Aus geologischer Sicht ist die Skandinavische Halbinsel ein TeilFennoskandinaviens, zusammen mit derHalbinsel Kola sowie den Landmassen vonKarelien und dem restlichen Finnland.
Die skandinavische Halbinsel war während derletzten Kaltzeit von Eis bedeckt. Der Druck und die Bewegung der Eismassen hat die Landschaft in vielen Teilen wesentlich mitgestaltet. Ein auch heute noch wichtiger Faktor ist diepostglaziale Landhebung. Das Abschmelzen der Eismassen, die die Erdkruste niedergedrückt hatten, hat seit der letzten Eiszeit (ungefähr 10.000 v. Chr.) zu einer Landhebung von 800 m geführt. Heutzutage beträgt die Landhebung, die von der geographischen Breite abhängt, in Nordskandinavien 10 bis 11 mm jährlich. Auf der Höhe von Stockholm liegt sie bei 4 mm, inSchonen bei null.[2]
An denFlachküsten macht sich das Auftauchen ehemaligen Meeresbodens besonders deutlich bemerkbar: Ältere Strand- oder Fischerhütten, Bootsstege usw. liegen manchmal schon weit landeinwärts. Auch Fragen der Besitzverhältnisse sind damit verbunden.
In derGeodäsie haben diese und andere ozeanografische Phänomene viel zur Entwicklung derErdmessung beigetragen. So geht die Lehre derIsostasie auf fennoskandische Geodäten und Geophysiker zurück, die Besonderheiten der Ostsee haben die Kooperation mehrererGeowissenschaften angeregt, und derOstseering stellt das erste wirklich internationaleVermessungsnetz dar.
Dermittellateinische NameScandinavia, der sich in den modernen Sprachen durchgesetzt hat, ist nicht ursprünglich, sondern wahrscheinlich eine Mischung aus den älteren NamenScadinavia einerseits undScandia andrerseits.[3]
Scadinavia oderScatinavia findet sich zuerst in den Schriften vonPlinius dem Älteren (um 50 n. Chr.). Eine altgermanische, von der lateinischen unabhängige Entsprechung istScedenīg imaltenglischenBeowulf-Epos (um 700). Auf der Grundlage dieser beiden Überlieferungen kann man ein urgermanisches*Skaðinaujō erschließen. Es handelt sich dabei um eine Zusammensetzung, in deren Zweitglied germanisch*awī / *aujō ‚Land am Wasser, Halbinsel, Insel‘ (vgl.Aue) steckt. Über die Bedeutung des Erstglieds besteht keine Einigkeit. Vorgeschlagen wurden unter anderem ein Zusammenhang mit dem GöttinnennamenSkaði (als schädigendes, dämonisches Wesen, mit Bezug auf den Nordwestwind), mit dem Gattungswortskaði ‚Schaden‘ (mit Bezug auf für die Schifffahrt gefährliche Meeresverhältnisse), mit dem gotischen Gattungswortskadus ‚Schatten‘ (im Sinne von nordwärts gelegene Insel oder Insel des Dunkels, des Nebels) sowie mit germanisch*skað- ‚Hering‘ (im Sinne von Heringsaue).[3]
Scandia findet sich ebenfalls schon bei Plinius und bezeichnet dort eine nicht näher eruierbare Insel jenseits Britanniens. BeiPtolemäus (um 150) sind dieScandiai vier Inseln, beiJordanes (um 550) stehtScandza schon deutlich für Skandinavien. Das sprachliche Verhältnis zwischen den NamenScadinavia undScandia ist ungeklärt.[3]
Der Name der zuerst dänischen und dann schwedischen LandschaftSchonen(Skåne) wird auf die gleiche Wurzel wie lateinischScadinavia bzw. altenglischScedenīg zurückgeführt, wobei die lautlichen Verhältnisse, die zur heutigen Form geführt haben, im Einzelnen unsicher sind. Überliefert ist er erstmals alsde Sconaowe im Jahr 811.[3]
Ursprünglich dürfte sichScadinavia jedenfalls auf den südlichsten Teil der skandinavischen Halbinsel bezogen haben.[3]
DasYoldiameer nach dem Durchbruch zur Nordsee vor etwa 10.000 Jahren
Die ältere Geschichte Skandinaviens ist durch die Einwanderung zweier mesolithischer Jäger- und Sammlerpopulationen geprägt. Die erste Gruppe stammt aus derAhrensburger Kultur und überquerte Jütland und die dänischen Inseln. Um 9.600 v. Chr. ist die erste Siedlung in Schonen nachweisbar. Man hat jedoch verschiedene ältere saisonale Lagerplätze gefunden, die zeigen, dass Sammler und Jäger schon kurz nach dem Ende der Eiszeit begannen, auf dänischen Inseln zu jagen. Zu diesem Zeitpunkt dürfte es noch eine Landbrücke zwischen Jütland und Schonen gegeben haben, da das glaziale Schmelzwasser weiter nördlich über den Vänersee in die Nordsee floss. Diskutiert wird, ob die Besiedlung per Boot erfolgte. Nachweisbar ist eine Besiedlung der schwedischen Küste in Schonen, bis schließlich auch die norwegische Küste eine Besiedlung zuließ. Die zweite große Einwanderung kam überEstland, Karelien und Finnland etwa 1000 Jahre später und wird auf ca. 8000 v. Chr. datiert. Zu dieser Zeit wandelte sich der Baltische Eisstausee in dasYoldia-Meer, und es entstand nach und nach derFinnische Meerbusen. Rund 4000 Jahre lebte diese skandinavische Urpopulation, die recht schnell auch den Norden erreichte, isoliert vom Rest Europas. Währenddessen verwandelte sich die Ostsee zumAncylussee und schließlich zumLittorinameer. Es ist unklar, inwieweit diese massiven Umweltveränderungen Einfluss auf die Besiedlung Skandinaviens hatten.
Erst um etwa 3500 v. Chr. erreichte mit denTrichterbechern auch die Landwirtschaft Skandinavien, deren nördlichste Position auf der Insel Aland gefunden wurde. Damit einher geht der Fund einer Pestinfektion, die dem Urstamm der Pest bisher am nächsten steht und eine Folge der Einwanderung war. Kurz darauf folgten ihnenSchnurkeramiker und schließlich auchGlockenbecher, die auf das südliche Skandinavien und den äußersten Westen Finnlands beschränkt blieben. Ein Ostsee-Handelsnetz zwischen Estland, Karelien, Finnland und Schweden entstand ebenfalls zu dieser Zeit und zeigt, dass auch in der östlichen See ähnliche Handelsnetze wuchsen, die mit dem westlichen Handelsnetz der Schnurkeramiker in Kontakt stand.Kujawien dürfte hier als Kontakt-Gruppe eine wichtige Rolle gespielt haben.[4]
Lamnidis et al. (2018) weisen auf eine weitere Einwanderungswelle um 2000–1500 v. Chr. aus dem Gebiet derTaimyrhalbinsel, die eng mit denSamen (Volk) verbunden ist. DieNganasanen weisen hierzu die engsten Verbindungen auf und sind mit derAsbestos-Ware in Finnland und Karelien assoziiert. Sie zeigen auch, dass die Samen einst viel weiter südlich lebten und stimmen mit dem Auftreten der Rentierzucht überein. Rund 50 % der Finnen weisen genetische Spuren dieser Einwanderung auf und belegen eine gewisse Kontinuität im östlichen Skandinavien.[5]
Die jüngere historische Geschichte Skandinaviens ist vielfältig und durch verschiedene Phasen des Mit- und Gegeneinanders geprägt, letztere führte zum Scheitern desSkandinavischen Verteidigungsbündnisses nach dem Zweiten Weltkrieg. Die starke Tradition dernationalen Geschichtsschreibung des 19. und 20. Jahrhunderts wurde zunehmend durch alternative Betrachtungsweisen ergänzt. Trotzdem dominiert die nationalstaatliche Perspektive.
Über 500 Jahre bestand quasi eine Gemeinsamkeit im außenpolitischen Bereich, als vom Überfall des dänischen KleinkönigsChlochilaicus auf Gallien (517) bis zum unglücklichen ZugHarald Hardrades gegen England 1066 dieWikinger ihre Raub- und Kriegszüge auf alle europäischen Küstengebiete, aber auch bis tief nachRussland ausdehnten. Eine andere Gemeinsamkeit stellt lange Zeit die Ablehnung desChristentums dar in Zeiten, als es im westlichen Europa schon Jahrhunderte verbreitet war. In Skandinavien setzte sich das Christentum in der Mitte und am Ende des 10. Jahrhunderts durch. Außerdem ist die große Bedeutung derJarle, die zunächst nur Anführer von Beutezügen waren, als solche aber sehr reich und mächtig wurden, für diese Zeit charakteristisch. Deshalb entwickelte sich dasLehnswesen in Skandinavien deutlich langsamer als in Kerneuropa, und dieLeibeigenschaft setzte sich nicht vollständig durch.
Neben diesen allgemeinen Gemeinsamkeiten gab es aber auch Zeiten, in denen mehrere der skandinavischen Länder unter einer Herrschaft vereinigt waren, so waren schon unterKnut dem Großen von 1028 bis 1035 Dänemark, Norwegen und (lockerer) Schweden sowie auch England in einemNordseereich vereinigt. Dänemark und Norwegen standen bald darauf von 1042 bis 1046 unter der gemeinsamen HerrschaftMagnus des Guten. Doch die Hauptzeit der gemeinsamen politischen Entwicklung liegt in derKalmarer Union, der die Länder Dänemark, Norwegen und Schweden von 1397 bis 1523 inPersonalunion verbunden waren. In dieser Zeit verlor Norwegen deutlich an politischer Selbständigkeit, so dass nach dem Ausscheiden Schwedens aus der Kalmarer Union mit derdänisch-norwegischen Personalunion bis 1814 praktisch eine dänische Vorherrschaft bestand, die 1814 von der schwedisch-norwegischen Union abgelöst wurde, die bis 1905 andauerte.
Mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens zurNATO in den Jahren 2023 und 2024 sind alle Skandinavischen Länder erstmals seit dem 16. Jahrhundert wieder Teil eines (und desselben) Militärbündnisses.[6][7]
Skandinavien wird vor allem als kulturelle und sprachliche Einheit beschrieben und zeichnet sich durch dasnordgermanischeDialektkontinuum aus. In den drei nahe verwandten Standardsprachen,Dänisch,Norwegisch undSchwedisch ist eine gegenseitige Verständigung zwischen geübten Sprechern möglich. Zu den nordgermanischen Sprachen gehören daneben auchFäröisch undIsländisch, die aber von den drei erstgenannten bereits so stark abweichen, dass eine Verständigung nicht mehr leicht möglich ist. DasFinnische sowie diesamischen Sprachen gehören zururalischen Sprachfamilie.
Bekannt für die skandinavischen Länder sind die an denDannebrog angelehntenKreuzflaggen, die jeder heutige Staat Skandinaviens führt. Auch skandinavische Provinzen und andere Regionen haben Kreuzflaggen (zum BeispielSchonen,Småland undÅland).
Jarosław Suchoples (Hrsg.):Skandinavien, Polen und die Länder der östlichen Ostsee: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wydawn. Uniw. Wrocławskiego, Breslau 2005,ISBN 83-229-2637-5.
Nordis (Das Nordeuropa-Magazin) ist eine deutsche Zeitschrift mit Berichten über skandinavische Länder.
↑Thomas Terberger und Joachim Burger, Migration im Paläolithikum und Mesolithikum Mitteleuropas – Archäologie trifft Paläogenetik. Oktober 2016,ISBN 978-3-944507-61-3.
↑Lamnidis et al. 2018, Ancient Fennoscandian genomes reveal origin and spread of Siberian ancestry in Europe,doi:10.1038/s41467-018-07483-5
↑Ronald D. Gerste:Unabhängigkeit von Schweden: Ein blutiger Weg zum eigenen Land. In:Die Zeit. 30. Mai 2023,ISSN0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 28. Februar 2024]).
↑Linda Koponen:Schweden tritt der Nato bei: was die Erweiterung für die Ostsee bedeutet. In:Neue Zürcher Zeitung. 28. Februar 2024,ISSN0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 28. Februar 2024]).