Syrische Literatur ist moderneLiteratur von ausSyrien stammenden Schriftstellern inarabischer Sprache seit der Unabhängigkeit derArabischen Republik Syrien im Jahr 1946. Sie ist Teil der historisch und geografisch weiter reichendenarabischen Literatur. Literarische schriftlich oder mündlich überlieferte Werke, die von syrischen Autoren im historischen Gebiet Syrien verfasst wurden, zählen zur allgemeinen arabischen Literatur. Hierbei gilt die arabische Sprache in ihrer historischen Entwicklung seit dem Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen desKorans im7. Jahrhundert aufgrund der in klassischem Arabisch verfassten religiösen oder literarischen Werke als eine geografisch übergreifendestandardisierte Schriftsprache. Diese unterscheidet sich teilweise beträchtlich von den einzelnen regional gesprochenen Varianten, wie etwa derägyptischen,syrischen odermarokkanischen Umgangssprache.[1]
Im Arabischen bezeichnetbilad asch-schām die in EuropaLevante genannte Region des östlichen Mittelmeers. Die einzelnen Gebiete dieser Region weisen enge historische, geografische und kulturelle Ähnlichkeiten auf, wobei während desOsmanischen Reichs lediglich administrative Aufteilungen mit regem kulturellem Austausch vor allem zwischen den größeren Städten bestanden. Erst im 20. Jahrhundert entstanden die heutigen Staaten Syrien, Libanon,Jordanien,Israel bzw. diepalästinensischen Autonomiegebiete. Deshalb bezeichnetsyrische Literatur seither diebelletristischeNationalliteratur aus der Arabischen Republik Syrien sowie die von syrischen Schriftstellern in derDiaspora auf Arabisch verfassten Werke.[2] Diese Literatur ist von der politischen Geschichte des Landes, derLiteratur anderer arabischsprachiger Länder sowie vor allem in ihren Anfängen derfranzösischen Literatur beeinflusst.
Thematisch ist die moderne syrische Literatur oft von den sozialen und politischen Bedingungen in den verschiedenen Phasen der jüngeren Geschichte des Landes inspiriert. Weitere prominente Themen sind das Alltagsleben in Großstädten wie Damaskus und Aleppo, aber auch in Dörfern und kleineren Städten, indem sie die Erfahrungen des Schriftstellers widerspiegeln. Vor allem für Schriftstellerinnen sind die geschlechtsspezifischen und oft harten Lebensbedingungen von Frauen ein zentrales Thema. Abgesehen von diesen sozialen Themen behandeln die Werke syrischer Schriftsteller allgemeine menschliche Erfahrungen wie Liebe, Sexualität, Isolation oderexistentielle Themen.
Literatur aus Syrien auf Arabisch ist Teil der historisch und geografisch weiter reichendenarabischen Literatur. Literarische schriftlich oder mündlich überlieferte Werke, die auf Arabisch im historischen Gebiet Syrien vor dem 20. Jahrhundert verfasst wurden, zählen zur allgemeinen arabischen Literatur. So bezeichnetsyrische Literatur alsNationalliteratur erst die literarischen Werke seit derStaatsgründung Syriens 1946. Bis zu diesem historischen Einschnitt entwickelte sie sich weitgehend in ähnlichen kulturellen Kontexten wie die Literatur auf dem Gebiet des heutigen Libanons, was zum Beispiel in den Werken der arabischenRenaissance (Nahda) zu Ende des 19. Jahrhunderts deutlich wird.[3][4]
Dadurch entstand einerseits syrische Literatur mit eindeutig lokalen Bezügen, andererseits weist jedoch moderne arabische Literatur oft auch eine vom Ort der Entstehung unabhängige Thematik auf, wie etwa im Falle der Werke der syrischen LiteratenSaadallah Wannous,Nizar Qabbani oderAdonis. In seiner Studie „Auf der Suche nach den Lesern“ erläutert der syrischeLiteraturwissenschaftlerAbdo Abboud die unterschiedlichen Sichtweisen und Begründungen für die übergreifende Bezeichnung „arabische Literatur“ im Gegensatz zur „arabischsprachigen Literatur“ einzelner Länder, wie zum Beispiel der ägyptischen, libanesischen oder marokkanischen Literatur. Dabei stellt Abboud fest: „Jeder der 22 arabischen Staaten besitzt seine eigene literarische Welt, und jede dieser literarischen Welten spiegelt die Wirklichkeit jenes Landstriches wider, von dem sie bis zu einem gewissen Grad abhängig ist.“[5]
Auch in den Bereichen des Verlagswesens und der Leserschaft lässt sich eine übergreifende Dimension der arabischen Literatur feststellen. Zahlreiche arabische Schriftsteller veröffentlichen ihre Werke außerhalb ihres Heimatlandes, vor allem im Libanon und in Ägypten. Zu den bereits genannten Gründen für die Eigenschaften einer übergreifenden modernen arabischen Literatur zählt weiterhin die Bedeutung der arabischen Schriftsprache:[5]
„Trotz regionaler Dialekte ist das Arabische in seiner hochsprachlichen Version eine weitestgehend einheitliche Sprache. Das ermöglicht es der Literatur, ihre Leser – zumindest theoretisch – in allen arabischen Ländern zu erreichen. Der Dichter Nizar Qabbani sprach einmal treffend davon, dass er mit 200 Millionen Arabern ‚in einem Zimmer‘ lebe. […] Die modernen arabischen Literaturschaffenden finden ihr Publikum insbesondere mit ihren herausragenden Werken überall in der arabischen Welt und keineswegs nur in der jeweiligen Region, aus der sie selbst stammen.“
Ihren EssayThe Silences of Contemporary Syrian Literature von 2001 beginnt die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin syrischer HerkunftMohja Kahf mit der provokanten These, dass es keine syrische Literatur gäbe, was sie vor allem mit der mehrdeutigen Definition des Landes in geografischer und historischer Hinsicht begründet. Dennoch beschreibt sie die Werke zahlreicher syrischer Autoren als syrische Literatur, wobei sie vor allem auf die Bedingungen des Schreibens unter der Diktatur des syrischen Regimes eingeht. Hierbei betont sie das Fehlen bestimmter politischer Themen, bedingt durch die Abhängigkeit der Schriftsteller vom Wohlwollen der Regierung, Zensur und Veröffentlichungsverbote sowie einschneidende Ereignisse wie dasMassaker von Hama, die sie in der modernen syrischen Literatur vermisst. Angesichts der Repression im Lande betont sie die „Stille“ in Bezug auf diese Themen als übergreifendes Merkmal: „Die zeitgenössische syrische Literatur entsteht im Schmelztiegel eines hartnäckigenAutoritarismus. Mannigfaltiges Schweigen, Ausflüchte, indirekte bildhafte Rede, Lücken und Auslassungen sind markante Merkmale der syrischen Literatur.“[6] Nach Ausbruch desKriegs in Syrien im Jahr 2011 schrieb Kahf jedoch, dass sich dadurch „alles verändert“ habe und eine neue literarische Tradition im Entstehen sei.[7]
In seiner Studie aus dem Jahr 2021 stimmte derIslamwissenschaftler Felix Lang Kahfs Meinung von 2001 zu und nannte das literarische Arabisch „ein[en] transnationale[n] Raum der literarischen Produktion […], der einen orthodoxen, nationenzentrierten Ansatz für das literarische Feld bis an seine Grenzen ausdehnt.“ Darüber hinaus schlug er „den Beginn einer wirklich syrischen literarischen Tradition“ für die Zeit nach dem Aufstand von 2011 und den darauf folgendenKrieg in Syrien vor.[8]
Im Jahr 2022 bezeichneten die Literaturwissenschaftler Daniel Behar und Alexa Firat die Geschichte der Literatur aus Syrien als „eine lange literarische Vergangenheit, die in die literarische Produktion der Gegenwart einfließt“. Da die syrische Literatur aus „einer reichen Tradition von Stilen, Genres, Tropen und Sensibilitäten“ bestehe, postulierten die Autoren, dass sie eher als durch die Gewalttaten des Regimes vielmehr „mit Bezug auf interne Dynamiken und autonome Formen der Auseinandersetzung mit verschiedenen literarischen und historischen Welten untersucht werden sollte.“[9]
Bis zur Unabhängigkeit Syriens im Jahr 1946 behandelt die Literaturgeschichte Werke, die in der historischenRegion Syrien entstanden, als arabische Literatur. Zur Zeit desKalifats derUmayyaden (circa 661 bis 750 n. Chr.) mit Regierungssitz inDamaskus nahmen das in arabischenKassiden verfasste Lobgedicht auf hochgestellte Persönlichkeiten bei Hofe und dasSchmähgedicht auf den Gegner eine wichtige Rolle ein. Die aus verschiedenen Regionen des Kalifats stammenden Dichteral-Farazdaq (640–728),[10]Al-Achtal[11] und Dscharir (653–729)[12] zählten zu den bedeutendsten Literaten dieser Zeit.[13] In der vierbändigenAnthologieYatīmat des arabischen Dichters und mittelalterlichenLiteraturkritikers Al-Tha’alibi (961–1038) und seiner daran anknüpfenden AnthologieTatimmat sind Werke zahlreicher Dichter im damaligen Syrien enthalten.[14] An diese Anthologien schließt sich das WerkKharidat al-Qasr des Historikers im Dienste des Sultans von SyrienNur ad-Din und seines NachfolgersSaladin,Imad ad-Din al-Isfahani (1125–1201) an, das zahlreiche Erwähnungen syrischer Dichter und ihrer Verse enthält.[15]

Der blinde Dichter undPhilosophAbū l-ʿAlāʾ al-Maʿarrī (973–1057) aus dem nordsyrischenMaarat an-Numan gilt als einer der größten klassischen arabischen Dichter. Seinrisalat al-ghufran („Sendschreiben über die Vergebung“) wurde aufgrund seiner literarischen Erzählstruktur mitDantesGöttlicher Komödie verglichen.[16]
Usama ibn Munqidh (1095–1188), ein syrischer Schriftsteller und Dichter,Politiker undDiplomat, war einer der wichtigsten zeitgenössischenChronisten derKreuzzüge auf arabischer Seite. Auf Grund seiner Tätigkeit als Diplomat kannte er wichtige Persönlichkeiten persönlich, sowohl auf arabischer als auch christlicher Seite. Seine ErinnerungenKitab al-I’tibar geben einen guten Einblick in die Lebensumstände und auf das Verhältnis von Christen und Muslimen der damaligen Zeit.[17] Im 13. Jahrhundert verfassteIbn Abī Usaibiʿa (* nach 1194; † 1270), ein syrischer Arzt, Medizinhistoriker undBiograf, eine ausführlicheGeschichte der Medizin, die vor allem eine Sammlung von 380 Biografien, hauptsächlich arabischsprachiger Ärzte und Wissenschaftler, darstellt.

An einem Werk derWeltliteratur, das seit seiner ersten Übertragung aus dem Arabischen in eine europäische Sprache zahlreiche weitere Ausgaben und Übersetzungen erfahren hat, war 1709 dermaronitische GeschichtenerzählerHanna Diyab (1688–ca. 1770) aus Aleppo beteiligt: Der französische OrientalistAntoine Galland veröffentlichte die auf Diyab zurückgehenden Geschichten „Aladin und die Wunderlampe“ sowie „Ali Baba und die vierzig Räuber“ im 9. und 10. Band seiner Übersetzung vonTausendundeine Nacht. Diyab hatte diese und mehr als ein Dutzend anderer Geschichten Galland in Paris zunächst auf Arabisch erzählt, worauf dieser dann die beiden zuvor genannten und andere Geschichten als vorgeblich authentische Teile des Geschichtenzyklus auf Französisch veröffentlichte.[18] Aufgrund von Diyabs Beiträgen nannte ihn der IslamwissenschaftlerUlrich Marzolph „den Mann, der dieNächte unsterblich machte.“[19] Zwei Jahrhunderte später wurde in derVatikanischen Bibliothek Diyabs autobiografischeReiseerzählung entdeckt, die auf Deutsch 2016 unter dem TitelVon Aleppo nach Paris: die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV. veröffentlicht wurde.[20]

Im Bereich dermündlichen Literaturtraditionen derarabischen Lieder, Sprichwörter oder oft improvisierten Gedichte nehmen die volkstümlichen Geschichten derhakawati genanntenErzähler eine besondere Stellung ein. In populären Teestuben und Kaffeehäusern erzählte einhakawati seine Geschichten aus dem Gedächtnis, wobei sein Stil von vielen Metaphern, Reimen und Übertreibungen geprägt war. Die Geschichten stammten dabei aus unterschiedlichen traditionellen Vorlagen, zum Beispiel aus Tausendundeiner Nacht, ausEpen legendärer arabischer Helden wie Antarah ibn Shaddad oder aus demKoran. Indem er zwischen Hocharabisch und derUmgangssprache wechselte, verlieh der Geschichtenerzähler den unterschiedlichen Charakteren und Situationen jeweils passende literarische Ausdrucksformen.[21][22] Um solche Geschichten auch im Kontext der syrischen Diaspora am Leben zu erhalten, wurden 2015 in der zweisprachigen AnthologieTimeless Tales. Folktales told by Syrian Refugees 21 traditionelle Volkserzählungen in der Version von syrischen Geflüchteten auf Arabisch und Englisch online veröffentlicht.[23]
In der syrischen Literaturgeschichte sind die folgenden Epochen von besonderer Bedeutung:
Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts schufen Schriftsteller vor allem ausÄgypten, dem heutigen Libanon und Syrien eine reformorientierte kulturelle Bewegung, die alsNahda-Bewegung (arabische Renaissance) bekannt wurde. Dabei vertraten sie unter anderem den Standpunkt, Religion und wissenschaftlicher Fortschritt seien miteinander vereinbar. DenIslam erachteten sie als tragfähige Grundlage einer modernen arabischen Gesellschaft, riefen zugleich jedoch zu einer Erneuerung des Islams im Sinne desZeitgeistes auf. Im damals noch unterosmanischer Herrschaft stehenden Syrien nahmen Intellektuelle mit ihren literarischen und programmatischen Werken an der Nahda-Bewegung teil.[24] So gilt beispielsweise der syrischeHistoriker,Literaturkritiker und Gründer derAkademie für die arabische Sprache in Damaskus im Jahr 1918,Muhammad Kurd Ali, als eine der großen Persönlichkeiten der Bewegung der arabisch-islamischen Renaissance.[25]
Fransis Marrasch (1835–1874) war ein syrischerSchriftsteller undDichter der Nahda. Wie seine Geschwister lebte er als Mitglied einer kosmopolitischen Familie inAleppo. Die meisten seiner Werke handeln von Wissenschaft, Geschichte und Religion, die er unter einererkenntnistheoretischen Auffassung analysierte. Sein RomanGhābat al-ḥaqq(Wald der Wahrheit) von 1865 wurde als einer der ersten Romane in arabischer Sprache bezeichnet.[26] Sein Vater Fathallah und sein BruderAbdallah (1839–1900) erreichten ebenfalls literarische Bedeutung, während seine SchwesterMarjana Marrasch (1848–1919) vor allem als Lyrikerin die Tradition derliterarischen Salons im Nahen Osten aufleben ließ. Sie war die erste syrische Frau, die einen Gedichtband veröffentlichte und Artikel in der arabischen Presse schrieb.[27] Aleppo war damals ein wichtiges intellektuelles Zentrum des Osmanischen Reiches, in dem sich viele Denker und Schriftsteller mit der Zukunft der Araber beschäftigten. In den französischen Missionsschulen lernte die Familie Marrasch Arabisch, Französisch und andere Fremdsprachen wie Italienisch und Englisch.[28]
Qustaki al-Himsi (1858–1941), ein weit gereister und wohlhabender Geschäftsmann aus Aleppo, war ein syrischer Schriftsteller, Übersetzer aus dem Französischen und Dichter der Nahda-Bewegung. Als einer der ersten Reformer der traditionellenarabischen Poesie wurde er zu einer prominenten Figur der arabischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Homsi gilt durch seine dreibändige AbhandlungDie Quelle des Forschers in der Wissenschaft der Kritik (1907 und 1935) als Begründer der modernenLiteraturkritik unter den arabischen Intellektuellen.[29]
Seit den 1930er Jahren entstanden vor allem in denGenres Kurzgeschichte und Roman eine neue Generation und die Anfänge einer modernen literarischen Bewegung. Hierzu zählen unter anderem die historischen Romane von Ma‘ruf Ahmad al-Arna’ut (1892–1942) undNaham (1937,Gier) von Shakib al-Jabiri, das einen der Meilensteine in der Entwicklung der modernen Belletristik in Syrien darstellt. Dieser Roman handelt von den romantischen Erlebnissen eines russischen Emigranten in Deutschland. Dieser Aufschwung der syrischen Prosaliteratur verstärkte sich weiterhin bis zu den 1950er Jahren und war von einem wachsenden Nationalismus geprägt.[15]
Im Jahr 1948 führten die Teilung des benachbartenPalästina und die GründungIsraels zu einem neuen Wendepunkt in der syrischen Literatur.Adab al-Iltizam, die vom sozialenRealismus geprägte „Literatur des politischen Engagements“, löste größtenteils den romantischen Trend der vergangenen Jahrzehnte ab. Prominente Vertreter gehörten zu der 1951 in Damaskus gegründeten „Liga arabischer Schriftsteller“[15] und der später daraus entstandenenArabischen Schriftstellervereinigung von 1969. Die darin vertretenen Schriftsteller prägten die Literatur eines sozial orientiertenRealismus der nächsten zwanzig Jahre.Hanna Mina (1924–2018), der Kunst um der Kunst willen ablehnte und sich mit den sozialen und politischen Problemen seiner Zeit auseinandersetzte, war einer der bekanntesten syrischen Romanautoren dieser Zeit. Nach dem Sechstagekrieg 1967 stellte danachAdab al-Naksa, die „Literatur der Niederlage“, ein wichtiges Genre angesichts der arabischen Niederlage dar.[26]
Die syrische Literatur im späten 20. und zu Anfang des 21. Jahrhunderts weist charakteristische Eigenschaften von mehr als vier Jahrzehnten autoritärer Herrschaft auf. Darstellungen von Inhaftierung oder die unmenschlichen Formen der Folter gegen Regimegegner kennzeichnen die syrische Literatur in den 1980er und 1990er Jahren. Als zentrales Thema im syrischen Roman der 2000er Jahre wird die Staatsmacht in Gestalt der Geheimdienste (mukhābarāt) als ständige Gefahr der Überwachung und Unterdrückung dargestellt.[30]
Im Jahr 1977 bemerkte der syrische Schriftsteller und JournalistZakaria Tamer (* 1931): „Die Macht der Worte ist lächerlich in einem Land, das zu 70 % ausAnalphabeten besteht.“[31] Trotz der hohen Zahl von Verlagen (379 vom Wirtschaftsministerium im Jahr 2004 aufgeführte Verlage) sind die Auflagen relativ niedrig. Zusätzlich zur Analphabetenrate wurden mehrere Gründe dafür verantwortlich gemacht:[32]
Seit 1960, dem Jahr der Veröffentlichung seiner ersten Sammlung von Kurzgeschichten, zählt Zakaria Tamer in der arabischen Öffentlichkeit zu den bekanntestenProsaautoren. In seinem Werk stellt er Figuren der arabischen literarischen Tradition in neue Zusammenhänge und spielt somit auch auf die Gegenwart seiner Leser an. Nach langjähriger Tätigkeit als Angestellter im syrischen Kulturministerium und beim staatlichen Fernsehen übersiedelte er 1981 nach Großbritannien, wo er auch alsKulturjournalist für arabische Zeitungen und Zeitschriften tätig war.[33]
Haidar Haidar (1936–2023), der aus einem Dorf an der Mittelmeerküste nördlich vonTartus mit mehrheitlichalawitischer Bevölkerung stammte, war bekannt für seine kritische Haltung gegenüber politischen und religiösen Institutionen und seine Bereitschaft, kontroverse Themen aufzugreifen. Er schrieb siebzehn Bücher mit Romanen, Kurzgeschichten, Essays und Biografien, darunterAz-Zaman al-Muhish (Die verdorbene Zeit), das vom Arabischen Schriftstellerverband auf dem 7. Platz als einer der 100 besten arabischen Romane des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wurde.[34] Sein RomanWalimah li A’ashab al-Bahr,(Ein Bankett für Seetang), 1983 zuerst erscheinen in Beirut, wurde in mehreren arabischen Ländern verboten und führte zu einer wütenden Reaktion der Geistlichen derAl-Azhar-Universität, als das Buch im Jahr 2000 in Ägypten nachgedruckt wurde. Die Kleriker erließen eineFatwa, die den Roman verbot, und beschuldigten Haidar derHäresie und der Beleidigung des Islam. Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei linke irakische Intellektuelle, die Ende der 1970er Jahre vor dem Unrecht des irakischen PräsidentenSaddam Hussein geflohen waren. Im Roman machen sie Diktaturen und konservative Bewegungen für die politische Unterdrückung in der arabischen Welt verantwortlich, und in einem der umstrittensten Textstelle wird Gott als gescheiterter Künstler beschrieben.[35][36]Ghada al-Samman (* 1942) entstammt einer alteingesessenen, konservativen Damaszener Familie. Sie ist entfernt mit dem syrischen DichterNizar Qabbani verwandt, und ihr Vater war einige Zeit lang Präsident derUniversität Damaskus. Nach einem ersten Studium der englischen Literatur ging sie nach Beirut, um an derAmerikanischen Universität Beirut denMaster of Arts in Theaterwissenschaften zu erlangen. Ihre Werke befassen sich unter anderem mit demSechstagekrieg und den Problemen desLibanon vor und während desLibanesischen Bürgerkriegs, der 1975 begann und erst 1990 endete. Weiterhin gilt sie aufgrund ihrer zahlreichen Texte, die soziale und psychologische Konflikte von Frauen in der arabischen Welt behandeln alsfeministische Autorin. Al-Samman arbeitete zunächst als Journalistin und veröffentlichte daneben mehr als 40 Romane, Kurzgeschichten, Lyrik undautobiografische Werke, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ihre Romane und Kurzgeschichten drücken ein starkes arabisch-nationalistisches Gefühl aus und kritisieren denZionismus, indem sie sich auf die Seite derPalästinenser stellen. In einigen ihrer Romane, wieBeirut ’75, der auch auf Deutsch erschien, entlarvt sieKlassenunterschiede, Geschlechterkonflikte und Korruption in der libanesischen Hauptstadt und sagte indirekt den bald darauf folgenden Bürgerkrieg voraus. Al-Samman kehrte nach ihren Jahren in Beirut nicht mehr nach Syrien zurück und lebt seit Mitte der 1980er Jahre in Paris. Ihr 1977 veröffentlichter RomanAlptraum in Beirut, der 1992 auch auf Deutsch erschien, stand auf dem 10. Platz der 100 besten arabischen Romane des 20. Jahrhunderts.[34][37][38]

Die frühen Werke des inQamischli geborenensyrischen KurdenSalim Barakat (* 1951) zeichnen sich durch Erlebnisse in seiner Jugend mit den vielfältigen kulturellen Einflüssen der arabischen,assyrischen,armenischen,tscherkessischen undjesidischen Bevölkerungsgruppen dieser an die Türkei angrenzenden Region aus. 1970 reiste Barakat nach Damaskus, um arabische Literatur zu studieren, zog aber nach einem Jahr nach Beirut weiter, wo er bis 1982 lebte. Während seines Aufenthalts in Beirut veröffentlichte er fünf Gedichtbände, ein Tagebuch und zwei Bände mitAutobiografien. Sein Erzählband von 1980Der eiserne Grashüpfer erschien 1995 auch auf Deutsch und enthält Darstellungen aus dem Leben der kurdischen Bevölkerung seiner Heimat. 1982 zog er nach Zypern und arbeitete als Chefredakteur der angesehenen palästinensischen ZeitschriftAl-Karmel, deren HerausgeberMahmoud Darwisch war. 1999 emigrierte er nach Schweden, wo er seither lebt.[39]
Neben seinen Autobiografien hat Barakat rund 50 Romane, Lyrikbände und Kinderbücher verfasst. Seine Werke wurden mit demlateinamerikanischen magischen Realismus verglichen und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Nach dem Literaturwissenschaftler Stefan G. Meyer stellt Barakat nicht nur die Realität durch die mythische Imagination dar, sondern nutzt auch die lokale Kultur als Mittel, um einen universelleren Zustand zu vermitteln.[40] Barakats Sprache zeichnet sich weiterhin durch einen ungewöhnlich umfangreichen Wortschatz und Anleihungen an die klassische Poesie aus, die er jedoch auf individuelle Weise erneuert, wofür ihm große Anerkennung gezollt wurde.[41]
Khaled Khalifa (1964–2023), geboren in einem Dorf bei Aleppo und ab den späten 1990er Jahren bis zu seinem Tod in Damaskus lebend, war ein syrischerRomancier,Drehbuchautor undPoet, der ebenfalls zu den bekanntesten arabischen Autoren zählt. Khalifa studierte Jura an derUniversität Aleppo. Er war Mitgründer und Mitherausgeber der LiteraturzeitschriftAlif, eines kritischen Forums für experimentelles Schreiben, und Mitglied des Literarischen Forums an der Universität Aleppo. Seit 2009 nahm er mehrfach amInternationalen Literaturfestival Berlin teil. Khalifa schrieb Romane und Drehbücher für Kinofilme und Fernsehserien, die von syrischen Regisseuren verfilmt wurden. 2013 wurde er mit demNaguib Mahfouz Preis für Literatur ausgezeichnet und dreimal für denInternational Prize for Arabic Fiction nominiert. Seine Werke waren oft kritisch gegenüber derbaathistischen Regierung Syriens und wurden daher im Land verboten. Deshalb erschienen sie zusätzlich auch in libanesischen Verlagen. Seine RomaneZum Lobe des Hasses, Keine Messer in den Küchen dieser Stadt, Der Tod ist ein mühseliges Geschäft undKeiner betete an ihren Gräbern wurden ins Deutsche und andere Sprachen übersetzt.[42][43]

Der 1930 in Nordsyrien geborene und inBeirut sowie seit 1985 in Paris lebendeAli Ahmad Said (* 1930), der unter seinemKünstlernamenAdonis veröffentlicht, ist einer der bekanntesten Lyriker der arabischen und internationalen Literaturszene. 1957 gab er zusammen mit seinem LandsmannYusuf al-Khal (1917–1987) und anderen renommierten Schriftstellern die avantgardistische LiteraturzeitschriftSchi’r („Poesie“) heraus, mit der die Autoren gegen die formale Strenge und althergebrachte Monotonie der Dichtkunst der damaligen arabischen Lyrik demonstrierten. Durch inhaltliche Rückgriffe auf klassische arabische Dichter, die oftmals keineTabus kannten und unter anderem kritisch gegenüber der Religion waren, versucht er, diese Offenheit neu zu beleben.[44] Neben seinen Gedichten erregte er durch seine kritischen Essays immer wieder Aufsehen in derarabischen Welt.[45]
Yusuf al-Khal machte sich sowohl als Lyriker undLiteraturtheoretiker als auch durch seine Übersetzungen vor allem englischer und amerikanischer Literatur ins Arabische einen Namen. Außerdem übersetzte er als syrischer Christ dasNeue und teilweise dasAlte Testament ins Arabische. In seinem letzten Lebensjahr setzte er sich für die Verwendung derarabischen Umgangssprache in der Literatur ein und schrieb von da an auch konsequent in umgangssprachlichem Arabisch. In seinem letzten Lebensjahr setzte er sich für die Verwendung der arabischen Umgangssprache in der Literatur ein und schrieb von da an auch konsequent in dersyrisch-arabischen Umgangssprache.[46]

Der aus Damaskus stammende LyrikerNizar Qabbani (1923–1998) zählt zu den bekanntesten arabischen Dichtern. Der studierte Jurist und bis 1966 ehemaligeBotschafter seines Landes wurde zunächst durch seineLiebesgedichte bekannt, die auch durch bekannte arabische Sängerinnen und Sänger als Texte für ihre Lieder weite Verbreitung fanden. In damals für das konservative Publikum ungewöhnlich deutlichen Versen behandelte er neben romantischen Beschreibungen der Liebe auch Erotik und Sexualität und äußerte sich darüber wie folgt: „Die Liebe ist in der arabischen Welt eine Gefangene, die ich befreien möchte. Ich möchte die arabische Seele, das Gefühl und den Körper mit meiner Dichtung befreien.“ Qabbani schrieb seine Gedichte anders als in der klassischen arabischen Poesie in bekannten und teilweise drastischen Worten aus der Alltagssprache, was seine Dichtung für breite Gesellschaftsschichten zugänglich machte. Er veröffentlichte mehr als 30 Gedichtbände sowie regelmäßig Artikel in derpanarabischen, in London verlegten Tageszeitungal-Hayat.
Weitere zentrale Themen seiner Gedichte behandeln zeitgenössische und politische Themen wie denKonflikt zwischen Israel und Palästinensern, die arabische Niederlage imKrieg gegen Israel 1967, und denlibanesischen Bürgerkrieg, dem er zahlreiche Gedichte widmete. Die libanesische HauptstadtBeirut war oft Schauplatz in seinem Werk. Ähnlich prominent handelten seine Gedichte jedoch auch von Damaskus,Bagdad undJerusalem. In seinem Heimatland Syrien wird Qabbani als Nationalheld angesehen. Jedoch vermied er, den damaligen Präsidenten,Hafiz al-Assad, explizit zu kritisieren. Nachdem Qabbanis zweite Ehefrau Balqis am 15. Dezember 1982 durch einen Bombenanschlag in Beirut getötet wurde, verbrachte er die folgenden Jahre seines Lebens in Genf, Paris und London.[47]
Der Lyriker, Theaterautor und EssayistMuhammad al-Maghut (1934–2006) gilt als einer der ersten Verfasser der arabischenfreien Verse, indem er seine Gedichte von der traditionellen Form befreite und ihre Struktur revolutionierte. Seine ersten Gedichte schrieb er in den 1950er Jahren im Gefängnis auf Zigarettenpapier. Diese schrieb er als persönliche Memoiren über die Gefängniserfahrung, was später als revolutionäre Poesie entdeckt wurde. Ohne formale Ausbildung nutzte er seine lebhafte Vorstellungskraft, seine angeborene Beherrschung der Worte und seine Intuition in seinen Werken. Insbesondere schrieb er für das Theater, Fernsehen und Kino. Maghouts Werk verband Satire mit Beschreibungen von sozialem Elend und Unbehagen und dem ethischen Verfall unter den Herrschern in der Region. Die Kämpfe der Marginalisierten standen im Mittelpunkt seines gesamten Schaffens. Seine erste TheaterinszenierungDer Glöckner war ursprünglich ein langes Gedicht, das er geschrieben hatte, während er sich in einem kleinen Raum mit niedriger Decke versteckte. In diesem Gedicht entstand ein Dialog, den er später zu seinem ersten TheaterstückDer bucklige Vogel(Al-ousfour al ahdab) umformte. Es folgte ein weiteres Stück,Der Clown(Al-Mouharej), gespielt von dem bekannten libanesischen Schauspieler Antoine Kerbaj. Al-Maghut arbeitete auch mit den syrischen Schauspielern Dureid Lahham und Nihad Qal’i zusammen, um einige der beliebtesten Theaterstücke der Region zu produzieren, wieKasak ya Watan (Toast auf die Heimat), Ghorbeh (Entfremdung) undDayat Tishreen (Oktoberdorf).[48][49]
Das syrischeTheater nahm nach 1959 einen Aufschwung, als die Regierung das nationale Theaterensemble ins Leben rief. Als „Vater des syrischen Theaters“ gilt der Dramatiker Abu Khalil al-Qabbani (1841–1902).[50] Der international bekannteste syrische DramatikerSaadallah Wannous (1941–1997) verfasste ein Theaterstück mit dem TitelEin Abend mit Abu Khalil Qabbani, und ein Theatersaal in Damaskus wurde nach Qabbani benannt.[51] Wannous gilt als bekanntester Vertreter des politischen Theaters seit den 1970er Jahren und erreichte mit seinen strukturell von Brecht beeinflussten Stücken auch Publikum, das keine Prosaliteratur las.[52] Daneben war er Redakteur des Kunst- und Kulturteils der syrischen ZeitungAl-Baath und der libanesischen ZeitungAs-Safir. Er war außerdem viele Jahre Leiter der syrischen Musik- und Theaterverwaltung und Redakteur der Theaterzeitschrifthayat al-masrah (Theaterleben). Außerdem war er Gründungsmitglied der Hochschule für Theater in Damaskus, an der er anschließend auch unterrichtete.[53][54]
Walid Ikhlassi (1935–2022), Verfasser von Kurzgeschichten und Romanen, wurde auch als Hochschullehrer und innovativer Dramatiker bekannt. Sein Stil zeichnet sich durch eine experimentelle, surrealistische und absurde Art aus, die oft mit einem extrem realistischen Ton vermischt ist.[55]Mamdouh Adwan (1941–2004) war ein weiterer moderner syrischer Schriftsteller, Dozent und Autor für das Theater und von Fernsehserien.[56] Seine Werke umfassen neben zahlreichen Theaterstücken und Drehbüchern auch mehrere Lyriksammlungen, Romane, Zeitungsartikel und literarische Übersetzungen aus dem Englischen.[57][58]
Mohammad Al Attar (* 1980) ist ein zeitgenössischer syrischerTheaterautor undDramaturg, der anschließend an seine Studienzeit in Damaskus nach Berlin emigrierte. Seine auf Arabisch verfassten Theaterstücke wurden seit den 2000er Jahren im Original sowie in Übersetzung in mehreren Ländern, darunter im Nahen Osten, in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland aufgeführt. Da er sich dabei auf das Schicksal von Flüchtlingen und denKrieg in seinem Land bezieht, wurde er „als wichtiger Chronist des vom Krieg zerrissenen Syrien“ bezeichnet.[59] Ähnliche Schicksale und Erfahrungen aus dem Krieg verarbeitetenRania Mleihi an deutschen Theatern undLiwaa Yazji, deren TheaterstückeGoats (2017) undQuestion & Question (2016) amRoyal Court Theatre, London, und an derBoston University aufgeführt wurden.[60]
Besonders seit dersyrischen Revolution und demsyrischen Bürgerkrieg nach 2011 entstand eine Vielzahl realitätsnaher Werke. Diese führen dazu, dass zeitgenössische Kunstwerke wie Literatur seither ohne die zuvor allgegenwärtige Furcht vor Zensur und Verfolgung die politischen, sozialen und psychologischen Begleiterscheinungen des Kriegs thematisieren können.[61][62] So beschriebFawwaz Haddad (* 1947) in seinem in deutscher Übersetzung erschienenen RomanGottes blutiger Himmel die Grausamkeiten der Auseinandersetzungen zwischenAl-Qaida-Kämpfern, US-Soldaten und Folteropfern im Irak. Dies erzählt der Autor durch die Suche eines damaszener Intellektuellen und desillusioniertenAtheisten, was seine politischen Ideen von der Veränderbarkeit der Welt anbelangt, nach seinem Sohn, der sich der Al-Qaida angeschlossen hat.[63]Mustafa Khalifa (geb. 1948) schrieb seinen autobiografischen RomanDas Schneckenhaus aus dem Jahr 2008 auf der Grundlage seiner 13-jährigen Erfahrung als politischer Gefangener.[64] Der trotz des Kriegs weiterhin in Aleppo lebendeNiroz Malek (* 1946), schildert in seinen 2017 auf Deutsch erschienenen ErzählungenDer Spaziergänger von Aleppo sowohl das Grauen als auch einige Momente, in denen sich seine Figuren durch „Momente der Schönheit […] einen Rest von Würde bewahren.“[65]
Aufgrund politischer Repressionen und des andauernden Bürgerkriegs gingen zahlreiche Schriftsteller ins Exil. Dazu zählen unter anderenRasha Omran (* 1964) in Ägypten,Dima Wannous (* 1982);Ghalia Qabbani[66] und Haitham Hussein (* 1978)[67] in Großbritannien, Salim Barakat und Faraj Bayrakdar (* 1951) in Schweden, Mustafa Khalifa,Samar Yazbek (* 1970) undOmar Youssef Souleimane (* 1987)[68] in Frankreich, sowieNihad Siris (* 1950),Ali Al-Kurdi (* 1953),Yassin al Haj-Saleh (* 1961),Jan Dost (* 1965),Najat Abed Alsamad (* 1967),Aref Hamza (* 1974),Osama Esber (* 1963),Rosa Yassin Hassan (* 1974),Liwaa Yazji (* 1977),Aboud Saeed (* 1983),Rasha Abbas (* 1984),Widad Nabi (* 1985) undLina Atfah (* 1989) in Deutschland. Da diese Autoren nach wie vor in arabischer Sprache schreiben und publiziert werden, sind ihre Werke in Syrien verboten. In Bezug auf die Erwartungen deutscher Verlage und des Publikums beklagen einige Autoren, dass ihre Werke vorrangig nicht aus literarischen Gründen auf Interesse stoßen. Vielmehr bestehe häufig die Erwartung, „orientalistische“ Klischees bezüglich der Gefahren auf der Flucht oder der Unterdrückung arabischer Frauen, bestätigt zu sehen.[69]
Im Londoner Exil schieb die Schriftstellerin und Aktivistin Dima Wannous ihre ironischen Erzählungen über Menschen in ihrem Heimatland mit dem Titel „Dunkle Wolken über Damaskus“. Sie wurden zuerst im arabischen Original und danach auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht.[70] Neben Romanen veröffentlichte Samar Yazbek auch das SachbuchDie gestohlene Revolution. Reise in mein zerstörtes Syrien.[71] Liwaa Yazjis Werk als Autorin von Theaterstücken und Drehbüchern, die gegen den Krieg Partei ergreift, ist ähnlich geprägt von ihren Reflexionen über die Grausamkeit des Krieges in Syrien und ihrer Situation als Schriftstellerin im Exil.[72] All diese Werke sind somit der syrischenExilliteratur zuzuschreiben.

In der Entwicklung des syrischen Romans spielen Schriftstellerinnen eine bedeutende Rolle. Nach den früheren Werken syrischer Literatur, die Tendenzen der Romantik und des sozialen Realismus aufzeigten, erschienen mit den Werken von Ulfat Idlibi (1912–2007), Widad Sakakini (1913–1991), Colette Khoury (* 1931)[73] und Sania Saleh (1935–1985) seit den 1950er Jahren eher experimentelle Romane und neue Themen, die sich mit der syrischen Gegenwart auseinandersetzen, wie zum Beispiel die Diskriminierung von Frauen.[74][75] Weitere bekannte Schriftstellerinnen der folgenden Generationen sind Ghada al-Samman, Hamida Nana (* 1946), Marie Seurat (geb. Bachi, 1949), Salwa Al Neimi, Ibtisam Ibrahim Teresa (* 1959), Haifa Baytar (* 1960),[76] Lina Hawyani al-Hasan (* 1975) und Maha Hassan, sowie die bereits erwähnten Autorinnen Rasha Abbas, Lina Atfah, Widad Nabi, Rasha Omran, Ghalia Qabbani, Rosa Yaseen Hassan, Dima Wannous, Samar Yazbek und Liwaa Yazji.[77]
Im Jahr 2018 gewann Najat Abdul Samads WerkLa Ma' Yarweeha (Keiner stillt ihren Durst) den renommierten Katara-Preis für arabische Romane, undMaria Dadoush wurde im selben Jahr mit demselben Preis in der Kategorie für unveröffentlichte Jugendromane fürDer Planet des Unglaublichen ausgezeichnet.[78] Im Januar 2024 wurde der RomanSuleimas Ring der syrischen Emigrantin in Spanien, Rima Bali, für die shortlist für den Internationalen Preis für arabische Belletristik (IPAF) ausgewählt, einer der wichtigsten Literaturpreise in der arabischen Welt.[79]

Mit Ausnahme der auf Arabisch verfassten Gedichte des aus Damaskus stammenden LyrikersAdel Karasholi (* 1936) zählen seine und die Werke der ebenfalls in Syrien geborenen SchriftstellerRafik Schami (* 1946) undSuleman Taufik, die seit langen Jahren in Deutschland leben und schreiben, nicht zur syrischen, sondern zur deutscheninterkulturellen Literatur. Sie haben jedoch durch ihre Werke, öffentlichen Auftritte und Interviews dem deutschsprachigen Publikum auch Elemente der syrischen literarischen Traditionen und der syrischen Kultur vermittelt.
Der bekannteste aus Syrien stammende Schriftsteller, der in deutscher Sprache schreibt und erzählt, ist Rafik Schami. Bereits während seines Promotionsstudiums als Chemiker begann er, Kurzgeschichten für Kinder und Erwachsene zu schreiben und engagierte sich im Folgenden auch als Mitherausgeber sowie Autor der Reihen „Südwind-Gastarbeiterdeutsch“ und „Südwind-Literatur“. Die bestimmenden Themen von Schamis Werk sind das Leben derMigranten in Deutschland, die Darstellung der arabischen Welt in der Vergangenheit, heute und in derUtopie, Politik und Gesellschaft sowie das Erzählen selbst. Schami gilt als ein begnadeter Erzähler. Er trägt entsprechend der Erzähltradition seiner Heimat seine Geschichten am liebsten mündlich vor. Ein wesentliches Merkmal von Schamis Stil ist seine Nähe zur oralen Tradition des arabischen Geschichtenerzählens im Sinne einer Integration der arabischen und der deutschen Tradition von Erzählung.[80][81]
Suleman Taufik (* 1953) ist ebenfalls syrisch-deutscherSchriftsteller undPublizist, der auf Deutsch schreibt. Daneben ist er vielfach alsÜbersetzer undHerausgeberarabischer Literatur in deutscher Sprache hervorgetreten. Seit Ende der 1970er-Jahre beschäftigt er sich mit der deutschsprachigen Literatur von Ausländern in Deutschland und hat mehrere Anthologien sowie kulturjournalistische Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.
Der seit 1961 in Leipzig lebende Adel Karasholi ist Verfasser von Lyrik undEssays; er schreibt inarabischer und seit Mitte der 1960er-Jahre auch indeutscher Sprache. Daneben übersetzt er erzählendeProsa, Gedichte undDramen aus beiden Sprachen. Seine Werke versuchen, eineinterkulturelle Brücke zwischen Literatur und Poesie vonOkzident undOrient zu bauen. Daneben setzt er sich intensiv mit der Frage, was und woHeimat ist, auseinander:[82]
Im VerzeichnisQuellen vom April 2024 der literarischen Organisationlitprom sind 90 Werke auf Arabisch schreibender syrischer Autorinnen und Autoren in deutscher Übersetzung aufgeführt.[83] Dass syrische Literatur auch in deutscher Sprache vorliegt, ist vor allem einer Reihe von literarischenÜbersetzern zu verdanken. Hierzu zählen unter anderenSuleman Taufik,Hartmut Fähndrich,Doris Kilias,Regina Karachouli,Larissa Bender,Günther Orth und im Bereich der Lyrik vor allem Suleman Taufik, Adel Karasholi,Fuad Rifka,Stefan Weidner sowieKhalid al-Maaly.