Sara (Volk)

DieSara sind eineEthnie, die im äußersten Süden desTschad – in den ProvinzenMoyen-Chari,Logone Oriental,Logone Occidental undTandjilé – sowie in angrenzenden Teilen derZentralafrikanischen Republik ansässig ist. Einer Schätzung zufolge zählten sie um 1980 fast zwei Millionen Menschen, von denen etwa drei Viertel im Tschad lebten und dort bis zu 30 % der Gesamtbevölkerung, in Longone Occidental bis zu 90 % der Bevölkerung ausmachten. In der Zentralafrikanischen Republik sind schätzungsweise 10 % der Einwohner Sara.[1] Die Sara untergliedern sich in mehrere Gruppen, darunter dieNgambaye (auch Gambaye), Mbai (auch Mbaï, französisch meistMbaye) undMadjingaye als größte Gruppen und als kleinere Gruppen dieNgama,Kabalai,Deme,Daye undRundjo[2] sowie Sar, Kaba, Dindje, Nara und Gulay (auch Gula, Goulaye)[3] sowie Dijoko, Kumra, Nar, Noi, Mbun, Sara-Kaba, Bedjond, Gor, Mouroum und Dobra[4].
Die Ngambaye untergliedern sich wiederum in mehrere Gruppen, darunter Mbeur, Mbaoua, Kilang, Dogo und Laka.[5]
Geschichte
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Vermutlich sind die Sara aus nordöstlicher Richtung in ihr heutiges Gebiet eingewandert.[6] Woher sie kamen, ist unklar; vielleicht aus anderen Teilen des Tschad, vielleicht auch alsNiloten aus demNilgebiet im heutigenSudan. Als Gründe für diese Migration werden die Suche nach fruchtbarem Land oder auch der Versuch genannt, Überfällen von Sklavenjägern zu entgehen.
Die Sara bildeten traditionell keine Einheit. Der Name „Sara“, dessen Herkunft unklar ist, diente ursprünglich als Sammelbezeichnung für Volksgruppen im Süden des heutigen Tschad, aus denen Sklavenjäger aus den muslimischen StaatenBornu,Baguirmi undWadai Sklaven fingen. Da diese Gefangenen mehrheitlich Madjingaye waren, fand der Begriff „Sara“ zunächst vor allem für die Madjingaye Verwendung. Erst in jüngerer Zeit und insbesondere in derfranzösischen Kolonialzeit wurde „Sara“ zur allgemeinen Bezeichnung für Volksgruppen in den südlichen Provinzen, unabhängig davon, inwieweit diese vom Sklavenhandel betroffen oder islamisiert worden waren. Die entsprechenden Gruppen übernahmen schließlich diese Bezeichnung als Zeichen ihrer Verbundenheit aufgrund gewisser kultureller Gemeinsamkeiten und angesichts des Gegensatzes zu den Volksgruppen im Norden des Landes, den sogenanntenDjellabah.[2]
Unter der Kolonialherrschaft wurden die Sara zur Zwangsarbeit herangezogen, für die Kolonialarmee rekrutiert und schließlich zum Anbau vonBaumwolle genötigt. Sie galten hierfür als besonders geeignet, da sie einerseits körperlich stark seien und andererseits „gelehrig und passiv, und gesellschaftlich viel weniger entwickelt als die muslimischen Völker“. So mussten sie oft als Träger dienen. Für den Bau der Eisenbahnstrecke zwischenPointe-Noire undBrazzaville – bei dem 1921–1929 schätzungsweise 20.000 Sara- und andere Arbeiter umkamen[7] – wurden allein aus der ProvinzMoyen-Chari 1924–1934 20.900 Zwangsarbeiter geholt. (Frankreich hatte dieILO-Konvention von 1930 gegen Zwangsarbeit erst mit Verspätung unterzeichnet.) Ab 1914 dienten Tausende Sara in der französischen Armee, so auch im Ersten undZweiten Weltkrieg. Dem 1940 gebildetenRégiment deTirailleurs sénégalais du Tchad gehörten ausschließlich Sara an.[2]
Der Baumwollanbau, der Ende der 1920er Jahre eingeführt worden war, brachte dauerhafte Veränderungen für die Gesellschaft der Sara. Die Bauern wurden dabei verpflichtet, bestimmte Mengen an Baumwolle zu produzieren. Die Gewinne daraus kamen in erster Linie lokalen Oberhäuptern und Zwischenhändlern zugute, während die Bauern zu abhängigen Landarbeitern wurden, die bescheidene Löhne erhielten. Die Baumwolle verdrängte zudem den Anbau von Nahrungsmitteln, sodass es in manchen Gebieten zu Hunger kam. Der Unmut der Bauern entlud sich in mehreren Lynchmorden an Häuptlingen, und deren traditionelle Autorität nahm durch dieses System bleibenden Schaden. Der Zwang, bestimmte Mengen Baumwolle zu produzieren, wurde 1955 abgeschafft.[2]
Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen Hunderte Sara vom Land in Städte wieFort-Lamy undFort-Archambault, wo sie meist eine Unterschicht bildeten, während die städtische Mittelschicht in Muslimen bestand. Insbesondere in diesem städtischen Kontext bildete sich die Unterscheidung zwischenDjellabah als Gesamtheit der muslimischen Volksgruppen aus dem Norden des Tschad und Sara oderoriginaires du Sud als Gesamtheit der südlichen Volksgruppen heraus. 1946 kam es erstmals zu ethnischen Konflikten zwischen diesen beiden Gruppen. 1947 gab es weitere gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen der von Sara dominierten ParteiParti progressiste tchadien (PPT), die mit demRassemblement Démocratique Africain verbunden war, und der von Muslimen aus dem Norden dominiertenUnion démocratique tchadienne (UDT). Die Kolonialmacht empfand sowohl denPanarabismus, der bei den Muslimen an Bedeutung gewann, als auch angeblichklassenkämpferische und kommunistische Tendenzen der Sara und der PPT als Bedrohung. Insbesondere nach Ausbruch desAlgerienkrieges 1954 unterstützte sie jedoch eher den Süden des Landes gegenüber dem Norden. Dies trug dazu bei, dass die PPT bei den Wahlen von 1956 deutlich zulegte und 1957 eine Mehrheit in der Territorialversammlung erreichte.[2]
Zeitweise akzeptierten die Sara die französischen Assimilationsstrategien. Nach der Unabhängigkeit des Tschad vonFrankreich 1960 wurde der Sara (Madjingaye)François Tombalbaye erster Präsident. Seine Bestrebungen zurAfrikanisierung bzw. zur Förderung derTchaditude ab 1973 liefen bisweilen darauf hinaus, die „traditionellen Werte“ der Sara dem ganzen Land aufzudrängen. Bekannt wurde insbesondere die Vorschrift, wonach alle Anwärter für den Staatsdienst, Regierungsämter oder höhere Ränge in der Armee das Initiationsritualyondo der Madjingaye zu durchlaufen hatten. Dies provozierte Widerstand von Nicht-Sara wie auch von modern gesinnten Sara-Eliten.[8][9] Tombalbaye wurde 1975 in einem Militärputsch getötet und durchFélix Malloum, ebenfalls Sara, abgelöst.
1979 nahmen Rebellen aus dem Norden die Hauptstadt ein und beendeten die seit der Unabhängigkeit bestehende Vorherrschaft der Süd-Tschader. Seither sind es wiederum die Sara, die sich im Gesamtgebilde Tschad marginalisiert fühlen. Sie beklagen etwa das Vordringen von muslimischen Viehzüchtern aus dem Norden in ihr Gebiet. Als Folge befürworten manche Sara eine Unabhängigkeit des Südens als „RepublikLogone“ oder einföderalistisches System mit weitreichender Autonomie.Wadel Abdelkader Kamougué führte hierzu Gespräche mitAnge-Félix Patassé, der ebenfalls Sara ist und 1993–2003 Präsident der Zentralafrikanischen Republik war.[10]
Sprache
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]DieSara-Sprachen sind eine Untergruppe derzentralsudanischen Sprachen, die ihrerseits Teil dernilo-saharanischen Sprachfamilie sind. Zu ihnen gehörenNgambay – das 2006 schätzungsweise von 896.000 Menschen im Tschad sowie von weiteren inKamerun gesprochen wurde[11] –, Sar oder Madjingaye, Bedjond, Dagba, Gor, Gulay, Horo, Kaba, Laka (teils als Dialekt des Ngambay betrachtet), Mango, Mbay, Ngam und die Untergruppe Sara Kaba, die fünf Einzelsprachen umfasst.[12][13]
Gesellschaft, Kultur und Religion
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Die Sara sind traditionell Ackerbauern. Sie bauenTaro,Yams,Süßkartoffeln undBaumwolle an und züchten Rinder, Schafe und Ziegen. Sie leben in Dörfern unter der Autorität eines lokalen Oberhauptes (mbang, französischchef). Die Clans sindpatrilinear organisiert.Polygynie ist weit verbreitet.
Sara-Frauen vergrößerten früher ihre Lippen, indem sie sie durch das Einlegen vonLippentellern dehnten. Manche Forscher glauben, dass dieser Brauch ursprünglich dazu diente, sie für Sklavenjäger unattraktiv zu machen. Die Initiationsriten für Jungen sind zeitlich ausgedehnt und anstrengend. Es gibt unter den Sara Anhänger traditionelleranimistischer Religionen, darunter Sonnenanbeter, etwa 15 % Christen sowie Muslime.
Literatur
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- René Lemarchand:The Politics of Sara Ethnicity: A Note on the Origins of the Civil War in Chad. In:Cahiers d'Études Africaines, Band 20, Nr. 80, 1980
- René Lemarchand:Chad: The Misadventures of the North-South Dialectic. In:African Studies Review, Band 29, Nr. 3, September 1986
- Mario Azevedo:The Human Price of Development: The Brazzaville Railroad and the Sara of Chad. In:African Studies Review, Band 24, Nr. 1, März 1981
- Mario Azevedo:Power and Slavery in Central Africa: Chad (1890–1925). In:The Journal of Negro History, Band 67, Nr. 3, Herbst 1982
Weblinks
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Sprichwörter der Sara (Englisch/Sara)
Einzelnachweise
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- ↑nationsencyclopedia.com/Central African Republic/Ethnic Groups
- ↑abcdeRené Lemarchand:The Politics of Sara Ethnicity: A Note on the Origins of the Civil War in Chad, in:Cahiers d'Études Africaines, Vol. 20, Cahier 80 (1980)
- ↑Facts On File:Encyclopedia of the Peoples of Africa and the Middle East, Verlag Infobase Publishing, 2009,ISBN 1-4381-2676-X[1]
- ↑James Stuart Olson:The Peoples of Africa: An Ethnohistorical Dictionary, Verlag Greenwood Publishing Group, 1996,ISBN 0-313-27918-7, Seite 510[2]
- ↑James Stuart Olson:The Peoples of Africa: An Ethnohistorical Dictionary, Verlag Greenwood Publishing Group, 1996,ISBN 0-313-27918-7,[3]
- ↑countrystudies.us/Chad/Nilo-Saharan Languages#Sara-Bongo-Baguirmi Languages
- ↑J. P. Daughton:In the Forest of No Joy: The Congo-océan Railroad and the Tragedy of French Colonialism. W. W. Norton & Co.; New York 2021.
- ↑Samuel Decalo:Chad: The Roots of Centre-Periphery Strife, in:African Affairs, Vol. 79, No. 317 (Oct., 1980)
- ↑René Lemarchand:Chad: The Misadventures of the North-South Dialectic, in:African Studies Review, Vol. 29, No. 3 (Sept., 1986)
- ↑Regionalism undRépublique du Logone, in: Samuel Decalo:Historical Dictionary of Chad, Scarecrow Press 1997,ISBN 0-8108-3253-4
- ↑Ethnologue.com: Ngambay
- ↑ethnologue.com: Sara languages
- ↑Maurice Delafosse:Essai sur le peuple et la langue Sara (Bassin du Tchad). 1897. Reprint Hachette, 2012.