
Stjepan Radićanhörenⓘ/? (*11. Juni1871 inDesno Trebarjevo beiSisak; †8. August1928 inZagreb) war einjugoslawischerPolitiker, Schriftsteller sowie Volks- und Bauernführer. Radić war einer der Gründer derKroatischen Bauernpartei (Hrvatska seljačka stranka, HSS), bis zu seinem Tod deren Vorsitzender und kurzzeitigBildungsminister desKönigreichs der Serben, Kroaten und Slowenen.

Stjepan Radić wurde als neuntes von insgesamt elf Kindern geboren. Seine Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen und waren in der Landwirtschaft tätig. Trotz dieser Verhältnisse gelang es dem Vater Imbro Radić, innerhalb von 20 Jahren zu einem der reichsten Bauern des Dorfes zu werden. Ebenso hat er allen seinen Kindern ermöglicht, die drei Kilometer entfernte Schule zu besuchen.
Zunächst wollten und konnten seine Eltern Stjepan Radić nicht auf eine weiterführende Schule nachZagreb schicken. Sie dachten, dass dies wegen seiner Kurzsichtigkeit sinnlos wäre; außerdem hatten sie bereits seinen drei Jahre älteren Bruder Ante Radić zu einer weiteren Schulbildung geschickt. Allerdings hat Stjepan Radić seinen Bruder überredet, ihm bei dem Unterfangen der weiteren Schulbildung zu helfen.So zahlte sein Bruder ihm die Wohnung, und er selbst ernährte sich bei einer öffentlichen Essenausgabe. Trotz dieser Umstände war Radić ein hervorragender Schüler. So kam es, dass er ohne sein Bitten in das Armenhaus desErzbistums Zagreb aufgenommen wurde. Er studierte seit 1891 Rechtswissenschaft an derUniversität Zagreb und erregte durch seinenationalistischen Aktivitäten Aufsehen: Beim Besuch von KaiserFranz Joseph I. 1895 setzte er zusammen mit gleichgesinnten Studenten die ungarische Flagge in Brand. Er wurde deswegen für die Zukunft vom Studium an allen Universitäten der Monarchie ausgeschlossen und setzte sein Studium an derÉcole libre des sciences politiques inParis fort.[1]

Stjepan Radić gründete im Jahre 1904 zusammen mit seinem Bruder Antun Radić die Kroatische Volks- und Bauernpartei (Hrvatska pučka seljačka stranka, HPSS), später umbenannt in Kroatische Republikanische Bauernpartei (Hrvatska republikanska seljačka stranka, HRSS) und danach in Kroatische Bauernpartei (Hrvatska seljačka stranka, HSS). Sie setzten sich zum Ziel, vor allem die Interessen derbäuerlichen Bevölkerung zu vertreten, die damals die Mehrheit der BevölkerungKroatiens bildete, jedoch von den etablierten bürgerlichen Parteien kaum beachtet wurde. In der Zeit vor demErsten Weltkrieg hielt sich ihr Erfolg aber zunächst in Grenzen. Bedingt unter anderem durch das in Kroatien-Slawonien damals geltendeZensuswahlrecht konnte sie nur wenige Mandate imSabor erringen.
Als derNationalrat der Slowenen, Kroaten und Serben des vormaligenÖsterreich-Ungarn im Herbst 1918 die sofortige Vereinigung dersüdslawischen Länder der ehemaligen Habsburgermonarchie (sog. SHS-Staat) mit demKönigreich Serbien zumKönigreich der Serben, Kroaten und Slowenen beschloss, stimmte Stjepan Radić als einziges Mitglied des Nationalrates dagegen. Er selbst befürwortete zwar stets eine Zusammenarbeit allersüdslawischen so wie allerslawischen Völker, jedoch sollte dabei die Eigenständigkeit der einzelnen Völker gewahrt bleiben. Anstelle einerzentralistischen Monarchie strebte er die Bildung einerFöderation südslawischer Bauernrepubliken an. In seiner Rede in der historischen Sitzung des Nationalrats in Zagreb, am 24. November 1918, sagte Radić:
„Wenn ich dennoch das Wort ergreife, so geschieht es im Bewusstsein, hierdurch einer Pflicht nachzukommen und von dem mir zustehenden Recht Gebrauch zu machen, dann aber auch deshalb, um an euer Gewissen zu rühren, damit ihr später nicht die Ausrede gebrauchen könnt, es hätte euch niemand den Abgrund gezeigt, in den ihr unser ganzes Volk und besonders das kroatische Volk, zu stürzen im Begriffe seid. [...] Der größte Fehler und zugleich eine unverzeihliche Sünde aller dieser Redner ist es aber, dass sie offenbar im Kriege nichts gelernt haben, denn wie wenn sie das Volk nicht sehen, wie wenn sie vom Volk nichts wissen würden, sprechen sie gerade das Gegenteil von dem, was unser Volk will und braucht. [...] Euer ganzes Vorgehen hier im Nationalrat ist weder demokratisch, noch verfassungsmäßig, noch gerecht. Es ist auch nicht klug. [...] Ihr meine Herren, kümmert euch nicht im Geringsten darum, dass unser Bauer im Allgemeinen, und besonders der kroatische Bauer, von König und Kaiser, und von dem ihm gewaltsam aufgezwungenen neuen Staat nichts hören und wissen will. Unser Bauer besitzt die nötige Reife, um zu wissen, das Staat und Vaterland in Gerechtigkeit und Freiheit, in Wohlstand und Kultur bestehen. Wenn ihr diesen Bauern bereits heute durchGendarmen prügeln lasst, wenn ihr ihn mit Gewalt zwingt, dass er euch Gefolgschaft leiste, dass er euch angeblich gegen die Italiener beschützen solle – dann sagt oder denkt er sich, dass ihr euch in gar nichts unterscheidet von seinen früherenungarischen unddeutschen Unterdrückern [...] Vielleicht könnt ihr die Slowenen gewinnen, ich weiss es nicht; vielleicht könnt ihr vorübergehend auch die Serben gewinnen. Ich weiss aber bestimmt, dass ihr die Kroaten dafür nicht gewinnen werdet. Und zwar deshalb nicht, weil das ganze kroatische Bauernvolk gegen eurenZentralismus ist, wie gegen denMilitarismus, und ebenso für dieRepublik, wie für die nationale Verständigung mit den Serben. [...] Die heutige Sitzung beweist am augenfälligsten, dass ihr die Verfassungsmäßigkeit vollkommen ignoriert, dass Ihr nicht einmal nur einigermaßen den äußeren Schein wahrt [...] so habt ihr auch nicht den ganzen Nationalrat einberufen, sondern nur diesen Ausschuss. Ihr wisst ganz gut, dass aber nicht einmal der volle Nationalrat das Volk repräsentiert, weil er nicht vom Volke gewählt worden ist [...] Das habt ihr deshalb nicht getan, weil ihr wisst, dass eure Handlungsweise unrichtig ist und das man das sogleich merken würde, wenn die Verhandlung öffentlich und vor einem größeren Kreise abgehalten werden würde. Wie groß ist aber erst die Verfassungswidrigkeit, die Ihr durch die Umgehung unseres kroatischen staatlichen Sabors begeht! [...] Ihr werdet nach Belgrad gehen und ihr werdet dort ohne das kroatische Volk und gegen den Willen dieses Volkes den einheitlichen Staat proklamieren ... und vielleicht werdet ihr auch ohne Gesetze, nur durch Willkür und auf Gewalt gestützt, regieren. Das Volk wird daraus ersehen, dass ihr nicht zu ihm gehört und es wird nicht mehr für euch sein. Wohin ihr es auch rufen werdet, es wird euch die Gefolgschaft verweigern. [...] Die ganze Welt anerkennt dasSelbstbestimmungsrecht der Völker. Unsere Befreiung haben wir nur diesem Rechte zu verdanken. [...] Dieses Recht gebührt aber allen unseren drei Völkern und besonders uns Kroaten in Kroatien, auch hinsichtlich der Errichtung und Einrichtung unseres gemeinsamen Staates. Wir sind drei Brüder – der Kroate, der Slowene und der Serbe; aber wir sind nicht eins. [...] Glaubt ihr es nicht, dann möge euch Gott die Zeit erleben lassen – es wird nicht allzu lange dauern – wo das kroatische Volk in seinem Menschlichkeitsgefühl euch alle just im Moment hinwegfegen wird, da ihr glauben werdet, dass dieses Volk, dem ihr euch auf den Nacken gesetzt habt, sich mit seinem Schicksal abgefunden habe. Es lebe die Republik! Es lebe Kroatien![2]“

Im Laufe des Jahres 1919 propagierte die Kroatische Bauernpartei die Idee einer selbständigen „Kroatischen Bauernrepublik“. Unter Berufung auf das vom amerikanischen PräsidentenWoodrow Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker verlangte sie die Anerkennung eines separaten Selbstbestimmungsrechtes für Kroatien und ebenso für die anderen südslawischen Völker. Um ihrer Ablehnung der serbischen Monarchie Ausdruck zu verleihen, benannte sich die Kroatische Volks- und Bauernpartei in Kroatische Republikanische Bauernpartei (Hrvatska republikanska seljačka stranka, HRSS) um. Sie gewann für ihre Politik die Unterstützung eines großen Teiles der kroatischen Bevölkerung. Dazu trug auch das Verhalten der serbischen Armee in Kroatien bei, die nach der Vereinigung als Ordnungsmacht im Namen des neugebildeten Zentralstaates in Kroatien auftrat, die sich seit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns ausbreitenden Bauernunruhen gewaltsam unterdrückte und gleichzeitig kroatische Wehrpflichtige für den Kriegsdienst in den südlichen Teilen des neuen Staates rekrutierte, wo sie im Kampf gegen albanische Aufständische stand. Die Vorstellung, kaum nach dem Ende desErsten Weltkrieges schon wieder für einen als fremd empfundenen Monarchen in den Krieg ziehen zu sollen, wirkte auf die bäuerliche Bevölkerung Kroatiens ausgesprochen abstoßend.

Obwohl Stjepan Radić während des Wahlkampfes zeitweise inhaftiert worden war, konnte die Kroatische Republikanische Bauernpartei bei den Wahlen zurVerfassungsgebenden Versammlung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen auf dem Gebiet Kroatien-Slawoniens die absolute Mehrheit der Stimmen gewinnen. Die vor dem Ersten Weltkrieg in Kroatien dominierenden politischen Gruppen wurden vollkommen marginalisiert. Diesen ebenso wie die folgenden Wahlsiege interpretierte die Kroatische Republikanische Bauernpartei als plebiszitäre Ablehnung der neugeschaffenen Staatsordnung durch das kroatische Volk. Die „Kroatische Bauernbewegung“ (die Partei und die mit ihr verbundenen Organisationen) sah sich damit als demokratisch legitimierte Vertretung der Kroaten sowohl gegenüber der Belgrader Zentralmacht als auch gegenüber dem Ausland. Die Führungsrolle der Kroatischen Bauernpartei und ihres Vorsitzenden Stjepan Radić mussten auch die übrigen politischen Kräfte Kroatiens angesichts seiner wiederholten Wahlerfolge anerkennen.
Am 20. Juni 1928 wurden Stjepan Radić und vier weitere kroatische Abgeordnete mitten in einer Sitzung des Parlaments inBelgrad von demserbisch-montenegrinischen AbgeordnetenPuniša Račić angeschossen. Die zwei kroatischen AbgeordnetenPavle Radić undĐuro Basariček starben noch am Ort des Attentats. Sieben Wochen später erlag am 8. August 1928 auch Radić seinen Verletzungen. Am 12. August 1928 wurde er auf demMirogoj-Friedhof in der kroatischen Hauptstadt Zagreb beigesetzt. Seine Beisetzung wurde zu einer eindrucksvollen Massendemonstration, an der 200.000 Personen teilnahmen, mehr als die Stadt Zagreb seinerzeit Einwohner hatte.[3] Sein politischer Nachfolger als Vorsitzender der Kroatischen Bauernpartei wurdeVladko Maček.
Sein BruderAntun Radić warEthnologe,Publizist und ebenfallsPolitiker.[4] Seine Mutter Ana (genannt Jana), geboren 1836 inDesno Željezno beiSisak als Tochter von Stjepan und Katarina Posilović, war eine Verwandte desErzbischofs von Zagreb Juraj Posilović und soll (obgleich Analphabetin) recht intelligent gewesen sein und sich intensiv und lautstark für die bäuerliche Gemeinschaft eingesetzt haben. In eigener Sache ging ihr Engagement angeblich sogar bis hinauf zumBanIvan Mažuranić sowie KaiserFranz Joseph I.[5] Laut der Historikerin Branka Boban hatte sie einen prägenden Einfluss auf die Frauenpolitik ihres Sohnes Stjepan.[6]

„Obwohl selbst tieffromm, hasste er denKlerus und dieKirche und pflegte seine Kundgebungen mit dem Ruf «Gelobt seienJesus undMaria - nieder mit denPfaffen!» einzuleiten.“[7]
Das Konterfei von Stjepan Radić war auf der kroatischen 200Kuna-Banknote dargestellt, bis die Währung durch denEuro abgelöst wurde.
Während desKroatien- undBosnienkriegs trugen kroatische Militäreinheiten derKroatischen Armee und desHVO seinen Namen.
In vielen Städten vonKroatien undBosnien-Herzegowina sind heute Schulen, Straßen und Plätze nach Radić benannt.
Kroatien verleiht denStjepan-Radić-Orden an verdiente Personen.

| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Radić, Stjepan |
| KURZBESCHREIBUNG | Gründer der Kroatischen Bauernpartei |
| GEBURTSDATUM | 11. Juni 1871 |
| GEBURTSORT | Trebarjevo Desno |
| STERBEDATUM | 8. August 1928 |
| STERBEORT | Zagreb |