DasÖdem (vonaltgriechischοἴδημαoídēma, deutsch‚Schwellung‘) oder die „Wassersucht“ ist eine Schwellung vonKörpergewebe aufgrund einer Einlagerung von Flüssigkeit aus demGefäßsystem.
Ödeme werden seit dem Altertum beschrieben und behandelt. Imantiken Griechenland verstand man unter einem Ödem jede „Geschwulst“, also sowohl „die Wassergeschwulst als auch die feste Geschwulst“.[1]
Im Jahr 1761 gelang esJean-Nicolas Corvisart, die kardiale Wassersucht mittels der vonLeopold Auenbrugger entwickelten Methode der Perkussion zu diagnostizieren. Eine ausführliche Beschreibung der Wassersucht veröffentlichte 1813[2] der englische MedizinerJohn Blackall (1771–1860), dem es allerdings nicht gelang, eine spezifische Therapie daraus abzuleiten.[3]
„Ein klassisches Beispiel für die Folgen chronischerUnterernährung ist die Ödemkrankheit. In größerem Umfange wurde dieses Leiden in Europa im Kriege 1914 bis 1918 beobachtet, wenn man von den sicher verbürgten Nachrichten über die Häufigkeit der Wassersucht unter dennapoleonischen Soldaten absieht. Die als Gefängniskachexie beschriebenenhydropischen Zustände sind mit dem Bild der Ödemkrankheit nahezu identisch. Ob die auf Segelschiffen früher beobachtete Wassersucht eine Ödemkrankheit darstellt oder, wie vermutet wird, mit der hydropischen Form derBeriberi identisch ist, bleibt eine offene Frage.“[4]
Früher wurden wegen der ähnlichenSymptomatik die Ödemkrankheit, die Wassersucht, dieHerzinsuffizienz und dieNiereninsuffizienz häufig als identisch angesehen. Zahlreich waren die „Theorien der Ödementstehung“.[5]Otto Dornblüth verstand 1893 unter einem Ödem jede „Ansammlung wässriger Flüssigkeit in den Spalträumen desBindegewebes“.[6]
Ödeme sind meist Folge einer zugrundeliegenden Erkrankung, also im engeren Sinne einSymptom, z. B. bei einerHerz- oderNiereninsuffizienz oder einerLeberzirrhose.Venöse Abflussstörungen können zu lokalisierten Ödemen führen, eine Beinvenenthrombose z. B. kann zu einer Schwellung des betroffenen Beins führen.
Wird die Flüssigkeit im Gewebe nicht ausreichend über dieLymphbahnen abgeführt, so nennt man dieses einLymphödem („Wasser in den Beinen“).
Weiterhin kann es zum Ödem kommen, wenn die Konzentration von Bluteiweißen (Albuminen) abnimmt (Hypalbuminämie). Das geschieht z. B. beimHungerödem (zu geringe Eiweißzufuhr) und beimnephrotischen Syndrom, das durch hohe Eiweißverluste über dieNieren gekennzeichnet ist. Allerdings hat die neuere Forschung gezeigt, dass Personen, die wegen einer genetischen Abweichung keine Albumine ausbilden, eine normale Lebenserwartung ohne größere gesundheitliche Beeinträchtigungen haben.[7]
Durch entzündliche oder allergische Prozesse kann es zu einer erhöhten Durchlässigkeit derKapillaren kommen. Die hierbei ins Gewebe austretende Flüssigkeit ist eiweißreich und wirdExsudat genannt.
Eine weitere Ursache ist eine langanhaltende Belastung durch ausschließliches Sitzen oder Stehen (orthostatisches Ödem), vor allem wenn dies mit reduzierter Bewegung (Inaktivitätsödem) verbunden ist und das Gewebewasser nicht mehr durch dieMuskelpumpe abtransportiert werden kann. Dies ist vor allem in höherem Alter eine häufige Erscheinung: z. B. einseitig im gelähmten Bein nachSchlaganfällen, aber auch oft beiRollstuhlfahrern mangels regelmäßiger Bewegung der Beine.
In seltenen Fällen kann eine Infektion mit demParvovirus B19 Ödeme hervorrufen.[9]
Bei dem krankhaften Überschuss vonGewebsflüssigkeit (Zwischenzellflüssigkeit) der Ödeme ist regelmäßig eine erhöhte Durchlässigkeit (Permeabilität) der kleinsten Blutgefäße (Kapillaren) beteiligt. Diese Durchlässigkeit wird durch vielfältige biochemische Kettenreaktionen gesteuert und kann dementsprechend durch viele Ursachen gestört werden.[10]
Die Lokalisation der Wassereinlagerungen gibt weitere Hinweise: Bei Luftnot liegt möglicherweise einLungenödem bei Versagen der linken Herzkammer vor. Wassereinlagerungen im Bauch (Aszites) weisen auf eine Lebererkrankung hin. Schwellungen der Beine können durch Versagen der rechtenHerzkammer,chronisches Nierenversagen, Venenerkrankungen oder Lymphabflussstörungen verursacht sein.
Wichtig ist auch der zeitliche Verlauf: Bei Frauen kann es im Rahmen desMenstruationszyklus zu periodischen Wassereinlagerungen kommen. Diese sollten jedoch nicht mitDiuretika behandelt werden, da durch die Behandlung die Symptome eher verschlimmert würden.
Beim Lungenödem sind beimAbhören mit dem Stethoskop (Auskultation) feuchte Rasselgeräusche zu hören. Zur sicheren Diagnose ist eine Lungen-Röntgen-Aufnahme erforderlich, da andere Lungenkrankheiten, wie z. B. eineLungenembolie ähnliche Symptome verursachen können. Eine Schwellung des Leibes kann auf Wassereinlagerungen in der Leibeshöhle (Aszites) bei Leberzirrhose, nephrotischem Syndrom oder Rechtsherzversagen hinweisen. BeimAbklopfen ist ein gedämpfter Klopfschall zu hören, unter Umständen kann beim Beklopfen der Bauchwand eine Flüssigkeitswelle ausgelöst werden. Die Diagnose kann durch eine Ultraschalluntersuchung gesichert werden. Wassereinlagerungen in Bauchwand und Flanken (Anasarka) können bei schwerem Herzversagen oder fortgeschrittenem Nierenversagen auftreten. Eindrückbare Schwellungen der Beine, wie sie schon beiAlexander von Tralleis (525–605) als Ödemsymptom beschrieben[12] wurden, weisen auf venöse Abflussstörungen, eine Herzinsuffizienz oder eineNierenerkrankung hin, eine einseitige Schwellung des Beines spricht dabei für eine Venenerkrankung. Nicht eindrückbare Schwellungen der Beine findet man dagegen bei Lymphabflussstörungen und beimMyxödem infolge einer Unterfunktion derSchilddrüse. Schwellungen derAugenlider können auf Eiweißverluste über die Nieren hinweisen.
Ödeme bei Nierenunterfuktion (Niereninsuffizienz) werden häufig mit Mitteln der Entwässerung (Diuretika) behandelt. Eine solche Behandlung ist jedoch umstritten, und es gibt weder in den Leitlinien der Fachgesellschaften noch in der wissenschaftlichen Literatur eindeutige Empfehlungen hierzu.[14] Das liegt daran, dass alle Diuretika in diePhysiologie der Niere eingreifen und ihre bereits verminderten Funktionen zusätzlich stören und weiter herabsetzen.[15][16][17]
Ulrich Herpertz:Ödeme und Lymphdrainage. Diagnose und Therapie, 6. aktualisierte Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2020,ISBN 978-3-13-243581-0.
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↑Hermann Straub:Das Ödem. In:Lehrbuch der inneren Medizin. 4. Auflage. 2. Band, Verlag von Julius Springer, Berlin 1939, S. 35–39.
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