Am Ort des heutigen Samarra war einst eine der größten StädteMesopotamiens, die noch von denSassaniden gegründet wurde. Diese vorislamische (damals nur noch aus Ruinen bestehende) Stadt wurde 833 vom Kalifenal-Muʿtasim durch das jetzige Samarra ersetzt und ist ebenso wie große Teile der frühen islamischen Stadtanlage vonErnst Herzfeld zwischen 1911 und 1914 freigelegt worden. (Der älteste Palast des von 833 bis 842 regierenden Kalifen, der von deutschen und später irakischen Grabungsteams untersucht wurde, ist der um 836 erbaute KalifenpalastDar al-Khalifa bzw.Jawsaq al-Khaqani[1]).
Der historische Name der Stadt istSurra Man Ra'a was so viel bedeutet wie „Erfreut wer sie sah“. Sie wurde vom achtenKalifen derAbbasiden al-Muʿtasim, für seine türkmenischen Soldaten, in seiner neunjährigen Kalifatszeit gebaut und war von 836 bis 892, alsal-Muʿtadid die Hauptstadt wieder nach Bagdad verlegte, Regierungssitz des Abbasidenreiches.[2]
Al-Muʿtasims Nachfolger,al-Wāthiq, entwickelte Samarra zu einem Handelszentrum, ihre Blütezeit erlebte die Stadt am oberenTigris unter Kalifal-Mutawakkil. Letzterer finanzierte im Jahre 847 den Bau der Großen Moschee von Samarra mit ihrerMalwiya und verdoppelte die Stadtfläche. Er ließ ebenso Parks anlegen und einen Palast für seinen Sohnal-Muʿtazz bauen. Obwohl Samarra nur zeitweilig Residenz der abbasidischen Kalifen war, sind die wissenschaftlichen Errungenschaften dieser Stadt in der islamischen Geschichte bis heute legendär.
Von 1911 bis 1913 forschten der deutscheAltorientalist,Archäologe undInschriftenforscherErnst Herzfeld und der deutsche KunsthistorikerFriedrich Sarre in Samarra und erlangten hierdurch internationales Renommée, da sie hier 8000 Jahre alte (6. Jahrtausend v. Chr.) bemalte Keramikware fanden, die sogenannteSamarra-Ware. Die archäologischen Funde der deutschen Samarra-Expedition, von denen sich Teile heute imMuseum für Islamische Kunst in Berlin befinden, sollen im internationalen Projektsamarrafinds dokumentiert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.[3]
Samarra wurde seit 2014 von der TerrororganisationIslamischer Staat belagert, deren AnführerAbu Bakr al-Baghdadi in Samarra geboren ist. Mehrere Versuche in die Stadt vorzudringen scheiterten jedoch am Widerstand der irakischen Armee. Es kam zu zum Teil verheerenden Terroranschlägen.[5]
Samarra besitzt nochRuinen zahlreicher, ursprünglich mit Marmor und kostbaren Mosaiken verkleideter[6] Kalifenpaläste und anderer Bauwerke. Die Große Moschee von Samarra erhielt ein spiralförmiges Minarett, das einer altmesopotamischenZikkurat ähnelt. Dieses berühmteMinarett von Samarra befindet sich im Osten der heutigen Stadt. Die etwas kleinere und jüngere Abu-Dulaf-Moschee erhielt eine Nachbildung. 2007 erklärte dieUNESCO die Ruinen und archäologischen Fundstätten zumWeltkulturerbe. Gleichzeitig trug sie sie auf derRoten Liste des gefährdeten Welterbes ein.[7]
Die heutige, viel kleinere Stadt Samarra liegt inmitten der weitläufigen Ruinenviertel am Ostufer desTigris etwa 125 Kilometer nördlich von Bagdad.
Für Schiiten ist Samarra von großer Bedeutung, weil hier der zehnte und elfteImamʿAlī al-Hādī an-Naqī undHasan al-ʿAskarī für längere Zeit lebten und auch begraben sind, und außerdem der zwölfte ImamMuhammad al-Mahdī hier in die Verborgenheit eingetreten sein soll. Der Kalif al-Mutawakkil hatte ʿAlī al-Hādī im Jahre 848 von Medina aus nach Samarra bringen lassen, um ihn hier besser kontrollieren zu können. 868 starb er und wurde in seinem Haus begraben. Sein Sohn Hasan al-ʿAskarī lebte hier weiter bis zu seinem Tode im Jahre 874 und wurde neben seinem Vater begraben.[8]
Dort, wo sich ihre Gräber sowie die Gräber verschiedener ihrer Angehörigen befinden, entstand später derAl-Askari-Schrein, eine der wichtigsten Wallfahrtsstätten der Schiiten.[9] Das Gebäude war für seine goldene Kuppel aus dem Jahr 1905 bekannt, die jedoch am 22. Februar 2006 durch einen Anschlag von sunnitischen Extremisten zerstört wurde. Am 13. Juni 2007 wurden die beiden verbleibenden Minarette bei einem Anschlag gesprengt.
Ein zweiter Schrein markiert die Stelle, wo Imam Muhammad al-Mahdi nachzwölfer-schiitischer Vorstellung in die Verborgenheit eintrat. Der Schrein hat eine Kuppel und ist bekannt für seine Verzierung mit blauen Fliesen, darunter ist derSardab („Keller“), wo der Imam angeblich verschwand.
Etwa 70 % aller Männer der Stadt zwischen 18 und 35 Jahren waren im Jahre 2003 arbeitslos. Hauptgrund für die hohe Arbeitslosigkeit im ganzen Land war die prekäre Sicherheitslage.
Imranali Panjwani:The Shi'a of Samarra: the heritage and politics of a community in Iraq. London 2012.
Friedrich Sarre, Ernst Herzfeld (Hrsg.):Die Keramik von Samarra (=Forschungen zur islamischen Kunst. Band 2:Die Ausgrabungen von Samarra. Band 2). Reimer, Berlin 1925.
↑Maria Vittoria Fontana:Frühislamische Kunst. In:Wilfried Seipel (Hrsg.):7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und desIranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 296–325, hier: S. 296–298.
↑Markus Hattstein:Islam Kunst und Architektur. Hrsg.: Markus Hattstein, Peter Delius. Könemann, 2005,ISBN 978-3-8331-6103-2,S.102.