Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zu weiteren Bedeutungen siehePutsch (Begriffsklärung).
Darstellung desZüriputschs (1839), durch den das Wort Putsch international bekannt wurde
EinPutsch oderStaatsstreich (oftfranzösischcoup d’état [ˌkudeˈta]) ist eine illegale, meist gewaltsame und überraschende Aktion von Angehörigen desMilitärs oderparamilitärischer Organisationen und/oder einer Gruppe von Politikern mit dem Ziel, die Macht im Staat zu übernehmen oder für sich zu erhalten.
Das WortPutsch wird zumeist nur für eine erfolgreiche Militärrevolte benutzt. Ihr folgt in der Regel eineMilitärdiktatur oder die Herrschaft eines autoritärenRegimes. Nach einem Fehlschlag ist meist von einemPutschversuch oderRevolte die Rede. Da das WortPutsch negativ konnotiert ist, verwenden Putschisten selbst in der Regeleuphemistische Bezeichnungen für ihre Handlungen.[1] Bekannte Beispiele sind die Militärputschein Chile 1973 oderin Griechenland 1967. Einer der seltenen Fälle, in denen ein Militärcoup eine Demokratisierung zur Folge hatte, war dieNelkenrevolution in Portugal 1974.
VonPutsch undStaatsstreich unterscheidet sich dieRevolution dahingehend, dass eine Revolution nicht nur von einer kleinen Gruppe, sondern von relevanten Teilen desVolkes getragen wird und nicht nur einen Regimewechsel, sondern einen tiefgreifenderen Wandel zur Folge hat. Die Trennung ist aber nicht scharf; so wird beispielsweise dieNelkenrevolution alsRevolution bezeichnet, obwohl sie ein Putsch war.
Ursprünglich stammt der Begriff aus der Schweiz, wo dasschweizerdeutsche DialektwortPutsch die Bedeutung ‚heftiger Stoß‘, ‚Zusammenprall‘ oder ‚Knall‘ hat. Diese eigentliche Bedeutung findet sich seit dem 15. Jahrhundert bezeugt; ab dem 16. Jahrhundert ist das Wort auch im übertragenen Sinn für die Initiative zu einem Unternehmen belegt und schließlich in der spezielleren Bedeutung ‚Volksauflauf‘, ‚Revolte‘.[6] Im 19. Jahrhundert wurde das Wort im letztgenannten Sinn für verschiedene regionale und kantonale Umstürze und Unruhen wie denFreiämter Putsch (1830), denZüriputsch (1839), denNeuenburger Putsch (1856) oder denTessiner Putsch (1890) gebraucht.[6] Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich das Wort dann im gesamten deutschen Sprachraum, insbesondere befördert durch Zeitungsberichte über den reaktionärenZüriputsch in Zürich (1839).
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Begriff auch insEnglische[7] sowie insFranzösische[8] entlehnt, wobei er hier zunächst nur als Terminus technicus in Zusammenhang mit den politischen Wirren der Zwischenkriegszeit in Deutschland und Österreich begegnet (Kapp-Putsch 1920,Hitlerputsch 1923,Juliputsch 1934), in der allgemeineren Bedeutung „Umsturzversuch [gleich wo]“ erst seit etwa 1950.[9] Spätestens seit dem so genanntenPutsch d’Alger (1958) ist er im politischen Diskurs Frankreichs fest verankert.
Für die im Kontext von Putschaktivitäten stehende politisch sensible Region in Subsahara-Afrika hat sich unterdessen der BegriffCoup belt (Putschgürtel) etabliert.
Darüber, ob und inwiefern sich die BegriffePutsch undStaatsstreich unterscheiden, besteht keine Einigkeit. Oft wird der Unterschied darin gesehen, dass bei einem Putsch der gewaltsame Sturz der Regierung von außen versucht wird (etwa vom Militär), während an einem Staatsstreich ein oder mehrere Mitglieder der aktuellen Regierung beteiligt sind. Der BegriffStaatsstreich entstand im 17. Jahrhundert als deutsche Übertragung des französischen Begriffescoup d’état. Die erste Monografie über den Staatsstreich wurde von Gabriel Naudé verfasst. Weite Verbreitung fand der Begriff im Zuge desStaatsstreichs des 18. Brumaire VIII, d. h. der MachtübernahmeNapoleons in Frankreich 1799 sowie des Staatsstreichs vonLouis-Napoléon Bonaparte vom 2. Dezember 1851.
DerDuden gibt beiPutsch als Bedeutung an: „von einer kleineren Gruppe [von Militärs] durchgeführter Umsturz[versuch] zur Übernahme der Staatsgewalt“.[10] BeiStaatsstreich lautet die Bedeutungsangabe dagegen: „gewaltsamer Umsturz durch etablierte Träger hoher staatlicher Funktionen“.[11]Coup d’État wird als (weitgehend) gleichbedeutend mitStaatsstreich behandelt.[12]
DerBrockhaus vermerkt ergänzend, dass ein Staatsstreich ein planmäßig gegen dieVerfassung gerichteter Umsturz bzw. Umsturzversuch sei.Meyers Konversations-Lexikon nennt Verfassungswidrigkeit als besonderes Merkmal eines Staatsstreichs. Einen Putsch hingegen beschreiben beide weniger spezifisch, das Merkmal eines gegen die Verfassung gerichteten Umsturzplanes muss dafür nicht notwendig erfüllt sein.
Auch dasPolitiklexikon sieht den Unterschied darin, dass die Akteure eines Staatsstreiches bereits an der Macht beteiligt seien. AlsAntonym zuStaatsstreich nennt esPutsch.[13]
NachWalter TheimersLexikon der Politik wird ein Staatsstreich „insbesondere vom Militär oder Teilen davon“ durchgeführt. Der Unterschied bestehe darin, dass die Putschisten „subalterne Offiziersgruppen“ oder andere eher machtlose Gruppen seien; Voraussetzung für die Durchführung eines Staatsstreichs sei dagegen eine hohe Machtstellung der Akteure, die – wie bei der AbsetzungMussolinis durch KönigViktor Emanuel III. 1943 – sogarStaatsoberhäupter sein könnten. Das Antonym vonStaatsstreich seiRevolution.[14]
DasWörterbuch zur Geschichte definiert Putsch als Sonderform des Staatsstreichs: Er sei ein „Staatsstreich von unten durch eine kleinere Gruppe“.[15]
Andere Autoren behandeln die Begriffe als mehr oder weniger gleichbedeutend:
Der Kriminologe Wolf Middendorf sieht keinen wesentlichen Bedeutungsunterschied, allenfalls gehörten Putschisten oft niedrigeren militärischen Rängen an.[16]
Das Wortschatzlexikon der Universität Leipzig bezeichnet beide Begriffe alssynonym.[17]
Streitkräfte haben häufig Traditionen und Organisationsstrukturen, die älter sind als dasRegime, dessen Existenz zu sichern ihre Aufgabe ist. Die Zusammensetzung desOffizierskorps kann dabei eine Rolle spielen, die Größe der Armee, eine Tradition von vorangegangenen Militärputschen, Niederlagen in Kriegen oder nationale Krisen, deren Bewältigung einer zivilen Regierung nicht zugetraut wird. Das kann dazu führen, dass zivile Regierungen entweder von Militärs in Putschen direkt beseitigt, oder aber vom Militär ihren inneren Feinden ausgeliefert werden.
Häufiger als der direkte Putsch mit dem Sturz der Regierung ist die legalisierte Auflehnung, bei der das Militär seine umfangreichen Machtbefugnisse nutzt, um direkten Einfluss auf politische Regierungsentscheidungen zu nehmen. In derTürkei,Thailand,Chile und inBurma hatte sich das Militär nach Militärputschen auch für die Zeit nach der Rückgabe der Macht an die Zivilisten derartige Einflussmöglichkeiten gesichert. Parlamentssitze und andere institutionalisierte Einflussmöglichkeiten sichern dem Militär einen Einfluss an der politischen Macht, ohne dass eine direkte Gewaltandrohung ausgesprochen werden muss.
Eine Sonderform des Putsches ist die Palastrevolution. Sie bezeichnet keine Revolution, sondern einen Sturz von Herrschern oder Staatsmännern,[19] der nicht durchVolksaufstände oderErhebungen der Bevölkerung, sondern durchIntrigen im Umfeld der jeweiligen Herrscher herbeigeführt wird.[20] Umgangssprachlich wird auch die Auflehnung gegenVorgesetzte in Firmen und Organisationen alsPalastrevolution bezeichnet.[21][22] Beispiele sind dieRussischen Palastrevolutionen.
AlsSelbstputsch (spanischAutogolpe) wird ein Staatsstreich bezeichnet, bei welchem ein demokratisch gewähltes Staatsoberhaupt oder Regierungschef mithilfe des Militärs oder unverfassungsgemäßer Methoden dasParlament und/oder dasVerfassungsgericht ausschaltet, um diktatorische Macht zu erlangen. Als bekanntestes Beispiel dieses Selbstputsches gilt derAutogolpe vonPerus PräsidentenAlberto Fujimori im April 1992.[23] InGuatemala versuchte 1993Jorge Antonio Serrano Elias nach dem Vorbild Fujimoris die Macht an sich zu reißen, wurde aber nach massiven Protesten entmachtet.[24] Ein weiterer, aber erfolgloser Selbstputsch in Peru wurde im Dezember 2022 vonPedro Castillo durchgeführt, welcher infolgedessen des Amtes enthoben wurde.[25]
Obwohl das WortPutsch international erst seit dem „Züriputsch“ in Gebrauch ist, können Staatsstreiche in davorliegenden Zeiten ebenso bezeichnet werden.
Gabriel Naudé:Considérations politiques sur les coups d’estat. Erstauflage 1639, Neuauflage bei Le Promeneur. -ISBN 2-07-077275-6, deutschsprachige Erstausgabe: Politisches Bedencken über die Staats-Streiche, Leipzig 1668.
David Hebditch, Ken Connor:Wie man einen Militärputsch inszeniert. Von der Planung bis zur Ausführung.Ares-Verlag, Graz 2006,ISBN 3-902475-23-4.
Edward Luttwak: Wie inszeniert man einen Staatsstreich oder: Der Coup d’Etat. Rowohlt, Reinbek 1969.
François Mitterrand:Le Coup d’État permanent (dt.Der permanente Staatsstreich), 1964.
↑David Pion-Berlin, Thomas Bruneau, Richard B. Goetze:The Trump Self-Coup Attempt: Comparisons and Civil–Military Relations. In:Government and Opposition. 7. April 2022,ISSN0017-257X,S.1–18,doi:10.1017/gov.2022.13 (cambridge.org [abgerufen am 29. August 2023]).
↑Robert J. Antonio:Democracy and Capitalism in the Interregnum: Trump’s Failed Self-Coup and After. In:Critical Sociology.Band48,Nr.6, September 2022,ISSN0896-9205,S.937–965,doi:10.1177/08969205211049499 (sagepub.com [abgerufen am 29. August 2023]).
↑abZum Sprachlichen sieheSchweizerisches Idiotikon, Band IV, Spalte 1936 ff., ArtikelPutsch VII, ebenda auch dessen Zusammensetzungen und Ableitungen; sodann darauf aufbauendChristoph Landolt:Putsch. In:Wortgeschichten. Hrsg. von der Redaktion des Schweizerischen Idiotikons (Blogbeitrag vom 20. Januar 2026).
↑Lemmaputsch imPortail lexical des Centre national de ressources textuelles et lexicales (CNTRL).
↑Charles de Gaulle setzte den Begriff 1943 noch in Anführungszeichen, als erGeorges Catroux in einem Brief vor der Unterwanderung desFranzösischen Komitee für die Nationale Befreiung durch Vichy-Sympathisanten und andere feindliche Mächte warnte (Brief an General Georges Catroux vom 9. Juni 1943, ediert in: Charles de Gaulle:Lettres, notes et carnets, Band 13 (Compléments 1924–1970). Place des éditeurs, Pariss 2014).
↑Duden online:Putsch (der Zusatz „von Militärs“ in eckigen Klammern besagt, dass sich der Begriff in erster Linie auf Akteure aus dem Militär bezieht).
↑Klaus Schubert und Martina Klein:Das Politiklexikon. 4. Auflage. Dietz, Bonn 2006 (online, Zugriff am 2. Juni 2010).
↑Walter Theimer:Lexikon der Politik. Politische Begriffe, Namen, Systeme, Gedanken und Probleme aller Länder. 6. Auflage. Francke Verlag, Bern 1961, S. 673 f.
↑Erich Bayer (Hrsg.):Wörterbuch zur Geschichte. Begriffe und Fachausdrücke (=Kröners Taschenausgabe. Band 289). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 1980,ISBN 3-520-28904-0, S. 429.
↑Wolf Middendorf:20. Juli und Kapp-Putsch in der Sicht der Kriminologie. In: Hans-Dieter Schwind, Günter Blau, Ulrich Berz et al. (Hrsg.):Festschrift für Günter Blau zum 70. Geburtstag am 18. Dezember 1985. De Gruyter, Berlin und New York 1985, S. 257.
↑Manfred Hildermeier:Die Sowjetunion 1917–1991. Oldenbourg, München 2007, S. 1 und 226.
↑dtv-Lexikon in 20 Bänden. F. A. Brockhaus GmbH, Mannheim, und Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1997,ISBN 3-423-05998-2.
↑Knaurs Lexikon. Das Wissen unserer Zeit immer auf dem neuesten Stand. Vollständige Taschenbuch-Ausgabe 1987. Droemersche Verlagsanstalt, München 1985, 1987,ISBN 3-426-07739-6.