Der BegriffSeelsorge ist eine im Deutschen geschichtlich gewachsene Bezeichnung, die sich aus den WörternSeele undSorge zusammensetzt. Er bezeichnet die persönliche geistliche Begleitung und Unterstützung eines Menschen insbesondere in Lebenskrisen durch einen entsprechend ausgebildetenSeelsorger, meist einenGeistlichen der jeweiligenKonfession oderReligion. Methodisch kann die Seelsorge – je nach Konzept – unterschiedlich gestaltet sein; meist handelt es sich um Gespräche unter vier Augen. Der Seelsorger unterliegt dabei derSchweigepflicht oder seiner noch strengeren Variante, demBeichtgeheimnis. Die wissenschaftliche Lehre von der Seelsorge wird alsPoimenik bezeichnet und ist ein Teilgebiet des FachbereichsPraktische Theologie an evangelisch-theologischen Fakultäten und derPastoraltheologie an katholisch-theologischen Fakultäten.
ImNeuen Testament begegnen für die mit „Seelsorge“ umschriebeneInteraktion[1] Begriffe wieParaklese (altgriechischπαράκλησιςparáklēsis), was man im weitesten Sinne mit „Begleitung“, im engeren Sinne mit „Ermutigung“, „Zuspruch“, „Ermahnung“ und „Tröstung“ wiedergeben kann[2] (Beispiele:Röm 12,8,EU EU,Phil 2,1 EU,1 Tim 4,13 EU,1 Thess 5,14,EU EU). Weitere neutestamentliche Seelsorge-Vokabeln sind z. B.νουθετεῖνnuthetein (= ans Herz legen, ermahnen,Apg 20,31 EU,Kol 1,28 EU)[3] undκαταρτίζεινkatartízein (= in Ordnung bringen, zurechtmachen, wiederherstellen,1 Kor 1,10 EU,1 Thess 3,10 EU)[4] die in ihrem jeweiligen Kontext[5] seelsorgliches Handeln leiten und begründen.
Auch der biblische Befund, dass Gott oder dassJesus Christussieht, erkennt, besucht und tröstet, kann zum Vorbild einer biblisch begründeten Seelsorge-Theorie genommen werden.[6] AlleChristen können verschiedene seelsorglicheCharismata besitzen wie Ratgeben und Heilen (1 Kor 12,4–11 EU), Trösten (2 Kor 1,4 EU) und Lehren (Eph 4,11 EU).[7] Zur Seelsorge gehören das Ermahnen und Zurechtweisen (Tit 2,15 EU), der praktische Einsatz für in Not geratene Menschen (Lk 10,30–35 EU) und das Gewähren von Gastfreundschaft (Röm 12,13 EU).[8]
Zur Definition von Seelsorge besteht ein gewisser Konsens dahingehend, dass es sich bei Seelsorge um eine verbale und durch andere Zeichen vermittelte Interaktion imkirchlichen wie individuellen Kontext handelt.[9][5] Man kann Seelsorge bezeichnen als ein personal vermitteltes, thematisch strukturiertes, kontextuell eingebettetes Beziehungsgeschehen mitTranszendenzbezug.[10]
Die verschiedenen Ansätze und Methoden der Seelsorge werden in derPoimenik (von griech. ποιμήνpoimḗn „Hirte“) reflektiert. DieseLehre von der Seelsorge ist Teilgebiet derPraktischen Theologie.
Seelsorgliches Handeln ist nicht zu verwechseln mitpsychotherapeutischem Handeln. Die Arbeit mitpathologischen Dynamiken gehört nicht in den Kompetenzbereich eines Seelsorgers und wird daher bewusst ausgeklammert.[11] Jedoch kommen in der Seelsorge auch psychotherapeutisch fundierte Methoden zur Anwendung. Insbesondere die durchCarl Rogers und die niederländische Seelsorgebewegung in Deutschland beeinflusstePastoralpsychologie legt auf einen engen Austausch zwischen Seelsorge undPsychologie (hier meist Psychotherapie) Wert.
In der römisch-katholischen Kirche wird die Seelsorge auch alsPastoral (vonlateinischpastoralisAbleitung vonlateinischpastor‚Hirte‘), den Aspekt des Hirtendienstes (im Sinne geistlicher Führung und Anleitung) der Seelsorger hervorhebt. Oberste Hirten der römisch-katholischen Kirche sind derPapst und dieBischöfe. Die Pastoral ist demnach mit der Ausübung römisch-katholischerAutorität verbunden. In den anderen christlichen Kirchen werden diepastoralen Ämter abweichend begründet und organisiert.
Bei der BezeichnungPastoral geht es auch um den personellen Ort der Seelsorge (kirchliche Strukturen mitPriestern,Diakonen und anderen Beauftragten, z. B.Pastoralreferenten).Seelsorge bezieht sich eher auf die Tätigkeit des Seelsorgers, die auch lehrende und liturgische Aspekte hat. Die bevorzugte Methode ist heute der Dialog mit den Menschen, das seelsorgerliche Gespräch. Auf wissenschaftlich-theologische Weise befasst sich damit diePastoraltheologie.
Im Bereich derEvangelischen Theologie wird der Begriff einer – weiter gefassten –Praktischen Theologie bevorzugt.
Nach evangelischem, katholischem sowie orthodoxem Verständnis ist jeder Christ zur begleitenden Seelsorge im allgemeinen Sinne des Beistehens, Mittragens und desSich-Einfühlens berufen und befähigt. Im Fokus christlicher Seelsorge steht nicht die Lösung eines aktuellenProblems, sondern sie versteht sich als ein Beziehungsgeschehen. Diese Interaktion wiederum geschieht nicht nur zwischen zwei oder mehreren Personen, sondern sie lebt aus der Annahme, dassGott eine Beziehung zu jedem Menschen hat, unabhängig davon, ob dieser je seelsorglich begleitet wurde oder nicht. In dem Wissen um diese Gegebenheit will die Seelsorge Menschen die Möglichkeit bieten, im Kontakt zu einem oder mehreren Menschen aufrichtige Anteilnahme in negativen – wie auch positiven – Lebenssituationen zu erfahren. „Seelsorge entwickeln Menschen miteinander in einem interaktiv-kommunikativem Geschehen.“[12]
Im speziellen Sinn gibt es jedoch auch amtlich bestellteSeelsorger, deren seelsorgliches Handeln über den rein begleitenden Aspekt hinausgehen und in eine beratende Seelsorge (Lebensberatung) münden kann. In diesem Fall geht es tatsächlich um einen nach methodischen Gesichtspunkten gestalteten Prozess, durch den die Eigenbemühungen des Ratsuchenden unterstützt und optimiert werden.[13]
In der alten Kirche ging es bei der Seelsorge primär um den Kampf des Christen gegen dieSünde, die seinendzeitlichesSeelenheil gefährdet. Die TheologenClemens von Alexandria,Origenes undEusebius von Caesarea verstanden darunter hauptsächlich die Sorge des Menschen um seine eigene Seele.[8] Zunehmend wurde die Aufgabe von Seelsorgern darin gesehen, dem einzelnen Christen bei diesem Bemühen zu helfen.[14] Eine erste seelsorgliche Bewegung entstand unter denWüstenvätern, die Christen oft aufsuchten und um Rat fragten; dies wurde allerdings noch nicht alsSeelsorge bezeichnet.[15] Ebenso waren die ersten klosterähnlichen Gemeinschaften solche Seelsorgezentren. In den Briefen vonBasilius von Ancyra,Gregor von Nazianz undJohannes Chrysostomos finden sich zahlreiche Beispiele für seelsorglichen Rat; der Begriff „Seelsorge“ verschob sich hin zu einer Sorge für die Seelen anderer.[8][16]
Am Übergang zum Mittelalter verfassteGregor der Große das an den Papst gerichteteLiber regulae pastoris, eines der einflussreichsten Bücher über Seelsorge (cura), das je geschrieben wurde.
Im Mittelalter war die Seelsorge eng an die Praxis desBußsakraments gebunden, das Schuldbekenntnis, Wiedergutmachung und Lossprechung durch den Priester umfasste. Gegen die oft veräußerlichte Routine wurde insbesondere aus dem Mönchstum angegangen, beispielsweise vonBernhard von Clairvaux. Es entwickelte sich derlateinische Begriff dercura animarum (‚Sorge für die Seelen‘) als amtsgemäße Aufgabe des Bischofs als für den einzelnen Christen zuständiger Seelsorger, die er aber an einenPriester delegiert, in der Regel an den zuständigenPfarrer. In dieser Bedeutung wirdcura animarum auch im heutigen Kirchenrecht derrömisch-katholischen Kirche verwendet.[8]
Bei denReformatoren galt nicht mehr die Betonung der Sünde, sondern die Betonung derVergebung Gottes und des Trostes, insbesondere beiMartin Luther[17] undHeinrich Bullinger, in vielen Fällen ersetzte dieKirchenzucht allerdings bald die Seelsorge.
DerPietismus lehnte jede formelle Seelsorge ab; erstmals wurde das seelsorgliche Gespräch ein Thema. Ziel der pietistischen Seelsorge war, die Früchte des Glaubens im persönlichen Leben, inDiakonie undMission zu entfalten, während gleichzeitig in derAufklärung der Sinn der Seelsorge in der Belehrung gesehen wurde, die die Gläubigen zursittlichen Lebensführung befähigte.
Im 19. Jahrhundert begründete der evangelische TheologeFriedrich Schleiermacher diePraktische Theologie. Er betonte, die Seelsorge solle die Freiheit und Mündigkeit des einzelnen Gemeindeglieds stärken. Bereits 1777 wurde katholischerseits in Österreich unterFranz Stephan Rautenstrauch im Sinne derjosephinischen Kirchenreform das FachPastoraltheologie ins Vorlesungsverzeichnis der Wiener Universität aufgenommen und in Muttersprache, nicht mehr in Latein unterrichtet. In Deutschland wurde es vor allem unterJohann Michael Sailer weiter entwickelt und verbreitet und gilt als Vorläufer der modernen Seelsorge.
In den USA entwickelteAnton Theophilus Boisen, einer der wichtigsten Repräsentanten der amerikanischen Seelsorgebewegung, in den 1920er-Jahren das Konzept des „Clinical Pastoral Training“, das Seelsorge, Psychologie und Pädagogik einschloss.
Eduard Thurneysen betonte denkerygmatischen Aspekt der Seelsorge als „Ausrichtung der Botschaft und damit um die Erweckung geistlichen Lebens…“
Mitte der 1960er-Jahre kam die Seelsorgebewegung über die Niederlande nach Deutschland und führte auch dort zur Entwicklung derPastoralpsychologie. In der Theologie der Landeskirchen ist die pastoralpsychologisch orientierte Seelsorge bis heute Standard.
In den 1980er-Jahren entwickelte der katholische Priester und UniversitätsdozentEugen Drewermann an der Universität Paderborn seine tiefenpsychologische Auslegung der Bibel, insbesondere im dreibändigen WerkPsychoanalyse und Moraltheologie.
Kirchliche Seelsorge geschieht heute in unterschiedlichen Kontexten (Gemeinde,Krankenhausseelsorge,Notfallseelsorge,Gefängnisseelsorge,Psychiatrie,Telefonseelsorge,Flughafenseelsorge,Bahnhofseelsorge,Schule,Polizeiseelsorge,Künstlerseelsorge,Beratungsstellen, Alten- und Seniorenheimseelsorge, Behindertenarbeit,Hospiz undSterbebegleitung,Trauerarbeit, Briefseelsorge,Internetseelsorge,SMS-Seelsorge, für spezielle Zielgruppen wie dieMigrantenseelsorge und in Einkaufszentren wie in derSihlcity-Kirche etc.). InsbesondereKasualien haben durch das vorangehende persönliche Gespräch einen seelsorglichen Charakter: Beim Taufgespräch begleitet man junge Familien in einer neuen Lebensphase, im Vorgespräch zu Hochzeiten kommt es über die Klärung organisatorischer Fragen zu seelsorglichen Momenten, ganz besonders im Vorfeld vonAussegnungsgottesdiensten werden Fragen nach dem Fazit und demSinn eines Lebens wach.
Gemeinsam ist allen Handlungsfeldern der Anspruch, Menschen in Lebens- und Glaubensfragen zu begleiten. Dies geschieht im persönlichen Gespräch, je nach Situation aber auch durchGebet, durch die Spendung derSakramente, durch tröstende und aufmunternde Worte aus derBibel, durchSegensgesten (zum BeispielHandauflegung), aber auch durch soziale Unterstützung.
Auch im Internet bietet sich inzwischen die Möglichkeit, seelsorgliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zahlreiche Kirchen und andere Einrichtungen bieten E-Mail-Kontakte an. Hier können Hilfesuchende mit einem festen Gesprächspartner ihre Anliegen besprechen.
Seelsorge ist immer wieder neu an den konkreten Menschen auszurichten. So geschieht in der Seelsorgepraxis seit dem Beginn der Christenheit auch ein kontinuierlicher Wandel. In früheren Zeiten waren die Menschen sehr stark an ihrenWohnort gebunden. Die territoriale Ausrichtung der Kirche hat dieser Gegebenheit entsprochen. In einer modernen Gesellschaft herrscht jedoch großeMobilität, so dass Menschen sich Angebote auswählen und sich nicht mehr selbstverständlich ihrer Gemeinde vor Ort verbunden fühlen. Die Lebenswelt der Menschen erweitert sich über ihren Wohnort hinaus. Mit diesen Herausforderungen beschäftigt sich seit Ende der 1990er Jahre ein neuer Ansatz, dieLebensraumorientierte Seelsorge. Dabei soll auf theologischer Grundlage und mit Hilfe derSoziologie ein Seelsorgeansatz entwickelt werden, der den Gegebenheiten der Seelsorge im 3. Jahrtausend gerecht werden kann.
Erlebnisorientierte Seelsorge[18] verbindet Seelsorge mit Ansätzen aus der Erlebnispädagogik und Bewegungstherapie. Die Theologen und Pfarrer Ulrike und Christian Dittmar[19] beschreiben das Erlebnis (in der Natur) als Raum, Ansatzpunkt und Metaphernträger für das seelsorgliche Gespräch. Gerade das gemeinsame Gehen wurde zur Grundsituation für Gespräche.[20] Dabei spielen nicht allein die Themen des Gesprächs eine Rolle, sondern auch Bewegungsmuster, Atemrhythmus oder Geschwindigkeit und Verlangsamung. Entstanden sind erlebnisorientierte Ansätze zur Seelsorge aus der Klinikseelsorge und mit der Pilgerbewegung der letzten Jahre.
Umfassendes Ziel der Seelsorge ist es, Menschen in ihrer spezifischen Situation beizustehen:
„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“
Subjekte der Seelsorge sind nach katholisch-theologischem Verständnis alle Menschen.[21]Priester undDiakone sind in der Regel inPfarreien oder imPastoralverbund als Seelsorger tätig. Hauptamtliche Seelsorger können auch Männer und Frauen alsPastoralreferenten oderGemeindereferenten sein, außerdem übernehmen auchOrdensleute seelsorgliche Aufgaben in ihrem Wirkungskreis.
Von der gemeindlichen Seelsorge (Pfarrseelsorge, Territorialseelsorge) ist dieKategorialseelsorge zu unterscheiden, die z. B. in Krankenhäusern, Altenheimen, Schulen und Gefängnissen geleistet wird.
Im geltenden Kirchenrecht (CIC) sind die Bezeichnungen für die Seelsorge des zuständigen Bischofs in seinem Bistum und des Pfarrers in seiner Pfarreicura pastoralis (can. 383 CIC,cann. 515ff CIC) undcura animarum (can. 150 CIC,can. 463 CIC,can. 757 CIC).
„Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Seelsorge(cura pastoralis) unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten(pastor proprius) anvertraut wird.“
Viele landeskirchliche Seelsorger sind in eigenen landeskirchlichen Seelsorgeinstituten ausgebildet, von denen das „modernste“ von Winkelmann in der Theologischen SchuleBethel beiBielefeld entwickelt wurde. Die Gründung eines Seelsorgeinstituts in derKirchlichen Hochschule Bethel mit ausgesprochen moderner Grundlegung kam einer Wende in der theologischen Ausrichtung der Kirchlichen Hochschule Bethel gleich. Denn diese Hochschule hatte noch 1961 eine ausgesprochen pietistische Grundausrichtung entsprechend der Theologie ihres Gründers von Bodelschwingh.
ZunächstDietrich Stollberg und dann sein NachfolgerKlaus Winkler, die beiden ersten langjährigen Leiter des Seelsorgeinstituts, haben diesem eine psychoanalytische Prägung gegeben, die dazu berechtigt, der psychoanalytischen Seelsorge einen breiteren Raum in der evangelischen Kirche einzuräumen.
Eine große Unterstützung findet diese Richtung psychotherapeutischer Seelsorge seit einigen Jahren durch Professoren der Praktischen Theologie, die an vielen Universitäten durch Lehrveranstaltungen Einführungen in psychotherapeutische Seelsorge geben.
In derevangelikalen Seelsorgepraxis wird versucht, sich an biblischen Lebensordnungen zu orientieren. Der historisch-kritische Standpunkt, wie er in der universitären deutschenPfarrerausbildung vorherrschte, fand als Grundlage seelsorglichen Handelns wenig Beachtung und Anwendung. Kam es zunächst zu einer strikten Ablehnung der Psychologie in den evangelikalen Seelsorgeströmungen, so wurde seit den 1980er Jahren zunehmend auf psychotherapeutische Methoden zurückgegriffen. Strittig ist nach wie vor das Verhältnis und die Gewichtung von Seelsorge und Psychotherapie.[22]In der Biblisch-Therapeutischen Seelsorge (BTS) beispielsweise ergänzen oder durchdringen sich biblische und psychologische bzw. psychotherapeutische Ansätze. Theologisch fundiert wird eine psychotherapeutische Vorgehensweise zum Teil aufgrund der Annahme, dass psychologische bzw. psychotherapeutische Methoden der in der Bibel beschriebenen göttlichen Schöpfungsordnung bzw. Lebensordnung – etwa in Analogie zur alttestamentlichenWeisheitsliteratur – entsprechen und daraus abgeleitet werden können.[22]
Seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts und erneut seit dem Jahr 2002 tauchte vor allem durch den amerikanischen Psychologen Kelly O’Donnell der BegriffMember Care für die seelsorgerliche und ganzheitliche Begleitung von evangelikalen Missionaren undinterkulturellen Mitarbeitern auf, um deren körperliche, seelische und geistliche Gesundheit,Resilienz und Effektivität zu fördern. O’Donnell hat 2002 und 2011 konzentrische Modelle vorgelegt, um die verschiedenen beteiligten Verantwortungsträger und Verantwortungsbereiche zu benennen und zu beschreiben. 1994 wurde das internationale Zentrum Le Rucher im französischenCessy gegründet, die Menschen, die sich um Bedürftige kümmern, befähigen und erneuern will, diesen Dienst kompetent, effektiv und auf eine gesunde Art und ganzheitliche Weise zu tun.[23] Auch im deutschsprachigen Raum haben sich dieAkademie für Weltmission und weitere Organisationen des ThemasMember Care angenommen, Schulungen durchgeführt und neue Angebote gemacht.[24][25][26]
Viele Seelsorger aus den evangelischen Landeskirchen wie auch Seelsorger der römisch-katholischen Kirche haben in derDeutschen Gesellschaft für Pastoralpsychologie e. V. (DGfP) ihren organisatorischen Rahmen gefunden.[27] Die DGfP gliedert sich in 5 Sektionen:
Zusätzlich etabliert sich die systemisch integrative Seelsorge (SIS)[28] in den Sparten
Ende 2019 beschloss der Deutsche Bundestag die Einrichtung einer jüdischen Militärseelsorge in Zusammenarbeit mit demZentralrat der Juden in Deutschland.[29][30]
Laut dem Soziologen und ReligionspsychologenCemil Şahinöz bilden soziales Engagement, Nachbarschaftspflege, Verwandtenpflege, Krankenbesuch und Altenpflege die Grundlage für ein islamisches Seelsorgekonzept. Diese Aspekte seien in der Geschichte und alltäglichen Praxis der muslimischen Gemeinschaft stark verankert. In Mitteleuropa entsteht wieder ein verstärkter Bedarf an ausgebildeten muslimischen Seelsorgern, da etwa in Krankenhäusern und Gefängnissen, in der Notfallseelsorge und auch in der Gemeindeseelsorge institutionalisierte und professionalisierte Kompetenz nachgefragt wird.[31]
Im Sommer 2021 wurde am neu eröffnetenIslamkolleg Deutschland mit dem Ausbildungsgang „Professionelle islamische Seelsorge“ begonnen.[32] Im Rahmen derDeutschen Islamkonferenz hat sich der islamische WohlfahrtsverbandAn-Nusrat e. V. gegründet, der seit 2021 Seelsorge in vielen Bereichen anbietet.[33]