Dieser Artikel behandelt die Religionsgemeinschaft. Zum frankobelgischen Comic sieheDer Samaritaner.
Betende Samaritaner am Berg GarizimJunge Samaritaner beim Studium der Fünf Bücher (Samaritanischer Pentateuch)
DieSamaritaner, auchSamarier oderSamariter, sind eineethnisch-religiöse Gemeinschaft, die wie dasJudentum aus dem Volk derIsraeliten hervorgegangen ist.
Unterschieden werdenBewohner von Samaria (hebräisch שׁוֹמְרוֹנִיםšomronīm) und dieisraelitischen Samaritaner (hebräisch שַׁמֶרִיםšamærīm). Der BegriffSchomronim bezeichnet die Bewohner von Samaria. Er leitet sich vom Namen der StadtSamaria (hebräisch שׁוֹמְרוֹןšomron) ab. Die Schamerim hingegen sind eine israelitische Glaubensgemeinschaft. Nicht alle Bewohner Samarias, also nicht alle Schomronim, sind auch Schamerim.
Der hebräische Begriffshamerim bedeutet „Bewahrer“, „Beobachter“ oder „Observanten“. Die Schamerim (israelitische Samaritaner) verstanden und verstehen sich als Observanten und Einhalter derTora bzw. Pentateuch. Sie sehen sich als die Nachkommen der KinderIsraels und Vertreter deren Gottesbildes.
Der Ausdruck desBarmherzigen Samariters geht auf ein Gleichnis Jesu imNeuen Testament beiLukas (10,30–37EU) zurück. In dieser Erzählung erhält ein Schwerverletzter, den ein jüdischerPriester und einLevit achtlos liegen ließen, Hilfe von einem Samaritaner. Der Samaritaner versorgte die Wunden des Verletzten, brachte ihn in eine Herberge und bezahlte für seine weitere Pflege. Damals galten die Samaritaner den Juden als fehlgeleitete Abtrünnige und wurden geringgeschätzt.
Ein Teil dieser Bevölkerung war von den im Assyrischen Großreich durchgeführtenDeportationen, die im Jahr 722 v. Chr. auch die Einwohner Israels betrafen, verschont; offenbar wurden vor allem Angehörige der Oberschicht der israelitischen Bevölkerung deportiert. Die verbliebenen Bewohner vermischten sich in der Folgezeit mit von den Assyrern angesiedelten Bevölkerungsgruppen aus dem Osten (Babel,Awa,Hamta,Sefarwajim undKuta) (2 Kön 17,24 EU). Diese Mischbevölkerung wird später in den historischen Quellen oft als Samaritaner bezeichnet. Nach der Stadt oder dem Fluss Kuta wurden die Samaritaner vonFlavius Josephus in seinen „Jüdischen Altertümern“ und in derrabbinischen Literatur als „Kutäer“ bezeichnet. Sie bewahrten eine im Vergleich zumnachexilischen und insbesondere zumrabbinischen Judentum ältere Auffassung von der israelitischen Religion mit einem eigenen zentralen Heiligtum, einer eigenen Liturgie und demsamaritanischen Pentateuch. Nur diesen betrachten die Samaritaner als heilige Schrift, denTalmud mitMischna undGemara lehnen sie ab. Die Selbstbezeichnung der Samaritaner lautet auf Hebräisch „Schamerim“ (Bewahrer). Sie verstehen sich als Nachfahren der (nord-)israelitischen StämmeEphraim undManasse.
Die Oberschicht desSüdreiches (bestehend ausJuda undBenjamin) war 586 v. Chr. von den Babyloniern nach Mesopotamien verschleppt worden. Nachdem diePerser die Herrschaft über Babylonien errungen hatten, durften die Juden in verschiedenen Wellen nachJudäa zurückkehren. UnterSerubbabel, einem Davididen, bauten sie denJerusalemer Tempel wieder auf (um 520 v. Chr.). Die Samaritaner wollten dabei mithelfen. Ihr Wunsch wurde abgelehnt (Esra 4,3 EU). Man betrachtete sie nicht als rein-israelitisch. Sie seien in Kontakt mit den fünf angesiedelten Völkern und deren Göttern gekommen.
Etwa um 440 v. Chr. führten nach dem Bericht der BibelEsra undNehemia eine Religionsreform in Juda und Jerusalem durch. Anhänger älterer Traditionen, die der Reform nicht folgen wollten, setzten sich nach Samaria ab. Insbesondere traten Esra und Nehemia gegen Mischehen zwischen Israeliten und Nicht-Israeliten auf (Esra 9EU und 10EU): Priester undLeviten sollten keine fremden Frauen heiraten und bestehende Verbindungen dieser Art lösen. So war z. B. Manasseh, der Sohn einer hohenpriesterlichen Familie aus Jerusalem, mit der Tochter des persischen Statthalters von Samaria verheiratet; deswegen wurde er aus Jerusalem ausgewiesen. Er und gleichgesinnte Priester schlossen sich den Samaritanern an. Von da an organisierte er den Priesterdienst am Heiligtum auf dem Berg Garizim.
Lämmer als Pessach-Opfer (Korban Pessach) auf dem Berg Garizim. Im Judentum wurde der Opferkult mit der Zerstörung des Zweiten Tempels abgeschafft und durch die heutigen Regeln desPessach ersetzt.
Da die Samaritaner keinen Anteil mehr am Tempel in Jerusalem hatten, vertraten sie von nun an die Ansicht, dass der BergGarizim der richtige Ort für die Verehrung Gottes sei und nicht Jerusalem. Denn vom Berg Garizim sei das Volk Israel gesegnet worden (Dtn 27 EU undJos 8 EU). Sie beanspruchten deshalb für sich, sie verträten die Gottesverehrung des alten Israel. Um 450/430 v. Chr. errichteten die Samaritaner ein eigenes Heiligtum auf dem Berg Garizim. Größere Umbaumaßnahmen erfolgten im 2. Jahrhundert v. Chr. Dieser Tempel der Samaritaner wurde etwa 128 v. Chr. durch denHasmonäerJohannes Hyrkanos I. zerstört. Da jedoch noch Münzen späterer Zeit gefunden wurden, dürfte die endgültige Eroberung etwa 112/111 v. Chr. stattgefunden haben.[3]
Wie die Juden erwarteten die Samaritaner den Gesalbten Gottes (sieheMessias). Dieser würde jedoch nicht aus dem StammJuda, sondern aus dem StammJosefs kommen. Im weiteren Gegensatz zu den Juden erwarteten die Samaritaner keinen König, sondern einen Propheten, wieMose einer gewesen war. Sie bezeichneten ihn alstaheb (aramäisch „Wiederhersteller“). Der Taheb würde sie alles lehren und den religiösen Zustand des alten Israel wiederherstellen. Dabei beriefen sie sich aufDtn 18,18 EU.
Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet, im Jahr 36 n. Chr. sei ein priesterlicher Anführer aufgetreten, der vorgab, der erwarteteTaheb zu sein. Mit großem Gefolge sei er zum Berg Garizim gezogen, und viele der Männer hätten Waffen getragen. Auf dem Berg wollte der Anführer dem Volk dieheiligen Gefäße zeigen, die Mose dort einst niedergelegt haben soll. Dies habe als Zeichen dienen sollen, dass er der erhoffteTaheb sei.Pontius Pilatus ließ den Zug zum Berg Garizim gewaltsam unterbinden.[4]
In derSpätantike kam es mehrmals zu vergeblichen Aufständen der Samaritaner gegen dieoströmische Regierung, besonders in den Jahren 484 und 529. Während dieser Aufstände wurden die AnführerJustasas undJulian ben Sabar sogar zu Königen gekrönt, bald darauf aber gefangen genommen und getötet.
In der Zeit des KalifenʿUmar ibn al-Chattāb († 644) stellten die Samaritaner eine wichtige Gruppe dar. Gelegentlich wird vermutet, dass es sich bei den Juden vonMedina zur Zeit desislamischen ReligionsstiftersMohammed († 632) um Samaritaner gehandelt haben könnte.[5]
Die Samaritaner leben heute in fünf Familienverbänden inCholon naheTel Aviv und inNablus imWestjordanland. Die Trennung in zwei etwa gleich große Gruppen, eine stark von der israelischen Gesellschaft beeinflusste und eine, die ihre von der arabischen Umgebung geprägten Bräuche aufrechterhält, führt zuweilen zu Loyalitäts- und Identitätsproblemen. Die Gruppe in Cholon spricht vorwiegendHebräisch, die Gruppe in NablusArabisch.[2]
Waren die Samaritaner imMittelalter noch ein recht zahlreiches Volk, so sank ihre Zahl im Zuge derIslamisierung extrem. Die Samaritaner praktizieren, auch zu ihrem eigenen Schutz, eine strengeEndogamie. Im Jahre 1918 zählten die Briten im damaligen Mandatsgebiet Palästina 146 Samaritaner in fünf miteinander verwandten Familien, davon eine Priesterfamilie.
Seit 1923 ist vom samaritanischen Religionsgesetz her auch die Heirat zwischen Samaritanern und Juden erlaubt, wenn diese zur Religion der Samaritaner übertreten. Seitdem konvertierten einige Jüdinnen und heirateten samaritanische Männer. 1996 überstieg die Zahl der Samaritaner wieder 660. Im Gegensatz zu den Juden – sie sehen die Abstammung von einer jüdischen Mutter als Basis für die Religionszugehörigkeit zum Judentum – ist die Abstammung von männlichen samaritanischen Vorfahren eine Voraussetzung für die Zugehörigkeit zur samaritanischen Religion.[6]
Die samaritanische Gemeinde nennt für das Jahr 1786 ungefähr 100 Mitglieder; 1919 habe es 141 Samaritaner gegeben, und 2018 seien es 810 gewesen. Von den 796 Samaritanern am 1. Januar 2017, darunter 414 Männer und 382 Frauen, lebten 381 Personen am Berg Garizim und 415 im Staat Israel. 2016 wurden 12 Kinder geboren, drei nicht samaritanische Frauen heirateten in die samaritanische Gemeinde ein.[2][1] Im Jahr 2019 gab es 800 Samaritaner, 874 im Jahr 2022.[7][1]
Die Samaritaner erkennen von den Schriften der Bibel nur dieAutorität der fünf Bücher Mose (Tora bzw. Pentateuch) an. Diesamaritanische Tora ist in einer eigenensamaritanischen Schrift geschrieben, die auf deralthebräischen Schrift basiert, welche sich aus demphönizischen Alphabet entwickelt hat. Die heutigehebräische Schrift hingegen ist ursprünglich einearamäische Schrift, die von den Juden erst während desbabylonischen Exils übernommen wurde. Darüber hinaus haben die Samaritaner eine eigene Überlieferungs- und Aussprachetradition ihrer heiligen Schriften und der althebräischen Sprache erhalten können, die fürBibelwissenschaftler und Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessant ist.
Für die Samaritaner sind die prophetischen Bücher der Juden nicht von Bedeutung. Vielmehr sind sie der Auffassung, dass sich die Juden, die Abkömmlinge des Südreiches Juda, von der alten israelitischen Gottesvorstellung entfernt hätten, insbesondere während des babylonischen Exils. Die Samaritaner werfen den Juden vor, sie hätten dem Gott Israels menschliche Eigenschaften zugeordnet (so in den prophetischen Büchern des Alten Testaments). Damit hätten sie sich ein Bild von Gott gemacht und gegen das Gebot der Bildlosigkeit verstoßen.
Eine auffällige Eigenheit des samaritanischen Pentateuch ist, dass das zehnte Gebot die Achtung des Bergs Garizim als Zentrum der Anbetung verfügt. Die Zehnzahl ist dennoch gegeben, da das erste jüdische Gebot „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ lediglich als Einleitung verstanden wird. Das zweite jüdische Gebot ist also das erste Gebot der Samaritaner.
Die Samaritaner haben alte Bräuche bewahrt, die sie teilweise auf die Zeit vor dem babylonischen Exil zurückführen. So kennen sie bis heute dasHohepriestertum sowie dasTieropfer und feiern ihrNeujahrsfest im Frühling, nicht wie heute im Judentum üblich im Herbst.
Alan D. Crown, Reinhard Pummer:A Bibliography of the Samaritans. (= ATLA Bibliography Series, 51). Lanham32005,ISBN 0-8108-5659-X.
Alan D. Crown, Reinhard Pummer, Abraham Tal (Hrsg.):A Companion to Samaritan Studies. Mohr, Tübingen 1993,ISBN 3-16-145666-1.
Ferdinand Dexinger, Reinhard Pummer (Hrsg.):Die Samaritaner. (= Wege der Forschung, 604). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992,ISBN 3-534-08557-4.
Holger Gzella:Aramäisch. Weltsprache des Altertums. Eine Kulturgeschichte von den neuassyrischen Königen bis zur Entstehung des Islams. C.H. Beck, München 2023,ISBN 978-3-406-79348-6, 319–323.
Magnar Kartveit:The Origin of the Samaritans. (= Vetus Testamentum Supplements, 128). Brill, Leiden, Boston 2009,ISBN 978-90-04-17819-9.
Reinhard Pummer:The Samaritans: A Profile. Eerdmans, Grand Rapids, Michigan 2016,ISBN 978-0-8028-6768-1.
Robert T. Anderson, Terry Giles:The Keepers: An Introduction to the History and Culture of the Samaritans. Hendrickson, Peabody 2002,ISBN 978-0801045479.
↑abcAlexandra Rojkov: Samaritaner und das Coronavirus. Wie eines der ältesten Völker der Welt gegen die Auslöschung kämpft. In: spiegel.de. 13. April 2020, abgerufen am 28. Juni 2022.
↑Y. Magen:The Dating of the First Phase of the Samaritan Temple on Mount Gerizim in Light of the Archaeological Evidence. In: O. Lipschits, G. N. Knoppers (Hrsg.):Judah and the Judeans in the Fourth Century B.C.E. Winona Lake 2007, S. 157–211.
↑Hans Jansen:Mohammed. Eine Biographie. (2005/2007) Aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas. C.H. Beck, München 2008,ISBN 978-3-406-56858-9, S. 200.