Bei vielen Tieren sind die mit derGeschlechtsreife sich herausbildenden sekundären Geschlechtsmerkmale dauerhaft, andere Arten zeigen den Sexualdimorphismus nur zurPaarungszeit. Oft besteht ein Zusammenhang zwischen Geschlechtshormonen, den sich dadurch bildenden unterschiedlichenBalzkleidern, dem unterschiedlichen Verhalten bei der Paarung und der arbeitsteiligen elterlichen Fürsorge um den Nachwuchs. Die makroskopischen Sexualdimorphismen sindgenetisch determiniert. Die vielfältigenphysiologischen Unterschiede reichen vom Hormonsystem über den allgemeinenStoffwechsel bis zur Steuerung vonWachstumsprozessen und Ausbildung von Präferenzen.
Bei manchen Tiefsee-Anglerfischen wie demRutenangler(Cryptopsaras couesii) ist das Zwergmännchen mit dem Weibchen dauerhaft verwachsen
Die Männchen sind größer oder kleiner als die Weibchen. BeiSäugetieren und vielenVögeln sind häufig die Männchen größer, dagegen sind bei Raubvögeln, wieGreifvögeln undEulen, beiReptilien,Kröten undGliederfüßern die Weibchen oft größer als die Männchen. Der Extremfall sind dieZwergmännchen: Bei manchenTiefseefischen wie denTiefsee-Anglerfischen degenerieren die Männchen zu „Anhängseln“ des Weibchens, mit denen sie vollkommen verwachsen sind und über derenBlutkreislauf sie mit ernährt werden. Ähnlich ist es beimGrünen Igelwurm, bei dem die Zwergmännchen im Inneren des Weibchens leben und dort auch die Eier befruchten.
In der Biologie werdenModellorganismen verwendet, die klaren Sexualdimorphismus in einfach zu messenden Charakteristika wie der Körpergröße aufweisen, um zu untersuchen wie sich diese gravierenden Unterschiede entwickeln. Beispielsweise wird der KäferC. maculatus genutzt, um zu verstehen, wie genetische Mechanismen Sexualdimorphismus verursachen können und wie diese sich evolutionär entwickelt haben.[4]
Wenn die Körperoberflächen der Geschlechter sich farblich unterscheiden, wird dies Sexualdichromatismus, seltener auch Sexualdichroismus, genannt (beispielsweise dieGefiederfärbung beiVögeln,Fellfärbung beiSäugern,Schuppenfärbung beiFischen). Unterschiede in der Färbung können dauerhafte Merkmale sein, manche treten nur während derBalz auf.
Bei einigen Tierarten produziert eines der Geschlechter zusätzliche Organe. Diese können Waffen sein für Rivalitätskämpfe (z. B. dasGeweih derHirsche oder derSporn derHähne), Merkmale, um einen Geschlechtspartner aufmerksam zu machen (z. B. dasPfauenrad oder Leuchtorgane beiLeuchtkäfern) oder Organe zur Brutpflege (z. B. voll ausgebildeteMilchdrüsen bei weiblichen Säugetieren, äußerlich erkennbar alsweibliche Brust oderEuter; Bruttaschen beiSeenadeln oderMarsupium derAsseln oderStachelhäuter).
Häufig zeigen die Geschlechter unterschiedliche Verhaltensweisen. Diese werden alstertiäreGeschlechtsmerkmale bezeichnet.[7][8] Die Unterschiede verstärken sich oft während derBalz, meist stehen sie in direktem Zusammenhang mit der Partnersuche und Partnerwahl. Ein Beispiel ist der Gesang derSingvogelmännchen. Dazu können auch langwierige Verhaltensmuster zum Bau von Einrichtungen durch eines der Geschlechter gehören wieNestbau für die kommende Brutpflege (z. B. durchSpechte oderSiamesische Kampffische) oder auch für die Balz geeignete Vorrichtungen (wie Lauben durchLaubenvögel).
Bei vielen Arten mitpromiskem Verpaarungsverhalten können Männchen potentiell deutlich mehr Nachkommen zeugen als die Weibchen. Die Weibchen dieser Arten zeigen bei der Partnerwahl ein wählerischeres Verhalten als die Männchen. Es erhöht diebiologische Fitness der Nachkommen der Weibchen, wenn sie bei diesem Paarungsverhalten solche Männchen auswählen, deren Merkmale eine besonders hohe Qualität aufweisen. Dies wiederum führt dazu, dass sich vorwiegend Männchen mit starker Ausprägung dieser Merkmale verpaaren, woraus ein sexuell bedingter Selektionsdruck entsteht. Umgekehrt steigert es den Erfolg der Männchen, wenn sie sich mit möglichst vielen Weibchen verpaaren, woraus ebenfalls ein entsprechender Selektionsdruck entsteht.
Für den Bruterfolg ist es vorteilhaft, wenn der Nachwuchs vorPrädatoren geschützt aufwächst. Brutpflegende Eltern sind daher in ihremHabitat meist unauffällig und gutgetarnt.
Erfolgt die Brutpflege nur durch einen Elternteil, so stellt diese Verhaltensweise einerseits einen ethologischen Sexualdimorphismus dar und begünstigt andererseits die Ausbildung weiterer Sexualdimorphismen, da die Erfordernisse an die Brutpflege geschlechtsspezifisch wirksam sind. Ein ausgeprägter Geschlechtsdimorphismus kann auch ein Maß für den Grad der ethologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern darstellen, häufig betrifft dies Unterschiede im Paarungsverhalten wiePolygynie oder, seltener,Polyandrie.
Es gibt eine Reihe von Arten, bei denen die Weibchen größer sind als die Männchen, weil das Weibchen eine große Anzahl von Eiern legt, wie beispielsweise beiInsektenköniginnen, oder es ihre Gebärfähigkeit erhöht.
Eine weitere Erklärung kommt ohne erkennbaren Nachweis eines deutlichen Vorteils aus und macht primär eine sich selbst verstärkende sexuelle Präferenz verantwortlich.[10] Beispielsweise wurde der Einfluss der sexuellen Präferenz für bestimmte Körpergrößen bei riffbewohnenden Fischen untersucht.[10]
Die Renschsche Regel, die 1950 von dem deutschen ZoologenBernhard Rensch formuliert wurde,[10][11] ist eineallometrische Regel zum geschlechtsspezifischen Größenunterschied bei Tieren. Sie besagt, dass unter verwandten Arten Größenunterschiede bei größeren Arten deutlicher sind, und dass bei großen Arten die Männchen, bei kleinen Arten die Weibchen tendenziell größer sind.[12]
Véronique Kleiner:Warum sind Frauen kleiner als Männer?ARTE France, Frankreich 2013 (52 Minuten,Info bei Arte; internationale Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zur Evolutionsgeschichte).
↑Philipp Kaufmann, Matthew E. Wolak, Arild Husby, Elina Immonen:Rapid evolution of sexual size dimorphism facilitated by Y-linked genetic variance. In:Nature Ecology & Evolution.Band5,Nr.10, Oktober 2021,ISSN2397-334X,S.1394–1402,doi:10.1038/s41559-021-01530-z (nature.com [abgerufen am 28. Oktober 2022]).
↑Brian J. Olsen, Russell Greenberg, Jeffrey R. Walters, Robert C. Fleischer:Sexual dimorphism in a feeding apparatus is driven by mate choice and not niche partitioning. In: Behavioral Ecology. Band 24, Nr. 6, 2013, S. 1327–1338,doi:10.1093/beheco/art071.
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