Reinhard Zimmermann (*10. Oktober1952 inHamburg) ist ein deutscherJurist und war von 2002 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2022 Direktor amMax-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg.[1] Zimmermann war von 2011 bis 2023 Präsident derStudienstiftung des deutschen Volkes.
Reinhard Zimmermann studierte Rechtswissenschaften und promovierte an derUniversität Hamburg als wissenschaftlicher Mitarbeiter beiHans Hermann Seiler. Nach Abschluss der großen JuristischenStaatsprüfung 1979 war er zunächst wissenschaftlicher Assistent beiJens Peter Meincke in Köln. 1981 ging Zimmermann nach Südafrika und übernahm den Lehrstuhl für Römisches Recht und Rechtsvergleichung an derUniversität Kapstadt. 1988 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde ordentlicher Professor an derUniversität Regensburg. Seit 2002 ist Zimmermann Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg (emeritiert 2022), seit 2008 ist er zudem derBucerius Law School als Professor affiliiert. Seit 2014 ist er Honorary Professor an derUniversity of Edinburgh. Von 2006 bis 2010 war Zimmermann Vorsitzender der Geistes-, Sozial und Humanwissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft, von 2006 bis 2023 war er Senator der Max-Planck-Gesellschaft.
Seit seiner Zeit in Regensburg hatte er unter anderem an folgenden Universitäten Gastprofessuren inne:
Zimmermann war Mitglied der Lando-Kommission, die Teil III der Principles of European Contract Law erarbeitet hat, der Arbeitsgruppe zur Revision und Erweiterung der UNIDROIT – Principles of International Commercial Contracts sowie der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Vorbereitung der Schuldrechtsreform in Deutschland.
Seit 2003 ist Zimmermann Koordinator eines Kollegenkreises, der juristische Bücher des Jahres empfiehlt. Die Empfehlungen werden jährlich in einem Artikel in derJuristenzeitung veröffentlicht. Seit 2001 war Reinhard Zimmermann Vorstandsmitglied und von 2011 bis 2015 Vorsitzender derZivilrechtslehrervereinigung. Von 2014 bis 2022 war er Vorsitzender des Vorstandes derGesellschaft für Rechtsvergleichung. Gemeinsam mit Irmgard Griss war Zimmermann Vorsitzender des Gründungsausschusses desEuropean Law Institute; 2011 wurde er zum Senator des European Law Institute ernannt; seit 2017 ist er Sprecher des Senats.
DerStudienstiftung des deutschen Volkes ist Zimmermann in vielen Funktionen verbunden – zuerst als Stipendiat, später als Vertrauensdozent, ab 2004 als Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums; von 2011 bis 2023 war er Präsident der Studienstiftung. Zum Abschied aus dem Amt widmete ihm die Studienstiftung eine Schrift mit dem Titel „Begabung und Verantwortung: Essays, Dokumente und Meilensteine aus zwölf Jahren Präsidentschaft“.
In der Roman-TrilogieThe 2 ½ Pillars of Wisdom, die den deutschen Professor – symbolisiert in dem Charakter des Moritz-Maria von Igelfeld – auf den Arm nimmt, hat der schottische AutorSir Alexander McCall Smith Anregungen und Anekdoten seines Freundes Reinhard Zimmermann verarbeitet; diesem ist der erste Band (Portuguese Irregular Verbs) gewidmet. Die ersten drei Bände sind 2005 unter dem TitelThe 2 1/2 Pillars of Wisdom publiziert worden. 2011 erschien der vierte Band der Serie,Unusual Uses for Olive Oil, 2021 der fünfte BandYour Inner Hedgehog. Das Entstehen der Romanserie hat McCall Smith unter dem Titel „The Story of a Friendship“ in dem BuchIurium itinera, 2022, beschrieben.
Zimmermanns Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Schuld- und Erbrechts in historischer und vergleichender Perspektive, in den Beziehungen zwischen englischemcommon law und kontinentaleuropäischem civil law, der Analyse von Mischrechtsordnungen (insbesondereSchottland undSüdafrika) und in der Vereinheitlichung des europäischen Privatrechts und der Privatrechtswissenschaft.
International bekannt geworden ist Zimmermann zunächst mit seinem WerkThe Law of Obligations: Roman Foundations of the Civilian Tradition, 1990 / 1996. Es beruht auf einer Verbindung von Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung, die einen Schlüssel zum Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer modernen Privatrechtsordnungen bietet. Dieser Ansatz hat die Diskussion um ein europäisches Privatrecht weit über Deutschland hinaus maßgeblich beeinflusst. Der englische RechtsvergleicherTony Weir beschreibt Zimmermanns Buch als „a work of an altogether novel kind. ... no previous book is at all like it.“[2]
Als weitere Standardwerke gelten das gemeinsam mit Mathias Reimann herausgegebeneOxford Handbook of Comparative Law und dasHandwörterbuch des Europäischen Privatrechts (herausgegeben gemeinsam mit Klaus J. Hopt und Jürgen Basedow).
Offenbar inspiriert durch die Zeit in Südafrika und die enge Verbindung zur Universität Edinburgh ist Reinhard Zimmermann außerdem als ein Pionier der historisch-vergleichenden Erforschung von Mischrechtsordnungen hervorgetreten. Zur Wirkung Zimmermanns beigetragen haben auch seine Clarendon Lectures an der Universität Oxford 1999 (erschienen unter dem TitelRoman Law, Contemporary Law, European Law: The Civilian Tradition Today). Darin erläutert Zimmermann seinen Ansatz von Rechtsvergleichung, Rechtsgeschichte und moderner Privatrechtsdogmatik. „This is an awe-inspiringly dense volume, packed with thought-provoking insights, and delivered with a voice of tremendous authority“ (Law Quarterly Review, 118 (2002), S. 153).
Unter Zimmermanns weiteren Werken, die weltweite Resonanz gefunden haben, ist der von ihm und Jack Beatson herausgegebene BandJurists Uprooted. Gegenstand sind die Lebenswege und die Wirkungsgeschichten deutschsprachiger Juristen, die in den 1930er Jahren nach England emigrieren mussten. Marcus Lutter bemerkt dazu: „… Jeder, der sich in dieses Buch vertieft, legt es beschämt und tief bereichert aus der Hand. … Der Reichtum des Buches aber liegt in der geradezu unglaublichen Sorgfalt und Genauigkeit der Autoren, die ihre Berichte stets verbinden mit einer Entwicklungsgeschichte des Faches. … Das Buch enthält … zugleich eine Rechtsgeschichte und eine Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.“[3]
Ein ambitioniertes Werk, das Zimmermann gemeinsam mit Nils Jansen initiiert und herausgegeben hat, ist 2018 unter dem TitelCommentaries on European Contract Laws erschienen. „To put it very briefly“, schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort, „we want to trace the development of European contract law, as reflected in the model rules from PECL to the CESL, and in the European consumer acquis …; and we want to assess that development against its broadly conceived historical and comparative background. We thus hope that our book, by giving a comprehensive and balanced account of where we stand today, as well as suggestions where we might want to go in the future, can serve as a point of both orientation and of departure.“ An den Band beteiligt sind außer Jansen und Zimmermann 20 jüngere Autoren, davon 15 aus dem Schülerkreis von Zimmermann.
Seit 2007 leitet Reinhard Zimmermann gemeinsam mit Marius de Waal (verstorben 2021) und Kenneth Reid eine Forschungsgruppe zum Erbrecht in historisch vergleichender Perspektive, die inzwischen drei Bücher vorgelegt hat. Ein weiterer Band ist für 2024 angekündigt. Mit dieser und anderen Initiativen möchte Zimmermann das Erbrecht aus dem rechtsvergleichenden Mauerblümchendasein befreien, in das es seit der Zeit der Kodifikationen geraten ist. Kürzlich hat Zimmermann mit acht seiner Mitarbeiter einen Reformvorschlag zum deutschen Pflichtteilsrecht veröffentlicht.
Zimmermanns historisch-vergleichende Arbeiten haben weltweit große Zustimmung gefunden, aber auch gelegentlich Kritik auf sich gezogen. So bezeichnet Ugo Mattei Zimmermanns Ansatz, ebenso wie denjenigen von Friedrich Carl von Savigny zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als „thoroughly ethnocentric, conservative, class-priviledged (and) self-serving“.[4] Zimmermann und seine Anhänger “by use of biased historiography, pursue a defence of the status quo in the professional-legal leadership in Europe”; diese Verteidigung richte sich gegen die drohende Hegemonie der US-amerikanischen Kultur. Pio Caroni bezeichnete Zimmermann 1994 als „Neopandektisten“.[5] Der italienische Romanist und VerfassungsrichterPaolo Grossi: „I'm terrified when some modern Roman law scholar digs out of his magician's hat obsolete Roman law tools in the secret ... hope to conquer a title of honour in the building of the future uniform European law and to gain a right of citizenship in the future European paradise.“[6]
Die Kritik sah sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, auf einem simplen Missverständnis zu beruhen. So meinteDavid John Ibbetson: „For all the diversity that exists within the European legal tradition, at the root of it there is a substantial unity. Legal historians might quibble about the precise balance between diversity and unity, but none would deny the truth of Professor Zimmermann’s basic proposition … [T]his is not just a rehash of the ultra-simplistic proposition that continental European legal systems are based on Roman law as a result of some sort of crude borrowing of Roman rules. It is more that, as a matter of historical observation, continental European legal systems have developed by the progressive adaptation of Roman law principles to changing circumstances, repeatedly taking advantage of the elasticity and potential for growth present within these principles themselves. It is not far-fetched to project this forward too: as we move towards a European private law, it is not unreasonable to suppose that it is through the continuation of this process of the adaption of Roman principles that this will be achieved.”[7] Mittlerweile scheint auch Grossi selbst seine Meinung geändert zu haben: Vehemente Ablehnung findet sich bei ihm nicht mehr, sie ist nachdrücklicher Zustimmung zu Zimmermanns Arbeiten gewichen.[8] Ähnlich schreiben auch die belgischen AutorenDirk Heirbaut und Matthias Storme: “[I]n 1990 Reinhard Zimmermann delivered a general wake up call in his famous book about the law of obligations. Suddenly, law professors all over Europe started to become interested in creating … a new common law of Europe. … Some caution may be justified here. Many have taken the wrong message from Zimmermann’s work: Europe had one law in the past and it should have one law again in the future. … (In reality) the lawyers of the ius commune had a common legal culture not a common law, and what Zimmermann wants is a re-Europeanization of legal scholarship, a new common legal science and legal culture. The rest can follow later and that may take some time.”[9]
1996 wurde Zimmermann derGottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen. 2023 wurde er von derAccademia dei Lincei in Rom mit demPremio Antonio Feltrinelli ausgezeichnet. Dieser Preis ist seit seiner Stiftung 1950 erst zum fünften Mal fürscienze giuridice verliehen worden. Im Jahre 2018 erhielt er die Universitätsmedaille derUniversität zu Köln; 2024 erhielt er dasBundesverdienstkreuz 1. Klasse.[10]
Die folgenden Universitäten verliehen Zimmermann dieEhrendoktorwürde:
Die Ehrung durch die Universität Kapstadt erfolgte auch in Anerkennung seines Eintretens für die Wiederherstellung von Rechtsstaatlichkeit in Südafrika zu Zeiten der Apartheid.
Zimmermann ist ordentliches Mitglied derAkademie der Wissenschaften zu Göttingen sowie derAcademia Europaea (2014)[11] und korrespondierendes bzw. auswärtiges Mitglied derKöniglich Niederländischen Akademie der Wissenschaften, derBayerischen Akademie der Wissenschaften, derRoyal Society of Edinburgh, der Accademia delle Scienze di Torino, derBritish Academy und derÖsterreichischen Akademie der Wissenschaften.
Zimmermanns Schüler widmeten ihm 2012 ein Sonderheft der Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht mit historisch vergleichenden Beiträgen (Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht 76 (2012), S. 703–1155). Anlässlich seiner Emeritierung, die mit seinem 70. Geburtstag zusammenfiel, überreichten seine akademischen Schüler ihm den BandIurium itinera: Historische Rechtsvergleichung und vergleichende Rechtsgeschichte, Mohr Siebeck, 2022. Er enthält 48 Beiträge zur historischen Rechtsvergleichung und vergleichenden Rechtsgeschichte von Autoren, die von Zimmermann in besonderem Maße geprägt worden sind und die sich deshalb als Mitglieder seiner „akademischen Familie“ fühlen.
Zu Zimmermanns akademischen Schülern, die heute an deutschsprachigen Universitäten tätig sind, gehörenNils Jansen (Münster),Sonja Meier (Köln),Stefan Vogenauer (Frankfurt),Jens Kleinschmidt (Trier),Phillip Hellwege (Augsburg),Sebastian Martens (Passau),Birke Häcker (Bonn), Hartmut Wicke (München),Walter Doralt (Graz), Gregor Christandl (Graz),Johannes Liebrecht (Zürich), Jan Peter Schmidt (Hamburg) und Ben Köhler (Bayreuth).
(Quelle:[12])
Zimmermann ist Mitherausgeber derZeitschrift für Europäisches Privatrecht (seit ihrer Gründung;C.H. Beck) und der Comparative Studies in Continental and Anglo-American Legal History (Duncker & Humblot) (ursprünglich gemeinsam mit Helmut Coing, Richard Helmholz und Knut Wolfgang Nörr). Er war (bis 2022) Mitherausgeber der Schriften zur Europäischen Rechts- und Verfassungsgeschichte (Duncker & Humblot), der Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht (Mohr Siebeck) und von Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht.
Vorgänger | Amt | Nachfolger |
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Gerhard Roth | SddV-Präsident seit 2011 | — |
Personendaten | |
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NAME | Zimmermann, Reinhard |
KURZBESCHREIBUNG | deutscher Jurist, Rechtshistoriker, Rechtsvergleicher, MPI-Direktor und Hochschullehrer |
GEBURTSDATUM | 10. Oktober 1952 |
GEBURTSORT | Hamburg |