Tathata (Sanskrit तथाता,tathātā,Pali तथता,tathatā[1];chinesisch 真如,Pinyinzhēnrú,W.-G.chen-ju;tibetischདེ་བཞིན་ཉིདWyliede bzhin nyid;koreanisch진여,jinyeo;japanisch真如,shinnyo;vietnamesischchân như oderchơn như; dt. etwa:Soheit bzw.Solchheit) ist imBuddhismus (insbesondere imMahāyāna) ein Begriff für dieFormwahrer bzw. fundamentalerWirklichkeit (nicht aber diese Wirklichkeit selbst),[2] meist in Bezug auf den ihr unterstellten Aspekt derLeere bzw. wesentlichen Wesenlosigkeit.
In der buddhistischen Tradition heißt es, sie lasse sich nurerfahren, nicht aber sprachlich realisieren. Wer dieRealität in dieser Form erfährt, d. h. so, wie sie ist, hat nach buddhistischem Verständnis alle fehlerhafte Erkenntnis überwunden. Der historischeBuddha,Siddhartha Gautama, behauptete dies von sich und nannte sich daher auchTathāgata.
DieYogācāra-Schulen, eine der wenigen buddhistischen Lehrtraditionen, die in Bezug auf Tathata positive Aussagen machen,[3] verstehen es als eine Reinigung desBewusstseins von jeglichemObjektbezug, wodurch dieDaseinsfaktoren in ihrem höchsten Sinn erkannt werden sollen. Reine, illusionsfreie Erkenntnis des Tathata sei somit gleichbedeutend mit bloßem Bewusstsein ohne Erfassen, Denken oder der Ausmachung von Bedeutung.[4] Als Teil der unbedingten Elemente (asaṃskṛta-dharma) in den Kategorien der 100 Daseinsfaktoren[5] sei Tathata auchBedingung der Möglichkeit von Erkenntnis überhaupt.[6]
Eine für die Yogācāra-Schulen fundamentale Analyse aus dem vierten Jahrhundert lautet wie folgt:
„Alle Dinge, welche durch irgendeineVorstellung vorgestellt werden, bilden das vorgestellteWesen
20: . Dieses ist nicht vorhanden.
21: Das abhängige Wesen dagegen ist die ausUrsachen entstandene Vorstellung. Das vollkommene (Wesen) ist dessen beständiges Freisein vom vorhergehenden.
22: Daher ist dieses vom abhängigen (Wesen) weder als verschieden noch als nicht verschieden zu bezeichnen, wie dieVergänglichkeit usw Solange dieses nicht geschehen ist, wird jenes nicht gesehen.
23: In Hinblick auf die dreifache Wesenlosigkeit dieses dreifachen Wesens ist die Wesenlosigkeit aller Gegebenheiten gelehrt worden.
24: Das erste ist wesenlos dem Merkmal nach. Das zweite wiederum, weil ihm kein eigenesSein zukommt. Eine weitere Wesenlosigkeit ergibt sich daraus,
25: daß es (= das dritte, nämlich das vollkommene Wesen) die höchste Wirklichkeit (paramārthaḥ) der Gegebenheiten ist. Diese ist auch die Soheit, weil sie jederzeit so ist. Und sie ist überdies die bloße Erkenntnis.“
Der Begriff der Soheit ist innerhalb des Buddhismus oft Gegenstand theoretischer Auseinandersetzungen geworden. So kritisierte die japanischeKegon-shū (die allerdings selber am Tathata-Begriff festhielt) die Ansicht derHossō-shū (japanischer Yogācāra-Ableger), es könne so etwas wie ein objektloses Bewusstsein geben: Dies wäre schlicht Bewusstlosigkeit und könne daher keine Quelle der Erfahrung sein.[8]
Aber nicht nur inerkenntnistheoretischer Hinsicht erwies sich der Begriff des Tathata als problematisch. Da ihm auch inontologischer Hinsicht sowohl Absolutheit wie auch Unbedingtheit in Verbindung mit (ewigem)Sein zugeschrieben wurden und es gelegentlich sogar zu einer Identifizierung derPhänomene mit dem Tathata kam,[6][9] verneinten einige buddhistische Lehrtraditionen seine Praktibilität oder Gültigkeit bzw. die auf solche Zuschreibungen hinauslaufenden Interpretationen, da dies im Widerspruch zu anderen, fundamentalen buddhistischen Konzepten stehe.
Dennoch erwies sich der Begriff als wirkungsmächtig innerhalb der buddhistischen Philosophiegeschichte. So strittSaichō, Stifter derTendai-shū, in seiner berühmten, schriftlich im Jahr 817 geführten Auseinandersetzung mit dem Hossō-GelehrtenTokuitsu (徳一; ca. 760–835) um die richtige Interpretation vonBuddhanatur undIcchantika und vertrat gegen Tokuitsu die Auffassung, Buddhanatur käme allemSeiendem zu, da Tathata gleichsam die Essenz alles Seienden sei, in dem es sichmanifestiere.[10] Später übernahmen Tendai-Gelehrte diese Tathata-Konzeption, um damit die Doktrin der ursprünglichen Erleuchtung (本覺思想,hongaku shisō) plausibel zu machen, nach der jedes Wesen sich bereits im Zustand derErleuchtung befinde und diesen Zustand nur zu realisieren brauche.[11] DasGenshin (源信; 942–1017) zugeschriebene aber erst im 12. Jahrhundert entstandene WerkShinnyo kan (真如観) geht hierauf ein und empfiehlt dem Leser, sich Tag und Nacht bewusst zu machen, dass er mit Tathata identisch sei.[12] AuchKūkai, Stifter derShingon-shū, verwendete die Konzepte Tathata und Buddhanatur, von denen er meinte, sie wären die Natur desDharmakörpers.[13]