Movatterモバイル変換


[0]ホーム

URL:


Zum Inhalt springen
WikipediaDie freie Enzyklopädie
Suche

Stunde Null

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unterStunde Null (Begriffsklärung) aufgeführt.

Der BegriffStunde Null wurde auf den 8. Mai 1945 und den frühesten Abschnitt der unmittelbarenNachkriegszeit in Deutschland undÖsterreich angewandt. Er bezieht sich auf diebedingungslose Kapitulation derWehrmacht und den vollständigen Zusammenbruch desNS-Staates und impliziert die Chance zu einem voraussetzungslosen Neuanfang.

Begriff

[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]

Der AusdruckStunde Null stammt ursprünglich aus der Planungssprache vonOrganisationen, klassisch desMilitärs. Er bezeichnet allgemein die ausschlaggebende Uhrzeit, zu der eine neuartige Ereigniskette abzulaufen beginnt. Ein Manöverbefehl könnte entsprechend lauten:„Abmarsch um 04:15. Erreichen des Punktes P in null plus 3 Stunden.“ Der Begriff wurde für die deutsche Nachkriegszeit erstmals mit Bezug auf dieLiteraturgeschichte gebraucht; wann er genau auftauchte, ist nicht mehr zu ermitteln.[1] DieMetapher lässt sich inUmgangssprache undJournalismus der Zeit nachweisen. Im Unterschied zu der später in derDeutschen Demokratischen Republik verbreiteten Formel vomTag der Befreiung ist Stunde Null stärker mit Niederlage, Katastrophe und Hoffnungslosigkeitkonnotiert.[2] Der Titel vonRoberto Rossellinis Film von 1948Deutschland im Jahre Null hat vermutlich die Verbreitung des Ausdrucks gefördert.

Wissenschaftlicher Diskurs

[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]

Mit dem SchlagwortStunde Null wird gemeint, dass diebedingungslose Kapitulation der Wehrmacht, die damit einhergehende Zerschlagung des NS-Staates und großflächige Zerstörung von Städten, Wirtschaftsbetrieben und Infrastruktur einen radikalen und vollständigen Umbruch der deutschen Gesellschaft mit sich gebracht hätte, sodass es keine Kontinuitäten zwischen derBundesrepublik Deutschland und ihren Vorgängerstaaten gegeben hätte.[3] Durch den Verlust der Selbstbestimmung des deutschen Volkes unter der Militärbesatzung ab 1945 habe auch die (alte) deutsche Gesellschaft aufgehört zu existieren, ihre alten Werte seien damals sämtlich als widerlegt empfunden worden. So habe eineTabula-rasa-Situation geherrscht, von der ab „alles“ habe neu entwickelt werden müssen. Verschiedene Autoren kritisierten, dass diese Chance zum Neubeginnvon null in den Jahren der Besatzung und derÄra Adenauer nicht genutzt worden sei: Stattdessen seien in einer Epoche derRestauration diekapitalistischen Verhältnisse, die zumFaschismus geführt hätten,[4] oder ein für die erste Jahrhunderthälfte charakteristisches „frömmelndes Christentum“ wiederhergestellt worden.[5]

Dieser These ist weithin widersprochen worden. So sprach BundespräsidentRichard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 davon, dass es keine „Stunde Null“ gegeben habe, sondern lediglich einen „Neubeginn“.[6] Die Mentalität der deutschen Gesellschaft habe sich nur langsam und nur teilweiseinnovativ geändert. Wie der KulturhistorikerBernd Hüppauf betont, gab es auch in derLiteraturgeschichte keine Stunde Null. Zwar betonten viele deutsche Schriftsteller das angeblich radikal Neue ihres Schreibens in derTrümmerliteratur nach 1945, doch überwögen auch hier noch die Gemeinsamkeiten mit den Jahren davor gegenüber den Unterschieden. Statt des absoluten BegriffesStunde Null solle man daher besser differenziert von Kontinuitäten und Wandel schreiben.[7] Laut der Philosophin Steffi Hobuß diente der „Mythos ‚Stunde Null‘“ dazu, die Kontinuität der Funktionseliten von derNS-Zeit in die Bundesrepublik zu verschleiern: Das Täterkollektiv habe damit so tun wollen, „als sei nun alles anders“. Was genau damit gemeint war, sei zudem nie recht klar geworden, denn der Begriff werde sowohl auf den einen Tag des Kriegsendes als auch auf dieJahre 1945–1949 insgesamt angewandt.[8] Hans Braun,Uta Gerhardt undEverhard Holtmann beschreiben in dem von ihnen herausgegebenen Sammelband diese vierjährige Besatzungszeit in Westdeutschland als „lange Stunde Null“, in der unter Lenkung vor allem deramerikanischen Militärregierung die Transformation der deutschen Gesellschaft von einernationalsozialistisch geprägten hin zu einer demokratischen Gesellschaft gelungen sei.[9]

Richard von Weizsäcker vertritt in einer teilweiseautobiographischen Studie aus dem Jahr 2001 die Meinung, es habe nicht eine, sondern drei Stunden null gegeben: erstens 1949 mit derGründung von Bundesrepublik undDDR, dann 1969 mit dersozialliberalen Koalition und dem Beginn derneuen Ostpolitik, und schließlich 1989 mit dem Ende desKalten Krieges.[10]

Viele Historiker und Politikwissenschaftler bestreiten, dass es überhaupt eine Stunde Null gab:Ulrich von Alemann bezeichnet die Aussage als einenGemeinplatz, macht aber eine Einschränkung, was dasParteiensystem betrifft, das bei Kriegsende tatsächlich nicht existierte.[11]Rudolf Morsey betont in Anlehnung an den WirtschaftshistorikerWerner Abelshauser, dass der damit konnotierte totale Zusammenbruch nicht stattgefunden habe – die „Substanz des deutschen Anlagevermögens“ überstand vielmehr den Krieg weitgehend unbeschadet.[12] NachWolfgang Schieder blieb inWestdeutschland „sehr viel mehr vom Erbe des Nationalsozialismus erhalten, als sich das viele vorgestellt hatten“. Dies sei der reale Kern der Debatte umRestauration oder Neubeginn, die seit den 1960er Jahren geführt wurde.[13]Henning Köhler will den Begriff allenfalls als Beschreibung für die winzige Zeitspanne zwischen Abmarsch der Wehrmacht und Einrücken deralliierten Truppen gelten lassen.[14] AuchHeinrich August Winkler glaubt nicht an eine Stunde Null, konzediert aber, dass der Begriff das „Empfinden der Zeitgenossen“, deren Gegenwart chaotisch, deren Zukunft ungewiss war, genau treffe.[15]Michael Gehler findet die mit der Formel verknüpfte Hoffnung der Zeitgenossen, „die Vergangenheit vergessen und mit der Bewältigung der gegenwärtigen Aufgaben ‚bei null‘ anfangen zu können“, problematisch und verweist auf die bundesdeutscheAuseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, die erst in den 1960er und 1970er Jahren eingesetzt habe.[16]

Literatur

[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]
  • Michael Falser:1945–1949. Die „Stunde Null“, die Schuldfrage, der „Deutsche Geist“ und der Wiederaufbau in Frankfurt am Main. In: Ders.:Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland. Thelem Verlag, Dresden 2008,ISBN 978-3-939-888-41-3, S. 71–97.
  • Kurt Finker:Der 8. Mai 1945. Chancen für ein neues Deutschland. Potsdam 2005 (Dialog in der PDS, 13).
  • Uta Gerhardt:Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes in Deutschland 1944–1945/1946. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005,ISBN 3-518-29368-0.
  • Hans Habe:Im Jahre Null. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Presse. München 1966 (Deutsche Pressegeschichte nach 1945).
  • Steffi Hohbuß:Mythos „Stunde Null“. In: Torben Fischer,Matthias N. Lorenz (Hrsg.):Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Transcript, Bielefeld 2007,ISBN 978-3-89942-773-8, S. 42f.
  • Peter Kruse (Hrsg.):Bomben, Trümmer,Lucky Strikes – Die Stunde Null in bisher unbekannten Manuskripten. Wjs Verlag, Berlin 2004,ISBN 3-937-98900-5.
  • Christian Adam:Der Traum vom Jahre Null : Autoren, Bestseller, Leser: die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945. Berlin : Galiani Berlin, 2016

Weblinks

[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise

[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]
  1. Ludwig Fischer (Hrsg.):Literatur in der Bundesrepublik Deutschland bis 1967, dtv, München 1986, S. 29–37 und 230–237.
  2. Christoph Kleßmann:1945 – welthistorische Zäsur und „Stunde Null“, Version 1.0, in:Docupedia-Zeitgeschichte, 15. Oktober 2010.
  3. Manfred Görtemaker:Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 1999, S. 159 f.; Christoph Kleßmann:1945 – welthistorische Zäsur und „Stunde Null“, Version 1.0, in:Docupedia-Zeitgeschichte, 15. Oktober 2010.
  4. Ernst-Ulrich Huster et al.:Determinanten der westdeutschen Restauration 1945–1949. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972.
  5. Dietmar Süß:[Adenauerzeit (Teil 1):] Lieb Abendland, magst ruhig sein. In:Die Zeit, Nr. 39 vom 19. September 2009 (online, abgerufen am 28. Mai 2015).
  6. Rede Weizsäckers
  7. Bernd Hüppauf:Einleitung. In: Derselbe:„Die Mühen der Ebenen“. Kontinuität und Wandel in der deutschen Literatur und Gesellschaft 1945–1949. Winter, Heidelberg 1981, S. 11 ff.; ähnlich Waltraud Wende:Einen Nullpunkt hat es nie gegeben. Schriftsteller zwischen Neuanfang und Restauration – oder: Kontinuitäten bildungsbürgerlicher Deutungsmuster in der unmittelbaren Nachkriegsära. In:Georg Bollenbeck (Hrsg.):Die janusköpfigen 50er Jahre. Kulturelle Moderne und bildungsbürgerliche Semantik III. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000, S. 17–29.
  8. Steffi Hobuß:Mythos „Stunde Null“. In: Torben Fischer undMatthias N. Lorenz (Hrsg.):Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage, transcript, Bielefeld 2015,ISBN 978-3-8376-2366-6, S. 45 (abgerufen überDe Gruyter Online).
  9. Hans Braun,Uta Gerhardt undEverhard Holtmann (Hrsg.):Die lange Stunde Null. Gelenkter sozialer Wandel in Westdeutschland nach 1945. Nomos, Baden-Baden 2007.
  10. Richard von Weizsäcker:Drei Mal Stunde Null? 1949, 1969, 1989. Deutschlands europäische Zukunft, Siedler, Berlin 2001.
  11. Ulrich von Alemann:Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland. Leske + Budrich, Opladen 2001, S. 43.
  12. Rudolf Morsey:Die Bundesrepublik Deutschland. Entstehung und Entwicklung bis 1969 (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Bd. 19). Oldenbourg, München 2007,ISBN 978-3-486-70114-2, S. 11 (abgerufen überDe Gruyter Online); ähnlichEdgar Wolfrum:Die 101 wichtigsten Fragen. Bundesrepublik Deutschland. C.H. Beck, München 2011, S. 14.
  13. Wolfgang Schieder:Die Umbrüche von 1918, 1933, 1945 und 1989 als Wendepunkte deutscher Geschichte. In: Wolfgang Schieder und Dietrich Papenfuß (Hrsg.):Deutsche Umbrüche im 20. Jahrhundert. Böhlau, Weimar 2000,ISBN 978-3-412-31968-7, S. 3–18, hier S. 10 (abgerufen überDe Gruyter Online).
  14. Henning Köhler:Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim-Verlag, Stuttgart 2002, S. 441.
  15. Heinrich August Winkler:Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte II. Vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung. C.H. Beck, München 2014, S. 121.
  16. Michael Gehler:Deutschland. Von der Teilung bis zur Einigung. 1945 bis heute. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2010, S. 54 (abgerufen überDe Gruyter Online).
Abgerufen von „https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Stunde_Null&oldid=254643342
Kategorien:

[8]ページ先頭

©2009-2026 Movatter.jp