Der überzeugteSankt Petersburger trug maßgeblich dazu bei, die russische Kunst der Jahrhundertwende, insbesondere dasBallett, auch im westlichen Ausland bekannt zu machen. Seine Aufführungspraxis des von ihm gegründetenBallets Russes etablierte, zusammen mit der Avantgarde der Musik, Choreographie und szenischen Kunst, eine choreographisch und szenisch vollkommen neue Form, die in der Arbeit vonIgor Strawinsky,Michel Fokine,Vaslav Nijinsky,Ninette de Valois undGeorge Balanchine denNeoklassizismus im Ballett begründete und die Ballettkunst im 20. Jahrhundert prägte.
Leon Bakst:Porträt von Serge Djagilew mit seiner Großmutter, 1906
Sergei Djagilew zog 1890 nach Sankt Petersburg. Ursprünglich wollte er dortRechtswissenschaft studieren, fühlte sich aber bald wesentlich mehr zum florierenden Kunst-, Musik- und Theaterleben in der Stadt hingezogen. Er selbst probierte sich in der Musik, der Malerei und dem Ballett, bemerkte aber schnell, dass sein eigenes Talent seinen Ansprüchen nicht genügte.
Erst auf einer Europareise Mitte der 1890er entdeckte er seine wirkliche Begabung. Er begann Gemälde, alte Möbel und Bronzegegenstände zu sammeln, er besuchte Theater und Museen, trafÉmile Zola,Jules Massenet,Charles François Gounod undArnold Böcklin. Es zeigte sich, dass er die ausgesprochene Fähigkeit besaß, Künstler und Kunst zusammenzubringen. Der Tätigkeit,Kunst zu propagieren, widmete er sein gesamtes weiteres Leben.
Noch in Sankt Petersburg gründete er unter anderem mit den MalernAlexander Benois (Alexander Nikolajewitsch Benua),Léon Bakst (Lew Samoilowitsch Bakst) undKonstantin Somow das fortschrittliche KunstmagazinMir Iskusstwa (Die Welt der Kunst 1899–1904), mit dem er das Kunstleben der Stadt stark beeinflusste. 1899 wurde er künstlerischer Berater des kaiserlichen Theaters inMoskau und inszenierte dort zahlreiche Opern und Ballette.
Seine größte bleibende Leistung erbrachte Djagilew im Bereich desBalletts. 1909 stellte er aus den besten Tänzerinnen und Tänzern des Landes das EnsembleBallets Russes zusammen. Dieses bereiste große Teile der Welt und machte das russische Ballett bekannt. Nach derOktoberrevolution blieben Djagilew und das Ensemble im Ausland.
Sowohl aufgrund seiner spektakulären Vorstellungen, die nicht immer finanzielle Erfolge waren, aber auch aufgrund seiner Sammelleidenschaft, in späteren Jahren u. a. für russische Bücher,Puschkin-Briefe und Autogramme, waren seine finanziellen Verhältnisse stets prekär. Auch die großzügige Unterstützung von GabrielleCoco Chanel für einzelne Projekte half wenig.
Grabstein für Sergei Pawlowitsch Djagilew im Juni 2005 auf der Friedhofsinsel San Michele in Venedig. Ballettschuhe, Briefe, Steine und Blumen wurden auf der Grabplatte niedergelegt.
1910 organisierte er die erste von 20 Ballett-Spielzeiten in Paris. Diese Periode war von enormem Wert für die Entwicklung des Balletts als ausführende Kunst im Theater. Er förderte das russische Ballett mit berühmten Tänzern wieAnna Pawlowa undVaslav Nijinsky, mit dem er mehrere Jahre liiert war.
Der künstlerische Direktor für das Russische Ballett warLéon Bakst, mit dem Djagilew undAlexander Benua die KunstzeitschriftMir Iskusstwa gegründet hatten. Zusammen entwickelten sie eine schwierigere Form des Balletts mit Elementen, die der breiten Öffentlichkeit gefallen sollten und nicht nur derAristokratie. Derexotische Anklang desRussischen Balletts hatte Auswirkungen auf das entstehendeArt déco.
Im Jahr 1916 trat Djagilew mit seinem Ballet in Madrid auf. Dort lernte erManuel de Falla kennen. Aus der Zusammenarbeit mit ihm entstand das im Juli 1919 uraufgeführte WerkEl sombrero de tres picos mit Flamencoelementen. Im Anschluss führte Djagilew in Paris und dann in London ein weiteres Flamencostück folkloristischen Inhalts,Cuadro Flamenco, auf.[1]
In den 1920er Jahren lebte Djagilew mit dem deutlich jüngerenBoris Kochno zusammen, der auch sein Sekretär und Librettist war. Djagilew starb am 19. August 1929 imExil inVenedig imGrand Hotel des Bains[2] und wurde dort im orthodoxen Teil der FriedhofsinselSan Michele begraben. Auf seinen Grabstein ließ erVenedig, ständige Anregerin unserer Besänftigungen eingravieren. In den USA, Frankreich und Italien befinden sich heute Gedenktafeln mit seinem Namen; in der Nähe derOpéra Garnier in Paris ist ein Platz nach ihm benannt, inMonte Carlo hat der „größte Impresario“ ein Denkmal erhalten.
Richard Buckle:Diaghilev. Weidenfeld and Nicolson, London 1979,ISBN 0-297-77506-5.
Serge Lifar:Serge Diaghilev. His Life, his Work, his Legend. An Intimate Biography. G. P. Putnam’s Sons, New York NY 1940.
Jane Pritchard (Hrsg.):Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes. 1909–1929. V&A Publishing, London 2010,ISBN 978-1-85177-613-9 (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung imVictoria and Albert Museum, London, 25. September 2010 – 9. Januar 2011).