
DerSelbstversorgungsgrad ist einevolkswirtschaftliche Kennzahl, welche dieinländischeHerstellung vonProdukten in Prozent ihresVerbrauchs angibt.
Mit dem Selbstversorgungsgrad soll ermittelt werden, inwieweit die heimische Produktion im Inland ausreicht, um die inländischeNachfrage zwecksSelbstversorgung zudecken. Er wird berechnet, indem man dieBruttoeigenerzeugung demVerbrauch gegenüberstellt:[1]
Als Verbrauch (englischconsumption) bezeichnet man denVerzehr vonGütern undDienstleistungen zwecks direkter oder indirekterBedürfnisbefriedigung. Optimal ist ein Selbstversorgungsgrad von 100 %, er bedeutet vollständigeAutarkie. Unter 100 % müssen Produkte aus demAuslandimportiert werden, über 100 % führt zu einemExport oder zurLagerung. Importabhängigkeit kann zur politischen und/oder wirtschaftlichenAbhängigkeit vom Ausland führen und bewirkt eine Belastung derZahlungsbilanz mit der Folge einesZahlungsbilanzdefizits. Werden Waren verbraucht, die im Land nicht selbst hergestellt werden können (beispielsweiseTropenfrüchte inIndustriestaaten), liegt der Selbstversorgungsgrad bei 0 %.
Die Höhe des Selbstversorgungsgrads gibt zwar Auskunft darüber, welcher Anteil der im Inland verbrauchten Nahrungsmittel aus Inlandsproduktion stammt, beantwortet aber zwei Themen nicht:[2]
Ob derAgrarprotektionismus zu einer größerenVersorgungssicherheit beitragen kann, ist dabei unerheblich.[3]
Selbstversorgungsgrade werden insbesondere in der Landwirtschaft und im Energiesektor gemessen.
Der Selbstversorgungsgrad derAgrarproduktion in Deutschland entwickelte sich bei einigen Agrarprodukten wie folgt:[4]
| Agrarprodukt | 1978 | 2001 | 2018 | 2022 |
|---|---|---|---|---|
| Butter | 135,0 | 79,0 | 100,0 | 92,4 |
| Eier | 79,0 | 75,0 | 71,9 | 75,7 |
| Geflügelfleisch | 58,0 | 64,0 | 98,9 | 104,6 |
| Getreide | 84,0 | 129,0 | 112,4 | 109,0 |
| Käse | 90,0 | 107,0 | 123,9 | 121,0 |
| Kartoffeln | 94,0 | 108,0 | 148,0 | 150,0 |
| Rind- undKalbfleisch | 100,0 | 166,0 | 98,2 | 101,9 |
| Schweinefleisch | 88,0 | 88,0 | 119,2 | 75,7 |
| Zucker | 129,0 | 136,0 | 161,0 | 149,0 |
Vor allem in derLandwirtschaft spielt der Selbstversorgungsgrad eine wichtige Rolle. Hier wird für einzelneAgrarprodukte ermittelt, inwieweit sie den Inlandsverbrauch decken können. DieGemeinsame Agrarpolitik der EU nennt dieVersorgungssicherheit als eines der wichtigen Ziele und benennt dieGemeinschaftspräferenz – also eine Bevorzugung von in der EU produzierten Agrarprodukten – zur Erhöhung des Selbstversorgungsgrades als einen der Grundsätze hierzu.
Die Selbstversorgungsgrade schwanken teilweise im Zeitverlauf erheblich, was – bei eher konstantem Verbrauch – auf dasWetterrisiko zurückzuführen ist, die entweder zu Rekordernten mitÜberproduktion (Angebotsüberhang) oderMissernten mitAngebotslücken führen können.
BeiEnergieträgern schwankt der deutsche Selbstversorgungsgrad zwischen den Extremwerten 100 % und 0 %. Je geringer der Selbstversorgungsgrad, umso höher ist dieImportabhängigkeit. Diese ist mit Risiken verbunden, denn beispielsweise führte die deutsche Importabhängigkeit vonErdgas ausRussland im Januar 2009 zu einerVersorgungskrise, weil es wegen des Streits zwischen Russland und der Ukraine zu enormenLieferengpässen bei Erdgas kam.[5] Auch dieÖlpreiskrisen in den Jahren 1973 und 1979/1980 lösten Versorgungskrisen mit gravierendengesamtwirtschaftlichen Auswirkungen aus.
| Energieträger | 2007 | 2017 | 2022 |
|---|---|---|---|
| Braunkohle | 100 | 100 | 100 |
| Erdgas | 017 | 007 | 005 |
| Erneuerbare Energien | 100 | 100 | 100 |
| Kernenergie | 000 | 000 | 000 |
| Mineralöl | 003 | 002 | 002 |
| Steinkohle | 032 | 007 | 100 |
Bei erneuerbaren Energien gibt es zwar eine 100%ige Selbstversorgung in Deutschland, doch machen diese (2017) lediglich 13,1 % desPrimärenergieverbrauchs aus. Dagegen ist die Importabhängigkeit bei den Hauptenergieträgern Mineralöl (34,5 % Anteil am Primärenergieverbrauch) und Erdgas (23,8 %) extrem hoch.[6]
Der Selbstversorgungsgrad lag 2016 inÖsterreich bei Milch bei 166 %, gefolgt von Kartoffeln (136 %), Fleisch (108 %), Bier (104 %), Äpfeln (95 %), Wein (90 %), Getreide (88 %), Zwetschken/Pflaumen (80 %), Birnen (73 %), Sojabohnen (72 %), Gemüse (57 %), Ölsaat (45 %) oder Pfirsichen/Nektarinen (10 %).[7]
Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Selbstversorgungsgrad der von den Kriegsparteien eingeschlossenen Schweiz mit demPlan Wahlen gesteigert, um die Schweizer Bevölkerung und die rund 300.000 Flüchtlinge vor Hunger und allzu großen Entbehrungen zu bewahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Landwirtschaft stark intensiviert, um die zwischen 1950 und 2004 von 4,7 auf 7,5 Millionen gewachsene Bevölkerung versorgen zu können. Der gegenwärtige Selbstversorgungsgrad ist mit einem täglichen Pro-Kopf-Konsum von 14.091kJ berechnet.
Der Brutto-Selbstversorgungsgrad lag in den letzten Jahren relativ konstant bei 60 Prozent, rund 40 Prozent der Lebensmittel wurden importiert.[8][9] Entwicklung des brutto Selbstversorgungsgrades in der Schweiz (kalorienmässiger Anteil in Prozent):[10][11]
Im Jahr 2020 betrug der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz 56 Prozent brutto, was dem Durchschnitt aus dem Selbstversorgungsgrad bei der tierischen Produktion von 94 Prozent und bei der pflanzlichen Produktion von 39 Prozent entspricht. In Bezug auf einzelne Produkte gibt es große Unterschiede. So lag der Selbstversorgungsgrad 2020 bei Gemüse bei 48 Prozent,[12] der Selbstversorgungsgrad 2016 beim Tabak bei 3,2 Prozent.[13]
Der Netto-Selbstversorgungsgrad lag 2016 bei 48 Prozent und 2020 bei 49 Prozent.[14][12] Hier werden zwar die importiertenFuttermittel einberechnet, andereVorleistungen wie Dünger, Pflanzenschutzmittel, Treibstoff und Saatgut bleiben jedoch unberücksichtigt. Wären alle importierten Vorleistungen einberechnet, läge der Selbstversorgungsgrad der Schweiz um einiges tiefer.[15] Die Schweizer Regierung hat gemäßArt. 102 Abs. 1Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft den Auftrag, die wirtschaftliche Landesversorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen für den Fall „machtpolitischer oder kriegerischer Bedrohungen sowie in schweren Mangellagen, denen die Wirtschaft nicht selbst zu begegnen vermag“, sicherzustellen. Hierfür hat der Bund gemäß Verfassung „vorsorgliche Maßnahmen zu treffen“. Eine solche ist das Betreiben sogenannterPflichtlager.
Für die Bevölkerung derZweiten,Dritten undVierten Welt besteht tendenziell eineUnterversorgung an Nahrungsmitteln und Trinkwasser, was entweder aufKnappheit der heimischen Güter und/oder aufGeldmangel (Armut) zurückzuführen ist (sieheArmutsforschung). Der Selbstversorgungsgrad ist hier im Rahmen derSubsistenzwirtschaft (sieheSubsistenzwirtschaft in Entwicklungsländern) von erheblicher Bedeutung und ein wesentlichesStaatsziel.