
Paul Ekman (*15. Februar1934 inWashington, D.C.; †17. November2025 inSan Francisco,Kalifornien[1]) war einUS-amerikanischerPsychologe, der besonders für seine Forschungsarbeiten zum ThemengebietEmotion undGesichtsausdruck bekannt wurde.[2]
Ekman studierte zunächst Psychologie an derUniversity of Chicago und an derNew York University. SeinenDoktorgrad erhielt er 1958 an der New YorkerAdelphi University. Von 1958 bis 1960 diente er als Leitender Psychologe derU.S. Army inFort Dix (New Jersey). Danach entwickelte er diverse Forschungsvorhaben, die u. a. vomNational Institute of Mental Health und von derNational Science Foundation gefördert wurden. 1972 wurde er zum Professor fürPsychologie an derUniversity of California, San Francisco berufen, der er auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2004 verbunden blieb.
Gemeinsam mit seinem Kollegen W. V. Friesen stellte Ekman dasFacial Action Coding System (FACS) auf. Es ist eine physiologisch orientierte Klassifikation deremotionalenGesichtsausdrücke. Das System spielt in derAusdruckspsychologie und derpsychoanalytischen Therapieforschung eine wichtige Rolle; aber auch für die Arbeit von Marketingagenturen, Schauspielern und Trickfilmproduzenten. Es stellt gleichzeitig eine Methode dar, mit der zeitlich ablaufende emotionale Ausdrucksmuster erfasst und beschrieben werden können. Nicht erfasst werden von dem System jedoch nicht-emotionale Ausdrücke, die ca. 70 % aller Gesichtsausdrücke ausmachen, sowie Körperausdrücke.[3]
Ekman fand außerdem statistische Hinweise[4] für die erbliche Bedingtheit zahlreicher emotionaler Ausdrücke, darunter die von ihm unterschiedenen siebenBasisemotionen: Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Diese Basisemotionen werden von allen Menschen kulturübergreifend in gleicher Weise erkannt und ausgedrückt. Die von Ekman als elementar beschriebenen Gesichtsausdrücke sind nicht kulturell erlernt, sondern angeboren, also genetisch bedingt. Damit steht er in der Tradition vonGuillaume-Benjamin-Amand Duchenne sowie vonCharles Darwins WerkDer Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren (The Expression of the Emotions in Man and Animals, 1872).
Evolutionäre Vorteile des nach Ekman typischen Gesichtsausdrucks bei Überraschung können z. B. darin bestehen, dass weit geöffnete Augen die Informationsaufnahme und der geöffnete Mund die Atmung erleichtern. Auch erleichtert ein genetisch bedingtes einheitliches Ausdrucksverhalten die Kommunikation, Fortpflanzung und Vergesellschaftung.
Paul Ekman gilt als Begründer derneurokulturellen Theorie der Emotionen, nach der am Zustandekommen eines Emotionsausdrucks folgende Komponenten beteiligt sind:
Diedisplay-rules spielen somit eine wesentliche Rolle für das Zeigen von Gefühlen. Ekman unterscheidet dabei folgende Affektkontrollmechanismen:
Nach Ekman sind es 43 Muskeln, mit denen mehr als 10.000 Gesichtsausdrücke erzeugt werden können. Dazu erhebt Ekman folgenden Anspruch: „Ich habe alle gesehen. Ich bin bis Papua-Neuguinea und auf alle Kontinente gereist. Es gibt keinen Ausdruck, den ich nicht kenne.“[5] Die EmotionÜberraschung lässt sich allerdings auch Ekman zufolge kaum fotografieren.
Ekman beschäftigte sich zuletzt vor allem mit dem Phänomen der Lüge und unterschied hier zwischen „Verheimlichung“ (Weglassen von Informationen) und „Verfälschung“. Verheimlichung wird vor allem für emotionsbezogene Lügen verwendet, um das Gegenüber vor negativen primären Emotionen (z. B. Angst) zu schützen, wohingegen Verfälschen v. a. bei tatsachenbezogenen Lügen eingesetzt wird und vor allem mit strukturellen Emotionen (z. B.Scham,Schuld) verbunden ist.
Die Figur desDr. Cal Lightman in der FernsehserieLie to Me, der als weltbester menschlicherLügendetektor alle Lügen undTäuschungen durch Analyse von Gesichtsausdruck und Körpersprache aufzudecken vermag, basierte auf Ekman. Er hatte bei der Entwicklung der Serie als wissenschaftlicher Berater mitgewirkt.
Ekman gründete 2004 die Paul Ekman Group,[6] ein Unternehmen, das auch fürCIA,FBI und Security-Firmen arbeitet[7]. U. a. bietet es Schnell- und Intensivfernkurse zur Analyse des Gesichtsausdrucks und dermicro expressions (ab 40 Minuten Kursdauer) an, die das Ziel haben, andere Menschen besser zu verstehen, Lügen zu identifizieren und den Ausdruck der eigenen Emotionen besser zu kontrollieren. Das ist möglich, weil Ekmans Trainingsprogramme den Einfluss sozialer Lernprozesse auf den Gesichtsausdruck einbeziehen: Geheimdienstler beispielsweise und andere „Virtuosen“, die „besonders hoch motiviert sind, weil ihr Überleben von so einer Situation abhängen könnte“,[8] können nach Ekman mit seiner Methode der Erkennung vonMikroexpressionen – das sind extrem kurze emotionale Ausdrucksformen von einer 1/5- bis zu einer 1/25-Sekunde – eine Trefferquote von 96 % erreichen. Ziel ist es u. a., eine Methode zu entwickeln, mit der man am Gesichtsausdruck eines potenziellen Täters einen unmittelbar bevorstehenden Mord erkennen kann. Im Auftrag eines US-Geheimdienstes entstand dazu das geheimgehaltene ProjektSigns of Immediate Attack („Signale für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff“).
Ekman wurde von Menschenrechtsorganisationen mehrfach Diskriminierung vorgeworfen, weil er Flughafenpersonal bei der Wahrnehmung der Mikroexpressionen von Passagieren schult, damit sie auffällige Passagiere erkennen können. In einemNature-News-Artikel aus dem Jahr 2010 bezweifeln Wissenschaftlerkollegen, dass das Konzept in der Praxis funktioniere. Zudem habe Ekman seit Jahrzehnten seine Studien nicht perPeer-Review überprüfen lassen.[9] Auch habe er zu Beginn seiner Arbeiten mit gestellten Fotos gearbeitet, die die Unterscheidung subtilerer Varianten des Gesichtsausdrucks nicht zuließen.
Weiterhin fehlten wichtige Emotionen im Ekman-Modell (sexuelle Erregung, Mutter-Kind-Liebe, Neugier). Während die Basisemotionen von Ekmanunipolar dargestellt werden (z. B. fehlt zum Ekel der Appetit), bevorzugen viele Persönlichkeitstheorien einebipolareSkalierung von Persönlichkeitsmerkmalen. Sie verorten Individuen auf einem Kontinuum z. B. zwischen Introversion und Extraversion. Freude wiederum sei eine sehr unspezifische Emotion – von der hämischen Schadenfreude bis zur Freude über einen sportlichen Sieg habe sie viele Facetten und unterschiedliche Ausdrucksformen.
Ekman übersah nach Ansicht von Kritikern, dass die soziale Kommunikation nur eine Funktion von Emotionen sei. Bei vielen Emotionen wäre es unter evolutionstheoretischen Gesichtspunkten adäquater, sie zu verbergen.[10]
Auch aus Sicht der Hirnforschung kommt Kritik an Ekman. So konnten Hennenlotter und Schröder nur für Ekel und Angst eindeutige neuronale Korrelate nachweisen.[11]
Die hohe Varianz und vergleichsweise schwacheSignifikanz seiner eigenen Befunde erklärte Ekman selbst mit der kulturellen Prägung des Ausdrucks durch soziale Normen sowie kulturell geprägte Dekodierregeln. Soziologische Kritiker setzten dem ein Konzept dergraduellen Dekodierung von Expressionen entgegen: Bei einer anzunehmenden begrenzten, eventuell nur minimalen Universalität des Gesichtsausdrucks wäre innerhalb kulturell und sozial homogener bzw. sich nahestehender Gruppen eine deutlich präzisere „Decodierung“ derDialekte möglich als zwischen unterschiedlichen Gruppen. Die Basisemotionen wären außerdem nicht diskret, sondern mischten sich im komplexen Gesichtsausdruck. Ekman ignorierte auch das seitGustave Le Bon undÉmile Durkheim bekannte Phänomen „sozial ansteckender“ Emotionen.[12]
In den letzten Jahren häuften sich empirische Befunde, die gegen die Universalität des Ekman-Modells sprechen, zumindest was die Fähigkeit zur Decodierung der Affekte von Menschen anderer Kulturkreise betrifft. Viele dieser sozial- oder kulturwissenschaftlich orientierten Autoren nahmen nicht direkt Stellung zum biologischen Modell Ekmans, sondern untersuchten, ob bestimmte Emotionen wie Ärger aufgrund des Gesichtsausdrucks in unterschiedlichen kulturellen oder situativen Kontexten zuverlässig wahrgenommen werden können. Das könnte sowohl als Ausdruck der intensiven Arbeit an derReliabilität von wie auch der Kritik an Systemen derkünstlichen Intelligenz gewertet werden, die den Ausdruck von Emotionen in jeder Situation erkennen sollten (sozusagen einer „künstlichen emotionalen Intelligenz“).[13]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ekman, Paul |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Anthropologe und Psychologieprofessor |
| GEBURTSDATUM | 15. Februar 1934 |
| GEBURTSORT | Washington, D.C. |
| STERBEDATUM | 17. November 2025 |
| STERBEORT | San Francisco,Kalifornien |