Surrealismus bezeichnet eine geistige Bewegung, die sich seit den1920er Jahren als Lebenshaltung und Lebenskunst gegen traditionelle Normen äußert. Sie findet bis in die Gegenwart sowohl philosophisch als auch in den Medien,Literatur,Kunst und Film ihren Ausdruck. Im Unterschied zum satirischen Ansatz desDada werden gegen die herrschenden Auffassungen vor allempsychoanalytisch begründete Theorien verarbeitet.Traumhaftes,Unbewusstes,Absurdes undPhantastisches sind daher Merkmale der literarischen, bildnerischen und filmischen Ausdrucksmittel. Auf diese Weise sollen neue Erfahrungen gemacht und neue Erkenntnisse gewonnen werden.[1]
Das Wort „Surrealismus“ bedeutet wörtlich „über demRealismus“.[2] Etwas, das alssurreal bezeichnet wird, wirkttraumhaft im Sinne vonunwirklich.[2] Die vom französischen Schriftsteller und KritikerAndré Breton seit 1924 in Paris geführte surrealistische Bewegung suchte die eigene Wirklichkeit des Menschen im Unbewussten und benutzte Rausch- und Traumerlebnisse als Quelle der künstlerischen Eingebung. Sie bemühte sich darum, das Bewusstsein und die Wirklichkeit global zu erweitern und alle geltenden Werte umzustürzen. Logisch-rationale „bürgerliche“ Kunstauffassungen wurden radikal und provokativ abgelehnt. Der Surrealismus wird daher alsanarchistische, bzw.revolutionäre Kunst- und Weltauffassung bezeichnet.
Die Bezeichnung „Surrealismus“ geht aufGuillaume Apollinaire zurück. Ganz im Sinne des Grundgedankens der Bewegung erfand Apollinaire diese Bezeichnung. Er wolle mit diesem unbekannten und daher symbolisch unbelasteten Wort eine Tendenz der gegenwärtigen literarischen und bildnerischen Aktivitäten benennen, schrieb er in der Einleitung seines TheaterstückesLes mamelles de Tirésias (Die Brüste des Tiresias). Es trägt den Untertitel „ein surrealistisches Drama“. Es wurde im Juni 1917 uraufgeführt[3] und später vonFrancis Poulenc als Grundlage seinergleichnamigen Oper verwendet. Im Mai desselben Jahres hatte Apollinaire den Begriff bereits im Programmzettel zum BallettParade erwähnt.[4] 1924 übernahm Breton das WortSurrealismus als Namen für die bereits vorhandene Bewegung.
Man kann den Surrealismus in zwei Unterarten unterteilen:
Abstrakter oderabsoluter Surrealismus (dasselbe Prinzip wie oben genannt nur ohne jeglichen Realismus), wie z. B. in Bildern vonJoan Miró, BildbeispielKarneval des Harlekins (1924/25).
Die Gründungsmitglieder der surrealistischen Bewegung entstammten der Generation vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Denken, Literatur, Kunst und Musik hatten sich an vielen Orten schon von Traditionen verabschiedet und es entwickelten sich neue Ausdrucksmittel. Die „metaphysische Malerei“ des ItalienersGiorgio de Chirico beeindruckte denkende, dichtende und malende Künstler, die sich später in den Reihen der Surrealisten wiederfanden. Für ihn sei wichtig, was er sehe, schrieb er; am wichtigsten sei aber das, was er mit geschlossenen Augen sehe. Vermutlich war es diese Verbindung zwischen Vorgestelltem und sinnlich Wahrgenommenem in seinen Bildern, die Surrealisten faszinierte.
Ein weiterer Einfluss auf die Entstehung der surrealistischen Bewegung ging vom Dada aus. Die Erfahrungen desErsten Weltkrieges verstärkten diese Bewegung. Die Zeit vor dem Krieg war von den jugendlichen Surrealisten, die sich damals nochSupranaturalisten nannten, als unbeschwert und frei erlebt worden. In Paris waren internationale Gruppen entstanden, die sich miteinander im Gespräch befanden. Der Krieg unterbrach es. Die Erfahrungen dieses Krieges mit zigtausenden Toten und der Einbruch in soziale Beständigkeiten wirkten traumatisierend und forderten zur Stellungnahme heraus. Kriegsheimkehrer gründeten Zeitschriften wieSIC,Nord-Sud undDada, die der dadaistischen Bewegung wieder eine Stimme gaben, die sich nicht dem Chor der Kriegsheldenverehrung anschließen wollte.
Wenige Jahre später kam es zum Bruch mit demDada. 1922 rief Bréton denCongrès de Paris ins Leben, um eine Richtung für die verschiedenen Formen der modernen Kunst vorzugeben. Der Kongress, mit parlamentarischer Satzung, sollte unter Polizeischutz stattfinden. Breton meinte,
„daß der Dadaismus keinem anderen Zweck gedient haben kann als dem, uns in dem vollkommenen Zustand der Verfügbarkeit zu halten, in dem wir gegenwärtig sind und aus dem heraus wir jetzt in aller Klarheit auf das zugehen werden, was uns ruft.“[5]
FürTristan Tzara, den Führer desDada, stellte Bretons Vorgehen einen Affront dar, weshalb er die Einladung zum Kongress „in aller Freundlichkeit“ ablehnte. Breton wiederum ging nun Tzara öffentlich scharf an und bezeichnete ihn „als einen Schwindler, der nichts mit der ErfindungDada zu tun habe.“ Der Vorfall artete zu einer Zerreißprobe der Mitglieder aus und bedeutete quasi das Ende der Dada-Bewegung.
In einer Julinacht im Jahr 1923 kam es schließlich im Pariser Théâtre Michel zu Handgreiflichkeiten, als Tristan Tzaras SchauspielLe Cœur à Gaz aufgeführt werden sollte. Tzaras frühere FreundeLouis Aragon,Benjamin Péret und Breton stürmten die Bühne und griffen die Darsteller an.[6]
Das Ende des Ersten Weltkriegs kann als Zeitpunkt der Entstehung der Bewegung in Frankreich gelten, die ab 1924 unter dem NamenSurrealismus das sozialpolitischeDenken und dieLiteratur beeinflusste. Als französische Bewegung inPolitik,Kunst und Literatur ist sie auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen begrenzt. Andererseits gehört sie als geistige Bewegung zur europäischenGeistesgeschichte. Sie enthält Auffassungen, die auch schon in der Vergangenheit – z. B. in derRomantik – auftauchten. Es ging dabei stets umAlternativen zu traditionellen Auffassungen. Inzwischen sind surrealistische Auffassungen weltweit verbreitet.[7]
Littérature n° 1, März 1919
André Breton war eng mit der Entstehung der surrealistischen Bewegung in Frankreich verbunden. In der Anfangszeit zeigte sich der Surrealismus als philosophisch-literarische Bewegung. André Breton,Louis Aragon undPhilippe Soupault gaben die ZeitschriftLittérature heraus. Hier wurden surrealistischeIdeen veröffentlicht und diskutiert. Die Zahl der Beiträge nahm zwischen 1922 und 1924 stark zu. Breton zeigte sich zunehmend als Wortführer. Kreativität, so propagierte er, hänge davon ab, ob es gelänge, sich von den Lasten der Vergangenheit und realistischen Strukturen zu befreien. Die Fantasie solle die ausschließliche Inspiration sein. Die Kontrolle durch dieVernunft sei dabei überflüssig. Dieser Rahmen ermöglichte es Dadaisten und Surrealisten sich ihm anzuschließen.
Im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen – wie denrevolutionären Veränderungen in Russland, der Gründung derKPF und dem Hervorkommen desFaschismus – entschied Breton Ende der 1920er Jahre, dass Surrealisten sich politisch engagieren sollten. Seinen Höhepunkt hatte diese Auseinandersetzung 1930 mit Bretons „Zweitem surrealistischen Manifest“, in welchem dieser auf eine klare Stellungnahme der Künstler gegen den sich ausbreitenden Faschismus in Europa hinwirken wollte.[8] Breton sagte sich von allen los, die seine revolutionäre Auffassung nicht teilten und behandelte sie als Gegner. Von nun an war die surrealistische Bewegung in die Gruppe der Revolutionäre und in die Gruppe derjenigen gespalten, die jahrelang dazu beigetragen hatten, surrealistische Ausdrucksmittel zu erfinden.[9]
Zu Bretons grundsätzlichen Gedanken, die auch seine Anhänger teilten, gehörte die Auffassung, dass es keineobjektiv gegebene äußere Wirklichkeit gibt.[10] Folglich kann dieSprache die Welt nicht objektiv darstellen, wie traditionell angenommen wurde. DieSymbolik der herrschenden Sprache ermöglicht weder neueErfahrungen noch neueErkenntnisse. Surrealistische Schriftsteller sollten daher eine neue Sprache erfinden,
„… um auf ihr ein neues Denken, eine neue Weltbeziehung und letztlich sogar eine neue Welt begründen zu können.“
Ohne eine neue Sprache sind auch gesellschaftspolitische Veränderungen nicht möglich. Es wurde daher die Befreiung der „Wörter“ und eine Ästhetik der „kühnen Metapher“ gefordert.[11]
Auch dieWahrnehmung muss sich ändern, wenn Neues entdeckt oder erfunden werden soll. Sie muss vor allem vorurteilsfrei und spontan sein. In seinem Buch über den Surrealismus zitiert Gaétan Picon[12] ausDie verlorenen Schritte: Auftritt der Medien von Breton folgende Beschreibung eines veränderten Wahrnehmens:[5]
„Im Jahre 1919 hatte sich mein Augenmerk auf die mehr oder weniger unvollständigen Sätze gerichtet, die bei völliger Einsamkeit und herannahendem Schlaf dem Geist wahrnehmbar werden, ohne dass es möglich wäre, eine vorherige Bestimmung in ihnen zu entdecken.“
Max Ernst schrieb in seiner VeröffentlichungJenseits der Malerei im Jahr 1936:
„An einem regnerischen Tag des Jahres 1919, in einer Stadt am Rhein, fiel mir auf, mit welcher Besessenheit mein irritiertes Auge an den Seiten eines Bilderkataloges haftete, in dem Gegenstände zur anthropologischen, mikroskopischen, psychologischen, mineralogischen und paläontologischen Veranschaulichung abgebildet waren. Dort standen Bildelemente nebeneinander, die einander so fremd waren, dass gerade die Sinnlosigkeit dieses Nebeneinanders eine plötzliche Verschärfung der visionären Kräfte in mir verursachte, und eine halluzinierende Folge widersprüchlicher […] Bilder wachgerufen wurde […].“
Nach André Breton behindert das Ziel, etwas Schönes schaffen zu wollen, den psychischen Automatismus der Niederschrift des Gedankenflusses. Ähnlich wie ästhetische Überlegungen wirken auch moralische oder logische Einwände (wie überhaupt jedes Dazwischentreten des Willens) als Akte innerer Zensur, die die Offenlegung verborgene Geheimnisse verhindert.[13]
Breton veröffentlichte 1924 sein erstesManifeste du Surréalisme in Paris und dominierte in der Folge den Surrealismus. Für die Dauer der Bewegung blieb das Manifest maßgebend, im „zweiten surrealistischen Manifest“ von 1929 wurden nur geringfügige Änderungen vorgenommen.[6] Die ZeitschriftLittérature wurde eingestellt, umLa Révolution surréaliste, dem Forum der neuen Bewegung, Platz zu machen. Ein „Büro für surrealistische Forschungen“ in der rue de Grenelle 15 rundete die Institutionalisierung ab.[14]
Die Bilder der Surrealisten haben oft traumhafte und abstrakte Wirkung. Ein vielbehandeltes Bildthema der surrealistischen Malerei ist beispielsweiseDie Versuchung des HeiligenAntonius, unterstützt durch denBel-Ami-Wettbewerb von 1946, an dem viele bekannte Künstler der Zeit, wie Max Ernst, Salvador Dalí und viele andere teilnahmen. Ernst wurde der erste Preis zuerkannt.
Bevorzugte Arbeitsweisen waren: Das Bewusstsein durch Traum, Schlaf oder Rauschmittel abschalten und Unbewusstes in einem automatischen, nicht gesteuerten Schaffungsprozess zum Ausdruck kommen lassen sowie eine übergenaue Malweise, Verfremdung oder Kombination unmöglicher Dinge und Zustände, welche die Wirklichkeit übersteigen.
Das Verfahren, mit dem schreibend und zeichnend experimentiert wurde, war dasAutomatische Schreiben (Écriture automatique), das spontan und ohne Einschränkungen des Bewusstseins sein sollte. In gewollterTrance und in Traumprotokollen sollten Ängste und Begierden ohne Zensur des Bewusstseins deutlich werden und Figuren ohne Erinnerung an bereits vorhandene Bilder freisetzen.[15]Politische Streitigkeiten hatten zur Auflösung der Gruppe der Surrealisten nach 1928/29 beigetragen. Trotz einer Wiederbelebung während der Jahre derRésistance (1940–1944) kann nach dem Zweiten Weltkrieg von einer surrealistischen Bewegung kaum noch die Rede sein. Unter dem französischen Einfluss fasste der Surrealismus besonders inSpanien, in denVereinigten Staaten undMexiko Fuß. Dort bildete sich eine kleine Splittergruppe um den österreichischen ExilantenWolfgang Paalen, dessen holistische Ideen mittels seines KunstmagazinsDyn großen Einfluss auf die Genese des sog. Abstrakten Expressionismus ausübten. Auch im deutschen Sprachraum wurden surrealistische literarische Texte von Autoren wieAlfred Kubin,Hermann Kasack u. a. geschrieben. Der Surrealismus hat auch in der Literatur seinen Einzug erhalten. Dort konnte mit Hilfe von literarischen Impulsen aus der deutschen Romantik und des französischen Symbolismus und unter der Einbeziehung der zeitgenössischen Wissenschaften, wie Psychiatrie undPsychoanalyse die Literatur als Medium der Weltveränderung und Selbsterkenntnis neu definiert werden. So hat der Surrealismus eine nachhaltige Wirkung auf verschiedenste Werke zeitgenössischer Kunst und Literatur, wie zum Beispiel auf die seit etwa 1950 entstandene konkrete und abstrakte Dichtung.
Texte und Ideen vonRené Magritte (1889–1967) hatten später großen Einfluss auf dieKonzeptkunst, z. B.Marcel Broodthaers. DieSituationisten beriefen sich in den 1960er Jahren bei ihrem Angriff auf die Wirklichkeit auch auf die Surrealisten.
Heute wird jeder Stil als surrealistisch bezeichnet, der Reales mit Traumhaftem oder Mystischem verbindet. So beansprucht auch das Irreale oder der sinnlose Zusammenhang den gleichen selbstverständlichen Realitätscharakter wie die alltägliche Wirklichkeit, die selbst oft surreal oderabsurd scheint. Surrealistische Bild- und Traumwelten haben durchWerbung undMassenmedien als kommerzielle Produkte den Weg in den Alltag gefunden (z. B. zeitgenössischesSpielzeug).Doch auch in der zeitgenössischen Malerei ist der Surrealismus (wieder) lebendig.[16]
Obwohl der Begriff „Surrealismus“ ursprünglich die Pariser Gruppe um Breton bezeichnet, gibt es in der Nachfolge viele andere Gruppierungen und Einzelpersonen, die diese Bezeichnung für sich in Anspruch genommen haben.
Bereits 1947 gründeteChristian Dotremont die kurzlebigeRevolutionary Surrealist Group; 1948 schloss er sich mitAsger Jorn und mehreren anderen Künstlern zu der GruppeCOBRA zusammen. Parallel zu COBRA entwickelte sich in Frankreich umIsidore Isou der vom Surrealismus beeinflussteLettrismus.
Mitglieder dieser verschiedenen Gruppierungen schlossen sich schließlich in den 1950er Jahren zu derSituationistischen Internationalen zusammen, die ein komplexes Verhältnis zum Surrealismus aufrechterhielt. Einige Situationisten wie Asger Jorn,Charles Radcliffe undRaoul Vaneigem waren offen erkennbar vom Surrealismus beeinflusst und reflektierten diesen, während andere wieGuy Debord sich davon distanzierten. Während surrealistische Techniken noch ein Bestandteil des Konzeptes waren, war der politische Anspruch im Situationismus oftmals vorrangig.
Ähnlich politisch motiviert war die 1966 gegründeteChicago Surrealist Group.[17] Auch in Europa entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Künstlergruppierungen, wie die polnischeOrange Alternative, die surrealistische Konzepte in politischen Aktionen umsetzten.
Aktuell beziehen sich zahlreiche Gruppen wie derMassurrealismus, dasOFFAL Project in New York oder dieSurrealist London Action Group explizit auf surrealistische Ideen. Auch in der Malerei wurden und werden surrealistische Motive und Techniken weiterhin aufgegriffen, wie beispielsweise durchWolfgang Lettl,Neo Rauch,Eckart Hahn,Robert ParkeHarrison undRoberto Yáñez.
„Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität. Nach ihrer Eroberung strebe ich, sicher, sie nicht zu erreichen, zu unbekümmert jedoch um meinen Tod, um nicht zumindest die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen.“
–André Breton:Erstes Manifest des Surrealismus (1924)
„Er ist schön […] wie die zufällige Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch.“
DerComte de Lautréamont gilt als einer der Urahnen des Surrealismus.André Gide sah es als bedeutendstes Verdienst vonLouis Aragon, André Breton undPhilippe Soupault an, seine„literarische und ultraliterarische Bedeutung“ erkannt und publiziert zu haben. 1920 nahmMan Ray die berühmt gewordene Stelle aus dem 6. Gesang als Ausgangspunkt für sein Werk„The Enigma of Isidore Ducasse“(Das Geheimnis des Isidore Ducasse).„Die Gesänge des Maldoror“ inspirierten zahlreiche weitere surrealistische Künstler, darunter Salvador Dalí,René Magritte,Victor Brauner,Óscar Domínguez,Joan Miró undYves Tanguy. In unmittelbarer Anlehnung an Lautréamonts „zufällige Begegnung“ hat Max Ernst die Struktur des surrealistischen Bildes definiert: „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“[19]
Die Pariser, die Brüsseler und Prager Surrealistengruppen waren in ihrem Ursprung unbestreitbar männlich dominiert, Frauen waren in ihren Anfängen lediglich Musen, Modelle, Traum- und Sehnsuchtsobjekte wieNadja, sie befanden sich nicht auf Augenhöhe mit Breton und seinen Mannen. Aber sie emanzipierten sich neben ihren männlichen Mitstreitern zusehends: Sie schufen eigene Bildwelten, feminine Kosmen, eine eigene Ikonografie, die sich von der der Männer unterschied, von diesen aber als Bereicherung der surrealistischen Ideen anerkannt wurden: Die Geschlechterrolle, ihr Kampf um Anerkennung und Akzeptanz und der mitunter leidvolle Weg dorthin bestimmnten auch in surrealistischer Transkription ihre Bilder und Worte. Lee Miller, Leonora Carrington, Kay Sage, Frida Kahlo und viele weitere werden eben erst wiederentdeckt und häufig ausgestellt und publiziert. Sie bilden, wie man eben entdeckt, einen wichtigen Teil des weltweiten, surrealistischen Netzwerks.
Die Klassiker des surrealistischen Films sindEin andalusischer Hund(Un chien andalou) undDas goldene Zeitalter(L’Âge d’Or) vonLuis Buñuel undSalvador Dalí. Letzterer verursachte bei seiner Aufführung im Jahre 1930 einen Skandal, als rechtsgerichtete Gruppierungen Farbbeutel gegen die Leinwand warfen und surrealistische Bilder zerstörten. Zur Aufrechterhaltung der Ruhe wurde der Film für Jahrzehnte verboten.
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André Breton:Die Manifeste des Surrealismus. („Manifestes du surréalisme“). Rowohlt, Reinbek 2004,ISBN 3-499-55434-8.
Peter Bürger (Hrsg.):Surrealismus (Wege zur Forschung; 473). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1982,ISBN 3-534-06933-1.
Ingrid Pfeiffer,Max Hollein (Hrsg.):Surreale Dinge. Skulpturen und Objekte von Dalí bis Man Ray. (AusstellungskatalogSchirn-Kunsthalle, Frankfurt am Main) Hatje Cantz, Ostfildern 2011,ISBN 978-3-7757-2768-6.
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Patrick Waldberg:Der Surrealismus, enthält u. a. zahlreiche Porträtfotografien der Pariser Surrealisten, DuMont Verlag, Köln 1965
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↑Keysers Grosses Stil-Lexikon Europa. 780 bis 1980. Keysersche Verlagsbuchhandlung, München 1982,ISBN 3-87405-150-1, S. 482. - Die umfassende Charakterisierung alsgeistige Bewegung, Lebenshaltung, Lebenskunst findet sich u. a. bei: Anja Tippner:Die permanente Avantgarde?: Surrealismus in Prag. Köln/Weimar 2009, S. 80 u. S. 267. - Ähnliches findet sich auch bei Walter Mönch: Frankreichs Kultur: Tradition und Revolte. Von der Klassik bis zum Surrealismus. Berlin/New York 1972, S. 683 ff.
↑abDuden, Universalwörterbuch: surreal, traumhaft-unwirklich. Surrealismus, frz. surréalisme, aussur (von lat. super) = über undréalisme = Realismus
↑Uwe. M. Schneede:Die Kunst des Surrealismus. S. 215. - Vgl. auch Nathalia Brodskaja: Surrealismus. New York 2012, S. 48 ff.
↑corpusweb.net (Memento vom 24. Juli 2012 im Webarchivarchive.today): Nicole Haitzinger:EX Ante: „Parade“ unter Friktionen. Choreographische Konzepte in der Zusammenarbeit von Jean Cocteau, Pablo Picasso und Léonide Massine, abgerufen am 14. Dezember 2011.
↑In: George H. Hamilton:Painting and Sculpture in Europe: 1880–1940. Penguin Books, 1972, S. 388.
↑abStephen C. Foster:Formfindung und Freiheit. In:Man Ray. Edition Stemmle, Zürich, 1989,ISBN 3-7231-0388-X, S. 237 f.
↑Vgl.Walter Mönch:Frankreichs Kultur: Tradition und Revolte. Von der Klassik bis zum Surrealismus. Berlin/New York 1972, S. 683 ff.
↑siehe André Thirion:Révolutionnaires sans Révolution. Paris 1972.
↑Vgl. Nathalia Brodskaia:Surrealismus. New York 2012, S. 7–62.
↑Alain Joubert: Le Mouvement des surréalités, ou le fin mot de l'histoire: Mort d'un groupe - naissance d'un mythe. Maurice Nadeau, Paris 2001, Seitenzahl fehlt.
↑Uwe M. Schneede:Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert. Von den Avantgarden bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2001,ISBN 3-406-48197-3, S. 90 f.