DieEnzyklikaProvidentissimus Deus („Der sehr vorhersehende Gott“) gehört zu den sogenannten Bibelenzykliken, sie wurde am 18. November 1893 von PapstLeo XIII. veröffentlicht. Ihr Thema ist der Umgang mit der Heiligen Schrift nach dem Verständnis derRömisch-katholischen Kirche.
Es war das erste Mal, dass ein katholisches Kirchenoberhaupt zur Bibelwissenschaft Stellung bezog. Anlass für dieses Schreiben war ein Artikel vonMaurice d’Hulst, dem Rektor desInstitut Catholique de Paris, in dem dieser im Januar 1893 darlegte, es gebe in der katholischen französischen Exegese Schulenbildung:[1] Auf der einen Seite stehe die „breite Schule“ (école large), die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel strikt auf die Glaubenswahrheiten begrenzen und der Exegese in den übrigen Fragen Freiheit geben wolle. Obwohl d’Hulst explizit nur die Meinung von anderen referierte, war dies faktisch seine eigene Meinung[2]. Auf der anderen Seite stehe eine „enge Schule“ (école étroite), die die absolute Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift lehre, da Gott ihr Urheber (causa efficiens) sei. Dazwischen gebe es eine Mittelposition. D’Hulst erläuterte, dass dasErste Vatikanische Konzil diese Fragen offen gelassen und die Diskussion freigegeben habe.[3] Dies war zutreffend, so wurde etwa die Formulierung des Mainzer BischofsWilhelm Emmanuel von Ketteler von den Konzilsvätern angenommen, dass die BulleCantate Domino (4. Februar 1442,Konzil von Ferrara/Florenz) nicht weiter präzisiert werden solle.[4]
Bereits existierende Entwürfe zu einer päpstlichen Enzyklika erhielten durch d’Hulsts Artikel eine konkrete Richtung, wasKlaus Unterburger mit dem Einfluss des KardinalsCamillo MazzellaSJ erklärt. Aus Sicht römischer Jesuiten hatte das Konzil die Frage der Schriftinspiration nicht behandelt und damit einen Freiraum eröffnet, in demJohn Henry Newman,August Rohling undFrançois Lenormant problematische Thesen entwickelten. Dem Text der Enzyklika liegt ein Entwurf vonRudolf CornelySJ zugrunde, der zu dieser Zeit amCollegium Romanum unterrichtete.[4]
Die Enzyklika ist in drei Hauptteile gegliedert:
Leo XIII. bekräftigt, dass die römisch-katholische Kirche die Heilige Schrift seit jeher hoch geschätzt und intensiv studiert habe. Sie sei ein „Brief des Vaters an das Menschengeschlecht.“[5] Dass sich der Papst nun zu diesem Thema äußere, sei durch neuartige Angriffe auf Kirche und Heilige Schrift verursacht. Früher waren es die nichtkatholischen Exegeten, die auf ihr privates Urteil vertrauten und so in der Bibel Aussagen fanden, die der Lehre der Kirche widersprachen. Nun aber seien dieRationalisten einen Schritt weiter gegangen. Sie betrachteten die Bibel als historischen Text wie andere auch und entdeckten darin historische Irrtümer. Hier bemerkt der Papst, dass sich die Rationalisten ihrer Sache so sicher seien und sich doch untereinander widersprächen, auch ihre Lehren ständig weiterentwickelten.[6] Da die rationalistischen Bibelerklärungen in den Medien verbreitet würden und die Gläubigen verunsicherten, bekräftigt Leo XIII. ausdrücklich die seit jeher gültigen Grundsätze der Bibelauslegung:[7]
Da derHeilige Geist der eigentliche Verfasser der Heiligen Schrift sei, steht ihre Irrtumslosigkeit (Inerranz) und Unfehlbarkeit (Infallibilität) in allen Fragen, und nicht nur in Bezug auf die Heilswahrheiten, fest. Probleme, die von Naturwissenschaftlern und Historikern dagegen geltend gemacht werden, werden sich bei genauerer Betrachtung auflösen. Gott als Schöpfer der Welt sei ja auch der Urheber der Offenbarung. Man müsse beachten, dass die Bibel kein naturwissenschaftliches Lehrbuch sei und in ihr auch bildliche Redeweise vorkomme. Und was so für den Dialog mit den Naturwissenschaften gelte, könne auf die Geschichtswissenschaft übertragen werden. Wie das gemeint ist, wird in der Enzyklika nicht ausgeführt, sondern die Wahrscheinlichkeiten des Historikers mit der Gewissheit der Heiligen Schrift kontrastiert.[8] Im Bibeltext können Fehler der Kopisten enthalten sein; aber an sich enthalte der Bibeltext keine falschen Aussagen.
In den Priesterseminaren soll die Ausbildung mit derthomistischen Philosophie beginnen und sich dann erst, wenn die Seminaristen innerlich gefestigt sind, der Bibel zuwenden. Die exegetische Ausbildung muss qualitätvoll sein, damit die Absolventen den Irrtümern der nicht-katholischen Bibelwissenschaftler entgegentreten können. Sie solle einen Mittelweg zwischen Überblickswissen und Detailstudien darstellen,Realien könnten im Unterricht unterstützend herangezogen werden. DieTextkritik wird als wichtig anerkannt, da ja mit Kopistenfehlern gerechnet wird, aber die „höhere Kritik“ bzw. „interne Kritik“ (gemeint ist dieLiterarkritik) wird in der Enzyklika als unwichtig und wenig hilfreich eingestuft. „Da sie kaum zu gesicherten Ergebnissen gelange, werde sie zum Einfallstorsubjektivistisch-unbegründeter Hypothesen a priori […]“[9]
Obwohl der Name Loisy in d’Hulsts Artikel inLe Correspondant nicht genannt wurde, nahm die Öffentlichkeit an, dass mit der „breiten Schule“Alfred Loisy und sein Kreis gemeint sei. D’Hulst reagierte bereits vorPromulgation der Enzyklika entsprechend und beschränkte Loisys Lehrtätigkeit am Institut im Mai 1893 auf die semitischen Sprachen.[10]
Maurice d’Hulst,Louis Duchesne und die übrigen Professoren des Institut Catholique sandten dem Vatikan nach der Promulgation umgehend ein Schreiben, in dem sie die Enzyklika anerkannten. D’Hulst fügte seine persönliche Unterwerfung an, einen Text, in dem er sich von Aussagen distanzierte, die er in seinem Artikel gemacht hatte. Er äußerte sich danach nicht mehr zu kontroversen bibelwissenschaftlichen Themen.[10]
Mit der Enzyklika hatte sich eine theologische Richtung durchgesetzt, soKlaus Unterburger, die dogmatische Fragen stärker gewichtete als historische. Das sei für römisch-katholische Exegeten schwierig gewesen, die Dogmen und historische Sachverhalte in ihrer wissenschaftlichen Arbeit zusammenbringen mussten. Eine Möglichkeit, mit der Enzyklika umzugehen, sei gewesen, dass man sie als Ermunterung zum Bibelstudium las und dazu die in der Enzyklika nicht ausgeführte Analogie historischer und naturwissenschaftlicher Fragen aufgriff.[11]
Nach dieser Bibelenzyklika folgten als weitere Bibelenzykliken:
Außerdem: