Tamil Nadu (Tamilதமிழ் நாடுTamiḻ Nāṭu[ˈt̪amɨɻˌnaːɖɯ] ⓘ), bis 1969Madras, ist einBundesstaatIndiens. Er liegt im südlichsten Teil des Subkontinents und hat rund 72 Millionen Einwohner (Volkszählung 2011) auf einer Fläche von 130.058 Quadratkilometern. Damit ist er gemessen an der Einwohnerzahl der siebtgrößte, der Fläche nach der zehntgrößte Bundesstaat Indiens. Die Hauptstadt Tamil Nadus istChennai (Madras).[1]
Die Hauptsprache Tamil Nadus ist dasTamil, nach dessen Sprachgrenzen der Bundesstaat 1956 gebildet wurde. Zunächst trug der Bundesstaat den NamenMadras, erst 1969 erhielt er seinen heutigen Namen Tamil Nadu, der als „tamilisches Land“ oder als „Land der tamilischen Sprache“ übersetzt werden kann. Tamil Nadu besitzt ein reiches eigenständiges Kulturerbe, das sich in der über 2000 Jahre zurückreichenden Literaturgeschichte des Tamil und der Architektur der großen Tempelanlagen des Bundesstaates äußert.
Tamil Nadu ist der südlichste Bundesstaat Indiens. Er nimmt den südlichen Zipfel der indischen Halbinsel ohne den Küstenstreifen im Westen ein. Mit einer Fläche von 130.058 Quadratkilometern[1] ist Tamil Nadu Indiens zehntgrößter Bundesstaat und etwa so groß wieGriechenland. Nachbarbundesstaaten sindKerala im Westen,Karnataka im Nordwesten undAndhra Pradesh im Norden. An der Ostküste schließt Tamil Nadu die beiden zumUnionsterritorium Puducherry gehörigen EnklavenPuducherry (Pondicherry) undKaraikal ein. Im Osten und Süden grenzt der Bundesstaat an denIndischen Ozean, beziehungsweise dessen Nebenmeere, denGolf von Bengalen im Osten und denGolf von Mannar im Südosten. DiePalkstraße trennt Tamil Nadu vom südöstlich gelegenen InselstaatSri Lanka. Die Küste ist 1076 Kilometer lang. Tamil Nadus südlichster Punkt, dasKap Komorin, ist zugleich der südlichste Punkt des indischen Festlandes.
Schroffe Berge und fruchtbare Ebenen kennzeichnen das Landschaftsbild Tamil Nadus (Landschaft imDistrikt Kanyakumari)
Tamil Nadu lässt sich grob in zwei Naturräume einteilen. Im Westen und Nordwesten bestimmen Berg- und Hügelländer das Landschaftsbild. Entlang der Westgrenze mit Kerala erheben sich dieKardamomberge, ein südlicher Ausläufer derWestghats. Sie fallen besonders im äußersten Süden schroff ab. Ein weiterer Ausläufer, diePalani-Berge, ragt in die östlich vorgelagerte Tiefebene hinein. Auch die durch dasPalghat-Tal und das Coimbatore-Plateau abgetrenntenNilgiriberge im äußersten Nordwesten sind eine Nebenkette der Westghats. Der höchste Gipfel der zerklüfteten Nilgiriberge, der 2636 Meter hoheDoddabetta, ist zugleich die höchste Erhebung Tamil Nadus. Im Norden gehen die Nilgiriberge in dieJavadi- und die höheren, bis auf 1500 Meter reichendenShevaroy-Berge, beide Nebenketten derOstghats, über.
Östlich des Berglandes erstreckt sich eine breite Ebene, die von mehreren Strömen durchflossen wird. Im Süden teilen die Palani-Berge das Tiefland in die Ebene von Madurai und die in West-Ost-Richtung verlaufende Kaveriebene im mittleren Teil Tamil Nadus. Der Küstenstreifen nördlich desMündungsdeltas desKaveri heißtKoromandelküste. Das Hinterland der Koromandelküste wird durch die Ebene von Arcot geprägt.
Oberlauf des Kaveri kurz nach denHogenakal-Fällen an der Grenze zu Karnataka
Die Küstenebene Tamil Nadus wird von den StrömenPalar,Ponnaiyar,Kaveri,Vaigai undThamirabarani durchflossen, die allesamt in den niederschlagsreichen Ost- oder Westghats entspringen und daher ganzjährig Wasser führen. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer, zum Teil aber nur periodischer Flüsse. Der 760 Kilometer lange Kaveri ist der größte und wichtigste Fluss. Er durchquert vonKarnataka kommend und in südlicher Richtung fließend die Ostghats, um südlich vonErode nach Osten abzubiegen. Rund 200 Kilometer vor der Mündung in den Golf von Bengalen fächert er sich zu einem großen Delta mit unzähligen Nebenarmen.
Tamil Nadu ist arm an natürlichen größeren Seen. Zu Energiegewinnungs- und Bewässerungszwecken sind an wasserreichen Flüssen allerdings mehrere großeStauseen angelegt worden. Der größte von ihnen ist derStanley-Stausee am Kaveri beiMettur imDistrikt Erode, wird außerdem als Fischgrund genutzt, der im Durchschnitt 93 Quadratkilometer, während der Regenzeit 153 Quadratkilometer umfasst. Es gibt zehn weitere große Stauseen mit einer maximalen Fläche von mehr als 10 Quadratkilometern. In vielen Trockengebieten bestehen so genanntetanks, künstlich angelegte Wassersammelbecken, die als Trinkwasservorräte oder für den Bewässerungsfeldbau genutzt werden. Insgesamt gibt es knapp 39.000 solchertanks in Tamil Nadu.
Das Klima Tamil Nadus isttropisch. Die Temperatur schwankt im Jahresverlauf nur geringfügig und liegt im Jahresdurchschnitt um 29 Grad Celsius im Tiefland, wo das Thermometer selten unter 20 Grad fällt, in den heißesten Monaten der Trockenzeit aber auf über 40 Grad klettern kann. In den Höhenlagen erreichen die Temperaturen 13 bis 24 Grad im Sommer und 3 bis 20 Grad im Winter.
Die Niederschlagsverhältnisse werden maßgeblich vomMonsun beeinflusst. Im Gegensatz zum größten Teil Indiens ist die Hauptniederschlagszeit in Tamil Nadu der Wintermonsun zwischen September und Dezember. Während dieser Zeit nehmen die nordöstlichen Winde über dem Golf von Bengalen Feuchtigkeit auf und bringen ergiebigenMonsunregen mit sich. Auch während des Sommermonsuns von Juli bis September kommt es zu Regenfällen, doch bleibt die Niederschlagsmenge geringer, weil Tamil Nadu durch die Westghats vor den südwestlichen Winden abgeschirmt wird. Im Bergland sowie im äußersten Süden kommt es auch während dieser Zeit zu ergiebigen Regenfällen. Während der Trockenzeit zwischen Januar und Juni regnet es kaum.
Für die Ebenen sind jährliche Regenmengen von 900 bis 1200 mm normal. Die niedrigsten Jahresniederschlagsmengen werden mit 700 bis 850 mm in der im Regenschatten der Westghats gelegenen Tiefebene von Madurai sowie um Coimbatore verzeichnet. Allgemein ist das Klima Tamil Nadus trockener als das des westlichen Nachbarbundesstaates Kerala, da die Westghats, wo bis zu 4000 mm Jahresniederschlag fallen, als Wetterscheide wirken. Die Luftfeuchtigkeit ist jedoch ganzjährig hoch.
Rund 18 Prozent der Fläche Tamil Nadus sind bewaldet. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte in den Tiefländern finden sich größere, zusammenhängende Waldgebiete jedoch fast nur noch im Bergland. In den Lagen über 1500 Meter der Nilgiri-, Palani- und Kardamomberge erstrecken sich immergrünetropische Regenlaubwälder mit der für solche Wälder typischen Stufengliederung. Die oberste Stufe kennzeichnen hohe, schlanke Bäume, die teils mehr als 40 Meter hoch aufragen. Darunter gedeihen niedrigere Bäume, am Boden schließlich Sträucher undkrautige Pflanzen. In den niedrigeren Lagen herrschen Mischlandschaften aus Grasland und – je nach Niederschlagsmenge – immergrünem oder laubabwerfendem Feuchtwald vor. Für die Übergänge in die Tiefebenen sind laubabwerfendeTrockenwälder kennzeichnend.
Im Tiefland dominierensavannenartige Grasländer, die größtenteils in Acker- und Kulturland umgewandelt wurden. Reste der ursprünglichen Trockenwaldvegetation finden sich nur vereinzelt an Flussläufen und in unebenem Gelände. Immergrüne Trockenwälder waren einst die kennzeichnendeVegetationsform für einen schmalen Streifen entlang der Koromandelküste. Heute sind sie bis auf verstreuteHaine, die weniger als ein Prozent der ursprünglichen Waldfläche ausmachen, zerstört oder zumindest stark degradiert. In denLagunen im Mündungsdelta des Kaveri, am Golf von Mannar sowie zwischenEnnur undPulicat nördlich vonChennai gibt es nochMangroven, die jedoch durch Eingriffe des Menschen immer weiter zurückgedrängt und in ihrer Artenvielfalt eingeschränkt werden.
Auch die Küstengewässer Tamil Nadus weisen eine große Vielfalt an Meeresbewohnern auf. DieKorallenriffe imGolf von Mannar zählen zu den artenreichsten unterseeischen Lebensräumen imIndischen Ozean. Zum Schutz dieser einzigartigen, durch kommerziellen Fischfang, Verschmutzung,Aquakulturen und Perlentaucher jedoch bedrohten Meereslandschaft wurde 1980 derGulf of Mannar Marine National Park als erster Unterwassernationalpark Indiens eingerichtet.
Die mit Abstand größte Stadt Tamil Nadus ist die HauptstadtChennai (Madras). An der Küste im äußersten Nordosten des Bundesstaates gelegen, hat Chennai 4,7 Millionen Einwohner in der eigentlichen Stadt und 8,7 Millionen in derAgglomeration. Damit ist Chennai die sechstgrößte Stadt Indiens und Zentrum des viertgrößten Ballungsraums des Landes. Außer Chennai überschreiten noch die IndustriestadtCoimbatore im Westen Tamil Nadus und das im Süden gelegeneMadurai, das auf eine reiche über zweitausendjährige Geschichte zurückblicken kann, die Eine-Million-Einwohner-Marke. Weitere wichtige Städte sindTiruchirappalli (Trichy) im Zentrum des Bundesstaates undSalem im nördlichen Binnenland.
Die größten Städte Tamil Nadus nach der Volkszählung 2011 sind:[2]
Laut der indischen Volkszählung 2011 beträgt die Einwohnerzahl Tamil Nadus 72.138.958.[3] Damit ist Tamil Nadu gemessen an der Einwohnerzahl Indiens sechstgrößter Bundesstaat. Die Bevölkerungsdichte liegt mit 555 Einwohnern pro Quadratkilometer über dem gesamtindischen Durchschnitt (382 Einwohner pro Quadratkilometer). 48,5 Prozent der Einwohner leben in Städten.[4] Damit weist der Staat eine der höchsten Verstädterungsraten Indiens auf.
Die Bevölkerung Tamil Nadus wächst etwas langsamer als in anderen Landesteilen Indiens. Von 2001 bis 2011 verzeichnete Tamil Nadu ein Bevölkerungswachstum von 15,6 Prozent, während der Landesdurchschnitt 17,6 Prozent beträgt.
Die Bevölkerung wird vorwiegend vonTamilen gebildet. Vor allem im GroßraumChennai leben viele Zuwanderer aus anderen indischen Bundesstaaten. Etwa ein Prozent der Bevölkerung gehört denAdivasi an, der indigenen Stammesbevölkerung, die vor allem im Norden Tamil Nadus und in denNilgiribergen lebt.[5]
Im Zeitraum von 2010 bis 2014 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung 70,6 Jahre (der indische Durchschnitt betrug 67,9 Jahre).[6] DieFertilitätsrate betrug 1,67 Kinder pro Frau (Stand: 2016) während der indische Durchschnitt im selben Jahr bei 2,23 Kinder lag.[7]
Straßenszene mit Postern in tamilischer Sprache inThanjavur
Die Hauptsprache Tamil Nadus und alleinige Amtssprache des Bundesstaates ist das von knapp 90 Prozent der Bevölkerung gesprocheneTamil, nach dessen Sprachgrenzen der Bundesstaat 1956 gebildet wurde. Das Tamil gehört zurdravidischen Sprachfamilie und kann auf eine mindestens 2000-jährige Literaturgeschichte zurückblicken. Die größte der Minderheitensprachen ist dasTelugu, dessen Sprecher knapp 6 Prozent der Gesamtbevölkerung Tamil Nadus ausmachen. Es wird an vielen Orten von alteingesessenen telugusprachigen Gemeinschaften, daneben von Teilen der Bevölkerung in der Grenzregion zum Nachbarbundesstaat Andhra Pradesh gesprochen. Auch in den Grenzgebieten zu Karnataka und Kerala sind teilweiseKannada undMalayalam, die Sprachen der jeweiligen Bundesstaaten, verbreitet. Ein Teil der muslimischen Minderheit vor allem im Norden Tamil Nadus sprichtUrdu, die meisten Muslime sind aber tamilsprachig. In verschiedenen Städten Tamil Nadus (u. a.Madurai) leben Sprecher desSaurashtri, einer eng mit dem in Nordwestindien gesprochenenGujarati verwandten Sprache. In den offiziellen Statistiken werden die rund 240.000 Saurashtri-Sprecher unter der Zahl der Gujarati-Sprecher subsumiert. Von der Stammesbevölkerung in den Bergregionen des Nordwestens und Nordens werden verschiedene kleinere Minderheitensprachen gesprochen, vor allemIrula,Badaga undKurumba.Kota undToda haben jeweils nur wenige tausend Sprecher in den Nilgiribergen, wo die größte Sprachenvielfalt herrscht.Englisch hat, wie auch in anderen Regionen Indiens, einen besonderen Status als Bildungs- und Wirtschaftssprache.
Hindus stellen mit 88 Prozent (Volkszählung 2011) die deutliche Mehrheit der Bevölkerung Tamil Nadus. Der hinduistische Bevölkerungsanteil in Tamil Nadu liegt damit über dem Landesdurchschnitt (80 Prozent). DerShivaismus ist die am weitesten verbreitete hinduistische Glaubensströmung. Der Hinduismus in Tamil Nadu weist einige regionale Charakteristika auf, so gehört der GottMurugan (Skanda), der in Nordindien praktisch keine Rolle spielt, unter den Tamilen zu den populärsten Gottheiten.
Auf die verschiedenenchristlichen Konfessionen entfallen 6 Prozent. In absoluten Zahlen beherbergt Tamil Nadu mit 4,4 Millionen Christen nach Kerala die zweitgrößte christliche Population aller indischen Bundesstaaten. Das Christentum soll bereits vonApostel Thomas, der angeblich um 70 n. Chr. auf demSt. Thomas Mount bei Chennai starb, nach Südindien gebracht worden sein. Die größte christliche Konfession in Tamil Nadu ist dierömisch-katholische Kirche, gefolgt von der anglikanischenChurch of South India. Einen besonders hohen Bevölkerungsanteil stellen die Christen im südlichsten DistriktKanyakumari. Am Küstensaum lebt die katholische Kaste derMukkuvar, die Fischfang betreiben. Mit derMarienbasilika vonVelankanni befindet sich der wichtigste christliche Wallfahrtsort Indiens in Tamil Nadu.
DerIslam fand in Tamil Nadu nie eine so große Verbreitung wie in weiten Teilen Nordindiens. Heute sind knapp 6 Prozent der Einwohner des Bundesstaates Muslime, zum größten TeilSunniten. Der Islam wurde schon im 9. Jahrhundert durch arabische Händler ins Land gebracht und entwickelte daher eine Ausprägung, die sich teilweise deutlich vom nordindischen Islam unterscheidet. So ist neben der unter den indischen Muslimen vorherrschendenhanafitischen Rechtsschule auch dieschafiitische verbreitet. Eines der wichtigsten Zentren islamischer Gelehrsamkeit in Tamil Nadu ist der Ort Kilakkarai ungefähr 15 Kilometer südlich vonRamanathapuram. Hier bestehen zwei islamische Hochschulen, die im frühen 19. Jahrhundert gegründete Jāmiʿa ʿArūsīya und die 1995 gegründete Jāmiʿa Sayyid Hamīda.[9]
In Arikamedu ausgegrabene römische Keramik (1. Jahrhundert,Musée Guimet)
Die Gegend des heutigen Tamil Nadu wurde vermutlich vor rund 300.000 Jahren erstmals besiedelt. Archäologische Funde bestätigen, dass schon um 1200 v. Chr. eine hoch entwickelte Gesellschaft existierte. Diebrahmanische Kultur Nordindiens breitete sich schon in vorchristlicher Zeit auch in den Süden des Subkontinents und damit ins heutige Tamil Nadu aus. Dessen frühgeschichtliche Entwicklung konzentrierte sich vor allem auf die Küstenebene. Aufschluss über diese Epoche geben neben derArchäologie die alttamilischeSangam-Literatur, verschiedene lokale und nordindische Inschriften,ceylonesische Chroniken sowie Berichtegriechischer undrömischer Gelehrter. Enge Handelsbeziehungen mit dem Römischen Reich bestanden bereits zur Zeit des KaisersAugustus, wie zahlreiche Münzfunde sowie die Existenz einer römischen Handelsniederlassung inArikamedu südlich vonPuducherry beweisen. Mit zunehmendem Niedergang Roms im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert nahmSüdostasien dessen Bedeutung als Handelspartner ein. Von der tamilischenKoromandelküste aus wurden im Mittelalter große Teile Südostasiens kolonialisiert.
Drei Dynastien prägten Tamil Nadu im Altertum. DieChola hatten ihr Kerngebiet imKaveridelta, dieChera herrschten über die westlichen Teile des heutigen Tamil Nadu und dieMalabarküste, während der Süden unter der Herrschaft derPandya stand. Vom Reichtum letzterer berichtete der griechische HistorikerMegasthenes, der um 300 v. Chr. am Hofe des nordindischenMaurya-HerrschersChandragupta weilte. Auch in der alttamilischen Sangam-Dichtung finden die Pandya Erwähnung. Der früheste überlieferte Herrschername ist hingegen der des legendären Chola-KönigsKarikala (um 190 n. Chr.), der die vereinten Heere der Pandya und der Chera besiegte sowie die Ufer des Kaveri befestigen ließ. Die im 4. Jahrhundert vomDekkan her eindringendenKalabhra beendeten die Herrschaft der Chola und Pandya abrupt. Über ihre eigene Herrschaft ist allerdings nur wenig bekannt.
Die Felsentempel von Mamallapuram stammen aus der Pallava-Zeit
Am Ende des 6. Jahrhunderts besiegten die aus Andhra kommendenPallava, vermutlich frühere Vasallen derShatavahana, die Kalabhra und stiegen zur beherrschenden Macht in Tamil Nadu auf. Zu ihrer Hauptstadt machten sieKanchipuram. Die größte Bedrohung für die Pallava stellten dieChalukya dar, die seit dem frühen 7. Jahrhundert einen erbitterten Kampf um die Vormachtstellung im Süden Indiens führten. Nachdem Mahendra Varman I. (reg. etwa 610 bis 630) die drohende Einnahme Kanchipurams durch die Chalukya abwenden konnte, gelang seinem Sohn Narasimha Varman (reg. etwa 630 bis 668) im Jahre 642 die Eroberung der feindlichen HauptstadtBadami. Der Erfolg blieb von kurzer Dauer, denn schon nach 670 sahen sich die Pallava erneut ihren wiedererstarkten Feinden gegenüber. Eingeleitet durch die Plünderung Kanchipurams im Jahr 740, begann im 8. Jahrhundert der Niedergang der Pallava-Dynastie, die noch bis ins späte 9. Jahrhundert herrschte.
Unter den Pallava war in Tamil Nadu erstmals ein starkes Regionalreich entstanden, das auch herausragende Beiträge zur kulturellen Entwicklung leistete. Die Pallava-Hauptstadt Kanchipuram wurde zu einem der bedeutendsten kulturellen Zentren Südindiens. Obwohl die Pallava demHinduismus anhingen, trat es auch als wichtige buddhistische Lehrstätte in Erscheinung. Die Universität von Kanchipuram wurde zur wichtigen Wirkungsstätte großerTamil- undSanskritgelehrter und zahlreicher bildender Künstler. Aus der Pallava-Epoche stammen auch die Felsentempel vonMamallapuram, Vorreiter der hinduistischen Tempelarchitektur Südindiens, aber auch Südostasiens.
Unter der Chola-Dynastie florierten die Künste in Tamil Nadu (BronzeskulpturShivas, 11. Jhd., Musée Guimet)
Nachfolger der Pallava wurden dieChola, die bis Mitte des 9. Jahrhunderts als Vasallen gedient hatten. Um 850 erlangten sie ihre Unabhängigkeit zurück und machtenThanjavur im Kaveridelta zur Hauptstadt. König Aditya (reg. 871 bis 907) besiegte die Pallava um 897 endgültig. Nach dem Untergang des zentralindischenRashtrakuta-Reiches schwangen sich die Chola im 11. Jahrhundert zur mächtigsten Dynastie Südindiens auf. Besonders hervorzuheben sind die KönigeRajaraja I. (reg. 985 bis 1014) undRajendra I. (reg. 1014 bis 1044, als Mitregent schon ab 1012), welche nicht nur als Eroberer, sondern auch als Förderer der Künste und Wissenschaften großen Ruhm erlangten. Rajaraja I. besiegte die Chera an der Malabarküste und dehnte sein Reich auf den südlichenDekkan,Ceylon und dieMalediven aus. Sein Sohn Rajendra zog die Andhraküste hinauf bis nachBengalen. Dort schlug er denPala-Herrscher vernichtend, woraufhin er seine neue HauptstadtGangaikonda Cholapuram („Stadt des Chola, der dieGanga besiegte“) mit Gangeswasser segnen ließ. Außerdem etablierte er das Chola-Reich als Seemacht und drang über den Golf von Bengalen bis ins südostasiatischeSrivijaya-Reich (Sumatra,Malaya,Java) vor. Kein anderes südindisches Herrscherhaus vor oder nach den Chola vermochte seine Macht auf ein derart weitläufiges Gebiet auszudehnen. Die Zeit der Chola-Könige Rajaraja I. und Rajendra I. gilt daher als Hochzeit Südindiens und somit auch Tamil Nadus.
1070 starb Rajendras Linie aus. Kulottunga, ein Prinz der östlichen Chalukya, bestieg nun den Thron des Reiches. Trotz einiger Gebietsverluste, darunter Ceylon, blieben die Chola bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts hinein die dominierende Dynastie Südindiens. Gleichwohl gab es bereits in den Jahrzehnten nach dem Tod Kulothungas I. im Jahre 1120 Anzeichen eines schleichenden Niedergangs. Vor allem die Auseinandersetzung mit den südlichen Vasallen derPandya kostete die Chola einen Teil ihrer Autorität und verhalf den Pandya zu größerer Selbstständigkeit. Nach dem Tod des Chola-Königs Kulothunga III. 1218 konnten die Pandya, mitMadurai als Machtzentrum, ihre volle Unabhängigkeit allmählich wiederherstellen. Jatavarman Sundara (reg. 1251 bis 1268) war schließlich stark genug, die Chola anzugreifen. Sein Nachfolger besiegte 1279 den letzten Chola-König Rajendra IV. Die Pandya übernahmen nun die beherrschende Stellung der Chola in Tamil Nadu und konnten ihr Reich erneut bis zumGodavari und auf den Norden Ceylons erweitern. Thronfolgestreitigkeiten im frühen 14. Jahrhundert schwächten das Pandya-Reich zusehends.
Muslimische Herrschaft, Vijayanagar und Kleinstaaten (14. bis 18. Jahrhundert)
1311 überfielenmuslimische Truppen aus dem nordindischenSultanat von Delhi unter dem Kommando des GeneralsMalik Kafur die Pandya-Hauptstadt Madurai, eroberten und plünderten sie. Erstmals stand Tamil Nadu unter muslimischer Herrschaft. Das 1334 aus einer Provinz des Delhi-Sultanats hervorgegangeneSultanat von Madurai, der südlichste muslimische Staat auf indischem Boden, war jedoch nur kurzlebig. Schon 1370 fiel der Sultan im Kampf gegen das hinduistischeVijayanagar-Reich.
Das Kernland Vijayanagars lag im Süden des heutigenKarnataka. Nach dem Sieg über den Madurai-Sultan umfasste es fast ganz Südindien, einschließlich Tamil Nadu. Vijayanagars Ausdehnung nach Osten bis an die Küste Andhras forderteKapilendra, den König des an der Ostküste gelegenenOrissa, heraus, der 1463 entlang der Nordostküste Tamil Nadus bis ins Kaveridelta vorstieß. Schon nach wenigen Jahren musste er sich jedoch wieder zurückziehen. Schwache Herrscher leiteten im 15. Jahrhundert den Niedergang Vijayanagars ein. Als sich seine Erzfeinde, die aus demBahmanidenreich hervorgegangenenDekkan-Sultanate, zusammenschlossen und Vijayanagar 1565 in derSchlacht von Talikota vernichtend schlugen, zerfiel das Reich innerhalb kürzester Zeit in mehrere Einzelreiche.
Nach dem Zerfall Vijayanagars füllten die Militärstatthalter seiner Distrikte, die sogenanntenNayaks, das entstandene Machtvakuum in Tamil Nadu, und machten sich selbstständig. Die mächtigsten von ihnen waren die Nayaks vonMadurai undThanjavur. Trotz ihrer relativen politischen und militärischen Bedeutungslosigkeit erlebten diese Reiche ein Aufblühen der spätdravidischen Kunst. Im 17. Jahrhundert begannen Kriegszüge verschiedener indischer Großreiche gegen die Kleinstaaten Tamil Nadus. Zunächst drangMohammed Adil Shah, der Sultan vonBijapur, in den Norden Tamil Nadus ein, wo er unter anderem den Nayak vonGingee besiegte. Sowohl Madurai als auch Thanjavur wurden Bijapur tributpflichtig. In den 1670er Jahren führte ein Streit zwischen Madurai und Thanjavur zum Eingreifen derMarathen auf Seiten Thanjavurs. Doch die Truppen des MarathenherrschersVenkaji wandten sich alsbald gegen den Nayak von Thanjavur und besetzten dessen Reich. Nachdem der GroßmogulAurangzeb 1686 Bijapur unterworfen hatte, geriet der Norden Tamil Nadus unter die Kontrolle desMogulreichs und wurde von denNawabs vonArcot als Vasallen der Moguln beherrscht. Thanjavur blieb jedoch eine Besitzung der Marathen; Madurai bestand noch bis zur britischen Eroberung 1781.
Vordringen der Europäer und Kolonialherrschaft (17. Jahrhundert bis 1947)
Ansicht der englischen FestungFort St. George in Madras im 18. JahrhundertKarte des südlichen Teils der Präsidentschaft Madras von 1909; in gelber Färbung die Fürstenstaaten
Als erste europäische Großmacht versuchtePortugal im frühen 16. Jahrhundert an derKoromandelküste Fuß zu fassen, allerdings ohne Erfolg. Den Portugiesen folgten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts dieNiederländer,Engländer undDänen sowie in den 1660er Jahren dieFranzosen. Die europäischen Handelsmächte strebten zunächst nicht nach Landgewinn, sondern nach möglichst hohen Profiten aus dem Tuchhandel. Zu diesem Zwecke erwarben sie Küstenstützpunkte und errichteten Manufakturen. Um 1700 bestanden mehrere niederländische Handelsstützpunkte an der Küste Tamil Nadus, unter anderem inPulicat,Nagapattinam undTuticorin. Die Engländer hatten sich inMadras, die Franzosen inPondicherry und die Dänen inTranquebar niedergelassen.
Zur bedeutsamsten europäischen Großmacht an der Koromandelküste stiegen im 18. Jahrhundert die Briten auf. Als ihr größter Konkurrent erwiesen sich die Franzosen, die in denKarnatischen Kriegen mit den Briten um die Vorherrschaft in Südindien rangen und 1746 sogar für drei Jahre Madras eingenommen hatten. 1760 wurden die Franzosen aber in derSchlacht von Wandiwash vernichtend geschlagen und mussten ihre Ambitionen in Indien aufgeben. Die hoch verschuldeteNiederländische Ostindien-Kompanie schied nach dem vierten niederländisch-englischen Krieg von 1780 bis 1784 als Widersacher der Briten in Indien aus.
Madras wurde nebenCalcutta undBombay zu einem Hauptausgangspunkt der britischen Kolonialisierung Indiens. Die Stadt war Verwaltungszentrum derPräsidentschaft Madras, einer von drei Präsidentschaften derBritischen Ostindien-Kompanie. Die Briten dehnten ihren Einfluss ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf weite Teile Tamil Nadus aus: ImDritten undVierten Mysore-Krieg (1790 bis 1792 bzw. 1798/99) rangen sie dem KönigreichMysore den Großteil von dessen Besitzungen ab, darunter den Norden und Westen des heutigen Tamil Nadus. Nach der vollständigen Niederlage Mysores 1799 war die Vormachtstellung der Ostindien-Gesellschaft in ganz Südindien endgültig besiegelt. 1799 wurden die Marathen-Könige von Thanjavur zur Übergabe ihrer Besitzungen gezwungen. Zwei Jahre später musste der Nawab von Arcot, der das Küstenhinterland kontrollierte, sein gesamtes Territorium an die Briten übergeben. Die Eroberung Tamil Nadus war damit abgeschlossen. Lediglich das kleine FürstentumPudukkottai blieb als formal unabhängigerFürstenstaat unter britischer Oberherrschaft bestehen. 1858 wurde die Ostindien-Kompanie infolge desAufstandes in Nordindien entmachtet, und die Regierungsgewalt über all ihre Besitzungen unmittelbar auf die britische Regierung übertragen. Madras wurde damit zu einer der ProvinzenBritisch-Indiens.
Parallel zur im ausgehenden 19. Jahrhundert erwachten gesamtindischen Unabhängigkeitsbewegung unter Führung desIndischen Nationalkongresses entstand in dentamilsprachigen Teilen von Madras die sogenannteDravidische Bewegung, die sich gegen die angebliche Vormachtstellung derBrahmanen richtete und eine eigenständige Identität derTamilen als „Draviden“ im Gegensatz zu den „Ariern“ Nordindiens postulierte.E. V. Ramasami (Periyar) gründete 1925 dieSelbstachtungsbewegung (Self-Respect Movement), die er 1944 mit der anti-brahmanischenJustice Party zur OrganisationDravidar Kazhagam (Bund der Draviden; DK) vereinigte. Die DK vertrat eine radikale Agenda und forderte die Abschaffung desKastensystems und der Hindu-Religion sowie die Gründung eines unabhängigen StaatesDravida Nadu für die „Draviden“ Südindiens.
Der Staat Madras zwischen 1950 und 1956 mit den Gebietsänderungen 1953: Grenze von Madras vor 1953Andhra (ab 1953) Mysore vor 1953 Distrikt Bellary (1953 zu Mysore) Madras nach 1953
Nach der Entlassung Britisch-Indiens in die Unabhängigkeit im Jahr 1947 wurde der Staat Madras zu einem Gliedstaat der Indischen Union. Er umfasste neben dem heutigen Tamil Nadu große Teile des heutigen BundesstaatsAndhra Pradesh sowie Teile vonKarnataka undKerala. Erster Chief Minister wurdeP. S. Kumaraswamy Raja vom Indischen Nationalkongress (1950 bis 1952). Auf ihn folgten seine ParteikollegenC. Rajagopalachari (1952 bis 1954),K. Kamaraj (1954 bis 1963), der sich vor allem um die Verbesserung des Bildungssystems und die Bekämpfung des Analphabetismus verdient machte, undM. Bakthavatsalam (1963 bis 1967). Im Zuge desStates Reorganisation Act wurden 1956 die indischen Bundesstaaten nach den Sprachgrenzen neu geordnet. Der Bundesstaat Madras wurde dabei auf die tamilischsprachigen Gebiete begrenzt. Eine kleine Grenzkorrektur zu Andhra Pradesh folgte im Jahr 1959.[11] Damit erhielt der Bundesstaat die Grenzen des heutigen Tamil Nadu, behielt aber zunächst den Namen Madras bei.
Derweil hatte sich 1949 aus der DK eine neue Partei namensDravida Munnetra Kazhagam (DMK; „Bund für den Fortschritt der Draviden“) unter der Führung vonC. N. Annadurai formiert. Sie unterstützte anfangs ebenfalls die Sezessionsforderung, gab diese aber Anfang der 1960er Jahre auf und ersetzte sie durch die Forderung nach politischer und kultureller Autonomie der Bundesstaaten innerhalb der Indischen Union. Die DMK nahm 1957 erstmals an Wahlen in Madras teil und stieg bald zur wichtigsten Oppositionspartei auf. 1967 konnte sie unter der Führung Annadurais erstmals die Wahlen zum Regionalparlament für sich entscheiden. Die neue DMK-Regierung beschloss die Umbenennung von Madras inTamil Nadu („Land der Tamilen“), die 1969 in Kraft trat.[12] Nach Annadurais Tod übernahmM. Karunanidhi die Führung der DMK. 1972 spaltete sich unter dem populären FilmschauspielerM. G. Ramachandran (MGR) dieAIADMK von der DMK ab. Seitdem hat stets eine der beiden Regionalparteien die Regierung Tamil Nadus gestellt. Die AIADMK konnte zum ersten Mal 1977 die Wahlen gewinnen. M. G. Ramachandran wurde zum neuenChief Minister und blieb es bis zu seinem Tod 1987. Seit den 1990er Jahren wurde die Politik Tamil Nadus geprägt von der Konkurrenz zwischen M. Karunanidhi (Chief Minister von 1969 bis 1976, 1989 bis 1991, 1996 bis 2001 sowie 2006 bis 2011) und der ehemaligen SchauspielerinJ. Jayalalithaa, die die Nachfolge M. G. Ramachandrans an der Spitze der AIADMK übernahm und von 1991 bis 1996, mit Unterbrechungen von 2001 bis 2006 und erneut mit Unterbrechungen 2011 bis zu ihrem Tod 2016 das Amt des Chief Ministers innehatte.
In den 1980er Jahren nutzten dieLiberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die für die Unabhängigkeit der überwiegend von Tamilen bewohnten TeileSri Lankas kämpfen, Tamil Nadu als Rückzugsort und Stützpunkt für ihre Aktivitäten in Sri Lanka. Die Regierung billigte dieses Vorgehen aus Rücksichtnahme auf die Sympathien der Bevölkerung Tamil Nadus für die unterdrückten Tamilen Sri Lankas zunächst. Mehrere von LTTE-Separatisten verübte Attentate auf indischem Boden zerstörten jedoch das Vertrauen der indischen Tamilen in die LTTE.
Am 21. Mai 1991 wurde der ehemalige indische PremierministerRajiv Gandhi während einer Wahlkampfveranstaltung inSriperumbudur naheKanchipuram von einer der LTTE zugerechneten Selbstmordattentäterin ermordet. Heute wird die LTTE von der indischen Regierung als terroristische Vereinigung eingestuft.
Ende Dezember 2004 kam es auch in dieser Region als Folge von demErdbeben im Indischen Ozean und dem danach folgendenTsunami an den Küsten zu katastrophalen Verhältnissen und Zerstörungen der lokalen Infrastruktur. Besonders Fischerdörfer an der Küste waren betroffen.
DasFort St. George in Chennai, Sitz von Parlament und Regierung des Bundesstaates
Bis 1986 bestand dasParlament Tamil Nadus aus zwei Kammern. Seitdem ist die auf fünf Jahre gewählteTamil Nadu Legislative Assembly das einzige gesetzgebende Organ. Von den 234 Abgeordnetensitzen sind 42 Sitze benachteiligten Kasten und 3 Sitze der Stammesbevölkerung (Adivasi) vorbehalten. Zusätzlich kann der Gouverneur des Staates einen Vertreter der englischsprachigen Minderheit ernennen, wenn er der Meinung ist, dass diese nicht ausreichend im Parlament repräsentiert ist. DerChief Minister, der Regierungschef Tamil Nadus, wird von den Abgeordneten gewählt. An der Spitze des Bundesstaats steht jedoch der vom indischen Präsidenten ernannte Gouverneur (Governor). Seine Hauptaufgaben sind die Ernennung desChief Ministers und dessen Beauftragung mit der Regierungsbildung. Die Minister werden auf Empfehlung desChief Ministers ebenfalls vom Gouverneur in ihr Amt eingeführt. Zudem obliegt dem Gouverneur die Auflösung des Parlaments am Ende derLegislaturperiode oder bei einer Regierungskrise. In diesem Falle kann er den Bundesstaat unter die unmittelbare Verwaltung des indischen Präsidenten („President’s rule“) stellen.
Höchster Gerichtshof Tamil Nadus ist derMadras High Court, in dessen Zuständigkeitsbereich auch dasUnionsterritoriumPuducherry fällt. Den Vorsitz führt derChief Justice. Seit 2004 besteht eine Zweigstelle inMadurai.
Die Politik Tamil Nadus wird von den beiden tamilisch-nationalistischen RegionalparteienDravida Munnetra Kazhagam (DMK) undAll India Anna Dravida Munnetra Kazhagam (AIADMK) geprägt. Seit 1967 wird der Bundesstaat ununterbrochen von einer dieser beiden Parteien regiert. Ihre Wurzeln liegen in der OrganisationDravidar Kazhagam (DK), von der sich die DMK 1949 abspaltete. 1972 entstand wiederum die AIADMK nach innerparteilichen Auseinandersetzungen durch Abspaltung von der DMK und etablierte sich in der Folge als deren stärkster Konkurrent. Die ursprünglich von der DK vertretenen Forderungen nach einem separatenDravidenstaat und radikaler Sozialreform hat die DMK weitgehend gegen die Beschwörung der Größe der tamilischen Kultur und Sprache und die Forderung nach politischer und kultureller Autonomie der Bundesstaaten eingetauscht. Die AIADMK profiliert sich dagegen vor allem durch eine populistischeWohlfahrtspolitik.
Durch das herrschendeMehrheitswahlrecht kann eine kleine Gruppe vonWechselwählern große Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben. So kam es, dass sich in den 1990er und 2000er Jahren die DMK und die AIADMK nach jeder Wahl an der Regierung abwechselten. Bei der letzten Bundesstaatswahl 2016 gelang es der AIADMK erstmals seit 27 Jahren, diesen Trend zu brechen. Die AIADMK gewann knapp 41 % der Stimmen und 134 der 234 Wahlkreise. Die rivalisierende DMK kam auf knapp 32 % und 89 Mandate, während die Kongresspartei mit 6,4 % und 8 Mandaten weit abgeschlagen landete. Die BJP kam auf 2,4 % der Stimmen und kein Mandat.[14] Bei der folgenden Wahl zum Bundesstaatsparlament 2021 war wieder die DMK erfolgreich. Sie gewann 37,7 % der Stimmen und 133 Mandate. Die AIDMK kam auf 33,3 % und 66 Mandate.[13]
Obwohl die tamilischen Regionalparteien nur in Tamil Nadu und Puducherry zur Wahl antreten, konnten sie auf gesamtindischer Ebene bei der Regierungsbildung in Delhi häufig als Zünglein an der Waage eine wichtige Rolle spielen. Sie schlossen sich oft Parteienbündnissen unter Führung einer der landesweit großen Parteien an. Die DMK und die AIADMK, aber auch kleinere Regionalparteien wie die MDMK und die PMK, waren so mehrfach an gesamtindischen Regierungen beteiligt. Zuletzt war die DMK von 2004 bis zu ihrem Austritt 2013 Teil der von der Kongresspartei geführten RegierungManmohan Singhs. Bei der gesamtindischen Parlamentswahl2014 schlossen sich DMK und AIADMK keinem der landesweiten Parteienbündnisse an und waren auch nicht an der anschließend gebildeten BJP-geführten Regierung in Delhi beteiligt. Bei derindischen Wahl 2019 schloss die AIADMK mit der BJP ein Wahlbündnis, war aber anschließend ebenfalls nicht Regierungspartner in Delhi.
*) Nach der Volkszählung 2011 verkleinert. **) Nach der Volkszählung 2011 neu gegründet, Zahlen liegen nicht vor. ***) Nach der Volkszählung 2011 vergrößert.
Tamil Nadu war 2023 nach Maharashtra die zweitgrößte Volkswirtschaft der 28 Bundesstaaten Indiens zu konstanten Preisen, und die drittgrößte gemessen an den damals gültigen Preisen, nach Maharashtra und Gujarat.[16] Zugleich ist es einer der fortschrittlichsten Bundesstaaten des Landes, das überdurchschnittlich von den 1991 eingeführten Wirtschaftsliberalisierungsmaßnahmen profitiert hat. Seitdem haben sich zahlreiche ausländische Großunternehmen in Tamil Nadu angesiedelt. 2023/24 betrug das nominaleBruttoinlandsprodukt Tamil Nadus 27,2 BillionenIndische Rupien (umgerechnet ca. 350 MilliardenUS-Dollar). Damit erbrachte Tamil Nadu knapp 9 Prozent der gesamten indischen Wirtschaftsleistung.[17] Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2022 mit 3.785 US-Dollar deutlich höher als der indische Durchschnitt von 2.366 US-Dollar.[18]
Obwohl Tamil Nadu zu den am höchsten industrialisierten Bundesstaaten Indiens zählt, ist dieLandwirtschaft nach wie vor der wichtigste Arbeitgeber. Rund 45 Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Tamil Nadus Landwirtschaft ist eine der fortschrittlichsten Indiens. Die Ertragsraten liegen weit über dem indischen Durchschnitt. Seit der Einführung der „Grünen Revolution“ Mitte der 1960er Jahre, als dessen „Vater“ der aus Tamil Nadu stammende AgrarwissenschaftlerM. S. Swaminathan gilt, wurden die Bewässerungsflächen beträchtlich ausgeweitet, sodass heute etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche künstlich bewässert wird. Dennoch ist der Anteil der Landwirtschaft amBruttoinlandsprodukt aufgrund wesentlich höherer Wachstumsraten in anderen Bereichen rückläufig. 2004 betrug er nur noch 14,2 Prozent.
DerTidel Park inChennai ist das größteIT-Zentrum Tamil Nadus.
Tamil Nadu ist einer der höchstindustrialisierten Bundesstaaten Indiens. 2004 erwirtschaftete dieIndustrie 29,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Der wichtigste Industriezweig ist nach wie vor dieTextilindustrie, die für fast ein Drittel der gesamten indischen Baumwollgarnproduktion aufkommt. Die Lederindustrie hat sogar einen Anteil von 70 Prozent. Neben diesen traditionellen Branchen nehmen die Fahrzeugindustrie und deren Zuliefererbetriebe einen besonderen Stellenwert ein. Neben inländischen Automobilfirmen lassen auchFord,Hyundai,BMW undMitsubishi in Tamil Nadu produzieren. Andere wichtige Industriezweige sind die metallverarbeitende, chemische, Mineralöl-,pharmazeutische, elektrotechnische, Software-, Fahrrad-, Lebensmittel-, Zement- undpyrotechnische Industrie sowie der Maschinenbau.Avadi beiChennai ist einer der wichtigsten Standorte der indischen Rüstungsproduktion, unter anderem auch der einzige Produktionsstandort fürArjun-Panzer in ganz Indien.
Räumlich ballt sich die Industrieproduktion in drei Großräumen. Der mit Abstand wichtigste Industrieraum ist das Ballungsgebiet Chennai, wo nahezu alle bedeutsamen Industriezweige vertreten sind. Im mittleren Tamil Nadu zieht sich eine Industrieachse vomKaveridelta durch die Ebene des Flusses mit den StandortenTiruchirappalli (Metallverarbeitung, Textilien, Zement) undSalem-Mettur (Stahl, Aluminium, Textilien, Zement, Kunststoffe, Chemikalien) bis ins westliche Hochland, wo mitCoimbatore undTiruppur zwei bedeutende Textilzentren liegen. Coimbatore ist jedoch längst nicht mehr nur eine Textilhochburg, was ihm einst den Spitznamen „Manchester Südindiens“ eingebracht hat, sondern hat sich darüber hinaus zum zweitwichtigsten Industriestandort Tamil Nadus nach Chennai entwickelt. Besonders der Maschinenbau hat eine Vorrangstellung erlangt. Die dritte große Industrieregion ist der BallungsraumMadurai im Süden.
Der Strandort Mamallapuram gehört zu den beliebtesten Reisezielen Tamil Nadus
Der Dienstleistungsbereich, mittlerweile der Hauptantriebsmotor der wirtschaftlichen Entwicklung, hatte 2004 einen Anteil von 56,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Besonders hohe Wachstumsraten verzeichnet dieInformationstechnologie. Zudem gewinnen die Telekommunikations- und die Biotechnologiebranche an Bedeutung. Viele ausländische Firmen, vor allem aus dem englischsprachigen Raum, lagern Unternehmensteile wieCallcenter oder Buchhaltung nach Tamil Nadu aus.
Auch derFremdenverkehr hat sich seit den 1990er Jahren rasant entwickelt. 2011 besuchten 137 Millionen einheimische und 3,3 Millionen ausländische Besucher Tamil Nadu – ein Zuwachs von 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr.[20] Beliebte Reiseziele sind neben der Hauptstadt Chennai vor allem der StrandortMamallapuram (Mahabalipuram) mit seinen Bauten aus derPallava-Zeit sowie die alten TempelstädteMadurai,Thanjavur,Kanchipuram,Chidambaram,Tiruvannamalai undRameswaram die auch viele Pilger anziehen. Die drei „großen Tempel der Chola-Dynastie“ in Thanjavur,Gangaikonda Cholapuram undDarasuram gehören zumWeltkulturerbe der UNESCO, ebenso der Tempelbezirk von Mamallapuram und dieNilgiri-Bergeisenbahn. Die in der britischen Kolonialzeit erschlossenenhill stations in den Westghats, wieUdagamandalam (Ooty) undKodaikanal, werden dank der landschaftlich reizvollen Umgebung sowie des angenehm kühlen Klimas als Urlaubsziele geschätzt. Naturliebhaber kommen in einem der fünf Nationalparks, unter denen derMudumalai-Nationalpark aufgrund seiner Artenvielfalt besonders hervorragt, auf ihre Kosten. Immer beliebter vor allem bei ausländischen Gästen wird der Gesundheitstourismus, etwa in Form vonAyurveda-Kuren. Der Badetourismus ist dagegen trotz geeigneter Strände wenig ausgeprägt.
Der wichtigste Verkehrsweg in Tamil Nadu ist die Straße. Insgesamt umfasst das Straßennetz knapp 200.000 Kilometer, wovon drei Viertel asphaltiert sind (Stand 2007/08). DieNational Highways machen mit einer Gesamtlänge von 4.500 Kilometern nur einen kleinen Teil des Straßennetzes aus, machen aber 40 % des Verkehrsaufkommens aus.[21] Die tamilischen Streckenabschnitte derNational Highways vonChennai nachMumbai undKolkata – zusammen rund 340 Kilometer – wurden im Rahmen des Projektes „Golden Quadrilateral“ („Goldenes Viereck“) zu vierspurigen Autobahnen ausgebaut. Weitere Ausbauten sind geplant, um des wachsenden Verkehrsaufkommens Herr zu werden: Die Anzahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge nimmt jedes Jahr über 10 % zu.[21] Die staatliche BusgesellschaftTamil Nadu State Transport Corporation und private Unternehmen bieten zahlreiche Busverbindungen zwischen den Städten des Bundesstaates an.
Alle größeren Städte Tamil Nadus sind an das Schienennetz angeschlossen. Es untersteht der RegionalgesellschaftSouthern Railway derindischen Staatsbahn. Die Gesamtlänge des Schienennetzes in Tamil Nadu beträgt 3941 Kilometer (Stand 2007/08). Die Hauptlinien, die etwas über die Hälfte des Eisenbahnnetzes ausmachen, sindbreitspurig ausgebaut, allerdings nur zum Teil elektrifiziert. Die restlichen Schienenwege sindmeterspurig.[21] Die Hauptstadt Chennai verfügt über eine Vorortbahn, eine U-Bahn ist im Bau.
Drei der zwölf Hauptseehäfen Indiens liegen in Tamil Nadu: Chennai, Thoothukudi undEnnur. Der Hafen von Chennai hatte 2007/08 eine Güterumschlagmenge von knapp 57 Millionen Tonnen.[21] Damit sind Chennai und Thoothukudi nebenNavi Mumbai inMaharashtra die wichtigsten Containerhäfen des Landes. Darüber hinaus existieren 15 kleinere Häfen in Tamil Nadu, die jedoch nur für die Küstenschifffahrt von Bedeutung sind.
Als einer der wenigen indischen Bundesstaaten erzeugt Tamil Nadu einen Elektrizitätsüberschuss, den es an benachbarte Bundesstaaten weiterleitet. Strom wird vor allem aus Wärme- (Braunkohle, Erdgas), Wasser-, Kern- undWindenergie gewonnen. Bei letzterer nimmt Tamil Nadu eine Führungsposition innerhalb Indiens ein, da es für mehr als die Hälfte der indischen Windenergieerzeugung aufkommt.
Ende 2016 wurde mit demSolarpark Tamil Nadu der zu diesem Zeitpunkt leistungsstärksteSolarpark der Welt in Betrieb genommen. Er verfügt über eine Leistung von 648 MW und liefert im Jahresschnitt genügend elektrische Energie für ca. 150.000 Haushalte.[22]
Im Vergleich zu anderen Regionen Indiens ist Tamil Nadu verhältnismäßig wohlhabend. Extreme Armut ist daher nicht ganz so häufig anzutreffen wie etwa in Nordindien. Das Pro-Kopf-Einkommen lag 2006/07 bei 32.733Rupien[23] und damit etwas über dem Landesdurchschnitt von 29.642 Rupien. 2015 wurde für Tamil Nadu einIndex der menschlichen Entwicklung von 0,694 gegenüber einem Wert von 0,624 für ganz Indien ermittelt.[24] Auch Gesundheitsindikatoren wie dieLebenserwartung von 64,6 Jahren (Männer: 63,7 Jahre, Frauen: 65,7 Jahre) gegenüber 61,7 Jahren im Landesdurchschnitt (Männer: 60,8 Jahre, Frauen: 62,5 Jahre; Stand jeweils 1999) und dieSäuglingssterblichkeit von 41 auf 1000 Lebendgeburten gegenüber 60 im Landesdurchschnitt (Stand jeweils 2003) weisen auf Tamil Nadus relative Bessergestelltheit innerhalb Indiens hin.
Dennoch bestehen auch in Tamil Nadu weiterhin gravierende soziale Probleme und Ungleichheiten. So sind die außerhalb desKastensystems stehendenDalit, die in Tamil Nadu einen überproportional hohen Bevölkerungsanteil von etwa einem Fünftel haben, nach wie vor gesellschaftlicher Ausgrenzung und wirtschaftlicher Benachteiligung ausgesetzt. Viele von ihnen müssen sich ihren Lebensunterhalt als Tagelöhner in der Landwirtschaft verdienen. Kinderarbeit ist noch immer ein weitverbreitetes Problem; auffällig ist dabei der hohe Anteil von Mädchen – ein Indiz für das geringere Ansehen von Mädchen und Frauen in der Gesellschaft. Fast die Hälfte aller Kinder istunterernährt. Hohe Arbeitslosigkeit stellt vor allem in den Städten eine große Herausforderung dar.
Tamil Nadu weist im Vergleich zu anderen Teilen Indiens gute Bildungsindikatoren auf. DieAlphabetisierungsrate liegt mit 80,3 Prozent (Männer: 86,8 Prozent, Frauen: 73,9 Prozent) deutlich über dem gesamtindischen Durchschnitt von 74,0 Prozent (Männer: 82,1 Prozent, Frauen: 65,5 Prozent; Stand: jeweils Volkszählung 2011).[25] Es besteht Schulpflicht ab einem Alter von 6 Jahren. Tatsächlich werden 98,3 Prozent aller Kinder Tamil Nadus eingeschult, wobei sich die Einschulungsraten von Jungen und Mädchen kaum unterscheiden. Im Gegensatz dazu besuchen nur 42,8 Prozent aller Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren eine höhere Schule. Insgesamt verfügt der Staat über knapp 50.000 Grund- und weiterführende Schulen, in denen Tamil als erste Unterrichtssprache dient. An Hochschulen wird dagegen ein großer Teil der Lehrveranstaltungen in englischer Sprache durchgeführt.
In Tamil Nadu gibt es 21Universitäten. Darüber hinaus existieren hunderte von privaten und staatlichenColleges für Fach-, Berufs- und Allgemeinbildung. DasIndian Institute of Technology (IIT) in der Hauptstadt Chennai ist eine von nur sieben Einrichtungen dieser Art in Indien. Es zählt zu den Elitehochschulen im Bereich Technologie und Ingenieurwesen.
EinKolam – sichtbares Zeichen der tamilischen Kultur
Die tamilische Kultur ist Teil der gesamtindischen Kulturtradition, hat aber in vielerlei Hinsicht ein eigenständiges Angesicht bewahrt, das sich deutlich vom Rest Indiens unterscheidet. Das wichtigste Bindeglied der tamilischen Kultur ist dietamilische Sprache, die zum zentralen Identifikationsmerkmal erhoben und bisweilen geradezu vergöttlicht wird. Das Tamil gehört zur Familie der in Südindien gesprochenendravidischen Sprachen und ist somit nicht mit den Sprachen Nordindiens verwandt. Es kann auf eine über 2000-jährige eigenständige Literaturgeschichte zurückblicken und zählt daher als klassische Sprache. Viele Tamilen betonen stolz das hohe Alter und die Eigenständigkeit der tamilischen Sprache.[26]
Die tamilische Literatur besitzt ein Alter von rund 2000 Jahren und hat damit die älteste durchgängige Tradition aller modernen indischen Sprachen.[27] Auch beruht sie nicht auf derSanskrit-Literatur, sondern hat einen weitgehend eigenständigen Ursprung. Die früheste Schicht der tamilischen Literatur ist die wahrscheinlich aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. stammendeSangam-Literatur. DasTolkappiyam, eine Grammatik des Tamil, beschreibt die Ästhetik der klassischen Dichtung. Sie wird nach subjektiven Inhalten (akam), wie Liebe und Sexualität, sowie objektiven Themen (puram), wie Krieg und Staatswesen, unterschieden, die jeweils bildhaft dargestellt werden. Im Gegensatz zur nordindischen Sanskritliteratur spielen religiöse Themen in der frühen Tamil-Literatur kaum eine Rolle. Der Korpus der Sangam-Literatur wird unterteilt in die SammlungenEttuttogai („Acht Anthologien“) undPattuppattu („Zehn Lieder“). Aus der Nach-Sangam-Zeit stammen die „Fünf Großen Epen“, darunter dasSilappadigaram.
Gegen Ende der Sangam-Periode machten sich verstärkt die Einflüsse der sanskritischen Kultur bemerkbar, die unter anderem in umfangreichen buddhistischen undjainistischen Schriften zum Ausdruck kamen. Neue Themen wie Moral undEthik traten in den Vordergrund, etwa inTiruvalluvars belehrender VerssammlungTirukkural. Mit dem Entstehen derhinduistischenBhakti-Bewegung im 7. Jahrhundert erlebte die fromme Hindulyrik in Form von Preisliedern aufShiva undVishnu eine Blüte. In derChola-Zeit wurde dasEpos zum beliebtesten Genre. Hervorzuheben ist hier besondersKamban mit seinemKambaramayanam, einer Version desRamayana.
Umwälzende Veränderungen erlebte die tamilische Literatur infolge westlicher Einflüsse während der europäischen Kolonialherrschaft. Neue Genres, wieRoman,Essay undKurzgeschichte, setzten sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert durch und prägen die moderne tamilische Literatur bis heute. Als Begründer der tamilischen Moderne gilt der DichterSubramaniyam Bharati (1882–1921).Kalki (1899–1954) verarbeitete in seinen Romanen und Kurzgeschichten vor allem historische Stoffe.Pudhumaipithan (1906–1948) erlangte durch seine sozialkritischen Werke große Anerkennung.
Ufertempel in MamallapuramNataraja-Tempel in Chidambaram mit charakteristischem Gopuram
In architektonischer Hinsicht sticht in Tamil Nadu dieTempelbaukunst hervor. An zahlreichen Orten des Bundesstaates finden sich große Tempelanlagen im südindischenDravida-Stil. Charakteristisch sind die hohen, meist mit reichem Figurenschmuck verziertenGopurams (Tortürme) und der Aufbau des weitläufigen Tempelkomplexes, der sich über mehrere Hektar erstrecken kann, um den zentralen Hauptschrein herum. In den klassischen Tempelstädten wieMadurai,Srirangam,Chidambaram,Rameswaram undTiruvannamalai bildet das Heiligtum den Mittelpunkt der Stadt, deren Stadtgrundriss den Umrissen des Tempels folgt.
In Tamil Nadu finden sich einige der herausragendsten Beispiele frühmittelalterlicher hinduistischer Tempelbaukunst. Diemonolithischen Felsentempel aus derPallava-Zeit (7. und 8. Jahrhundert) in der ehemaligen HafenstadtMamallapuram sind Frühformen des südindischen Dravida-Stils und sind durch einen pyramidenförmig gestuften Tempelturm (Vimana) über dem Allerheiligsten gekennzeichnet. DemVimana ist üblicherweise eine Säulenhalle vorgelagert. Im 8. Jahrhundert setzte sich der in Mamallapuram begonnene Tempelbaustil in der alten Pallava-HauptstadtKanchipuram fort. DieChola entwickelten dieVimanas der Pallava-Zeit zu gewaltigen Stockwerkpyramiden weiter, deren Geschosse mit aufgesetzten Scheinzellen verziert wurden. Dieser Entwicklung erreichte mit demBrihadishvara-Tempel inThanjavur im frühen 11. Jahrhundert ihren Höhepunkt.
Unter den späten Chola und insbesondere unter den sie ablösendenPandya und derNayak-Dynastien vollzog sich eine bauliche Akzentverlagerung vom Vimana auf den Torturm (Gopuram) des den eigentlichen Sakralbau umgebenden Tempelbereiches. Während derVimana kleiner und unauffälliger ist, nimmt derGopuram nun dessen Größe und künstlerische Ausgestaltung an. Durch die Ergänzung zusätzlicher Säulenhallen sowie mitGopurams geschmückter Mauerzüge wuchsen viele Tempelbezirke zu weitläufigen Komplexen heran. Höhepunkt dieser Entwicklung ist derMinakshi-Tempel inMadurai, der seine heutige Gestalt im Wesentlichen im 16.–17. Jahrhundert erhielt.
Unter europäischer Herrschaft erlebte die zuvor weitgehend unbeachtete Profanarchitektur einen Aufschwung. Besonders inChennai entstanden monumentale Verwaltungs- und Repräsentationsgebäude wie derHigh Court sowie zahlreiche Museumsbauten imindo-sarazenischen Stil, der europäische, indische und islamische Einflüsse in sich vereinte.
Der klassische Musikstil Tamil Nadus ist diekarnatische Musik, eine der beiden Hauptrichtungen derklassischen indischen Musik neben der in geringem Umfang von persischen Traditionen beeinflusstenhindustanischen Musik Nord- und Zentralindiens. In der klassischen Musik und häufig auch in den Volksmusikstilen bildenRagas eine tonale Ordnung und sind mit rhythmischen Zyklen (Talas) verbunden. Die klassische Musik ist melodisch und im Wesentlichen vokal. Die am häufigsten verwendeten Melodieinstrumente der karnatischen Musik sind die gezupfte LanghalslauteSarasvati vina, dieVioline, die kurze Querflötepullankuzhal (zur Unterscheidung vom Doppelrohrblattinstrumentkuzhal, auchvenu, entspricht der längerenbansuri in Nordindien) und das lange Doppelrohrblattinstrumentnadaswaram. Diegottuvadyam ist eine waagrecht wie eine Zither gespielte Langhalslaute. Für den Rhythmus sorgen die zweifellige Doppelkonustrommelmridangam, der Tontopfghatam und die Rahmentrommelkanjira. Dienadaswaram wird von der zweifelligen Fasstrommeltavil begleitet, außerdem durch das einen Bordunton produzierende Doppelrohrblasinstrumentottu oder als deren Ersatz durch eineshrutibox. Bekannte karnatische Vokalisten sindM. S. Subbulakshmi (1916–2004), Ramnad Krishnan (1918–1973),D. K. Pattammal (1919–2009),M. L. Vasanthakumari (1928–1990) und Sudha Ragunathan (* 1956).
Die ältesten religiösen Gesänge gehen auf das Ende des 1. Jahrtausends zurück und sind in den beiden um 1000 n. Chr. zusammengestellten tamilischen VerssammlungenTevaram mit Hymnen anShiva undNaalayira Divya Prabhandham mit Hymnen anVishnu enthalten. Sie werden von einer Gruppe von Tempelsängern (oduvar) in den jeweiligen Hindutempeln vorgetragen.[28] Bei der religiösen Ritualmusik an Tempeln und für Prozessionen werden alsmangala vadyam („segenbringende Musikinstrumente“) geltende Blasinstrumente verwendet, zu denen neben der Kombination vonnadaswaram undtavil die gebogene Trompetekombu und die seltene gerade Trompetetirucinnam gehören.
Zur dörflichen religiösen Musik oder Volksmusik gehören die Doppeltrommelpambai, die kurze Kegeloboemukhavina, die kleineSanduhrtrommeludukai und die seltene kleine Kesseltrommeldhanki. Die religiöse VolksliedgattungVillu Pattu wird von der niedrigstehenden Kastengruppe Pulluvan mit einem besonderen Musikbogenviladi vadyam und Trommeln begleitet.
Bestandteile klassischer karnatischer Musik finden sich auch in der modernen tamilischen Popmusik wieder, häufig Filmmusiken beliebter Kinostreifen. Der erfolgreichste Komponist moderner Musik aus Tamil Nadu istA. R. Rahman. In der HauptstadtChennai findet jedes Jahr im Dezember ein großes Musikfestival statt (Chennai Music Season), bei dem einige der anerkanntesten Virtuosen der karnatischen Musik und Darsteller südindischer Tanzformen auftreten.
Tänze dienen seit jeher als Ausdrucksformen religiöser Verehrung oder zur Darstellung mythologischer Themen. Schon im Altertum wurden sie von Tempeldienerinnen (Devadasis) dargeboten. DerBharatanatyam, heute einer der sieben führenden klassischen Tanzstile Indiens, hat seinen Ursprung in Tamil Nadu. Er wurde in den 1930er Jahren vonRukmini Devi Arundale wiederbelebt und weiterentwickelt und wird heute unter anderem an der von ihr gegründetenKalakshetra-Akademie in Chennai gelehrt. Er umfasst rein tänzerische sowie dramatische Elemente. Als Einzeltanz kann er sowohl von Frauen als auch von Männern dargeboten werden. Darüber hinaus existieren zahlreiche, für Tamil Nadu spezifische Volkstanz- und Tanzdramatraditionen, darunter das religiöse StraßentheaterKattaikkuttu und das auf die Umgebung vonThanjavur beschränkte RitualtheaterBhagavata Mela.
Dastamilische Kino trägt in Anspielung aufHollywood undBollywood, die Filmindustrie inMumbai, auch den Namen „Kollywood“. Der Anfangsbuchstabe weist aufKodambakkam hin, den StadtteilChennais, auf den die tamilische Filmproduktion konzentriert ist. Der erste Spielfilm entstand in Kodambakkam 1916 unter der Regie vonR. Nataraja Mudaliar. Als ersterTonfilm folgte 1931Kalidas vonH. M. Reddy. Heute gehört der tamilische Film mit derzeit 150 bis 200 Produktionen pro Jahr neben dem Hindi-Film und dem Telugu-Film zu den drei größten indischen Regionalfilmindustrien, die alle schon die Spitzenposition der meisten produzierten Filme innehatten (Tamil erstmals 1979 mit 139 Produktionen[29]).
In Konzeption und Thematik ähneln die meisten tamilischen Produktionen denen des Hindi-Films, grenzen sich aber durch die Verwendung dertamilischen Sprache ab. Wie auch in Bollywoodfilmen kommt Musik- und Tanzeinlagen eine hohe Bedeutung zu, allerdings finden sich mehrkomische undKampfkunstelemente. Erfolgreiche Tamil-Filme werden oft in leicht abgewandelter Form und mit anderer Besetzung in Bollywoodneuverfilmt, seltener auch umgekehrt. BekannteRegisseure des gegenwärtigen tamilischen Films sind beispielsweiseS. Shankar,Mani Ratnam,Linguswamy,AR. Murugadoss undGautham Vasudev Menon, die mittlerweile auch an zahlreichen anderssprachigen Produktionen mitgewirkt haben und als herausragende indische Regisseure gelten. Der gegenwärtige „Superstar“ ist der erfolgreiche SchauspielerRajinikanth, welcher in der Vergangenheit sehr viele kommerzielle Erfolge durch seine Filme erzielen konnte.
Eine Besonderheit ist die außergewöhnliche hohe, zuweilen abgöttische Verehrung, die Schauspielern und Schauspielerinnen entgegengebracht wird. In keinem anderen Bundesstaat Indiens waren ehemalige Filmschaffende politisch so erfolgreich wie in Tamil Nadu. Die enge Verbindung von Politik und Filmindustrie begann in den 1950er-Jahren als dieDMK-Partei den tamilischen Film zu einem Vehikel ihrer Propaganda machte („DMK-Film“).[30] Seit 1967 sind alle politischen Führer Tamil Nadus – die DrehbuchautorenC. N. Annadurai undM. Karunanidhi sowie die SchauspielerM. G. Ramachandran undJ. Jayalalithaa – Filmpersönlichkeiten gewesen.
Idli und Vadai auf einem Bananenblatt mit Sambar und Kokoschutney serviert
Die als besonders pikant geltende tamilische Küche zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Vielfalt anvegetarischen Gerichten aus. Fleischspeisen sind aus religiösen Gründen von untergeordneter Bedeutung, allerdings werden gelegentlich Fisch oder Meeresfrüchte verwendet. Als Grundnahrungsmittel dientReis. Eine typische Hauptmahlzeit besteht aus Reis, der mitLinsen, verschiedenem Gemüse,Sambar (einer Soße auf Linsen- und Tamarindenbasis),Rasam (einer dünnen Pfeffersoße) undJoghurt verzehrt wird. Bei der Zubereitung der Soßen kommt eine Vielzahl an Gewürzen zum Einsatz, darunterTamarinde,Curryblätter,Koriander,Ingwer,Chili,Knoblauch,Pfeffer,Kardamom,Kreuzkümmel,Zimt,Muskatnuss undGewürznelken.
Als Zwischenmahlzeiten beliebt sindDosai, eine Art Pfannkuchen aus Reis- undUrdbohnenmehl,Idli, gedämpfte Küchlein, die ebenfalls aus Reis- und Urdbohnenmehl gefertigt werden, undVadai, frittierte Küchlein aus Urdbohnen. Dazu reicht man Sambar undChutneys aus Kokosfleisch oder Tomaten. Die Speisen werden für gewöhnlich auf einem Bananenblatt serviert. Gegessen wird traditionell mit der rechten Hand.
Noch vor dem in ganz Indien beliebtenTee ist in Tamil NaduKaffee das wichtigste Getränk. Er wird als Filterkaffee mit viel Milch und Zucker zubereitet und in Edelstahlbechern serviert.
Neben den überregional verbreiteten Feiertagen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften gilt das ErntedankfestPongal als das wichtigste aller tamilischen Feste. Es wird vom ersten Tag des tamilischen MonatsTai (Mitte Januar) an vier Tage lang gefeiert. Am ersten Tag werden symbolisch alte Gegenstände weggeworfen. Der wichtigste Tag ist der zweite, an dem man eine Art Milchreis kocht, der ebenfalls Pongal heißt. Das Gericht muss dabei überkochen, was den Wunsch nach einer guten Ernte, Wohlstand und Überfluss zum Ausdruck bringen soll. Am dritten Tag dankt man den Kühen und Büffeln für ihre Dienste. Dabei findet vielerorts einJallikattu genannter Wettkampf statt, bei dem junge Männer versuchen, einen Bullen niederzuringen. Am vierten Tag klingt das Pongal-Fest mit Familienbesuchen aus.
Das tamilische Neujahrsfest findet Mitte April statt. Unter den religiösen Festen der Hindus ragt das LichterfestDiwali heraus, im TamilischenDipavali genannt. In den Tempelstädten Tamil Nadus werden im jährlichen Rhythmus große Tempelfeste gefeiert, bei denen die Götterbilder in aufwändigen Prozessionen auf großenTempelwagen durch die Straßen gezogen werden.
Aus Tamil Nadu kommen mehr Träger der höchsten zivilen Auszeichnung Indiens, desBharat Ratna, als aus jedem anderen Bundesstaat. Zu den acht tamilischen Trägern des zuletzt 2001 verliehenen Ordens gehören der Politiker C. Rajagopalachari (1878–1972), Indiens zweiter PräsidentS. Radhakrishnan (1888–1975), der Physiker und NobelpreisträgerC. V. Raman (1888–1970), der Politiker und ehemaligeChief MinisterK. Kamaraj (1903–1975), der Schauspieler und langjährigeChief MinisterM. G. Ramachandran (1917–1987), der Raketeningenieur und ehemalige indische PräsidentA. P. J. Abdul Kalam (geb. 1931), die SängerinM. S. Subbulakshmi (1916–2004) sowie der maßgeblich an der Durchführung der „Grünen Revolution“ beteiligte PolitikerC. Subramaniam (1910–2000). Als eigentlicher Vater der „Grünen Revolution“ gilt der AgrarwissenschaftlerM. S. Swaminathan (1925–2023). Auch der MathematikerS. Ramanujan (1887–1920) und der Physiker und NobelpreisträgerSubrahmanyan Chandrasekhar (1910–1995) waren tamilischer Abstammung. Der spirituelle Lehrer und Vorgänger derSatsang-BewegungRamana Maharshi (1879–1950) wurde ebenfalls in Tamil Nadu geboren.
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↑Übersicht zur Anzahl der Produktionen in den einzelnen Sprachen Indiens in: Ashish Rajadhyaksha, Paul Willemen.Encyclopaedia of Indian Cinema. S. 30 ff.
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