Solidarische Ökonomie oderSolidarische Wirtschaft ist eine Form desWirtschaftens, bei welcherGeld als Bewertungs- undZahlungsmittel ganz oder teilweise durch andere Prozesse oder Vereinbarungen ersetzt wird. Sie nutzt dabei Elemente desKorporatismus und desSyndikalismus. Das Phänomen wird in denGesellschaftswissenschaften – Wirtschaftswissenschaft, Soziologie und Politikwissenschaft – untersucht.
Solidarische Ökonomie bezieht sich aufbedürfnisorientierte,soziale,demokratische undökologische Ansätze. Solidarökonomische Projekte sollen grundsätzlich im Dienste des Menschen stehen. Weiterhin basiert sie häufig auf der Überzeugung, dass jeder Mensch Teil derGesellschaft ist und seineArbeit wesentlich zumFortschritt beiträgt.
SolidarökonomischeProjekte gibt es zum Beispiel inLateinamerika, aber auch inEuropa. Dazu zählenOpen-Source-Softwareprojekte undalternative Bildungseinrichtungen,Tauschbörsen,Reparaturcafés,Umsonstläden,selbstverwaltete Betriebe,Genossenschaften,Community Land Trusts undWohngemeinschaften.[1]
Die Projekte undModelle verfolgen häufig Ziele in drei Feldern:
Vertreter der Solidarischen Ökonomie berufen sich oft auf denGenossenschaftsgedanken. Dieser lässt sich auf die bereits vomMittelalter her bekannten Organisationsformen (Einungen,Gilden) zurückführen. Er wurde von derArbeiterbewegung aufgenommen, reichte aber auch in dieGewerkschaftsbewegung und denAnarchosyndikalismus hinein. Alssoziale Bewegung begann inEngland und auf demeuropäischen Festland ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine moderne Form: Sie bediente sich dabei einerzweckrationalen und theoriegestützten Planung. Die Genossenschaftsbewegung ist als bedeutender Lösungsversuch derjenigen sozialen Probleme zu verstehen, die derKapitalismus aufwarf.
Nach Rückschlägen im 20. Jahrhundert, zum Beispiel der Zerschlagung der Gewerkschaften und Genossenschaften durch das NS-Regime, und Affären in den 1980er Jahren (sieheNeue Heimat undKonsumgesellschaft„co op“) erfolgte zwischen 1968 und 1989 eine Gründungswelle im Bereich „Alternativer Ökonomie“.[2]
Solidarische Ökonomie ist inDeutschland bisher an derUniversität Kassel[3] und an derUniversität Münster[4] Gegenstand von Forschung und Lehre.
In Deutschland haben Wissenschaftler der Universität Kassel im Jahr 2007 erstmals begonnen, unter dem Begriff „Solidarische Ökonomie“ alternative Wirtschaftsformen zu erheben. Indem die Arbeit kollektiv, solidarisch und hierarchiefrei organisiert wird, verkörpere sie eine Strategie zur Bekämpfung sozialer Ausgrenzung. Für die Abgrenzung solcher Betriebe haben die Forscher fünf Kriterien aufgestellt:
Im September 2015 fand in Berlin der KongressSolikon 2015 statt, den ein Bündnis aus über dreißig Organisationen vorbereitet hatte.[6] Der praxisorientierte Teil der Veranstaltung bestand aus Exkursionen zu Projekten alternativen, ökologischen und kooperativen Wirtschaftens in Berlin und Brandenburg im Rahmen einerWandelwoche. Während des Kongresses unter dem Motto „Wir können auch anders! Solidarische Ökonomie in der Praxis“ fanden über vier Tage an derTU Berlin[7] mit rund 1000 teilnehmenden Menschen Podiumsdiskussionen, Foren und Workshops statt: Diese boten zu Themen wieGemeinwohl-Ökonomie,Commons,fairer Handel oderTransition Towns einen Überblick über den vielfältigen Ansatz einer Solidarischen Ökonomie und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und zur Vernetzung.[8][9] Die Wandelwoche wurde im Jahr 2016 wiederholt und fand im September 2017 erneut in Berlin und Umgebung statt.[10]
Im Februar 2009 fand an derUniversität für Bodenkultur Wien der KongressSolidarische Ökonomie statt. Er wurde von über 1.000 Teilnehmern besucht und zeigte das Bestehen einer Vielzahl von solidarisch ökonomischen Initiativen in Österreich auf, darunterTauschbörsen,Umsonstläden (Schenkökonomie),Foodcoops,Regionalwährungen,Gemeinschaftsgärten und solidarische Wohnprojekte wie Baugruppen (Bauherrengemeinschaft).
In Österreich ist ein Netzwerk von Tauschbörsen entstanden, die sich im Rahmen desTreffens der österreichischen Tauschkreise regelmäßig austauschen. Mitza:rt, der Plattform für Zusammenarbeit regionaler Transaktionssysteme, wurde eine Clearingstelle für den Tausch zwischen verschiedenen Tauschkreisen gegründet.[11] Neben kleinen, lokalen Tauschkreisen existieren auch größere Systeme und Verbunde, an denen sich mehrere Regionalgruppen beteiligen.
Verschiedene Modelle vonRegionalwährungen sind z. B. in Vorarlberg[12], der Steiermark[13] und in Niederösterreich (Waldviertel)[14] entstanden.
In Wien werden ebenfalls mehrere Tauschbörsen[15], Gemeinschaftsgärten[16], Umsonstläden und FoodCoops[17] betrieben.
Der folgendeSolidarische Ökonomie Kongress[18] fand im Februar 2013 wieder am gleichen Ort statt[19].
DieGemeinwohl-Ökonomie ist in Österreich stark vertreten. So bezeichnet beispielsweise dasKanzleramt die Bewegung als „effektives Instrument zur Umsetzung der SDGs in Unternehmen und Gemeinden“.[20] Jedes österreichische Bundesland ist mit einer Regionalgruppe vertreten.[21]
Die Solidarische Ökonomie wird in Kanada alsSoziale Ökonomie bezeichnet. Die Zahl der Unternehmen, die sich an diesem Prinzip orientieren, wird in der ProvinzQuébec gegenwärtig auf mehr als 7000 geschätzt.[22]
In Québec wurde derChantier de l’economie sociale gegründet. Stark betont wird dabei die Bedeutung der Solidarökonomie für dieRegionale Entwicklung. Auf Grund der direkten Beziehungen der solidarischen Betriebe zum Umfeld, in dem sie sich befinden, sollen neue Bedürfnisse schneller erkannt und interpretiert werden können. Der Chantier vertrat 2007 rund 6.200 solidarische Betriebe mit etwa 65.000 beschäftigten Personen und pflegt Kontakte mit der brasilianischen Organisation, dem Fórum.[23] Charles Guindon vom Chantier war bei der nationalen Konferenz inBrasília, wo an einem gemeinsamen Projekt weitergearbeitet wurde. Die Problematik liege bei derkanadischen Regierung, da sie für solche Projekte nur Geld zur Verfügung stelle, wenn sie derEntwicklungshilfe dienen.
Nach dem Zusammenbruch derWirtschaft in Argentinien 2001 waren 20 % der argentinischen Bevölkerung arbeitslos und über 50 % verarmt. Massendemonstrationen, Straßenblockaden,Streiks und landesweiteFabrikbesetzungen waren die Folge. Manche Betriebe wurden zuvor von ihren Besitzern aufgegeben. Gründe waren teilweise wirtschaftliche Probleme wegen der Wirtschaftskrise, teils beabsichtigteInsolvenzen, um mit neuen Mitarbeitern woanders einen neuen Betrieb zu gründen. Andere investierten das aus dem Betrieb herausgezogeneKapital in anderenBranchen, vor allem imAgrarexport. Einige Fabrikeigentümer verließen das Land. Dies führte dazu, dass viele Arbeiter begannen, Fabrikgelände zu besetzen und die Produktion wieder aufzunehmen. Teilweise wurden die Übernahmen auch mit den ehemaligen Besitzern ausgehandelt, ohne den Betrieb zu besetzen.
Da in der überwiegenden Mehrzahl der Betriebe dasManagement und große Teile der Verwaltung zusammen mit den Besitzern den Betrieb verließen, wurden die Kosten dafür eingespart. Die Fabriken wurden mit dem Ziel derExistenzsicherung anstelle derGewinnmaximierung fortgeführt. Heute befinden mehr als 200 Fabriken in den Händen von Arbeitern und sichern die Existenz von mehr als 10.000 Mitarbeitern.
Als Rechtsform der Fabriken wurden meist Kooperativen gewählt. Sie sehen sich selbst als neue Generation der in Argentinien weitverbreiteten Kooperativen. Im Gegensatz zu traditionellen Kooperativen ist dieBetriebsversammlung das firmeninterne Entscheidungsorgan. Jedes Mitglied hat eine Stimme. Die Betriebsversammlungen finden in der Regel mindestens einmal monatlich statt. Dort werden alle Firmen betreffenden Entscheidungen getroffen. Nur für das Alltagsgeschäft gibt es teilweise Untergruppen, die bestimmte Arbeitsbereiche wie Verkauf, Verwaltung usw. abdecken. Jedoch ist die Betriebsversammlung immer letzte Entscheidungsinstanz und Informationsorgan.
Die Entwicklung verlief nicht so erfolgreich wie in Brasilien. DasArbeitsentgelt dieser Betriebe ist in 52 % der Fälle gesunken. Die Arbeitszeiten blieben in der Regel gleich. Auch die rechtliche Situation dieser Betriebe ist in vielen Fällen noch immer nicht geklärt. In manchen Fällen konnten Räumungen oderZwangsversteigerungen nicht verhindert werden. Einige dieser Betriebe baten daher umVerstaatlichung, wobei aber die Selbstverwaltung der Betriebe beibehalten werden sollte. Eine weitere Forderung an die argentinische Republik war die Schaffung einesFonds, der den Kooperativen das notwendige Startkapital zur Verfügung stellen sollte. Damit sollte sichergestellt werden, dass Maschinen, Grund und Boden im Besitz der Unternehmung bleiben.
Auch inBrasilien wird versucht, die Solidarökonomie in die Praxis umzusetzen. Während einerWirtschaftskrise in den 1980er und 1990er Jahren gingen viele brasilianische Unternehmen inKonkurs. Arbeiter kauften undsanierten solche Firmen, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Heute sind viele dieser Fabriken solidarökonomische Betriebe. Eines ihrer Mottos istOutra economia acontece („Eine andere Wirtschaft geschieht“). Als maßgeblich für den Erfolg wird die Unterstützung durchGewerkschaften und die Regierung angesehen. 1996 setzte sich der gewerkschaftliche Dachverband BrasiliensCentral Única dos Trabalhadores (CUT) für dieKooperativen ein. Die ANTEAG (Associacao Nacional dos Trabalhadores e Empresas de Autogestao e Participacao Acionara, dt. 'Nationale Vereinigung der Arbeiter in selbstverwalteten Betrieben') und die 2003 gegründete SENAES (Secretaria Nacional de Economia Solidaria, dt. 'Das nationale Sekretariat für die Solidarökonomie') sind für die Gründung neuer Kooperativen und deren Zusammenschluss zuständig.
Das nationale Sekretariat hat dabei eine Schlüsselposition. Es besitzt derzeit den Status einer Abteilung des Arbeitsministeriums und wird seit 2003 von dem ÖkonomenPaul Singer geleitet. Es repräsentiert die Bewegung für Solidarökonomie in Brasiliens mit allen Forderungen gegenüber staatlichen und privaten Institutionen sowie internationalen Organisationen. Weitere Hauptaufgaben des Sekretariats sind die Verbreitung von Informationen über das Konzept der Solidarökonomie und die politische und materielle Unterstützung der Kooperativen in ganz Brasilien. Seit 2004 verfügt das Sekretariat über ein eigenesBudget. Es wird für verschiedene Projekte verwendet:
Die Kooperativen werden bei der Entwicklung einerAlternativen Wirtschaft durch Regierungsorgane,Intellektuelle, Universitäten undGenossenschaften unterstützt. Über 3.000 alternative Betriebe, über 500 Unterstützungsorganisationen, mehr als 80 Städte und die öffentlichen Verwaltungen von sechs Staaten organisieren sich über dasBrasilianische Forum für Solidarische Ökonomie.[24]
Der Aufbau von Genossenschaften wird unterstützt durch Innovationswerkstätten, die an brasilianischen Hochschulen durchgeführt werden. Ein Beispiel ist die Innovationswerkstatt der Universität von São Paulo (USP) unter der Leitung von Paul Singer und Sylvia Leser de Mello.
Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt des SENAES ist die Stärkung derregionalen Wirtschaft. Dabei wird es von Kirchen, Gewerkschaften, Universitäten und Parteien landesweit unterstützt.[25][26]
Am 30. September 2013 gründete sich inGenf dieUN Inter-Agency Task Force on Social and Solidarity Economy (UNTFSSE) derVereinten Nationen (UN). Zu den Gründungsmitglieder gehören unter anderem dieInternationale Arbeitsorganisation (ILO), dasWeltentwicklungsprogramm (UNDP), dasForschungsinstitut für soziale Entwicklung (UNRISD), sowie weitere UN-Behörden. Inzwischen gehören zivilgesellschaftliche Organisationen wie dieInternational Co-operative Alliance (ICA) zu den Mitgliedern oder besitzen Beobachterstatus.[27] Auf der 66. Generalversammlung der Vereinten Nationen im April 2023 erkannten die Mitgliedsstaaten per Resolution die Rolle der solidarischen Ökonomie zur Erfüllung derSustainable Development Goals (SDG) an. Zur gebotenen Stärkung der solidarischer Ökonomien sollten demnach finanzielle Anreize, Anpassungen von Beschaffungsprozessen und Curricula sowie die Erfassung solidarischen Wirtschaftens in nationalen Statistiken erfolgen.[28]