DasMemorandum zur Lage der serbischen Nation in Jugoslawien, bekannt alsSANU-Memorandum (serbisch-kyrillischМеморандум САНУ), war eine 1986 veröffentlichteDenkschrift derSerbischen Akademie der Wissenschaften und Künste (serbischСрпска академија наука и уметностиSrpska akademija nauka i umetnosti, kurz: SANU), die einen bedeutenden Einfluss auf das Wiederaufleben desNationalismus inSerbien hatte und die Konflikte verschärfte, die zumJugoslawienkrieg führten.
Es stellte eine angebliche BenachteiligungSerbiens innerhalb dessozialistischen Jugoslawien fest und forderte neben einerDemokratisierung eine „politische Abrechnung“ durch „revolutionären Kampf“ gegen eine „neofaschistische Aggression“ und einen „Genozid“ an denSerben im Kosovo.[1] Sein Text soll vom ehemaligen Mitglied der Akademie und späteren Präsidenten derBundesrepublik JugoslawienDobrica Ćosić (1921–2014)redigiert worden sein. Ćosić bestritt dies, verteidigte das Memorandum jedoch.
Das 74 Seiten umfassende Memorandum ist zunächst eine Kritik aktueller ökonomischer und kultureller Entwicklungen des jugoslawischen Systems. Es wird dabei die zunehmendeFragmentierung und Regionalisierung der Gesellschaft beklagt und auf mangelnde demokratische Strukturen hingewiesen. DerTitoismus wird als „antiserbische Doktrin“ angesehen, durch die die serbischeNation gezielt geschwächt worden sei, was die anderen Teilrepubliken dann zu ihren Gunsten ausgenutzt hätten. Das Memorandum forderte ein Ende der „Diskriminierungen des serbischen Volkes“.
Neben der „wirtschaftlichen Diskriminierung Serbiens“, beklagte man die „Unterdrückung der Serben inKroatien“ und sprach sogar von „Völkermord an den Serben imKosovo“. Der BegriffGenozid bzw. Völkermord wurde damit als Kampfbegriff in die innerjugoslawischen Auseinandersetzungen eingeführt.
Mit der Behauptung, dieKosovo-Albaner würden Völkermord an den Serben verüben, hatte die Akademie dieser Bevölkerungsgruppe die Hauptschuld an der von ihr festgestellten Misere Serbiens zugewiesen. Untermauert wurde die These mit historischen Argumenten, die weit in die Geschichte und lange vor die Gründung des ersten Jugoslawien im Jahr 1918 zurückreichten, mithin nichts mit der aktuellen Krise des sozialistischen Systems in Jugoslawien zu tun hatten.
Die Verfasser stellten abschließend fest, dass „serbische Volk hat ein historisches und demokratisches Recht auf seine völlige nationale und kulturelle Identität, unabhängig davon, in welchen Teilrepubliken oder Provinzen es ansässig ist“, ohne zu erklären, wie diese Forderung umzusetzen sei.
In der Belgrader ZeitungVečernje Novosti wurden einige Auszüge des SANU-Memorandums publik gemacht und von der Öffentlichkeit breit diskutiert. Der Gesamttext wurde im Januar 1989 inZagreb und im Sommer 1989 in Belgrad veröffentlicht.
Intellektuelle und Politiker der anderen Völker Jugoslawiens reagierten auf die Forderung der Akademie mit eigenen nationalen Programmen. Zwischen den Teilrepubliken breitete sich eine zunehmend vergiftete Atmosphäre aus. In den Medien und auch in der Literatur Jugoslawiens wurde immer offener über „Volkszugehörigkeit“ und „Blut und Boden“ geschrieben, die jeweils anderen Nationen wurden immer lauter beschuldigt, die eigene Misere, die Arbeitslosigkeit, die wirtschaftliche und soziale Notlage verursacht zu haben.