51.95298.634180Koordinaten:51° 57′ 10″ N,8° 38′ 3″ O
DasMarschlager Bielefeld-Sennestadt (trivial auch als „Römerlager“ bezeichnet) war ein temporäresrömisches Militärlager, das in der Zeit um dieZeitenwende in den heutigenBielefelder StadtbezirkenSennestadt undStieghorst inNordrhein-Westfalen angelegt worden war. Es befand sich in derGermania magna, welche die Römer zurProvinz machen wollten und bot auf einer Fläche von rund 26 Hektar bis zu 25.000römischen Soldaten Platz. Im Jahr 2017 entdeckte ein Hobbyforscher das Lager anhand seines umgebenden Erdwalls aufLidar-Scans im Internet.


Das Marschlager Bielefeld-Sennestadt liegt in der Landschaft derOerlinghausenerSenne auf einem leicht ansteigenden Gelände am Südhang desTeutoburger Waldes. Oberhalb des Lagers führt entlang desMenkhauser Baches einPass über denGebirgskamm. Abgesehen von einer etwa fünf Hektar großenLichtung ist das Lagerareal bewaldet, was auf eineAufforstung im 19. Jahrhundert zurückgeht. Während der Anwesenheit der Römer in der Zeit um Christi Geburt dürfte in dem Gebiet mitPodsolboden undOrtsteinbildung ein lichterBirken-Eichenwald vorgeherrscht haben.
Der frühere Lagerbereich befindet sich westlich des Tals desMenkhauser Baches, dessen Verlauf die heutige Bielefelder Stadtgrenze zur StadtOerlinghausen imKreis Lippe bildet. Das Lager lag nördlich desSenner Hellwegs. Dies war ein etwa 30 km langer Abschnitt desWestfälischen Hellwegs, der bereits in derBronzezeit bestand und ingermanischer bis inmittelalterlicher ZeitRhein undWeser verband.
Heute liegt das Lagerareal auf der Grenze zwischen zwei Bielefelder Stadtbezirken. Der kleinere Südteil, auf dem sich die BildungsstätteHaus Neuland befindet, gehört zum Stadtbezirk Sennestadt. Der größere nördliche Teil des Lagers liegt im OrtsteilLämershagen-Gräfinghagen auf dem Gebiet des Stadtbezirkes Stieghorst.[1]
Im Jahr 2017 entdeckte der niederländische Hobbyforscher René Jansen Venneboer das Lager Bielefeld-Sennestadt bei der Suche nach Spuren römischer Feldzüge im nordrhein-westfälischen Raum. Dafür nutzte erLidar-Scans, die das Land Nordrhein-Westfalen über das InternetangebotTIM-online zur Verfügung stellt.[2] Die Scans bilden eindigitales Geländemodell auf Grundlage vonAirborne-Laserscanning-Aufnahmen ab. Dabei werden auf der Erdoberfläche auch Strukturen sichtbar, die durch Vegetation verdeckt sind. Auf diese Weise konnte der Hobbyforscher im Waldgebiet der Senne unter Bäumen und Sträuchern eine durchgehende polygonale Linie erkennen, die sich vonneuzeitlichen Strukturen abhob. Die Linie hielt er aufgrund ihrer Form und Größe in Verbindung mit den beiden Unterbrechungen, die er als Clavicula-Tore deutete, für den Wall eines römischen Militärlagers. Nach einer Inaugenscheinnahme vor Ort meldete er seine Vermutung demLandschaftsverband Rheinland, der den Hinweis an den zuständigenLandschaftsverband Westfalen-Lippe weiterleitete. Daraufhin führte dieLWL-Archäologie für Westfalen unter der wissenschaftlichen Leitung vonBettina Tremmel auf der betreffenden Fläche systematischeProspektionen durch und nahm im September 2018 und Mai 2019 zwei kleinereAusgrabungsschnitte auf der Südseite des Lagers vor. Sie bestätigten die Annahme, dass es sich bei der Wallstruktur mit einem vorgelagerten V-förmigen Spitzgraben um Reste einer römischen Befestigung handelt. Im September 2019 erweiterten die Archäologen einen ihrer Ausgrabungsschnitte.[3] Ende 2020 wurde die Ausgrabung durch das Zuschütten des Grabungsschnitts abgeschlossen.Die Untersuchungen sind damit nicht beendet, da eine nichtinvasive Prospektion mittelsBodenradar vorgesehen ist. Des Weiteren wurden an der Bildungsstätte Haus Neuland Informationstafeln aufgestellt.[4]
Die archäologischen Untersuchungen förderten bisher (Dezember 2025) keinFundmaterial zutage, anhand dessen sich die Anlage datieren ließe. Zu erwarten an römischen Hinterlassenschaften wären insbesondereMünzen, Ausrüstungsgegenstände sowie Reste vonFeldbacköfen, wie sie für die anderen westfälischen Militärpräsenzen der Römer typisch sind. Unter Einbeziehung von ehrenamtlichen Helfern sind weitere Prospektionen sowie Ausgrabungen vorgesehen, die über Jahre anhalten sollen.[2] Seitens des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe ist geplant, das Areal der früheren Befestigung durch eine Ausweisung alsBodendenkmal unter Schutz zu stellen. Die dortige Suche nach Fundstücken ohne Genehmigung stellt bereits jetztRaubgräberei dar, die der Strafverfolgung unterliegt.[5]


Die Denkmalbehörden gaben die Entdeckung bei einer Tagung im März 2019 inMünster gegenüber archäologischen Fachkreisen bekannt, während die breite Öffentlichkeit darüber im Mai 2019 informiert wurde. Ebenfalls 2019 erschien die erste wissenschaftliche Vorabpublikation.[6]
Nach der öffentlichen Bekanntgabe der Entdeckung bot die LWL-Archäologie im Mai 2019 Führungen an der Ausgrabungsstelle an, die mit über 500 Besuchern auf hohes Interesse stießen.[7] Es bestanden Überlegungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, das Fundgelände touristisch erlebbar zu machen, wobei eine digitale Zusammenarbeit mit demArchäologischen Freilichtmuseum Oerlinghausen erfolgen sollte (Stand 2019).[8] Vom 24. September 2021 bis zum 27. Februar 2022 wurde bei derLandesausstellungRoms fließende Grenzen imLippischen Landesmuseum in Detmold (sowie danach in Xanten, Bonn, Haltern und Köln) auch das neuentdeckte Lage thematisiert.[9]
Das Lager hatte einepolygonale Form. Es war an drei Seiten von einem Erdwall mit vorgelagertemrömischem Spitzgraben umgeben. Die Ostseite des Lagers sicherte die mehrere Meter zum Tal des Menkhauser Bachs abfallende Hangkante als natürliches Annäherungshindernis. Ursprünglich war der Wall etwa 60 cm hoch und rund zwei bis drei Meter breit. Er bestand aus dem ausgehobenen Erdmaterial des davor liegenden Spitzgrabens. Dieser war etwa 80 cm tief und ca. 1,5 Meter breit. Der Wall hat sich auf einer Länge von 1400 Metern bei einer Höhe von bis zu 40 cm erhalten. Der Spitzgraben verfüllte sich nach der Nutzungsphase der Anlage durch Witterung und Einschwemmung von Bodenmaterial.
Der Zugang zum Lager erfolgte über zwei Tore im Wall, die sich an der nordöstlichen und nordwestlichen Seite befanden. Es handelte sich um sogenannte Clavicula-Tore, deren Name sich vomlateinischen Wortclavicula fürSchlüsselbein ableitet.[10] Bei Clavicula-Toren wurde ein viertelkreisförmiger Schutzwall ins Lager hinein gezogen, so dass sich Angreifer nach dem Passieren des Tores um 90 Grad drehen und so den Verteidigern ihre nicht durch den Schild gedeckte rechte Seite zuwenden mussten. Dies ist ein Tortyp, den man lange nur aus Militärlagern kannte, die erst Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung errichtet wurden, obwohl seit 1995 bekannt ist, dass schonGaius Iulius Caesar bei derBelagerung Alesias (52 v. u. Z.) derartige Tore einsetzte.[11] Inzwischen wurden aber auch imWestfälischen, in den RömerlagernHaltern undKneblinghausen solche Tortypen ausgegraben was ein neues Licht auf ihre Datierung wirft. In Verbindung mit hölzernenMauerspeeren, die auf dem Wall aufgepflanzt und mit Seilen verbunden wurden, bot die Anlage so einen guten Schutz gegen Überfälle.
Den Forschern der LWL-Archäologie für Westfalen zufolge ist das Lager in Westfalen einzigartig, weil weite Teile seines rund 2000 Jahre alten Lagerwalls noch heute im Gelände sichtbar sind. Im Gegensatz zu anderen Anlagen dieser Art hat es auf dem Areal keine moderne Überprägung durch großflächige Bebauung, Landwirtschaft oderPlaggenstich gegeben, was die oberflächigen Strukturen zerstört hätte.
Das Lager mit seiner Wall-Graben-Anlage ist nach Einschätzung der zuständigenprovinzialrömischen ArchäologinBettina Tremmel von der LWL-Archäologie für Westfalen typisch für römische Marschlager.[12] Es bot Platz für dreiLegionen mitAuxiliartruppen sowie denTross, was einer Truppenstärke von etwa 25.000 Menschen entspricht. Möglicherweise wurde die Anlage mehrfach genutzt. Das Lager bot den Legionären durch seine Lage an einem ganzjährig Wasser führenden Bach eine gute Wasserversorgung und ermöglichte ihnen die Überquerung des Teutoburger Waldes durch einen oberhalb liegenden Pass.[6]

Die Entdeckung des Lagers wird als wichtiger Baustein zur Beschreibung der Marschrouten gesehen, die die Römer von derLippe in das Siedlungsgebiet derCherusker an der Weser nahmen. Es lag etwa 23 Kilometer vomRömerlager Anreppen an der Lippe entfernt, was einem Tagesmarsch entsprach. Vom Standort des Marschlagers bei Sennestadt war dasMarschlager Porta Westfalica im heutigenBarkhausen zwei Tagesmärsche entfernt, so dass es dazwischen ein weiteres, bisher noch nicht gefundenes Marschlager geben könnte. Dieses vermuten die Archäologen aufgrund der täglichen Marschstrecke der Legionäre von etwa 20 Kilometern auf halber Strecke bis zur Weser beiLöhne.[13] Bis zur Entdeckung des Lagers bei Sennestadt hatten die Archäologen ein Marschlager zur Überquerung des Teutoburger Waldes nahe demBielefelder Pass vermutet, in dessen Nähe dieRömische Kreisgrabenanlage auf der Sparrenberger Egge gefunden wurde.
Den Forschern ist bisher nicht bekannt, auf welches militärische Ereignis die Errichtung des Marschlagers zurückzuführen ist. Sie rechnen es denAugusteischen Germanenkriegen zu und datieren es grob in die Zeit zwischen 1 und 16 u. Z., wofür die Dimensionen, die Form und die Clavicula-Tore sprechen.[6]