Nordostufer der Saar in Saargemünd, von der Europabrücke aus gesehen
Saargemünd liegt im Nordosten Frankreichs, unmittelbar an der Grenze zum deutschen BundeslandSaarland, auf 222 m ü. NHN.In Saargemünd mündet dieBlies in dieSaar, die über denSaarkanal mit demRhein-Marne-Kanal (Canal de la Marne au Rhin) verbunden ist.
Der Name ist abgeleitet vom deutschen WortGemund (in alten Dokumentenlatinisiertgemundia) und bezieht sich auf den Zusammenfluss von Saar und Blies innerhalb des Stadtgebietes.
Alte Namen sind Gaimundas (706), Gamundia (777), Gumunde (1237), Gemindt/Gemündt (1380), Gemüde (1471), Sargemünt (1577), Saargemünde (1592), Sar-gemünd (1636), Gemünd an der Sar (1645), Sargueminde (1661), Zargueminde (1698).[1][2]
Der Ort wurde erstmals 706 alsGaimundas erwähnt (Arnulfinger 004 in „Regnum Francorum“) und dann 777 alsGamundia (Tangl, Testament Fulrads, in „Regnum Francorum“). Urkunden von 870, 893 und 906 nennen nur „Blesitchowa“, „Blesingi“ und „Blesiaco“, womit viel eher die Region Bliesgau gemeint ist als der Ort, der aber sicher weiterbestanden hat. Erst 1577 bekommt das ursprüngliche Gemünd mitSargemünt denSaar-Zusatz. Eine zuGuemundefranzösisierte Namensform tauchte 1594 auf. Von 1679 bis 1697 war Saargemünd schon einmal französisch besetzt, bevor es 1766[3] für 105 Jahre zu Frankreich kam.
Zwischen 1919 und 1940 war es französisch, imZweiten Weltkrieg wurde es früh von deutschen Truppen besetzt und ab 1940 von NS-Deutschland annektiert (CdZ-Gebiet Lothringen). Anfang Dezember 1944 wurde Saargemünd von amerikanischen Truppen eingenommen, seither gehört es wieder zu Frankreich.
Das Wappen wurde 1610 zum Wahrzeichen der Stadt. Nur wenig später benutzte die Stadt, die im Besitz der Herzöge von Lothringen war, das einfache lothringische Wappen. Am 31. März 1913 bestätigteKaiser Wilhelm II. auf Bitten der Stadt Saargemünd, das Wappen von 1610 wieder anzunehmen. 1941 versuchten die deutschen Besatzer vergeblich, dasLothringerkreuz aus dem Wappen entfernen zu lassen.[7]
DasCasino am SaaruferKeramikbild an der Fassade des Casinos
Bekannt ist die Stadt für ihre einst blühendeKeramikproduktion. Die um die ehemalige „Wackenmühle“ herum an der Blies gelegene Fertigungsstätte der altenFayencerie (Steingutmanufaktur) ist als Museum mit dem NamenBliesmühle hergerichtet und kann besichtigt werden, zudem die SchenkungFrance undWolfgang Kermer mit Werken von rund einhundert französischen Keramikern aus dem Zeitraum 1970–2000.[14] Der im ehemaligen Fabrikareal angelegte Garten wurde nach seiner Restrukturierung in das Ensemble derGärten ohne Grenzen derGroßregionSaarLorLux aufgenommen. Insbesondere aus der Epoche desJugendstils stammen bedeutende Bauwerke. Eine besondere Sehenswürdigkeit ist dasCasino am Saarufer. Bei diesem Gebäude handelt es sich um ein Bauwerk, das für die Arbeiter der Fayencerie errichtet wurde. Es enthält einen Saal für kulturelle Veranstaltungen sowie ein Restaurant. Die Fassade wird von Keramikbildern geziert.
Gegen 1790 gründeten dreiStraßburger eine Töpferei in Saargemünd in einer alten Mühle. 1799 kaufte der junge Paul Utzschneider, der aus Bayern stammte, die Anteile von zweien der Partner und gründete mit dem Dritten Joseph Fabry die GesellschaftFabry Utzschneider et companie. Paul Utzschneider baute die Produktion aus, im Jahr beschäftigte er 170 Arbeiter an 7 Öfen. Durch dieKontinentalsperre unterstützt, begann er englisches Steingut zu imitieren, insbesondereWedgwood mit seinen exotischen Dekors. Er führt auch neue Sorten ein, sehr feines Steingut, das mit Porzellan konkurrierte. 1836 übergab er die Produktion an seinen Schwiegersohn, den Baron Alexandre de Geiger. Die Fabrik beschäftigte 300 Arbeiter, die Öfen wurden mit Kohle betrieben. Um die Fabrik zu vergrößern und zu modernisieren, verbündete er sich mit den Familien Villeroy und Boch im benachbartenSaarland. Zwischen 1858 und 1869 wandelt er die Manufaktur in eine industrielle Fabrik um. Er begann auchMajolika zu produzieren, farbige Kacheln im italienisch-maurischen Stil. Nach derAnnexion von Elsass-Lothringen 1871 verließ er die Stadt, zog nachParis und übergab die Geschäfte seinem Sohn Paul, der schon ab 1859 mitarbeitete und einzelne Fabriken leitete. Da Exporte nach Frankreich mit 15 % Steuer belastet wurden, gründete er inDigoin (Frankreich) eine neue Fabrik und etwas später ein neues Lager inVitry-le-François. 1890 begann er, Bau-Keramik zu produzieren, bunte Keramikelemenete, die repräsentative Gebäude verzieren. Man kann sie heute noch am Casino und am Musée de la Faïence in Saargemünd sehen.
Teller der Steingutfabrik Utzschneider, 1900–1925
1913 lief die Übergangsfrist für ehemals französische Firmen in Lothringen ab, sie mussten sich entscheiden, ob sie weiterhin französisch sein oder deutsch werden wollten. Paul de Geiger entschied sich, 2 neue Gesellschaften zu gründen:La Société Utzschneider et Compagnie in Saargemünd undLes Etablissements céramiques Digoin, Vitry-le-François et Paris in Frankreich. Er starb kurz darauf. Nach dem Kriegsende wurde Lothringen wieder französisch und die beiden Firmen fusionierten unter dem NamenFaïenceries de Sarreguemines Digoin et Vitry-le-François. Bis zumZweiten Weltkrieg wurde die Produktion erweitert, neue Gebäude entstanden. 1939 wurde Saargemünd evakuiert, die Produktion wurde eingestellt. Ab 1940 wurde die Fabrik von den deutschen Besatzern wieder eröffnet und 1942 vonVilleroy & Boch übernommen. Saargemünd lag nach der Befreiung 1944 in Ruinen, auch die Fabriken von Utzschneider. Die Fabrikation wurde wieder aufgenommen, mit moderneren Verfahren wieTunnelöfen. Wirtschaftliche Probleme stellten sich ein, schließlich wurde die Firma 1979 vom KonkurrentenLunéville Saint-Clément übernommen, der Saargemünder Teil firmierte unterSarreguemines bâtiment. Die Produktion in Saargemünd wurde eingestellt, Steingut unter der MarkeSarreguemines wird heute (2021) in Digoin und Saint-Clément hergestellt.[15]
1868 wurde eine Arbeitersiedlung (Cité ouvrière) rechts der Saar neben der Fabrik, heute Avenue Cité des Faïenceries, gebaut. Zweistöckige Doppelhäuser mit je 4 Wohnungen in 3 Reihen zu je 4 Häusern. In einer 4. und 5. Reihe standen größere Häuser, die in der Zwischenzeit zum Teil abgerissen wurden. Jedes Haus ist von einem Garten umgeben, der der Selbstversorgung diente. Die Fabrik am Saarufer war fußläufig erreichbar. Die Siedlung entsprach demGartenstadt Modell: kleine Wohneinheiten mit viel Platz für Licht und Luft. Die Belegung der Wohnungen entsprach der Hierarchie in der Fabrik: die höheren Angestellten (cadres) bewohnten die erste Reihe, dann kamen die Vorarbeiter (chefs d’équipe) und schließlich die einfachen Arbeiter. Es gab größere Wohnungen für kinderreiche Familien. Die Mieten waren so niedrig, dass die Fabrik immer Verluste ausgleichen musste.[16]Auch nach dem Niedergang ab 1978 und der Schließung der Fabrik 2007 blieb die Siedlung bestehen, nach 2000 wurde sie durch neue, moderne Häuser im selben Stil erweitert.
Die Stadt verfügt über ein reichhaltiges kulturelles Angebot.
Seit einem Jahrzehnt wird jährlich das Mundart-Festival „Mir redde platt“ ausgerichtet. Es dient der Erhaltung der regionalen (deutsch-)lothringischenMundart, die ihre Wurzeln imRheinfränkischen hat. Das Festival erstreckt sich über mehrere Wochen und verbindet in einem reichhaltigen Veranstaltungsprogramm die Bereiche Kunst, Kultur und Wissenschaft.
Im März eines jeden Jahres findet eine Antik-Keramikmesse statt. Sie wird veranstaltet im Hinblick auf die lange Keramiktradition der Stadt, die im 20. Jahrhundert zu den führenden Keramikherstellern Europas gehörte. Angeboten werden kunsthandwerkliche Objekte wieSteingut,Porzellan,Feinsteinzeug,Emaille,Terrakotten undMajoliken.
Neben dem Rathaus befindet sich einKeramik-Museum, dessen ursprünglicherWintergarten mit künstlerisch wertvollen Keramikwänden ausgestattet ist. Neben einer ständigen Ausstellung keramischer Objekte finden regelmäßig Wechselausstellungen statt.
Ende Juni eines jeden Jahres findet über einen Zeitraum von einigen Tagen in der gesamten Innenstadt dasSaint Paul Festival statt. Kernpunkt des Festivals ist ein traditioneller Markt, auf dem regionale Produkte jedweder Art angeboten werden. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das „Straßentheater-Festival“, das Bestandteil desSt.-Paul-Festivals ist und mittlerweile eines der beliebtesten Festivals seiner Art in Ostfrankreich ist.
An einem August-Wochenende findet dieVélo SaarMoselle statt, eine Veranstaltung, die Radwandern mit Kulturerlebnissen und Kulinarik verbindet. An zahlreichen Orten einer Tages-Rundstrecke, die auch über die Grenze ins benachbarte Saarland führt, werden kulturelle Veranstaltungen wie auch kulinarische Spezialitäten der Region angeboten.
Seit einigen Jahren verfügt die Stadt über eineMediathek, in der auch kulturelle Veranstaltungen wie das oben erwähnte Festival „Mir redde platt“ stattfinden.
Saargemünd liegt an der Grenze zum Saarland und hat eine gemeinsame Wirtschaftsgeschichte mit der deutschen Region. Die traditionelle Keramikindustrie ist in Saargemünd verschwunden und durch Metallverarbeitung und Automobilzulieferer ersetzt worden. Auch in den 2020er Jahren bietet Saargemünd viele Arbeitsplätze: 11.000 bei einer Bevölkerung von ca. 20.000.[17][18] Vorteilhaft für die Ansiedlung neuer Industrien ist die gute Verkehrsanbindung an das französische und deutsche Autobahnnetz, die Saar spielt keine Rolle mehr als Verkehrsweg. Die Ansiedelung wird vonLa Communauté d’Agglomération Sarreguemines Confluences (Die Stadtgemeinde Saargemünd – Mündung von Blies in die Saar) organisiert.[17] Ab den 1970er Jahren, als das Ende der Keramikindustrie absehbar war,[19] wurden Flächen zur industriellen Nutzung ausgewiesen, zunächst für die traditionelle Metallverarbeitung wie dieFonderie de Lorraine, ein Zusammenschluss von ZFFriedrichshafen und derVoit Automotive, gegründet 1995, dann siedelten sich, wie im Saarland, immer mehr Automobilzulieferer an wieContinental AG undClarios. Viele Saargemünder sind zweisprachig und arbeiten in den deutschen Werken über der Grenze. Im Jahr 1997 eröffneteMercedes-Benz in Hambach ein Werk zur Produktion vonSmart Automobilen, welches von einer Reihe von Zulieferern umgeben war. Nachdem Mercedes ab 2019 die Produktion nach China verlegt hatte, baut hierIneos seit 2022 die Grenadier Automobile.[20] 2023 kündigte der französische Staat an, für 710 Mio. € eine Solarpanel Fabrik mit 1700 Arbeitsplätzen in Saargemünd bauen zu wollen.[21]
Heute verkehren Züge nur noch auf den Strecken in RichtungMetz,Saarbrücken undStraßburg. Seit 1997 gibt es dieSaarbahn, welche Saargemünd über dieBahnstrecke Saarbrücken–Saargemünd direkt mit der Saarbrücker Innenstadt und weiteren saarländischen Gemeinden im Nahverkehr verbindet. Die Züge fahren in den Hauptzeiten im 30 Minuten-Takt.
Zur Geschichte des Bahnhofes und seiner Strecken sieheBahnhof Saargemünd
↑Franz Xaver Kraus:Kunst und Alterthum in Elsass-Lothringen. Beschreibende Statistik. Band III:Kunst und Althertum in Lothringen. Friedrich Bull, Straßburg 1886, S. 898–905, insbesondere S. 898;Textarchiv – Internet Archive.
↑Ernest de Bouteiller:Dictionnaire topographique de l’ancien département de la Moselle. (geschrieben 1868).
↑Georg Lang:Der Regierungs-Bezirk Lothringen. Statistisch-topographisches Handbuch, Verwaltungs-Schematismus und Adressbuch, Metz 1874, S. 141;books.google.de
↑C. Stockert,Das Reichsland Elsaß-Lothringen. Geographischer Leitfaden für die Höheren Lehranstalten. Friedrich Bull, Straßburg 1873, S. 71–72, S. 78;Textarchiv – Internet Archive.
↑Vollständiges geographisch-topographisch-statistisches Orts-Lexikon von Elsass-Lothringen. Enthaltend: die Städte, Flecken, Dörfer, Schlösser, Gemeinden, Weiler, Berg- und Hüttenwerke, Höfe, Mühlen, Ruinen, Mineralquellen u. s. w. mit Angabe der geographischen Lage, Fabrik-, Industrie- u. sonstigen Gewerbethätigkeit, der Post-, Eisenbahn- u. Telegraphen-Stationen u. geschichtlichen Notizen etc. Nach amtlichen Quellen bearbeitet von H. Rudolph. Louis Zander, Leipzig 1872, Sp. 53;books.google.de
↑Statistisches Büreau des Kaiserlichen Ministeriums für Elsaß-Lothringen:Ortschafts-Verzeichniß von Elsaß-Lothringen. Aufgestellt auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1880. C. F. Schmidts Universitäts-Buchhandlung Friedrich Bull, Straßburg 1884, S. 143, Ziffer 1678;Textarchiv – Internet Archive.
↑Anonymes Mitglied des Katholischen Volksvereins:Die konfessionellen Verhältnisse an den Höheren Schulen in Elsaß-Lothringen. Statistisch und historisch dargestellt. Straßburg 1894, S. 37;books.google.de
↑Saargemünd, Lothringen. In:Meyers Gazetteer, mit Eintrag aus Meyers Orts- und Verkehrslexikon, Ausgabe 1912, sowie einer alten Landkarte der Umgebung von Saargemünd.
↑Céramique française 1970–2000: Donation France et Wolfgang Kermer. Sarreguemines: Editions Musées de Sarreguemines, 2018,ISBN 978-2-913759-24-4
↑Hamman Philippe. Le changement de sens des faïenceries de Sarreguemines. In: Les Annales de la recherche urbaine, N°92, 2002. Ce qui demeure. pp. 105–114
↑Commune de Sarreguemines (57631). INSEE, Institut national de la statistique et des études économiques, 2023, abgerufen am 29. Oktober 2023 (französisch).