DerPirol (Oriolus oriolus) ist einSingvogel aus der Gattung derEigentlichen Pirole (Oriolus) innerhalb der Familie derPirole (Oriolidae). Die Männchen sind leuchtend gelb gefärbt, wohingegen die Weibchen eher unscheinbar sind. Die Art ist ein waldbewohnender Brutvogel im Norden und WestenEurasiens, der imsüdlichen Afrika überwintert.
Er gilt derzeit alsmonotypisch. Früher galt derIndienpirol (Oriolus kundoo) allerdings als Unterart des Pirols, bis er 2005 zumArtstatus erhoben wurde.[2]
Das Artepitheton kommt wohl vomaltfranzösischenOriol bzw.Oryol, welches den typischen Ruf des Pirols wiedergeben soll. Eine andere Theorie besagt, dass sich der Name vomlateinischenaureolus ableitet, was „golden“ bedeutet und auf die leuchtend gelbe Farbe des Pirols anspielt.[3]
Der deutsche Name der Art hat sich aus demvulgärlateinischen Wortpyrrhulus entwickelt, was „rötlichgelb“ bedeutet.[4]
Pirol, im Vordergrund Männchen, dahinter Weibchen, ganz hinten ausgeflogener Jungvogel (Illustration von 1901)Pirolweibchen
Der Pirol ist ein schlanker Vogel, der eine Körperlänge bis zu 24 Zentimetern erreicht. Männchen wiegen im Durchschnitt 41 Gramm, die Weibchen dagegen 71,8 Gramm.[5] Beide Geschlechter zeigen einen rosa bis rostfarbenenSchnabel. Vom Schnabelgrund bis zum Auge reicht beim Männchen (und beim Weibchen im Fortschrittskleid) ein schwarzes Zügelband, bei jungen Weibchen ist dieses grau und weniger deutlich erkennbar. Die Augen haben einen bräunlichen, auch ins Rötliche gehenden Farbton, der Schnabel ist dunkel rötlichrosa, die Beine dunkel schwärzlichviolett.
Pirole zeigen im Federkleid einen auffälligenSexualdimorphismus. Das Männchen hat einen grellgelben Rumpf und schwarzviolette Flügeldecken mit einem gelben Fleck am Flügel, die mittleren Steuerfedern sind schwarzviolett und schmal gelb begrenzt, die äußeren sind gelb. Junge Weibchen sind mattgrün gefärbt mit etwas hellerer, gesprenkelter Brust und Bauch und einem gelblichen Unterbauch. Diese Färbung verbessert die Tarnung beim Brüten auf demNest. Ältere Weibchen weisen zum Teil deutlich mehr Gelb im Gefieder auf, die Unterseite ist aber immer fein dunkel gestrichelt. Ihr Gelbanteil ist mitunter größer als der von dreijährigen Männchen, sodass die Geschlechtsbestimmung anhand der Gefiederfärbung nur eingeschränkt möglich ist.[5]
Das Männchen verfügt über einen leiseren Zwitscher-Gesang. Der klangvoll flötende Gesang wird sprachlich hilfsweise mit der Umschreibung „dü-delüü-lio“ oder aber „büloo-büloo“ wiedergegeben und ist in seiner Variabilität als Erkennungsmerkmal zwischen einzelnen Männchen nutzbar. Den Gesang beherrschen die Altvögel beiderlei Geschlechts, die Weibchen jedoch nicht in der Perfektion wie die männlichen Partner.[6]
Der Lockruf lässt sich mit „rääij-rääij“ oder als „wiäächt-wiäächt“ angeben. Die Vögel krächzen bei Aufregung, was mit einem „chrrrääh“ umschrieben wird. Der aggressive Warnruf klingt spechtartig wie „djick-jick“.[7]
Der Pirol ist ein Brutvogel der West- und Zentralpaläarktis. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Nordwesten Afrikas sowie Spanien und Portugal bis etwa zum 100.östlichen Längengrad im Süden Sibiriens. Die Südgrenze des Verbreitungsgebietes verläuft in Europa von denBalearen über Korsika, Sizilien, die Mitte Griechenlands und Zypern und im Osten weiter über den Nordwesten Irans und dasElburs-Gebirge. Die nördliche Verbreitungsgrenze verläuft über den Norden Frankreichs, den Süden Großbritanniens, Dänemark und den Süden Schwedens. Das nördlichste Vorkommen in Finnland liegt etwa beim 62. bis 63.nördlichen Breitengrad, in Russland etwa beim 60. Als Arealgrenze wird häufig die 17-°C-Juli-Isotherme angegeben.[8] Sein Brutgebiet erstreckt sich damit vom Süden der borealen Zone bis zur mediterranen und Steppenzone.
In Mitteleuropa ist der Pirol ein Brutvogel des Tieflands. Er fehlt gewöhnlich in den Mittelgebirgen sowie weitgehend in den Alpen. Er kommt typischerweise selten in Höhenlagen über 600 Metern vor. Der höchste Brutnachweis für die Schweiz liegt bei 1.160 Höhenmetern. In Baden-Württemberg wurden Nester in Höhenlagen von 730 Metern gefunden.
Der Pirol ist in seinem gesamten Verbreitungsgebiet ein obligater Zugvogel mit Überwinterungsgebieten vor allem in den Hochländern und Waldgebieten des östlichen Afrikas, südwärts bis zu den Kapprovinzen. AuchMadagaskar wird erreicht. Daneben überwintern insbesondereiberische sowiemaghrebinische Vögel bevorzugt in den westafrikanischen Baumsavannen und Flussgebieten desNigers,Senegals undGambias. In den Überwinterungsgebieten kommt die Art bis in Höhen von 3000 Metern und mehr vor.
InSüdafrika ist der Pirol hauptsächlich von November bis April präsent. Dort lebt der scheue Vogel vorwiegend einzelgängerisch und ist meist still. Er bewohnt baumreiche Lebensräume wie feuchte Laubwälder, insbesondereMopane-Wälder, und meidet trockene und schattenfreie Gebiete wie dieNamib, die südwestlicheKalahari und dieKaroo. Stattdessen ist er meist in der Nähe von Flüssen wie demLimpopo und demSave sowie deren Nebenflüssen anzutreffen. Unbekannt ist, ob Pirole auch während ihres Aufenthalts im südlichen Afrika umherziehen oder in dieser Zeit sesshaft sind.[9]
Pirole sindBreitfrontzieher, sie überqueren die Alpen und die Sahara ohne Umgehungsstrecken. Der Wegzug aus den Brutgebieten beginnt schon Ende Juli und erreicht Ende August seinen Höhepunkt; Nachzügler sind in Mitteleuropa bis in den Oktober zu beobachten. Die afrikanischen Winterquartiere werden ab Ende Januar geräumt; meist erfolgt der Heimzug in die Brutgebiete etwas westlicher (Schleifenzug) als der Wegzug. Die ersten Pirole erreichen ihre mitteleuropäischen Brutplätze Ende März, die meisten erscheinen erst Anfang Mai.
Pirole leben bevorzugt inAuwäldern,Bruchwäldern und sonstigen Feuchtwäldern in Gewässernähe. Daneben sind sie auch in verhältnismäßig trockenen Laub-, Misch- und Nadelwäldern anzutreffen.[6] Fichtenwälder und das Innere von großen, zusammenhängenden Wäldern meiden sie jedoch.[10]In menschlichen Siedlungen und Kulturland zieht es sie zu Parks, Gartenanlagen, Friedhöfen, Obstgärten undStreuobstwiesen. Auf dem Zug in den Süden und im Winterquartier bewohnen sie außerdemWeinberge undOlivenplantagen,Oasen undHochgebirge. Meist verbergen sie sich in den Kronen großer Bäume, wo sie nur schwer zu entdecken sind.[6]
Pirole ernähren sich in der Brutzeit bis zum Ausflug der Jungen hauptsächlich von diversen Vertretern derInsekten, danach auch von pflanzlicher Nahrung wie Früchten und Beeren.[11]
Nach den Schmetterlingsraupen als das mit Abstand beliebteste Nahrungsmittel folgenWanzen,Zikaden,Heuschrecken,Käfer,Raubfliegen undKamelhalsfliegen. Aber auch andere Insekten mit 0,3–7 cm Länge werden nicht verschmäht; letztendlich hängt die Zusammensetzung der Nahrung vor allem vom vorherrschenden Nahrungsangebot ab. So werden im Winterquartier häufigTermiten, die im Brutgebiet des Pirols nicht vorkommen, aus der Luft gefangen und gefressen. Auch verschiedeneSpinnenarten und andere wirbellose Tiere finden nicht selten Anklang.[11]
Früchte und Beeren werden insbesondere auf dem Zug in den Süden und kurz nach der Ankunft im Winterquartier verzehrt. Zu ihnen gehören u. a.Maulbeeren,Kirschen,Feigen,Trauben,Johannisbeeren, faule Äpfel und Birnen sowiePflaumen. Da die Pirole häufig schon weiterziehen, bevor die Früchte ausgereift sind, sind sie selten Obstgarten- oder -plantagen-Schädlinge.[11]
Die einzige Brut des Jahres beginnt meistens Ende Mai.[6]
Das napfförmige Nest wird in einem Baum meistens in Höhen von 6–12 m und in unterschiedlicher Entfernung vom Stamm in einer Astgabel errichtet. In Mischwäldern sind die genutzten Bäume häufig einzelne, besonders hoheEichen; aber auchPappeln,Esskastanien undKirschbäume werden zum Nestbau genutzt. Der Abstand zum nächsten Pirolnest beträgt in Gebieten mit vielen Pirolen mindestens 300 m. Das Weibchen beschäftigt sich alleine mit dem Nestbau, während das Männchen in einem nahe gelegenen Baum sitzt und singt oder das Weibchen mithilfe von Warnrufen vor Gefahren warnt. Bereits bevor das Nest fertig ist, wird dieses vom Weibchen vehement gegen Eindringlinge wieEichhörnchen verteidigt, sogar das Männchen wird vom Nest ferngehalten. Dieses besteht aus trockenen Grashalmen,Bastfasern und kleinen Zweigen, die sorgfältig ineinander verwoben werden.[12]
Die drei bis fünf rosa- oder cremeweißen Eier sind mit kleinen, graubraunen bis schwarzen Flecken versehen[6] und werden hauptsächlich vom Weibchen 16–17 Tage lang bebrütet, bis die Jungen schließlich schlüpfen. Die beiden Elternteile wechseln sich bei der Fütterung der Jungen ab. In den ersten Tagen, wenn sie noch blind sind, sperren die Jungen ausschließlich auf Erschütterungen des Nestes hin, die durch den an- oder abfliegenden Altvogel ausgelöst werden, und geben Bettellaute von sich, wobei sie ihren Kopf hin und her drehen. Nach der Fütterung wartet der Altvogel, bis eines der Jungen Kot abgibt. In den ersten zehn Tagen ihres Lebens wird dieser vom Elternteil geschluckt; sind die Jungen älter, wird er vom Nest weggetragen. Die etwas älteren Jungen werden vor allem mit Insekten und Kirschen gefüttert; letztere werden aufgrund ihrer Größe erst vom Altvogel in die Mäuler der Jungen ausgepresst, bevor der Rest von einem der Jungen verschlungen werden kann. In diesem Alter putzen und strecken sich die Jungvögel bereits häufig, wobei sie sich weit über den Nestrand hinaus lehnen. Sie bleiben aber fest mit dem Nestboden verkrallt, damit sie nicht hinausfallen. Sie werden nur noch sehr selten vom Weibchengehudert, nur bei starken Regenschauern setzt dieses sich auf sie.[12]
Nach 16–17 Tagen verlassen die Jungvögel das Nest, nachdem sie schon am Tag zuvor auf dem Nestrand herumgeklettert sind. Sie haben zu diesem Zeitpunkt an Hals, Brust und Bauch eine lockere Nestbefiederung, die dann nach und nach vermausert wird. Beim Ausflug können sie noch recht schlecht fliegen und bleiben daher einige Tage in der Nähe des Nestes. Ruft ein Elternteil in dieser Zeit nach ihnen, so antworten sie mit einem „djiep-djiep-djieb“.[12]
Die Altvögel lassen nach dem Ausflug der Jungen in der Verteidigung des Nestgebiets nach,Krähen undEichelhäher werden jedoch noch abgewehrt. Sechs Wochen nach dem Ausflug ist die erste Mauser abgeschlossen; ihr zweites Jugendkleid ähnelt dem des adulten Weibchens. Die Jungen bleiben wohl bis zum Hochsommer bei den Eltern, wenn der Zug nach Süden ansteht.[12]
Der europäische Brutbestand wird auf 3,4 bis 7,1 Millionen Brutpaare geschätzt. Der Verbreitungsschwerpunkt liegt hier im kontinentaleren Osteuropa. In Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Russland, Belarus und der Ukraine kommen jeweils mehr als 100.000 Brutpaare vor. Der Bestand Mitteleuropas wird dagegen auf insgesamt 330.000 bis 520.000 Brutpaare geschätzt.[8]
Obwohl die Pirolbestände von Jahr zu Jahr sehr starken Schwankungen ausgesetzt sein können, gelten die Bestände europaweit als stabil. Gefährdungsursachen bestehen vor allem durch Zugverluste (Unfälle, Abschuss) sowie durch Habitatzerstörung sowohl in den Überwinterungs- als auch in den Brutgebieten. Durch systematisch betriebenen Vogelfang in den Überwinterungsgebieten des Pirols (u. a. an der Mittelmeerküste Ägyptens) werden den Populationen vermutlich jährlich tausende Individuen entnommen.[13]
In der Schweiz wird der Pirol in den nationalen Roten Listen geführt. In Deutschland ist der Pirol in der Vorwarnliste der Roten Liste enthalten. Im BundeslandNordrhein-Westfalen steht der Pirol als „stark gefährdet“ in der Roten Liste, in Niedersachsen und Bremen mit „gefährdet“.[13] Der Pirol ist gemäß § 7 Abs. 2 Nr. 13 b)Bundesnaturschutzgesetz eine in Deutschland besonders geschützte Art. Er war 1990Vogel des Jahres.[6]
Weltweit wird die Art in derRoten Liste derIUCN aufgrund der stabilen Bestandszahlen und des extrem großen Brutgebiets von etwa 26.600.000 km²[14] als „nicht gefährdet“ (Least Concern) eingestuft. Die Populationsgröße wird mit 17 bis 32 Millionen Individuen angegeben.[15]
NachBrehms Thierleben von 1882[16] wurde der Pirol volkstümlich nebenVogel Bülow undGoldamsel unter anderem auchPfingstvogel genannt. Diesen Namen verdankte er der Gewohnheit, zumeist erst im Mai in Mitteleuropa einzutreffen.
Durch den gleichklingenden Ruf kam das Adelsgeschlechtvon Bülow zu seinemWappentier.Vicco von Bülow nahm als Künstlernamen den französischen Namen des Vogels an:Loriot. Der Vogel wird bei Wappen alsgemeine Figur verwendet.
Der Pirol war dasMaskottchen der MineralölmarkeMinol. Zudem ist er Wappentier der Fliegergruppe derBundespolizei. In Verbindung mit einer pilotenbezogenen Kennnummer istPirol auch der Funkrufname des Flugdienstes der Bundespolizei nach demLuftfahrthandbuch (AIP).
Hans-Günther Bauer,Einhard Bezzel undWolfgang Fiedler (Hrsg.):Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 2:Passeriformes – Sperlingsvögel. Aula, Wiebelsheim 2005,ISBN 3-89104-648-0.
Einhard Bezzel:Der Pirol. Blüchel & Philler, Minden 1989,ISBN 3-7907-0447-4.
Klaus-Dieter Feige:Der Pirol: Oriolus oriolus. (=Die Neue Brehm-Bücherei. Band 578). 2., unveränderte Auflage. Westarp-Wissenschaft, Magdeburg/Spektrum/Heidelberg/Berlin/Oxford 1995,ISBN 3-89432-247-0 (Nachdruck der 1. Auflage, Ziemsen, Wittenberg Lutherstadt 1986,ISBN 3-7403-0018-3).
Ralf Wassmann:Ökologische und ethologische Untersuchungen am Pirol (Oriolus oriolus L. 1758), [Göttingen] 1996,DNB949852953 (Dissertation Universität Göttingen 1996, 164 Seiten mit Illustrationen und graphischen Darstellungen, Kt., 21 cm).
Ralf Wassmann:Der Pirol. Ein Tropenwaldvogel in Europa? (=Sammlung Vogelkunde im Aula-Verlag), Aula, Wiebelsheim 2004,ISBN 3-89104-671-5.
↑Carl von Linné:Systema naturae per regna tria naturae: secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis. Laurentii Salvii, 1758–1759. S. 107. (BHL)
↑abThorsten Krüger, Markus Nipkow:Rote Liste der in Niedersachsen und Bremen gefährdeten Brutvögel, 8. Fassung, Stand 2015. Hrsg.: Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.Band35,Nr.4. Hannover April 2015,S.195, 239.
↑Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882,S. 531–534.