
Dienorwegische Sprache umfasst neben den SchriftsprachenBokmål undNynorsk eine Vielzahl vonnorwegischen Dialekten.

Die Dialektgrenzen in Norwegen sind auf unterschiedliche Arten zustande gekommen:[1]
In Norwegen werden Dialekte und Regiolekte häufig in der Öffentlichkeit verwendet.Es gibt in Norwegen zwar zwei offizielle Schreibsprachen (Nynorsk undBokmål), aber keine landesweit normierte Aussprache.Die norwegischen Dialekte haben traditionell eine starke Stellung; so verwenden durchaus auch Politiker und Professoren ihren heimischen Dialekt in der Öffentlichkeit. Allerdings stehen die traditionellen Mundarten heute unter dem Druck großräumiger geltenderRegiolekte. Besonders in Ostnorwegen werden sie von einer bokmålnahen Umgangssprache verdrängt.[2][3][4][5]
Sogenannte Stadtdialekte, denen oft ein geringes Ansehen zugeschrieben wird, breiten sich aufs Land aus. Dies hat sich unter anderem in Untersuchungen in den StädtenStavanger,Bergen undÅlesund gezeigt, wo neue allgemeine Stadtdialekte auf der Basis von alten Unterschichtdialekten (gatespråk „Straßensprache“) entstehen. Diese neuen Stadtsprachen(bymål) werden von größeren Teilen der Bevölkerung und von anderen sozialen Schichten gesprochen als die alten Unterschichtdialekte, und sie verbreiten sich zunehmend in die ländlichen Umgebungen der untersuchten Städte.[1] Auch inOslo verbreitet sich nicht so sehr der „vornehme“ Dialekt aus dem Westen der Stadt, sondern der weniger hoch angesehene Dialekt aus dem Osten der Stadt(vikamålet). Die Sprache in den neuen Vorstädten von Oslo ist im Wesentlichen eine Weiterentwicklung des alten Dialektes aus dem Osten der Stadt.[1]
Eine ähnliche Entwicklung gibt es auch in Dänemark, wo sich die „Straßensprache“ vonKopenhagen unter den jungen Leuten auf derInsel Seeland, auf der Kopenhagen liegt, ausbreitet.[1]
Die norwegischen Dialekte lassen sich anhand von folgenden Eigenarten einteilen:
DieMonophthongierung ist eine Lautentwicklung, bei derDiphthonge zuMonophthongen werden.In den nordgermanischen Sprachen betrifft dies die dreialtnordischen Diphthongeei, au undey.Das altnordischeey ist das Resultat des i-Umlauts vom altnordischenau.
Die nordgermanische Monophthongierung entstand imAltniederdeutschen.Sie erreichte vor dem Jahr 1000 das Altdänische.Sie verbreitete sich weiter über das damals noch dänischeSchonen in andere schwedische und ostnorwegische Dialekte.In Nord-Østerdalen und in der Gegend umRøros fand die Monophthongierung erst im 17. Jahrhundert statt.Auf der InselGotland und imFinnlandschwedischen und in der großen Mehrheit der norwegischen Dialekte hat die Monophthongierung bis heute nicht stattgefunden.[1]
Das Altnordische unterschied zwischenhv, kv undv am Anfang des Wortes.Im Standard-Schwedischen, Standard-Dänischen und in fast allen schwedischen Dialekten isthv zuv geworden.In fast allen norwegischen Dialekten, im Färöischen und im Isländischen isthv zukv geworden.[1]
Beispiele: dänischhvad („was“)[vað], nynorskkva, beides entstanden aus altnordischhvat.
Fast alle norwegischen Dialekte haben einige starke Verben mit Vokalwechsel.Viele norwegischen Stadtdialekte und die Dialekte im Großraum Oslo haben diesen Vokalwechsel nicht, Schwedisch und Dänisch (und all ihre Dialekte) ebenfalls nicht.[1]
Das Rachen-R[ʁ] (norwegischskarre-r) ist ein Dialektkennzeichen von Sørland, südlichem Vestland, Dänemark und Südschweden (südlich der LinieGöteborg –Kalmar).Die übrigen Gegenden haben Zungenspitzen-R.
Dieser Laut kommt möglicherweise aus Paris und hat sich von dort aus verbreitet.Um 1780 war er bis nach Kopenhagen gekommen und um 1800 bis nachBergen undKristiansand.Von diesen Städten aus hat sich der Laut in die ländlichen Gegenden verbreitet.Um 1900 hatten große Teile der Küste vom Sørland bereits das Rachen-R.Dabei verbreitete er sich von größeren Orten zu kleineren und übersprang dabei die noch kleineren Orte, die dazwischen lagen.[1]
Reduktion von Vollvokalen im Auslaut zuSchwa ([ə]) oder zu[æ] kommt in unterschiedlichem Ausmaß vor. So kennt Südwestnorwegen durchgehend die Infinitiv-Endung auf-a, z. B.å vera („sein“),å kasta („werfen“), Ostnorwegen hingegen kennt sie nur noch bei Verben mit sog. leichtem Stamm, z. B.å vera („sein“), aberå kaste („werfen“).[1]
Weiche, also stimmhafte Konsonanten, wo die Schriftsprache stimmlose hat.Hierbei geht es umb, d undg nach Vokalen in Wörtern wieskip[ʃiːp],bløt[bløːt] undbok[buːk] („Schiff“, „weich“, „Buch“).Diese Wörter würden dann in etwaskib[ʃiːb],blød[bløːd] undbog[buːg] ausgesprochen.
Dies ist das Kennzeichen eines südnorwegischen Küstenstreifens zwischenStavanger undArendal.[6] Siehe auchSørlandet.
Gleichgewicht (auf Norwegischjamvekt) bedeutet, dass in bestimmten Wörtern die Betonung gleichmäßig auf die ersten beiden Silben verteilt und damit ein Betonungsgleichgewicht hergestellt wird.
Wörter mit Gleichgewicht gab es früher in den zentralen norwegischen und schwedischen Dialekten. Heute ist die Erscheinung nur noch imGudbrandsdalen (Oppland fylke) lebendig, doch Spuren einstigen Vorkommens sind auch andernorts anzutreffen, besonders in Ostnorwegen (Østland) und im Trøndelag.
Eine deutliche Folge des Gleichgewichtes ist das Auftreten von zwei unterschiedlichenInfinitiv-Endungen: eine bei Infinitiven, die früher ein Gleichgewicht hatten, und eine andere bei Infinitiven, die nie Gleichgewichts hatten.[1] Siehe unten „Infinitiv-Endung“.
In bestimmten Gegenden gibt es bei bestimmten Wortarten einen lautlichen Ausgleich zwischen den Vokalen, auf Norwegischjamning oderjevning genannt.Der Endungsvokal beeinflusst dann in größerem oder geringerem Umfang den Vokal vorher.Dieser lautliche Ausgleich tritt nur bei Wörtern auf, die früher Gleichgewicht hatten.Einen vollständigen Ausgleich zwischen den Vokalen gibt es in zwei Gebieten: das eine umfasst den Osten vonTelemark, das andere IndreTrøndelag, Namdalen und Nord-Østerdalen.Einen unvollständigen Ausgleich gibt es in großen Teilen von Østland und Trøndelag.[1]Beispiele: Das Dialektwortveta („wissen“) wird zuvætta,vatta odervåttå; das Dialektwortviku („die Woche“) wird zuvukku.
Das so genannte „dicke L“ (IPA[ɽ], auf Norwegischtykk l odertjukk l) ist eine Artretroflexes L.SieheStimmhafter retroflexer Flap.Stattretroflex wird auchkakuminal oderzerebral gesagt.
Dieses „dicke L“ ist aus demaltnorwegischenrð und dem altnorwegischenl entstanden.Beispiele: altnorwegischorð („Wort“) undsól („Sonne“), modernes Norwegischord undsol.In Østland, Trøndelag und großen Teilen von Schweden können diese Wörter ein „dickes L“ haben.In Vestland und Nordnorwegen würden sie mitr undl ausgesprochen, z. B.[uːʁ] und[suːl].[1]
Dort, wo es das „dicke L“ gibt, treten auchretroflexe Konsonanten auf.Das „dicke L“[ɽ] verschmilzt dann mit einem folgendenl, d, t, r odern zu einem retroflexen Konsonanten[ɭ],[ɖ],[ʈ],[ɽ] bzw.[ɳ].Beispiel:måltid („Mahlzeit“) mit retroflexem Konsonant[moːʈiː], ohne retroflexen Konsonant[moːltiː].[1]
Im modernen Norwegisch, Schwedisch und Dänisch muss ein Satz einSubjekt haben.In bestimmten Arten von Sätzen gibt es darum ein formales Subjekt.In den folgenden Beispielen sinddet undder das formale Subjekt.Die deutschen Übersetzungen haben ebenfalls formale Subjekte an dieser Stelle, nämliches.
Beispiele:
Schwedisch, Ostnorwegisch undTrøndersk haben in solchen Sätzendet („es“, „das“) als formales Subjekt.ImVestland,Sørland, im Westen vonTelemark und im größten Teil von Nordnorwegen haben solche Sätzeder („da“), manchmalher („hier“).[1]
Einsyntaktischer Unterschied zwischen Dialekten ist die Reihenfolge von direktemObjekt (dO) und Verbpartikel (Part) bei Verbalgruppen (unechten zusammengesetzten Verben).Trøndelag und die östlichen Teile vom Østlandet haben hier erst den Verbalpartikel und dann das direkte Objekt.In diesen Dialekten werden Verb und Partikel oft zur Tonemgruppe.Das heißt, dass sie wie ein einziges mehrsilbiges Wort ausgesprochen werden, der Partikel wird also angehängt (enklitisch).Die Betonung liegt dann auf der ersten Silbe, und zwar mit Akzent 2.[1]
| S | V | dO | Part | dO | |
| Dänisch: | De | tog | den | ind | |
| De | tog | cykelen | ind | ||
| Schwedisch: | De | tog | in | den | |
| De | tog | in | cykeln | ||
| Ostnorwegisch: | Dem | tok | inn | den | |
| Dem | tok | inn | sykkelen | ||
| Standardnorwegisch (nynorsk): | Dei | tok | han | inn | |
| Dei | tok | inn | sykkelen | ||
| Standardnorwegisch (bokmål): | De | tok | den | inn | |
| De | tok | inn | sykkelen |
S = Subjekt; V = Verb; dO = direktes Objekt; Part = Partikel
Die Sätze in der Übersicht bedeuten:
Weich odermouilliert bedeutet hier, dassll odernn (wie infjell bzw.mann) eine palatale Aussprache haben, also in etwa wielj undnj ausgesprochen werden.Siehe auchStimmhafter palataler Nasal undStimmhafter lateraler palataler Approximant.
Diese beiden weichen Konsonanten sind Kennzeichen von nördlichen Gebieten (Opplandsk, nördliches Midtlandsk, Nordvestlandsk und die Gebiete weiter nördlich).[6]
DieApokope ist eine sprachliche Veränderung, bei der der Endungsvokal am Ende des Wortes wegfällt.Beispiel:han[haːn] statthane[haːnə] („Hahn“).Dies kann auch die Infinitiv-Endungen eines Dialektes betreffen.Die Apokope kommt in Nordnorwegen vor: in Nordmøre (Møre og Romsdal fylke), Trøndelag und Teilen vonNordland.[1] Siehe „Infinitiv-Endung“.
Auf Island, auf den Färöern und im Westen Norwegens gibt es die Erscheinung der Differenziation.Dies bedeutet, dass altnordischesrl zudl wird undrn zudn.Altnordischesfn ([vn]) wird zubn.Der lautliche Unterschied (die Differenz) wird also größer.Die norwegischen Gebiete, in denen diese Erscheinung vorkommen kann, sindRogaland,Hordaland, Midtre Sogn, Indre Sogn, Hallingdal undValdres.Allerdings sind die Details dieser Differenziation in den oben genannten Sprachen und Dialekten recht unterschiedlich.[1]
Beispiele:
Eine ähnliche Erscheinung ist die Segmentation.Dies bedeutet, dass ein Laut segmentiert, also zerteilt wird.Hier geht es um die altnordischen langen Konsonantenll undnn wie inkalla („rufen“) undfinna („finden“).Diese Laute werden typischerweise zudl bzw.dn.Diese Erscheinung kommt im Isländischen, Färöischen und im südlichenVestland vor.[1]
Beispiele:
Diphthongierung ist eine lautliche Entwicklung, bei der ein Monophthong zu einemDiphthong wird.Diese Entwicklung gab es in mehreren Teilen des nordischen Sprachgebietes: Island, Färöer, in Teilen von Westnorwegen, Jütland, Südschweden (südlich der LinieGöteborg –Kalmar),Gotland und in einigen anderen schwedischen Gegenden.Die Diphthongierung betrifft die altnordischen Langvokaleá, é, í, ó undú.[1]
Beispiele:
In West- und Südnorwegen gibt es eine einheitliche Infinitiv-Endung, z. B. auf-a oder auf-e, alsoå kasta oderå kaste („werfen“).In Nordnorwegen kann diese Endung auch ganz fehlen, alsoå kast statt z. B.å kasta.
In den übrigen Landesteilen gibt es zwei unterschiedliche Infinitiv-Endungen (kløyvd infinitiv, „geteilter Infinitiv“).Dort ist die Endung von der im Altnordischen gültigen Quantität des Stammvokalismus abhängig: War dieser lang, so hat das Verb heute Endung [ə], war er kurz, hat das Verb heute Endung [a]. Altnordische Kürzen wurden in späterer Zeit in offener Silbe gedehnt, doch diese heutige Vokalquantität hat keinen Einfluss auf die Endung gewonnen.Beispiel: altnordischbíta („beißen“) wird zubite ([biːtə]) mit [ə], aber altnordischvita („wissen“) wird zuveta ([veːta]) mit [a].[6]
In den nordgermanischen Sprachen wird der bestimmteArtikel in der Regel an dasSubstantiv angehängt.So lautet der unbestimmte weibliche Artikel in Nynorskei und in Bokmålei oderen, z. B.ei bok oderen bok („ein Buch“).Der bestimmte weibliche Artikel lautet-a, in Bokmål auch-en, z. B.boka oderboken („das Buch“).
Schwache Feminina sind weibliche Substantive mit einere-Endung in den Schriftsprachen, z. B.jente („Mädchen“),kvinne („Frau“) usw.Starke Feminina sind weibliche Substantive ohne diesee-Endung, z. B.bok („Buch“),sol („Sonne“),bru („Brücke“) usw.
In den meisten Landesteilen zeitigt dies aber keinen Einfluss auf den Artikel; hier kommen häufiga-ähnliche Endungen vor wieboka undsola,jenta undkvinna usw. Mundarten, die einen Unterschied machen, kennen einen zusätzlichen Artikel; hier heißt es etwakvinna, abersoli.[6]
Die Einteilung der Dialekte ist stark davon abhängig, welche Spracheigenschaften man für wichtig hält.Daher gibt es bei der Gliederung von Dialekten häufig mehrere Möglichkeiten.
Eine häufig gemachte Einteilung benutzt die drei Kriterien Gleichgewicht, Apokope und Reduktion.
Ein weiteres Kriterium ist das geteilte Femininum, also ist die Unterscheidung zwischen zwei Endungen bei weiblichen bestimmten Substantiven (siehe oben).
Diese Einteilung sieht so aus:[1]
Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Anzahl der Infinitiv-Endungen, das „dicke L“ und den bestimmten femininen Artikel als Kriterium zu verwenden. Dann sieht die Einteilung der norwegischen Dialekte so aus:[6]
a) Westnorwegisch (Vestnorsk)
b) Ostnorwegisch (Østnorsk/Austnorsk)
c) Nordnorwegisch (Nordnorsk), nördlich von Trøndelag
Auch in der altnorwegischen Sprache gab es bereits Dialektunterschiede. Diese Dialektunterschiede zeigen sich teilweise in den alten Handschriften. Allerdings sind diese Handschriften keine reinen Dialekttexte, weil es schon damals gewisse Schreibtraditionen gab, an die sich die Schreiber teilweise hielten.[7]
Für das 13. Jahrhundert gibt es eine Gliederung, die im Wesentlichen den Gliederungen der heutigen norwegischen Dialekten ähnlich ist. Man unterscheidet für das 13. Jahrhundert zwischen einem westlichen und einem östlichen Hauptdialekt. Die Grenze war das Hochgebirge in Zentralnorwegen, die Langfjella. Der westliche Hauptdialekt hatte die meisten Eigenschaften gemeinsam mit demAltisländischen, da die isländischen Siedler überwiegend aus dem südlichen Westnorwegen kamen. Der östliche Hauptdialekt teilte viele Eigenschaften mit dem Altdänischen und dem Altschwedischen. Das westliche Altnorwegisch wird weiter unterteilt in Nordvestlandsk (nördliches Westnorwegisch) und Sørvestlandsk (südliches Westnorwegisch). Das östliche Altnorwegisch wird in Trøndsk und Østlandsk unterteilt.[7]
Es ist nicht bekannt, welche sprachlichen Besonderheiten in dieser Zeit das Nordnorwegische hatte, also die Sprache nördlich von Namdal (im nördlichen Trøndelag). Aus diesem Teil gibt es zu wenig alte Texte.[7]
Die norwegische Dialektologie hat ihre Wurzeln im 17. und 18. Jahrhundert. Damals erschienen mehrere Glossare mit norwegischen Wörtern. So wurden beispielsweise 1697 die norwegischen Pfarrer dazu aufgefordert, Wörtersammlungen aus der Mundart ihrer Kirchgemeinden anzulegen und an die königlich-dänische Kanzlei zu senden.Mathias Moth (1649–1719) arbeitete einen guten Teil davon in sein 60-bändiges dänisches Wörterbuch ein. Das bedeutendste Werk aus der Zeit vor 1800 war eine 4000 Dialektwörter umfassende Handschrift von etwa 1740, die erst 1923 unter dem TitelProfessor Knud Leems Norske Maalsamlingar fraa 1740-aari publiziert wurde.[8]
Die wissenschaftliche Dialektologie begann zur Zeit derNationalromantik, als im seit Jahrhunderten zu Dänemark gehörigen Norwegen spezifisch norwegische Elemente im Kulturleben die Oberhand gewannen. Die nationalromantisch beeinflussten Forscher interessierten sich für die Geschichte ihres Landes, besonders für das „Goldene Zeitalter“ des Landes, also für das, was sie die „große“ und „glorreiche“ Zeit des Landes nannten. Daher fiel ihnen auf, dass die norwegischen Dialekte vom Altnorwegischen abstammten, und nicht von der Schriftsprache. Weil das Altnorwegische die Sprache dieses „Goldenen Zeitalters“ war, erhielten auch die davon abstammenden Dialekte ein größeres Ansehen.[1]
Auch in der Sprachdiskussion in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts spielten die Dialekte eine wichtige Rolle; siehe auchNorwegische Sprache. Allerdings waren die norwegischen Dialekte zu dem Zeitpunkt kaum erforscht, und die dem städtischen Bürgertum angehörenden Sprachwissenschaftler waren in sozialer Hinsicht sehr weit von den Dialektsprechern entfernt. Die erste gründliche wissenschaftliche Beschreibung der norwegischen Dialekte stammt vonIvar Aasen (1813–1896). In den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts reiste er durch große Teile Norwegens und sammelte Sprachproben, die er sowohl in zwei Wörterbüchern (Ordbog over det norske Folkesprog von 1850 undNorsk Ordbog von 1873) als auch in mehreren Dialektgrammatiken (unter anderemDet norske Folkesprogs Grammatik von 1848 undNorsk Grammatik von 1864) publizierte. Überdies interessierte er sich sehr für die sprachhistorischen Zusammenhänge, also für die Abstammung der Dialekte vom Altnorwegischen.[8][1]
Der Zusammenhang der Dialekte mit dem Altnorwegischen führte zwar zu einer neuen Wertschätzung der Dialekte. Er führte aber auch dazu, dass man sich vor allem für die altmodischen und archaischen Merkmale der Sprache interessierte. Neuere Entwicklungen innerhalb eines Dialektes wurden darum gerne ausgeblendet, weil sie nicht „ursprünglich“ genug waren.[1]
Die norwegischen Dialekte dienten auch als Argument in politischen Debatten. Die Existenz von eigenen altehrwürdigen Dialekten sollte ein Beweis dafür sein, dass die Norweger ein eigenes Volk sind, und keineswegs den Dänen oder Schweden zuzuordnen sind.[1] Norwegen war nämlich jahrhundertelang Teil des dänischen Reiches gewesen. 1814 war es in eine Personalunion mit Schweden geraten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs in Norwegen der Widerstand gegen die Personalunion mit Schweden. 1905 wurde sie auf Drängen der Norweger aufgelöst.Siehe auchGeschichte Norwegens.
Die wichtigsten Vertreter der norwegischenJunggrammatiker warenJohan Storm (1836–1920),Marius Hægstad (1850–1927) undAmund B. Larsen (1849–1928). Letzterer gilt als „Altmeister der modernen Dialektologie“. Schon seine Untersuchung der Dialekte in Selbu und im Guldal von 1881 wurde als „erste den neuzeitlichen Forderungen entsprechende, streng wissenschaftliche Arbeit über einen norwegischen Dialekt“ gerühmt. In einer Reihe von Dialektmonographien verglich er nicht allein die Laute der lebenden Mundart mit denjenigen des Altnorwegischen, sondern versuchte auch, die Entwicklung der einzelnen Laute in einer systematischen Darstellung zusammenzufassen, womit er sich dem gegen Ende seines Lebens aufkommendenStrukturalismus annäherte. Modern war auch, dass er nicht nur ländliche Mundarten, sondern auch städtische Dialekte untersuchte und je eine Monographie über die Sprache in Kristiania/Oslo, Bergen und Stavanger publizierte, in denen auch die soziale Seite der Sprache eine wichtige Rolle spielte.[8]
Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erschienen zahlreiche, meist kleinere und oft populärwissenschaftlich ausgerichtete Dialektmonographien, die alle mehr oder minder in junggrammatischer Tradition standen. Einige der besten Arbeiten wurden in die ReihenBidrag til nordisk filologi av studerende ved Kristiania (Oslo) universitet (1914 ff.) undSkrifter frå Norsk Målførearkiv (1952 ff.) aufgenommen. Überdies gilt Norwegen innerhalb des germanischen Gebietes als „das Land mit den am besten erforschten Stadtmundarten“. Wichtigste Publikationsorgane für dialektologische Aufsätze warenMaal og Minne und dieNorsk Tidsskrift for Sprogvidenskab. Das lange Festhalten der norwegischen Dialektologie an den traditionellen Fragestellungen (Lautlehre und Formenlehre) wurde 1948 vonEinar Haugen in einem Aufsatz imJournal of English and Germanic Philology scharf kritisiert.[8]
Die Wortforschung fand in der norwegischen Dialektologie erst spät Eingang.[8] Die beiden bedeutendsten Beiträge sindOskar BandlesStudien zur westnordischen Sprachgeographie. Haustierterminologie im Norwegischen, Isländischen und Färöischen von 1967 und das von 1950 bis 2016 erschienene zwölfbändigeNorsk Ordbok.
Ein Schwerpunkt der gegenwärtigen norwegischen Dialektologie ist der Sprachwandel und der damit verbundene Übergang von lokal basierten zu regionalen Mundarten. Ein landesweit ausgerichtetes Projekt istTEIN – Talemålsendring i Noreg, dessen Resultate unter anderem in der seit 1998 erscheinenden ReiheMålbryting: skrifter frå prosjektet Talemålsendring in Noreg veröffentlicht werden.[9]
Eine Besonderheit der norwegischen Dialektologie ist die gut ausgebaute historische Mundartforschung. Diese zeigt, dass schon in altnorwegischer Zeit zwischen einem tröndischen, einem nordnorwegischen, einem nordwestnorwegischen, einem rygischen und einem „inneren südwestnorwegischen“ Sprachraum unterschieden werden kann.[8]
Wörterbuch: