Die Vorfahren von Thabit ibn Qurra gehörten denSabiern von Harran an, den Anhängern alter mesopotamischer Gestirnsreligionen. Unter Berufung auf die Suren 2:62 und 6:69 desKorans waren sie alsBuchreligion geduldet.Sie befassten sich intensiv mit Astronomie/Astrologie, Magie und Mathematik. Nach demkitab Ihwan as-Safa, einer arabischenEnzyklopädie des 10. Jhdts., sollen sieHermes Trismegistos als Propheten angesehen haben. Auch Thabit befasste sich mit allen Zweigen von Wissenschaft, Esoterik und Philosophie, da er alles als eine Einheit sah. Seinhermetisches WerkDe Imaginibus hatte großen Einfluss im Mittelalter und der Renaissance.
In jungen Jahren soll er in Harran Geldwechsler gewesen sein. Seine mathematische Begabung fiel Muhammad bin Musa bin Shakir, einem derBanu-Musa-Brüder, auf, der ihn zu Studien an dasHaus der Weisheit in Bagdad berief. Später war er Hofastronom des Kalifenal-Mu'tadid bi-'llah.
In der Gegend von Harran sprach man bevorzugtSyrisch, eine Form desAramäischen, und Griechisch. Thabit ibn Qurra übersetzte griechische Werke vonArchimedes undApollonios von Perge ins Arabische und kommentierteDie Elemente vonEuklid (von denen er eine Ausgabe basierend auf der Übersetzung und in Zusammenarbeit mitIshāq ibn Hunain herausgab), denAlmagest und dieGeographia vonPtolemäus, medizinische Werke vonGalenos von Pergamon undHippokrates von Kos. Thabits Übersetzung eines verlorenen Werkes von Archimedes über das reguläreHeptagon wurde erst im 20. Jahrhundert entdeckt. Daneben verfasste er eigene Werke über Mathematik, Astronomie und Physik.
Thabits arabische Übersetzung der "Conica" vonApollonios
Vom astronomischen Werk Thabits sind acht Bücher überliefert. Er war maßgeblich an der Entwicklung der islamischen Astronomie beteiligt, insbesondere an der Mathematisierung von Theorie und Auswertung der Beobachtungen.Nikolaus Kopernikus übernahm den Wert dessiderischen Jahres von 365 Tagen 6 Stunden 9 Minuten und 12 Sekunden (Abweichung 2 Sek.) aus ibn QurrasÜber das Sonnenjahr. Die irrige Theorie derTrepidation derÄquinoktien, die auch noch bei Kopernikus verwandt wird, wird im Allgemeinen Thabit zugeschrieben (Über die Bewegung der achten Sphäre), doch wird sie schon vonTheon von Alexandria erwähnt.
DasKitab fi’l-qarastun wurde vonGerhard von Cremona ins Lateinische übersetzt und diente im Mittelalter als Lehrbuch derMechanik.
Seine Nachkommen waren ebenfalls bedeutende Gelehrte. Sein SohnSinan ibn Thabit war Arzt, der Aufseher über alle öffentlichen Hospitäler in Bagdad. Sein EnkelIbrahim ibn Sinan ibn Thabit ist bekannt für seine Berechnungen für die Errichtung von Sonnenuhren.
Friedrun Hau:Tābit ibn Qurra. In:Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.):Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005,ISBN 3-11-015714-4, S. 1377.
F. Szegin:Geschichte des arabischen Schrifttums. Band 3:Medizin, Pharmazie [...] Leiden / Köln 1970, S. 260–263.