EinSchloss ist einGebäude oderGebäudekomplex, das bzw. der im Auftrag desLandesherrn oder anderer Mitglieder desAdels errichtet wurde und dem Gebrauch durch Adelige diente, etwa als Residenz. Es bezieht diese Bezeichnung unabhängig von der Größe oder der künstlerischen Gestaltung seiner Fassade. Stattliche Schlösser gingen häufig ausmittelalterlichenBurganlagen hervor, einige Schlösser gründen auch auf früherenKlöstern. Vom Ende des Mittelalters bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten die Schlösser in vielen Regionen Europas kulturelle und politische Zentren dar und werden heute alsBaudenkmale klassifiziert.
Als Baudenkmale sind SchlösserKulturgut und Teil des kulturellen Erbes. Viele Schlösser tragen entsprechende Kennzeichen (sieheBlue Shield International).
Dieser Artikel behandelt die Kunstgeschichte der alsSchlösser bezeichneten Wohnbauten inEuropa.
Für eine Auflistung von Schlössern in verschiedenen Ländern sieheListe von Schlössern.
Die BegriffeSchloss undBurg sind neuzeitliche Typologien. Burgen bezeichnete man bis zum 13. Jahrhundert meist alshûs,turn oderstein, ab dem 14. Jahrhundert auch alsBurg – abgeleitet vonBurgus – oder bisweilen alsVeste. Man sagte dann etwa„derKriebstein“, wegen der Lage auf einem Felsen. AlsBurgen im weiteren Sinne(oppidum) wurden aber auch befestigte Ortschaften, also ummauerte Dörfer oder Städtchen bezeichnet, die sich in den Zeiten vor derkommunalen Selbstverwaltung ebenfalls im Besitz adliger Obrigkeiten befanden;Bürger in diesem Sinne waren die wehrpflichtigen Bewohner solcher befestigten „Burgstädte“, die oft bis heute das-burg im Namen führen.[1]
Der BegriffBurg wurde imSpätmittelalter vielschichtig verwendet: für dieallodialen Eigenburgen größerer oder kleinererAdelsgeschlechter („Herrenburgen“) sowie die mitMinisterialen bzw.Burgmannen besetzten oder an sieverlehnten befestigten Häuser zu Zwecken der Grenzverteidigung, Straßensicherung, Zehnt- und Zolleinnahme und regionalen Verwaltung. Vor allem ab dem 16. Jahrhundert wurden Burgen dann auch alsSchlösser bezeichnet, nach dem sie sichernden Türriegel oderTorschloss; entsprechend im Dänischen und Schwedischen alsslot(t). In lateinischen Urkunden wurden sie meist alscastrum bezeichnet, wovon sich das italienischecastello, das englischecastle, das niederländischekasteel und das französischechâteau ableiten. SowohlBurg als auchSchloss wurden damals aber noch nicht typologisch differenzierend gebraucht. Etymologisch(siehe:Etymologie von bŭrgus) steckt im WortBurg das Verbbergen, von dem sich auch dieGeborgenheit ableitet, was in derFrühgeschichte die Flucht auf denBerg meinte (wo sich oft dieFliehburgen befanden) – es ging also vor allem um die Sicherheit vor Überfällen in unruhigen Zeiten und diesem Zweck vor allem dientenBurg undSchloss. Burgen werden auch heute noch häufig Schlösser genannt, allerdings nicht umgekehrt. Denn in der Gegenwart wird der BegriffBurg zumeist auf mittelalterlicheWehrburgen angewandt, während dasSchloss im Allgemeinen ein unbefestigtes herrschaftliches Wohngebäude, zumeist aus derNeuzeit, meint. Freilich gibt es, vor allem aus derRenaissancezeit und demHistorismus, Zwischentypen.
Erst dieBurgenforschung hat diesen hergebrachten Bezeichnungen differenzierende Bedeutungen gegeben, vor allem nach rechtlichen oder architektonischen Merkmalen. Zu den weiteren Typisierungen gehören etwa dasFeste Haus (das in mittelalterlichen Urkunden oft erscheinendeveste hûs), dasHerrenhaus oder in Tirol derAnsitz, wobei die beiden letzteren vor allem einen rechtlichen Charakter haben. Die hochmittelalterliche Bezeichnunghûs blieb vor allem in Norddeutschland – insbesondere imRheinland, inWestfalen und inNiedersachsen – bis heute gebräuchlich, wo Burgen und Schlösser des niederen Adels zumeist alsHaus bezeichnet werden (zum BeispielHaus Lüttinghof,Haus Egelborg).
Im Ostseeraum, insbesondere inSchleswig-Holstein undMecklenburg, war der Begriff desSchlosses sogar ausdrücklich denlandesherrlichen Sitzen vorbehalten, unabhängig von ihrer Größe, während die BegriffeHaus,Gutshaus,Herrenhaus,Rittergut oderAdliges Gut für niederadlige Sitze, ebenfalls unabhängig von ihrer Größe oder ihrem Baustil, verwendet werden. In denpommerschen Herzogtümern galt im Prinzip dasselbe, allerdings mit Ausnahme der Häuser jener bedeutendsten Adelsgeschlechter des Landes, die von den pommerschen Herzögen ausdrücklich das PrädikatSchlossgesessene verliehen bekamen, wiederum unabhängig vom Bautyp ihrer Häuser. Auch dieLandesbeschreibung derMark Brandenburg von 1373 enthält die Kategorie der „Schlossgesessenen“.Schloss war (und ist) in diesen Ländern also eine historisch-rechtliche (nicht eine architektonische) Bezeichnung, was allerdings heutzutage infolge von Unkenntnis oder Marketingbedürfnis häufig ignoriert wird. In Süddeutschland (beginnend mit Sachsen, Thüringen und Hessen sowie den vormals sächsischen Landesteilen Brandenburg-Preußens, also Sachsen-Anhalt und der Niederlausitz, historisch auch in Schlesien), ebenso in Österreich und der Schweiz, werden hingegen auch kleine Herrenhäuser oft als Schloss bezeichnet.
Ab dem 15. und insbesondere 16. Jahrhundert ließen sich auch reiche Bürger Schlösser und schlossartige Herrenhäuser errichten oder erwarben solche; ein Beispiel dafür ist dasWasserschloss Klaffenbach in Sachsen. Herrenhaus und Schloss werden auch durch ihre Funktion unterschieden: Das Herren- oder Gutshaus ist immer der Mittelpunkt einesGutshofs mit Landwirtschaft, eines Forstguts oder auchWeinguts. Besondere, und zwar rechtlich geprägte Begriffe stellen dasRittergut und das schleswig-holsteinischeAdlige Gut sowie der TirolerAnsitz dar. Im Zusammenhang mit der Wahrnehmung politischer Rechte fing dieRitterschaft im Spätmittelalter an, sich in Verbänden zu organisieren, die alsRitterschaften bezeichnet wurden. Diese Korporationen existieren in Niedersachsen bis heute und sind keine privaten Vereine, sondernKörperschaften des öffentlichen Rechts, regional organisiert nach den früheren Fürstentümern, in denen die jeweiligen Gutsbesitzer immatrikuliert sind, unabhängig von der historischen Unterscheidung in Adels- oder Bürgerstand; damit waren früher besondere ständische Rechte verbunden, die in Rudimenten teilweise bis heute erhalten blieben, etwa durch die Mitgliedschaft der Ritterschaften in einerLandschaft (Landstände), zum Beispiel derLandschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg. Darüber hinaus war der Gutsherr – der dem Adel entstammen konnte, aber nicht musste – nicht nur Landbesitzer und Arbeitgeber, sondern – bis zurBauernbefreiung – Inhaber einerGrundherrschaft mitHintersassen oderLeibeigenen; auch hatte er zumeist dieNiedere Gerichtsbarkeit inne, in selteneren Fällen auch dieBlutgerichtsbarkeit. Er übte damit zugleich obrigkeitliche und rechtsprechende Funktionen aus. AlsHerrenhaus wird der Sitz einer solchen historischen Grundherrschaft bezeichnet. Diente hingegen ein Schloss lediglich repräsentativen Zwecken und verfügte über keinen Gutsbetrieb, war esnie ein Herrenhaus. War das Landhaus eines wohlhabenden, nicht-grundherrlichen Bürgers, zumeist aus dem 19. Jahrhundert, besonders groß und prächtig gestaltet, wurde es von derVilla manchmal umgangssprachlich zum Schloss geadelt. Durch die Trennung von Gutsbetrieben und Herrenhäusern infolge von Verkäufen vermischen sich aber heute öfters die Begriffe.
Eine allgemeinverbindliche Definition der verschiedenen Begriffe gibt es nicht und sie werden daher im deutschen Sprachgebrauch – je nach Gegebenheit – auch oft nebeneinander gebraucht. Unterschieden wird zwischen Begriffen, die sich auf die (ehemalige) Funktion beziehen, wie Residenzschloss,Wohnschloss (als reines Wohnschloss Residenz ohne Befestigungsanlage[2]) oder Jagdschloss, und solchen, die sich auf formale Eigenheiten beziehen, wie Wasserschloss (Lage), Stadtschloss (Lage), Barockschloss (Stil) oderKastellanlage (Typ). Der erste Fall sind Bauaufgaben oder Baugattungen, während im zweiten Fall eine formale Typologie im Vordergrund steht.
EinResidenzschloss ist das Schloss einesLandesherrn, das neben seiner Hauptwohnung und der seiner Familienmitglieder oft auch die Hofämter beherbergt und damit auch alsRegierungssitz dient. AlsSommerresidenz undWinterresidenz werden Residenzen bezeichnet, die der Fürst samt seinemHofstaat je nach Jahreszeit bewohnte. Sommersitze des niederen Adels werden hingegen als Sommer- oder Landschloss bezeichnet. Geistliche Fürsten besaßenBischofsresidenzen.
EinJagdschloss diente ausschließlich der Jagd, die meist ein Privileg des Adels war, kann also ein landesherrlicher Jagdsitz ebenso gewesen sein wie das aufwändig gestaltete Jagdhaus eines Rittergutes, sofern es nicht identisch mit dem Gutshaus selbst ist.
AlsLustschloss wird ein Gebäude bezeichnet, das in seinen Dimensionen bescheidener und architektonisch oft verspielter ist als die eigentlichen Regierungssitze. Es diente vorwiegend der Unterhaltung und dem Vergnügen von Landesherren und ihrem kurzweiligen Rückzug von den Staatsgeschäften. Die meisten Lustschlösser hatten auch einen Garten oder Park.
DasAmtsschloss, das als Sitz von Verwaltungsbeamten und Gerichten diente. EinAmtmann war dort als Vertreter des Landesherrn eingesetzt, oft daneben auch eincellerarius (Kellner) für die Verwaltung der Einkünfte.
Schlosstypen
AlsStadtschloss wird zumeist das städtischeResidenzschloss eines Landesherrn bezeichnet. Es diente oft nur gesellschaftlichen Belangen. Es hatte einen Garten oder Park, aber keinen landwirtschaftlichen Grundbesitz.
MitLandschloss ist zumeist einHerrenhaus (oderGutshaus) gemeint, also der Sitz einerGrundherrschaft bzw. einesLandguts oderRitterguts, das meist mit umfangreicher wirtschaftlicher Infrastruktur ausgestattet war (Gutshof, Speicher, Viehställe, Mühlen). Solche Adelssitze konnten isoliert auf dem Land, in Dörfern oder auch in Kleinstädten liegen.
Eine von Gräben umgebene oder in einem Fluss oder See errichtete Anlage wird zumeist alsWasserschloss bezeichnet.
AlsPalast wird im Deutschen ein besonders repräsentativ ausgestatteter, in der Regel landesfürstlicher Wohn- und Regierungssitz in einer Stadt verstanden, der Begriff ist daher weitgehend identisch mitResidenzschloss (etwaBuckingham Palace,Apostolischer Palast,Palast von Caserta). Dieser Begriff, der häufig auch in Verbindung mit orientalischen oder antiken Herrschersitzen benutzt wird, ist dem italienischenpalazzo entlehnt und geht ursprünglich auf das lateinischepalatium zurück, den Eigennamen der Residenz der römischen Kaiser auf demPalatin (Rom).
DasPalais oderStadtpalais war hingegen ein städtischer Wohnsitz einer Familie des Landadels oderStiftsadels.
In anderen Sprachen haben dieselben Begriffe oft unterschiedliche Bedeutung: Im Englischen werden – ähnlich wie im Deutschen – sehr repräsentative SchlossbautenPalace genannt, Burgen hingegenCastle, neuzeitliche Landschlösser meistHouse, kleinere GutshäuserManor. Verwirrung entsteht bisweilen, wenn die Namen nicht-mittelalterlicher Schlösser, etwa reiner Barockschlösser, fälschlich mitCastle übersetzt werden, denn darunter versteht man im Englischen tatsächlich nur Gebäude aus dem Mittelalter (oder im mittelalterlichen Stil), die mindestens einen Turm oder auch Gräben, Wehrmauern usw. haben oder einst hatten.Schloss Nymphenburg wird daher zutreffend mitNymphenburg Palace übersetzt. Im Französischen bezeichnet man mitPalais ein repräsentatives Stadtschloss meist königlicher oder bischöflicher Bewohner (im Gegensatz zumHôtel, dem Stadtpalais einer Adelsfamilie; alsChâteau wird ein Landschloss bezeichnet, wobei es immerChâteau de... heißt, außer bei Weingütern, wo dasde zumindest für die Markenbezeichnung der Weine weggelassen wird), ein kleines Gutshaus ist einmanoir. Im Polnischen werden kleinere Herrenhäuserdwór („Hof“) und größerepałac („Schloss“) genannt, was wiederum bisweilen zu Übersetzungsfehlern führt, wenn gewöhnliche Gutshäuser im Deutschen plötzlich zu „Palästen“ werden. Im Italienischen ist eincastello eine befestigte mittelalterliche Burg, einpalazzo ein neuzeitliches Stadt- oder Landschloss, einevilla ein ländliches Herrenhaus, einereggia ein königlicher Landsitz.
DasResidenzschloss Ludwigsburg ist eine der größten original erhaltenen barocken Schlossanlagen Deutschlands.
Die Geschichte des Schlossbaus entstand in Europa mit dem Ende desMittelalters und dem Beginn derNeuzeit. Durch die Erfindung derFeuerwaffen verloren die alten, Wehr- und Wohnfunktion vereinigendenBurgen immer mehr ihre schützende Funktion.
Analog zur Entwicklung der Feuerwaffen veränderte sich dieKriegskunst und aus vielen Grenzstreitigkeiten, Erbkonflikten und Eroberungskriegen, aber auch durch geschickte Heiratspolitik verschiedener Aristokratenfamilien wuchsen langsam aus Kleinstkönigreichen, Fürsten- und Herzogtümern größere Staaten zusammen. Lokale Konflikte nahmen dabei in zunehmendem Maße ab.
Vor allem kleinere Burganlagen boten – bedingt durch ihre Verletzlichkeit gegenüber den immer wirksameren Feuerwaffen – kaum noch Schutz und wurden zu repräsentativen Wohnsitzen umgestaltet. In der Zeit der beginnenden aristokratischen Prachtentfaltung entstanden zudem vielerorts neue Schlösser, deren kunstgeschichtliche Entwicklung man in die folgenden großen, stilistischenEpochen zusammenfassen kann.
In der Zeit des Mittelalters waren Schlossbauten im Sinne unbefestigter Adelssitze selten. Das Augenmerk wurde auf die Sicherheit gelegt und der Adel bevorzugte seit dem hohen MittelalterBurgen als Wohnorte. Diese schützten vor feindlichen Nachbarn und bildeten vielerorts die Mittelpunkte künftiger Schlösser und Städte.
Wohlhabende Burgherren ließen sich ihre Festungen anfangs anhand der vomKirchenbau übernommenen Stile derRomanik und später derGotik ausschmücken. Beeindruckende Zeugnisse dieser Burgpaläste entstanden zum Beispiel in Frankreich mit den frühenLoireschlössern, die ihr Aussehen zwar im Laufe der Jahrhunderte veränderten, deren ursprüngliche Gestalt aber in denTrès Riches Heures des Herzogs von Berry um die Mitte des 15. Jahrhunderts überliefert sind. Im Gebiet desHeiligen Römischen Reiches entstanden mit denPfalzen schlossähnliche Anlagen, die den reisenden Hof aufnahmen und dem König bzw. Kaiser als zeitweilige Residenzen dienten. In Italien, besonders inVenedig undFlorenz entstanden die ersten Stadtpaläste, wie dieCa’ d’Oro. Diese waren zwar noch keine „Schlösser“ im engeren Sinne und häufig gehörten sie statt dem Adel „lediglich“ reichen Kaufleuten, doch die hier entwickelte Kunst und die Verbindung von Wohnkomfort und Repräsentation diente bald als Vorbild für die Profanbauten der nächsten Epochen.
In Italien derRenaissance entstanden ab dem 15. Jahrhundert neben denStadtpalazzi die ersten frei stehendenVillenbauten seit derAntike, zum Beispiel dieLa Rotonda beiVicenza. Diese für den reichen Stadtadel errichteten Häuser sind die ersten Bauten der europäischen Neuzeit, bei denen der Wunsch nach Bequemlichkeit und/oder Repräsentation im Vordergrund stand und der Bauplan die unmittelbare Umgebung, die Natur oder die Stadt mit einbezog. Auch im übrigen Europa wurden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts immer mehr fürstliche Residenzen erneuert, die man als Schlösser ansieht. Zunächst zeigten sie oft noch Merkmale des gotischen Baustils, während ihre Raumstrukturen und Dimensionen schon den Ansprüchen der Renaissanceepoche genügten. Beispiele sind der heute zerstörte Palast desCoudenberg in Brüssel oder dieAlbrechtsburg über Meißen.Jean II. de Chambes ließ das erste Renaissance-Schloss an derLoire bauen, dasSchloss Montsoreau.[3]
Der Baustil der Renaissance orientierte sich an der Architektur desAntiken Griechenlands und des altenRömisches Reichs und wurde bald in ganz Europa aufgenommen und kopiert. Darüber hinaus wurden auch Baukonzepte aus der Antike übernommen, wie Raumtypen oder die Inszenierung des Ausblicks in die Umgebung. Man imitierte anhand von Ausgrabungen römische Villen (etwa derVilla Adriana) oder Proportionen und Baudetails alter Tempel bzw. desKolosseums und schmückte die neuen Bauten mit den klassischenSäulenordnungen und mächtigen Giebeln. Die Stadtpaläste erhielten ebenmäßige Fassaden mit breiten Fensterreihen und geschmücktePortale bildeten die Eingänge. Viele der vorhandenen Adelssitze wurden umgebaut oder anhand des neuen Stils (der oftsehr frei interpretiert wurde, da kaum ein Baumeister die Vorbilder wirklich zu Gesicht bekam) erweitert; wie beispielsweise das deutscheHeidelberger Schloss oder das französischeSchloss Amboise. Die Schlösser dieser Zeit waren anfangs noch sehr unregelmäßig gestaffelt und folgten selten einem einheitlichen Bauplan, nach und nach wurden einzelne Gebäudekörper umgebaut oder neu errichtet. An anderen Orten befreite man sich von den Vorgaben militärischen Verteidigung und erbaute auch frei stehende, neue Schlossbauten, wie dasSchloss Chambord in Frankreich oder denEscorial in Spanien (welcher zugleich auch ein Kloster ist).
Das Zeitalter desBarock begann im 17. Jahrhundert und ging einher mit der Herrschaftsform desAbsolutismus. Die Fürsten konzentrierten immer mehr Macht in ihren Händen und wollten diese durch repräsentative Bauten zum Ausdruck bringen. DieSymmetrie wurde zumKanon und die Ebenmäßigkeit der Schlösser der ausgehenden Renaissance – etwa desEscorial oder desQuirinalspalasts – zum Diktat. Frühe Palais im neuen Stil waren derPalazzo Barberini in Rom und das PragerPalais Waldstein, beide aus den 1620er Jahren; der französische Stil wurde ab 1656 mit demSchloss Vaux-le-Vicomte geprägt. Eine immer prächtigere Architektur demonstrierte Anspruch und Macht. Das berühmteste Beispiel ist dasSchloss Versailles um 1670, von welchem man sich in ganz Europa inspirieren ließ und das man oft zum Vorbild nahm; seinem Bauherrn, dem französischen „Sonnenkönig“Ludwig XIV., wird der programmatische Ausspruch „Der Staat bin ich“ zugeschrieben. Die kilometerweit die Landschaft durchschneidenden Sichtachsen sollten die Beherrschung des Reiches wie auch die Konzentration des Landes auf den Herrschersitz symbolisieren. Manchmal wurden daher ganze Städte auf die Barockschlösser ausgerichtet (Planstädte wieKarlsruhe), die nicht nur zum Mittelpunkt von Landstrichen, sondern auch von Kultur, Politik und Gesellschaft wurden. Die Schlossarchitektur wurde eingerahmt von den prächtigen und ausgedehntenBarockgärten, die als Kulissen von Festlichkeiten, Konzerten und Feuerwerken dienten.
Im 17. Jahrhundert hatte sich zunächst im katholisch geprägten Europa ein sehr ausladender bis überladener Baustil entwickelt, der mit einer ins Theatralische gewandelten Kirchenarchitektur begann. Auch bei Schlössern wurden Fassaden mitSäulen,Pilastern undStatuen reich geschmückt und gegliedert, sie sprühten oft vor Ideen und Detailreichtum, und im Unterschied zur Renaissancearchitektur wirkten sie nicht statisch, sondern bewegt. Rhythmisch steigerten sich die Nebengebäude und Seitenflügel zum großenCorps de Logis im Zentrum, dem meist ein großerEhrenhof vorgelagert war. Der Grundriss wurde selbst zumOrnament und gigantischeSchlossparks verlängerten die Architektur nach außen in die Natur. Im Inneren der Gebäude war die Raumfolge derParadezimmer und Festsäle vom strengenHofzeremoniell genau bestimmt. Während die italienische Raumaufteilung seit der Renaissancezeit Korridore vorsah, von denen aus die Räume erschlossen wurden, waren nach französischem Schema, vor allem im 18. Jahrhundert, die Baukörper komplett mit Räumen ausgefüllt, welche durchEnfiladen verbunden wurden. Auch große und prachtvolle Treppenhäuser spielten nach dem Vorbild der VersaillerGesandtentreppe eine Rolle im protokollarischen Zeremoniell. Die Raumfolge der Enfilade war weitgehend standardisiert, insbesondere schlossen sich an das Zentrum des Corps des Logis zwei parallele Appartements für die fürstlichen Eheleute an, mit jeweils eigener Zimmerfolge.
Improtestantischen Norden (Norddeutschland, Skandinavien und England) entsprach zunächst eine schlichtere Gestaltung dem landesherrlichen Selbstverständnis. Für die protestantischen Fürsten des 17. Jahrhunderts stand in erster Linie das Bild eines patriarchalischen Dieners des Gemeinwesens im Vordergrund, der Bildung, Kirche und Allgemeinheit zu fördern hatte, während sein persönlicher Genuss zurücktreten sollte. Zumeist bewohnten sie die Renaissanceschlösser ihrer Vorfahren weiter und verzichteten auf aufwändige Neubauten. Wenn solche errichtet wurden, wie etwa das 1643–1654 erbauteSchloss Friedenstein in Gotha oder das ab 1682 erbauteSchloss Elisabethenburg in Meiningen, geschah dies in einem betont schlichten bis kargen Barockstil. Zum Vorbild für England und Norddeutschland wurde das ab 1685 errichtete SchlossHet Loo in den Niederlanden, ein ebenfalls schlichter, aber wohlproportionierter und nobel gegliederter Bau, den der StatthalterWilhelm III. von Oranien erbauen ließ. Ab 1689 zugleich englischer König, verstand er sich als Anführer der protestantischen Mächte Europas, der die Hegemonialansprüche seines großen Gegenspielers, des französischen „Sonnenkönigs“Ludwig XIV., einzudämmen suchte. Erst ab der Wende zum 18. Jahrhundert wurden die in katholischen Gebieten entwickelten Muster allmählich auch von Protestanten übernommen, etwa beimBerliner Schloss undSchloss Charlottenburg, demStockholmer Schloss,Schloss Rastatt,Schloss Ludwigsburg,Schloss Arolsen oderSchloss Ludwigslust.
In Frankreich und England entwickelte sich von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts einklassizistischer Barock, der an die Antikenrezeption der Renaissance anknüpfte. Er suchte die Grandiosität des Barock mit der Monumentalität der klassischen Antike zu kombinieren. Die Übergänge vom Barock und Rokoko in den nüchternerenKlassizismus geschahen fließend, so entwickelte sich in England und seinen Kolonien bereits ab 1720 dieGeorgianische Architektur.
Im Zuge derAufklärung änderte sich das Empfinden für die Kunst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der lebendige, bewegte Stil des Barock wurde nun als schwülstig und übertrieben empfunden. Ähnlich wie schon zwei Jahrhunderte zuvor wandten sich die Baumeister stilistisch wieder derAntike zu, die EntdeckungPompejis fand sich in der Kunst überall wieder.
DerKlassizismus schuf neue Bauten, die ruhigere und klarere Linien erhielten, wie dasSchloss Neuhardenberg oder dasKurfürstliche Schloss in Koblenz. Die alten Barockschlösser wurden umdekoriert, dieRocaille der Innendekoration galt als altmodisch und überholt. Beispiele finden sich im Hauptbau desSchlosses Ludwigsburg oder imSchloss Sondershausen. Die Fassaden der Schlösser wurden mit mächtigen, tempelartigen Giebeln geschmückt, die das System der gestaffelten Baukörper undPavillons verdrängten. Mit der Üppigkeit des Barocks und des Rokokos verschwanden auch die symmetrischen, durchgeplanten Gärten und wichen immer öfter den natürlicher erscheinendenLandschaftsparks nach englischem Vorbild, exemplarisch kann hierSchloss Wilhelmshöhe genannt werden. Bei vielen Anlagen vermischten sich aber auch die Gartenstile, wie beimSchloss Schwetzingen.
Ab dem 19. Jahrhundert wurde derHistorismus in all seinen Formen und Ausprägungen von derNeuromanik,Neugotik undNeorenaissance bis zumNeobarock stilbildend. Waren die früheren Stile noch jeweils sehr von lokalen Einflüssen geprägt, so entwickelte sich jetzt ein intereuropäisches Kunstverständnis und Vorbilder anderer Länder und vorangegangener Epochen wurden frei adaptiert. Manchmal wurden gar exotische Bauformen gewählt, wie für denRoyal Pavilion inBrighton oder denPalácio da Pena inSintra, Portugal.
Die alten europäischen Baustile wurden neu ausgelegt und imitiert, häufig sogar bunt zusammengewürfelt. Vielerorts entstanden im Zuge derRomantik alte Burgruinen nach starker Überformung neu, wie beimSchloss Stolzenfels, wurden mittelalterliche Burganlagen historistisch erweitert, wieWindsor Castle, oder vorhandene ältere Bauten mit neugotischen Fassaden und Interieurs versehen, wieSchloss Hohenschwangau. Dabei griffen die Architekten auch wieder auf Formen des Barock und der Renaissance zurück, wie amSchweriner Schloss.
Einige der weltweit bekanntesten Bauwerke dieser Epoche wurden unter KönigLudwig II. von Bayern geschaffen, der mitNeuschwanstein eine romanisch-gotische Ritterburg, mitSchloss Herrenchiemsee einen neobarocken Palast als Kopie des Hauptgebäudes von Versailles und mitSchloss Linderhof einLustschloss in einem prunkenden Fantasie-Neorokoko wiedererstehen ließ. Auch der spätere KaiserWilhelm I. ließ sich vonKarl Friedrich Schinkel, einem der bedeutendsten Architekten des Historismus, dasSchloss Babelsberg neu errichten, der König von Hannover dieMarienburg, KöniginVictoria undPrinz Albert erbautenBalmoral Castle in Schottland,Napoleon III. dasSchloss Pierrefonds, der rumänische König die SchlösserPeleș undPelișor, und noch Anfang des 20. Jahrhunderts ließ KaiserWilhelm II. verschiedene Burg- und Schlossprojekte realisieren, zum Beispiel dasResidenzschloss Posen oder dieHohkönigsburg im Elsass; sein SohnKronprinz Wilhelm erbaute noch während des Ersten Weltkriegs in Potsdam denCecilienhof als Amalgam aus englisch-normannischemCottage- undTudorstil. Aber nicht nur die Monarchen Europas wetteiferten um modische Neubauten dieser Art, auch Kleinfürsten und niederer Adel bemühten sich, soweit ihre wirtschaftlichen Verhältnisse es zuließen, um Neuerrichtung oder Neudekorierung im Stilmix der Zeit (so etwa die SchlösserLichtenstein in Württemberg oderFrauenberg undEisgrub in Tschechien).
Doch die Zeit der ganz großen Schlossbauten war in den meisten Ländern mittlerweile vorbei, aufgrund der stärker werdenden Bürgerschicht verlor der Adel langsam an Macht und Einfluss und große Bauprojekte wurden seltener. Durch das Erstarken der reicher werdenden Bürgerschicht wurden im Historismus repräsentative Um- oder Neubauten von großen, repräsentativen Villen durch ihre Nutzer oder den Volksmund ebenfalls als Schloss bezeichnet, wie das als Fabrikantenvilla errichteteSchloss Eckberg inDresden. Selbiges gilt für eine Reihe vonGuts- bzw. Herrenhäusern.
Mit demErsten Weltkrieg und dem Abdanken der meisten europäischenMonarchien war die Zeit des Schlossbaus endgültig beendet. Nur wenige große, einst landesfürstliche Residenzschlösser gehören im 21. Jahrhundert noch ihren ursprünglichen Besitzern und werden bewohnt,[4] im Gegensatz zu kleineren Schlössern und Gutshäusern. Für viele Anlagen musste nach neuen Nutzungskonzepten gesucht werden, wie imSchloss von Münster oder imLeineschloss inHannover. Sofern sieRevolutionen, Brände oder denZweiten Weltkrieg überstanden haben, sind die Schlösser inzwischen Museen oder Zentren von Kultur, häufig eine Herausforderung für denDenkmalschutz und kostspielig im Unterhalt und der Pflege. Gleichzeitig sind sie aber auch wertvolle Zeugen vergangener Epochen, Anziehungspunkt für viele Besucher und dadurch manchmal auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Wo die Schlösser nach ihrem Abriss fehlen, so dasBerliner Schloss oder dasPotsdamer Stadtschloss, wurde kontrovers über Sinn und Nutzen eines Wiederaufbaus diskutiert. Einerseits bildeten viele Schlossbauten den Kernbereich der Siedlungen, die später zu Städten wurden, und gehören daher schon im historischen Kontext untrennbar zu einer Region. Zudem befand sich hier früher das Zentrum der Politik, die den betreffenden Landstrich geprägt hat. Andererseits ist auch den Befürwortern eines Wiederaufbaus bewusst, dass hierbei hohe Kosten entstehen, die wiederherzustellenden Kunstwerke keine historischen mehr, sondern ebenRekonstruktionen sind und dass es keine ursprüngliche Verwendung mehr für die Gebäude gibt. Ebenfalls wird kritisiert, dass für den Nachbau des Berliner Schlosses der tatsächlich historisch bedeutendePalast der Republik abgerissen wurde.
Diese Aufzählung stellt eine Auswahl von Schlössern verschiedener Epochen dar. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll die kunsthistorische Entwicklung des Schlossbaus in unterschiedlichen Regionen beispielhaft näher beschreiben.
Uwe Albrecht:Von der Burg zum Schloß. Französische Schlossbaukunst im Spätmittelalter. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1986,ISBN 978-3-88462-042-7.
Rolf Hellmut Foerster:Das Barock-Schloß. Geschichte und Architektur. DuMont, Köln 1981,ISBN 3-7701-1242-3.
Mark Girouard:Das feine Leben auf dem Lande. Architektur Kultur und Geschichte der englischen Oberschicht. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 1989,ISBN 3-593-34131-X.
Mark Girouard:The Victorian Country House. Yale University Press, New Haven, London 1979,ISBN 0-300-02390-1.
Ludwig Hüttl:Schlösser. Wie sie wurden, wie sie aussahen und wie man in ihnen lebte. Knaur, München/Zürich 1982,ISBN 3-426-03666-X.
Heiko Laß:Begriffe erkunden. Schloss. In:Burgen und Schlösser. Zeitschrift für Burgenforschung und Denkmalpflege. Jahrgang 60, Nr. 4, 2019,ISSN0007-6201, S. 245–247.
Heiko Laß:Jagd- und Lustschlösser. Kunst und Kultur zweier landesherrlicher Bauaufgaben. Dargestellt an thüringischen Bauten des 17. und 18. Jahrhunderts. Imhoff, Petersberg 2006,ISBN 3-86568-092-5.
Ulrich Schütte:Das Schloß als Wehranlage. Befestigte Schloßbauten der frühen Neuzeit im alten Reich. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994,ISBN 3-534-11692-5.
↑Michael Mitterauer: Herrenburg und Burgstadt. In: Friedrich Prinz u. a. (Hg.). Geschichte in der Gesellschaft. Festschrift fürKarl Bosl zum 65. Geburtstag. Stuttgart 1973. Wiederabdruck in Wolfgang Mitterauer: Markt und Stadt im Mittelalter. Stuttgart 1980.
↑Max Döllner:Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch 1950. (Neuauflage 1978 anlässlich des Jubiläums150 Jahre Verlag Ph. C. W. Schmidt Neustadt an der Aisch 1828–1978.) S. 43, 221 und 229 (zum 1575 bis 1626 entstandenenNeuen Schloss inNeustadt an der Aisch als einer der ersten derartigenResidenz-Anlagen in Deutschland oder sogar des westlichen Kulturkreises).