EinSpinalnerv (Nervus spinalis), auchRückenmark(s)nerv genannt, ist der über seine Vorder- und Hinterwurzel der einen Seite eines bestimmtenRückenmarksegments zugeordneteNerv. Die Spinalnerven gehören zumperipheren Nervensystem. Zwischen zweiWirbeln tritt jeweils ein Paar Spinalnerven aus demWirbelkanal. Der Mensch besitzt insgesamt (meist) 31 paarige Spinalnerven.
Die Benennung der einzelnen Spinalnerven entspricht ihremRückenmarkssegment und folgt auch aus den Wirbelsäulenabschnitten, denen sie entstammen, ihren Austrittsstellen. Das Paar der beiden obersten Spinalnerven tritt direkt unter dem Hinterhaupt aus, also oberhalb des ersten Halswirbels. Da auch das unterhalb des siebenten Halswirbels austretende Spinalnervenpaar (C8) noch dem Halsbereich zugeordnet ist, gibt es acht zervikale Spinalnervenpaare bei nur sieben Halswirbeln. Die weiter kaudal folgenden Spinalnerven tragen dann gleiche Namen und Nummern wie der darüberliegende Wirbelkörper. Insgesamt ergeben sich somit beim Menschen in der Regel
Querschnitt des RückenmarksLaminae und Nuclei der grauen Substanz
Spinalnerven bilden sich im Prinzip durch Vereinigung jeweils einerefferenten und einerafferentenNervenwurzel, die das Rückenmark an verschiedenen Stellen verlassen und imWirbelkanal zunächst noch räumlich getrennt vorliegen. Diese Erkenntnis geht aufCharles Bell undFrançois Magendie zurück(Bell-Magendie-Gesetz).
Die afferenten Anteile leiten Informationen aus dem Körperinneren und von der Körperoberfläche zum Rückenmark. Ihre Zellkörper liegen imSpinalganglion (Ganglion spinale), das sich imZwischenwirbelloch befindet. IhreAxone ziehen über die Hinterwurzel,Radix posterior (bei TierenRadix dorsalis), in die graue Substanz des Rückenmarks oder über dessen weiße Substanz zum Gehirn, wo die weitere Verarbeitung erfolgt.
Die zu einem Muskel führendenmotorisch efferenten Axone sind Teil der Motoneurone. DerenSomata liegen in der grauen Substanz des Rückenmarks. Die Motoneurone eines Muskels liegen locker gruppiert in Form eines spindelförmigen Kerns im Vorderhorn des Rückenmarks. Die Efferenzen eines Kerns können dabei über verschiedene Nervenwurzeln austreten. Über die gesamte Länge des Rückenmarks betrachtet bilden diese Kerne die sogenannte motorische Kernsäule. In jedem Segment treten efferente Axone über die Vorderwurzel,Radix anterior/ventralis, aus dem Rückenmark und vereinigen sich mit den ankommenden Afferenzen zu einem gemeinsamen Spinalnervenstamm (Truncus nervi spinalis). Eine Ausnahme stellt das erste Spinalnervenpaar (C1) dar, das rein motorisch ist (sieheNervus suboccipitalis).
Im Bereich des Brust- und Lendenabschnitts des Rückenmarks gibt es auchsympathische Wurzelzellen. Sie liegen imNucleus intermediolateralis der grauen Substanz und ziehen ebenfalls in der Vorderwurzel zum Truncus nervi spinalis. Über einen weißen Verbindungsast (Ramus communicans albus) ziehen sie dann zumGrenzstrang, in dessenGanglien ein Teil der Fasern auf das sogenannte zweite Neuron umgeschaltet wird. Die umgeschalteten Anteile ziehen typischerweise in einem grauen Verbindungsast (Ramus communicans griseus) wieder zu einem Spinalnervenstamm zurück.
Im Bereich des Kreuzmarks gibt esparasympathische Wurzelzellen. Diese Efferenzen ziehen ebenfalls zum gemeinsamen Spinalnervenstamm. Sie versorgen die unteren Bauch- und Beckeneingeweide.
Der Truncus nervi spinalis verlässt den Wirbelkanal über das Zwischenwirbelloch (Foramen intervertebrale) und zweigt sich dann jeweils in mehrere Äste auf:
Ramus posterior (Ramus dorsalis) für die Versorgung der wirbelsäulennahen Haut und Muskulatur (Autochthone Rückenmuskulatur).
Ramus anterior (Ramus ventralis) für die Versorgung der Haut und Muskulatur des wirbelsäulenfernen Rückens, der seitlichen und bauchseitigen Körperabschnitte sowie der Extremitäten.
Insbesondere im Bereich der Gliedmaßenursprünge bilden die Rami anteriores/ventrales der Spinalnerven Nervengeflechte (Plexus) mit ihren Nachbarn. Dabei mischen sich Fasern mehrerer Rückenmarkssegmente und formen wiederum Nerven. Jeder dieser Plexusnerven hat somit Anteile mehrerer Rückenmarkssegmente. Daher kommt es bei Ausfall nur einer Nervenwurzel bzw. eines Spinalnerven nicht zu einer vollständigen Lähmung (Paralyse) der versorgten Muskeln, sondern nur zu einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Kraftminderung (Parese).
Martin Trepel:Neuroanatomie. Struktur und Funktion. 4. neu bearbeitete Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München u. a. 2008,ISBN 978-3-437-41298-1.
Franz-Viktor Salomon:Nervensystem, Systema nervosum. In: Franz-Viktor Salomon, Hans Geyer, Uwe Gille (Hrsg.):Anatomie für die Tiermedizin. Enke, Stuttgart 2004,ISBN 3-8304-1007-7, S. 464–577.