Das Römische Reich unterHadrian (Regierungszeit 117–138 n. Chr.). Der Siedlungsraum derVenedi lag zu der Zeit zwischen Ostsee undKarpatenDie Ausbreitung der slawischen Sprache im 5. bis 10. Jahrhundert
In der lebhaften und noch keineswegs abgeschlossenen Diskussion über den Ursprung der Slawen stehen sich zwei völlig unterschiedliche Forschungsansätze gegenüber. Ausgehend von der Grundannahme, dass die Slawen ein Ursprungsgebiet haben, geht die klassische Auffassung von der Einwanderung einer oder mehrerer homogener „urslawischer“ Gruppen aus, deren Identität und Herkunft sie zu ermitteln sucht („Urheimat“).[4] Dabei sollen nach einem älteren Modell homogene Verbände eingewandert sein, während sich nach einer moderneren, modifizierten These die slawischen Völkerschaften erst auf der Wanderung oder am Ankunftsort im Rahmen einerEthnogenese aus den wandernden Protoslawen gebildet haben. Insbesondere Sprachforscher haben als slawische „Urheimat“ einen Raum nördlich derKarpaten zwischen obererWeichsel, mittleremDnepr undDesna vermutet.
Demgegenüber hat der rumänisch-amerikanische ForscherFlorin Curta die umstrittene These aufgestellt, die Slawen als ethnisch-politische Kategorie seien eine oströmisch-frühbyzantinische „Erfindung“ in Form einer Fremdbezeichnung, also einer Kategorisierung von außen, durch die unterschiedliche Gruppen als Einheit gesehen worden seien. Curtas Thesen haben zu einer angeregten Debatte geführt, in der auch lange als sicher geltende Deutungen archäologischer Kulturen als „slawisch“ neu diskutiert werden.
Plinius der Ältere,Tacitus undClaudius Ptolemäus vonAlexandria erwähnen ab dem 1. Jahrhundert in unterschiedlichen Schreibweisen ein Volk der „Veneter“(Venedi / Venethi / Venadi oderOuenedai), das östlich derWeichsel beziehungsweise an derDanziger Bucht siedelte. Somit wird es – schon geografisch – auch eindeutig von denVenetern des Alpenraumes unterschieden.
Eine ethnische Kontinuität von Venethi/Venedi undWenden wird in der modernen Forschung überwiegend bezweifelt.[5]
Die Vorbehalte stützen sich auf das späte Auftreten zweifelsfrei den Slawen zuzuordnender Keramik. Diese sogenanntefrühslawische Keramik zeichnet sich jedoch im Wesentlichen durch ihre Einfachheit und Unscheinbarkeit aus. Zwischen den älteren Kulturen derselben Region und der frühslawischen Keramik liegen die Hinterlassenschaften desGotensturms, und dieGetica desJordanes berichten von der Unterwerfung der verschiedenen Völker durch die Goten.
Zur Zeit des KaisersJustinian I. (527–565)[6] gerieten Slawen (in griechischen Quellen alsSklavenoi, in lateinischen alsSclaveni bezeichnet) undAnten dann erstmals in das Blickfeldoströmischer Geschichtsschreiber.[7] Dazu gehörten zuerstCassiodor (auchCassidor genannt), der eine heute verschollene Gotenchronik im AuftragTheoderichs schrieb, dieJordanes später in seinerGetica nutzte, und dannProkopios von Caesarea (auchProkop genannt), der unter dem oströmischen FeldherrnBelisar gegen die Goten kämpfte. Beide Historiker hatten also Information aus erster Hand.
Nun folgen mehrere Wellen derJustinianischen Pest, die zu allerlei wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen führen. Erst danach setzt die Geschichtsschreibung wieder ein und beginnt rückwirkend an die Werke der Antike anzuschließen.
Nach dem Jahr 600 folgen größere Erwähnungen durch frühbyzantinische Chronisten wieAgathias sowie in der folgenden ZeitMenander Protektor undTheophylaktos Simokates. Sie berichten von zahlreichenSklavenoi und Anten, die aus denKarpaten, der unteren Donau und vomSchwarzen Meer kommend seit der Mitte des 6. Jahrhunderts plündernd in die Donauprovinzen desOströmischen Reiches eingefallen seien.
Prokopios beschrieb, dass die Anten und Sklavenoi seiner Zeit in fast allen Dingen gleich seien, gleiche Bräuche gehabt und dieselbe Sprache gesprochen hätten.
Jordanes schrieb um 550 in seinem HauptwerkGetica,Sclaveni,Antes undVenethi seien verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Gruppe. Dabei bezieht er sich auf Cassiodor. Ihm zufolge siedelten zu seinen Lebzeiten dieSclaveni zwischen Weichsel undDonau und die Anten zwischenDnister undDon.[8] Laut Cassidor seien dieSclaveni wie auch die Anten und Veneter einst von den Goten unterworfen waren, als diese noch am Schwarzen Meer lebten. In der modernen Forschung ist umstritten, ob die Anten slawischer Identität waren; andere Hypothesen gehen unter anderem von einer skythischen (iranischen) Herkunft aus.[9]
DieSklavenoi rückten dabei auch in den Bereichen vor, die im Verlauf der sogenanntenVölkerwanderung von germanischen Gruppen geräumt worden waren.[10]
DasStrategikon des Maurikios stelltSklavenoi als fähige Schwimmer und Taucher dar, die in Sümpfen und im Gebirge zu Fuß alsGuerilla kämpften und Bogenschützen und Speerwerfer stellten.
Unter arabischen Autoren des Mittelalters ist besondersIbrahim ibn Yaqub bedeutend, der im 10. Jahrhundert dieMecklenburg, den Sitz derStammeskönige des westslawischen Stammesverbandes derAbodriten besuchte und beschrieb, wobei er auch deren HerrscherNakon namentlich erwähnte. Daneben bereiste und beschrieb er ausführlichPrag, das Zentrum des entstehendenHerzogtums Böhmen. Die Stadt Prag erwähnte er wie auchKrakau als erster Autor überhaupt. Er belegt auch als früheste Quelle das entstehende polnische Staatswesen unter HerzogMieszko I., der namentlich auftaucht. Daneben erwähnte er das Zentrum derHeveller, dieBrandenburg, sowie dieSorben, dieRus, diePrußen, dieMährer, die slawisierten Donaubulgaren, dieGuduscani und dieDudleben, wobei er einen Herrscher nennt, der oft mitWenzel dem Heiligen von Böhmen identifiziert wird. An anderer Stelle nennt er dessen BruderBoleslav I. von Böhmen. Ein weiterer Reisender in arabischer Sprache warAhmad ibn Rustah, der dieKiewer Rus und ihre Gesellschaft ebenfalls im 10. Jahrhundert neben der GesellschaftKroatiens,Bulgariens, undMährens schilderte. So erwähnte er und einige andere Geographen eine Stadt, die nach Lage und Namen das erste politische Zentrum der ostslawischenWjatitschen in der Region um das spätereMoskau war, vielleicht das alte Moskau selbst, das zwar unter heutigem Namen erst um 1147 gegründet wurde, nach archäologischen Untersuchungen aber schon vorher wichtiges Wjatitschen-Zentrum war. Ein späterer Reisender durch die Wolgaländer, die Fürstentümer der Rus undUngarn war im 12. JahrhundertAbu Hamid al-Gharnati, der beispielsweiseKiew beschrieb.
Ausführliche Schilderungen der landwirtschaftlichen, kommerziellen, politischen und religiösen Verhältnisse in derKiewer Rus und benachbarter slawischer Länder wurden von mehreren muslimischen Geographen, besondersAl-Masʿūdī,Ibn Hauqal, aber auchIbn Chordadhbeh,Abū Zaid al-Balchī, imHudūd al-ʿĀlam und anderen überliefert, die die Länder aber nicht selbst gesehen hatten, sondern ihre Informationen von zumeistwarägischen Söldnern und Händlern (Rus, im Unterschied zu den bäuerlichenSaqāliba) und anderen Händlern, Reisenden und Geographen bezogen. Einige geographische Angaben sind heute nur noch schwer zu identifizieren und manchmal wird der BegriffSaqāliba („Slawen“, EinzahlSaqlab) nur als ungenauer geographischer Sammelbegriff für Bewohner Ostmittel-, Südost- und Osteuropas verwendet. Diese gelegentlichen Mängel der geographischen Beschreibung entfernter Länder hat schon das Hudūd al-ʿĀlam reflektiert.[11]
Häufiger sind Nachrichten über einzelne oder Gruppen von Saqāliba in der Diaspora, die im islamischen Herrschaftsbereich oder dessen näherer Nachbarschaft auftauchten – Händler, Söldner, Sklaven, Militärsklaven, Würdenträger usw.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde in oft erbitterten und zumeistnationalistisch gefärbten Debatten eine „Urheimat“ der Slawen gesucht, da man sich „Völker“ nur alshomogene Einheiten vorstellen konnte. Inzwischen wurde jedoch erkannt, dass die verschiedenen historischenDisziplinen wieArchäologie,Historiographie undSprachwissenschaft eigene, spezifischeQuellen und Aussagemöglichkeiten besitzen, die sich nicht ohne weiteres zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen.[12] Sie alle haben jedoch großemethodische Schwierigkeiten, mit Hilfe ihrer Quellen derEthnogenese näherzukommen. Vor allem polnische und tschechische Wissenschaftler nahmen an, dass die vorgeschichtlichen Slawen mit derLausitzer Kultur zu identifizieren sind. Deutsch- und englischsprachige Wissenschaftler lehnten diese These überwiegend als spekulativ ab.
Erst mit ihrer Erwähnung in den oströmischen Quellen werden die Slawen als historische Größe greifbar, wobei diese Großgruppe keineswegs als ethnisch homogene Gruppierung aufgetreten sein muss, wenngleich sie von außen als solche gesehen wurde. Neu entstandene Großverbände der Völkerwanderungszeit waren meistens fragil und polyethnisch zusammengesetzt. Sie setzten sich aus Personen und Gruppen unterschiedlicher Herkunft zusammen, die besonders durch den Glauben an eine gemeinsame Ideologie und Kultur sowie eine gemeinsame Abstammung zusammengehalten wurden, sich aber nicht zwangsläufig tatsächlich auch auf eine gemeinsameKultur und gemeinsameSprache begründen mussten. Ethnogenese ist ein historischer Prozess, an dessen Ende in diesem Fall das historisch greifbare „Volk“ der Slawen stand. Für die Bildung der slawischen Sprache(Topogenese) konnte mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Gebiet zwischen mittlerer Weichsel beziehungsweiseBug und mittleremDnepr herausgearbeitet werden. Doch nicht allein Wanderungen der Träger dieser Sprache, sondern auch dieAssimilation von Menschen verschiedener Herkunft führte zu der „Slawisierung“ Ostmittel- und Osteuropas.
In den folgenden Jahrhunderten besiedelten Slawen auf diese Weise allmählich weite GebieteMitteleuropas undOsteuropas, die sich vom Schwarzen und Ägäischen Meer bis zur Ostsee und demIlmensee sowie von derElbe, derSaale, demBöhmerwald, demInn, denAlpen und derAdria bis zum oberen Don und unteren Dnepr erstreckten.
Die große Fülle archäologischer Funde gibt umfangreiche Informationen über materielle Kultur und Lebensweise slawischer Bevölkerung in den verschiedenen Siedlungsperioden.
Die archäologischen Zeugnisse der frühen Slawen (6.–8. Jhd.) zeigen kaum Unterschiede im gesamten Siedlungsgebiet zwischen Schwarzem Meer und mittlerer Elbe. Die Keramik ist handgeformt und häufig unverziert. Typische Zeugnisse sind Überresteslawischer Burgwälle im vormaligen Siedlungsgebiet.
In der Diskussion über die Klassifikation verschiedener regionaler Gruppen wird immer wieder auf die sehr geringen Unterschiede der materiellen Kultur verwiesen.[13] Daher wird heute nur noch zwischen regionalen Keramikgruppen unterschieden.
Gegen Ende des 5. Jahrhunderts wurde der mittlere Donauraum (die heutige Slowakei, Ungarn, wohl auch das heutigeSüdmähren) und um 550 bzw. in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts auchBöhmen von Slawen besiedelt. Gleichzeitig begannen die Slawen nach dem Abzug derLangobarden, sich von der Donau aus überPannonien,Noricum undKarnien auszubreiten, und siedelten sich allmählich in den heutigen GebietenOberösterreichs nördlich der Donau undNiederösterreich,Steiermark,Kärnten,Krain undOsttirol an. Im 7. Jahrhundert dehnte sich das slawische Siedlungsgebiet bis anElbe undSaale aus, weiter südlich in die Flussgebiete des oberen Main (bisOchsenfurt), Regnitz und nördlicher Naab. Vom heutigen Polen war nur der äußerste Nordosten nicht slawisch. Dort siedelten die baltischenPrußen.
Die südlichen Westslawen bildeten um 623, als Reaktion auf die BesetzungPannoniens durch dieAwaren in den 60er-Jahren des 6. Jahrhunderts, das Reich desSamo mit vermutetem Mittelpunkt im südlichenMarch-Raum.
Im 9. Jahrhundert entstand dasMährerreich als bedeutende Reichsbildung auf dem Gebiet des heutigenMähren und derSlowakei. Hier führtenKyrill und Method als Schriftsprache das von ihnen auf Basis derglagolitischen Schrift kodifizierteAltkirchenslawische alsLiturgiesprache ein. Anfang des 10. Jahrhunderts zerfiel das Mährerreich im Laufe derUngarneinfälle, worauf neue Machtzentren entstanden, aus denen sich heutige Staaten entwickelt haben, das Reich derPřemysliden inBöhmen, Grundlage des heutigenTschechien, und das derPiasten inPolen. Die heutige Slowakei kam Stück für Stück, großenteils bis 1100, unter die Herrschaft der Magyaren und wurde von ihnen seit dem 16. Jahrhundert alsOberungarn bezeichnet.
Ausgangspunkt und zeitlicher Rahmen der slawischen Besiedlung zwischenElbe undOder sind bis heute nur schwer zu bestimmen.
Ursprünglich ging die Forschung von unterschiedlichen Einwanderergruppen und Einwanderungsrichtungen aus.[14] Dem lag die Vorstellung von großen, ethnisch und politisch homogenen Wanderungsverbänden zugrunde, die als geschlossene Stammesverbände wellenartig das Gebiet zwischen Elbe und Oder erreichten, was durch entsprechend interpretierte Ausgrabungsfunde und sprachwissenschaftliche Entdeckungen belegt schien. Danach sollte die Keramik derSukow-Dziedzice-Gruppe der ersten Einwanderungswelle zuzuordnen sein, die von Osten kommend die Oder überquerte. Dagegen sah man in den Vertretern derPrager Gruppe Stämme, die von Südosten kommend entlang der Elbe bis zur Mündung derSaale vorstießen. Im mehrfachen Vorkommen ethnischer Bezeichnungen, wie der derAbodriten,Serben/Sorben undKroaten in Mitteleuropa einerseits und in Südosteuropa andererseits, erblickte man einen Beweis für die Aufspaltung ursprünglich größerer Stammesverbände. Darüber hinaus wurden Unterschiede bei Bestattungsformen sowie im Haus- und Burgenbau hervorgehoben.
Inzwischen gelten die Versuche, für die Frühzeit der slawischen Besiedlung verschiedene Einwanderergruppen zu identifizieren, als gescheitert.[15] Die neueren Erkenntnisse zur Ethnogenese sprechen gegen die Existenz politisch und ethnisch homogener Wanderungsgruppen und ihren Fortbestand in den neuen Siedlungsgebieten. Bei der Interpretation der archäologischen Funde werden deren Gemeinsamkeiten hervorgehoben und Unterschiede durch regionale Umwelteinflüsse erklärt. Ähnliche Stammesbezeichnungen gelten als Folge des Rückgriffs auf das gleiche Namensgut.
Sclavinia, Germania, Gallia und Roma huldigen Kaiser Otto III., Meister der Reichenauer Schule,Evangeliar Kaiser Ottos III., um 1000
InSchleswig-Holstein, dem nördlichen Endpunkt der slawischen Einwanderung, ist die Besiedelung ab Mitte des 8. Jahrhunderts archäologisch nachweisbar.[16] Bei den ältesten Siedlungsfunden handelt es sich um Reste eines slawischen Dorfes beiBosau, datiert „um/nach 726“ und den Wall vonLiubice (auch: Alt-Lübeck), datiert um 730. Hölzer des Bohlenweges aus demKlempauer Moor stammen aus dem Jahr 760/61 und das Brunnenholz aus der Vorburgsiedlung von Liubice aus der Zeit von 769. Aus Scharstorf (GemeindeSchellhorn) stammt ein Holz ohne Befundzusammenhang, das auf das Jahr 770 datiert wird. Frühere Datierungen auf der Grundlage derRadiokarbonmethode gelten dagegen heute als sehr zweifelhaft. FürBrandenburg wird von slawischer Besiedlung bereits im fortgeschrittenen 7. Jahrhundert ausgegangen.
Der westlichste bekannte Fürstensitz war daswagrischeStarigard („Alte Burg“) an der Ostsee, das heutigeOldenburg in Holstein (siehe auch:Oldenburger Wallmuseum). Dies war zugleich ein wichtiger Handelsplatz für denOstseehandel mit Beziehung zum sächsischenHamburg und zur SiedlungHaithabu dänischerWikinger. Allerdings gab es im 9. und 10. Jahrhundert auch mehrfach Überfälle auf Hamburg, 1066 wurde Haithabu von den Slawen geplündert, im 11. Jahrhundert (mutmaßlich) die sagenhafte slawische HandelsstadtVineta vernichtet.[17]
NachdemRethra als religiöses Zentrum der nördlichen Westslawen im Winter 1068/69 zerstört worden war, übernahm dieJaromarsburg amKap Arkona auf der InselRügen dessen Rang, bis auch dieses letzte bedeutende Heiligtum im Jahre 1168 durch die mit dem sächsischen StammesherzogHeinrich dem Löwen verbündeten christlichen Dänen unter KönigWaldemar I. zerstört wurde.
Wallanlage in Oldenburg in Holstein
Slawische Burg
Darstellung von Slawen beim Bau einer Inselburg im 10. Jahrhundert
Burg Fischerinsel bei Neubrandenburg in Mecklenburg um 1150
Im heutigen Polen lebten mehrere Stämme. Das Land zu beiden Seiten derWeichsel bis etwa an dieWipper hin bewohnte der Stamm derPolanen („Feldbewohner“) bzw. Lechen, die im 10. Jahrhundert mit denPiasten an der Spitze den Kern des entstehenden StaatesPolen bildeten und sich mit denMasowiern und anderen kleineren Stämmen zusammenschlossen. Hauptstadt des durch den FürstenMieszko I. gegründeten Staates warGnesen. Die zwischen Wippermündung und Oder nahe der Ostsee wohnenden Slawen wurdenPomoranen genannt, vonpo morju („am Meer“).
Der genaue Zeitpunkt und der Prozess der Besiedelung ostslawischer Stämme ist unklar. Zu den ältesten Siedlungsgebieten der Ostslawen zählen Gebiete am mittleren Dnepr um Kiew sowie Gebiete entlang seines rechten ZuflussesPrypjat. In der Spätantike waren sie den damaligen Chronisten einer Theorie zufolge alsAnten bekannt. Den Dnepr aufwärts kommend, kolonisierten die Ostslawen bereits früh den RaumSmolensk sowie denIlmensee, wo sie jeweils baltische und finno-ugrische Stämme verdrängten oder assimilierten.
Denkmal für die legendären Stadtgründer von Kiew aus dem Stamm der Polanen im 5. Jahrhundert
DenWeg von den Warägern zu den Griechen über das osteuropäische Flusssystem nutzend, bereistenwikingische Händler, Siedler und Krieger das ostslawische Gebiet, das sie wegen seiner zahlreichen Burgen und StädteGardarike nannten. DieseWaräger oderRus genannten Menschen einten die gesamte Region der heutigen Nordukraine, Belarus und Westrussland gegen Ende des 9. Jahrhunderts zum ersten gemeinsamen Reich, derKiewer Rus. Einige ostslawische Stämme konnten ihre Unabhängigkeit von Kiew, der Hauptstadt der Rus von 882 an, noch relativ lange bewahren. Besonders hartnäckig widersetzten sich die Wjatitschen und die Tiwerzen den Kiewer Fürsten. Ab dem 12. Jahrhundert verschwinden die Erwähnungen der einzelnen Stämme aus den Chroniken. Sie verschmolzen zu einemaltrussischen Volk, das etwa imIgorlied als Russitschi (русичи) genannt wird.
Im Rahmen derslawischen Ostsiedlung kolonisierten die Ostslawen zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert in mehreren Wellen das heutigeZentralrussland (die Gebiete zwischen derWolga und derOka). Die erste Besiedlungsphase erfolgte noch vor der Entstehung der Kiewer Rus und ging auf die einzelnen Stämme zurück. Die Kriwitschen besiedelten den Oberlauf der Wolga sowie die RegionSalessje, wo Städte wieRostow,Susdal undWladimir gegründet wurden. Hier entstand später dasFürstentum Wladimir-Susdal, die Keimzelle des Russischen Reiches. Die Gebiete um Moskau sowie Gebiete entlang der Oka wurden allerdings zunächst ca. im 9. und 10. Jahrhundert von den ostslawischen Wjatitschen besiedelt. Im Norden breiteten sich die Slowenen (Ilmenslawen), die Kernbevölkerung derRepublik Nowgorod, bis ansWeiße Meer aus, wo aus ihnen später die russischenPomoren entstanden. Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert stützte sich die slawische Ostsiedlung im Gegensatz zur ersten Welle auf organisierte Strukturen der fürstlichen Administration derRurikiden. Fürsten von Wladimir-Susdal wieJuri Dolgoruki undAndrei Bogoljubski förderten die Übersiedlung aus den südlichen Gebieten der Rus am Dnepr nach Nordosten, die Bevölkerung stieg rasant. Auf Betreiben der Fürsten entstanden viele der heutigen Städte Zentralrusslands, darunter Moskau. Die Fürsten boten den im Süden der Rus häufig sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten gute Bedingungen als freie Bauern, außerdem bildete diePelzjagd eine wichtige Reichtumsquelle. Ein wichtiger Faktor für die Massenmigration aus dem Süden waren außerdem häufige Feudalkriege um Kiew sowie zahlreiche Überfälle der Polowzer (Kumanen). Die Slawen aus dem bevölkerungsreichen Süden bildeten in diesen Gebieten schnell die Mehrheit gegenüber den baltischen (Goljad) und der finno-ugrischen (Merja,Muroma,Meschtscheren) Stämmen, die noch keine Landwirtschaft betrieben haben. Zahlreiche slawische Toponyme und Hydronyme Zentralrussands, die ihre älteren Entsprechungen am mittleren Dnepr haben, belegen auch heute noch die südliche Herkunft der Siedler.
ImSpätmittelalter spalteten sich die Ostslawen inWeißrussen,Ukrainer undRussen auf. Ein ausschlaggebender Faktor für die Spaltung war ihre langzeitige Zugehörigkeit zu verschiedenen politischen Gebilden. Die Weißrussen und die Ukrainer bildeten sich im Einflussbereich desGroßfürstentums Litauen und derpolnischen Krone heraus. Mit der Ausbreitung desRussischen Reiches breitete sich seit dem späten 16. Jahrhundert das Siedlungsgebiet der Russen im Osten bis nach Sibirien und im Süden bis ansSchwarze Meer aus. InNeurussland erfolgte ab dem 18. Jahrhundert eine gemischte russisch-ukrainische Besiedlung und Erschließung der neu erworbenen Steppengebiete. Der Bau derTranssibirischen Eisenbahn verstärkte die slawische Besiedlung der Reichsgebiete amPazifik.
Die Ostslawen waren zunächst Heiden und hatten ein Pantheon an Göttern, unter denen der DonnergottPerun eine herausragende Stellung hatte. Ab 988 erfolgte dieChristianisierung der Rus nach byzantinisch-orthodoxem Ritus. In ihrem Zuge begannen die Ostslawen, diekyrillische Schrift zu nutzen.
Die Ostslawen betrieben Landwirtschaft und hatten bereits vor der Gründung der Kiewer Rus diverse Großsiedlungen, in denen Archäologen Zeugnisse desFernhandels und Spuren aufwendiger handwerklicher Betriebe entdeckten (Schmieden, Töpfereien, Kürschnereien etc.), zum Beispiel inPlesnesk,Roden,Alcedar oderGnjosdowo. Darüber hinaus gibt es Funde ostslawischer Heiligenstädten wie etwaPeryn beiNowgorod oder amSbrutsch in derWestukraine.
Ein charakteristischer Frauenschmuck bei den Ostslawen waren dieSchläfenringe, wobei sie jeweils eine stammesspezifische variable Form hatten.
In der ausgehendenSpätantike, im 6. Jahrhundert, rückten die Slawen über die untere (im 5. Jahrhundert von denWestgoten verlassene) Donau nachMoesia,Thrakien,Illyrien,Makedonien und bis zurPeloponnes vor. DerKirchenhistorikerJohannes von Ephesos berichtet von einer großen slawischen Invasion seit 581, die erstmals eine dauerhafte Niederlassung zum Ziel gehabt habe. Tatsächlich begannen sich bald darauf die Slawen auf dem Balkan anzusiedeln, was jedoch durch dieBalkanfeldzüge des Maurikios beinahe zur Episode wurde. Im 7. Jahrhundert vollzog sich der größte Teil derLandnahme der Slawen auf dem Balkan (siehe auchSklavinien), was jedoch nicht zur völligen Beseitigung der ursprünglichen Bevölkerung führte. Die genauen Prozesse der slawischen „Landnahme“ sind hierbei Gegenstand angeregter wissenschaftlicher Diskussionen, in die auch politische und nationale Motive einfließen. Als Beispiel sei hier nur die überholte These vonJakob Philipp Fallmerayer genannt, wonach es sich bei den modernenGriechen ausschließlich um hellenisierte Slawen handele.
Ab der Mitte des 6. Jahrhunderts siedelten Slawen auch imOstalpenraum. Die Wanderung der Langobarden nach Italien (568) begünstigte die Besiedlung großer TeilePannoniens durch Slawen. Um 600 kämpften Alpenslawen, Vorfahren der heutigenSlowenen, gegenBajuwaren an der oberenDrau und stießen bis Italien vor. Ihre Ausbreitung wurde mit einer Kette langobardischer Festungen(Limes Langobardorum) entlang des Ostrandes vonFriaul aufgehalten.
Laut dem byzantinischen KaiserKonstantin VII. drangen dieKroaten undSerben in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts über die Donau und siedelten sich nach Vertreibung der Awaren in Pannonien,Dalmatia und im übrigenIllyricum an.
In der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts kam ein Teil derProtobulgaren auf der östlichenBalkanhalbinsel an und gründete dort 681 das Bulgarische Reich, wobei sich das asiatische Reitervolk sehr schnell mit der ursprünglichen slawischen Bevölkerung vermischte und das heutige slawische Volk derBulgaren bildete.
Ende des 7. Jahrhunderts waren die großen westlichen und südlichen Wanderungen der Slawen abgeschlossen.
Als geschichtliches Volk erscheinen die Slawen zuerst unter dem Namen der Serben (Sporen) und derVeneter. Sie waren unter diesem Namen bis ins 5. Jahrhundert in den Ländern zwischenOstsee und dem Schwarzen Meer ansässig, zwischen den Karpaten und dem Don, von der oberenWolga bis nachNowgorod und von dort bis zur Scheide der Weichsel und derOder. Etwa mit dem 6. Jahrhundert treten die NamenAnten (für die Ostslawen, obwohl das historische Volk der Anten vielleicht gar nicht slawisch war) und (für manche Westslawen)Slověne (siehe oben unter Ausbreitung der heutigen Westslawen) auf. Beide erhielten sich aber als Bezeichnung der Gesamtheit nicht lange, und der Name Serben verengte sich bis zur Benennung einzelner slawischer Stämme. Aus der Bezeichnung Veneter aber wurdeWenden, die Bezeichnung der Slawen bei den Deutschen (für die heutigen Sorben). Die BezeichnungSlawen ist zumindest seit dem frühen Mittelalter üblich,Adam von Bremen bezeichnet sie in seiner Chronik des Erzbistums Hamburg alsSclavi.
Neben anderen Slawisten schreibt auch der sorbische SlawistHeinz Schuster-Šewc in seiner Abhandlung über die Geschichte und Geographie des ethnischen NamensSorb/Serb/Sarb/Srb, wonach sich der serbische Name aus demurslawischen*sĭrb- „schlürfen“ ableiten soll, vgl. altostslawischsereblju, litauischsrebiù, albanischgjerb, lateinischsorbeō, altgriechischrhophéō „schlürfen“, armenischarbi „trank“, hethitischsarāpi „nippt“ (vorausgesetzte urindogermanische Wurzel*srebʰ- „schlürfen“ nachLIV). Die semantische Entwicklung fand sich dann weiter inSrb für Brüder und Schwestern nach der Muttermilch, also die von derselben Mutter gesäugt wurden, ohne unbedingt blutsverwandt gewesen zu sein. Daraus folgte die Bezeichnung für Angehörige derselben Familie oder Sippe und später für Angehörige desselben Stammes. Andere wollen den serbischen Namen mit den antikenSarmaten in Verbindung bringen. Der SlawistPavel Jozef Šafárik (1795–1861) wie auchGottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) vertraten die Meinung, wonachSrb ursprünglich der Eigenname aller Slawen gewesen sei. Jedenfalls stand der serbisch-sorbische Name mit dem historischen Auftreten sowohl der Serben wie auch der Sorben im 7. Jahrhundert für Stammesangehörige, Verwandte, Verbündete.[18]
Die Bedeutung der in den byzantinischen Quellen genannten Begriffe derVeneter,Sklavinen,Sporen undAnten ist umstritten, doch dürfte es sich weniger um ethnische als vielmehr um politische oder geographische Bezeichnungen handeln. Lediglich der Name der Slawen(sklabenoi, sklaboi) stellt in heutiger Zeit eine Selbstbezeichnung dar. Die ebenfalls gebrauchten Namen derWenden/Veneter und Anten sind dagegen ursprünglich vonGermanen beziehungsweiseAwaren für die Slawen verwendete Bezeichnungen.
Der Ursprung des NamensSlawen ist in der sprachwissenschaftlichen Forschung noch ungeklärt. Im Allgemeinen wird angenommen, dass er entweder vom gemeinslawischen *слŏвŏ (heuteslóvo) „Wort“ abgeleitet wird, womit sich die Sprechenden oder Beredeten selbst von den „Stummen“(némec) abgrenzten, wobei das WortNémec sich zur Bezeichnung für die Deutschen entwickelt hat. Als von Seiten romanischer Historiker im Barock Slawen, ohne sich intensiver mit ihrer Geschichte auseinandergesetzt zu haben, als Barbaren und unkultivierte Völker allgemein als vergleichsweise minderwertige Völker beschrieben wurden, mit der die vermeintliche etymologische Herkunft der Eigenbezeichnung aus dem lateinischensclavus gerechtfertigt wurde,[19] entwickelte sich in Gegenreaktion unter einer großen Zahl gelehrter slawischer Humanisten die Ausarbeitung eigener Historien, in denen sie den Volksnamen aufslawa (dt. „Ruhm“) zurückführten und dies ebenso klar ausformulierten und publizierten.
Die Familienverfassung war einepatriarchalische. Die Einwohner eines Ortes bildeten eine durchBlutsverwandtschaft verknüpfteSippe(obschtina, rod), deren Mitglieder einen gemeinsamen Namen trugen, gemeinschaftliches Gut besaßen und unter einem gewählten Ältesten standen. Aus mehreren solcher Sippen bildete sich derStamm(pleme), an dessen Spitze das Stammesoberhaupt, der Anführer im Krieg, stand. Die Stämme ihrerseits vereinigten sich wieder zu einem größeren Ganzen, zu Einzelvölkern(narod).
DieEhe wurde heilig gehalten, es herrschte ursprünglichMonogamie. Noch vor der Abtrennung in einzelne Zweige hatten die Slawen durch Herkommen befestigte Rechtsnormen(pravo, zakon); der Begriff „erben“ fehlte jedoch, da die FamilienverfassungErbschaften ausschloss.
Prokopius beschrieb die Slawen als „außergewöhnlich hochgewachsen und von mächtigem Körperbau sowie unerschütterlicher Natur.“[20] Der oströmische HistorikerJordanes schrieb über die Slawen: „Alle von Ihnen sind sehr groß und stark, ihre Haut und Haare sind weder sehr dunkel noch sehr hell, aber rötlich sind sie im Gesicht.“[21] Der byzantinische GeschichtsschreiberTheophanes schrieb: „Der Kaiser bewundert ihre Schönheit und ihre mächtige Statur“.[22]
Kultur- und Sittengeschichte des Gesamtvolkes: Nach dengriechischen unddeutschen Schriftstellern waren die alten Slawen ein friedliebendes und fleißiges Volk, fest am Althergebrachten hängend, leidenschaftlichAckerbau undViehzucht und auch, wie aus der Sprache und aus den archäologischen Funden hervorgeht, Handel treibend. Gerühmt wird auch ihre Gastfreundschaft. Kranke und Arme fanden sorgfältige Pflege, nur der Böse wurde ausgestoßen, undchud bedeutet in slawischer Sprache zugleich arm und böse.Polygamie war gestattet, wurde aber fast nur von den Vornehmen geübt.
Der Grundzug der Zivil- und Staatsverfassung war demokratisch; man kannte ursprünglich keine Stände, keine erbliche Fürstenwürde (siehe auch:Wetsche). Das Band der Sippeneinheit hielt alle umschlungen, und derStarosta (Älteste) war nur Verwalter des Gesamtvermögens der Sippe. Die Einheit der Sippe schloss die Erbfolge aus. Hierdurch unterschieden sich die Slawen wesentlich von den Germanen undRomanen. Standesunterschiede, erbliche Fürstenmacht, Leibeigenschaft und Sklaverei bildeten sich infolge fremder Einflüsse erst später bei den Slawen aus. Die Bezeichnungen für dieFürstenmacht(knez, kralj, chrabia, cjesar) und denAdel(szlachta, Geschlecht) sind fremden Ursprungs.
Die Slawen werden als sehr gesangliebend geschildert. Seele und Gemüt offenbaren sich bei ihnen in anmutigen Liedern und Gesängen. Von den mythischen Vorstellungen und der darin sich kundgebenden Weltanschauung der alten Slawen lässt sich kein deutliches und konsistentes Gesamtbild zeichnen, da eine zusammenhängende Überlieferung fehlt.
Die ursprüngliche Religion der Slawen war derjenigen anderer früher indogermanischer Völker ähnlich. In den Naturerscheinungen, besonders den Phänomenen des Himmels, sahen die Slawen wirkliche Wesen, die sie sich mit Denken und Empfinden ausgestattet vorstellten, einige wohltätig, andere zerstörend wirkend. Die ersteren wurden von den Slawenbog, die letzterenBjes genannt, und dasChristentum übernahm diese Wörter teils für Gott und Teufel.
Sie verehrten einen höchsten Gott, den Urheber des Himmels und der Erde, des Lichts und desGewitters. Diesem waren die anderen Götter untertan. Der Name dieses Gottes warSvarog (derSchöpfer), als Urheber des Donners heißt erPerun (balt.Perkunas). Seine Söhne waren die Sonne und das Feuer. DerSonnengott (Daschbog, „Geber der Güter“) war auchKriegsgott, alsTheomorphose der Luft erscheint Sventovit oderSvantovit (nachFranz von Miklosich nur Sanctus Vitus), als Gott des SturmsStribog.
Oberste Gottheit der westslawischenWenden warRadegast, der ebenfalls als Kriegsgott verehrt wurde. AlsFrühlingsgöttinnen erscheinen Wesna (Frühling) und Deva (oder Diva, wunderschöne Schönheit), als Göttin der Liebe und Schönheit Lada. Unter den bösen Gottheiten steht die Repräsentantin des Winters (Moraua) obenan.
Ein eigentlicher Dualismus bestand aber nicht, und was bei einigen Schriftstellern von einem Kampf zwischen den Göttern des Lichts und der Finsternis (demBjelbog undTschernebog der Nordslawen) berichtet wird, scheint bereits auf christlichen Einfluss hinzuweisen.
Als mythische Wesen niederen Grades wurden verehrt: dieWílen undRusálka, die Herrscherinnen über Flüsse, Wälder und Berge, welche in der Volkspoesie der Slawen bis auf den heutigen Tag(1888) eine große Rolle spielen; ferner die Rojenitze oder Schicksalsgöttinnen sowie zahlreiche Haus- und Feldgeister und die finsteren MächteBaba Jaga (Hexe, altes verrücktes Weib), Bjes und Vjed, welch letzterem die Sonnen- und Mondfinsternisse zugeschrieben wurden.
Die Gunst der Götter und deren Schutz suchten die Slawen durch Gebet und Opfer zu erlangen. Letztere bestanden im Verbrennen vonRindern undSchafen auf Bergen und in Hainen, wo sich auch Götterbilder befanden. Menschenopfer kamen nur vereinzelt vor. Vollstrecker der Opfer waren die Stammesältesten. Einen Priesterstand kannten die alten Slawen ebenso wenig wie besondere Tempel. Von Festen sind jene zu erwähnen, die sich an den Wechsel der Jahreszeiten anknüpfen: dieWintersonnenwende (koleda, ovsen, kratshun), der Frühlingsanfang mit Austragung des Winters und dieSommersonnenwende (kapalo, jarilo).
Mit dem leiblichen Tod hörte nach slawischer Auffassung das Leben nicht auf, vielmehr war die Seele(dusza) unsterblich. Sie gelangte insParadies(nav, ráj), das als schöne Wiese gedacht wurde. Die Leichen wurden entweder verbrannt oder begraben, beideBestattungsweisen kommen nebeneinander vor. Schätzenswerte Untersuchungen über die alte Kultur und mythologische Vorstellungen der Slawen, soweit sie sich im Aberglauben, inSagen undMärchen des Volkes erhalten haben, enthältAlexander Afanassjews WerkDie poetischen Naturanschauungen der Slawen.[23]
Die slawische Keramik war im 7. Jahrhundert in Mitteleuropa weit verbreitet. Die Slawen setzten kaum auf die Viehzucht, sondern auf den Getreideanbau. Auf zwei Dritteln einer Feldgemarkung wurden jeweils Roggen, Weizen, Gerste, Hafer und Hirse angebaut. Das Getreide wurde mit Sicheln gemäht. Später kam auch die Sense zum Einsatz. Die Häuser wurden leicht eingetieft auf einer Fläche von 16 bis 30 Quadratmetern gebaut.
Um 700 wurde die slawischeBurgwallanlage in Spandow, dem heutigen BerlinerBezirk Spandau erbaut. Die Dörfer waren rund oder in einem Halbkreis angelegt. Im Schutze einer Burg konnte eine größere Siedlung angelegt werden, die zu einer Stadt heranwuchs. Dort wurden spezielle Handwerkszweige entwickelt, Lebensmittel auf Vorrat gehalten, Fernhandel betrieben und kulturelle Bauten erstellt. Die Häuser wurden mit Holzpalisaden und Holzerdemauern befestigt.
Besonders im gewässerreichen nordöstlichen Mitteleuropa bauten die Slawen beachtliche Holzbrücken[24], darunter vier über die mittlereHavel und eine 2 km lange über denOberuckersee.
Die Slawen errichteten ihre Siedlungen an strategisch vorteilhaften Lagen, oft von Seen umgeben. Typisch sind hier die StädteLychen,Feldberg undPenkun. Ihre Burgen wurden oft auf Inseln oder in Sumpfgebieten angelegt und waren daher nur schwer zu erobern. Der einzige Zugang zu diesen bestand ausHolzbohlen und konnte bei Gefahr aufgenommen werden. Seltener waren Höhenburgen, typisch dafür ist die BurgStarigard („Altenburg“, heuteOldenburg in Holstein).
János Bak, Karl Kaser, Martin Prochazka (Hrsg.):Selbstbild und Fremdbilder der Völker des östlichen Europa (= Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens.Band18). Klagenfurt 2006 (aau.at).
Florin Curta:The Making of the Slavs. History and Archaeology of the Lower Danube Region, C. 500–700. Cambridge 2001 (wichtige neuere Darstellung),ISBN 0-521-80202-4 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Florin Curta:Southeastern Europe in the Middle Ages, 500–1250. Cambridge 2006.
Christian Lübke:Das östliche Europa. Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Siedler, München 2004,ISBN 3-88680-760-6 (gut lesbare Gesamtdarstellung).
Eduard Mühle:Die Slaven im Mittelalter. De Gruyter, Berlin/Boston 2016.
Roland Steinacher:Wenden, Slawen, Vandalen. Eine frühmittelalterliche pseudologische Gleichsetzung und ihre Nachwirkungen. In:Walter Pohl (Hrsg.):Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters. Wien 2004,ISBN 3-7001-3296-4, S. 329–353.
Karl Wilhelm Struve:Zur Ethnogenese der Slawen. In: Michael Müller-Wille (Hrsg.):Starigard/Oldenburg. Ein slawischer Herrschersitz des frühen Mittelalters in Ostholstein. Neumünster 1991,ISBN 3-529-01839-2, S. 9–28.
Zdeněk Váňa:Die Welt der alten Slawen. Dausien, Hanau 1996,ISBN 3-7684-4390-6 (tschechisch:Svět dávných Slovanů. Artia, Praha 1983,DNB993748147).
Zdeněk Váňa:Mythologie und Götterwelt der slawischen Völker. Urachhaus, Stuttgart 1993,ISBN 3-87838-937-X.
↑Alicja Karszniewicz-Mazur:Die Lehnwörter germanischer Herkunft im Urslawischen und Altpolnischen. In:Orbis Linguarum.Nr.27, 2004,ISSN1426-7241,S.299–303 (Digitalisat (Memento vom 7. September 2006 imInternet Archive) [PDF;198kB; abgerufen am 21. April 2019]).
↑Dass eine solche überhaupt existierte, bestritt in neuerer ZeitFlorin Curta. Er geht davon aus, dass die Byzantiner die neuen Gruppen an ihrer Grenze nur kennzeichnen wollten und sich dort eine eigene Identität erst später entwickelte (Florin Curta:The Making of the Slavs. Cambridge 2001, S. 335ff.).
↑Zu dessen Balkanpolitik und den ersten Kontakten mit den Slawen siehe nun ausführlich Alexander Sarantis:Justinian’s Balkan Wars. Campaigning, Diplomacy and Development in Illyricum, Thace and the Northern World A.D. 527–65. Prenton 2016.
↑Christian Lübke:Das östliche Europa. Die Deutschen und das europäische Mittelalter. München 2004, S. 42ff.; Sebastian Brather:Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2. Auflage Berlin 2008, S. 51f. Zu den frühen Belegen für das Ethnonym „Slawen“ siehe:Günter Weiß:Das Ethnikon Sklabenoi, Sklaboi in den griechischen Quellen bis 1025 (=Glossar zur frühmittelalterlichen Geschichte im östlichen Europa. Beiheft 5). Franz Steiner, Stuttgart 1988,ISBN 3-515-05297-6; Jutta Reisinger, Günter Sowa:Das Ethnikon Sclavi in den lateinischen Quellen bis zum Jahr 900 (=Glossar zur frühmittelalterlichen Geschichte im östlichen Europa. Beiheft 6). Franz Steiner, Stuttgart 1990,ISBN 3-515-05610-6.
↑Jordanes:Getica 34f., Karte bei Sebastian Brather:Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2. Auflage Berlin 2008, S. 53.
↑Zu diesem Prozess sieheWalter Pohl:Die Völkerwanderung. 2. Auflage. Stuttgart u. a. 2005, S. 206–212.
↑Alle Angaben nach:al-Saḳāliba. in:Encyclopaedia of Islam. New Edition, Bd. 8, Leiden 1995, S. 872–881
↑Vgl. auch Sebastian Brather:Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2. Auflage Berlin 2008, S. 51ff.
↑vgl. dazu Sebastian Brather:Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2. Auflage Berlin 2008, S. 47 und öfter.
↑Joachim Herrmann:Siedlung, Wirtschaft und gesellschaftliche Verhältnisse der slawischen Stämme zwischen Oder/Neiße und Elbe. Studien auf der Grundlage archäologschen Materials. Dt. Akad. Wiss., Schr. Sektion Vor- u. Frühgesch. 23, Berlin 1968, S. 39–77.
↑Sebastian Brather:Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2. Auflage Berlin 2008, S. 58.
↑Ulrich Mueller, Donat Wehner:Wagrien im Brennpunkt der Slawenforschung in: Kathrin Marterior, Norbert Nübler (Hrsg.):Mehrsprachige Sprachlandschaften ? Leipzig 2016, S. 209–260, hier S. 220.
↑Helmold von Bosau:Slawenchronik (orig. um 1170). Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe. Band XIX. 4. Auflage. Darmstadt 1983.
↑Милан Будимир, Ο старијим поменима српског имена, Глас САН 236, Одељење литературе и језика 4, Београд, стр. 35-55, Резиме на латинском (dt. Milan Budimir,Über die alte Erwähnung des serbischen Namens)
↑Sonja Ćirić:Među Lavom i Drokunom. Interview mitZlata Bojović. In:Vreme.Nr.1266, 9. April 2015 (bosnisch,vreme.com [abgerufen am 24. August 2019]).