Der BegriffNovemberpogrome 1938 bezieht sich hauptsächlich auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die ursprünglichReichskristallnacht oderKristallnacht genannt wurde. Jahrzehnte später wird vorwiegend der AusdruckReichspogromnacht verwendet. DiesePogrome waren vomnationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegenJuden imDeutschen Reich.
Dabei wurden zwischen dem 7. und 13. November im ganzen Reichsgebiet mehrere hundert Juden ermordet, Schätzungen beziffern die Gesamtzahl der jüdischen Todesopfer der Pogrome auf 1000 bis 2000. Um die 1400Synagogen,Betstuben und sonstige Versammlungsräume jüdischer Menschen sowie tausende Geschäfte, Wohnungen undjüdische Friedhöfe wurden gestürmt und zerstört. Ab dem 10. November wurden mindestens 30.000 Juden verhaftet und inKonzentrationslager verbracht. Hunderte starben an den Folgen der mörderischen Haftbedingungen oder wurden ermordet.
Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden ab 1933 hin zu ihrer systematischenVertreibung und Unterdrückung. Inwieweit sie eine Vorstufe zu dem drei Jahre später beginnendenHolocaust darstellen, der Vernichtung allen jüdischen Lebens, ist in der Geschichtswissenschaft umstritten.
Zum Teil wird der BegriffKristallnacht bzw.Reichskristallnacht für die Ausschreitungen verwendet, der zwar im angelsächsischen Raum eingebürgert ist, aber im deutschsprachigen Diskurs als zynisch und euphemistisch kritisiert wird, da er suggeriere, es seien damals nur Fensterscheiben zu Bruch gegangen.
Vorgeschichte
Die Novemberpogrome 1938 steigerten den staatlichenAntisemitismus zur Existenzbedrohung für die Juden im ganzen Deutschen Reich. Entgegen derNS-Propaganda waren sie keine Reaktion des „spontanen Volkszorns“ auf die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einenJuden.[1] Sie sollten vielmehr die seit Frühjahr 1938 begonnene gesetzliche „Arisierung“, also die Enteignung jüdischen Besitzes und jüdischer Unternehmen planmäßig beschleunigen, mit der auch dieAufrüstung der Wehrmacht finanziert werden sollte.
Die Judenpolitik des NS-Regimes
Berliner SA-Männer beim Anbringen von Plakaten, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrufen, am 1. April 1933
Daraufhin ließ die antisemitische Gewalt von unten nach. Jüdische Unternehmen wurden zeitweise ausdrücklich nicht benachteiligt, um sensible Wirtschaftszweige nicht zu schädigen.[3] 1935 folgte eine zweite Welle antijüdischer Gewalt: Im März forderteJulius Streicher im NS-HetzblattDer Stürmer die Todesstrafe für „Rassenschande“. Im Juli 1935 kam es zumzweiten Kurfürstendamm-Krawall. Wieder reagierte der Staat auf den Druck der Parteibasis: Am 8. August 1935 verbot Hitler „wilde Aktionen“ gegen Juden, im September wurden dieNürnberger Gesetze erlassen.[4] Im Februar 1936 wollteReichspropagandaministerJoseph Goebbels das Attentat des jüdischen StudentenDavid Frankfurter auf den NSDAP-FunktionärWilhelm Gustloff für „Aktionen“ gegen Juden ausnutzen, doch unterblieb dies, weil das NS-Regime die bevorstehendenOlympischen Sommerspiele zur NS-Propaganda benutzen wollte.[5]
1937 zeichnete sich ein Kurswechsel von der schleichenden Verdrängung der Juden aus der deutschen Privatwirtschaft zu ihrer schnellen Zwangsenteignung durch den Staat ab. Im Januar forderte der „Reichsführer SS“Heinrich Himmler erstmals öffentlich die „Entjudung Deutschlands“, die das25-Punkte-Programm derNSDAP 1920 als Ziel benannt hatte. Sie könne am besten durch Mobilisierung des „Volkszorns“ und Ausschreitungen erreicht werden.[6] Im Oktober wies das „Kampfblatt“ derSS,Das Schwarze Korps, auf die angeblich ungeschmälerte Macht der Juden in Handel und Industrie hin. Diese sei nicht länger zu dulden: „Heute brauchen wir keine jüdischen Betriebe mehr.“[7]
WirtschaftsministerHjalmar Schacht hatte bereits 1934 gegen Streichers Boykottkampagnen protestiert, weil sie dasWeihnachtsgeschäft zu stören drohten.[8] Er wurde am 27. November 1937 abgelöst. Kurz darauf organisierte Streicher erneut einen Weihnachtsboykott gegen jüdische Geschäfte.[9]
1938 folgte die dritte Welle antisemitischer Gewalt:[10] Mit dem „Anschluss Österreichs“ kamen 192.000 Juden zu den noch 350.000 Juden im „Altreich“ hinzu, so dass nun 542.000 Juden im „Großdeutschen Reich“ lebten. Vor allem in Wien mit neun Prozent jüdischem Bevölkerungsanteil kam es zu wochenlangen Ausschreitungen. SA-Schlägertrupps prügelten tausende jüdische Geschäftsinhaber aus ihren Läden, Betrieben und Wohnungen. Mittelständische NSDAP-Mitglieder ergriffen als „Kommissare“ die Leitung geraubter Geschäfte. Sie sahen dies als „Wiedergutmachung“ für Nachteile vor der „Reichseinung“ und versuchten auch, Aufkäufen jüdischer Firmen durch kapitalkräftige deutsche Großkonzerne zuvorzukommen. Um die „wilden Enteignungen“ zu stoppen, erklärte „Reichskommissar“Josef Bürckel die „Kommissare“ am 13. April per Gesetz zu neuen Eigentümern, die nun ihr Betriebsvermögen anmelden mussten.[11]
Am 26. April 1938 erließ Göring ein Gesetz, das alle Juden des Reiches zwang, ursprünglich bis zum 30. Juni, später bis 31. Juli verlängert, ihr gesamtes Vermögen, sofern es 5.000Reichsmark überstieg, detailliert beim Finanzamt offenzulegen. Man schätzte ihr Gesamtvermögen auf 8,5 Milliarden, den Anteil an liquiden Wertpapieren auf 4,8 Milliarden Reichsmark. Das NS-Regime plante deren Zwangsumtausch in deutsche Staatsanleihen, um diese gegen Devisen im Ausland zu verkaufen. So sollte das Haushaltsdefizit verringert und die Vertreibung der Beraubten ins Ausland finanziert werden.[12]
Viele „Alte Kämpfer“ bewerteten die Judenpolitik des Regimes als zu zögerlich. DerBerliner Polizeipräsident Wolf-Heinrich von Helldorff etwa legte auf Goebbels’ Anregung im Mai 1938 eineDenkschrift vor, die die radikaleHeraustrennung der Berliner Juden aus Wirtschaft und Gesellschaft forderte. Goebbels nutzte im Juni 1938 dieJuni-Aktion der Kampagne„Arbeitsscheu Reich“, die eigentlich gegen sogenannteAsoziale gerichtet war, zu Krawallen gegen jüdische Geschäftsinhaber in Berlin.[13] Vor Polizeioffizieren verkündete er: „Nicht Gesetz ist die Parole, sondern Schikane. Die Juden müssen aus Berlin heraus.“[14] Dadurch geriet er in Konflikt mit demSicherheitsdienst des Reichsführers SS, der erkannt hatte, dass einePauperisierung der Juden dem übergeordneten Ziel im Weg stand, sie zur Auswanderung zu drängen. Auf Einwirken Hitlers wurden weitere antijüdische Aktionen mit Wirkung vom 21. Juni 1938 verboten.[15] Im September kam es zu neuen antisemitischen Überfällen in Kassel, Rothenburg an der Fulda, Frankfurt am Main, Magdeburg, Hannover und Wien. Die unter Teilen der NSDAP-Mitglieder vorherrschende Pogromstimmung wird von dem HistorikerHans Mommsen mit der Kriegsgefahr in Zusammenhang gebracht, deren scheinbare Beilegung durch dasMünchner Abkommen sich in vermehrtem antisemitischen Aktionismus entladen habe.[16]
Angesichts der auf Auswanderung der Juden abzielenden Politik des NS-Regimes befürchteten die europäischen Nachbarstaaten eine Flüchtlingsflut und waren bestrebt, diese abzuwenden. Bei der internationalenKonferenz von Évian (Frankreich) im Juli 1938 erklärte sich keines der 32 teilnehmenden Länder zur Aufnahme der bedrohten Juden bereit. Vielmehr protestierte die Schweiz, in die viele Juden aus Österreich flohen, gegen die „Verjudung“ und drohte eine allgemeine Visumspflicht an. Daraufhin entzog das NS-Regime deutschen Juden die Reisepässe und ersetzte sie durch Sonderausweise mit dem neu eingeführtenJudenstempel. Auch Luxemburg hielt am 9. November 1938 auf Beschluss seiner damaligen christlich-sozialistischen Regierung die Grenzen fest geschlossen und verstärkte die Grenzkontrollen.[17]Adolf Eichmann richtete schließlich im Auftrag vonReinhard Heydrich im August in Wien die ersteZentralstelle für jüdische Auswanderung ein. Eine Flüchtlingswelle setzte ein: Bis Herbst verließen etwa 54.000 Juden das Reich.
Am 14. Oktober kündigte Göring im Reichsluftfahrtministerium ein gigantisches Rüstungsprogramm an. Dieses sei jedoch durch das Staatsdefizit und begrenzte Produktionskapazitäten erschwert. Die Privatwirtschaft müsse daran mitwirken, da man andernfalls zur staatlich gelenktenPlanwirtschaft übergehen werde. Die „Arisierung“ sei nun unumgänglich und allein Sache des Staates; sie dürfe auf keinen Fall wie in Österreich anarchisch als „Versorgungssystem untüchtiger Parteigenossen“ ablaufen.[18]
Ausweisung polnischer Juden ausNürnberg am 28. Oktober 1938
Am 9. Oktober 1938 erließPolen eine Verordnung, nach der die Pässe aller länger als fünf Jahre im Ausland lebenden Polen ohne Sondervisum eines zuständigen Konsulats am 30. Oktober ablaufen sollten. Das betraf vor allem bis zu 18.000 von geschätzten 70.000polnischen, meist verarmten Juden, die vielfach illegal im Großdeutschen Reich lebten.[19] Die deutsche Regierung stellte Polen daraufhin am 26. Oktober ein Ultimatum, die Rückkehrmöglichkeit derStaatenlosen zu garantieren, andernfalls werde man sie sofort ausweisen. Nach der erwarteten Ablehnung befahl die Gestapo allen Städten und Gemeinden am 27. Oktober, die Betroffenen sofort festzunehmen. In der Nacht zum 29. Oktober wurden sie aus ihren Wohnungen geholt, in schwer bewachten Zügen und Lastwagen zur deutsch-polnischen Grenze beiZbąszyń (deutsch: Bentschen) abtransportiert und hinübergejagt.
Die unvorbereiteten polnischen Grenzbeamten verweigerten den Abgeschobenen zunächst mit Waffengewalt den Übertritt, die Deutschen wiederum die Rückkehr. Sie mussten tagelang ohne Nahrung in den überfüllten Grenzbahnhöfen oder imNiemandsland warten, bis die polnischen Behörden sie passieren ließen. Ein Teil kam in den nächsten Tagen bei jüdischen Gemeinden in Polen unter, etwa 7.000 Personen mussten aber zum Flüchtlingslager Zbąszyń in der WoiwodschaftPoznań marschieren, wo die polnische Regierung sie bis August 1939 internierte. Im Januar durften sie für kurze Zeit in ihre deutschen Heimatorte zurückkehren, um ihre Geschäfte zu verkaufen, Haushalte aufzulösen und so ihre erzwungene „Auswanderung“ zu regeln.[20]
Am 3. November erfuhr der in Paris lebende siebzehnjährige polnische JudeHerschel Grynszpan, dass auch seine ganze Familie nach Zbąszyń vertrieben worden war. Er besorgte sich einen Revolver und schoss damit am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft, damals imPalais Beauharnais, auf den der NSDAP angehörenden LegationssekretärErnst Eduard vom Rath. Dieser erlag am 9. November seinen Verletzungen.
Teile der NS-Führung nutzten das Attentat als willkommenen Vorwand, um der unzufriedenen Parteibasis Gelegenheit zum Handeln gegen jüdisches Eigentum zu geben und die Juden beschleunigt dann auch gesetzlich aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten. Bevor die französische Polizei die Hintergründe untersucht hatte, ließen Goebbels und sein MitarbeiterWolfgang Diewerge dieVerschwörungstheorie verbreiten, Grynszpan habe im Auftrag desWeltjudentums gehandelt, das das nationalsozialistische Deutschland vernichten wolle. Zu diesem Zweck arbeite es an einer Vergiftung der deutsch-französischen Beziehungen, um so einen Krieg zu provozieren. DieDeutsche Allgemeine Zeitung wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Grynszpan sein Attentat am Jahrestag derOktoberrevolution begangen hatte.[21] Noch am 7. November gab dasDeutsche Nachrichtenbüro (DNB), eine zentrale Institution der Presselenkung im NS-Staat, eine Anweisung heraus, die Meldung über das Attentat sei in allen Zeitungen „in groesster Form herauszustellen“ und es sei besonders „darauf hinzuweisen, dass das Attentat die schwersten Folgen fuer die Juden in Deutschland haben muss“.[22] Am darauffolgenden Tag schrieb Diewerge im Leitartikel desVölkischen Beobachters, betiteltVerbrecher am Frieden Europas:
„Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als ‚ausländische‘ Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassegenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen. […] Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, daß zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.“[23]
Ähnliche Kommentare finden sich am 8. und 9. November in anderen Parteizeitungen der NSDAP, etwa imWestdeutschen Beobachter.[24]
Die Nachricht vom Attentat auf den zuvor weitgehend unbekannten Diplomaten vom Rath erreichte die deutsche Öffentlichkeit erst am 8. November 1938 durch die Tagespresse. Bereits am Spätnachmittag des 7. November begannen jedoch inKurhessen undMagdeburg-Anhalt die ersten Übergriffe gegen Juden, ihre Wohnungen, Geschäfte, Gemeindehäuser und Synagogen. Die Täter waren Angehörige vonSA undSS. Sie traten in Zivilkleidung auf, um wie normale Bürger zu wirken und die übrige Bevölkerung zum „Volkszorn“ wegen des Attentats in Paris aufzuhetzen. Am Abend des 7. November wurden die Synagoge und andere jüdische Einrichtungen in Kassel, in derselben Nacht auch jene umliegender Orte wieBebra,Rotenburg an der Fulda undSontra verwüstet.[25] Am 8. November brannte inBad Hersfeld die erste Synagoge. In den LandkreisenFulda undMelsungen, u. a. den OrtenBaumbach,Eschwege,Fritzlar,Witzenhausen, wurden fast alle jüdischen Wohnungen und Geschäfte demoliert.[26] Im Laufe des Abends und der Nacht wurden zahlreiche Juden misshandelt. InFelsberg gab es dabei mit dem Kaufmann und Kommunalpolitiker Robert Weinstein[27] das erste jüdische Todesopfer in Kurhessen.[28]
Am Nachmittag des 9. November wurden ab 15 Uhr die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus inDessau angezündet. Ab 19 Uhr begannen die Ausschreitungen inChemnitz. Die Brandstiftungen betrafen allesamt nur Synagogen und Geschäfte, deren Brände die Nachbarhäuser nicht gefährden konnten. Nichtjüdische Häuser und Wohnungen blieben überall verschont.
Von wem die Initiative zu den Ausschreitungen in Kurhessen kam, ist umstritten. Der Historiker Wolf-Arno Kropat glaubt, GaupropagandaleiterHeinrich Gernand sei „offensichtlich“ vom Reichspropagandaministerium dazu beauftragt worden.[29] Alan E. Steinweis sieht dafür keine Belege. Höchstwahrscheinlich habe Gernand die Berliner Propaganda als Signal verstanden, seine Parteigenossen gegen die örtlichen Juden losschlagen zu lassen.[30] Angela Hermann hingegen schließt eine Anstiftung der kurhessischen Exzesse durch Goebbels aus und hält auch die Gernand zugeschriebene Rolle als Anstifter für fragwürdig.[31] Die Aktionen wurden von örtlichen Parteiführern – darunter einem Kreisleiter – und SA-Parteiaktivisten gesteuert; teilweise wurden sie von auswärtigen Parteimitgliedern dazu aufgefordert.[32] Der Historiker Hans-Jürgen Döscher geht davon aus, dass sich hier das „gewalttätige Potential der antisemitischen Parteibasis“ zeigte.[33]
Adolf Hitler hatte seinen BegleitarztKarl Brandt und den angesehenen UnfallchirurgenGeorg Magnus nach Paris an vom Raths Krankenbett beordert und diesen um drei Klassen zum Gesandtschaftsrat I. Klasse befördert.[34] Am 9. November nahm er nach dem Gedenkmarsch für denHitlerputsch an einem Essen bei einemKameradschaftsabend der Parteiführung mit „alten Kämpfern“ imAlten Rathaus in München teil. Dort erfuhr er vom Tod des Diplomaten. Sofort besprach er sich während des Essens mit Goebbels, der ihn über bereits anlaufende Ausschreitungen informierte, und entschied: „Die Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen.“[35] Entgegen seiner Gewohnheit verzichtete er auf eine Rede und verließ die Versammlung nach dem Essen.[36]
Goebbels machte anschließend gegen 22 Uhr vor den versammelten Partei- und SA-Führern die Nachricht bekannt. Er benutzte den Tod zu einer antisemitischen Auslegung des Attentats, in der er „die Jüdische Weltverschwörung“ für den Tod vom Raths verantwortlich machte. Er lobte die judenfeindlichen Aktionen im ganzen Reich, bei denen auch Synagogen in Brand gesetzt worden seien, und verwies dazu auf Kurhessen und Magdeburg-Anhalt. Er äußerte, dass die Partei nicht als Organisator antijüdischer Aktionen in Erscheinung treten wolle, aber diese dort, wo sie entstünden, auch nicht behindern werde. Die anwesenden Gauleiter und SA-Führer verstanden dies als indirekte, aber unmissverständliche Aufforderung, die „spontanen“ Aktionen des „Volkszorns“ zu organisieren.[37]
Nach Goebbels’ Rede telefonierten sie gegen 22:30 Uhr mit ihren örtlichen Dienststellen. Danach versammelten sie sich im Hotel „Rheinischer Hof“, um von dort aus weitere Anweisungen für Aktionen durchzugeben. Goebbels selbst ließ nach Abschluss der Gedenkfeier nachts Telegramme von seinem Ministerium aus an untergeordnete Behörden, Gauleiter und Gestapostellen im Reich aussenden. Diese wiederum gaben entsprechende Befehle an die Mannschaften weiter, in denen es etwa hieß (SA-Stelle „Nordsee“):
„Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, dass keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können. […] Die Presse ist heranzuziehen. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. Es sind nur Wohnhäuser arischer Deutscher zu schützen, allerdings müssen die Juden raus, daArier in den nächsten Tagen dort einziehen werden. […] DerFührer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen. An den zerstörten jüdischen Geschäften, Synagogen usw. sind Schilder anzubringen, mit etwa folgendem Text: ‚Rache für Mord an vom Rath. Tod dem internationalen Judentum. Keine Verständigung mit Völkern, die judenhörig sind.‘ Dies kann auch erweitert werden auf dieFreimaurerei.“[38]
Himmler nahm in der Nacht gemeinsam mit Hitler an einer Vereidigung von SS-Anwärtern amOdeonsplatz teil und instruierte den Chef der Gestapo-Abteilung für Regimegegner,Heinrich Müller. Dieser sandte um 23:55 Uhr einTelex an alle Leitstellen der Staatspolizei im Reich: Die Sicherheitsdienste sollten sich heraushalten. Sie sollten aber für den „Schutz“ des jüdischen Eigentums vorPlünderung sorgen. Punkt 3 lautete: „Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa 20–30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen noch im Laufe dieser Nacht.“[39] Anschließend erteilte er Heydrich „nähere Anordnungen“, der diese um 1:20 Uhr seinerseits als Telex an alle Untergebenen sandte. Darin bekräftigte er das Verbot zu plündern, den Schutz für Nachbargebäude vor Bränden und ergänzte, dass – auch jüdische – Ausländer nicht zu belästigen seien. Die Zahl der Festzunehmenden ließ er offen:
„Sobald der Ablauf der Ereignisse dieser Nacht die Verwendung der eingesetzten Beamten hierfür zulässt, sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere wohlhabende – festzunehmen, als in den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können.“[40]
Der Zweck dieser Verhaftungen war es, Gestapo und SS, die durch Goebbels’ Rede vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren, an den Enteignungen partizipieren zu lassen und Geldmittel zur Förderung jüdischer Auswanderung akquirieren.[41]
Polizei und SS waren offenkundig von den Pogromen überrascht worden, die eine Stunde, bevor man sie informiert hatte, begonnen hatten. Darauf deutet nicht zuletzt die Tatsache hin, dass zwei Anordnungen an identische Empfänger gesandt wurden, Müllers Telex war offenkundig hastig formuliert worden und musste deshalb durch Heydrichs Schreiben ergänzt und konkretisiert werden.[42] Die Leitung der Zerstörungen oblag nicht ihnen, sondern den örtlichen Propagandaämtern der NSDAP. Sie beriefen die SA-Ortsgruppen ein, die ihre Mitglieder instruierten und in Marsch setzten, um die Befehle auszuführen. In Nürnberg z. B. wurden sie wie in den meisten deutschen Städten nach Augenzeugenberichten wie folgt umgesetzt:
„Zuerst kamen die großen Ladengeschäfte dran; mit mitgebrachten Stangen wurden die Schaufenster eingeschlagen, und der am Abend bereits verständigte Pöbel plünderte unter Anführung der SA die Läden aus. Dann ging es in die von Juden bewohnten Häuser. Schon vorher informierte nichtjüdische Hausbewohner öffneten die Türen. Wurde auf das Läuten die Wohnung nicht sofort geöffnet, schlug man die Wohnungstür ein. Viele der ‚spontanen‘ Rächer waren mit Revolver und Dolchen ausgestattet; jede Gruppe hatte die nötigen Einbrecherwerkzeuge wie Äxte, große Hammer und Brechstangen dabei. Einige SA-Leute trugen einen Brotbeutel zur Sicherstellung von Geld, Schmuck, Fotos und sonstigen Wertgegenständen, die auf einen Mitnehmer warteten. Die Wohnungen wurden angeblich nach Waffen durchsucht, weil am Tage vorher ein Waffenverbot für Juden veröffentlicht worden war. Glastüren, Spiegel, Bilder wurden eingeschlagen, Ölbilder mit den Dolchen zerschnitten, Betten, Schuhe, Kleider aufgeschlitzt, es wurde alles kurz und klein geschlagen. Die betroffenen Familien hatten am Morgen des 10. November meistens keine Kaffeetasse, keinen Löffel, kein Messer, nichts mehr. Vorgefundene Geldbeträge wurden konfisziert, Wertpapiere und Sparkassenbücher mitgenommen. Das schlimmste dabei waren die schweren Ausschreitungen gegen die Wohnungsinhaber, wobei anwesende Frauen oft ebenso misshandelt wurden wie die Männer. Eine Anzahl von Männern wurde von den SA-Leuten unter ständigen Misshandlungen und unter dem Gejohle der Menge zum Polizeigefängnis getrieben. […] Am anderen Morgen wurden gegen 4 Uhr morgens alle [der zuvor inhaftierten] Personen unter 60 Jahren nach Dachau abtransportiert.“[43]
Doch nicht nur Synagogen und jüdische Geschäfte wurden zerstört, die Gewalt machte auch vorKinder- undAltenheimen nicht halt. InEmden wurden die Bewohner eines Altersheims aus ihren Betten geholt, in Nachtkleidung an der brennenden Synagoge vorbeigeführt und dann gezwungen,Kniebeugen und andereFreiübungen zu machen.[44] Im Zuge der Ausschreitungen und des Chaos, in dem sie stattfanden, wurden zahlreiche Juden ermordet. InLesum, einem Vorort von Bremen, glaubte zum Beispiel der Bürgermeister und Chef des örtlichen SA-Sturms aufgrund eines Übermittlungsfehlers, es sollten alle Juden getötet werden. Die Weitergabe dieses irrigen Befehls führte zur Ermordung eines Lesumer Arztes und seiner Frau.[45] In Österreich erlaubten SA-Leute einem jungverheirateten Paar nicht, ihr wenige Monate altes Kind bei der Verhaftung mitzunehmen. Das Baby blieb unversorgt in der Wohnung zurück und starb.[46] Wie viele Juden bei den Pogromen umkamen, ist nicht sicher zu ermitteln. DasOberste Parteigericht der NSDAP bezifferte ihre Zahl auf 91. In der Fachliteratur wird sie deutlich höher geschätzt. Der britische HistorikerRichard J. Evans geht davon aus, dass die Zahl der jüdischen Todesopfer der Novemberpogrome, insbesondere wenn man die mindestens 300 aus Verzweiflung begangenen Suizide berücksichtigt, wahrscheinlich zwischen 1000 und 2000 lag.[47]
Die Ereignisse der Folgetage
Am 10. November ließ Goebbels über dasDNB die Pogrome als „berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen Meuchelmord an einem Diplomaten“ rechtfertigen. Er verband damit „die strenge Aufforderung, von allen Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen“.[48] Am selben Tag verbotRudolf Heß in seiner Eigenschaft als „Stellvertreter des Führers“ in einer Weisung an dieGauleitungen strikt alle weiteren „Brandlegungen an jüdischen Geschäften oder dergleichen“.[49]
Die Pogrome wurden dennoch fortgesetzt. In Österreich begannen sie erst am 10. November; sie verliefen dort noch heftiger. Sie dauerten im ganzen Reich, besonders in ländlichen Gebieten, bis in den Nachmittag hinein. InHarburg-Wilhelmsburg etwa begannen die Pogrome erst am Abend des 10. November. Hier wurde die Leichenhalle auf demJüdischen Friedhof in Brand gesteckt. Die Synagoge wurde geplündert, blieb aber stehen.[50] Nationalsozialisten in derFreien Stadt Danzig begannen ihre Angriffe auf die örtlichen Juden sogar erst am 12. November.[51] In kleineren Orten kam es bis zum 11., vereinzelt sogar bis zum 12. und 13. November noch zu Ausschreitungen.
Die befohlene Trennung von SA-Maßnahmen und SS-„Begleitschutz“ wurde in vielen Regionen missachtet, zumal der Befehl dazu erst Stunden nach Beginn der Pogrome ausgegeben worden war. InBensheim, imBodenseeraum, amNiederrhein, inOberschlesien und Wien u. a. führten die Sicherheitskräfte die Zerstörungen selbst an; dort wo die Brandstiftung nicht ausreichte, halfen sie mit Sprengsätzen nach.[52] Die Vorgänge dokumentiert beispielsweise ein Bericht ausBaden-Baden:
„Ehe die SS die Synagoge in Brand steckte, zwang sie die Männer der jüdischen Gemeinde, sich dort zu versammeln. Entgegen dem jüdischen Brauch mussten sie ihre Hüte abnehmen. Das Gemeindeglied Herr Dreyfus wurde gezwungen, von der Kanzel herab aus dem nationalsozialistischen HetzblattDer Stürmer vorzulesen. Die Gemeinde hatte im Chor zu antworten: ‚Wir sind ein dreckiges, filziges Volk.‘ Die SS zwang die Männer, im Gotteshaus Nazilieder zu singen und Turnübungen vorzuführen.“[53]
Nach dem Novemberpogrom wird eine Kolonne Juden zurSchutzhaft ins KZ gebracht, Baden-Baden, November 1938
Direkt im Anschluss an die Zerstörungen begann am 10. November gegen vier Uhr morgens die befohlene Inhaftierung (sogenannteSchutzhaft) von etwa 30.000 männlichen, meist jüngeren und wohlhabenderen Juden. Diese so genanntenAktionsjuden machten rund ein Zehntel der in Deutschland verbliebenen Juden aus.[54] Sie wurden gesammelt und vielfach in Formation durch die Städte getrieben.[55] In den Tagen darauf wurden sie von Gestapo und SS in die drei deutschen KonzentrationslagerBuchenwald,Dachau undSachsenhausen verschleppt, um sie zur Emigration zu nötigen und ihr Vermögen zuarisieren.[56] Laut Bericht eines Berliner Juden ließen die Wachmannschaften beim „Hofappell“, dem nächtelangen Strammstehen bei Eiseskälte auf dem Lagerplatz, keinen Zweifel daran, dass sie die Insassen dezimieren wollten: „Ihr seid nicht in einem Sanatorium, sondern in einem Krematorium. […] Die SS hat das Recht, auf Euchzu schießen, wann sie will“.[57]
Häftlingskarte eines im KZ Dachau internierten Juden, erkennbar anSCH.J. = „Schutzhaft Jude“
Die barbarische Behandlung der in das KZ Buchenwald Eingelieferten beschrieb detailliert z. B. der AugenzeugeEugen Kogon.[58] Sie mussten etwa im Winter 1938/39 mit bloßen Händen den Schnee im Lager räumen; Notamputationen der erfrorenen Gliedmaßen verweigerte der SS-Lagerarzt:Für Juden stelle ich nur Totenscheine aus.[59]
Die Pogrome waren keine Artikulation des „Volkszorns“, sondern gingen auf die NSDAP und ihre angeschlossenen Verbände zurück. Propagandaminister Goebbels hatte die Mitglieder zwar aufgefordert, in Zivil aufzutreten, doch wurde dies nur teilweise befolgt. Seine Hoffnung, mit den Aktionen eine breite Volksbewegung gegen die Juden auszulösen, erfüllte sich nicht.[60] Gleichwohl waren durchaus nicht alle, die sich an den Ausschreitungen beteiligten, SA-Männer: Im Laufe des 10. Novembers, eines normalen Schultags, griffen zahlreiche Jugendliche, die von derHitlerjugend oder der Schule mobilisiert worden waren, Juden und ihr Eigentum an. Auch vieleUnternehmer stachelten ihre Arbeiter zu antisemitischen Ausschreitungen an und beteiligten sich auch selbst daran. Auf denVandalismus folgten vielerorts spontanePlünderungen, an denen sich besonders viele Frauen beteiligten. Der HistorikerAlan E. Steinweis nennt „die Bereitschaft Zehntausender Deutscher, Gewalttaten gegen ihre jüdischen Nachbarn zu begehen,“ als Erklärung für die reichsweite Destruktivität der Pogrome.[61]
Folgen
Das Treffen im Reichsluftfahrtministerium
Am 12. November trafen sich 100 hochrangige Vertreter des NS-Regimes auf Einladung Görings imReichsluftfahrtministerium, um in einer vierstündigen Sitzung das weitere Vorgehen in der Judenpolitik zu besprechen und die Konflikte beizulegen, die innerhalb der nationalsozialistischenPolykratie aufgetreten waren.[62] Vier der ursprünglich sieben Teile des Sitzungsprotokolls sind als wortgetreue Kopie erhalten.[63]
Bereits am 10. November hatte Hitler nach Görings Aussage ihm und Goebbels befohlen, die Juden nun vollends aus der deutschen Wirtschaft auszuschließen. Wie dies geschehen könne, diskutierten die Anwesenden am 12. November 1938. Ein Ergebnis war dieVerordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben, die Göring am selben Tag erließ: Danach sollten alle reichsdeutschen Juden weitgehend enteignet, aus dem Kulturleben entfernt, aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verbannt und zur Auswanderung gezwungen werden. Das erklärte Ziel war, das Deutsche Reich „judenfrei“ zu machen. Die Bestandsaufnahme zeigte, dass ein Großteil der zerstörten „jüdischen“ Geschäftsräume und Wohnungen „Ariern“ gehörte und von Juden nur gemietet war; dieVersicherungsgesellschaften mussten diese Schäden ersetzen. Allein der Glasbruch kostete annähernd drei Millionen, die gesamten Versicherungsschäden wurden auf 225 Millionen Reichsmark beziffert.[64]
Göring zeigte sich mit den Pogromen und implizit auch mit Goebbels sehr unzufrieden: „[D]iese Demonstrationen habe ich satt. Sie schädigen nicht den Juden, sondern schließlich mich, der ich die Wirtschaft als letzte Instanz zusammenzufassen habe.“[65] Goebbels’ Einwurf, „der Jude“ müsse den Schaden bezahlen, tat Göring als ökonomisch sinnlos ab: Deutschland habe keine Rohstoffe, weshalb all das Schaufensterglas gegenDevisen im Ausland eingekauft werden müsse.[66] Heydrich warf er vor: „Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet“.[67] Göring schlug vor, den Juden des Reiches eine Milliarde Reichsmark als „Sühneleistung“ für „die feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ abzufordern. Die Entschädigungen der zahlungswilligen Versicherungen sollten direkt an den Staat gehen; betroffene Juden sollten leer ausgehen. Dies hatte Hitler bereits mit Goebbels am 10. November bei einem gemeinsamen Mittagessen in derOsteria Italiana beschlossen, als die Pogrome noch liefen.[68] Die Idee dieser kollektiven Strafsteuer für sie, die nun eine doppelte Enteignung darstellte, stammte aus HitlersDenkschrift zum Vierjahresplan vom August 1936. Alle Anwesenden stimmten Görings Vorschlag zu, ohne Widerspruch und ohne den Zweck zu diskutieren. Göring bekräftigte diesen noch in einer internen Rede am 18. November: „Sehr kritische Lage der Reichsfinanzen. Abhilfe zunächst durch die der Judenschaft auferlegte Milliarde und durch die Reichsgewinne bei der Arisierung jüdischer Unternehmen.“ Tatsächlich war die öffentliche Finanzlage im Herbst 1938 katastrophal. Es bestand die reale Möglichkeit, dass das Reich zahlungsunfähig wurde. Doch mit der „Judenbuße“, die eine schlagartige Erhöhung der Reichseinnahmen um sechs Prozent bedeutete, konnte die Krise überwunden werden.[69] Goebbels versuchte vergeblich, diese „Sühneleistung“ von den Gauleitungen erheben zu lassen. Göring setzte aber durch, dass das Geld nicht der Partei zufloss, sondern allein demVierjahresplan. Auch wurde festgelegt, dass es künftig keine „wilden“ Aktionen gegen die Juden mehr geben sollte:[70] Im weiteren Verlauf schlug Goebbels immer neue antisemitische Maßnahmen vor, wie die Auflösung der Synagogen oder ein Betretungsverbot für Wälder und Parks. Göring machte sich offen über ihn lustig: Man könne den Juden ja das Betreten einiger Wäldern gestatten, in die manElche ansässig mache, denn beide hätten ähnliche Nasen.[71]
Im Ergebnis des Treffens wurde festgelegt, dass für die Judenpolitik von nun an nicht mehr die NSDAP zuständig sein sollte, sondern die Gestapo. Heydrich verwies auf die guten Erfahrungen, die Eichmann mit seiner Wiener Auswanderungsstelle gemacht habe, und schlug eine ähnliche Einrichtung für das ganze Reich vor. Diese solle eine „Auswanderungsaktion“ für alle in Deutschland verbliebenen Juden organisieren, für die er „mindestens 8 bis 10 Jahre“ veranschlagte. Damit wurde sein in den letzten Jahren entwickeltes Vertreibungskonzept zur offiziellen Politik des NS-Regimes.[72] Göring drohte „eine große Abrechnung an den Juden“ für den Fall eines außenpolitischen Konfliktes an.[73] Hitler plane eine außenpolitische Initiative, um denMadagaskarplan umzusetzen, das heißt, eine Aussiedlung der deutschen Juden in diefranzösische Kolonie imIndischen Ozean.[74] Goebbels zeigte sich trotz allem in seinem Tagebuch mit dem Ergebnis hoch zufrieden: „Ich arbeite großartig mit Göring zusammen. Er geht auch scharf ran. Die radikale Meinung hat gesiegt.“[75]
Auswirkungen auf die Betroffenen
Zerstörtes jüdisches Geschäft inMagdeburg, November 1938Private Filmaufnahmen in Wien, 1938
Von den annähernd 30.000 verhafteten und deportierten Aktionsjuden wurden nachweislich 10.911 – einschließlich von etwa 4.600 Wienern – ins KZ Dachau, 9.845 ins KZ Buchenwald eingeliefert. Für das KZ Sachsenhausen schätzt man mindestens 6.000, eher aber 10.000 Inhaftierte. Die Lagerhaft kostete nochmals Hunderte Menschenleben: In Buchenwald fanden nach Angaben der Lagerverwaltung 207 Juden, in Dachau 185 den Tod, die Opferzahl von Sachsenhausen ist unbekannt. Auch hier wird zusätzlich eine hohe Dunkelziffer angenommen. Denn bereits bei der Ankunft in den KZs wurden Dutzende Juden erschossen, Hunderte starben bei Fluchtversuchen oder an den Strapazen der Zwangsarbeit in den Lagern. Tausende der Überlebenden wurden schwer körperlich verletzt – allein im Jüdischen Krankenhaus Berlin mussten später 600 erfrorene Gliedmaßen amputiert werden – und seelisch traumatisiert.[76]
Die meisten der überlebenden Inhaftierten wurden bis August 1939 wieder entlassen, sofern sie sich schriftlich zur „Auswanderung“ bereit erklärten und ihren Besitz dem Staat übereigneten. Die Zahl der Ausreiseanträge stieg seit dem 9. November 1938 sprunghaft an: Bis Kriegsbeginn verließen noch einmal etwa 200.000 Juden das Reich, mehr als insgesamt von 1933 bis 1938. Sie mussten überall im Ausland ein „Vorzeigegeld“ nachweisen und konnten ihre Ein- und Ausreisevisa häufig nur noch über denSchwarzmarkt, durch Kredite von ausländischen Verwandten undBeamtenbestechung erlangen.[77]
Der in Berlin geborene israelischeAntisemitismusforscherAvraham Barkai wies 1988 darauf hin, dass fast alle Synagogen im Reich zerstört worden waren; neuere Forschungsarbeiten desSynagogue Memorial haben dies bestätigt und eine Gesamtzahl von 1.406 vollständig zerstörten Synagogen und Betstuben ermittelt. Von Wiens einst etwa 25 Synagogen überstand nur derStadttempel in der Wiener Innenstadt die Pogrome relativ unbeschadet, fast alle übrigen wurden in Brand gesetzt. Die etwa 70 Bethäuser und -räume in der Stadt wurden allesamt verwüstet und teilweise ebenfalls in Brand gesetzt; von Berlins 14 Synagogen wurden 11 vollständig niedergebrannt, die übrigen drei schwer demoliert. Zerstört wurden ferner etwa 7.500 jüdische Geschäfte, Wohnungen, Gemeindehäuser und Friedhofskapellen.
Daraufhin mussten sich viele der jüdischen Kultusgemeinden auflösen; Gottesdienste konnten nur noch privat ohne zeremonielle Gegenstände stattfinden, da vor allem die wertvollen Torarollen verbrannt oder konfisziert worden waren. Die Gottesdienste wurden nun jedoch meist gut besucht: weniger weil die Frömmigkeit wuchs, sondern weil die Mitglieder sich gegenseitig unterstützen mussten, nachdem ihnen jede Existenzgrundlage entzogen, Versammlungen verboten waren und sie die Straßen nur noch unter Lebensgefahr betreten konnten.[78]
Die Novemberpogrome zerstörten endgültig die Hoffnungen der deutschen Juden, in ihrer Heimat überleben zu können. Wer irgend konnte, emigrierte. Das Jahr 1939 markiert mit 80.000 Ausgewanderten den Zenit des jüdischen Exodus aus dem NS-Staat. Die ablehnende Haltung der in Frage kommenden Aufnahmeländer, die sich auf der Konferenz von Évian gezeigt hatte, änderte sich durch die Pogrome allerdings nicht. Immerhin gestand Großbritannien die Aufnahme von 10.000 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus dem Deutschen Reich zu. Sie wurden inKindertransporten vom Dezember 1938 bis zum 1. September 1939 über die Niederlande nach Großbritannien gebracht. Die lebensrettende Auswahl oblag den jüdischen Gemeinden, die zwei bis siebzehn Jahre jungen Menschen wurden unterwegs von jüdischen Sozialarbeitern betreut. Sie alle hofften, ihre Eltern bald wiedersehen zu können. In 90 % der Fälle blieb diese Hoffnung vergeblich.[79]
Reaktionen des Auslands
Etwa 100 Protestnoten ausländischer Vertretungen gingen nach dem 10. November 1938 beim Auswärtigen Amt in Berlin ein. Demnach waren trotz gegenteiliger Befehle auch ausländische Juden unter den Opfern der Pogrome. Die Proteste wurden kommentarlos in die Reichskanzlei weitergeleitet und verschwanden dort in den Akten.[80]
Besonders scharf reagierten dieUSA, indem sie ihren Botschafter am 14. November aus Berlin abzogen. InNew York City demonstrierte die Stadtbevölkerung für die Opfer. Der inWashington, D.C. residierende deutsche Botschafter Dieckhoff berichtete besorgt, dass nun auch Persönlichkeiten, die das NS-Regime bislang nicht angegriffen oder „zum Teil Sympathie für Deutschland zur Schau getragen hatten“, die scharfe Kritik uneingeschränkt mittrugen.[81] Am 3. Dezember protestierte die US-Regierung gegen den Erlass zur Ausschaltung von Juden aus der deutschen Wirtschaft, der entgegen den VersicherungenJoachim von Ribbentrops auch US-Bürger betraf. Daraufhin wurden die zum 31. Dezember geplanten restlichen Schließungen jüdischer Einzelhandels- und Handwerksbetriebe bei ausländischen Firmen ausgesetzt; jüdische Auslandsvertreter waren schon am 1. Dezember von der am 12. November beschlossenen „Sühneleistung“ befreit worden, um den noch gültigen Freundschaftsvertrag mit den USA nicht zu gefährden.[82] Die US-Einreisebehörden durften jedoch weiterhin nur 27.000 von nun 140.000 jüdischen Einreiseanträgen im Jahr bewilligen.[83]
In Großbritannien bewirkten die Pogrome einen politischen Meinungsumschwung in der Bevölkerung, während die Regierung verhalten reagierte. ChamberlainsAppeasement-Politik galt nun als gescheitert, die Bereitschaft zum Krieg gegen Hitler wuchs. Auch deutschfreundliche Kreise, die Maßnahmen der Hitlerregierung bislang verteidigt hatten, verstummten.
Die gegen das Deutsche Reich gerichtete Boykottbewegung,[84] die 1933 als Reaktion auf den Judenboykott entstanden war und zumeist nur jüdische Konsumenten hatte mobilisieren können, erlebte nun einen erheblichen Aufschwung. Viele ausländische Unternehmen in Frankreich, Großbritannien, Jugoslawien, Kanada, den Niederlanden und den USA kündigten ihre Handelsverträge mit Deutschland. Manche deutsche Firmen büßten ein Viertel ihres Exportgeschäfts ein; auch Betriebe, die für die Rüstung von Bedeutung waren, erlitten nach Aussage des Wehrwirtschaftsstabes empfindliche Verluste.[85] Am härtesten betroffen waren die Leder-, Textil- und Spielwarenhersteller. Gerade diese Zweige profitierten dann jedoch stark von der Arisierung.
Reaktionen in der NSDAP
Teile der Parteibasis waren von den Pogromen überrascht worden und lehnten sie vor allem wegen der distanzierten Haltung Hitlers als „wilde“ und „ungesetzliche“, das hieß vom „Führer“ scheinbar nicht gedeckte Aktion ab. Auch Regierungsmitglieder, darunter Göring, Himmler, Heydrich, Funk undAlfred Rosenberg, distanzierten sich und wiesen Goebbels die Alleinverantwortung für unvorhersehbare außen- und wirtschaftspolitische Folgen zu. Himmler kritisierte noch in der Nacht Goebbels’ Aktion, die er auf dessen „Machtstreben“ zurückführte, als „Hohlköpfigkeit“.[86] Schon am Vormittag des 10. November warf Göring Goebbels vor, seine Aktion habe aus ökonomischer Ignoranz die „volkswirtschaftlich unsinnige Zerstörung von Sachwerten“ herbeigeführt, die er dem deutschen Staat gern als Raubgut zugeführt hätte.[87] Himmler und Göring versuchten Hitler davon zu überzeugen, Goebbels zu entlassen, doch dieser hielt seinem Propagandaminister die Stange und zeigte durch einen gemeinsamen Theaterbesuch am 15. November seine Solidarität.[88]
Die Gewaltexzesse und Plünderungen stellten die NSDAP vor Probleme, da sie den offiziell ausgegebenen Befehlen widersprachen und auch manchen Parteimitgliedern zu weit gingen. Daher sollten Parteigerichte „Disziplinlosigkeiten“ untersuchen und gegebenenfalls bestrafen; als „Schöffen“ dieser Verfahren fungierten jene Gauleiter und „Gruppenführer“, die die Pogrome durchgeführt hatten.[89] Im Februar 1939 bestätigte der geheime Abschlussbericht[90] vonWalter Buch, dem obersten Parteirichter, dass die ausführenden Täter auf Befehl von Goebbels und der ihm untergebenen versammelten SA-Führer am Abend des 9. November gehandelt hatten und deshalb weitgehend entlastet waren. Weil man die Verstöße als „Volkszorn“ dargestellt habe, sei es folgerichtig, sie nicht durch Staatsgerichte, sondern die Partei selbst zu ahnden. 1939 befand das oberste Parteigericht der NSDAP aber, dass Goebbels’ „absichtlich unklare“ Befehlserteilung nicht mehr zeitgemäß sei. Vor 1933 sei es manchmal sinnvoll gewesen, um gegenüber dem Staatsschutz den wahren Urheber von Aktionen zu verbergen. Das sei nun aber nicht mehr nötig, schließlich wisse jeder, wer hinter den Pogromen stehe: „Wenn in einer Nacht sämtliche Synagogen abbrennen, so muß das irgendwie organisiert sein und kann nur organisiert sein von der Partei.“[91] Im Ergebnis wurden von Dezember 1938 bis Februar 1939 nur dreißig Morde vor dem obersten Parteigericht untersucht. Die Täter blieben straflos oder erhielten nur milde Disziplinarstrafen, keiner wurde aus der Partei ausgeschlossen. Im Anschluss bat das Gericht Hitler, die Schuldigen zu begnadigen, um sie vor weiterer Verfolgung durch staatliche Gerichte zu schützen. Dieser kam der Bitte gerne nach. Vier SA-Männer wurden der ordentlichen Justiz überstellt: Sie hatten in der Pogromnacht Jüdinnensexuell belästigt odervergewaltigt. Sie wurden nicht deswegen, sondern wegen „Rassenschande“ angeklagt und aus der Partei ausgeschlossen.[92]
Auf Befehl von Goebbels wies dasReichsministerium der Justiz die Staatsanwälte an, „keine Ermittlungen in Sachen der Judenaktion vorzunehmen.“ Diese wurden nicht selbständig tätig, so dass jede unabhängige Untersuchung und Strafverfolgung der Verbrechen unterblieb, zumal das Justizwesen seit 1933 zwar formell bestehen blieb, aber bereits durchNotverordnungen nachArtikel 48 des ReichspräsidentenPaul von Hindenburg einemPolizeistaat gewichen war.[93]
Reaktionen aus der nichtjüdischen Bevölkerung
Die nichtjüdischen Deutschen reagierten unterschiedlich auf die von SA und SS eingeleiteten und beaufsichtigten Pogrome. DieDeutschland-Berichte der Sopade (Exil-SPD) meldeten, „dass die Ausschreitungen von der großen Mehrheit der Bevölkerung scharf verurteilt werden.“ Aus vielen Regionen des Reiches wurde berichtet, dass sie auf Scham und Entsetzen gestoßen seien. Spenden zumWinterhilfswerk seien aus Protest gegen die Pogrome verweigert worden.[94] Laut der Kommunikationswissenschaftlerin Nadine Deusing überwiegen eindeutig die Belege für eine kritische Haltung der nichtbetroffenen Deutschen, sei es wegen der Vernichtung von Sachwerten, wegen der Verstöße gegen Recht und Ordnung oder wegen des offenkundigen Absinkens der Hemmschwelle zur Gewalt, von der bei nächster Gelegenheit selber betroffen zu werden viele fürchteten. An den Tatorten kam es aber so gut wie nie zu offenen Protesten, weil die Menschen Angst hatten.[95]
NachWolfgang Benz erwiesen sich gleichwohl viele nichtjüdische Deutsche alsGaffer,Marodeure und Gewalttäter.[96] An vielen Orten bildeten sich Mengen von Schaulustigen; gerade in Klein- und Mittelstädten stimmten die „Gaffer“ in Hetzgesänge der Ausführenden ein. An einigen Orten, z. B. Wien, beteiligten sie sich an Zerstörungen und Plünderungen von Geschäftsauslagen. In den größeren Städten wahrten aber manche (innere) Distanz, was in Klein- und Mittelstädten keineswegs der Fall war: Hier beteiligten sich Außenstehende direkt mitDenunziationen, so z. B. inTreuchtlingen, wo Frauen dazu aufriefen, bereits drangsalierte Juden erneut zu quälen.[97]
Besonders in ländlichen Regionen und kleineren Ortschaften nahmen die in derHitlerjugend organisierten Kinder und Jugendlichen häufig an Misshandlungen – u. a. Steinwürfen, Beschimpfungen, Anspucken, Demütigungen aller Art – teil. DerNationalsozialistische Lehrerbund führte ihr Mitmachen auf die wirksame Indoktrination an den Schulen zurück (sieheErziehung im Nationalsozialismus). Der HistorikerWolfgang Benz konstatiert:
„[D]as Engagement, mit dem der Befehl ausgeführt wurde, machte erst die Dimension des Ergebnisses aus. Goebbels hatte an die niedersten Instinkte appelliert und eine Flutwelle von Aggressionen und Vandalismus, Zerstörungsrausch und Mordlust entfesselt, die biedere Bürger und harmlose kleine Leute in Bestien verwandelte.“[98]
Die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Berliner Neue Synagoge in der Oranienburger Straße (1948)
Die örtlichen Feuerwehren und Polizeidienststellen schützten fast überall befehlsgemäß nur die Nachbargebäude vor dem Übergreifen der gelegten Brände und ermöglichten so die ungehinderte Zerstörung und Plünderung (letzteres wurde durch die NS-Propaganda geleugnet) jüdischen Eigentums.
Nur sehr wenige Fälle von Zivilcourage sind dokumentiert: So retteteWilhelm Krützfeld, Vorsteher des zuständigen Polizeireviers in Berlin-Mitte, dieNeue Synagoge an derOranienburger Straße, indem er auf den Denkmalschutz des Gebäudes verwies, mit einigen Beamten die SA-Brandstifter verjagte und die Feuerwehr holte, die den Brand löschte. Außer einer Rüge seines Vorgesetzten geschah ihm nichts.[99]
Am Folgetag wurde in manchen Großstädten zu Massenkundgebungen aufgerufen, die die erfolgte „Sühne“ für den Mord an vom Rath feiern und die Einheit von Volk und Partei zeigen sollten. In Nürnberg nahmen daran 100.000 Bürger teil.[100] Diese „antijüdischen Demonstrationen“ erreichten jedoch nicht das von der NSDAP erwünschte Ausmaß. Die meisten Deutschen glaubten die über die staatlich gelenkten Medien verbreitete Version von der „spontanen Volkserhebung gegen die Juden“ nicht. Die Berichte derSopade (Exil-SPD) von 1938 sprach von „großer Empörung über diesen Vandalismus“ im Rheinland, in Westfalen, Bayern und Berlin. Besonders in Schlesien und Danzig habe die Bevölkerung die Exzesse scharf abgelehnt und dies auch öffentlich gezeigt.[101] Auch die Berichte ausländischer Diplomaten, die 1938 in Deutschland tätig waren, gehen in eine ähnliche Richtung. Der britische Generalkonsul in Frankfurt behauptete sogar, die für den Pogrom Verantwortlichen wären bei demokratischen Wahlen von „einem Sturm der Entrüstung“ weggefegt worden.[102]
Laut dem Historiker Wolfgang Benz trafen die Pogrome wegen des brachialen Vorgehens und der Vernichtung ökonomischer Werte auf Ablehnung. In den Großstädten habe es auch Beispiele von Solidarität mit den gedemütigten Juden gegeben, wohingegen in kleinen Orten der Übergang von den nationalsozialistischen Aktivisten zum Publikum fließend gewesen sei. Hier hätten sich viele von den Gewalttaten und den Plünderungen mitreißen lassen. Nach den Pogromen sei die verbreitete Haltung der Mehrheit jedoch Gleichgültigkeit und Gier gewesen – in den auf die Pogrome folgenden Wochen habe dieKorruption enorm zugenommen, als Partei- und Staatsbedienstete sich an den auswanderungswilligen und zum Verkauf ihrer Firmen genötigten Juden schamlos bereicherten.[103] Der Historiker Alan Steinweis zitiert aus denLageberichten des SD, wonach sich die ablehnende Haltung von Augenzeugen nicht allein an der Vernichtung ökonomischer Werte festmachte, sondern an der öffentlichen Schändung von Gotteshäusern und Sakralgegenständen. Diese Haltung sei namentlich in der katholischen Bevölkerung nachweisbar gewesen, dürfe aber nicht mit einer Ablehnung des Regimes oder auch nur seines Antisemitismus verwechselt werden. Zudem verweist Steinweis auf Fälle, in denen öffentliche Kritik an den Pogromen zu Prügel oder Schutzhaft führte. Daher vermutet er, dass die Empörung über die Pogrome tiefer ging und weiter verbreitet war, als selbst führende Nationalsozialisten bemerkten.[104]
Der ehemalige KaiserWilhelm II., von dem ansonsten zahlreiche antisemitische Äußerungen überliefert sind, zeigte sich in seinem niederländischen Exil von den Pogromen entsetzt und nannte sie „reines Gangstertum“ bzw. „reinenBolschewismus“.[105] Die Äußerung, er schäme sich „ein Deutscher zu sein“ geht laut dem HistorikerStephan Malinowski auf ein gefälschtes Interview zurück und wurde von Wilhelmdementiert.[106]
Die Pogrome bestärkten diejenigen, die zuvor schon Gegner der NSDAP waren, in ihrer Oppositionshaltung. Für denKreisauer Kreis unter GrafHelmuth James von Moltke waren sie imZweiten Weltkrieg nachträglich ein entscheidender Anstoß für dieAttentatspläne auf Hitler. Widerstandsgruppen derKPD verbreiteten in Berlin nach den Pogromen eine Ausgabe derRoten Fahne, die unter dem TitelGegen die Schmach der Judenpogrome zur Solidarität mit allen jüdischen Mitbürgern aufrief. Die antisemitischen Ausschreitungen seien kein Ausdruck des „Volkszorns“, sondern „Ablenkung des Volkes von der vom Kapital betriebenen Kriegspolitik“.[107] Die ExilzeitschriftSozialistische Warte desISK bezeichnete die Pogrome in ihrer Ausgabe vom 18. November in einem mit „Repressalien!“ überschriebenen Artikel als „Tiefstand derRechtssicherheit in irgend einem Staatswesen“ und als ein „zum Himmel schreiendes Verbrechen“.[108]
Reaktionen der Kirchen und einzelner Christen
DieDeutsche Evangelische Kirche (DEK) und die Römisch-katholische Kirche waren im damaligen Deutschen Reich die einzigen nicht völlig gleichgeschalteten Großorganisationen. Doch keiner ihrer Vertreter protestierte öffentlich dagegen, dass hier der Staat Menschen nur aufgrund ihrer angeblichen „Rasse“ tötete, enteignete und rigoros aus der Gesellschaft ausgrenzte.
In vorauseilendem Gehorsam hatte der spätere DEK-BischofOtto Dibelius die „nationale Revolution“ im Januar 1933 begeistert begrüßt und den Verdacht einer möglichen kirchlichen Systemopposition bei der Regierung möglichst zu zerstreuen versucht. Schon denJudenboykott des 1. April 1933 hatte er als „Notwehr“ gegen den angeblich übergroßen Einfluss des Judentums verteidigt. Er mahnte damals eine „humane“ Ausgrenzung der Juden an,[109] schwieg dann aber zu sämtlichen Gewalttaten und judenfeindlichen Gesetzen der Folgezeit.[110]
„Kein im christlichen Glauben stehender Deutscher kann, ohne der guten und sauberen Sache des Freiheitskampfes der deutschen Nation gegen den jüdischen antichristlichen Weltbolschewismus untreu zu werden, die staatlichen Maßnahmen gegen die Juden im Reich, insbesondere die Einziehung jüdischer Vermögenswerte bejammern. Und den maßgebenden Vertretern von Kirche und Christentum im Auslande müssen wir ernstlich zu bedenken geben, daß der Weg zur jüdischen Weltherrschaft stets über grauenvolle Leichenfelder führt.“
Die Geistlichen wurden dazu aufgerufen, „ihre Verkündigung in Predigt und Seelsorge so auszurichten, daß die deutsche Seele keinen Schaden leidet und den deutschen Menschen dazu verholfen wird, daß sie ohne falsche Gewissensbeschwerung getrost alles daran setzen, eine Wiederholung der Zersetzung des Reiches durch den jüdischen Ungeist von innen her für alle Zeiten unmöglich zu machen.“Der evangelische Landesbischof von Thüringen,Martin Sasse sah in den Pogromen eine Erfüllung vonMartin Luthers Forderungen von 1543:
„Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen. Vom deutschen Volk wird […] die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebiet im neuen Deutschland endgültig gebrochen und damit der gottgesegnete Kampf des Führers zu völligen Befreiung unseres Volkes gekrönt. In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhundert einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.[112]“
Nur einzelne Christen protestierten öffentlich. Der württembergische DorfpfarrerJulius von Jan ausOberlenningen predigte am Buß- und Bettag (16. November 1938) über den vorgegebenen BibeltextJer 22,29 LUT:
„Die Leidenschaften sind entfesselt, die Gebote missachtet, Gotteshäuser, die andern heilig waren, sind ungestraft niedergebrannt worden, das Eigentum der Fremden geraubt oder zerstört. Männer, die unserem deutschen Volk treu gedient haben […], wurden ins KZ geworfen, bloß weil sie einer anderen Rasse angehörten! Mag das Unrecht auch von oben nicht zugegeben werden – dasgesunde Volksempfinden fühlt es deutlich, auch wo man darüber nicht zu sprechen wagt. Und wir als Christen sehen, wie dieses Unrecht unser Volk vor Gott belastet und seine Strafen über Deutschland herbeiziehen muss. […] Gott lässt seiner nicht spotten. Was der Mensch säet, wird er auch ernten!“[113]
Einige Tage danach ließ die NSDAP-KreisleitungNürtingen SA und SS aus dem dortigen Parteikreis mit Lastwagen und Omnibus zu dem „Judenknecht“ nach Oberlenningen transportieren, die von Jan vor seinem Pfarrhaus fast totprügelten und dann in „Schutzhaft“ nahmen.[114] BischofTheophil Wurm leistete ihm in den folgenden Prozessen wegen „staatsfeindlicher Hetze“ Rechtsbeistand, schrieb aber zugleich an den Reichsjustizminister:[115]
„Ich bestreite mit keinem Wort das Recht, das Judentum als ein gefährliches Element zu bekämpfen. […] Weil wir unserem Volk ersparen möchten, dass es später dieselben Leiden und Demütigungen über sich ergehen lassen muss, denen jetzt andere preisgegeben sind, erheben wir […] warnend unsere Hände, auch wenn wir wissen, dass man uns deshalb Judenknechte schilt und mit ähnlichem Vorgehen bedroht, wie es gegen die Juden angewandt worden ist.“
Wurm vermied also, das staatliche Vorgehen „Unrecht“ zu nennen und trat nur für die Christen, nicht die Juden unter den Deutschen ein. NachKriegsende erklärte er: Er werde wohl bis an sein Lebensende nicht damit fertigwerden, dass er damals geschwiegen habe.[116]
Dagegen ergriff PfarrerHelmut Gollwitzer als Vertreter des im KZ sitzendenMartin Niemöller inBerlin-Dahlem in seiner Predigt am 16. November überLk 3,3–14 LUT Partei für die Wehrlosen und erreichte, dass seine Gemeinde die Familienangehörigen von inhaftierten Juden materiell unterstützte. Nach seiner Bußtagspredigt schriebElisabeth Schmitz an ihn: „Als wir am 1. April 1933 schwiegen, als wir schwiegen zu denStürmerkästen, zu der satanischen Hetze in der Presse, zur Vergiftung der Seele des Volkes und der Jugend, zur Zerstörung der Existenzen und der Ehen durch sogenannte 'Gesetze', zu den Methoden vonBuchenwald – da und tausendmal sonst sind wir schuldig geworden am 10. November 1938.“[117]
Christen wie PfarrerAlbert Schmidt, der für seinen nach Sachsenhausen deportierten Kollegen jüdischer HerkunftHans Ehrenberg gebetet hatte, kamen für ihre Solidarität selbst in das KZ. InFreiburg im Breisgau bildete sich aufgrund der Pogrome derFreiburger Kreis mit mehreren Arbeitsgruppen und Kontakten zuWiderstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus. Einige seiner Mitglieder verfassten eineDenkschrift, welche die im christlichenGlaubensbekenntnis gesetzten Grenzen staatlicher Gewaltausübung benannte, aus demErsten Gebot einWiderstandsrecht ableitete und Wirtschaftsstrukturen eines demokratischen Nachkriegsdeutschlands konzipierte.[118] Der evangelische PfarrerJulius von Jan bezeichnete die Geschehnisse als „Verbrechen“ und „Unrecht“. Er wurde zusammengeschlagen, verurteilt und inhaftiert, während seine Kirchenleitung sich offen von seiner Predigt distanzierte.[119]
Das Schweigen der allermeisten evangelischen Pfarrer erklärt KirchenhistorikerGünter Brakelmann mit ihrerdeutschnationalen undantijudaistischen Einstellung, aus der heraus sie den autoritären Führerstaat, seine Innenpolitik und den Antisemitismus der NSDAP seit 1933 grundsätzlich bejaht hatten. 1938 hätten sie nicht mehr gewagt, zu protestieren, um ihre verbliebenen Handlungsspielräume nicht zu gefährden.[120]
Auch die deutschen katholischen Bischöfe schwiegen zur staatlichen Judenverfolgung. KardinalAdolf Bertram hatte Protest gegen den Judenboykott im März 1933 als einen „in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessenkreis“ abgelehnt. KardinalMichael Faulhaber vertrat die traditionelle antijudaistische Theologie und erklärte 1933: Die Juden könnten sich selbst helfen und Eintreten für sie würde die Kirche gefährden.[121] Er stellte aber 1938 auf Bitte des Rabbiners in München einen Lastwagen zur Rettung von Torahrollen und anderen sakralen Gegenständen zur Verfügung und wurde deswegen von NSDAP-Vertretern angegriffen.[122]Clemens August Graf von Galen bot dem Rabbiner in Münster am 9. November über Mittelsmänner Hilfe an, unterließ aber einen Protest, weil er umso stärkere Verfolgung der jüdischen Gemeinde vor Ort befürchtete.[123] Auch er war vom Antijudaismus geprägt, widersprach jedoch dem staatlichen Antisemitismus.[124]
Im katholischenCloppenburg predigte der KaplanErnst Henn gegen den „Straßenraub“.[119] DompropstBernhard Lichtenberg in Berlin predigte am 9. November, auch die brennenden Synagogen seien Gotteshäuser. Er setzte seineFürbitten für die Juden und („nichtarische“)Judenchristen von da an täglich bis zu seiner Verhaftung am 23. Oktober 1941 fort.[125]
Bereits am 11. November begannen im Reichspropagandaministerium Vorüberlegungen zu einem Prozess gegen Herszel Grynszpan, der in Frankreich in Haft saß. Die dortigen Ermittlungen ergaben keinerlei Hinweise auf Hintermänner oder irgendeine Verschwörung. Zu einem Prozess in Paris kam es wegen desEinmarschs der Wehrmacht nicht mehr. Nach der französischen Niederlage wurde Grynszpan am 14. Juli 1940 nach Deutschland ausgeliefert. Dort sollte ihm der Prozess vor demVolksgerichtshof gemacht werden, wobei die Todesstrafe von vornherein feststand.[126] Aus welchem Motiv er gehandelt hatte, ist bis heute nicht genau bekannt. Im Verhör gab er „Rache“ für das Leiden seiner Eltern bei deren gewaltsamer Abschiebung an. Er habe eigentlich den Botschafter erschießen wollen, dann aber vom Rath getroffen. 1942 sagte er aber aus, er habe sein Opfer zuvor in der PariserHomosexuellenszene kennengelernt. Daraufhin ließ PropagandaministerJoseph Goebbels den jahrelang geplantenSchauprozess gegen ihn verschieben. Schließlich sagte Hitler den Prozess ganz ab.[127] Wäre der homosexuelle Hintergrund des Mordes den Nationalsozialisten bereits 1938 bekannt gewesen, hätte er, wie der HistorikerHenning Köhler vermutet, kaum Aufsehen erregt.[128] Grynszpan wurde vermutlich zwischen 1942 und dem Kriegsende 1945 imKZ Sachsenhausen umgebracht.[129]
Weitere Schritte in der Judenpolitik
Göring ordnete noch am selben Tag als „harteSühne“ für die Juden an:
das Verbot von Einzelläden, Gewerbe- und Handwerksbetrieben, Versandgeschäften, Bestellkontoren,
das Verbot von Märkten, Messen, Ausstellungen, Werbung, Bestellannahmen,
das Verbot, Mitglied einer Berufsgenossenschaft zu sein,
Juden die vom 8. bis 10. November entstandenen Schäden im Straßenbild auf eigene Kosten sofort zu beseitigen hätten, und dass
Versicherungsansprüche von Juden deutscher Staatsangehörigkeit zugunsten des Deutschen Reichs beschlagnahmt werden.[130]
Die sogenannte „Sühneleistung“ oder „Judenbuße“ sollte innerhalb eines Jahres in vier Quartalsraten aufgebracht werden. Die erste Rate wurde am 15. Dezember 1938, die letzte am 15. August 1939 fällig. Jeder jüdische Bürger, der mehr als 5.000 Reichsmark Vermögen besaß, musste davon 20 Prozent als „Judenvermögensabgabe“ an den Staat abgeben. Zugleich wurde den Juden verboten, Staatsanleihen zu verkaufen. Sie mussten die Sühneleistung also durch Verkauf von Immobilien, Schmuck, Kunstgegenständen oder Sparguthaben aufbringen. Damit sollte das Staatsdefizit kurzfristig zur Hälfte gedeckt werden. Eine zweite Durchführungsverordnung legte eine fünfte Zahlung zum 15. Dezember 1939 fest, so dass insgesamt 25 Prozent des Vermögens abgegeben werden mussten. Die Summe von insgesamt 1.126.612.495,00 Reichsmark erhöhte das damalige Steueraufkommen des Reiches von 16 auf über 17 Milliarden um gut sechs Prozent.
Bereits am 10. November wurde den JudenWaffenbesitz verboten.[131] Es folgten Verbote der Teilnahme am Kulturleben, des Besuches von Theatern, Kinos, Tanzvarietees, Kabarett, Zirkus usw. Am 14. November ordnete ReichserziehungsministerBernhard Rust die sofortige Entlassung jüdischer Schüler aus deutschen Schulen an. Von den Hochschulen waren sie zuvor schon verbannt worden. Am 28. November wurde den Regierungsbezirken erlaubt, Juden den Zutritt bestimmter Ortsbereiche zu bestimmten Zeiten zu verbieten. Sie konnten nun auch optisch für die restliche Bevölkerung „verschwinden“, noch bevor sie deportiert wurden.
Am 3. Dezember erfolgte dieVerordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens, die von Hugo Dietrich, dem Hausjuristen desFlick-Konzerns, ausgearbeitet worden war. Darin wurde allen Juden vorgeschrieben, ihre Gewerbebetriebe zu verkaufen oder abzuwickeln, ihren Grundbesitz zu veräußern und ihre Wertpapiere bei einer Devisenbank zu hinterlegen. Außerdem durften sie Juwelen, Edelmetalle und Kunstgegenstände nicht mehr frei veräußern. Damit wurde es auch wohlhabenden Juden nahezu unmöglich gemacht, noch auszuwandern. In den Folgejahren wurden diese Maßnahmen präzisiert und radikalisiert, um Juden jegliche Existenzgrundlage in Deutschland zu nehmen. Dies wurde vom Regime ausgenutzt, um den verbleibenden und nunmehr arbeitslosen Juden Zwangsarbeit aufzuerlegen: Am 20. Dezember 1938 veröffentlichteFriedrich Syrup, der Präsident derReichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung einen Erlass, wonach Juden in „staatspolitisch wichtigen Vorhaben“, das heißt, in derRüstungsindustrie, streng getrennt von der regulären Belegschaft imgeschlossenen Arbeitseinsatz ausgebeutet werden konnten. Für die Organisation waren die lokalenArbeitsämter zuständig. Damit sich kein Jude dem entziehen konnte, wurde die seit 1935 bestehende Erfassung aller Juden in einerJudenkartei vervollkommnet, manche Verwaltungen legten eigene Judenregister an.[132]
Am 24. Januar 1939 erteilte Göring Heydrich zunächst den Auftrag, die „Judenfrage“ durch „Auswanderung oderEvakuierung“ zu lösen. Dazu gründete und leitete Heydrich dann die „Reichszentrale für jüdische Auswanderung“. Seit Kriegsbeginn machte man diese den Juden jedoch Schritt für Schritt unmöglich: Nun begann die Zwangsumsiedlung in „Judenhäuser“. Zugleich wurden die ghettoisierten Juden immer stärker in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und aus der Öffentlichkeit verbannt. Ihre Einkaufszeiten wurden außerhalb der sonst gültigen Geschäftszeiten gelegt. Ihr Ausgang wurde zeitlich begrenzt. Nach den PKWs wurden auch ihre Fahrräder, Elektrogeräte und Wollkleidung konfisziert. Die Benutzung von Straßenbahnen, Omnibussen, Telefonen, das Betreten von Krankenhäusern, der Kauf von Zeitungen, Büchern, Blumen, bestimmten Lebensmitteln wurden ihnen verboten, ihre Lebensmittelzuteilungen wurden mehrfach gesenkt. Zur öffentlichen Brandmarkung mussten sie ab dem 1. September 1941 den „Judenstern“ tragen, der schon 1938 erwogen worden war.
Wiederum am 9. November jenes Jahres erhielten tausende Juden Berlins, Frankfurt am Mains und Münchens erstmals den behördlichen Befehl, ihre Wohnungen zu räumen und sich zur Deportation an den Versammlungsplätzen und Bahnhöfen einzufinden. Diese massenhafte „Evakuierung“ in Lager war an den 1938 in die KZs Verschleppten bereits vorexerziert worden. Von nun an rollten die Züge ins Baltikum zu den dortigen Todesschwadronen, später nachChelmno und in die noch nicht fertiggestellten Arbeits- undVernichtungslager außerhalb der Vorkriegsgrenzen Deutschlands.
Umgang mit den Verbrechen nach 1945
Strafrechtliche Ahndung
Skulptur „Jüdische Opfer des Faschismus“ auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Mitte
Die Delikte der Novemberpogrome wurden tatsächlich vergleichsweise umfassend verfolgt. Die strafrechtliche Ahndung zog sich jedoch in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik noch bis 1955 hin. Dabei lässt sich an den Gerichtsverfahren eine Entwicklung zu immer milderen Urteilen und wachsenden Schwierigkeiten bei der Tataufklärung ablesen.
Der ehemalige Gauleiter von HamburgKarl Kaufmann sagte als Zeuge vor demInternationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1946 falsch aus, er hätte den Novemberpogrom in Hamburg verboten. Tatsächlich gingen die Zerstörungen der SA-Kommandos in Hamburg nach demselben Muster vonstatten wie andernorts.[133]
In einer ersten Phase bis zum Jahre 1947 war die Gerichtsbarkeit personell unterbesetzt und konnte nur eine Minderheit der Täter aburteilen, doch waren fast alle neu eingesetzten oder im Amt belassenen Richter unbelastet. Die Gerichte verwarfen die Ausrede des „Befehlsnotstandes“ unter Hinweis auf dasDeutsche Beamtengesetz von 1937, das die Verweigerung eines verbrecherischen Befehls erlaubt hätte. Meist wurde der Begriff derRädelsführerschaft vom Gericht weit ausgelegt, so dass dem SA-Führer oder NS-Amtswalter die bloße Anwesenheit am Tatort straferschwerend angerechnet wurde. Oft wurde in solchen Fällen auf „schwerenLandfriedensbruch“ erkannt, derZuchthausstrafen nach sich zog.
Während einer zweiten Phase zwischen 1948 und 1949 machte sich in der Bevölkerung ein Stimmungswandel bemerkbar. DieEntnazifizierung wurde als ungerecht empfunden und war geradezu verhasst; die Aufgabe derVergangenheitsbewältigung wurde als weniger wichtig eingestuft, und eine „Schlussstrich-Mentalität“ war unverkennbar. Dies schlug sich in den Aussagen von Zeugen nieder, denen öfter die Bereitschaft zu objektiver Mitwirkung fehlte. Während Täter in der ersten Phase von der Anklage überrascht wurden, in Untersuchungshaft keine Möglichkeit zu Absprachen hatten und geständig waren, konnten Täter sich nun vorher absprechen und Zeugen beeinflussen. Die „Verurteilungsquote“ sank deutlich. Meist wurden SA-Führer jetzt nur wegen „einfachen Landfriedensbruchs“ zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die durchschnittliche Strafzumessung für schweren Landfriedensbruch sank in dieser Phase von 24 Monaten auf 16 Monate. Auch die Strafen für Körperverletzung oder Sachbeschädigung fielen nun deutlich milder aus.
Die dritte Phase der strafrechtlichen Behandlung der Novemberpogrome begann mit dem am 31. Dezember 1949 in Kraft getretenen „Gesetz über die Gewährung von Straffreiheit“,[134] das der Bundestag gegen die Bedenken des HochkommissarsJohn Jay McCloy erließ. Dasbayerische Staatsministerium der Justiz protestierte im Gesetzgebungsverfahren ausdrücklich aus dem Grund, dass die Amnestie auch „die Mehrzahl“ der Täter der Novemberpogrome von 1938 straffrei stellen würde.[135] Mit dem Straffreiheitsgesetz wurden sämtliche vor dem 15. September 1949 begangenen Straftaten (mit Ausnahme von Steuerdelikten) amnestiert, für die auf nicht mehr als sechs Monate, unter bestimmten Umständen sogar auf bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe erkannt worden war bzw. voraussichtlich erkannt werden würde, wenn die Tat noch nicht abgeurteilt war. Dieses politische Signal wurde von der Richterschaft, die inzwischen wieder belastete ehemalige Nationalsozialisten in ihren Reihen hatte, nicht überhört. Mehrere Verfahren wurden eingestellt, zu einer Anklageerhebung kam es deutlich seltener und lediglich die Fälle von schwerem Landfriedensbruch wurden noch regelmäßig vor Gericht abgeurteilt.
Bezeichnungen
Die Ereignisse wurden bereits 1938 von Tätern, Augenzeugen und Betroffenen sehr verschieden bezeichnet. Seit ihrem 50. Jahrestag 1988 wurde der verbreitete Ausdruck „(Reichs-)Kristallnacht“ zunehmend problematisiert. Die Debatte um die angemessene Bezeichnung ist offen.
Zeitgenössische Bezeichnungen
Die in die Konzentrationslager verschleppten Opfer sprachen von der „Rath-Aktion“ oder der „Mordwoche“.Victor Klemperer schrieb in sein Tagebuch von der „Grünspan-Affäre“.Walter Tausk fühlte sich an die „Bartholomäusnacht“ erinnert. Viele Augenzeugen der Pogrome erinnerten sich an damals umlaufende Ausdrücke wie „Glasnacht“, „Gläserner Donnerstag“ und „Kristallnacht“, die auf die an diesem Tag zersplitterten Fensterscheiben jüdischer Häuser anspielten. Diese Bezeichnungen scheinen aber nur mündlich tradiert worden zu sein, denn schriftliche Belege fürKristallnacht aus der Zeit des Nationalsozialismus gibt es keine, fürReichskristallnacht nur einen: Der Ministerialdirektor imReichsarbeitsministeriumWilhelm Börger spottete am 24. Juni 1939 in einer Rede auf dem Gautag des NSDAP-Gaus Hannover-Ost in Lüneburg unter dem Gelächter seiner Zuhörer: „Also die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein […], Sie sehn, das ist humoristisch erhoben, nicht wahr“.[136] „Reichskristallnacht“ war jedoch kein staatliches Propagandawort. Wahrscheinlich prägte derBerliner Volksmund die WortschöpfungKristallnacht angesichts der vielen zerbrochenen Fenster und Kristallleuchter der Synagogen und Geschäfte. Der AusdruckReichskristallnacht wandte sich dann gegen die damaligen Machthaber, indem er ihren inflationären Gebrauch der VorsilbeReichs- verspottete. Diese regimekritische Bedeutung ist nicht schriftlich belegt, wurde später aber von Zeitzeugen bestätigt.Adolf Arndt (SPD), der im November 1938 in Berlin als Rechtsanwalt tätig war, sagte in derVerjährungsdebatte des Deutschen Bundestages vom 10. März 1965 zu seinem VorrednerEwald Bucher: „[D]en 8./9. November 1938, den man doch nicht, Herr Bundesjustizminister, als ‚sogenannte Reichskristallnacht‘ bezeichnen sollte. Das ist ein blutiger Berliner Witz gewesen, weil man sich damals nicht anders zu helfen wusste.“[137]
Die Zeitungen der Exil-SPD und der Untergrund-KPD nannten die Ereignisse „Judenpogrome“. Täter der SA und HJ sprachen wie bei denRöhm-Morden von einer „Nacht der langen Messer“.[138] Diesen Ausdruck hörten Opfer als Gerücht über eine ihnen bevorstehende Racheaktion schon im Vorfeld. Die Dienststellen des NS-Regimes und die vom Reichspropagandaministerium gelenkten Medien benutzten Propagandaausdrücke wie „Judenaktion“, „Novemberaktion“, „Vergeltungsaktion“ oder „Sonderaktion“. Die angeordneten Versammlungen des Folgetages nannten sie „antijüdische Demonstrationen“ oder „gerechte Vergeltungskundgebungen“.
Bezeichnungen nach 1945
In Texten der ersten Nachkriegsjahre finden sich Ausdrücke wie „Judennacht“, „Kristallnacht“, „Novemberpogrom“, „Novembernacht“, „Pogromnacht“, „Tag der (deutschen) Scherbe“, „Reichsscherbenwoche“, „Reichskristalltag“, „(Reichs-)Kristallwoche“, „Reichstrümmertag“, „Synagogenbrand“, „Synagogensturm“, „Synagogenstürmernacht“, „Verfolgungswoche“.
In der DDR wurden die Ereignisse in der Regel „faschistische Pogromnacht“ genannt. In der Bundesrepublik setzten sich „Kristallnacht“ (Brockhaus 1952) und „Reichskristallnacht“ durch. Diese werden bis heute sowohl umgangssprachlich als auch lexikalisch verwendet, auch in anderen Ländern und unter Historikern, jedoch meist mit kritischer Distanz, angedeutet durch Anführungszeichen.
Da der Ausdruck widersprüchliche Mitbedeutungen anklingen lässt, die nur Kenner seiner Entstehung verstehen, stieß er schon früh besonders bei den Opfernachfahren auf Kritik und Ablehnung. So befürchtete die „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ am zehnten Jahrestag 1948:[139]
„Ehe es soweit ist, dass sich dieses falsche Wort im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebürgert hat, dass es nicht mehr wegzubringen ist, möchten wir darauf hinweisen, welche Entstellung mit der Benutzung dieses Wortes verbunden ist. Das Wort ‚Kristallnacht‘ ist nicht von den früher Verfolgten erdacht und in den Sprachgebrauch gebracht worden.“
Dennoch wurde der Ausdruck öffentlich und fachlich üblich, weil er die unausgesprochenen Widersprüche griffig zusammenfasste:
„Reichs-“ als Hinweis auf das propagandistisch bemäntelte Regierungsverbrechen, das alle Bürger einbezog,
„Kristall-“ als ironische Beschönigung für die Zerstörung von menschlichem Glück, Leben, Eigentum, Miteinander,
„Nacht“ alsMetapher für die politische Finsternis, die sich bis 1945 fortsetzte und ins Ungeheure steigerte.
1982 parallelisierte die RockbandBAP in ihrem RocksongKristallnaach die Novemberpogrome mit problematischen Aspekten der Gegenwart und erhob sie so „zu einer Metapher für jede Art von unmenschlichem Verhalten“. Damit trug sie zu einerHistorisierung des Nationalsozialismus bei und verkürzte die Ursachen der Pogrome im Sinne eines unterkomplexenAntikapitalismus.[140]
Seit 1988 intensivierte sich die Bezeichnungsdebatte. Entstehung und regimekritischer Sinn des AusdrucksReichskristallnacht geriet weithin in Vergessenheit. Er wirkte nur noch zynisch gegenüber den Opfern und Überlebenden, als wären damals nur Fensterscheiben zu Bruch gegangen. So verlangte etwaAvraham Barkai 1988, die Bezeichnung müsse aus der Geschichtsschreibung verschwinden, weil sie böswillig-verharmlosend sei und Assoziationen an ein Fest erwecke.[141]
Heutige Bezeichnungen
Heute wird die BezeichnungKristallnacht als euphemistisch empfunden. Die Alternativbegriffe sind laut dem Germanisten Ole Löding aber ebenfalls problematisch.[142] Die seit der Mitte der 1980er Jahre von Politik und Medien öfter verwendete BezeichnungReichspogromnacht fördert Kritikern zufolge die notwendigeVergangenheitsbewältigung nicht, sondern täuscht sie eher als erledigt vor. Dass die Umbenennung nur im deutschen Sprachraum stattfand, könne den Austausch mit anderssprachiger Forschung und ausländischer Literatur erschweren. Die Bezeichnung als „Pogrom“ stellt die Aktionen lokalen und regionalen Massakern an Juden seit dem Mittelalter an die Seite, erfasst aber nicht ihre Organisation durch eine Staatsregierung für ein ganzes Staatsgebiet, die eine landesweite Enteignungs-, Deportations- und Vernichtungspolitik einleitete. Dies kann dazu beitragen, den Holocaust zu verharmlosen.[143] Zudem undifferenziert auf dasReich abhebe, als ob es vommittelalterlichenHeiligen Römischen Reich bis zumDritten Reich eine Kontinuität gäbe. Immerhin deute er mit dem metaphorischen WortbestandteilNacht die Verdunkelung von Menschlichkeit und Vernunft an.[142] Zudem stellt die VorsilbeReichs-, die sich in zahlreichen Wendungen der Zeit finde, nach Wolfgang Benz „eine nachträgliche Referenz an die Sprache des Unmenschen“ dar. Die BezeichnungReichspogromnacht sei unhistorisch und verhöhne unbeabsichtigt die Opfer.[144]
Einige neuere historische Untersuchungen bevorzugen deshalb die BezeichnungNovemberpogrom(e). Sie soll emotionale Assoziationen vermeiden und so einen sachlichen Rückblick auf das Geschehen fördern. Monatsangabe und Plural deuten die längere Dauer der Ausschreitungen und der folgenden KZ-Inhaftierungen an. Sie gilt als die am wenigsten problematische Bezeichnung.[142] Gleichwohl wirdReichskristallnacht weiterhin gebraucht. Der PolitologeHarald Schmid wies auf dieDialektik des Begriffs hin: Er sei einerseits als internationales Fachwort für Historiker unaufgebbar, andererseits verbiete sich eine distanzlose Übernahme wegen der komplexen Mitbedeutungen. Schmid folgerte daraus:
„Doch das Wort bleibt auch ein nützlicher sprachlicher Stolperstein. Denn die scheinbar bloß etymologische und semantische Kontroverse führt geradewegs zum Gespräch über die ganze NS-Vergangenheit, den kritischen Umgang mit ihr und das Bemühen um moralische Genauigkeit – auch in der heutigen Benennung politischer Verbrechen.“[139]
Kommunales Gedenken
Mahnmal für die Opfer der „Reichskristallnacht“ inBremen (1982 in Nähe der damals zerstörten Synagoge errichtet)Gedenkplatte inWittmundDenkmal der Kristallnacht inGöttingen, Werk des KünstlersCorrado Cagli, geschaffen durch die Komposition von Hunderten von Davidsternen, die zusammen fast die Form einer Flamme annehmen. Sie wurde von 1970 bis 1973 an der Stelle der in der tragischen Nacht zerstörten Synagoge errichtet.
Besonders in einigen deutschen und österreichischen Städten, in denen bis 1938 eine intakte Synagoge stand, wird jährlich am 9. November der Pogrome gedacht. Die Form dieser Erinnerung hat sich seit 1945 erheblich gewandelt.
Seit 1963 wurde der 9. November in den meisten betroffenen Orten regelmäßig als Gedenktag an die „Kristallnacht“ unter dem Motto „Als die Synagogen brannten“ begangen. Im Vordergrund standen dabei die Gewalt und Zerstörung einer einzigen Nacht, während die folgende Deportation in KZs, „Arisierung“ und die Rolle der Zuschauer vielfach kaum bedacht wurden. Bis 1973 ging die Zahl dieser Gedenkveranstaltungen und die Teilnahme daran zurück. Aktuelle politische Ereignisse wie die Studentenbewegung, derYom-Kippur-Krieg oder der 50. Jahrestag des Hitler-Ludendorff-Putsches überschatteten das Datum.
Zum 40. Jahrestag 1978 gewann das Gedenken an die Novemberpogrome ungeahnte Popularität. Gegenüber 1973 verzehnfachte sich die Anzahl der Gedenkveranstaltungen. Die spezifisch jüdische Verfolgungsgeschichte wurde nun erheblich differenzierter wahrgenommen, erforscht und gewürdigt. Der Begriff „Reichskristallnacht“ wurde kritisch hinterfragt und die historische Einordnung der Novemberpogrome als Beginn der „Endlösung“ oder Etappe auf dem Weg dorthin erörtert. Auch die Haltung des damaligen Publikums als Komplizen oder schweigende Zuschauer wurde vermehrt diskutiert.
Trotz desEklats im Bundestag 1988 fand das Datum seinen festen Platz in der kommunalen und regionalen Erinnerungskultur. Oft wird es nicht nur als Rückblick, sondern als Tag desAntirassismus begangen, bei dem aktuelle Friedenspolitik, Rechtsextremismus oder Asylpolitik thematisiert werden. Seit einigen Jahren wird auch die spezifische Lokalgeschichte genauer untersucht und in das Gedenken einbezogen: etwa indem sämtliche Namen der jeweils vor Ort ermordeten, deportierten, vertriebenen und geschädigten jüdischen Personen verlesen werden und Überlebende oder Augenzeugen ihre persönliche Geschichte erzählen.
Kirchliches Gedenken
Seit der Perikopenrevision ist derTag des Gedenkens an die Novemberpogrome am 9. November Teil des Kirchenjahres derEvangelischen Kirche in Deutschland, mit folgenden liturgischen Elementen:
liturgische Farbe: violett
Spruch des Tages: „Wer weiß, Gutes zu tun, und tut’s nicht, dem ist’s Sünde.“ (Jak 4,17 LUT)
DasWiener Volkstheater stellt seit 1993 jährlich eine Bühne für Berichte von Zeitzeugen der Novemberpogrome zur Verfügung.[146] In München wirken Vertreter jüdischer Gemeinden und die BürgerinitiativeGegen Vergessen – Für Demokratie bei den Gedenkfeiern zusammen. In Innsbruck wurde 1997 einPogromdenkmal errichtet, initiiert von Jugendlichen und entworfen von einem Schüler.
Seit 1978 hat der 9. November auch auf Bundesebene den ihm gebührenden Rang als festes Erinnerungsdatum eingenommen. Ein gemeinsamer Vorstoß desZentralrats der Juden, derGewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und derKultusministerkonferenz löste damals zahlreiche Schulveranstaltungen aus. Aktionswochen und Schweigemärsche gegenNeonazismus fanden starken Zuspruch. Alle Landesregierungen und BundespräsidentWalter Scheel beteiligten sich mit eigenen Gedenkveranstaltungen.
Der fünfzigste Jahrestag 1988 geriet jedoch zum Skandal: Bei der zentralen Gedenkfeier des Bundestages durften Repräsentanten der jüdischen Opfergruppe nur am Rande mitwirken.Heinz Galinski sollte dort nicht sprechen, weil er zuvor in derVolkskammer der DDR aufgetreten war. DieRede des BundestagspräsidentenPhilipp Jenninger wirkte in Teilen wie eine Entschuldigung der Mitläufer des Nationalsozialismus.
1990 war der 9. November zeitweise auch als deutscherNationalfeiertag im Gespräch. Wegen desMauerfalls von 1989 stand das Datum für den entscheidenden Durchbruch zur Wiedervereinigung. Es hätte zudem einen Bezug zu einigen historischen Ursachen der Novemberpogrome hergestellt: zurNovemberrevolution von 1918 sowie zum Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923. Darin sah eine Minderheit derBundestagsabgeordneten eine Chance zu einer gesamtdeutschen Identität, welche die Freude über die Wiedervereinigung bewusst mit der Erinnerung an den Wendepunkt zum Holocaust als tiefster Schattenseite der deutschen Geschichte verbindet.
„Die Erinnerung darf nie enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form der Erinnerung zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“[147]
Für viele Gruppen und Personen, die sich mit den Folgen des Antisemitismus auseinandersetzen, wirkt der 27. Januar in der Bevölkerung bisher nicht ausreichend als Anstoß zum nationalen Gedenken der NS-Zeit. Darunter sind der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz und der Arbeitskreis „Israel und Kirche“ in derEKD:
„Der 9. November ist durch keinen anderen Gedenktag zu ersetzen. Am 27. Januar, dem staatlichen Gedenktag, wird aller Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedacht. Das Gedenken der schuldig Gewordenen und ihrer Nachkommen unterscheidet sich vom Gedenken der Opfer und ihrer Nachkommen. Es muss Gewissen treffendes Gedenken sein, sonst droht die Gefahr, der eigenen Geschichte auszuweichen, indem man sich unberechtigt auf die Seite der Opfer stellt.“[148]
Historische Einordnung
Die Pogromnacht wird heute als aktionistische Radikalisierung der auch von der Parteibasis vorangetriebenen Judenvertreibung (Dieter Obst), als deren teils organisierte, teils improvisierte staatliche Zentralisierung (Rita Thalmann) oder als gezielter umfassender Angriff des Regimes auf die noch vorhandenen moralisch-ethischen Grundlagen und Reste eines rechtsstaatlichen Bewusstseins der Deutschen (Jörg Wollenberg) interpretiert.
Aus der Chronologie der Ereignisse wird in der Forschungsliteratur geschlossen, dass die Pogrome nicht auf längerfristige Planungen zurückgingen, sondern erst nach dem Attentat auf vom Rath (Uwe Dietrich Adam) bzw. nach dessen Ableben (Alan E. Steinweis) von Goebbels und Hitler kurzfristig beschlossen wurden. Bislang hatte er die radikalen Antisemiten in der NSDAP immer gebremst, doch nach den Erfolgen seines Regimes glaubte er, keine außenpolitischen Rücksichten mehr nehmen zu müssen.[149]Peter Longerich sieht in den Pressemeldungen des 7. November einen Hinweis darauf, dass man bereits zu diesem Zeitpunkt entschlossen war, das Attentat für eine massive antisemitische Kampagne auszunutzen – anders als zwei Jahre zuvor das Attentat auf Wilhelm Gustloff. Auch auf das Ziel dieser Kampagne gebe die Formulierung einen Hinweis: Es ging um die völlige Verdrängung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben.[150]
Lange war unter Historikern unklar, welche Rolle Hitler bei der Auslösung der Pogrome gespielt hatte. Der ehemalige SS-Sturmbannführer Luitpold Schallermeier sagte nach dem Krieg aus, Hitler habe ihm am 10. November erklärt, die SS solle sich „aus dieser Aktion heraushalten […] Als ich den Führer fragte, hatte ich den Eindruck, dass er von den Vorgängen nichts wusste.“[151] Aus diesen und anderen, widersprüchlichen Quellen wurde geschlossen, dass die Pogrome auf Goebbels und dieReichspropagandaleitung zurückgingen, Hitler sei an der Entscheidungsfindung unbeteiligt gewesen. Dabei spielten auch apologetische Motive eine Rolle. Aus Goebbels’ Tagebucheinträgen geht aber hervor, dass durchaus Hitler Bescheid wusste. Die Historikerin Angela Hermann identifiziert ihn als den Hauptverantwortlichen für die Pogrome.[152] Der scheinbar 1924 aufgelöste „Stoßtrupp“ existierte als Traditionsverband weiter. 39 führende Mitglieder waren am 9. November im Alten Münchner Rathaus versammelt und beteiligten sich in vorderster Reihe an den Gewalttaten.[153]
Die Synagogenzerstörung war der Auftakt der systematischen „Arisierung“ und der Vertreibung der Juden aus Deutschland. Die Frage, welche Rolle sie im Prozess der Radikalisierung der nationalsozialistischen Judenpolitik bis hin zum Holocaust spielte, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Der HistorikerHans-Jürgen Döscher sieht in der Besprechung im Reichsluftfahrtministerium vom 12. November „den Übergang von der Verfolgung zur existentiellen Vernichtung der Juden in Deutschland“.[154] Der deutsch-amerikanische HistorikerPeter Loewenberg sieht in den Geschehnissen ein „öffentlichesDemütigungsritual“: Es sei dem Regime um einen Test gegangen, wie weit die Bevölkerung antisemitische Gewalt dulden oder unterstützen würde. Insofern sei die Kristallnacht eine „Vorbereitung fürEntmenschlichung und Mord“ gewesen.[155] Wolfgang Benz urteilt: „Der Holocaust begann im November 1938“.[156] Auch der HistorikerHans Mommsen sieht mit der „Reichskristallnacht“ einen „Rubikon überschritten“: Die Juden seien von da anvogelfrei gewesen, ein „‚sanitäres Problem‘ […], das zu lösen sich Gestapo und SD anschickten“.[157]
Dem widerspricht der HistorikerFrank Bajohr: Zwischen dem Novemberpogrom und dem Holocaust habe es „keine ungebrochene Kontinuitätslinie“ gegeben.[158]Heinrich August Winkler betont, es sei den Nationalsozialisten 1938 noch darum gegangen, „die Juden aus Deutschland herauszubringen“ (so Hitler gegenüber dem polnischen AußenministerJózef Beck am 5. Januar 1939); die Entscheidung zum Mord sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefallen.[159] Nach Henning Köhler war mit dem Pogrom die „Judenfrage“ im nationalsozialistischen Sinne „im Grunde gelöst“: Es blieb nur ein kleiner, sozial und ökonomisch marginalisierter und zudem überalterter Teil der deutschen Judenheit im Land, der in der Öffentlichkeit kaum noch in Erscheinung trat: „Ohne Krieg hätte sich das Problem durch weitere Auswanderung und den Tod der Alten erledigt.“[160] Der amerikanische HistorikerPeter Hayes glaubt dagegen, 1938 sei dem Regime klargeworden, „dass das Reich die Juden nicht schneller vertreiben konnte, als es sie zu erobern plante“. Diese Erkenntnis habe zur Beschleunigung der Judenverfolgung und zum Übergang zu offener Gewalt beigetragen.[161]
Wolf Gruner, Steven J. Ross (Hrsg.):New Perspectives on Kristallnacht: After 80 Years, the Nazi Pogrom in Global Comparison. Purdue University Press, West Lafayette 2019,ISBN 978-1-55753-870-3.
Wolfgang Benz:Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“. Initial zum Holocaust. Metropol, Berlin 2018,ISBN 978-3-86331-421-7.
Martin Gilbert:Kristallnacht: Prelude to Destruction. Harper Perennial, London 2007.
Thorsten Eitz:Reichskristallnacht. In: Georg Stötzel, Thorsten Eitz:Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Schlüsselwörter und Orientierungsvokabeln Georg Olms, Hildesheim / Zürich / New York 2003,ISBN 3-487-11759-2.
Max Eschelbacher:Der zehnte November 1938. Klartext, Essen 2001,ISBN 3-88474-724-X.
Dieter Obst:„Reichskristallnacht“. Ursachen und Verlauf des antisemitischen Pogroms vom November 1938. Peter Lang, Frankfurt am Main 1991,ISBN 3-631-43481-2.
Rita Thalmann, Emanuel Feinermann:Die Kristallnacht. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1999,ISBN 3-434-46211-2. (Erstausgabe Athenäum, Berlin 1988. - Originalausgabe auf Französisch, Paris 1972. - Interessant insbesondere die Darstellung des Gryszpan-Attentates.)
Hermann Graml:Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich (=Deutsche Geschichte der neuesten Zeit; dtv Band 4519). Deutscher Taschenbuchverlag, München 1988,ISBN 3-423-04519-1.
Alexander Korb:Reaktionen der deutschen Bevölkerung auf die Novemberpogrome im Spiegel amtlicher Berichte. VDM, Saarbrücken 2007,ISBN 978-3-8364-4823-9.
Günter Brakelmann:Kirche und Judenpogrom 1938. In:Evangelische Kirche und Judenverfolgung. Drei Einblicke. Hartmut Spenner, Waltrop 2001,ISBN 3-933688-53-1.
Hermann Graml:Effekte der „Reichskristallnacht“ auf die britische und amerikanische Deutschlandpolitik. In:Zeitschrift für Geschichtsunterricht. Band 46, 1998, S. 992–996.
Zur Erinnerung und Bewältigung nach 1945
Harald Schmid:„Als die Synagogen brannten“. Narrative des Gedenkens der Novemberpogrome. In:Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Band 61, 2013, S. 11, S. 888–905.
Harald Schmid:Antifaschismus und Judenverfolgung. Die „Reichskristallnacht“ als politischer Gedenktag in der DDR. V&R unipress, Göttingen 2004,ISBN 3-89971-146-7.
Harald Schmid:Erinnern an den „Tag der Schuld“. Das Novemberpogrom 1938 in der deutschen Geschichtspolitik. Ergebnisse, Hamburg 2001,ISBN 3-87916-062-7.
Micha Brumlik,Petra Kunik (Hrsg.):Reichspogromnacht. Vergangenheitsbewältigung aus jüdischer Sicht. 2. Auflage. Brandes + Apsel, Frankfurt am Main 1988,ISBN 3-925798-92-7.
Ortsgeschichten und Erfahrungsberichte
Heike Drummer:„In memoriam – 9. November 1938!“ Pogrome in Frankfurt. Erinnern. Überlieferung. In: Christian Wiese u. a. (Hrsg.):Das jüdische Frankfurt. Zerstörung und fragiler Neuanfang, 1933-1990, B. 3. De Gruyter Oldenbourg, Köln 2024.
Sven Felix Kellerhoff:Ein ganz normales Pogrom: November 1938 in einem deutschen Dorf. Klett-Cotta, Stuttgart 2018,ISBN 978-3-608-98104-9. (Arbeit über die Pogrome 1938 in dem rheinhessischen DorfGuntersblum. Das Besondere ist u. a., dass es zu den Pogromhandlungen einige Fotos gibt, bei denen Dorfbewohner, die sich beteiligten, erkennbar sind.[162])
Ben Barkow,Raphael Gross, Michael Lenarz (Hrsg.):Novemberpogrom 1938: Die Augenzeugenberichte der Wiener Library, London. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008,ISBN 978-3-633-54233-8.
Hans-Dieter Arntz:„Reichskristallnacht“. Der Novemberpogrom 1938 auf dem Lande – Gerichtsakten und Zeugenaussagen am Beispiel der Eifel und Voreifel. Helios, Aachen 2008,ISBN 978-3-938208-69-4.
Konrad Heiden:Eine Nacht im November 1938. Ein zeitgenössischer Bericht. Hrsg.Markus Roth u. a. Wallstein, Göttingen 2013,ISBN 978-3-8353-1349-1. (Auf Englisch Anfang 1939 unter dem Titel,The new inquisition veröffentlicht und auch auf Französisch.)
NaziCrimesAtlas: Maschinenlesbare digitale Datensammlung mit rund 3000 Datensätzen zu Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit den Novemberpogromen 1938, mit Verweisen auf archivalische Fundstellen.
↑Nadine Deusing:Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Judenverfolgungen in der Reichspogromnacht. In:Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 10. (2008), S. 77–106, das Zitat S. 77.
↑Alan E. Steinweis:Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009.
↑Emmanuel Feinermann, Rita Thalmann:Die Kristallnacht. Athenäum, Frankfurt am Main 1999, S. 13.
↑Alan E. Steinweis:Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009,ISBN 978-0-674-03623-9, S. 12.
↑Hans Mommsen:Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, S. 88.
↑Hans-Jürgen Döscher:„Reichskristallnacht“. Die Novemberpogrome 1938. Ullstein, Berlin 2000, S. 20.
↑Emmanuel Feinermann, Rita Thalmann:Die Kristallnacht. Athenäum, Frankfurt am Main 1999, S. 15.
↑Axel Drecoll:Der Fiskus als Verfolger. Die steuerliche Diskriminierung der Juden in Bayern 1933–1941/42. Oldenbourg, München 2009, S. 46.
↑Helmut Genschel:Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich. Göttingen 1966, S. 144.
↑Auch zum Folgenden Alan E. Steinweis:Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009, S. 12–15.
↑Helmut Genschel:Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich. S. 160 ff.
↑Hans Mommsen:Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, S. 91 f.
↑Joseph Goebbels:Tagebücher 1924–1945. Band 3: 1935–1939. Hrsg. v.Ralf Georg Reuth. Piper, München 1999, S. 122.
↑Michael Wildt:Einleitung. In: derselbe (Hrsg.):Die Judenpolitik des SD 1935 bis 1938. Eine Dokumentation. Oldenbourg, München 1995, S. 55 ff.; Hans Mommsen:Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, S. 92 f.
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↑Peter Longerich:Politik der Vernichtung: eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Piper, München 1998,ISBN 3-492-03755-0, S. 197; beruft sich auf Sybil Milton:The Expulsion of Polish Jews from Germany October 1938 to July 1939. A Documentation. In:Leo Baeck Institute Year Book. Band 29, 1984, S. 169–199.
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↑Günter Brakelmann:Evangelische Kirche und Judenverfolgung. Drei Einblicke. Waltrop 2001, S. 45f., sowie Jörg Osterloh:Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945. Oldenbourg, München 2006, S. 205. Der Leitartikel findet sichim Faksimile (PDF; 6,8 MB) auf einer Seite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.
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↑Wo die Synagogen schon zwei Tage früher brannten.Glaube und Heimat vom 9. November 2025, S. 5.
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↑Joseph Goebbels:Tagebücher 1924–1945. Band 3: 1935–1939. Hrsg. v. Ralf Georg Reuth. Piper, München 1999, S. 1281, zitiert bei Angela Hermann:Hitler und sein Stoßtrupp in der „Reichskristallnacht“. In:Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 56, Heft 4, 2008,ISSN0042-5702, S. 603–620, hier S. 608 (online, Zugriff am 16. Oktober 2020).
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↑Erinnerungsgang Zur Erinnerung und Mahnung initiierten Oldenburger Bürger 1982 einen Nachvollzug dieses Deportationsgangs als Schweigegang. Dieser Erinnerungsgang wird seitdem jährlich am 10. November von mehreren Hundert bis zu mehreren Tausend Oldenburgern begangen.
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↑Hans Mommsen:Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Wallstein, Göttingen 2014, S. 96 ff.
↑“the readiness of tens of thousands of Germans to commit violence against their Jewish neighbors”. Alan E. Steinweis:Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009, S. 55 (hier das Zitat) und 60 f.
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↑Helmut Genschel:Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich. S. 182.
↑Zitiert bei Alan E. Steinweis:Kristallnacht 1938. Harvard University Press, Cambridge 2009, S. 104.
↑Wolfgang Benz:Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“. Initital zum Holocaust. Metropol, Berlin 2018, S. 82.
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↑Wolfgang Benz:Gewalt im November 1938. Die „Reichskristallnacht“. Initital zum Holocaust. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Bonn 2018,ISBN 978-3-7425-0341-1, S. 90.
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↑Heinrich August Winkler:Der lange Weg nach Westen, Bd. 2:Vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung. C. H. Beck, München 2000, S. 48 f.
↑Henning Köhler:Deutschland auf dem Weg zu sich selbst. Eine Jahrhundertgeschichte. Hohenheim Verlag, Stuttgart 2002, S. 355 f.
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