
UnterQuadratnotation versteht man in der Geschichte derNotenschrift die letzte Entwicklungsstufe der Tonhöhen anzeigenden (diastematischen)Neumen vor der Einführung der zusätzlich die Tonlängen anzeigendenModalnotation, die vorwiegend für denGregorianischen Choral Verwendung findet. Die rhythmische Differenzierung ist bei der ursprünglichen Quadratnotation immer angedeutet. Seit dem Beginn derRestitution um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden der Quadratnotation Zeichen für Dehnungen und Tonverlängerungen hinzugefügt, die den Rhythmus besser differenzieren (Neographie).
Quadratnoten haben ihren Namen von der vorwiegend quadratischen Form der Notenzeichen durch die Benutzung vonFederkielen. Quadrate und Rauten waren damit einfacher zu schreiben als Kreise oder andere Formen. Alternativ entstand die durch schräg gestellte Federn hergestellteHufnagelnotation mit Rauten als Notenköpfen. Ihren Ursprung hat die Quadratnotation in der Erfindung der horizontalen Neumenlinien und derNotenschlüssel durchGuido von Arezzo in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Mit diesem Notationssystem war es möglich, die Tonhöhe einzelner Töne zu beschreiben und somit auch dieTonintervalle festzulegen. Die ursprüngliche Quadratnotation enthält jedoch kaum Angaben zur Länge der Töne, so dass die Interpretation der Gesänge häufigmensuralistisch oder zeitweise sogaräqualistisch war. Diese Interpretationsformen gelten jedoch heute als veraltet, die reiche Rhythmisierung in den adiastematischen Neumensystemen, wie sie in verschiedenen, damals größtenteils noch nicht publizierten Handschriften zu finden sind, stehen dem entgegen.
Die heute in der Kirchenmusik verbreitetenrömischen Choralneumen wurden im19. Jahrhundert standardisiert nach dem Vorbild der seit dem Ende des12. Jahrhunderts üblichen Quadratneumen, wie sie zum Beispiel in der abgebildetenJenaer Liederhandschrift zu finden sind. In den modernen liturgischen Chorbüchern wird bewusst die alte Notation verwendet. In neueren Veröffentlichungen werden die Quadratneumen teilweise auch in der Notation der weiterentwickeltenNeographie wiedergegeben, die eine bessere Differenzierung der Rhythmen erkennen lässt.
In einer leicht modernisierten Abwandlung werden die quadratischen Neumen noch heute in der katholischen Liturgie in den entsprechendenChoralbüchern desGregorianischen Chorals verwendet, wie zum Beispiel demLiber Usualis oder demGraduale Romanum. Neuere Choralbücher, wie dasGraduel neumé (1966), dasGraduale Triplex (1979) oder dasGraduale Novum (2011) zeigen neben der Quadratnotation auch noch adiastematische Neumen, die direkt über oder unter den quadratischen Neumen hinzugefügt sind. Die Sänger können dann anhand der Quadratneumen die eindeutigen relativen Tonhöhen identifizieren und sich anhand der adiastematische Neumen den genauen Rhythmus erschließen.

Die Melodie wird von links nach rechts gesungen, wobei beimPes, bei dem beide Quadrate übereinander stehen, zuerst der untere Ton gesungen wird. Der Text steht mit dem erstenVokal der jeweiligenSilbe unter der ersten zu dieser Silbe gehörenden Neume.
Die Melodien sind üblicherweise in einer der achtKirchentonarten unddiatonisch notiert, die durch eine entsprechenderömische oder arabische Ziffer angegeben wird.
Der erste Buchstabe des Liedtextes wird häufig alsInitiale gesetzt.
In der Quadratnotation werden für die Notation der Melodien meist vier horizontale Neumenlinien verwendet, die vier Tonhöhen imTerzabstand festlegen. Eine der Neumenlinien wird durch einenNotenschlüssel der Tonhöhe C oder F zugeordnet. Diese Tonhöhe ist jedoch nicht absolut, sondern beschreibt lediglich einen Ton, der über einem der beidenHalbtöne derTonskala liegt. Der Notenschlüssel kann auf jeder der vier Linien liegen, abhängig von der Tonlage des Stücks. Es ist auch möglich, dass der Schlüssel bei einer neuen Zeile auf einer anderen Linie liegt. In einigen Handschriften sind auch beide Notenschlüssel gleichzeitig gesetzt. Für Tonhöhen, die mindestens eine Terz höher als die oberste Neumenlinie oder mindestens eine Terz tiefer als die unterste Neumenlinie liegen, werdenHilfslinien eingesetzt.

Ein Asteriscus (Sternchen *) im Text zeigt an, an welcher Stelle dieChoralschola in den durch einen einzelnen oder mehrereKantoren begonnenen Versgesang einstimmt.
Die einfachsteEinzeltonneume ist das Punctum. Sie wird auch als Brevis bezeichnet.[1] Eine Neume mit vertikalem Notenhals rechts an der Quadratneume wirdVirga („Stöckchen“), oder auch Longa[1] genannt. Eine Sonderstellung unter den Einzeltonneumen nimmt dasQuilisma ein, das gezackt dargestellt und üblicherweise als leichte Durchgangsnote oder mit einem leichten Vibrato gesungen wird und in der Regel im Zusammenhang mit einemPes auftaucht. Bei bestimmtenDreifachtonneumen (beispielsweise beim Climacus) wird das quadratische Punctum um 45° auf die Seite geneigt, so dass das rautenförmige Punctum inclinatum entsteht.
Für Silbenfolgen, bei denen die erste mit einem Konsonanten endet und die zweite mit einem Konsonanten beginnt, werden oftLiqueszenzen verwendet, bei der in der Quadratnotation der letzte Ton der ersten Silbe als kleineStichnoten dargestellt wird. Diese Darstellung soll die Sänger darauf hinweisen, die Konsonanten getrennt zu artikulieren, was für deutsche Muttersprachler in der Regel aber keine Probleme darstellt, da solche Konsonantenfolgen in der deutschen Sprache häufig sind.


MehrereEinzeltonneumen können zu verschiedenenDoppeltonneumen undDreifachtonneumen oder mehrere solcherGruppenneumen zuMehrgruppenneumen zusammengesetzt werden. DerTorculus resupinus flexus (Abbildung siehe rechts), ist zum Beispiel aus der DreifachtonneumeTorculus und der DoppeltonneumeClivis (Synonym fürFlexa) zusammengesetzt.
Der Ton auf der Tonhöhe H kann durch die Notation desB molle um einen Halbton nach untenalteriert werden. Eine solche Alteration gilt gegebenenfalls für das gesamteMelisma auf dem entsprechenden Vokal. Die Notation desB durum hebt diese Alteration wieder auf.

Am Ende einer Neumenzeile wird häufig einCustos (lat. für Wächter) gesetzt, der die Tonhöhe des ersten Tons der nächsten Zeile angibt. Der Custos ist ein Hilfszeichen und besteht aus einer halbierten Neume, die nicht gesungen wird, sondern dazu gedacht ist, dass der Sänger leichter den Anschluss an die erste Neume der nächsten Zeile findet.
Dehnungen beziehungsweise Tonverlängerungen können durchMorae hinter einerEinzeltonneume undEpiseme über oder unter einer Neume oderGruppenneume verdeutlicht werden. Eine Mora wird durch einen Punkt hinter der Neume angezeigt, ein Episem wird durch einen Strich über oder unter der Neume angezeigt. DerIktus wird durch einen senkrechten Strich angezeigt, wird aber als Betonungszeichen heute meist nicht mehr beachtet.
Die Zusatzzeichen wie der Punkt, das vertikale und horizontale Episem, das Bindezeichen zwischen Noten und das Komma auf der obersten Linie (hier nicht gezeigt) wurden von den Mönchen von Solesmes in ihren (sehr verbreiteten) Choralausgaben eingetragen. In Originalhandschriften der Quadratnotation sind diese Interpretationszeichen nicht vorhanden[2].
Atemzäsuren oderPausen zur Gliederung des Textes werden durch diePausae gekennzeichnet. Sie sind bei Gesängen, die im Original in adiastematischer Schreibweise vorliegen, hinzugefügt worden, um den Sängern eine bessere Orientierung zu geben. Die Pausenzeichen haben keine fest vorgegebene Länge und sind auch nicht in einemMetrum verankert. Die pausa finalis steht üblicherweise am Ende eines Verses.
In denChoralbücher (in Quadratnotation) ausSolesmes werden diese Zeichen auch als Zeichen der Formgliederung angedeutet (lateinischsigna interpunctionis), beziehungsweisedivisio minima, minor, maior et finalis.
Die Quadratnotation ist nicht der primäre Fokus modernerNotensatzprogramme. Einige enthalten dennoch Funktionen zum Setzen von Quadratnotation oder sind sogar extra dafür geschrieben.