Dieser Artikel behandelt den religiösen Schöpfungsbegriff. Zu anderen Bedeutungen sieheSchöpfung (Begriffsklärung).
Fensterrosette imPragerVeitsdom „Erschaffung der Welt“ (annotiert)
Auf eineSchöpfung durch einenSchöpfer wird inKulten undReligionen die Ursache für den Anbeginn der Welt (Erste Ursache) zurückgeführt. In Anlehnung daran wird auch die erschaffene Welt (das Leben, die Erde, das Universum) alsdie Schöpfung bezeichnet.
Konzeptionen zur Erschaffung derWelt aus demNichts oder aus einem präexistentenChaos gibt es in verschiedenen Religionen. Diesekosmogonischen Mythen setzen stets eine eigenständige personifizierte Macht (Gott) als Erklärungsgrund an, die aus eigenem Antrieb die Welt erschaffen habe. Ein Schöpfungsmythos ist somit eine zumeisttheologische oder religiöse Erklärung zur Entstehung der Welt, desUniversums oder des Ursprungs desMenschen.
Vor allem imKatholizismus, aber auch im Islam[1] gibt es die Vorstellung, dass die Schöpfung nicht abgeschlossen sei, sondern sich alsCreatio continua permanent fortsetze.
Die heutige naturwissenschaftlicheKosmologie erklärt die Existenz und Eigenschaften des Kosmos mit Hilfe physikalischer Prinzipien und Theorien. Der BegriffSchöpfung wird deshalb auch bewusst eingesetzt, um auf einen religiösen Hintergrund zu verweisen, etwa in der Rede von derBewahrung der Schöpfung. Wenn zwischen der religiösen Rede von Schöpfung und der naturwissenschaftlichen Kosmologie ein Widerspruch gesehen und zugunsten der Schöpfungsidee entschieden wird, spricht man teilweise auch vonKreationismus.
Typologie von Schöpfungsmythen
Der amerikanische ReligionswissenschaftlerCharles H. Long (1926–2020) unterscheidet in seinem StandardwerkAlpha: The Myths of Creation (1983) fünf Typen von Schöpfungsgeschichten. Die folgende phänomenologische Typologie wird bis heute verwendet:
Emergenzmythen: Die Menschen treten aus der Erde – zum Beispiel aus einem Loch – oder aus einer Erdmutter hervor, die später zu Erde wird. Ein befruchtender Himmelsgott kann ein Teil des Mythos sein. Die Betonung liegt hier auf der Entstehung des Menschen, es handelt sich also eher um eineAnthropogonie als um eineKosmogonie.
Mythos der Ureltern: Die Welt entsteht aus Vereinigung und Teilung eines primordialen Elternpaares, zum Beispiel der Erdmutter und des Himmelsvaters, die ursprünglich eine Einheit darstellten. Manchmal wird die Erdmutter (oder in der nordischen Mythologie der RieseYmir) geopfert; aus ihren Körperteilen gehen die Teile der Welt hervor. Zu diesem Typus gehören der altindische Mythos vom UrmenschenPurusha und der babylonischeTiamat-Mythos
Schöpfung aus dem Chaos oder aus demUr-Ei: Die Welt wird aus einer vorher existierenden undifferenzierten Masse(prima materia) oder aus einem Ei geschaffen. Dieses Material hat kein Schöpfergott geschaffen.
Schöpfung aus dem Nichts: Diese Vorstellung setzt einen Schöpfergott voraus, der schon immer existiert. Sie ist nicht nur in den monotheistischen Religionen verbreitet.
Erdtauchermythen: Hierbei schickt ein Gott Tiere in die Tiefe des Wassers, um dieprima materia heraufzuholen. Der Schwerpunkt der Erklärung liegt auf der Erschaffung der Erde, nicht des Kosmos. Dazu zählen die Mythen der indigenen VölkerArizonas undNew Mexicos.
Als älteste bekannte Schöpfungsmythen der westlichen Welt gelten die derSumerer mit den auch später in der Bibel auftauchenden Motiven. Diese Mythen, beispielsweisedie Erschaffung des Menschen, wurden in angepasster Form von den eindringendenSemiten übernommen.
Atraḫasis-Epos
DasAtraḫasis-Epos entstand wahrscheinlich um oder vor 1800 v. Chr. Das Epos, das verschiedene sumerische Themen künstlerisch kombiniert und ältere mythologische Vorstellungen beinhaltet, hatte keine sumerische Dichtung als Grundlage. Tafel 1 trägt den Titel „Als die Götter (noch) Menschen waren“. Die Geschichte, die in vielen ähnlichen Versionen existiert, handelt unter anderem vom Beschluss derAnunna, die Menschen als nachfolgende Generation der ebenfalls göttlichenIgigu zu erschaffen:
„Du (Nintu) bist der Mutterleib, der die Menschen erschafft; erschaffe den Urmenschen, dass er das Joch auf sich nehme. Er nehme das Joch auf sich, das Werk desEnlil; den Tragkorb des Gottes trage der Mensch … Geschtu’e, den Gott der Planungsfähigkeit schlachteten sie (die Götter) in ihrer Versammlung. Mit seinem Fleisch und Blut überschüttete Nintu den Lehm. Für all die zukünftigen Tage … wurde nun aus dem Fleisch der Götter derWidimmu … Die Igigu, die großen Götter, spieen Speichel auf den Lehm … Mami/Nintu tat ihren Mund auf und sprach: Eure (Igigu) schwere Mühsal schaffte ich ab, euren Tragkorb legte ich den Menschen auf.“
DasGilgamesch-Epos stammt aus dembabylonischen Raum. Es erzählt von denHeldentatenGilgameschs und seiner Freundschaft mit dem von der GöttinAruru erschaffenen menschenähnlichen WesenEnkidu, thematisiert aber vor allem seine Suche nachUnsterblichkeit. DasEpos gilt als die erste Dichtung, welche die Loslösung von den Göttern, zugleich aber auch die Angst vor der Vergänglichkeit des Lebens thematisiert.
Das Gilgamesch-Epos enthält zahlreiche Parallelen zur biblischen Überlieferung. So erinnert die Figur des biblischenNoach stark an den göttlich auserwählten HeldenUta-napišti.[3] Im1. Buch Mose, Kapitel 6EU findet sich auch das Motiv vonEngeln, die sich auf der Erde materialisiert haben und Beziehungen mit Menschenfrauen eingegangen sind.
Enūma eliš
Übersetzt bedeutetEnūma eliš „Als oben [der Himmel noch nicht genannt war]“. Es ist nicht nur der Name, sondern auch der Beginn des babylonischen Weltschöpfungsmythos undLehrgedichts.
AlsBabylon innerhalb der StädteMesopotamiens eine Vormachtstellung einnahm, gewann die StadtgottheitMarduk innerhalb dessumerisch-akkadischen Pantheons ebenfalls an Bedeutung. Dies wurde verdeutlicht, indem Marduk in den Weltschöpfungsmythos mit eingebunden wurde. Das Werk diente fortan zur ideologischen Untermauerung des babylonischen Herrschaftsanspruches.
Im Mythos wird die embryonale Welt geschildert, wie die Erde geschaffen wurde. Hier sindAbzu („der Uranfängliche“) undTiamat („die sie alle gebar“; dargestellt als ein Seeungeheuer) die ersten Daseinsformen, lange vor der Schöpfung. Es entstehen mehrere Götter, über die jedoch außer den Namen nichts bekannt ist. Später werden Abzu und Tiamat in einemGötterkampf von den jungen Göttern der neuen Generationen gestürzt.
Ägypten
Im Alten Ägypten gab es die Vorstellung, dass die Schöpfung mit dem Erscheinen des urzeitlichen Hügels begann, der sich zeigte, als das Wasser des Nils zurückging.[4]
Antikes Griechenland
In derTheogonie(Geburt der Götter) desHesiod (um 700 v. Chr.) wird beschrieben, wie derKosmos seinen Anfang nimmt mit dem Erscheinen von sechs Urgottheiten. Das sindChaos,Gaia,Tartaros,Eros,Erebos undNyx. Gaia gebiert aus sich selbst herausUranos, den Himmel, dieOurea, die Berge, undPontos, das Meer. Mit Uranos gebiert sie dieTitanen, die Vorfahren derOlympischen Götter und aus sich selbst das Menschengeschlecht.
Platon sieht die Welt von einemDemiurgen (göttlicher „Handwerker“) geschaffen.
Aristoteles nimmt einenunbewegten Erstbeweger („primum movens“) als Anfangspunkt jeder Bewegung an.
Seit der Antike kreist die philosophische Diskussion besonders auch um die Frage der Schöpfung aus dem Nichts (creatio ex nihilo). Demgegenüber steht die Aussage „Ex nihilo nihil fit“ („Aus nichts entsteht nichts“), die zuerst beim VorsokratikerMelissos auftaucht und von Aristoteles übernommen wurde.
Zoroastrismus
ImZoroastrismus, der vonZarathustra gestifteten iranischen Religion, istAhura Mazda der Schöpfergott, der zuerst die geistige Welt(Menok bzw.menog) und dann die materielle Welt(Geti bzw.getig)[5] erschaffen hat; er verkörpert die Macht des Lichts, ist Schöpfer[6] und Erhalter der Welt und der Menschheit und ist der Gott der Fruchtbarkeit der Lebewesen. Das Lob des Gottes Ahura Mazda als Schöpfer der Welt ist imYasna, der wichtigsten Schrift desAvesta, bereits im ersten Vers des ersten Kapitels und durchgängig zu finden, darunter bereits in den ältesten, vermutlich auf Zarathustra selbst zurückgehendenGathas.
Im BuchVendidad, welches zu den jüngeren Büchern der Avesta gezählt wird (Entstehungszeit umstritten) sowie in dem nochmals deutlich später (ca. 800 n. Chr.) aufmittelpersisch niedergeschriebenen, aber vermutlich auf älteren Überlieferungen fußendenBundahischn wird die Schöpfung des guten Gottes Ahura Mazda (mittelpersisch: Ohrmazd) durch den Teufel Angra Mainyu (mittelpersisch:Ahriman) konkurrenziert,[7] der viele Übel schuf. Ahura Mazda lässt ihn gewähren, legt aber eine Frist von 3000 Jahren fest, bis sie wirksam werden können, und eine Frist von weiteren 3000 Jahren, bis er das Werk des Teufels wieder vernichten lässt.
Zarathustras Lehren sind während der (viele Jahrzehnte dauernden) Beendigung desBabylonischen Exils, als der Staat Israel mit der Unterstützung Persiens neu gegründet wurde, auch in das Judentum eingeflossen. Speziell die BegriffeHimmel undHölle waren im Judentum vorher unbekannt;Satan als Gegenspieler Gottes geht vermutlich aufAhriman zurück, undEngel sind auch im Zoroastrismus bekannt. Sie werden dortMalakhim undDaeva genannt. Auch die in diese Zeit fallende Konkretisierung Endzeiterwartung geht wahrscheinlich auf die zoroastrische Lehre zurück, nach der Gott Ahura Mazda dem Teufel Ahriman nur eine Zeit von dreitausend Jahren zugesteht, sein Unwesen zu treiben, und verspricht, sein ursprünglich perfektes Reich danach wiederherzustellen.
Altes Testament
„Bei keinem anderen Thema“, so der ExegetJörg Jeremias, „sah das biblische Israel eine größere Notwendigkeit, sich von den Religionen seiner Umwelt abzugrenzen, als bei seinen Schöpfungstexten, weil in ihnen eine grundsätzliche Deutung der Welt als ganzer und des Wesens des Menschen stattfindet.“[8]
DieBibel nennt Gott, der den Geist „über den Wassern“ schweben ließ,[9] den Schöpfer. Beispiele:
„Denn so spricht der HERR, der den Himmel geschaffen hat – er ist Gott; der die Erde bereitet und gemacht hat – er hat sie gegründet; er hat sie nicht geschaffen, dass sie leer sein soll, sondern sie bereitet, dass man auf ihr wohnen solle: Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr.“Jesaja 45,18 EU
„Denn siehe, er ist’s, der die Berge macht und den Wind schafft; er zeigt dem Menschen, was er im Sinne hat. Er macht die Morgenröte und die Finsternis …“Amos 4,13 EU
Diese Vorstellung von einem Schöpfergott ist in den zwei ersten Kapiteln zu Beginn des BuchesGenesis (griech. „Ursprung“, „Entstehung“) ausformuliert, die gemäß derBibelkritik von verschiedenen Autoren aus verschiedenen Zeiten stammen. Die beiden Texte unterscheiden sich auch deutlich in ihrer sprachlichen Form. Der (jüngere) Text in Gen 1,1ff. (siehe nächstes Unterkapitel) kann alsHymne beschrieben werden, während der Text in Gen 2,4b eine Erzählung ist.[10]
Dashebräische Wort בראbará´ und dasgriechische Wort κτίζωktízo, die beide „schaffen“, „erschaffen“ bedeuten, werden in der Bibel nicht nur im Sinne vonCreatio ex nihilo verwendet, die als Konzept erstmals in2 Makk 7,28 EU erscheint, sondern auch mit Bezug auf das schöpferische, mühelos ausgeführte Handeln Gottes, welches völlig Neues, bisher nicht Gewesenes hervorbringt, gebraucht. In verschiedenenSegenssprüchen, insbesondere beimKiddusch amSchabbat, wird Gott alsboré (Schöpfer) angesprochen.
Schöpfungstexte des Buches Genesis
Illustration der Schöpfungslehre aus dem 1. Buch Mose
Augenscheinlich liefert das Buch Genesis zwei Schöpfungstexte.
InGenesis 1,1–2,4a EU wird in stark formalisierter Sprache dasSechstagewerk beschrieben. Nach den meisten jüdischen Kommentatoren ist die Einleitung der Schöpfungsgeschichte alsTemporalsatz zu verstehen:Als Gott begann, Himmel und Erde zu erschaffen, die Erde öd und wüst war und Finsternis auf der Fläche des Abgrundes … da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht.[11] Am Anfang eines jeden Tages steht dasWort Gottes, gefolgt von der Bestätigung „und es geschah so“. Gott betrachtet sein „Tageswerk“ und „sah, dass es gut war“ (außer am zweiten Tag „und es rief Gott dem Gewölbe: Himmel und es wurde Abend und es wurde Morgen“). Am Vorabend des jeweiligen Tages wird aus „Abend und Morgen“ der nächste Tag, mit kleinen formalen Unterschieden: im hebräischen Urtext steht beim ersten Mal nicht, wie in manchenBibelübersetzungen,der erste Tag, sondern dieKardinalzahlein Tag, und der abschließende sechste Tag wird durch den bestimmtenArtikel hervorgehoben. Im ersten Kapitel der Genesis wird die Erschaffung des gesamten Universums beschrieben, der Mensch wird am sechsten Tag erschaffen. Ihm kommt eine besondere Bedeutung zu, da er als letztes Lebewesen und als einEbenbild Gottes geschaffen wurde.
Eine sehr ähnliche Schöpfungsgeschichte gab es in derägyptischen StadtMemphis: Der GottPtah, Gott der Handwerker und Baumeister, erschafft durch seine Zunge und sein Herz den SonnengottAtum. Diememphitische Theologie ist die früheste bekannte Theologie, die auf dem Prinzip desLogos beruht, der Schöpfung durch das Wort und die Rede. Auch die „Lehre fürMeri-Ka-Re“ enthält Ähnlichkeiten mit den biblischen Schöpfungsgeschichten.
Direkt darauf (Gen 2,4b–3,24 EU) folgt die Erzählung vonAdam und Eva imGarten Eden, sowie die Vertreibung aus demParadies. Gemeinsam ist beiden Texten, dass die Welt als Werk eines einzigen Gottes dargestellt wird (Monotheismus). Allerdings unterscheiden sich die beiden Texte deutlich im Ablauf des Geschehens: Während inGen 1,1–2,4a EU der Mensch (als Mann und Frau) erst am Ende erschaffen wird, wird Adam inGen 2,4bff EU am Anfang geschaffen. Bäume, Tiere und die Frau kommen erst später hinzu.
Zwischen den beiden Schöpfungsberichten und dem babylonischen SchöpfungsmythosEnūma eliš gibt es auffallende Ähnlichkeiten. Die Übersetzung der Einleitung der Schöpfungsgeschichte als Temporalsatz in der FormAls … da … findet Parallelen in den Einleitungssätzen mesopotamischer Epik. Thematische Bezüge zur Schöpfung des Weltalls finden sich in so trivialen Texten wie der „Beschwörung eines Zahnschmerzes“, aber auch in so einem bedeutenden Werk wie dersumerischen Königsliste.[12]
Das hebräische WortTehom, im zweiten Satz von Genesis für den „Abgrund“ verwendet, gehtetymologisch auf denselben Ursprung wie die babylonische GöttinTiamat zurück. Damit wird jedoch kein personifiziertes Wesen, sondern ein abstrakter Begriff bezeichnet. Im Gegensatz zum babylonischen Schöpfungsmythos enthalten die biblischen Schöpfungsgeschichten keine Beschreibung einesGötterkampfs und keinen Hinweis auf eine Existenz vor der Schöpfung. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb inGen 1,21 EU die „großen Seeungeheuer“ gesondert erwähnt werden – um zu betonen, dass auch sie von Gott erschaffen wurden.
Gemäß derMischna (Chagiga 2, 1) ist es verboten, zwei Personen in der Einleitung des 1. Buches Mose zu unterrichten, sofern diese Schüler nicht weise und fähig sind, den Stoff selbst zu verstehen. Das Studium der Schöpfungsgeschichte gehört folglich im Judentum zumesoterischen Bereich (hebr.sod – „Geheimnis“), das nur unter einschränkenden Bedingungen, beispielsweise erst ab einem gewissen Alter, möglich ist.
Schöpfung in den Sprüchen Salomos
ImBuch der Sprichwörter findet sich eine weitere Darstellung der Schöpfung. Die personifizierteWeisheit spricht dort:
„Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.“
Die personifizierte Weisheit, im Christentum alsSophia mit demHeiligen Geist gleichgesetzt, spielt sowohl in derGnosis als auch in derKabbala eine wichtige Rolle. Als eine derEmanationen des ursprünglichen alleinigen und nicht-erkennbaren obersten Gottes hat sie dem materiellen menschlichen Geschöpf der weiteren göttlichen Emanation, desDemiurgenJaldabaoth, Geist und damit das ihn vom Tier Unterscheidende eingeblasen.
In der Kabbala istChochma (Weisheit) ebenfalls eine der göttlichen Emanationen, die hierSephiroth genannt werden. Im kabbalistischenBaum des Lebens steht die Weisheit unterKether („Krone“) an zweiter Stelle.
Christentum
Darstellung der Schöpfung am Westportal desUlmer Münsters
DasNeue Testament übernimmt die alttestamentliche Vorstellung von Gott als Schöpfer, spricht jedoch zudem von derMenschwerdung Gottes in Christus. Der Schöpfer (der Vater) sowieJesus Christus alsSohn Gottes offenbaren sich imHeiligen Geist, um in geistiger Form gegenwärtig zu sein. Im Prolog desJohannesevangeliums, einer Variation des Schöpfungsmythos aus der Genesis, wird derLogos mit Gott gleichgesetzt.
Im Kolosserbrief wird über Jesus als Mitschöpfer folgendes gesagt:
„Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang.“
ImGlaubensbekenntnis wird Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde“(factor coeli et terrae) bezeichnet.
Islam
ImKoran finden sich in zahlreichen Abschnitten Zitate aus der Schöpfungsgeschichte der jüdisch-christlichen Tradition. Da aber im Koran nicht die Erzählung der Geschichte selbst im Vordergrund steht, sondern die Geschichte nur der Illustration der eigentlichen Botschaft dienen soll, erscheinen Einzelheiten in vielenSuren und wiederholen sich teilweise. Beispiele dafür sindSure 21, 30–33;Sure 32, 4–9;Sure 41, 9–12;Sure 7, 54;Sure 10, 3. Quelle ist dabei zum Teil die biblische Schöpfungsgeschichte. So wird zum Beispiel auf dasSechstagewerk verwiesen – in Sure 7,54; 10, 3; 11, 7; 25, 59 und 32, 4. Aber auch Traditionen, die man nur in außerbiblischen jüdischen oder christlichen Schriften findet, werden im gesamten Koran zitiert; so findet sich zum Beispiel die Geschichte über denFall Satans inSure 38, 73ff. in den außerbiblischen SchriftenLeben Adams und Evas undSchatzhöhle, nicht aber in der Genesis überliefert sind. Einige wenige Stellen, zum BeispielSure 31, 10, sind nicht in der christlichen oder jüdischen Tradition überliefert, könnten aber zur Zeit der Niederschrift des Korans den arabischen Christen ebenfalls bekannt gewesen sein.
Mehrere Begriffe, die in derislamischen Theologie zu den99 Namen Gottes gerechnet werden, bezeichnen Gott als Schöpfer. Dazu gehören die Begriffe al-Badīʿ' (arabisch البديع) sowie al-Bāriʾ (البارئ), der auf das hebräische, in der Genesis verwendete Verb bārā zurückgeht. Im Koran wird der synonyme Begriff al-Chāliq (الخالق) über 200 Mal verwendet. Das entsprechendeVerbalsubstantiv Chalq („Schöpfung“) bezeichnet sowohl die göttliche Handlung als auch das Schöpfungswerk selbst.[13]
Eine besondere Rolle spielte in der islamischen Geschichte die Frage, ob der Koran erschaffen und somit kritisierbar sei, wie dies dieMuʿtazila vertrat, oder ob er alsKalām (Logos) von Anfang an in der Welt vorhanden gewesen sei. Zur Zeit der Herrschaft der Mutaziliten inBagdad im frühen 9. Jahrhundert erreichte sie eine besondere Brisanz, als dieKadis mit inquisitorischen Mitteln (Mihna) darüber befragt wurden, ob sie an die Ewigkeit Gottes und an die Erschaffenheit des Korans glaubten.
Hinduismus
In der hinduistischen Mythologie wurde die Welt von Vischnu erschaffen, als er schlafend auf einer zusammengerollten riesigen Schlange (Symbol für die kosmische Substanz Wasser) lag.[14]
Buddhismus
Die Texte desTheravada-Buddhismus (Pali-Kanon) kennen Gottheiten, die sich selbst als ungeborene, unvergängliche also ewige Schöpfer der Welt verstehen (Brahmas). Dort ist es dem BuddhaSiddhartha Gautama und einigen seiner Anhänger auch möglich, mit diesen Gottheiten in Kontakt zu treten. Es wird jedoch deutlich, dass die Brahmas hinsichtlich ihrer Allmächtigkeit und Unvergänglichkeit einem Irrtum unterliegen. Vielmehr sei ihnen aufgrund ihrer sehr langen Lebensdauer die Erinnerung an ihren Ursprung verloren gegangen und auch gibt es Daseinsbereiche, die ihnen unzugänglich sind (siehe zum Beispiel BrahmanimantaṇikaSutra, Majjhima Nikāya 49, Pali-Kanon).
Die Vorstellung einer wie auch immer gearteten Schöpfung und die eines Schöpfers, sei es nun eine göttliche Wesenheit oder ein abstraktes Prinzip, wird im Buddhismus letztlich ignoriert oder als nebensächlich behandelt. Buddha Siddhartha Gautama selbst begründete dieses damit, dass die Beschäftigung mit solchen unergründlichen Fragen im religiösen Leben letztlich keinen Erkenntnisgewinn bringt und er deshalb nichts darüber sagen werde. Neben einigen anderen Fragen (wie zum Beispiel nach einer präzisen Darstellung der Wirkung vonKarma) seien die Fragen nach Schöpfung und Herkunft des Lebens prinzipiell nicht sinnvoll oder vollständig zu beantworten und erzeugten lediglich Verwirrung bis hin zumWahnsinn (siehe Acintita Sutta, Anguttara Nikāya 4.77, Pali-Kanon).
Zur Verdeutlichung existiert ein bekanntes Gleichnis: Es schildert die Situation eines Mannes, der bei einem unerwarteten Attentat von einem vergifteten Pfeil getroffen wird. Der herbeigerufene Arzt fragt zunächst wer den Pfeil abgeschossen hat (vgl.Gottesbeweis), aus welcher Richtung der Pfeil kam (Herkunft der Welt), warum der Schütze geschossen hat (aus welchem Grund wurde die Welt erschaffen, vgl. auchTheodizee) und so weiter. Aus buddhistischer Sicht liegt die Gefahr aber darin, dass über all diesen Fragen und Erklärungen das Herausziehen des Pfeils versäumt wird und der Angeschossene stirbt, bevor er sein Leben oder das Anderer retten kann (vgl. Cūḷamāluṅkya Sutta, Majjhima Nikāya 63, Pali-Kanon).
Weitere Schöpfungsmythen
Schöpfungsmythen gibt es seit Anbeginn der Menschheit auf sämtlichen Kontinenten.[15] Hier eine Auswahl:
Eine platonisch ausgerichtete Vorstellung vertratThierry von Chartres inDe sex dierum operibus.[17]Thomas von Aquin lehrte das Hervorgehen alles Seienden aus einer ersten Ursache.Nikolaus von Kues deutete die Welt als eine Ausfaltung(explicatio) des Wesens Gottes.
Im Zuge der Ausweitung naturwissenschaftlicher Erklärungsversuche auf Ursprungsfragen wurden diese naturwissenschaftlichen Zugänge im Rahmen der Theologie aufgegriffen. Im Spannungsfeld zwischenEvolutionstheorie undKreationismus bzw.Intelligent Design wurde auch über die Rolle eines Schöpfergottes nachgedacht, und die Vorstellung einesUrknalls am Beginn des Universums wurde mit einem Schöpfungsakt in Verbindung gebracht.
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Franco Ferrucci:Die Schöpfung. Das Leben Gottes von ihm selbst erzählt. Aus dem Italienischen vonHerbert Schlüter und Stefan Richter, Hanser, München 1988,ISBN 3-446-14969-4.
Ralf König:Prototyp. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2008,ISBN 978-3-498-03542-6 (ursprünglich 2007 als 10-teilige Comicserie in derFaz erschienen).
↑Vgl.Genesis Kapitel 6–9 und 11. TafelGilgamesch-Epos.
↑Allison Coudert:Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe:Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992,ISBN 3-88199-911-6, S. 149.
↑Vgl. etwa Shaul Shaked:The Notions mênôg and gêtîg in the Pahlavi Texts ans their Relation to Eschatology. In:Acte Orientalia. Band 33, 1971, S. 59–101.
↑Vgl. Gherardo Gnoli:Osservazioni sulla dottrina mazdaica della creazione. In:AION. Neue Folge, Band 13, 1963, S. 163–193.
↑Vgl. auch Gherardo Gnoli:Einige Bemerkungen zum altiranischen Dualismus. In: Bert G. Fragner, Ch. Fragner, Gherardo Gnoli und andere (Hrsg.):Proceedings of the Second European Conference of Iranian Studies held in Bamberg, 30th September to 4th October 1991 by the Societas Iranologica Europaea. Rom 1995, S. 213–231.
↑Jörg Jeremias:Theologie des Alten Testaments (= Grundrisse zum Alten Testament.Band6). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017,ISBN 978-3-525-51697-3,S.18.
↑Allison Coudert:Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe:Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992,ISBN 3-88199-911-6, S. 149.
↑Zu Entstehungszeit und Verfasserschaft der beiden Texte siehe auch HauptartikelTora
↑James B. Pritchard:Ancient Near Eastern Texts relating to the Old Testament. S. 100 bzw. 265, in:Creation and Cosmogony. In:Encyclopaedia Judaica. Band 5, S. 1061.
↑Allison Coudert:Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe:Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992,ISBN 3-88199-911-6, S. 149.
↑Jürgen Mittelstraß: ArtikelSchöpfung. In:Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3, 1995, S. 730.
↑Vgl. Nikolaus M. Häring:The creations an creator of the world according to Thierry of Chartres and Clarenbaldus of Arras. In:archives d’Histoire doctrinale et litteraire du Moyen Age. Band 30, 1955, S. 137–216. Deutsche Übersetzung:Die Erschaffung der Welt und ihr Schöpfer nach Thierry von Chartres und Clarembaldus von Arras. In:Werner Beierwaltes (Hrsg.):Platonismus in der Philosophie des Mittelalters. Darmstadt 1969 (=Wege der Forschung. Band 197), S. 161–267.