Sestriere liegt 102 km westlich vonTurin auf einer gleichnamigen 2035 Meter hohen Passhöhe zwischen demVal Chisone und demSusatal (Val di Susa). Im Nordwesten wird er vom 2701 Meter hohen Monte Fraitève überragt, im Südosten vom Monte Sises (2658 m) und von der Punta Rognosa (3280 m). Zu Sestriere gehören die OrtsteileSestriere Colle auf der Passhöhe,Sestriere Borgata im Val Chisone,Champlas du Col undChamplas Janvier im Susatal.
Sestriere hat 916 Einwohner (Stand 31. Dezember 2024).
Ansicht von SestriereAnsicht von Sestriere von Monte Motta
Fiat-GründerGiovanni Agnelli Senior ließ Anfang der 1930er-Jahre zwei Hotels und zweiSeilbahnen bauen, darunter eine vonAdolf Bleichert & Co. erstelltePendelbahn. Später folgten noch ein weiteres Hotel, eine Sprungschanze und die erstenSesselbahnen sowie Europas höchster 18-Loch-Golfplatz. ImZweiten Weltkrieg wurden die Einrichtungen beschädigt, in den 1950er-Jahren dann wieder aufgebaut.
Gemeinsam mit den NachbargemeindenClaviere,Sauze d’Oulx,Cesana Torinese undPragelato hat sich Sestriere zum SkigebietVia Lattea zusammengeschlossen. Die bekanntesten Pisten, auf denen auch Wettkämpfe stattfinden, sindBanchetta,Fraitève undSises. Insgesamt hat Sestriere 146 Pisten und 92 Lifte/Bahnen. Die Gesamtlänge der Skiabfahrten beträgt 400 Kilometer, davon sind 120 künstlich beschneit.
Sestriere schien erstmals im Jahr1952 im Programm derTour de France auf und diente auf der 11. Etappe als zweiteBergankunft des Rennens. Das Ziel befand sich auf einer Höhe von mehr als 2000 Metern, was ein Novum in der Geschichte der Tour de France darstellte. Nachdem er bereits die erste Bergankunft inAlpe d’Huez gewonnen hatte, triumphierteFausto Coppi auch in Sestriere und baute seinen Vorsprung in der Gesamtführung auf rund 20 Minuten aus, womit er den Grundstein für seinen zweiten Gesamtsieg legte. Die damals befahrene Westauffahrt wurde als Anstieg der 2. Kategorie klassifiziert.[3]
In den Jahren1956 und1966 wurde Sestriere jeweils auf dem Weg nachTurin durchfahren. Die Organisatoren nutzten weiterhin die Westauffahrt, die vonCesana Torinese auf 11,5 Kilometern 679Höhenmeter überwindet, was einer Durchschnittssteigung von sechs Prozent entspricht. Der Anstieg galt von nun an alsBergwertung der 1. Kategorie. MitCharly Gaul undJulio Jiménez führten in jenen Jahren bekannte Fahrer über die Passhöhe.[4]
Nach längerer Abwesenheit kehrte Sestriere in den 1990er Jahren gleich dreimal als Bergankunft ins Programm der Tour de France zurück. Im Jahr1992 sicherte sich der ItalienerClaudio Chiappucci den Etappensieg, währendMiguel Indurain dasGelbe Trikot übernahm und bis zum Ende der Rundfahrt nicht mehr abgeben sollte.[5] Bei derTour de France 1996 war es der DäneBjarne Riis der mit seinem Etappensieg in Sestriere die Gesamtführung übernahm und so den Grundstein für seinen Tour-de-France-Gesamtsieg legte.[6] Im Jahr1999 feierteLance Armstrong im Gelben Trikot seinen ersten Etappensieg bei einer schweren Alpenetappe und baute zugleich seinen Vorsprung im Gesamtklassement auf mehr als sechs Minuten aus.[7] Auch der US-Amerikaner sollte im Anschluss Paris als Gesamtsieger erreichen, ehe er im Nachhinein aufgrund eines Dopingskandals disqualifiziert wurde.[8]
Die bislang letzte Überfahrt von Sestriere fand im Jahr2011 statt, als die17. Etappe zwischenGap undPinerolo erneut über die Westauffahrt führte. MitRubén Pérez sicherte sich damals ein weiterer Spanier die Bergwertung.[9]
Im Jahr2024 führte die Tour de France im Rahmen der 4. Etappe erneut über Sestriere. Nach dem Start in Pinerolo wurde erstmals die Ostauffahrt genutzt, ehe die Strecke über denCol de Montgenèvre undCol du Galibier nachValloire führte. Die Organisation gab die Ostauffahrt mit einer Länge von 39,9 Kilometern mit einer durchschnittlichen Steigung von 3,7 % an. Die Bewertung der 2. Kategorie sicherte sich der BriteStephen Williams.
Im Jahr1911 führte die 3. Austragung desGiro d’Italia auf der 5. Etappe erstmals über Sestriere. Der rund 300 Kilometer lange Abschnitt zwischenMondovì undTurin gilt als die erste Bergetappe der Italien-Rundfahrt, da dasEtappenrennen in Sestriere zum ersten Mal eine Seehöhe von 2000 Metern passierte.[10] Den Etappensieg sicherte sich der FranzoseLucien Petit-Breton, der in der nicht asphaltierten Ostauffahrt Probleme hatte den anderen Fahrern zu folgen und erst auf der anschließenden Abfahrt den Kontakt zur Spitze wieder herstellen konnte.[11] Im Jahr1914 wurde auf der 1. Etappe erstmals die Westtauffahrt befahren, wobei 44 der 81 Starter die Rundfahrt bereits am ersten Tag verließen.[10]
Nach einer weiteren Überfahrt im Jahr1931 wurde beimGiro d’Italia 1935 erstmals eineBergwertung in Sestriere abgenommen, bei der sich der ItalienerGino Bartali die meisten Punkte sicherte. Im Jahr1949 war es sein RivaleFausto Coppi der auf der 17. Etappe über fünf Alpenpässe führte und nach dem abschließenden Anstieg von Sestriere als Sieger inPinerolo ankam. Fausto Coppi gewann die Etappe mit einem Vorsprung von rund 12 Minuten vor Gino Bartali, übernahm dieMaglia Rosa und sicherte sich wenige Tage später seinen dritten von insgesamt fünf Gesamtsiegern beim Giro d’Italia.[12] In den Jahren1964,1972,1982 und1986 war die Überquerung von Sestriere stets ein Teil von anspruchsvollen Bergetappen, wobei sich die Ost- und Westauffahrt abwechselten.
Im Jahr1991 fand erstmals eineBergankunft in Sestriere statt, wobei der Zielort überSauze di Cesana aus westlicher Richtung erreicht wurde.[13] Der Schlussanstieg wurde im Finale der Etappe zweimal befahren. Zunächst sicherte sich der SpanierSantos Hernández die erste Bergwertung, ehe sein LandsmannEduardo Chozas Olmo die Etappe gewann.[9] Im Jahr1993 ging erneut eine Etappe in Sestriere zu Ende, wobei diese alsEinzelzeitfahren über 55 Kilometer mit Start in Pinerolo ausgetragen wurde.Miguel Indurain gewann die Etappe und baute seine Führung im Gesamtklassement aus, ehe er wenige Tage später seinen zweiten Giro d’Italia gewann.[14] In der nachfolgenden Austragung des Jahres1994 endete die vorletzte Etappe mit einer weiteren Bergankunft in Sestriere, die der SchweizerPascal Richard für sich entschied.[15] Im Jahr2000 führte erneut ein Einzelzeitfahren nach Sestriere, das am vorletzten Etappentag über den Gesamtsieg der Rundfahrt entschied. Anders als im Jahr 1993 führte die Strecke vonBriançon zunächst über denCol de Montgenèvre, ehe die rund 9 Kilometer lange Westauffahrt über Sauze di Cesana erfolgte.Stefano Garzelli legte die 34 Kilometer rund zwei Minuten schneller als sein LandsmannFrancesco Casagrande zurück und schlüpfte so vor dem abschließenden Tag inMailand in die Maglia Rosa.[16]
BeimGiro d’Italia 2005 ging erneut eine Etappe in Sestriere zu Ende, wobei im Vorfeld der deutlich anspruchsvollere Schotter-Anstieg desColle delle Finestre befahren wurde.[17] Die Kombination der beiden Anstiege wurde seither zwei weitere Male in den Jahren2011 und2015 als vorletzte Etappe genutzt.[18][19] Dazwischen stand im Jahr2009 ein weiteres Mal die Westauffahrt auf dem Programm.[20] Neben der Kombination mit dem Colle delle Finestre hätte die Ostauffahrt nach Sestriere im Jahr2013 als vorletzter Anstieg vor dem steilen Schlussanstieg nachJafferau (Bardonecchia) genutzt werden sollen, musste jedoch aufgrund von Schneefall aus dem Programm genommen werden.[21] Im Jahr2018 entschloss sich die Organisation des Giro d’Italia eine Kombination aus Colle delle Finestre, Sestriere und dem Anstieg nach Jafferau auf der 19. Etappe auszutragen. Die vierfacheTour-de-France-SiegerChris Froome, der in den ersten beiden Wochen bereits viel Zeit verloren hatte, griff im Colle delle Finestre rund 80 Kilometer vor dem Ziel an und distanzierte die anderen Gesamtklassement-Fahrer. Als Solist erreichte er Sestriere mit einem Vorsprung von rund zwei Minuten, ehe er die Etappe gewann und das Rosa Trikot vonSimon Yates übernahm, der mehr als eine halbe Stunde auf seinen Landsmann verlor.[22]
Die bislang letzte Zielankunft in Sestriere fand auf der vorletzten Etappe desGiro d’Italia 2020 statt. Ursprünglich hätte die Etappe über mehrere französische Alpenpässe führen sollen, was jedoch aufgrund derCOVID-19-Pandemie nicht umgesetzt wurde. Stattdessen führte die Strecke vonAlba über die Ostauffahrt nach Sestriere, ehe die Westauffahrt über Sauze di Cesana im Finale zweimal befahren wurde.[23] Vor dem Start der Etappe waren mitWilco Kelderman, seinem TeamkollegenJai Hindley und dem BritenTao Geoghegan Hart die ersten drei Fahrer in der Gesamtwertung nur durch 15 Sekunden getrennt. Im Schlussanstieg griff Tao Geoghegan Hart an und setzte sich gemeinsam mit Jai Hindley von dem gesamtführenden Wilco Kelderman ab. Im Sprint gewann Tao Geoghegan Hart die Etappe und lag vor dem Abschlusszeitfahren zeitgleich mit Jai Hindley auf dem ersten Rang, wobei sich der Brite schlussendlich den Gesamtsieg sicherte.[24][25]
Im Jahr2025 soll die20. Etappe in Sestriere zu Ende gehen. Die Schlussauffahrt aus östlicher Richtung gilt als Anstieg der 3. Kategorie und wird in Kombination mit dem Colle delle Finestre befahren.[26]
Sieger der Bergwertung beim Giro d’Italia (ab dem Jahr 1935*)
Von 1950 bis 1960 war Sestriere Ausgangspunkt der ca. 1800 km langenRallye Sestriere über Bologna und Rom. 1960 wurde die Veranstaltung durch eine behördliche Anweisung abgebrochen.