Organum (griechischOrganon, „Instrument“; Mehrzahl: Organa; auchDiaphon) bezeichnet die ersten abendländischen Arten derMehrstimmigkeit im 9. bis 11. Jahrhundert. Die Organa entwickelten sich imfrühen Mittelalter in der Praxis desgregorianischen Gesangs. Auch das einzelne überlieferte Stück dieser Art wird oft Organum genannt.
Einer Hauptstimme (Vox principalis oderCantus, später derCantus firmus) wird zunächst eine einzelne zweite Stimme (Vox organalis, später derDiscantus) in recht starrer Parallelbewegung (Intervalle, beispielsweisePrimen,Quarten,Quinten,Oktaven) hinzugefügt. Dieser improvisierte mehrstimmige Gesang, bei dem auch besonders dieOrgel in Parallelen begleitet, ist aus dem Mittelalter in Sängerschulen einiger Klöster undKathedralen überliefert. In der Zeit vom 9. zum 11. Jahrhundert begannenKomponisten oder Sänger derChoralschola, weitere Stimmen hinzuzufügen und sich von der starren Intervallbindung zu lösen. Spätere, komplexe, bis zu vierstimmige Organa stammen vonPerotin und seinem LehrmeisterLeonin, den führenden Vertretern derNotre-Dame-Schule.
Die frühesten Quellen aus dem 9. Jahrhundert beschreiben das Organum als eine aktive Praxis. Diese Praxis mag schon einige Hundert Jahre älter sein – ihre Ursprünge lassen sich nicht rekonstruieren. Es ist nicht klar, ob das frühe Organum sich aus einem primitiven, strengen Parallelismus entwickelt hat oder aber aus einer freien, nur durch dieKirchentonarten gebundenenHeterophonie.
Das erste Dokument, das die Organumpraxis nachvollziehbar beschreibt, ist dieMusica enchiriadis (gegen 895), einTraktat, das traditionell (und vermutlich inkorrekt) dem MönchHucbald (* um 840; † 930) zugeschrieben wurde. Das Werk entstand vermutlich imKloster Werden.[1] Danach war die Organumpraxis nicht als Mehrstimmigkeit im modernen Sinn konzipiert, sondern die hinzutretende Stimme sollte lediglich den einstimmigen Gesang verstärken. DieMusica enchiriadis macht außerdem deutlich, dass Oktavverdopplungen akzeptiert wurden, denn sie ließen sich bei gemeinsamem Gesang von Männer- und Knabenstimmen nicht vermeiden. Auch das Mitspielen einerSingstimme durch Instrumente war Praxis. Der TraktatScholia enchiriadis behandelte das Thema eingehender.
Im ursprünglichen Parallelgesang lag die originale Melodie in der oberen Stimme (Vox principalis). Die Vox organalis wurde einperfektes Intervall tiefer parallel geführt, meist eine Quarte tiefer. So hörte man die Melodie als Hauptstimme, die Vox organalis als Begleitung oder Verstärkung. Diese Art des Organums wird heute üblicherweise alsParallelorganum bezeichnet,[2] je nach Intervall beispielsweise alsQuartorganum oderQuintorganum, obwohl in frühen Traktaten Begriffe wieSinfonia gebräuchlich waren.
Da dieMusica enchiriadis vor der (Wieder-)Entwicklung einer standardisierten musikalischen Notation geschrieben wurde, beschreibt sie das Organum rein textlich. Es ist nicht bekannt, wie genau die Angaben befolgt wurden. BeideEnchiriadis-Abhandlungen versuchen in erster Linie eine pseudo-wissenschaftliche Herleitung desHexachords und derKirchentonleitern. Daher stand bei der Behandlung des Organums möglicherweise der Blickwinkel der aufkommenden Hexachord-Lehre gegenüber einer fachlich genauen Beschreibung der Organumpraxis im Vordergrund.
Ein strenges Parallelorganum wurde schon in diesen frühen Schriften nicht als abschließend dargestellt. Die Abhandlungen gehen von der Grundlage der Parallelität aus und schlagen dann „bessere“ Arten des Organums vor: unter Einbeziehung von Zwischentönen. So werden imQuartorganum nicht nurQuarten verwendet, sondern auch kleinere Intervalle, um dem bei starrer Parallelbewegung zeitweilig zwangsläufig auftretendenTritonus zu entgehen. Die überwiegende Mehrzahl der Musikbeispiele dieser Abhandlungen verwendet als Intervalle Sekunden, Terzen, Quarten, Quinten undSexten. DieÄsthetik zur Begründung dieser anderen Intervalle wurde durchGuido von Arezzo in seinemMicrologus untersucht (ab zirka 1020). Diese stärker variierten Formen des Organums werden alsfreies oderschweifendes odermelismatisches Organum bezeichnet.
Das schweifende Organum verwendet außer Parallel- auchSeitenbewegung (eine der beiden Stimmen bleibt unbewegt), und auch gerade Bewegung (beide Stimmen gehen in dieselbe Richtung, aber um verschiedene Intervalle) undGegenbewegung gewinnen an Bedeutung. DasWinchester Tropar (um 1050), Werke vonJohannes Cotto und die so genanntenChartres-Fragmente dokumentieren eine kontinuierlich freier werdende Behandlung derStimmführung.
Im späten 11. Jahrhundert finden sich Beispiele, in denen mehrere Noten der Organal-Stimme nacheinander gegen eine einzige Note desCantus firmus gesetzt werden.
DieTroubadours, ausgehend im 11. Jahrhundert von Südfrankreich (Okzitanien), und dieTrouvères des 12. Jahrhunderts in Nordfrankreich sowie dieMinnesänger im deutschsprachigen Raum verwendeten für ihre geistliche und weltlicheLyrik zum Teil gleicheMelodien, bis sich schließlich erste schriftliche Aufzeichnungen der Organa alsPartituren inNeumen-Notation imWallfahrtsort St. Jacob inSantiago de Compostela in Nordspanien und in St. Martial in Limoges in einem Kloster finden.
Das Organum erreichte seinen Höhepunkt im 12. Jahrhundert. Gegenüber derImprovisation des Organums tritt seineKomposition in den Vordergrund. Der Cantus firmus liegt nicht mehr in der Oberstimme, sondern in der tiefsten Stimme als Basis des musikalischen Satzes. Entsprechend ihrer Lage gewinnen die organalen (Ober-)Stimmen an musikalischer Bedeutung. Zwei unterschiedliche Schulen sind führend in der Organum-Komposition: dieSt.-Martial-Schule und dieNotre-Dame-Schule, nach der die zweite Hälfte des 12. und die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts auch alsNotre-Dame-Epoche bezeichnet wird.
Die St.-Martial-Schule war eine Komponistenschule um dieAbteiSt. Martial inLimoges. Neben reichen Organa stammen (einstimmige)Tropen undSequenzen aus diesem Umfeld.
In der Notre-Dame-Epoche schufenLéonin (Leoninus magnus) undPérotin (Perotinus magnus) großangelegte drei- und vierstimmige Organa, die mit Hilfe der neu entwickeltenModalnotation schriftlich festgehalten wurden. Die Organisation der Stimmen war nur durch die Verwendung eines ordnendenRhythmus möglich, der auf densechs Modi des Modalrhythmus beruhte.
Aus derKunst der Notre-Dame-Schule erwuchsen spätere Formen wie dieMotette derArs antiqua.