössischer Komponisten wieAnton von Webern,Alexander von Zemlinsky, Arnold Schönberg undAlban Berg, die demExpressionismus und derzweiten Wiener Schule angehörten. Während der Aufführung kam es zu Tumulten, die Anhänger Schönbergs, seine Schüler und Gegner schrieen sich gegenseitig an, die Aufführung wurde gestört, das Mobiliar zerstört. Mehrmals erklommen empörte Konservative aus dem Publikum fluchend die Bühne, um Arnold Schönberg zu ohrfeigen. Als dieser drohte, man werde mit Hilfe der öffentlichen Gewalt Ordnung schaffen, ging der Tumult erst richtig los, sodass das Konzert vorzeitig abgebrochen werden musste, die geplanten „Kindertotenlieder“ vonGustav Mahler konnten nicht mehr vorgetragen werden.
1914Gran concerto futurista d'intonarumori. DenFuturistenFilippo Tommaso Marinetti,Umberto Boccioni,Luigi Russolo und ihren Freunden gelang mit dem ersten futuristischen Konzert am 21. April 1914 in einem Mailänder Theater ein Skandal, den derCorriere della Sera so zusammenfasste: „Die Veranstaltung der Futuristen imTeatro Lirico begann mit der poetischen Verherrlichung der fiebrigen Schlaflosigkeit, der Ohrfeige und des Faustschlages; nach einer unerwarteten Wendung endete sie mit dem Erscheinen der Polizei auf der Bühne.“ Denn nachdem jemand das erste Futuristische Manifest verlesen und die Poeten ihre futuristischen Gedichte vorgetragen hatten, zeigte sich das Publikum stark ermüdet. Dann trat Marinetti an die Rampe und verkündete: „Unsere erste futuristische Schlussfolgerung soll sein: ‚Nieder mit Österreich!’“ Die Menge johlte, ein Polizist brach die Vorstellung ab, die Futuristen wurden vorläufig festgenommen.[128]
1952 Uraufführung von4′33″ des amerikanischenAvantgarde-KomponistenJohn Cage durch den PianistenDavid Tudor fand am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall inWoodstock (New York) statt. 4′33″ (englischfour minutes, thirty-three seconds oderfour thirty-three, deutsch: „Vier Minuten dreiunddreißig [Sekunden]“) ist ein „stilles“ Musikstück in dreiSätzen. Da während der gesamtenSpieldauer derKomposition kein einziger Ton gespielt wird, stellt ihre Aufführung die gängige Auffassung von Musik in Frage. Die Uraufführung löste einen handfestenSkandal aus, da den Zuhörern nicht bekannt war, dass bei der Interpretation dieser Komposition gar keine Musik zu hören sein würde.[129]
“The audience saw him [David Tudor] sit at the piano and, to mark the beginning of the piece, close the keyboard lid. Some time later he opened it briefly, to mark the end of the first movement. This process was repeated for the second and third movements. The piece had passed without a note being played-in fact without Tudor (or anyone else) having made any deliberate sound as part of the piece. Tudor timed the three movements with a stopwatch while turning the pages of the score.”[130]
1959 Österreichische Erstaufführung des Klavierkonzertes von John Cage im November 1959 im Mozartsaal desWiener Konzerthauses unterKurt Schwertsik. "Wenn das der Mozart hätt‘ erleben müssen…" – so lautete eine der zahlreichen Schlagzeilen nach der Aufführung. Das im doppelten Sinne "unerhörte" Konzert, bei dem sich die Musiker desEnsembles "die reihe" mit ihren Musik- und Geräuschinstrumenten auch unter die Zuschauer gemischt hatten und neben ungewohnten Klängen auch minutenlange Stille zum Besten gaben, löste bei Teilen des Wiener Konzertpublikums heftige Protestbekundungen aus.
2005Macbeth vonShakespeare inJürgen Goschs Inszenierung amDüsseldorfer Schauspielhaus zeigte „wilde Blutspritzereien und nackte Hexen am Donnerbalken, Männer, die in Frauenrollen ihren Penis zwischen die Beine klemmen und sich wild im Dreck am Boden suhlen“. Die Kritiker liefen Sturm gegen das „Ekeltheater“ und den „Sudel-Macbeth“, Zuschauer verließen wütend den Saal. Doch später erhielt Gosch für seine Inszenierung den renommiertenFaust-Theaterpreis.
2005Die Schändung vonBotho Strauß nachShakespearesTitus Andronicus in der Inszenierung vonLuc Bondy am PariserOdéon-Theater stritt Paris über die Darstellung von Gewalt und Grauen, die angeblich alles Zulässige sprenge. "Zwei deutsche Künstler wirbelten die ehrwürdige Pariser Theaterkultur auf. Noch bevor das Stück in Deutschland gegeben wurde, muteten sie den Franzosen ein Theater der Grausamkeit zu, das mitunter die Türen schlagen ließ. Das Maß ist voll, fand das superbourgeoise Pariser Publikum, das trotzdem neugierig in das Stück des aus seiner Sicht faszinierend düsteren Deutschen strömte. Es hätte wohl nichts gegen Grausamkeiten, solange sie geschmackvoll gezeigt werden, spottete der FilmemacherMichael Haneke. Sein Urteil lautete: »Ein grandioses Stück.«[131]
2006 Der SchauspielerThomas Lawinky entriss während der Premiere vonDas große Massakerspiel oder Triumph des Todes vonEugène Ionesco amSchauspiel Frankfurt dem TheaterkritikerGerhard Stadelmaier mit den Worten: „Mal sehen, was der Kerl da schreibt!“ den Notizblock und gab ihn nach kurzem Durchblättern wieder zurück. Als Stadelmaier die Aufführung daraufhin verließ, rief ihm Lawinky „Hau ab, du Arsch! Verpiss dich!“ nach. Stadelmaier sah dies als Angriff auf seine Rolle als Kritiker. Lawinky kündigte, um seiner Entlassung zuvorzukommen. Es entbrannte eine Diskussion innerhalb der deutschen Theaterlandschaft, wobei bekannte Theaterleute Partei für Lawinky ergriffen.
2009Pension F. vonHubsi Kramar, ein Stück zum österreichischen MissbrauchsfallJosef Fritzl, konnte bei der Uraufführung im Februar 2009 im 3raum-Theater in Wien nur unter Polizeischutz stattfinden.[132] Bereits im Vorfeld hattenFPÖ-KultursprecherGerald Ebinger,Michael Jeannée und Leserbriefschreiber nicht nur Subventionsrückzahlung gefordert, sondern sogar „Geldbuße“ und Gefängnisstrafe für den „Ekel-Mimen“ Kramar.[133]
2010Rechnitz (Der Würgeengel) vonElfriede Jelinek, ein Text über dasMassaker von Rechnitz in einer Inszenierung vonHermann Schmidt-Rahmer, der auch eine vierminütige Toneinspielung verwendete, die sich an den Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ anlehnte, führte zu einem Eklat. Zuschauer im Central, einer Spielstätte desDüsseldorfer Schauspielhauses, riefen „Aufhören!“, andere schimpften vor sich hin. 70 Prozent des Publikums verließen kurz vor Schluss der zweiten Aufführung den Zuschauerraum.[134] Im Anschluss an die Aufführung kam es zu einem Eklat, als ein älterer Herr der Abendspielleiterin sagte, es tue ihm leid, was die Beteiligten auf der Bühne machen müssten. Als die Frau antwortete, sie sei aber stolz darauf, dabei zu sein, wurde sie von dem Mann bespuckt.[135]
2012Gólgata Picnic wurde bei einem Gastspiel am HamburgerThalia-Theater von derPius-Bruderschaft mit einer Anzeige bedroht, mehr als 500 E-Mails empörten sich „auf Initiative radikalkonservativ-fundamentalistischer Kreise“ überGotteslästerung,Pornografie undVolksverhetzung und verlangten die Absetzung der Aufführung. Der Versuch eines Hamburger Bürgers, das Gastspiel perVerwaltungsgericht zu verhindern, scheiterte. Die Intendanz engagierte einen privaten Sicherheitsdienst für den Abend, an dem der Skandal dann jedoch ausblieb.[136] Die religionskritische Inszenierung vonRodrigo García thematisierte die Frage, inwieweit Religion Erlösung vom Bösen verheißen könne und ob sie nicht selbst Teil des sogenannten Bösen sei. Das Stück hatte bereits in Frankreich und Österreich für Aufregung gesorgt.
2012Sul concetto di volto nel figlio di Duo (Über das Konzept des Angesichts bei Gottes Sohn) des RegisseursRomeo Castellucci mit der italienischen TheatergruppeSocietas Raffaelo Sanzio ausCesena sorgte im BerlinerHebbel am Ufer für Aufruhr und Protest. Die Aufführung zeigte, wie ein alter Mann von seinem Sohn versorgt wird. Der Alte ist inkontinent, beschmutzt sich und seine Wohnung, der einst Kleine sorgt für den Papa, der wieder zum Kind wird, dies vor einem überdimensionalen Christusbild vonAntonello da Messina. Die Zuschauer in Berlin zeigten sich über den Fäkaliengeruch und „die Handlung zwar teils schockiert“,[137] akklamierten das Stück aber. Die Inszenierung hatte zuvor bereits in verschiedenen italienischen Städten zu heftigen Diskussionen und Protesten durch konservative katholische Gruppen geführt, zum Teil militant. Vorstellungen in Paris konnten nur unter Polizeischutz stattfinden. Der deutsche KardinalRainer Maria Woelki sprach vonBlasphemie – ohne jedoch das Stück gesehen zu haben. Die Presse verteidigte die Aufführung: „Früher brauchte das Theater den Skandal. Hier wollen Kirchenleute ihn herbeireden. Um etwas zu schützen, das ihnen entglitten ist – die Seele und das Gefühl der Zeitgenossen.“[138] Zu massiven Störversuchen einer offenbar organisierten Publikumsgruppe kam es auch am 11. Mai 2013 im Rahmen derWiener Festwochen im WienerBurgtheater. Bei einer Szene, in der Schulkinder aus ihren Rucksäcken Plastik-Handgranaten entnehmen und dieses auf ein groß projiziertes Jesus-Bild des Renaissancekünstlers Antonello da Messina werfen, erhob sich ein lang anhaltendes Buh- und Pfeif-Konzert. Rufe wie „Weg damit!“ oder „So eine Schweinerei!“ waren zu hören.[139]
2015Baal vonBertolt Brecht amResidenztheater in München sorgte in der Inszenierung vonFrank Castorf für einen Skandal, der in ein Aufführungsverbot durch denSuhrkamp Verlag mündete, da Castorf Brechts Stück in seiner mehr als vierstündigen, rauschhaften Inszenierung nicht chronologisch erzählte, sondern es in denVietnam-Krieg verlagerte und Passagen aus fremden Texten, unter anderem ausArthur RimbaudsEine Zeit in der Hölle, sowie Bilder ausApocalypse Now, Songs vonJimi Hendrix und Texte vonFrantz Fanon undHeiner Müller hinzufügte. Die Erben Brechts und der Verlag warfen der Aufführung vor, es handle sich „um eine nicht-autorisierte Bearbeitung“ des Stückes, in der „die Werkeinheit aufgelöst“ werde. Nur etwa 1700 Zuschauer sahen die Aufführung, die kurz nach der Premiere am 15. Januar verboten wurde und nur mehr in einer Aufführung während desTheatertreffens in Berlin zu sehen war.[140]
2016Eure Gewalt, unsere Gewalt, eine Inszenierung des kroatischen RegisseursOliver Frljić die auf denWiener Festwochen 2016 Premiere feierte, zog einen Theaterskandal nach sich. Jesus, an Ölkanistern gekreuzigt, stieg herunter und vergewaltigte eine Muslimin. Diese zog sich die tschechische Fahne (bei den Wiener Festwochen die österreichische) aus der Vagina.[141]
2026Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten vonTiago Rodrigues sorgte bei seiner deutschsprachigen Erstaufführung imSchauspielhaus Bochum für Aufruhr im Publikum. Während des Schlussmonologs der rechtsextremen Figur Romeu, wurde der SchauspielerOle Lagerpusch vom Premierenpublikum beschimpft, ausgepfiffen, ausgebuht, sowie mit einer Orange beworfen und beinahe von zwei Männern von der Bühne gezerrt.[142][143]

2001Die Fledermaus vonJohann Strauß bei denSalzburger Festspielen erregte in der radikalen Inszenierung und Umdichtung vonHans Neuenfels, mit der sich IntendantGerard Mortier aus Salzburg verabschiedete, einen Skandal, da Neuenfels und sein BühnenbildnerReinhard von der Thannen mit einer harten, dekonstruktivistischen Lesart die Strauß-Operette nachHitlersMachtergreifung in der Zeit des aufkommendenAustrofaschismus ansiedelten. Die Festgesellschaft bei Prinz Orlowsky schniefte Koks, kopulierte statt nur zu flirten und aus den Boxen erklang Johann Strauß’Kaiserwalzer im gespenstischen Arrangement vonArnold Schönberg.
2003Der Troubadour vonGiuseppe Verdi an der Oper Hannover (Regie:Calixto Bieito) schockte mit Schlägereien, homo- und heterosexuellen Vergewaltigungen und Folterexzessen vonNatural Born Killers, gipfelnd in einer offenbarPasolinisSalò nachempfundenen Szene, in der eine vertierte Soldateska über der Leiche einer gefolterten und geschändeten Frau uriniert. Graf Luna, vor lauter Lust, dass die Heldin sich ihm hingeben will, um ihren Geliebten zu retten, masturbiert. Die in den Wahnsinn gefolterte Azucena beschmiert sich mit ihren Fäkalien. Zahlreiche Zuschauer verließen zur Pause das Theater, etliche andere im zweiten Teil.[144]
2006Idomeneo vonMozart an derDeutschen Oper Berlin (Regie:Hans Neuenfels) wurde aus Furcht vor Anschlägen islamistischer Terroristen abgesetzt, da die Inszenierung von christlichen Repräsentanten als „religionsfeindlich und menschenverachtend“[145] eingestuft wurde und die „aufklärerische Pose“ der Opernszene, in der die abgeschlagenen Köpfe von Religionsführern wieJesus undMohammed gezeigt wurden, eine „menschenverachtende Seite“ habe. Die Entscheidung der Opern-Intendanz stieß international auf Unverständnis und heftigen Protest, da sie als Aufgabe der Freiheit der Kunst angesehen wurde. Auch die deutsche BundeskanzlerinAngela Merkel kritisiert den Schritt als „unnötige Schere im Kopf“.[146]
2008Der Fliegende Holländer vonRichard Wagner entwickelte sich an derLeipziger Oper (Regie:Michael von zur Mühlen) zu einem Eklat. Etwa nach einer Stunde verließen bereits zahlreiche Besucher den Saal. Auf der Bühne waren Videosequenzen mit Hunden, die sich gegenseitig totbissen, Kuh-Kadavern, die an Haken hingen, und jede Menge Blut zu sehen. Nach der Aufführung trat der Hauptdarsteller James Johnson drei Tage später zurück. Gegen Michael von zur Mühlen wurden rechtliche Schritte eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft überprüfte dabei, ob die Aufführung gegen das Jugendschutzgesetz verstoßen habe. Mit teilweise neuer Besetzung und ohne Gewaltvideos erfolgte später eine Wiederaufnahme der Inszenierung.[147]
2012Die Walküre vonRichard Wagner an derBayerischen Staatsoper München, Regie:Andreas Kriegenburg. Vor den berühmtenWalkürenritt im 3. Akt stellte Kriegenburg eine Szene, die einen Skandal evozierte. Auf der Bühne befanden sich tote Krieger, die aufgespießt waren. Während die Spieße mit den Leichen langsam emporgefahren wurden, begannen Frauen in silbrig-weißen Kleidern einen rhythmischen Ausdruckstanz mit einer Dauer von fast sechs Minuten, der in eine regelrechte Ekstase ausartete. Die wilden Furien stampften und stöhnten einen martialischen Kriegstanz. Diese Szene fand ohne musikalische Begleitung statt, so dass sich wütende Proteste erhoben und einen Buhsturm auslöste. Die Reaktionen reichten von „Das ist doch kein Wagner!“ über „Ausziehen!“ bis zu einem höhnischen „Zugabe!“ nebst ironischem Gelächters.[148]
2013Tannhäuser vonRichard Wagner in der Inszenierung vonBurkhard C. Kosminski wurde an derDeutschen Oper am Rhein in Düsseldorf vier Tage nach der Premiere von IntendantChristoph Meyer abgesetzt und nur noch konzertant aufgeführt. Kosminski hatte die Oper in dieZeit des Nationalsozialismus verlegt, was am Premierenabend zu starken Protesten von Teilen des Publikums geführt hatte. Bereits während der Aufführung gab es zahlreiche Buhrufe, auch verließen Menschen den Saal. Einige Zuschauer klagten hinterher über psychische und physische Probleme. Diese wurden vor allem durch eine drastische Erschießungsszene im Stück ausgelöst, bei der eine ganze Familie in realistischer Darstellung exekutiert wird. Zur Ouvertüre gab es einGaskammer-Bild: Nackte Statisten sanken in Glaskuben zu Boden, die sich langsam mit Nebel füllten. In einer anschließenden Partiturpause wurde eine Familie entkleidet, rasiert und von Nazi-Schergen und Tannhäuser (mit Hakenkreuzbinde) erschossen. DenVenusberg, bei Wagner Ort der hedonistischen Liebe, deutete Kosminski zum Ort der Nazi-Verbrechen um. Öffentlich gefordert hatte die Absetzung allerdings niemand. So fand die jüdische Gemeinde die Inszenierung zwar „geschmacklos“, aber Gemeindedirektor Michael Szentei-Heise erklärte ausdrücklich, dass er nicht die Absetzung verlange. Wagner sei zwar ein „glühender Antisemit“ gewesen, habe aber mit dem Holocaust nichts zu tun. DerZentralrat der Juden in Deutschland hatte zwar auch Kenntnis von der umstrittenen Inszenierung, nahm aber öffentlich nicht Stellung dazu.[149]
2013Der Ring des Nibelungen vonRichard Wagner endete bei denBayreuther Festspielen in der Inszenierung vonFrank Castorf bei der Premiere der „Götterdämmerung“ mit einemEklat. Der Regisseur trat auf die Bühne, links und rechts von ihm sein Regieteam. Ein Buhsturm brach los, Castorf blieb mehrere Minuten lang stehen. Als die Buhs immer lauter wurden, winkte er ironisch ins Publikum, schüttelte den Kopf, zeigte mehrfach ins Publikum und tippte sich mit den Zeigefingern an beide Schläfen. Zuschauer verließen aus Protest den Saal. Die anderen brüllten noch lauter und auch die vereinzelten Bravo-Rufer strengten sich jetzt noch mehr an. Als der DirigentKirill Petrenko Castorf hinter die Bühne zurückholen wollte, lehnte dieser ab. Erst als der Vorhang sich hob und das Festspielorchester zum Vorschein kam, lenkte Castorf – nach mehr als zehn Minuten – ein und ging demonstrativ langsam hinter die Bühne. Castorf erzählte die Opern-Tetralogie als Kapitalismus-Niedergangsgeschichte, seine Inszenierung im Bühnenbild vonAleksandar Denić wurde als „der bedeutendste Bayreuther ‚Ring‘ seit Jahrzehnten“ bezeichnet.[150]
2015Tannhäuser vonRichard Wagner in der Inszenierung des jungen Regisseurs Timofej Kuljabin wurde an der Oper inNowosibirsk ein Skandal. Kuljabin ließ denMinnesänger Tannhäuser als Regisseur auftreten, der denErotikfilmVenusgrotte dreht. Einer der Darsteller dabei warJesus, umgeben von halbnackten Frauen. Die Kirche sprach von „Gotteslästerung“. Es gab ein Verfahren und Proteste. Das Kulturministerium entließ Theaterdirektor Boris Mesdritsch, da er sich weigerte, umstrittene Szenen zu ändern und sich bei den Gläubigen zu entschuldigen. Für Russland sei das eine nie dagewesene Niederlage für die „Freiheit der Kunst“, kommentierten Kulturschaffende den Rausschmiss und fast 50.000 Theaterfreunde beteiligten sich an einer Unterschriftensammlung zur Rettung des Tannhäuser.[151]
2015Der Freischütz vonCarl Maria von Weber in der Inszenierung vonKay Voges wurde an der Oper inHannover zum Skandal, da in ihr depressive Riesenkaninchen herumhoppelten, Neonazis und Fußball-Prolls die Bühne stürmten, ein Jäger mit einer Zauberkugel eine Frau mit Kopftuch erschoss. Aufgrund von Videoprojektionen, die für Kinder nicht geeignet sind, hob die Staatsoper die Altersempfehlung von 14 auf 16 Jahre an, da es Szenen gebe, die an dieTerroranschläge am 13. November 2015 in Paris erinnerten. Außerdem tauchten Nazi-Transen undPegida auf.[152] Für wütenden Streit sorgte die Aussage des Kulturdezernenten derCDU, man müsse durchgreifen und „bei aller Freiheit für die Kunst dafür Sorge tragen, dass die Schätze, die uns Dichter und Komponisten hinterlassen haben, lebendig bleiben und nicht ins Niveaulose und Beliebige gezogen werden. – Das ist ein unsäglicher Kulturverlust zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensationsgetriebener Einmaleffekte.“[153]
2023 Am 11. Februar 2023 schmierte der ChoreografMarco Goecke am Rande der Premiere des AbendsGlaube – Liebe – Hoffnung in derStaatsoper Hannover der Tanztheater-Kritikerin derFrankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ),Wiebke Hüster, den in einemHundekotbeutel mitgeführtenHundekot seines Dackels ins Gesicht. Zuvor hatte er ihrHausverbot angedroht. Goecke hatte ihr vorgeworfen, Kritiken mit persönlichen Angriffen zu schreiben. Laut derFAZ fühlte er sich durch eine Rezension Hüsters über die ProduktionIn the Dutch Mountains amDans Theater in Den Haag mit der Überschrift „Für die Fische“[154] provoziert. Goecke wurde am 13. Februar von seinem Amt suspendiert und erhielt Hausverbot.[155]
2024 Unter dem TitelSancta hatFlorentina Holzinger den EinakterSancta Susanna vonPaul Hindemith für die Wiener Festwochen im Juni des Jahres inszeniert. Salzburger ErzbischofFranz Lackner und Innsbrucker BischofHermann Glettler nannten die Show eine „respektlose Persiflage“. Die österreichische Choreografin hat Nonnen als nackte Tänzerinnen auftreten lassen, um auf die angebliche Lustfeindlichkeit der katholischen Kirche aufmerksam zu machen.[156]